Rom und die blutige Geschichte der Verfolgung von Schwulen und Lesben

Angriff auf einen Teilnehmer des Rzeszów Equality-Marsches 2018. Bild: Silar/CC BY-SA 4.0

Ohne Befreiung aus der homophoben Angst kann die Weltkirche weder wahrhaftig noch gewaltfrei werden, Kirchenrevolte für die Liebenden (Teil 2)

(Ein Gastbeitrag von Peter Bürger)

In der Begründung zum vatikanischen Verbot des Segens über homosexuell Liebende wurde gezielt am „Fest der Kathedra Petri“ zum tausendsten Mal eine moraltheologische Ideologie reproduziert, die seit Jahrhunderten Grundlage einer blutigen Verfolgung von Lesben und Schwulen ist (siehe Kirchenrevolte für die Liebenden (Teil 1).

In Polen, Afrika, Teilen Amerikas und vielen weiteren Erdregionen ist der römisch-katholische Kirchenkomplex immer noch einer der Hauptakteure in jenen Bewegungen, die von Hass angetriebenen Verfolgern den Rücken stärken und Angst verbreiten.

Der Begründungsteil zum Anti-Segen-Responsum der obersten Glaubensbehörde wird von Theologietreibenden außerhalb der fundamentalistischen Institute nahezu einhellig als inakzeptabel beurteilt. Wenn man die umstrittenen Ausführungen nur ein wenig in Klartext übersetzt, erfüllen sie unter dem Maßstab der bürgerlichen Gesellschaft aber auch den Tatbestand der „Volksverhetzung“.

Hier wiederholt sich das ewige Drama, dass die Römische Kirche in der Wagenspur zutiefst falscher Axiome nicht nur stets dem weltlichen Menschenrechtsdiskurs hinterherhinkt, sondern mangels Umkehr zur Botschaft des Evangeliums unverdrossen Errungenschaften eines humanen Freiheitsringens sabotiert.

Der dogmatische Widerspruch

Geradezu zwanghaft festgehalten wird ein Wahngebilde, das die Kirche in einen eklatanten Widerspruch zu ihrer auf dem letzten Konzil in der Konstitution Lumen gentium vorgelegten Selbstdefinition versetzt. Die Diffamierung der homosexuellen Liebesbegabung als „Schöpfungsdefekt“ zementiert nämlich eine tiefgreifende Feindschaft zwischen einem nach eigenem Gutdünken förmlich festgesetzten „Schöpfer“ und allen Menschen, die mit ihrer Sexualität aus dem Raster der aristotelischen Naturrechtskonstruktion herausfallen. Dies ist das genaue Gegenteil des kirchlichen Anspruchs, „Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott“ zu sein.

Sabotiert wird in gleichem Atemzug die dogmatische Vision einer Kirche, die sich als ein Zeichen für die „Einheit der ganzen Menschheit“ erweist. Denn wenn alle Minderheiten, die ihre angeblich normwidrige Sexualität als Geschenk erfahren, zu Sündern gestempelt und aus der Gemeinschaft des Segens ausgeschlossen werden, agiert die Kirche als ein Zerstörungswerkzeug wider die „Einheit der ganzen Menschheit“. Die während des Ratzinger-Pontifikats vorgetragene Prognose, die Römische Kirche werde im dritten Jahrtausend in den großen Zivilisationsfragen „fortschrittlich“ sein, gleichzeitig aber in ihrem Inneren im fundamentalistischen Rückwärtsgang verbleiben und der Freiheit keine Heimatstatt gewähren, bleibt gruselig.

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Mollseifen zur Mittagszeit

Rast an der evangelischen Kapelle in Mollseifen.

Auf meinen Corona-Fluchten hat es mich jüngst nach Mollseifen verschlagen.

Der kleine evangelisch geprägte Ortteil von Winterberg zählt gerade einmal 50 Einwohner*innen. Normalerweise ist es dort oben (650 m) sehr ruhig, nur zur Mittagszeit macht die Kapelle ausdauernd Dampf aka Glockenläuten.
 

 

Während ich abwechselnd in Apfel und Käsestulle biss, lauschte ich dem „Sound von Mollseifen“. Keine Menschenseele war zu sehen. Das Virus blieb wieder einmal chancenlos.

Kirchenrevolte für die Liebenden

Römischer Weltkatechismus: „Homosexuelle Handlungen sind in sich nicht in Ordnung und in keinem Fall zu billigen.“ (Bildarchiv P. Bürger)

Die Vatikanische Theologenpolizei hilft den katholischen Reformern auf die Sprünge. – Die vom Papst initiierte „zärtliche Revolution“ soll den homosexuellen Paaren zugute kommen.

(Ein Gastbeitrag von Peter Bürger)

Die Nachfolge-Institution der Römischen Inquisition hat jüngst den Ortskirchen Segensfeiern bzw. Segensgebete für homosexuell Liebende untersagt, obwohl diese auf uralte ostkirchliche Liturgien zurückgreifen können und schon seit vielen Jahren zur Pastoral in ungezählten Gemeinden gehören. Das entsprechende „Responsum“[1] entspricht auffälliger Weise zu 100 Prozent dem Begehren[2] eines vor wenigen Tagen notgedrungen suspendierten Opus-Dei-Bischofs[3] aus der autoritären Kölner Kirchenleitung.

Wortlaut: „Gott segnet nicht die Sünde“

Die „rechtskatholischen Identitären“ in den USA jubeln. Die altbekannte Diktion der Beschämung einer zu allen Zeiten und an allen Orten lebenden Minderheit, die in jeder familiären Verwandtschaft vertreten ist und zu der auch der Verfasser dieses streitbaren Debattenbeitrags gehört, wird – diesmal allerdings ohne die infame Vokabel „Mitleid“ – wortwörtlich fortge­führt: „Gott liebt alle Menschen“ (auch die Gestörten und mit „Schöpfungsdefekten“ Behafte­ten); er segnet sogar die Sünder, „aber er segnet nicht die Sünde“. – Mehr Heuchelei in einem Kirchengefüge, dessen zwangszölibatäres Leitungssystem ohne schwule Priester schon längst zusammengebrochen wäre, ist kaum vorstellbar.

Von einer durch Jesus aus Nazareth bewegten Frömmigkeit ist in dem dekretalen Machtakt von oben nichts mehr zu spüren. In gut fundamentalistischer Manier verweigert sich die oberste Glaubensbehörde ebenfalls einem rationalen Diskurs, indem sie sich auf Unfug und Konstrukte eines wahnwitzigen Naturrechtparadigmas zurückzieht. Die Früchte der Aufklärung werden nach drei Jahrhunderten von Teilen der Kurie noch immer als ungenießbar betrachtet. Der Vorgang kommt einer intellektuellen und theologischen Bankrotterklärung gleich.

Soviel steht jetzt schon nach wenigen Tagen fest: Die Theologenpolizei des Vatikans hat soeben den entscheidenden Funken entfacht, der einen seit Jahren dahindümpelnden Reformprozess zur Frommen Revolte werden lässt. Gegen den Heiligen Geist und seine menschenfreundliche List wird die theologische Polizeibehörde den Kürzeren ziehen.

Die Widersprüche und Komplikationen, die mit diesem Vorgang zusammenhängen, sind aber weitaus vielschichtiger, als es ein selbstgefälliger liberal-katholischer Standort wahrzunehmen vermag. Aus einer gleichermaßen freiheitlich-jesuanischen wie weltkirchlichen Perspektive verdienen die Reformer einer bürgerlichen Wohlfühlkirche ebenso wenig Beifall wie der freundlich verpackte „Theo-Stalinismus“ vatikanischer Wahrheitsbesitzer: „Ein Esel schimpft den anderen Langohr.“

Die zu sichtenden Ambivalenzen weisen übrigens viele Entsprechungen zu dem auf, was in der Debatte „Linke und Identitätspolitik“ zur Sprache kommt. Einige bedeutsame Fragestellungen des ganzen kirchlichen Komplexes der Gegenwart sollen in diesem Text und einem zweiten Teil zumindest benannt werden.

