Der emeritierte Papst Benedikt XVI. muss sich womöglich vor einem weltlichen Gericht wegen des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche verantworten.
(Recherchen und Pressemitteilung; CORRECTIV, ZEIT und BR)
Am vergangenen Wochenende reichte der Anwalt eines Missbrauchsopfers aus Bayern Klage vor dem Landgericht Traunstein gegen den Priester Peter H. sowie gegen mehrere Kirchenverantwortliche ein, unter ihnen Kardinal Friedrich Wetter, der ehemalige Papst Benedikt XVI., sowie die Erzdiözese München und Freising – vertreten durch Generalvikar Christoph Klingan. (*) Das berichten CORRECTIV, die Wochenzeitung DIE ZEIT sowie der Bayerische Rundfunk.
In den 1990er Jahren soll der damalige Priester Peter H. in der Erzdiözese München und Freising mehrere Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben, unter ihnen auch den Kläger. Die Kirchenoberen um den damaligen Kardinal Joseph Ratzinger hatten den pädophilen Priester H. 1980 im Erzbistum aufgenommen und dessen Umgang mit Jugendlichen nicht unterbunden, obwohl H. zuvor bereits in Essen bei mehreren sexuellen Übergriffen ertappt worden war. Ein Psychiater hatte damals eine „narzisstische Grundstörung mit Päderastie und Exhibitionismus“ diagnostiziert. 1986 wurde H. von einem Gericht wegen Missbrauchs an mehreren Jugendlichen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, aber weiter eingesetzt.
Da die Missbrauchstaten strafrechtlich weitgehend verjährt sind, wendet der Rechtsanwalt des Opfers, der Berliner Strafverteidiger Andreas Schulz, einen juristischen Kniff an: er hat eine so genannte Feststellungsklage eingereicht, mit der zwar keine strafrechtliche Verfolgung, womöglich aber eine Feststellung der Schuld der Kirche erreicht werden kann. Sein Mandant hoffe darauf, dass ein weltliches Gericht feststelle, dass der damalige Priester H. ihn missbraucht habe und deswegen „zum Ersatz des Schadens ihm gegenüber verpflichtet ist“, heißt es in der 69-seitigen Klageschrift, die CORRECTIV, der ZEIT sowie dem Bayerischen Rundfunk vorliegt.
„Er will erreichen, dass ein weltliches Gericht ebenfalls feststellt, dass der Papst Emeritus Benedikt XVI. hierzu verpflichtet ist, weil dieser als Erzbischof verantwortlich zugestimmt hat, den Priester H. wieder in der Gemeindearbeit einzusetzen, obwohl dem Erzbistum München und Freising die sexuellen Übergriffe des H. bekannt waren“. Ratzinger habe als Kardinal „Kenntnis von allen Umständen und hat es zumindest billigend in Kauf genommen, dass dieser Priester ein Wiederholungstäter ist.“
Im Fall von Peter H. sind die Indizien erdrückend. Ein internes Verfahren der Kirche hatte bereits 2016 die Schuld des Priesters festgestellt. Danach seien mehrere Jugendliche, darunter der heutige Kläger, von Peter H. in den 1990er Jahren missbraucht worden, heißt es in einem außergerichtlichen Dekret. Dort ist auch von einer Pflichtverletzung der damals verantwortlichen Kirchenoberen die Rede. Auch das Münchner Missbrauchsgutachten vom Januar 2022 erkannte eine Mitverantwortung der Kirchenoberen des Erzbistums. Der Kläger nutzt das Dekret und das Missbrauchsgutachten, um auch gegen den Ex-Papst sowie dessen Nachfolger als Erzbischof in München Kardinal Friedrich Wetter vorzugehen.
Ob der emeritierte Papst für die Übergriffe belangt werden kann, ist umstritten. Experten räumen der Klage Chancen ein, wenn die Kirche darauf verzichtet, sich auf die Verjährung zu berufen, wie sie es bereits in den innerkirchlichen Verfahren getan hatte. Gegenüber Correctiv, der ZEIT und dem BR kündigte Wetter an, keinen Antrag auf Verjährung stellen zu wollen. Ein Sprecher des erzbischöflichen Ordinariats München bat um Verständnis, „dass sich die Erzdiözese München und Freising nicht zu einem laufenden gerichtlichen Verfahren äußert“. Der emeritierte Papst ließ eine Anfrage bis zum Redaktionsschluss ebenso unbeantwortet, wie der ehemalige Priester Peter H.
Im Falle eines Erfolgs der Klage würde die Kirche zwar nicht zur Zahlung eines Schadensersatzes verurteilt, geriete aber weiter unter Druck, ihre Haltung zu Entschädigungen zu überdenken.
(*) der vorhergehende Teilsatz ab „unter“ wurde (23.6.2022, 16:45) korrigiert.
Christliche Soldaten der Wehrmacht – eine Erinnerung zum 81. Gedenktag des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion
Deutsche Soldaten beim Vormarsch nahe der deutsch-sowjetischen Interessengrenze, 22. Juni 1941 (Foto gemeinfrei: Bundesarchiv, Bild 146-2007- 0127 / CC-BY-SA 3.0)
Der größte zusammenhängende Genozid der Geschichte wurde von deutschen Waffenträgern nebst Helfershelfern 1941-1945 ausgeführt und ist doch nicht, wie das 80. Jahresgedenken 2021 auf besonders traurige Weise gezeigt hat, Teil der „nationalen Erinnerungskultur“ in Deutschland geworden.
