Aufrüstung, Krieg und Verbrechen – 1. September 1939.

Die polnische Stadt Wieluń nach der Bombardierung der deutschen Luftwaffe am 1. September 1939, dem ersten Tag des Zweiten Weltkriegs (aus einem Flugzeug aufgenommen). Quelle: s.u. [1]
“Der Krieg. Wehrmacht und Verbrechen 1939-1945

Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Er wurde von der Wehrmacht vor allem in Ost- und Südosteuropa als Eroberungs- und Vernichtungskrieg geführt.

Millionen Zivilisten fielen der Hungerpolitik in den besetzten Gebieten, der Zwangsarbeit und Erschießungen zum Opfer. Sechs Millionen Juden sowie zwischen 100.000 und 500.000 Sinti und Roma wurden ermordet. Die Wehrmacht leistete dabei bereitwillig Hilfe und beteiligte sich selbst an den Morden.” [2]

“Der Luftangriff auf Wieluń […] wird von Historikern als erstes Kriegsverbrechen beim deutschen Überfall auf Polen angesehen und ist nach Zeugenaussagen zeitlich vor dem Beschuss der Westerplatte erfolgt und damit die erste militärische Aktion im Zweiten Weltkrieg.” [3]

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Video-Link: https://twitter.com/i/status/1168113062169198593

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Quellen:

[1] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zniszczenia1939_0.jpg

[2] Jens Christian Wagner (Hg.), Aufrüstung, Krieg und Verbrechen, Die Wehrmacht und die Kaserne Bergen-Hohne, Begleitband zur Ausstellung, Göttingen 2020, S. 39.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_auf_Wielu%C5%84

Kirche & Weltkrieg: Wehrmachtbischof Franziskus Justus Rarkowski (1873-1950) sparte nicht mit Hitler-Verehrung.

Kopie des Buchumschlags (Bild: Peter Bürger)

Der „katholische“ Wehrmachtbischof Franziskus Justus Rarkowski sparte nicht mit Hitler-Verehrung – nach Auskunft seines Generalvikars war das Militär bei der Abfassung von Hirtenworten beteiligt.

(Gastbeitrag von Peter Bürger)

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Kriegsworte von Feldbischof Franziskus Justus Rarkowski.
Edition der Hirtenschreiben und anderer Schriften 1917 – 1944.
Bearbeitet von Peter Bürger, mit Beiträgen von Johannes Apold und Heinrich Missalla.
ISBN 978-3-7543-2454-7 (Paperback, 624 Seiten, Preis 19,80 Euro)

Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis hier auf der Verlagsseite
https://www.bod.de/buchshop/kriegsworte-von-feldbischof-franziskus-justus-rarkowski-franz-justus-rarkowski-9783754324547
Oder: ISBN 978-3-7543-2143-0 / Ausgabe mit festem Einband https://www.bod.de/buchshop/kriegsworte-von-feldbischof-franziskus-justus-rarkowski-franz-justus-rarkowski-9783754321430

Internetseite zum Editionsprojekt „Kirche & Weltkrieg“ (bisher erschienene Bände):
https://kircheundweltkrieg.wordpress.com/buchreihe/
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Am 19. Februar 1938 kamen die Generale Keitel und Brauchitsch bei einem Diplomatenessen im Haus des Reichspräsidenten auf den Nuntius des Vatikans zu und „bedankten sich, dass sie einen Feldbischof bekämen“ (Zeitzeugnis Walter Adolph). Die Militärs bekamen genau den Bischof, den sie gewünscht hatten, und würden von diesem auch nie enttäuscht werden: Franz Justus Rarkowski (1873-1950).

Das renommierte römisch-katholische „Lexikon für Theologie und Kirche“ würdigte 1962 das Militärkirchenwesen in Hitlers Wehrmacht und dessen Spitze rigoros mit Stillschweigen. Das ganze Kapitel wollte man am liebsten für immer vergessen. Die us-amerikanischen Autoren Gordon C. Zahn (pax christi) und Guenter Levy durchkreuzten jedoch 1965 diesen Vorsatz mit zwei Buchkapiteln. Im Rahmen einer erhitzten Aachener Kirchenzeitungsdebatte verglich ein Verteidiger des deutschen Militärkirchenwesens diese Veröffentlichungen noch 1969 mit „östlicher Agitprop“.