Die Zweigesichtigkeit der Amtsführung von Papst Franziskus

In der Nacht nach der letzten Papstwahl (2013) habe ich als katholischer Kommentator für telepolis eine vorauseilende Liebeserklärung[4] an Bischof Franziskus von Rom verfasst, von der bis zur Stunde rein gar nichts zurückzunehmen ist. Franziskus hat die Weltkirche bereitet für das Dritte Jahrtausend, welches über das Geschick der menschlichen Zivilisation[5] entscheiden wird. In seinen Rundschreiben sind die Rückbindung an die „zärtliche Revolution“[6] des Jesus von Nazareth, der von Johannes XXIII. ersehnte Weg hin zu einer Kirche der Armen und das für die Katholizität zentrale Bekenntnis[7] zur Einheit der ganzen Menschheit wieder sichtbar geworden. Den nach uns Kommenden wird dieses Pontifikat, das einigen bürgerlichen Kleingeistern zufolge schon jetzt gescheitert sein soll, als ein Lichtblick sondergleichen erscheinen.

Viele Freundinnen und Freunde, darunter am nachdrücklichsten eine Reihe von Priestern, halten mir jedoch entgegen, der autoritäre Schatten des Papstes und seine Ambivalenz seien nicht zu übersehen: Eine Franziskanerin trägt Anliegen[8] der Frauen vor und wird in aller Öffentlichkeit mehr oder weniger patriarchal abgekanzelt. In ein und dem selben Dokument werden die Theologietreibenden zum Aufbruch[9] ermutigt und gleichzeitig im Sinne der vatikanischen Theologenpolizei an ein unseliges Paradigma[10] des 19. Jahrhunderts geknebelt. Die Amazonas-Bischöfe dürfen den Schrei ihrer Kirchen nach verheirateten Priestern – neben ehelosen – vor­tra­gen, doch dann taucht das entsprechende Synodenvotum nicht mehr auf, weil „die anderen“ angeblich die „geistliche Unterscheidung“ nicht richtig geübt haben …

Beim Thema „Homosexualität“ sticht die Strategie „Good Guy, Bad Guy“ besonders ins Auge. Der Papst, der hier übrigens erstmals wieder eine freie Debatte ermöglicht hat, versichert ohne jegliche theologische Verbindlichkeit: „Wer bin ich, dass ich verurteile?“ Die Glaubenskongregation darf aber unverdrossen jene gewalttätige Ideologie reproduzieren, der zufolge das Begehren homosexueller Menschen einem ewigen „Schöpferplan“ zuwiderläuft und nur sexuell enthaltsame Lesben und Schwule ein gottwohlgefälliges Leben führen. Der Papst ist nicht Auftraggeber, wie die Internationale Reformbewegung[11] betont, aber er billigt mit seiner Unterschrift die Veröffentlichung.
Solche Schizophrenien, auch wenn sie den mächtigen fundamentalistischen Netzwerken im Vatikan und der Angst vor Kirchenspaltung geschuldet sein mögen, können auf die Dauer nicht gut gehen: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.“ (Matthäus-Evangelium 5,37)

Dem Bruder Papst sei der Fall eines mir bekannten Ehepaares mit zwei homosexuellen Kindern mitgeteilt, das an seinem Wohnort zu den treuen Kirchgängern zählt. Dem einst von Rom produzierten „System Meisner“[12] und dem von Rom (ob seiner Finanzkräftigkeit? ob seiner Überwachungsdienste im synodalen Prozess?) hartnäckig protegierten[13] Kardinal Rainer Woelki haben sie schon lange abgeschworen. Doch nun, nach dem jüngsten Dokument gegen die Segnung einer Form der Liebe, die die katholische Kirche in ihrem inneren Kreis[14] besser als jede andere Institution auf dem ganzen Erdkreis kennt, erwägen auch sie den Kirchenaustritt. Mit Bangen fragt unsereins: „Wer bleibt dann denn noch übrig?“

Ein informeller Frauenkreis im Erzbistum Köln, zu dem auch meine Schwester gehört, hat dieser Tage die klerikale Männerherrschaft in der Kirche unter diese Überschrift gestellt: „Macht und Geld – Sex und Crime“. Über Jahre musste ich viele vertraute Gesichter aus der Kirchenbank schwinden sehen. Wenn Rom jetzt die unter einem deutschen Papst eingesetzte Pulverisierung der katholischen Landschaft durch „theologische Atombomben“ aus alten Waffenbeständen weiter beschleunigt, so ist das auf jeden Fall auch eine Form von Kirchenspaltung.

Pastoraler Ungehorsam, der nicht mehr aufgehalten werden kann

„Starrheit hat katholische Kirche an den Abgrund geführt“
(Titel der FAZ vom 16.03.2021[15]; nach dem Votum der
Ökumenischen AG Homosexuelle und Kirche)

Das „Responsum“ der Glaubenskongregation gegen Gottes längst erwiesenen Segen für die homosexuelle Liebe kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Christ*innen pandemiebedingt den Gotteshäusern fernbleiben. Die sonntägliche Liturgie schenkt Katholiken eine wohltuende seelische Regression in Räumen und Bildern der Geborgenheit, doch sie reproduziert ebenso Sonntag für Sonntag die seit Kindertagen eingeübte Verbundenheit mit dem real existierenden Kirchengefüge. Diese Kette der Rückbindung „frommer Lämmer“ ist gerade drastischer denn je unter- oder abgebrochen, wobei z.B. im Rheinland die anfanghafte Aufdeckung jahrzehntelanger Abgründe[16] der Gewaltvertuschung hinzutritt.

Kurzum: Noch nie waren Abnabelung und die Bereitschaft zum frommen Ungehorsam größer. Deshalb sollten die Attacke der Glaubenskongregation gegen zig Millionen homosexueller Katholikinnen und Katholiken[17] auf der ganzen Erde und die neu aufgelegte Diffamierung aller sexuell aktiven Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen als Sünder*innen nicht vorrangig als „Foul“, sondern als das entscheidende „Eigentor“ gesehen werden. Die Revolte wider das vatikanische Hetzdokument ist erst seit wenigen Tagen angelaufen und gewinnt unaufhörlich an Fahrt. Hier seien vor allem Beispiele aus der Nähe angeführt:

  • Deutlich fiel das prompte Votum der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands[18] aus, womit nachfolgend die gesamte neue Frauenbewegung in der Kirche als Teil des Widerstandes erwartet werden darf: „Für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare!“
  • Die Katholische Frauenbewegung und Männerbewegung im Bistum Bozen-Brixen[19] weigern sich, das homophobe Segnungsverbot aus Rom anzunehmen.
  • Für das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat Thomas Sternberg[20] am 15. März klargestellt, dass der Segen für die homosexuelle Liebe in vielen Teilen der Weltkirche ein Thema ist: „Die Kirche ist dazu berufen, Menschen zu segnen. Sie ist nicht dazu berufen, Menschen, die darum bitten, den Segen Gottes vorzuenthalten.“
  • Für das „Katholische LSBT+ Komitee“[21] übte der Theologe Dr. Michael Brinkschröder eine Fundamentalkritik: „Die Glaubenskongregation ist inzwischen selbst zu einem der größten Hindernisse für die Evangelisierung geworden, da sie eine Diskriminierungskirche durchsetzen möchte“.
  • Nicht minder scharf fällt die Kritik des deutschen Jesuiten Andreas R. Batlogg[22] aus, dessen Ordensbruder Kurienkardinal Luis F. Ladaria den gesamten Skandal des unheiligen Offiziums verursacht hat: „Waffen wurden (und werden?) gesegnet. Aber zwei Menschen nicht, nur weil sie gleichgeschlechtlich empfinden, so geboren, so von Gott geschaffen wurden, also kein ‚Schöpfungsunfall‘ … Nur zu gerne wüsste ich, was Papst Franziskus dazu sagt.“
  • Der „Berufsverband der Pastoralreferent*innen Deutschlands e.V.“[23] erklärte auf seiner Delegiertenversammlung am 16. März: „Pastoralreferent*innen begleiten und segnen seit vielen Jahren homosexuelle Menschen und werden es weiter tun. Wir rufen auch alle Bischöfe, Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferent*innen dazu auf.“
  • Das „Forum katholischer Theologinnen e.V.“[24] konstatierte am 17. März sachgerecht: „Die Haltung der vatikanischen Glaubenskongregation […] entspricht nicht der der jesuanischen Botschaft.“
  • In Österreich hat die „Franziskus-treue“ Pfarrerinitiative[25] öffentlich zum pastoralen Ungehorsam aufgerufen: „Wir segnen gleichgeschlechtliche Paare auch weiterhin.“
  • Der Theologe Daniel Bogner beklagt in der Zeit am 16. März, der Vatikan führe sich auf wie „doktrinärer Elefant im Porzellanladen“ und zertrümmere auf einen Schlag, „was Papst Franziskus an Autorität für das Leitungsamt der Kirche mühsam neu aufgebaut hat“.[26]
  • Mehr als tausend Priester und Theolog*innen in Deutschland wollen schon laut Stand vom 17. März das Verbot aus dem Vatikan einfach ignorieren; der von zwei Priestern (Bernd Mönkebüscher, Friedenspreisträger Burkhard Hose) formulierte Aufruf[27] wandelt die österreichische Formel so um: „Wir verweigern die Segnung nicht.“
  • Katholische Dogmatiker und Fundamentaltheologen betonen in ihrer Erklärung[28] vom 19. März zur vatikanischen Homophobie: „Wer offene Fragen und Prozesse machtförmig abzuschließen versucht, beschädigt die Autorität des kirchlichen Lehramtes“.
  • Schon Anfang dieses Jahres hatten 32 von 38 befragten Theolog*innen ihre Zustimmung[29] zu einer Segnung homosexueller Paare signalisiert.
  • Die Theologieprofessoren Stephan Goertz und Magnus Striet sehen die Glaubenskongregation bei sexualethischen Fragen weiter in die Bedeutungslosigkeit abstürzen und halten de facto eine Moraltheologie, die ihr Anliegen nur noch auf irrationale Weise kommuniziert, für nicht mehr katholisch.[30]
  • Der Bundesverband der katholischen jungen Gemeinde[31] verurteilt es in einer theologisch überzeugenden Stellungnahme, dass die oberste Glaubensbehörde die göttliche Schöpfungswirklichkeit der homosexuellen Liebe als Sünde diffamiert.
  • Ähnlich verweigern die Zustimmung z.B. die Pfadfinderschaft St. Georg[32], der Bund der katholischen Jugend[33] und die Katholische Arbeiternehmerbewegung[34] im Bistum Münster.
  • Der Pallotiner-Regens Christoph Lentz hängt zum Protest[35] die Regenbogenfahne aus dem Fenster. Dies wäre, flächendeckend im kirchlichen Raum nachgeahmt, ein preisgünstiges, unanfechtbares und sehr wirkungsvolles Erkennungszeichen für den Widerstand.
  • Bereits am 20. März hatten mindestens zwei Kölner Pfarrkirchen in gleicher Weise Flagge gezeigt.[36]
  • Der Berliner Hochschulseelsorger und Dominikanerpater Max Cappabianca empfiehlt auf Twitter gelassen: „Rom nicht ernst nehmen und in der Seelsorge weitermachen. Es gibt Wichtigeres als dumme Papiere!“ (katholisch.de, 16.03.2021)
  • Geradezu fassungslos zeigen sich hingegen der Speyerer Generalvikar Andreas Sturm, der Wormser Dompropst Tobias Schäfer und ZdK-Vizepräsidentin Karin Kortmann angesichts der Entgleisung der römischen Glaubensbehörde (katholisch.de, 16.03.2021); ebenfalls der Trierer Generalvikar[37] Dr. Ulrich Graf von Plettenberg.
  • Die Laiengremien[38] der Bistümer Aachen und Münster fordern ihre – durchaus hörbereiten – Bischöfe auf, in ihrem Namen gegen das „Responsum“ anzugehen.; ähnlich das Paderborner Diözesankomitee[39].
  • „Auch der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln kritisierte den Vatikan. »Die Kirche hat im letzten Jahr noch das Gitter um den Kölner Dom gesegnet, sagt aber, die Liebe von zwei gleichgeschlechtlichen Menschen kann man nicht segnen. Das ist nicht die Zusage Gottes an die Menschen, wie wir sie verstehen«, schrieb der Vorsitzende Tim Kurzbach in einer Stellungnahme.“[40]
  • Der emeritierte Münsteraner Weihbischof Dieter Geerlings[41] hielt schon 2019 eine Segensform für homosexuelle Paare für möglich.
  • Der belgische Bischof Johan Bonny[42] (Antwerpen) ist wütend und schämt sich wegen des vatikanischen Aberwitzes. Er gehört zu den wenigen, die präzise die Folgen auch für die heterosexuellen Kirchenglieder benennen: „Wenn wir von ‚Sünde‘ sprechen, wo es um irreguläre Verhältnisse mit Blick auf unser Eheverständnis geht, so ist davon tatsächlich die Mehrheit unserer Gläubigen betroffen.“ – „Wir sind Kirche“ bringt in einer guten Textsammlung[43] eine Übersetzung (Norbert Arntz) des Statements von Bischof Johan: „Das ist nicht die Sprache von Amoris laetitia.“
  • Eine – z.T. nicht minder deutliche – Ablehnung des vatikanischen Segensverbots kommt ebenso vom Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz[44] Erzbischof Franz Lackner, dem Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer[45], Bischof Markus Büchel[46] (St. Gallen) und dem Feldkircher Bischof Benno Elbs[47].
  • Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, Pionier[48] einer neuen Debatte über Segensformen, stellt durch seine kontinuierlichen Wortmeldungen ein Bewusstsein für den engen Zusammenhang von Frauen-Ausschluss im klerikalen Männerbund und kirchlicher Homophobie unter Beweis.
  • Bischof Heinrich Timmerevers[49] (Bistum Dresden-Meißen) befürwortet die Segnung homosexueller Paare.
  • Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf[50] teilt mannigfache Enttäuschung über das „Responsium“ mit und sieht sich jetzt angespornt, „verstärkt seelsorgliche Angebote und Konzepte zu entwickeln für und insbesondere: gemeinsam mit homosexuellen Menschen“.
  • Birgit Mock, Co-Vorsitzende des „Synodalforums Sexualmoral“[51], betont: Die Segnung der homosexuellen Liebe sei in Deutschland vielerorts eine Tatsache.
  • Im Bistum Essen betrachten der Generalvikar Klaus Pfeffer[52] sowie der Ortsbischof Franz-Josef Overbeck[53] (zugleich Militärbischof) die sexualethische Position der Glaubenskongregation als unhaltbar.
  • Mit Georg Bätzing, dem etwas sanfter argumentierenden Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (Limburg[54]), wird ein Rückfall in die Missachtung der Menschenwürde und der „Freiheit der Kinder Gottes“ ebenfalls kaum möglich werden.
  • Kardinal Reinhard Marx[55] sieht in dem Segnungsverbot aus Rom mitnichten einen endgültigen Bescheid.
  • Am heutigen Montag berichtet das kircheneigene Portal katholisch.de über ein bislang schon von mehr als 200 Theologie-Professorinnen und -Professoren getragenes Votum[56], das der vatikanischen Glaubensbehörde eine inakzeptable theologische Qualitätsstufe bescheinigt.[57] Bei der Uni Münster gibt es schon eine englische Übersetzung; eine italienische Fassung ist extern[58] abrufbar.
  • Die Zahl der deutschen und österreichischen Priester, Seelsorger und Seelsorgerinnen, die trotz Verbot weiterhin den Segen der homosexuellen Liebe feiern werden, beträgt inzwischen am 22. März schon 2.000.[59]

Die Fromme Revolte – Ergebnis päpstlicher Weitsicht?

Zum Fortgang des Geschehens wird u.a. ein thematisches Dossier im Forum für Theologie und Kirche[60] Texte dokumentieren.

Fast möchte man glauben, der Papst habe die Glaubenskongregation deshalb im „Ratzinger-Paradigma“ belassen, um ein so breites Sichtbarwerden des wirklichen Glaubenssinns unten in der Kirche zu ermöglichen. Dass die wenigen verbliebenen Hardliner-Bischöfe bei uns – allen voran die Hirten in Passau und Regensburg – den Inquisitionstext gegen Schwule und Lesben nachbeten, kann keinen verwundern.

Möglich ist natürlich, dass Rom sich aufgrund der oben beschriebenen Ambivalenz-Linie selbst blind in eine ausweglose Situation hineinmanövriert hat. Denn diesmal wird sich die „andere Kirche“ auf dem Globus, für die es – trotz der bahnbrechenden Pionierversuche des französischen Bischofs Jaques Gaillot[61] ab 1995 – noch immer keine hinreichenden Kommunikations- und Übersetzungsstrukturen gibt, international besser vernetzen. Bislang profitierte die mächtige Kirchenzentrale noch stets davon, dass die Ortskirchen gar kein unabhängiges Bild zur globalen kirchlichen Willensbildung vorweisen konnten.