(Ein Gastbeitrag von Peter Bürger)
1941 setzte die Wehrmacht den in Polen begonnenen „NS-Vernichtungsfeldzug gen Osten“ in der Sowjetunion mit Morden an über 20 Millionen Zivilisten (darunter drei Millionen Juden, sowie Sinti und Roma) und drei Millionen Kriegsgefangenen fort. Die großen Kirchen im Deutschen Reich predigten den Gläubigen, der Gehorsam gegenüber der staatlichen Kriegsobrigkeit sei von Gott verordnet.
Mit Blick auf Jesus von Nazareth muss man an dem Widerspruch, dem David Schmiedel in seiner Dissertation „Du sollst nicht morden“ (2017) aus religions- und geschichtswissenschaftlicher Perspektive nachgeht, irre werden: „Wie konnten christlich sozialisierte Menschen, die an einen gütigen und vergebenden Gott glaubten, einen Krieg führen, der ganze Bevölkerungsteile vernichtete und ganze Landstriche verwüstete? Wie konnten die Soldaten ihre Handlungen im Krieg gegen die Sowjetunion mit Gott rechtfertigen?“ (S. 12) Die Propaganda hatte ihnen die Bevölkerung als „slawische Untermenschen“, gelenkt von einer „jüdisch-bolschewistischen Funktionärsschicht“, vor Augen gestellt. Nachfolgend stelle ich Beispiele aus den von D. Schmiedel in seiner Studie herangezogenen Zeugnissen zusammen.
„Sie opferten sich, wie Christus“
Hitler hatte am 19. September 1939 schon den Sieg über Polen in biblische Sprache gegossen: „Mit Mann und Ross und Wagen, hat der Herr sie geschlagen.“ (S. 179) Der röm.-kath. Militärpfarrer Eickhoff glaubte geschichtstheologisch, „dass die Vorsehung Deutschland vielleicht dazu ausersehen habe, die Sowjetherrschaft zu zerschlagen“ (S. 299). Es schwebte ihm aber auch „vor, eine Einigung der Kulturstaaten herbeizuführen und dann gegen den Bolschewismus mit allen Kräften zu Felde zu ziehen“ (S. 177).
Die deutschen Kirchenleitungen assistierten der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie mit einem „christlich“ aufgeladenen Kreuzzug gegen das ‚Reich der Gottlosigkeit‘. Diese religiöse Hybris, so Schmiedel, „war Teil eines militärischen, kulturellen und rassischen Überlegenheitsgefühls gegenüber den Rotarmisten und gegenüber der Bevölkerung in den besetzten Teilen der Sowjetunion. Für die christlichen Wehrmachtssoldaten, die der Verschmelzung von politischer und religiöser Ideologie anheimgefallen waren, erwuchs ihr Herrschaftsanspruch vor allem aus ihrer Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde – sie waren die Menschen, die Kinder Gottes unter den ‚Tieren‘ und ‚Dämonen‘ der Sowjetunion. … Diese Art des Denkens erlaubte es diesen deutschen Soldaten zu töten, ohne im eigenen Verständnis gegen die Gebote Gottes zu verstoßen. … Doch da die Wehrmachtssoldaten ihrer eigenen Wahrnehmung nach in der göttlichen Ordnung der Dinge über den BewohnerInnen der Sowjetunion standen, waren es folglich auch sie selbst, die für die Verbrechen des sowjetischen Systems sühnen mussten – sie waren in ihrem Selbstverständnis die Einzigen, die es – als christliche Menschen in einem von Gott verlassenen Land – konnten. Die Soldaten wurden damit zu Märtyrern, die durch ihren Tod das vom sowjetischen System angerichtete Unrecht aufhoben und Gottes Ordnung auf Erden wiederherstellten. In dieser Ausdeutung kämpften die deutschen Soldaten nicht mehr für oder gegen eine bestimmte politische Ideologie, sie kämpften für Gott und dessen Ordnung – sie opferten sich, wie Christus es getan hatte“ (S. 454).
„Sie stürzten wie die Tiere über eine Regenpfütze“
Die Botschaft des „Heiligen Krieges“ wirkte als völkisch-religiöses Gemisch, wie es Leutnant Willy Fackler in einem Brief vom 18. August 1941 so zu Wort bringt: „Hier stehen Ordnung gegen Zerfall, Kultur gegen Barbarei, Seele und Geist gegen Materie, Persönlichkeit gegen Masse, im letzten Grunde – Gott gegen den Teufel. So ist dieser Kampf, weil er die Gesetze der Natur – und diese sind göttlichen Herkommens – verteidigt, ein wahrhaft heiliger Krieg. Es wird einen Sieg geben und einen Frieden, in dem die Völker dieser Erde nach ihrer Art und Leistung glücklich werden. Das Wort jenes Dichters leuchtet heute mehr denn je: ‚Am Deutschen Wesen wird einst die Welt genesen!‘“ (S. 160)