Erst 1976 kam der katholische Student Johannes Apold (Uni Bochum) bei der Forschung einen bedeutsamen Schritt weiter. Er reiste trotz „Ausladung“ einfach unangemeldet nach Bamberg zu Georg Werthmann, dem gewesenen Wehrmacht-Generalvikar (und auch ersten kath. Generalvikar der Bundeswehr). Dieser hatte etwa drei Jahrzehnte lang das Archiv der kath. Wehrmachtseelsorge wie seinen Privatbesitz (!) behandelt, im eigenen Interesse auch ganz neu „geordnet“ bzw. sortiert. Im Bonner Militärbischofsarchiv durfte J. Apold dann trotz Werthmanns Empfehlung erst nach wiederholtem, hartnäckigem Vorsprechen Schriftgut einsehen und kopieren – allerdings nur unter Zeitdruck.

Besonders zwei nachfolgende Veröffentlichungen des Theologen Heinrich Missalla (Studie 1978, Quellenauswahl 1997) machten es „an sich“ auch im katholischen Selbstlobkollektiv unmöglich, den Ruf des Wehrmachtbischofs F. J. Rarkowski noch irgendwie zu retten. Man betonte ab jetzt, er sei ein „deutsch-nationaler Außenseiter“ und außerdem kein Mitglied der Bischofskonferenz gewesen. Ganz stimmig ist dieses Narrativ nicht. Der Paderborner Erzbischof Lorenz Jaeger[1] hat z.B. den Militärbischof nachweislich sehr geschätzt und ließ sich auch von dessen Texten inspirieren.

In den ellenlangen Publikationsreihen der kircheneigenen Zeitgeschichtsforschung gab es bislang nie etwas Platz für einen Rarkowski-Band. Seit einer Woche liegt jetzt aber die erste vollständige Edition der „Kriegsworte von Feldbischof Franziskus Justus Rarkowski“ im Rahmen des Projekts „Kirche & Weltkrieg“[2] vor. Die Zeiten ändern sich. Vier kirchliche Archive musste ich als Herausgeber wegen offener Fragen, fehlender Texte und Bildrechte konsultieren. Es wurde in jedem Fall freundlich geholfen.

„Hitlers Feldbischof“ – ein Hochstapler?

Eine eigentliche Biographie zu Franz Justus Rarkowski, dem Sohn eines begüterten Zentrumspolitikers in Allenstein (Ostpreußen), gibt es nicht. Genau besehen weiß man so gut wie nichts über seinen Werdegang. Die staatliche Schule verließ er ohne Abitur. Als Ordensmitglied der Maristen soll er im Ausland (Belgien, England, Österreich, evtl. auch Schweiz) diverse, nicht näher bezeichnete Studien der Gotteswissenschaft unternommen haben. Hat ihn dann der Fürstbischof von Brixen (Tirol) 1898 für die Ordensgemeinschaft, aus der er noch nicht ausgeschieden war, oder für das ostpreußische Heimatbistum zum Priester geweiht?

Zu einem nicht nachweisbaren Zeitpunkt vor dem 1. Weltkrieg kehrt Rarkowski in seine Geburtsdiözese Ermland zurück, erfüllt dort aber nicht die Bildungsvoraussetzungen zur Übernahme einer ordentlichen Pfarrstelle. Als sogenannter „Kuratus“ verlässt er im August 1914 die ihm anvertrauten Gläubigen und wechselt zur Militärkirche, wo er Gunst beim Feldpropst Heinrich Joeppen findet.