Falls der Vatikan die erst ganz am Anfang stehende Revolte für die Liebenden wider alle Wahrscheinlichkeit doch noch zum Verstummen bringen kann, dann wird es mit Methoden bewerkstelligt sein, wie man sie nur aus Diktaturen kennt. Dann jedoch wüssten wir, dass Jesus – trotz des Bischofs Franziskus – vor den Toren der Stadt Rom den Staub von seinen Sandalen abgeschüttelt hat und weiterhin allerorten auf dem ganzen Erdkreis anzutreffen ist.

Ausblick: Schwule Priesterpaare am NATO-Altar?

Nunmehr haben wir an einem brennenden Beispiel der jüngsten Zeit zuerst die vatikanische Widersprüchlichkeit ein wenig erhellt. Doch die bürgerlichen Kirchenreformer hierzulande verfolgen gleichfalls einen kritikwürdigen Kurs. Ihre zentralen Themenstellungen (wie Frauenfrage, Sexualethik, Ökumene, Aufhebung der klerikalen Zweiklassenkirche) sind natürlich nicht, wie absurder Weise immer wieder behauptet wird, Anzeichen für eine nationalkirchliche, irgendwie „spezifisch deutsche“ Agenda.

Das Defizit besteht vielmehr darin, dass die Armen im synodalen Prozess – genauso wie bei den zentralistischen Fraktionen im Vatikan – gar nicht auftauchen. Man sieht sie nirgends beteiligt. Auch von der Verwandlung in eine Kirche der Solidarität im Dienst an der einen Menschheit, einer Kirche im zivilisatorischen Ernstfall[62] (Ökologie) und der Umkehr zu einer Kirche des Friedens spürt man bislang noch nichts. Dies soll Schwerpunktthema eines zweiten Teils sein. Denn: „Schwule Priesterpaare am Altar der NATO-Militärkirche sind auch keine Lösung.“

Anmerkungen:

1 https://www.katholisch.de/artikel/16767-weihbischof-koennen-homosexuelle-paare-nicht-segnen
2 https://press.vatican.va/content/salastampa/it/bollettino/pubblico/2021/03/15/0157/00330.html#ted
3 https://www.katholisch.de/artikel/29134-nach-belastung-weihbischof-schwaderlapp-bietet-papst-ruecktritt-an
4 https://www.heise.de/tp/features/Franziskus-auf-dem-Stuhl-Petri-3398081.html
5 http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html
6 https://www.hintergrund.de/politik/welt/revolution-der-zaertlichkeit/
7 http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html
8 http://www.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2019/may/documents/papa-francesco_20190510_uisg.html
9 https://www.feinschwarz.net/papst-franziskus-und-die-wissenschaftliche-theologie/
10 https://www.katholisch.de/artikel/20604-deutsche-fakultaeten-papst-vertritt-ueberholtes-bild-der-theologie
11 https://www.catholicchurchreform.org/216/
12 https://www.deutschlandfunk.de/gutachten-zu-sexueller-gewalt-in-der-kirche-es-steigen.886.de.html?dram:article_id=494369
13 https://www.katholisch.de/artikel/29075-fall-o-luedecke-erneuert-kritik-an-entlastung-woelkis-durch-vatikan
14 https://www.heise.de/tp/features/Die-grosse-Mutter-Kirche-und-ihre-Soehne-3389704.html?seite=all
15 https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/kritik-an-nicht-segnung-homosexueller-paare-durch-vatikan-172
16 https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-03/katholische-kirche-gutachten-sexueller-missbrauch-erzbistum-koeln-kardinal-woelki
17 https://www.katholisch.de/artikel/15692-globale-allianz-von-regenbogenkatholiken-gegruendet
18 https://www.kfd-bundesverband.de/aktuelles/artikel/fuer-die-anerkennung-gleichgeschlechtlicher-paare/
19 https://www.tageszeitung.it/2021/03/19/keine-christen-zweiter-klasse/
20 https://www.zdk.de/veroeffentlichungen/pressemeldungen/detail/-Die-Kirche-ist-berufen-Menschen-zu-segnen–1367s/
21 https://www.huk.org/aktuell/neuigkeiten/188-katholisches-lsbt-komitee-fordert-von-bischoefen-pastoralen-ungehorsam-in-bezug-auf-das-verbot-von-segensfeiern-2
22 https://andreas-batlogg.de/2021/03/kein-segen-fuer-homosexuelle-und-der-papst-macht-mit/
23 https://www.bvpr-deutschland.de/aktuelles/
24 https://www.agenda-theologinnen-forum.de/aktuelles/aktuelles-vollansicht/statement-von-agenda-forum-katholischer-theologinnen-zur-veroeffentlichung-der-glaubenskongregation-zur-segnung-homosexueller-pa.html
25 https://religion.orf.at/stories/3205365/
26 https://www.zeit.de/amp/news/2021-03/16/theologe-daniel-bogner-vatikan-wie-doktrinaerer-elefant?utm_referrer=http%3A%2F%2Fwww.theologie-und-kirche.de%2F
27 https://www.katholisch.de/artikel/29119-mehr-als-1000-seelsorger-wollen-weiter-homosexuelle-segnen
28 http://www.theologie-und-kirche.de/stellungnahme-ag-dog-fth.pdf
29 https://www.katholisch.de/artikel/28471-rueckendeckung-fuer-kuenftige-segnung-homosexueller-paare
30 https://www.katholisch.de/artikel/29101-nein-zur-segnung-der-vatikan-wird-nicht-mit-gehorsam-rechnen-koennen
31 https://kjg.de/blog/2021/03/15/gottes-schoepfungswirklichkeit-kann-keine-moralfrage-sein/
32 https://dpsg.de/de/aktuelles/nachrichten-ueberblick/nachrichten/news/detail/News/positionierung-zur-verlautbarung-der-glaubenskongregation-ueber-die-segnung-von-gleichgeschlechtliche.html
33 http://www.jugend-im-bistum-erfurt.de/system/files/public/pdf/segen_nicht_laenger_verweigern_bdkj_2021.pdf
34 https://www.kab-muenster.de/nc/kab/nachrichten/uebersicht/detailansicht/article/kab-zutiefst-irritiert-vom-schreiben-der-glaubenskongregation/
35 https://www.augsburger-allgemeine.de/friedberg/Statement-gegen-Vatikan-Am-Pallotti-Haus-weht-die-Regenbogenfahne-id59343991.html
36 https://pfarrbrief.kirche-sk.de/nachgefragt/artikel/Wir-zeigen-Flagge/
37 https://www.bistum-trier.de/news-details/pressedienst/detail/News/respektvoller-umgang-mit-menschen-in-gleichgeschlechtlichen-partnersch
38 https://www.katholisch.de/artikel/29158-protest-gegen-vatikan-nein-zu-homosexuellensegnung
39 https://dk-paderborn.de/stellungnahme/
40 https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/katholische-kirche-und-homosexuelle-proteststurm-gegen-segnungsverbot-a-3db30042-128f-4d41-b163-625c67b7160f
41 https://www.katholisch.de/artikel/22654-weihbischof-geerlings-kirche-kann-homosexuelle-paare-segnen
42 https://www.katholisch.de/artikel/29147-antwerpener-bischof-an-vatikan-uns-reichts
43 https://www.wir-sind-kirche.de/?id=125&id_entry=8700
44 https://www.katholisch.at/aktuelles/133653/lackner-als-kirche-homosexuelle-paare-nicht-alleine-lassen
45 https://www.dioezese-linz.at/news/2021/03/18/bischof-scheuer-in-der-kirche-haben-wir-den-auftrag-uns-fuer-die-liebe-einzusetzen
46 https://www.bistum-stgallen.ch/aktuelles/news/keine-eingangskontrollen-fuer-gottes-segen-1722/
47 https://www.katholisch.at/aktuelles/133639/segnung-homosexueller-paare-elbs-fuer-kirchliche-neupositionierung
48 https://www.kirche-und-leben.de/artikel/bischof-bode-fuer-neue-debatte-ueber-segnung-homosexueller-paare
49 https://www.katholisch.de/artikel/27026-bischof-timmerevers-befuerwortet-segnung-homosexueller-paare
50 https://bistummainz.de/pressemedien/pressestelle/nachrichten/nachricht/Stellungnahme-des-Mainzer-Bischofs-Peter-Kohlgraf/
51 https://www.katholisch.de/artikel/29161-forum-sexualmoral-draengt-auf-weiterentwicklung-von-kirchlicher-lehre
52 https://neuesruhrwort.de/2021/03/16/generalvikar-pfeffer-vatikanpapier-unfassbar/
53 https://www.katholisch.de/artikel/29154-bischof-overbeck-fuer-kirchliche-neubewertung-von-homosexualitaet
54 https://www.katholisch.de/artikel/28471-rueckendeckung-fuer-kuenftige-segnung-homosexueller-paare
55 https://www.br.de/nachrichten/bayern/kardinal-reinhard-marx-zu-homo-segnung-letztes-wort-nicht-gesprochen,SRpZXXG
56 https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fb2/zentraleseiten/aktuelles/stellungnahme_publikationsform.pdf
57 https://www.katholisch.de/artikel/29177-ueber-200-professoren-gegen-nein-zum-segen-homosexueller-verbindungen
58 http://ilsismografo.blogspot.com/2021/03/germania-dichiarazione-sul-responsum.html
59 https://www.katholisch.de/artikel/29177-ueber-200-professoren-gegen-nein-zum-segen-homosexueller-verbindungen
60 http://www.theologie-und-kirche.de/
61 https://www.katholisch.de/artikel/24183-versetzung-ins-nichts-wie-der-papst-bischof-gaillot-loswurde