Aufhorchen lassen uns die zahllosen von David Schmiedel erschlossenen Belege für Herrenmenschentum und Antisemitismus der christlichen Soldaten: „Es gibt in den wahreren Gesichtern der Russen eine Dämonie zu Zeiten, die uns erschreckt, selbst wenn wir den H(ieronymus). Bosch kennen und ihn ernst nehmen.“ (S. 162) „Und was gibt es schon zu sehen! Juden, Holzhäuser und ärmlich aussehendes Polenvolk und ein Zeichen höherer Kultur sind nur Kirchen.“ (S. 163) „Wenn die Ordnungen durchbrochen werden, wie es geschah, bleibt doch weiß weiß und schwarz schwarz. Neger bleibt Neger. Davon ist natürlich nicht das Verhältnis berührt, das ich zum Nächsten habe, der relativ einen unvergleichlich höheren Wert hat.“ (S. 164) „Sie trägt einen Judenstern auf dem Arm und ein scheußlich jüdisches Gesicht, eins von der unangenehmen Art, so dass man ein Foto von ihr ohne weiteres in den ‚Stürmer‘ aufnehmen könnte. … Wie gesagt, sie gehört zu den typischen Judengesichtern und ist mir daher ziemlich widerwärtig.“ (S. 210) „Zum Kartoffelschälen haben wir uns etliche Jüdinnen an Land gezogen. Es waren tolle Erscheinungen dabei – eine Karikatur könnte auch nicht mehr viel dahin zutun.“ (S. 210) „Du, diese neu erfundene Aufteilung der Menschen in Juden und Arier hat doch ihr Gutes. Die Juden benehmen sich kläglich. Alte Greise ziehen vor uns jungen Sprintern hier ‚untertänigst‘ die Mütze. Pfui, das ist charakterlos. Auch die Knechtschaft soll man würdig tragen.“ (S. 211) „Diese Tage hier haben wir in einem Haus verbracht, in dem auch eine Jüdin Zuflucht gesucht hatte. Sie kauderwelschte auch Deutsch, d.h. natürlich jiddisch. Ihr Gesabbere war einfach furchtbar anzuhören.“ (S. 212) „Unvergesslich wird mir der Zug der russischen Gefangenen bleiben. 20.000 zogen an uns vorüber, ein Völkergemisch, … Sobald eine Regenpfütze auf der Straße glänzte, stürzten sie sich wie die Tiere darüber her und tranken das Dreckwasser. … ‚So hat sie der Herr geschlagen,‘ ging es mir durch den Sinn.“ (S. 436)
„Die Verpflegung ist wieder gut und reichlich“
Die Aneignung der Lebensgrundlagen anderer Menschen wurde den christlichen Rekruten der Wehrmacht schon in Polen beigebracht (S. 103-104) und gilt beim Krieg gen Osten als deutsches Anrecht: „Holz nehmen wir natürlich zuerst von eingestürzten Häusern oder solchen, die nicht mehr bewohnt werden. Wenn es aber in den Winter hinein geht, so werden wohl ganze Häuser zum Bunkerbau dran glauben müssen und manches Haus auch langsam zu Brennholz zerkleinert werden. Was soll der deutsche Soldat schließlich anderes machen. Seine Sicherheit und Gesundheit muss den Belangen der Bevölkerung vorgehen.“ (S. 157) „Die Verpflegung ist wieder gut und reichlich, fast zu viel auf einmal. Auf jeden Fall wird es uns nie schlecht gehen. Die Bevölkerung hier tut mir leid. Sie hat vorher schon sehr wenig besessen. Nun wird ihnen noch vieles genommen. Natürlich muss in erster Linie das Heer versorgt sein. Ich hoffe ja, dass es nach dem Kriege, wenn auch langsam, besser wird. Der Sowjetstaat muss wirklich das Volk ausgebeutet haben.“ (S. 224) „Doch sicherlich brauchten wir die fruchtbare Ukraine als Ernährungsbasis für die weitere Kriegsführung. Das schien mir einleuchtend: Vorsorge treffen, damit die Heimat zu essen hat. Als wir dann an der ehemaligen Kirche vorbeikamen, stieg in mir wieder die Hoffnung auf, dass in einer freien Ukraine vielleicht auch wieder christliche Verkündigung möglich sei.“ (S. 299)
Solche Widersprüche in einem Atemzug – die Räuber beschreiben ohne Scham das eigene Raubhandwerk und klagen gleichzeitig den ‚ausbeuterischen Sowjetstaat‘ an oder rühmen sich als Befreier der Christenheit – sind nur durch Abspaltung des eigenen Tuns erklärbar.
„Der Russe macht sich nichts aus dem Tod“
Sich christlich verstehende, auch sehr fromme Soldaten beschreiben das unentwegte Morden und Zerstören in geradezu lapidaren Wendungen: „Auf einem kleinen Platz standen viele Soldaten und redeten eifrig auf einen Juden ein … Kurz darauf hörte ich einige Pistolenschüsse.“ (S. 209) „Mit großen, tränenlosen Augen sehen die Zivilisten unserm Zerstörungswerk zu. Sie können unser Tun nicht begreifen, zumal sie uns ein paar Minuten vorher noch friedlich das Weihnachtsfest feiern sahen. Das ist ‚Woina‘ – Krieg!“ (S. 222) „Es ist das übliche[:] zerschossene Häuser, brennende Dörfer, verängstigte Zivilisten, jammernde Verwundete und viele Tote.