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Der Verfasser ist examinierter Krankenpfleger, Theologe und Publizist, Mitglied der Ökumenischen AG Homosexuelle und Kirche; www.friedensbilder.de . Seine Bücher zum Thema: „Das Lied der Liebe kennt viele Melodien“ (vier Auflagen 1997-2005); „Die Fromme Revolte – Katholiken brechen auf“ (2009); „Wie die Menschheit eins ist. Die katholische Lehre ‚Humani generis unitas‘ für das dritte Jahrtausend“ (2016); „Oscar Romero, die synodale Kirche und Abgründe des Klerikalismus“ (2020). – Aktuelles Forschungsprojekt: „Kirche & Weltkrieg“ (https://kircheundweltkrieg.wordpress.com).

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Leicht abweichend zuerst erschienen bei heise.de:
Peter Bürger: Kirchenrevolte für die Liebenden.
Die Vatikanische Theologenpolizei hilft den katholischen Reformern auf die Sprünge. – Die vom Papst initiierte „zärtliche Revolution“ soll den homosexuellen Paaren zugute kommen.
In: telepolis, 22.03.2021. https://www.heise.de/tp/features/Kirchenrevolte-fuer-die-Liebenden-5994107.html

Umleitung: Spahns Villa, die SPD und ihre potemkinschen Dörfer, AfD-Kandidaten mit offen rechtsextremer Vergangenheit, „Hängemattenbischof“ mahnt Woelki und mehr …

Geäst am Hennesee. Ich sehe einen Buchstaben.

4,125 Millionen Euro: Kaufpreis für Spahns Villa darf jetzt genannt werden … tagesspiegel

Scholz, die SPD und ihre potemkinschen Dörfer: Die SPD feierte sich am Sonntag als Wahlsieger. Sie sieht sich auf dem Weg, stärkste Kraft einer künftigen Ampelkoalition zu werden … postvonhorn

Kommunalwahl in Hessen: AfD-Kandidaten mit offen rechtsextremer Vergangenheit … bnr

Aktion vor dem Kölner Dom: „Hängemattenbischof“ mahnt Woelki … hpd

GEIMPFT! Mein Besuch im Impfzentrum (BAYERN) … scilogs

Vorwurf von Ulrich Kelber: Irische Datenschutzbehörde macht „falsche Aussagen“ … netzpolitik

Trauer beim Förderverein Steinwache und dem Rombergpark-Komitee: Antifaschistin Gisa Marschefski ist gestorben … nordstadtblogger

Martin Kippenberger und die Arena des Lebens-Wettkampfs: zwei Ausstellungen in Essen … revierpassagen

War es eine Märchenstunde? Im Sozialausschuss der Stadt Brilon ging es am Dienstag (16.03.) auf Antrag der Briloner Bürgerliste (BBL) auch um die Kosten der Unterkunft (KdU) … sbl

Umleitung: Holocaustgedenktag, Parteien, Subventionen für Karstadt & Co, Verschwörungsmythen, COVID-19, Cassius Clay, Theater und ein Vogelschutzgebiet.

Ein gar nicht lustiger Clown? (foto: zoom)

Rede im Bundestag zum Holocaustgedenktag 2021: In der Ukraine hieß ich Onufriyenko. Meine Familie hat damals mit Absicht den jüdischen Namen Weisband nicht tragen wollen, wegen der Nachteile, die er bedeutete … marinaweisband

Holocaust-Gedenktag 2021: Die Bilder meines Beitrags zum Holocaust-Gedenktag 2021 sind im Holocaust-Denkmal in Berlin entstanden … speysight

Das Kleeproblem: Cassius Clay und Boxen als Glücksfalle … endoplast

CDU: Mit Merz und Schäuble am Reißwolf … postvonhorn

Die Rückkehr der SPÖ: Die Sozialdemokratie hat in diesem Jahr acht Prozentpunkte zugelegt. Plötzlich ist sogar ein Überholmanöver vorstellbar … misik

Subventionen und Arbeitswelt: Während die Bundesregierung Galeria Karstadt Kaufhof mit Millionen unter die Arme greifen will, haben viele Beschäftigte schon ihren Job verloren. Der Konzern ist nicht der Einzige, der so spart … nd

Verschwörungsmythen: im Cartoon und Inhalte leicht gemacht … scilogs

COVID-19 in Hagen: Woher kommen die hohen Infektionszahlen? … doppelwacholder

Mit Zuversicht durch schwierige Zeiten: Neue Leitung fürs Dortmunder Szene-Theater „Fletch Bizzel“ … revierpassagen

Brilon/Marsberg: “Naturschutzfachliche Voraussetzungen” für Vogelschutzgebiet sind gegeben … sbl

Anmerkungen zu Peter Bürgers „Possenspiel um Lorenz Jaeger“ [1]

„Verschwörung“ ist ein diskreditiertes Wort, das meist nur noch als Kompositum „Verschwörungstheorie“ in Erscheinung tritt. Die Originalausgabe des Buches von 1995 heißt denn auch „Das Geheimnis der Ritter vom Heiligen Grabe“, und schon 2002 erschien dem Orbis-Verlag das Wort wohl „reißerischer“.

Der in Peter Bürgers Beitrag erwähnte „Ritterorden vom Heiligen Grab“ heißt genau „Orden der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem“, lateinisch „Ordo Equestris Sancti Sepulcri Hierosolymitani“, Ordenskürzel „OESSH“, und benennt auf seiner Internetseite http://www.oessh.net heute noch den Schlachtruf von 1099 als sein Motto: „Deus lo vult“ („Gott will es“).

(Artikel als PDF:  Anmerkungen zu Peter Bürgers Artikel Possenspiel)

Die deutsche „Statthalterei“ wurde im Dezember 1933 in Köln gegründet. Am 9.5.1954 wurde Friedrich August Freiherr von der Heydte zusammen mit Hans Filbinger von Lorenz Jaeger in Freiburg investiert; drei Jahre später war mein Freiherr [2] „Statthalter der deutschen Statthalterei“.

Seit 1951 war er im CEDI aktiv, war Mitglied der „Abendländischen Akademie“, Mitbegründer der Organisation „Rettet die Freiheit“ und neben sehr vielem anderen auch Professor für Völkerrecht sowie bayerisches Staatsrecht an der Universität Würzburg. Er war es auch, der durch seine Anzeige wegen „Landesverrat“ die „Spiegel-Affäre“ genannte Staatsaffäre auslöste, daraufhin von seinem Verteidigungsminister zum Brigadegeneral der Reserve ernannt wurde und den dann wegen seiner Lügen „zurückgetretenen“ Franz-Josef Strauß ein Jahr später mit nach Spanien nahm, wo er vor Franco und vielen anderen „katholischen“ Militärs und ihrer Regierungen im CEDI über „Europa in der NATO“ sprach.