“ (S. 233) „In den Wäldern sind Russen. Mit unseren Geschützen schießen wir auf den Waldrand. Auch Minenwerfer werden eingesetzt. Hin und wieder kommen aus den Feldern russische Soldaten heraus, um sich zu ergeben. Zum Teil werden sie von der Infanterie, die vor uns marschiert, erschossen. … Gestern, so hörten wir, hat man zweimal russische Parlamentäre erschossen, die mit weißer Fahne auf unsere Infanteristen zugekommen sind.“ (S. 246-246) „Mittags sahen wir, wie Fußsoldaten die Kornfelder und Gehöfte absuchten und flüchtige Soldaten aufscheuchten. Das gab ein lebhaftes Geknalle; denn diese Heckenschützen nahm man nicht gefangen. Statt dessen gingen die Gehöfte in Flammen auf, in denen man etliche fand.“ (S. 254) „Iwan hat anständig Federn lassen müssen. Alles junge Kerlchen, teils 15-16 Jahre, stur wie die Panzer. Wie Roboter, hören nicht auf Ruf noch sonst was. Laufen weiter stur. Man muss sie ‚umlegen‘. … Es ist übrigens erstaunlich, in welcher Menge wir neue Waffen herausgebracht haben.“ (S. 308) „Die Zivilbevölkerung hat aus dem Hinterhalt sich an diesen Kämpfen beteiligt. 20 Personen, darunter 2 Frauen, wurden standrechtlich erschossen. Das ist auch mehr wie Recht, denn was Gemeineres gibt es wohl kaum.“ (S. 258) „Es ist tatsächlich so, der Russe … macht sich nichts aus dem Tod, ist stur. Heute wurden bei uns wieder 20 von den Partisanen umgelegt, nicht einer der vorher zusammengeknickt wäre. Für die ist dieser Tod eben so wie jeder andere natürliche auch.“ (S. 259)
Die – hier nur vage angedeutete – Masse der von Schmiedel erschlossenen Dokumente zur ‚christlichen Zeugenschaft‘ des Völkermordes ist erdrückend. Wer z.B. die herangezogenen Briefpassagen des Katholiken Hans Ahrens (ND: Bund Neudeutschland) zusammenliest, findet bündische Lagerfeuerphilosophie, fromme Salven und schlimmste Abgründe zusammengebraut. Am 30./31. August 1941 schreibt dieser ND-Ritter: „Der Russe wird an eine Kuhle geführt, sieht hinein und schon jagt ihm einer eine Kugel durchs Genick, die durch den Kopf geht. Er stürzt vornüber und bekommt im Stürzen noch einen Tritt und schon liegt er auf anderen, die vor ihm in das unbekannte Jenseits befördert wurden. Ein anderer Russe springt dann herbei, schüttet Chlorkalk darüber und schon folgt der Nächste. Das ist ein hartes aber gerechtes Ende, wenn man das Vorhergehende kennt, wiewohl sich über die Methode streiten … Wenn dann letzten Endes die Fröhlichkeit diesem Dunkeln einfach nicht weichen will, so ist doch in unserem Glauben, der sagt, dass in allem ein Sinn sei, – doch: ‚Wer hat des Herrn Sinn erkannt‘! – Eine Kraft und ein Trost, wofür man nicht genug zu danken weiß“ (S. 254-255).
Am 21. März 1942 gibt Wehrmachtssoldat H. Ahrens in einem Brief dann Auskunft über seine Zeugenschaft im Angesicht der Vernichtung der Juden während des sogenannten Russlandfeldzuges: „Die Leichen, die man früher regellos auf einen Haufen warf, werden bereits, so gut es geht, aussortiert und über das halbe Tausend erschossener Juden hat man schon Kalk gefahren. Was im einzelnen noch hier geschah, – davon zu schreiben, ist nicht der rechte Ort.“ (S. 226) Deutsche Handwerksarbeit des Todes – ganz sachlich beschrieben.
Literaturnachweis
David Schmiedel: „Du sollst nicht morden“. Selbstzeugnisse christlicher Wehrmachtssoldaten aus dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Frankfurt: Campus Verlag 2017.
Der Hochsauerlandkreis hat die Errichtung und den Betrieb von drei Windenergieanlagen in Olsberg – Wulmeringhausen (Mannstein I) genehmigt.
(Pressemitteilung HSK)
Der Genehmigungsbescheid und die dazugehörigen Unterlagen liegen in der Zeit von Donnerstag, 23. Juni, bis Donnerstag, 7. Juli, bei den folgenden Stellen aus und können dort während der angegebenen Zeiten eingesehen werden:
Rathaus Olsberg Bigger Platz 6, 59939 Olsberg Montag bis Donnerstag von 8:30 Uhr bis 12 Uhr, Dienstag von 13:30 Uhr bis 16 Uhr, Donnerstag von 13:30 Uhr bis 18 Uhr und Freitag von 7:30 Uhr bis 13 Uhr. Für die Einsichtnahme wird eine vorherige telefonische Anmeldung bzw. eine Terminabsprache unter der Tel.-Nr. 02962/982-249 empfohlen.
Gemeindeverwaltung Bestwig, Bürger- und Rathaus Bestwig Raum 2.25 (Besprechungsraum „Stüppel“), 2. Obergeschoss, Rathausplatz 1, 59909 BestwigMontag bis Donnerstag von 08:30 Uhr bis 12:30 Uhr, Montag bis Mittwoch von 14 Uhr bis 16 Uhr, Donnerstag von 14 Uhr bis 18 Uhr sowie Freitag von 08:30 Uhr bis 13 Uhr.
Voraussetzung für den Einlass in das Verwaltungsgebäude der Gemeinde Bestwig ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes.
Genehmigungsbehörde: Hochsauerlandkreis Untere Umweltschutzbehörde/Immissionsschutz Zimmer 235, Am Rothaarsteig 1, 59929 Brilon Montag bis Freitag von 08:30 Uhr bis 12 Uhr, sowie Montag, Mittwoch und Donnerstag von 14 Uhr bis 15:30 und Dienstag von 14 Uhr bis 17 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung unter 02961/94-3155
Heute Morgen um 7:45 Uhr in Niedersorpe. Wer als Radfahrer im Hochsauerland den Motorrädern ein Schnippchen schlagen will, sollte losfahren, bevor die Biker gefrühstückt haben. Danach kann es nicht nur im Sorpetal ungemütlich werden. (foto: zoom)
Buchpräsentation: Das große Beginnergefühl – Wien, Berlin, Stroheim, Kassel … misik
Depressionen sind keine Einbildung: Für Außenstehende sind Depressionen oft schwer nachzuvollziehen. Für die Betroffenen ist es schwierig zu erklären was mit ihnen los ist. Was wirklich im Gehirn passiert und wieso eine Depression mehr ist als nur ein bisschen Traurigkeit … scilogs
Mastodon – Fazit nach 2 Monaten: Im April haben ich mich bei Mastodon angemeldet und dieses Schritt bis heute nicht bereut. Ganz im Gegenteil, ich habe dort mein Social-Media-Zuhause gefunden. Tolle Menschen, Interaktion ohne Ende, gute Diskussionen und eine interessante Timeline, die nicht von einem Algorithmus gesteuert wird … jansenspott
Ein gelungener Pass ist wie ein gelungener Satz: Was Fußball und Literatur verbindet … revierpassagen
Von elektrischen Zügen und elektrischen Autos: Kaum gibt es ein billiges Ticket für die Züge, da kaufen sich Millionen Menschen(!) eines. Der sonst typische Pfingststau wird zu einem Bahnstau und alle gucken irritiert … unkreativ
Verbraucherzentrale startet Online-Angebot für Fragen rund um Energie: Steigende Energiepreise und der Wunsch vieler Verbraucher nach klimafreundlichen Lösungen führen aktuell der Verbraucherzentrale NRW zu einer großen Nachfrage nach Energieberatung. Um möglichst viele Ratsuchende kompetent und kurzfristig zu informieren, startet nun ein neues Online-Beratungsformat … doppelwacholder
Gefährliches Hobby: Erneut Unfall im Bikepark Winterberg … polizeihsk
Das hing damit zusammen, dass der Finanzvorstand der RWE im Kreistag über die künftige Ausrichtung der RWE vortrug: „Wo steht die RWE AG und wie sieht die Zeitschiene des Ausstiegs aus fossilen Energieträgern aus?“. Immerhin hält der HSK etwa 5,9 Mio Aktien an der RWE und ist damit einer der größten Aktionäre.
Finanzvorstand Müller wies im Kreistag zwar darauf hin, dass „Growing Green“ (grünes Wachstum) das Schlagwort der Energiewirtschaft werde. Der Energiemarkt stehe vor einer Zeitenwende. „Klimaneutralität bis 2040“ – so laute eines der Ziele des weltweit agierenden Energieriesen. Bis 2030 soll der Ausstieg aus der Braunkohle erfolgen. Dies sei notwendig, um die Pariser Klimaziele zu erfüllen. Für die nächsten 10 Jahre seien etwa 30 Mrd Euro Netto-Investitionen für “Grünes Wachstum” vorgesehen. RWE sei “für die grüne Energiewelt bestens aufgestellt”.
Dazu passt aber nicht, dass der RWE-Konzern daran festhält, das Braunkohletagebau Garzweiler am Niederrhein zu erweitern. Auf Nachfrage der SBL und trotz des Hinweises auf die unternehmerische Verantwortung des Energieriesen bestätigte Herr Müller, dass der symbolträchtige Ort Lützerath weggbegaggert werden soll.
Dabei geht es nicht nur um den kleinen Ort, sondern um eine gigantische Erweiterung dieses Braunkohlereviers, die zur Freisetzung von zusätzlich etwa 600 Mio Tonnen CO2 führen wird. Für die Übergangsphase bis zum Vollzug des Kohleausstiegs wäre diese Erweiterung nicht erforderlich, weil in den vorhandenen Braunkohlerevieren in NRW, in Sachsen-Anhalt und in Sachsen ausreichend Abbaumöglichkeiten zur Verfügung stehen. So entstehen Zweifel, ob es sich bei der RWE wirklich um “Growing Green” oder nur um „Green Washing“ handelt.
Auffällig bei diesem Thema war die Zurückhaltung einiger Parteien, die sich Hoffnung machen, der neuen Landesregierung in Düsseldorf anzugehören. Dafür scheint Voraussetzung zu sein, nicht den Erhalt von Lützerath zu fordern.
Informationstafel Parkplatz „Am Friedhof“ Hallenberg. Informative Broschüren stecken im kleinen Kasten rechts. (foto: zoom)
Wenn die große Hitze vorbei ist, könnt ihr auf einer kleinen Naturentdeckerrunde von drei Kilometern in den Nuhnewiesen bei Hallenberg herumstöbern, möglichst bevor die Wiesen gemäht werden.
Der Einstieg ist gegenüber dem Parkplatz „Am Friedhof“, Ortsausgang Hallenberg Richtung Bromskirchen. Vorsicht beim Überqueren der Bundesstraße!
Ich hatte das Naturschutzgebiet schon länger auf dem Schirm, denn der erste Teil des Weges führt über den Radweg Richtung Fledermaustunnel. Der weite Blick über das Tal der Nuhne mit dem dahinterliegenden flachen Bergrücken („Wache“) hatte mich jedesmal angenehm berührt, aber Radfahren verträgt sich nicht mit einer detailverliebten Exkursion durch das größte zusammenhängende Mähwiesengebiet Nordrhein-Westfalens.
Wer gerne Gräser bestimmen mag, ist in den Nuhnewiesen bis zur Sommermahd goldrichtig. (foto: zoom)
Es hat dann mehrere Jahre (!) gedauert, bis ich den Plan endlich umsetzte.
Zur Zeit findet ihr auf den Nuhnewiesen auch meine alte Bekannte, die Schwarze Teufelskralle, die ich schon auf den Winterberger Bergwiesen bewundert hatte:
Am Rand des Naturschutzgebiets fraß sich eine Schafherde durch die Weide.
Schäfer, Hund und Herde (foto: zoom)
Wenn man nach etwas mehr als einem Kilometer den asphaltierten Radweg verlässt, um im Zickzack und in weiten Bögen die eigentliche Wiesenlandschaft zu erkunden, beginnt die kleine Wanderung entspannend und spannend zu werden.