Immer, wenn ich jemanden auf das „Centro Europeo de Documentación e Información (CEDI)“ anspreche, ernte ich fragende Blicke – selbst in Spanien, wo seine Mitglieder sich alljährlich mit Vorliebe im Escorial (!) und im Vaille le los Caídos versammelten – , und auch Friedrich August Freiherr von der Heydte ist wenigen Demokraten bekannt. Wie ist das möglich, bei solch geballter Macht, bei solchen Versammlungen der Mächtigen an solchen Orten?

Lorenz Jaeger war von 1950 bis 1965 Großprior der deutschen Statthalterei der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem, Friedrich August Freiherr von der Heydte von 1958 bis 1965 der Statthalter der Deutschen Statthalterei. 1965 wurde Lorenz Jaeger Kardinal. Der Freiherr zeigt in seinen überaus lesenswerten Memoiren „Muß ich sterben, will ich fallen“ – gewidmet „Dem Vorkämpfer für die Einheit eines christlichen Europas Dr. Otto von Habsburg in Treue und Ergebenheit“ (Otto von Habsburg war als letzter Thronerbe Ehrenvorsitzender des CEDI auf Lebenszeit) – auch das Photo „Im Gespräch mit Kardinal Jäger, dem früheren Erzbischof von Paderborn, in Rom“. Der Freiherr veröffentlicht seine Lebenserinnerungen zur „Spiegelaffäre“, der Geburtstagsfeier mit Franz-Josef Strauß in Angola, seiner Lehrtätigkeit in Südafrika u.v.a.m. 1987 und erhält im gleichen Jahr das Bundesverdienstkreuz. Viele andere Photos sind auch darin, z.B. „Der griechische Koordinationsminister, Oberst N. Makarezos, begrüßt meine Frau und mich zu einem Dinner der ,Auberge’ am 28.5.1970 in Athen“ und „Der Sohn Tschiang Kai-scheks, Oberbefehlshaber der National-Chinesischen Armee, bei einer Parade zu meinen Ehren“.

„Anmerkungen zu Peter Bürgers „Possenspiel um Lorenz Jaeger“ [1]“ weiterlesen

Possenspiel um Lorenz Jaeger
Wie in Paderborn die kirchliche Beihilfe für den Vernichtungskrieg „aufgearbeitet“ wird

„Herr, dir ist nichts verborgen. Du schaust mein Wesen ganz.
Das Gestern, Heut und Morgen wird hell in deinem Glanz.
Du kennst mich bis zum Grund; ob ich mag ruhn, ob gehen,
ob sitzen oder stehen, es ist dir alles kund.“
Maria Luise Thurmair (1971), nach Psalm 139

(Gastbeitrag Peter Bürger, siehe auch hier im Blog: Kontroverse um Lorenz Jaeger erst am Anfang)

In den Jahren 1941-1944 ist der vormalige Wehrmachtsseelsorger und spätere Kardinal Lorenz Jaeger (1892-1975) als Erzbischof von Paderborn mit glühenden Kriegsvoten hervorgetreten. Im Jahr 2015 beantragte deshalb die Fraktion Demokratische Initiative Paderborn (DIP) im Rat der Bischofsstadt, den Namen des Kardinals aus der Liste der Ehrenbürger zu streichen. Auf Wunsch des damals schon schwerkranken Linkskatholiken Prof. Arno Klönne († 4. Juni 2015) übernahm ich die theologische Beratung der DIP, gestützt in erster Linie auf die bis heute maßgebliche Studie „Hirten unter Hitler“ (1999) von Wolfgang Stüken. Kommunalpolitisch war der Initiative für eine neues Geschichtsgedächtnis im öffentlichen Raum zunächst kein Erfolg beschieden. Doch der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker kündigte plötzlich eine wissenschaftliche Erforschung der Amtszeit Jaegers an.

Mein Lob für diese Antwort der vermutlich reichsten Diözese des Erdkreises war verfrüht (bzw. naiv). Prof. Nicole Priesching (Universität Paderborn) übernahm die Leitung eines umfangreichen Forschungsprojekts, doch ausgerechnet das Teilgebiet der NS-Jahre wurde durch einen Auftrag an die gleichsam bischofseigene Theologische Fakultät ausgelagert. Das Ergebnis liegt seit diesem Jahr vor.[1] Wissenschaftler, die einem pazifistischen Ansatz folgen oder in der kritischen Katholizismus-Forschung hervorgetreten sind, wurden nicht beteiligt. Ein 13 Monate zuvor erschienener aktueller Jaeger-Beitrag[2] aus meiner Werkstatt bleibt ganz unberücksichtigt. Gleichwohl lässt mich der Herausgeber, der offenbar keinerlei Verantwortung für die Konzeption des Werkes übernehmen möchte, in einem Brief vom 18.08.2020 wissen: „Ihren Thesen zu L. Jaeger wird [in unserer Studie] vehement widersprochen; nach Aussagen der Historiker sind sie wissenschaftlich nicht haltbar.“ Das Online-Portal katholisch.de meldet dann zur Bistumsstudie sinnig. „Kardinal Jaeger war weder Nazi noch Widerstandskämpfer.“ Die Münsterische Kirchenzeitung ergänzt: „Die Forderungen [der beteiligten Professoren] richten sich vor allem an den Publizisten Wolfgang Stüken […] und den Theologen Peter Bürger.“

Mit Wolfgang Stüken oder mir hat trotz dieser „hohen Ehre“ kein kircheneigenes Medium gesprochen. Um das neue Bistumsbuch richtig würdigen zu können, müsste die lange Liste der unbequemen Sachverhalte und Bischofsworte, die in ihm auf 466 Seiten ganz ausgespart bleiben, zur Kenntnis genommen werden. Die apologetische Strategie ist offenkundig: Den Kritikern wird unterstellt, sie betrachteten Lorenz Jaeger als einen nationalsozialistischen, braunen Bischof. Diese These, die allerdings niemand vorgetragen hat, lässt sich relativ leicht entkräftigen. Hernach braucht sich keiner mehr eingehend mit den nationalistischen und militaristischen „Hirtenworten“ zu beschäftigen.

Selbst im kritischsten Beitrag der ganzen Bistumsstudie wird der Leserschaft suggeriert, vom rassenideologischen Ansatz des NS-„Antibolschewismus“ sei die „katholische“ Position zweifelsfrei zu unterscheiden gewesen.[3] Dies ist mit einem Riesenfundus an Quellen, darunter das berüchtigte Gröber-Handbuch (Eintrag „Bolschewismus“), in keiner Weise zusammenzureimen. Jaeger selbst bediente sich antisemitischer Vorlagen, als er im Februar 1942 predigte: „Ist jenes arme unglückliche Land nicht der Tummelplatz von Menschen, die durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christushass fast zu Tieren entartet sind? Erleben unsere Soldaten dort nicht ein Elend und ein Unglück sondergleichen? Und warum? Weil man die Ordnung des menschlichen Lebens dort nicht auf Christus, sondern auf Judas aufgebaut hat.“

Für mehr als 20 Millionen zivile Sowjetbürger*innen (darunter fast drei Millionen Juden, zigtausende Sinti und Roma) sowie zahllose sowjetische Kriegsgefangene, ermordet durch deutsche Waffenträger beim Feldzug gen „Osten“, und alle Opfer der von Adolf Hitler befehligten Militärmaschinerie war es nicht von Belang, welcher Konfession die christlichen Assistenten des NS-Vernichtungskrieges auf der Kirchenleitungsebene, in Redaktionsstuben, auf Lehrstühlen oder in den Truppen angehörten, ob sie Nationalsozialisten, Deutschnationale (oder/und) Deutschchristen, Bekennende Lutheraner oder Reformierte, Orthodoxe, Katholiken, Ultramontane, Modernisten oder was auch immer waren. An den massenmörderischen Ergebnissen der Kriegsbeihilfe änderte sich durch die unterschiedlichen ‚konfessionellen Neigungen‘ der Mitwirkenden nämlich rein gar nichts. Gerade wenn wir uns nur auf das Feld der kriegsrechtfertigenden und kriegsertüchtigenden Bischofspredigt konzentrieren, bleibt es – mitnichten nur aus pazifistischer Perspektive – unvermeidbar, Lorenz Jaeger eine „Stufe der Kollaboration“ im 3. Reich zu bescheinigen.

Die neue Jaeger-Studie des Erzbistums Paderborn – finanziert durch die Beiträge aller Getauften – ist auf Bistumskosten sogleich auch kostenfrei an alle (800) Kleriker der Diözese versandt worden. Mit großer Leidenschaft versucht Prof. Dr. Joachim Kuropka in dem Auftragswerk, alle kritischen Arbeiten als unwissenschaftlich abzutun und hierbei der Leserschaft u.a. Veröffentlichungen vorzuenthalten, die z.B. auch bei der Nationalbibliothek oder durch Internetrecherche leicht zu ermitteln sind. Wie er sich an den erschütternden Erkenntnissen aus Wolfgang Stükens Standardwerk von 1999 abarbeitet, wirkt auf mich persönlich wie eine schlechte Komödie.

Ein Beispiel sei genannt: 1943 geht es auf der letzten Fuldaer Bischofskonferenz darum, im Sinne des Ordensausschusses und Konrad v. Preysings Solidarität mit jenen zu bezeugen, die mit uns „nicht eines Blutes“ sind. Lorenz Jaeger aber predigt stattdessen vor Tausenden im Fuldaer Dom, die deutschen Bischöfe seien mit ihren deutschen Schwestern und Brüder durch ein gemeinsames Band des Blutes verbunden (sowie: „Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen!“). J. Kuropka will diese Passage mit dem terminus technicus für „Arier“ entkräften, indem er aus einer 2 Jahre zurückliegenden Kinderkatechese (!) des Bischofs die Aufforderung zitiert, alle Menschen zu lieben. Sein Fazit zu Jaegers Amtsführung während des Vernichtungskrieges lautet allen Ernstes: „Zusammengefasst: Er hat es gut gemacht.“ (Seite 326)

Schon im Fall der militaristisch-nationalistischen Kriegsvoten des Münsterischen Bischofs Graf von Galen hat J. Kuropka sein apologetisches Verfahren angewandt und u.a. am 7. Oktober 2005 in einem Interview „Seelsorger und Patriot“ mit der Wochenzeitung „Junge Freiheit“, dem Sprachrohr der neuen Rechten, zum Besten gegeben. Es gibt keine explosive Originalquelle, die dieser Zauberer aus Vechta nicht entschärfen könnte. Er gehört übrigens wie ehedem Lorenz Jaeger dem Ritterorden vom Heiligen Grab, der nach dem 2. Weltkrieg – in enger Tuchfühlung mit Gleichgesinnten aus Franco-Spanien – eine demokratiefeindliche „Abendland-Ideologie“ propagierte.

Einen seiner Gipfelpunkte erreicht dieser katholische Historiker, wenn er neben W. Stüken und dem Krankenpfleger theol. P. Bürger den von Lorenz Jaeger zum Priester geweihten und zuletzt vom Bistum Essen gewürdigten Theologieprofessor Heinrich Missalla (1926-2018) verunglimpft (Wortlaut: „… die bekannten Kirchenkritiker Missalla und natürlich der ‚Spiegel‘“; „Stüken kann mit seiner Arbeit in die Reihe einer bestimmten Spezies von Kirchenkritikern wie Denzler, Missalla, Mynarek und Deschner eingeordnet werden“). H. Missalla besuchte nach seiner Zeit als jugendlicher Soldat das von Franz Stock geleitete „Stacheldrahtseminar“ in Chartres, war ein Pionier der katholischen pax christi-Bewe­gung und hat als Theologe schon seit den 1960er Jahren das Feld „Kirche und Weltkrieg“ erforscht. Bezeichnenderweise wird kein einziges seiner wegweisenden Bücher[4] zu diesem Thema im Literaturverzeichnis der neuen Bistumspublikation aufgeführt.

In einem empfehlenswerten Reclam-Band „Die Wehrmacht“ (2019) der Bundeswehr-Historiker Michael Epkenhans und John Zimmermann kann heute jeder „Laie“ den Schauplatz kennenlernen, auf dem die deutschen Hirten einen Kampf ihrer Gläubigen bis zum letzten Tropfen Blut wünschten. Im Sinne eines Offenen Briefes[5], den Heinrich Missalla kurz vor seinem Tod verfasste, hat die Bischofskonferenz in diesem Jahr endlich ein Schuldbekenntnis zur Kriegsbeihilfe der deutschen Bischöfe ab 1939 vorgelegt.[6] In eklatantem Gegensatz zu den Erläuterungen des Vorsitzenden der Bischofskonferenz verfolgt die Auftragsstudie des Erzbistums Paderborn jetzt auf den allermeisten Seiten noch das Kirchenverteidigungs-Muster des letzten Jahrhunderts.[7] Was versprechen sich die Verantwortlichen an der Pader von solchem Anachronismus?

Wolfgang Stueken ist infolge der kirchensteuerfinanzierten Jaeger-Apologie vor einigen Wochen aus der „Körperschaft Kirche“ ausgetreten. Magdalene Bußmann hat u.a. wegen der Passagen zu ihrem verstorbenen Ehemann Heinrich Missalla einen von vielen Christen namentlich unterstützten Brief an den Erzbischof von Paderborn geschrieben und als Antwort ein wirklich nichtssagendes Schreiben des Buch-Herausgebers erhalten.

Die Blindheit und Schwerhörigkeit der Paderborner Apologeten sind frappierend. Mit riesigem Aufwand hat man den Nachlass gesichtet und auch eine Rekonstruktion von Jaegers Bibliothek versucht. Doch alle auffindbaren Spuren reduzieren sich auf einige Dutzend Blätter, ohne dass die kirchengenehmen „Jaeger-Forscher“ das irgendwie auffällig finden. Insbesondere konnte kein Dokument mit deutlicher Kritik des katholischen Erzbischofs am deutschen Faschismus aufgefunden werden.

Für die seriöse Forschung gibt es, z.T. versteckt in den Fußnoten, aber doch einige neue Erkenntnisse. Der Kreis der NS-Täter und weltanschaulichen Kollaborateure, für die Jaeger sich ab 1945 eingesetzt hat, fällt deutlich größer aus als bislang angenommen. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal von Lorenz Jaeger im Kollegium der Ortsbischöfe ist seine positive Einstellung zu Feldbischof Justus Rarkowski, dessen Verehrung von Adolf Hitler nicht einmal die konservativsten Forscher in Frage stellen oder gar rechtfertigen. Das Märchen, Lorenz Jaeger selbst sei wegen Regime-Kritik 1939 förmlich in die Militärseelsorge geflüchtet, lässt sich mit dem neuen Quellenstand übrigens nicht stützen.

Zu den grundlegenden bürgerlichen Kulturtechniken, die wir im Zeitalter der Fake-News besonders hochschätzen sollten, gehört das Lesen von Primärquellen (dies sind bei unserem Thema in erster Linie keine Geheimdokumente, sondern: Kirchliche Amtsblätter u.ä.). Mit der römisch-katholischen Apologetik zu disputieren, ist hingegen fast immer vertane Zeit, denn diese ist trotz gelehrter Maskerade eine Spielart von Fundamentalismus. Mit Blick auf das traurige Gedenken 22.6.1941 – 22.6.2021 wollen wir im Aufklärungs- und Editionsprojekt „Kirche & Weltkrieg“ (https://kircheundweltkrieg.wordpress.com/) vor allem auch Voten der Kirchenleitungen zugunsten des Rasse- und Vernichtungskrieges für jede/n leicht zugänglich machen. Wer das Projekt durch Textspenden – vorliegende Forschungsbeiträge, bereits erfasste Quellen oder Schreibarbeiten – unterstützen möchte, kann sich an den Verfasser dieses Beitrages wenden. Speziell auch für das Erzbistum Paderborn werden bezogen auf die Zeit des 2. Weltkrieges noch weitere Abgründe zu vermitteln sein, die schon aus der Zeitschrift der Theologischen Fakultät und der Kirchenzeitung „Leo“ zusammengetragen worden sind. Es bleibt dabei: Wer lesen kann, erfährt mehr.

Anmerkungen:

[1] Josef Meyer zu Schlochtern / Johannes W. Vutz (Hg.): Lorenz Jaeger. Ein Erzbischof in der Zeit des National­sozialismus. Münster: Aschendorff 2020.