Die Feldlerchen zwitschern, die Wiesenblumen leuchten, Schmetterlinge flattern, die Gräser wiegen sich im Wind und in den Bäumen verpuppen sich die Pflaumen-Gespinstmotten in ihren weißen Netzen.
Nehmt Lupe, Fotoapperat sowie Bestimmungsliteratur bzw. Apps mit und ihr werdet für die drei Kilometer mindestens zwei, wenn nicht drei Stunden benötigen. Die Zeit wird trotzdem wie im Fluge vergehen.
Der Kleine Fuchs speist. (foto: zoom)
Auf dem Rundweg sind insgesamt 10 Stationen ausgeschildert, jeweils auch mit QR-Code. Wir haben es vorgezogen, uns aus der kleinen Broschüre vorzulesen, die es (hoffentlich stets!) an der Info-Tafel am Parkplatz in einer kleinen Box zum Mitnehmen gab.
Wer es ländlich-romantisch und rostig rot mag, für den steht auch was am Wegrand. (foto: zoom)
Sollte die Sonne scheinen, was ich euch wünsche, nehmt eine Kopfbedeckung mit, denn gerade in der offenen Wiesenlandschaft wird der Schädel doch arg bestrahlt. Außerdem: Trinken nicht vergessen!
Senkrecht an der Wand: reife Erbeeren an der alten Eisenbahnbrücke. (foto: zoom)
Unsere Tour hatte gestern am späten Nachmittag begonnen und endete am frühen Abend vor den wilden Erdbeeren an der Mauer der alten Eisenbahnbrücke.
Wir haben die Früchte hängen lassen – für euch. Viel Spaß auf der Runde!
Einsames Warten auf dem Bahnsteig in Siedlinghausen. (foto: zoom)
Am letzten Sonnabend habe ich mir ein 9-Euro-Ticket plus 3-Euro-Fahrradtagesticket online gekauft und bin mit Smartphone und Fahrrad nach Arnsberg gereist.
Passend zum Ticket hatte der Zug aus Winterberg neun Minuten Verspätung, aber das ist für die Deutsche Bahn heutzutage fast überpünktlich.
Die Bahn war moderat belegt, da ich antizyklisch aus Winterberg wegfuhr.
Der Plan war es, einen Freund in Arnberg zu treffen und von dort einen kleinen Ausflug mit dem Rad zu machen. Da wir uns lange nicht gesehen haten, sollte es eine Quatsch-, Tratsch-, und Entdeckerrunde werden.
Die Radtour mit klassizistischen Gartenhäusern, Gedenkstein für ermorderte Polizisten, eine Himmelstour sowie Kaffee und Kuchen an der alten Tankstelle in Wickede haben wir wunderbar abgespult.
Durch den Filter gejagt: das hübschere der beiden Gartenhäuschen. (foto: zoom)
Zu den Bürgergärten mit ihren Gartenhäuschen gibt es bei der Stadt Arnsberg eine recht informative Seite:
Vor Ort befinden sich darüber hinaus zwei Informationstafeln, die den Inhalt der Website widerspiegeln.
Geschichte der Bürgergärten und der Gartenhäuser
Zum Vergrößern auf das Bild klicken. (foto: zoom)
Die klassizistischen Gartenhäuschen
Grundriss und Lage im Bürgergarten (foto: zoom)
Ich war schon häufig in Arnsberg, die Bürgergärten hatte ich aber bislang noch nicht entdeckt. Dabei sind sie nicht weit vom Arnsberger Zentrum entfernt und liegen auch nahe am Ruhrtalradweg.
Auf der weiteren Fahrt kamen wir dann noch am Gedenkstein für die 1979 von einem belgischen 18-jährigen Militärangehörigen ermordeten Polizisten vorbei.
Die Geschichte könnt ihr auf der Tafel lesen.
Zum Vergrößern auf das Bild klicken (foto: zoom)
Soweit der „offizielle“ Teil des Ausflugs. Die Klatsch- und Tratschgeschichten sind mir leider alle wieder entfallen, sonst hätte ich sie hier genüsslich ausgebreitet. 😉
Die Rückfahrt mit dem Zug von Arnsberg wurde etwas chaotisch. Online, auf der Bahn-App, war alles im Lot, aber am Bahnhof selbst wurden Verspätungen durchgesagt.
„Wer weiß, ob die Züge am Ende nicht ganz ausfallen“, habe ich mir gesagt und bin mit Schwung nach Meschede weitergeradelt. Dort traf die letzte Bahn des Tages mit 20 Minuten Verspätung ein und hat mich mit nach Siedlinghausen genommen.
Zur Not hätte ich die letzten Kilometer mit dem Rad herunter- bzw. hinauf trampeln können, aber wenn ich schon das 9-Euro-plus Fahrradtagesticket auf dem Smartphone habe, will ich es auch ausnutzen.
Seither habe ich das Ticket nicht mehr verwendet, obwohl ich gerne nach Kassel gefahren wäre. Doch zwischen Warburg und Bahnhof Wilhelmshöhe ist zur Zeit SEV (Schienenersatzverkehr), und ich weiß nicht, ob ich mich in der ansteigenden Corona-Welle gerne in einen Bus setzen möchte, dessen Auslastung ich nicht einschätzen kann.
Die Bahnfahrt am Sonntag hat mir eine Kachel auf der Corona-Warn-App eingebracht. Waren es die Nasenpimmel oder die blauen OP-Masken?
Wieso haben so wenige Menschen nach über zwei Jahren Pandemie noch nicht gelernt, dass OP-Masken keine FFP2-Masken sind und auch weniger Schutz bieten? Oder ist es eine Frage des Geldbeutels?