[2] Zuerst als Beitrag zum Sammelband „Im Sold der Schlächter“ (2019), ISBN 978-3-7481-0172-7. Vgl. inzwischen den frei abrufbaren digitalen Sonderdruck „Lorenz Jaeger – Kriegsbischof der deutschen Blutsgemeinschaft“ (https://www.ikvu.de/fileadmin/user_upload/IKvu_Sonderdruck_Lorenz_Jaeger_2020-08-07.pdf ).

[3] Vgl. viel ausführlicher in der ersten Stellungnahme/Rezension „Bistums-Studie zu Lorenz Jaeger“ vom 8.9.2020 (http://upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Links/pb-zu-jaegerstudie20200908.pdf )

[4] „Gott mit uns“. Die deutsche katholische Kriegspredigt 1914-1918. München 1968; Für Volk und Vaterland. Die Kirchliche Kriegshilfe im Zweiten Weltkrieg. Königstein 1978; „Wie der Krieg zur Schule Gottes wurde“. Hitlers Feldbischof Rarkowski. Oberursel: Publik 1997; Für Gott, Führer und Vaterland. Die Verstrickung der katholischen Seelsorge in Hitlers Krieg. München 1999; Erinnern um der Zukunft willen. Wie die katholischen Bischöfe Hitlers Krieg unterstützt haben. Publik-Forum 2015.

[5] Zugänglich auch in: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/media/pdf/Arbeitshilfe_Bisch%C3%B6fe_und_Hitlerkrieg.pdf

[6] Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Deutsche Bischöfe im Weltkrieg. Wort zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren. Bonn 2020. https://dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2020/2020-075d-DB_107-Deutsche-Bischoefe-im-Weltkrieg.pdf

[7] Vgl. zu Verlauf, Kontroversen und Erkenntnissen der Forschung: Olaf Blaschke, Die Kirchen und der Nationalsozialismus. Stuttgart: Reclam 2014.

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Mit freundlicher Genehmigung des Netzwerkes IKvu und des Verfasser aus: Ökumenisches Netzwerk Initiative Kirche (Hg.): Querblick 40 (Dezember 2020), S. 31-34.

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Peter Bürger, geb. 1961 (Eslohe/Sauerland), Kriegsdienstverweigerer (Zivildienst), Theologiestudium in Bonn, Paderborn, Tübingen (Diplom 1987), examinierter Krankenpfleger, psycho-soziale Berufsfelder, ab 2003 freier Publizist (Düsseldorf, www.friedensbilder.de). Seit dem 18. Lebensjahr Mitglied der internationalen katholischen Friedensbewegung pax christi, später auch: Versöhnungsbund, DFG-VK, Solidarische Kirche im Rheinland. Mitarbeit im Ökumenischen Institut für Friedenstheologie.

Pausenbild: Funkturm, Covid-19, Brandenburgische Konzerte, Tago Mago und Amos Oz – und was macht ihr so im Lockdown?

Der Funkturm auf dem Kreuzberg in Winterberg

Ich verrate jetzt, was ich im kommenden Lockdown anders mache als in den vorangegangenen Wochen und Monaten: Nichts.

Nach wie vor gehöre ich zu den „Drosten-Ultras“ (Vorsicht, grobschlächtige Ironie!), führe ein sozial verarmtes Leben und treffe auf meinen Spaziergängen meist Fichten, lebendig (grün) oder tot (braun).

Trotz aller Unkenrufe in den Lebensberatungsspalten funktioniert unser Familienleben weiterhin gut. Klar, ich vermisse Cafés, Großstädte, Reisen, Restaurants, Musseen, Theater, Konzerte, Freunde und das Schwimmbad. Klar, ich ärgere mich über die Politiker*innen, die den Menschen Lockerungen über die Weihnachtsfeiertage versprochen hatten, wenn sie nur ihren sogenannten „Lockdown Light“ mitmachten. Klar, die Kultusminister*innen habe es verstanden, den Föderalismus ins Lächerliche zu ziehen.

Der faschistoide Charakter der sogenannten „Querdenker-Bewegung“ zeigt erschreckend, wie viel Dummheit und Hass in Deutschland wieder möglich sind. Wir brauchen gar nicht mit dem Finger auf Trump zu zeigen und uns über „die USA“ lustig zu machen.

Ich leide unter Covid-19-Lockdown-Ermüdung und muss doch noch ein paar Monate durchhalten und alles dafür tun, aber auch hoffen, dass das Virus mich nicht erwischt. Wie viel Glücksspiel ist dabei? Risiko-Gruppe, kein gutes Gefühl.

Derweil lege ich Scheiben aus der Studentenzeit auf, Brandenburgische Konzerte, Tago Mago kunterbunt durcheinander. Wer hat eigentlich die Unterscheidung zwischen E- und U-Musik erfunden?

In Amos Oz Autobiografie und Familiengeschichte, A Tale of Love and Darkness, lerne ich einiges über die Kultur und (Vor-)Geschichte Israels, jüdische Geschichte, Shoa, Holocaust. Es hat gedauert, bis ich mich hineingelesen hatte. Viele Namen, Familienmitglieder, Generationen, Länder und Kulturen, aber mit der Gründung des Staates Israel hat es mich jetzt auch emotional gepackt. Amos Oz‘ Buch – eines der Freunde, die jahrelang geduldig auf dich im Bücherregal warten, bis ihr Augenblick gekommen ist. Habt ihr auch solche Bücher?

„Aumgn“ singt Kenji ‚Damo‘ Suzuki auf der dritten Seite der Doppel-LP. Das Schlagzeug-Solo setzt ein. Ich bin dann mal weg.

Umleitung: von Netflix bis zum Lob des Online-Treffens

Blick auf Kassel

Streaming-Kultur: Wie nett ist Netflix? … endoplast

Verschwörungsfragen: Wie Anne Frank oder Sophie Scholl sein – Die Psychologie von Opferneid und Schuldabwehr … scilogs

Kredit-Scoring: Schufa will Kontodaten auswerten … netzpolitik

Wie Apple Eure Sicherheit gefährdet: Big Sur, VPN und das Datenschutz-Desaster … unkreativ

Lob des Online-Treffens: der abgestufte Lockdown bringt Möglichkeiten mit sich, die – anfänglich zaghaft, nun schon entschiedener – erst jetzt so richtig genutzt werden und hoffentlich auch in Zukunft nicht klanglos verschwinden … revierpassagen

Umleitung: vom rechten Potenzial in Sachsen über Trump zur Bildung in Zeiten des Anthropozäns, Digitalisierung, Zivilcourage und dann noch eine Kulturministerin.

Der Himmel über dem Schmantelrundweg in Winterberg

Rechtes Potenzial in Sachsen gewaltig gestiegen: Das Personenpotenzial im Rechtsextremismus ist laut sächsischem Verfassungsschutzbericht gewaltig angestiegen. Für das Berichtsjahr 2019 werden nun 3.400 Personen zu diesem Spektrum gezählt – 600 mehr als ein Jahr zuvor … bnr

„You’re fired“: Donald Trump als weltvereinfachende Symbolfigur … endoplast

Trump und sein Sponsor: Viele wundern sich, dass es ihm gelang, Präsident zu werden. Viele fragen sich, wie das passieren konnte. Die Antwort liegt näher, als sie denken, und zwar in Frankfurt … postvonhorn

Neue Bildungskonzepte in Zeiten des Anthropozäns: Obwohl wir alle die Natur schätzen, hat sich der Unterschied zwischen Natur und Kultur durch die immer stärker zunehmenden menschlichen Eingriffe in die Umwelt gleichsam aufgelöst – und dies weitgehend unbemerkt, zumindest was das Ausmaß angeht … scilogs

Kulturministerin rüffelt Kulturschaffende: So richtig habe ich meinen Augen zunächst nicht getraut, als ich dieses Zitat gelesen habe: „Die Kultur muss aufpassen, dass sie nicht immer eine Extrawurst brät.“ … revierpassagen

So geht Zivilcourage: Solingen wehrt sich gegen Verbot der Klassenteilung … doppelwacholder

Digitalisierung: Ja. Nachhaltigkeit und Muslime: Nein So lässt sich das Ergebnis der heutigen Abstimmungen im Kreistag über die Anträge der SBL zu den Ausschüssen zusammenfassen … sbl