Schmiergeldverdacht bei Maskengeschäft des Bundesgesundheitsministeriums über 540 Millionen Euro
Bei einem der teuersten Verträge des Bundesgesundheitsministeriums im Kampf gegen Corona häufen sich Ungereimtheiten. Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt.
(Pressemitteilung WDR)
Neue Dokumente lassen nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung eine Masken-Großbestellung des Bundesgesundheitsministeriums beim Schweizer Handelsunternehmen Emix in einem immer fragwürdigeren Licht erscheinen. Am 24. April 2020 bestellte das Ministerium für 540 Millionen Euro 100 Millionen FFP2-Masken, also zum Preis vom 5,40 Euro pro Stück, bei Emix. Dabei hatte der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nur zwei Tage vorher im Gesundheitsausschuss des Bundestags Maskenpreise von 4,50 Euro als „über dem üblichen Marktpreis gelegen“ bezeichnet. Laut dem nicht-öffentlichen Wortprotokoll der Ausschusssitzung hat Spahn außerdem die anderweitige Lieferung von 100 Millionen FFP2-Masken angekündigt. Damit wäre das „Gesundheitswesen in den nächsten Monaten gut versorgt“.
Auf Anfrage bestätigte das inzwischen vom SPD-Politiker Karl Lauterbach geführte Gesundheitsressort, dass der damalige Minister Spahn den 540-Millionen-Deal mit Emix genehmigt hatte. Jens Spahn ließ über seinen Sprecher erklären, dass sich die von NDR, WDR und SZ gestellten Fragen zu dem Deal „in ihrer Detailtiefe der Nachvollziehbarkeit bzw. Erinnerung entziehen“. Damals hätten „Wild-West-Zustände“ auf dem Masken-Markt geherrscht. Er, Spahn, und die Regierung hätten in einer „hoch-dynamischen Situation“ Schutzmasken besorgen müssen.
Nicht nur der Preis des Deals wirft Fragen auf, sondern auch der Zeitpunkt. Denn am 8. April 2020 hatte der Bund enorme Lieferzusagen im so genannten Open-House-Verfahren erhalten. Demnach sollten bis zum 30. April mehr als eine Milliarde FFP2-Masken im Wert von 4,7 Milliarden Euro an den Bund geliefert werden. Wieso das Ministerium nur sechs Tage früher weitere 100 Millionen Masken zu einem deutlich höheren Preis bei Emix orderte, beantwortete das Ministerium nicht konkret. Es verwies lediglich darauf, dass man nicht genau gewusst hätte, wie viel Masken die Open-House-Lieferanten tatsächlich liefern würden.
Profitiert von den Maskenbestellungen haben bei Emix nicht nur die Firmeninhaber, sondern auch die Vermittler Andrea Tandler und ihr Partner Darius N. Andrea Tandler ist die Tochter des ehemaligen CSU-Generalsekretärs Gerold Tandler. Sie hatte den direkten Kontakt ins Ministerium von Jens Spahn über die CSU-Europaabgeordnete Monika Hohlmeier, die Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß, gesucht. Tandler und Darius N. haben von Emix für die Vermittlung von Corona-Schutzwaren an deutsche Ministerien insgesamt 48 Millionen Euro Provision erhalten. Der allergrößte Teil der Geschäfte lief mit dem Bundesgesundheitsministerium, das im März und April 2020 insgesamt vier Verträge mit Emix schloss.
Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt in dem letzten großen Emix-Deal gegen Andrea Tandler und Darius N. wegen des Verdachts der Bestechung. Lauschaktionen der Ermittlungsbehörden haben ergeben, dass Darius N. bei einem Gespräch mit Andrea Tandler gesagt haben soll, man sei zu Dritt in einem Boot. In einem weiteren Gespräch soll N. eine Berechnung der Provisionsgelder vorgenommen haben, die aus Sicht der Ermittlungsbehörden ebenfalls darauf schließen lasse, dass möglicherweise eine weitere Person profitieren sollte.
Die Staatsanwaltschaft Berlin will herausfinden, ob es diese ominöse dritte Person gibt und wenn ja, wer es sein könnte. Tandler und N. bestreiten die Vorwürfe entschieden unter Berufung auf die ebenfalls ermittelnden Münchener Ermittlungsbehörden. Der Sprecher von Gesundheitsminister Lauterbach teilte mit, dass dem Ministerium „keine Hinweise“ auf Bestechlichkeit vorliegen und man weder etwas von Rückvergütungen noch von anderen Kick-Backs wisse.
In der Zeit von 1945 bis 2020 sollen mindestens 196 Kleriker aus dem Bistum Münster sexuellen Missbrauch an Minderjährigen begangen haben – konkret handelte es sich um 183 Priester, einen ständigen Diakon und 12 Brüder einer dem Bischof lange Zeit unterstellten Ordensgemeinschaft.
(Pressemitteilung WWU Münster)
Dies ist das zentrale Ergebnis einer im Jahr 2019 begonnenen Studie, die ein Wissenschaftsteam der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster am Montag (13. Juni) vorgestellt hat. „Die Bischöfe und andere Verantwortliche in der Bistumsleitung wussten über die Taten zum Teil ausführlich Bescheid“, betont Prof. Dr. Thomas Großbölting, der mit Prof. Dr. Klaus Große Kracht hauptverantwortlich für die Studie ist. „Nicht erst seit dem Jahr 2010 – als der Missbrauchsskandal in der deutschen Öffentlichkeit hohe Wellen schlug – war ihnen in vielen Fällen bekannt, dass Priester des Bistums Münster Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene sexuell missbraucht haben.“
Bezogen auf die Gruppe der Priester macht die Zahl von 196 Beschuldigten rund vier Prozent aller Priester in der Diözese zwischen 1945 und 2020 aus. Bei fünf Prozent der Täter könne man von „Serientätern“ sprechen, da sie für mehr als zehn Taten verantwortlich seien. Die Zahl der Betroffenen liegt den Wissenschaftlern zufolge bei mindestens 610 Personen, wobei das Dunkelfeld „erheblich höher“ liegen dürfte – die Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Zahlen acht bis zehn Mal höher liegen. Viele der Betroffenen erlebten wiederholt sexuellen Missbrauch durch die Täter, in 43 Fällen habe es „starke körperliche Gewalt“ gegeben. Die psychischen und physischen Folgen der Tat begleiteten und begleiten sie oft ihr Leben lang. Etwa drei Viertel der Betroffenen waren männlich, ein Viertel weiblich. Häufig besaßen sie über den Ministrantendienst oder andere Gruppierungen eine enge kirchliche Bindung, die die Täter skrupellos ausnutzten.
Die Forscher fanden bei ihrem Aktenstudium heraus, dass ein Großteil der beschuldigten Geistlichen lediglich versetzt wurde, ohne in ihren seelsorglichen Tätigkeiten eingeschränkt zu werden. „Die erschreckende Bilanz lautet, dass bis über das Jahr 2000 hinaus die Personalverantwortlichen des Bistums Münster ihrem Wächteramt im Hinblick auf den sexuellen Missbrauch durch Kleriker der Diözese nicht gerecht geworden sind“, unterstreicht Klaus Große Kracht. „Sie haben vertuscht, geschwiegen und lediglich vordergründig eingegriffen, wenn es darum ging, einen öffentlichen Skandal zu vermeiden. Die Betroffenen hatten sie nicht im Blick.“
Dieses „massive Leitungsversagen“ betrifft demnach die Amtszeiten der Bischöfe Michael Keller (1947 – 1961), Joseph Höffner (1962 – 1969), Heinrich Tenhumberg (1969 – 1979) und Reinhard Lettmann (1980 – 2008) gleichermaßen. Selbst unter Bischof Felix Genn (seit 2009) brauchte die Bistumsleitung zunächst eine gewisse Zeit, bis sie gegen Missbrauchstäter in den eigenen Reihen so rigoros und unzweideutig vorging, wie es in den vergangenen Jahren zum Standard im Bistum Münster geworden ist.
Die Forscher der Universität Münster – eine Sozialanthropologin und vier Historiker – zeichnen das Ausmaß wie auch die Entwicklung und Auswirkungen des sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster anhand von zwölf Fallbeispielen, einer quantitativen Bilanz sowie einer Untersuchung verschiedener Akteursgruppen nach, die mit dem Wissen um den Missbrauch im Bistum Münster in Kontakt kamen. Darunter befinden sich die Gruppe der Therapeuten sowie die sogenannten Bystander, also jene Personen, die in den jeweiligen Gemeinden über die Missbrauchsvorwürfe Kenntnis hatten, aber nicht einschritten. Daran könne man, berichten die Wissenschaftler, nicht nur die lange Zeit „feste Verankerung der Pastoralmacht der Priester, sondern auch die Bedeutung des Klerikalismus von unten“ erkennen. Zudem beleuchteten die Wissenschaftler in ihrer Analyse die inneren Machtverhältnisse und Kommunikationsstrukturen in der Bistumsleitung, die in vielen Fällen die Vertuschung erst möglich gemacht haben.
Freier Download der Studie
Die Forscher betonten, dass sie die kirchlichen Akten des Bistums ungehindert einsehen konnten und mit zahlreichen Betroffenen gesprochen haben. Die Studie steht unter folgender Adresse zum freien Download zur Verfügung: https://go.wwu.de/aubim-studie.
Zudem haben die Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Forschung in zwei Büchern vorgelegt:
Bernhard Frings/Thomas Großbölting/Klaus Große Kracht/Natalie Powroznik/David Rüschenschmidt: Macht und sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Betroffene, Beschuldigte und Vertuscher im Bistum Münster seit 1945, Freiburg i. Br.: Herder 2022, 589 Seiten.
Thomas Großbölting: Die schuldigen Hirten. Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, Freiburg i.Br.: Herder 2022, 288 Seiten.
Zur Studie
Das Projekt, das die Jahre 1945 bis 2020 umfasst, begann am 1. Oktober 2019. Die Initiative für die auf zweieinhalb Jahre angelegte Studie ging vom Bistum Münster aus, das dafür rund 1,3 Millionen Euro zur Verfügung stellt. Hauptverantwortlich für die Studie sind Prof. Dr. Thomas Großbölting (ehemals Universität Münster, jetzt Forschungsstelle für Zeitgeschichte der Universität Hamburg) und Prof. Dr. Klaus Große Kracht (Universität Münster). Ein achtköpfiger Beirat begleitet die Forschung und berät bei der Beachtung wissenschaftlicher und juristischer Standards. Auch drei Betroffene, darunter der Initiator einer Selbsthilfegruppe, sind vertreten.
Wenn Sie Fragen zum Projekt haben oder als Betroffener oder Zeitzeuge Informationen weitergeben möchten, nutzen Sie bitte folgende email-Adresse: missbrauchsstudie@uni-muenster.de oder wenden Sie sich persönlich an einen der Mitarbeiter*innen des Forschungsprojektes.
Die Entwicklung der 7-Tage-Inzidenz (RKI) im Hochsauerlandkreis seit dem 24. Mai 2022 (Quelle: Corona-Dashboard HSK)
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