1917 erscheint sein mit vielen touristischen Front-Erinnerungen angereichertes Kriegsbuch „Die Kämpfe einer Preußischen Infanterie-Division zur Befreiung von Siebenbürgen“. Im Sprachgebrauch des Militärs nennt man die systematische Tötung vieler Menschen „Säuberung“, und diese blasphemische Gewohnheitsübung von Waffenträgern übernimmt der Verfasser, ein geweihter Priester, an nicht wenigen Stellen seiner Darstellung.

F.J. Rarkowski hat im 1. Weltkrieg als Feldseelsorger sein passendes männerbündisches Lebenselement gefunden – und die Militärs erwidern seine Liebe. Am 29. April 1930 teilt Reichswehrminister Wilhelm Groener dem Berliner Ortsbischof mit, fehlende Reife- und Pfarrerprüfung seien aus Sicht des Kriegsministeriums überhaupt kein Problem gewesen. Rarkowski habe im Rahmen des Militärkirchenwesens diesbezügliche Dispense erhalten, verfüge über eine ausgeprägte Befähigung zur Armeeseelsorge und erfreue sich – bis in hohe Ränge hinein – guter Zeugnisse von militärischen Vorgesetzten.

1929-1936 war F.J. Rarkowski Beauftragter für die Seelsorge an den Katholiken der deutschen Reichswehr und Wehrmacht, 1936-1938 Apostolischer Administrator für die Angehörigen der deutschen Wehrmacht und schließlich 1938-1945 Katholischer Feldbischof der deutschen Wehrmacht. Schon vor 1938 hat er diverse Texte „für Führer, Volk und Vaterland“ verfasst. Aufgrund welcher Kenntnisse bzw. Aktengrundlage machten Papst Pius XI., dessen unselige rechte Hand Eugenio Pacelli und der Berliner Nuntius diesen umstrittenen Mann zum höchsten Militärseelsorger und geweihten Bischof über Millionen katholische Soldaten in Deutschland? Es wäre an der Zeit, dass der Vatikan heute darüber Rechenschaft ablegt.

„Bewährung im Dienste des Führers“

Insgesamt 56 „Hirtenschreiben“, Aufsätze für eine Soldaten-Zeitungsbeilage „Glaube & Kampf“ und ausgewählte Dokumente (samt zwei Vergleichstexten) enthält die zweite Abteilung der neuen Quellenedition zu F.J. Rarkowki. Zwei dokumentierte Darstellungen von Johannes Apold und Heinrich Missalla, ein Stichwortregister sowie die zusätzliche Möglichkeit des „digitalen Abtastens“ auf unserer Projektseite erleichtern die inhaltliche Erschließung dieser Texte.

Das theologische Niveau wird besonders schmerzlich sichtbar, wo der von Sexualängsten gepeinigte Militärbischof über Manneszucht und eine „Sauberkeit der Gedanken“ nachsinnt oder seine Erkenntnis mitteilt, dass eigentlich nur die Deutschen über eine voll ausgereifte Gemütstiefe zur Feier der heiligen Weihnacht verfügen.

Wie man die abstrusen und hochpeinlichen Texte zur Kriegsertüchtigung religionsgeschichtlich einordnen soll, mag offengelassen werden. Sie bezeugen trotz uferloser Klerikalpathetik (und vermeintlich frommer Lyrik-Beigaben) auf jeden Fall nicht den Glauben des Jesus von Nazareth.

Die Hitler-Nennung in den Rarkowski-Texten erschließt sich über die Wortfeld-Statistik wie folgt: „Hitler“ (7 mal); „Führer“ (55 mal); „Oberster Befehlshaber“ (29 mal); „Feldherr“ (2 mal). Der Wehrmachtbischof lobt wiederholt die „nationalsozialistische Revolution“ mit ihren großen Errungenschaften (wider alle „Entartungen“) und wünscht, dass sich die katholischen Soldaten „im Dienste des Führers“ bewähren. Adolf Hitler gilt ihm als die höchste weltliche Autorität: „Unsere Feinde, gegen die wir nunmehr den deutschen Lebensraum zu verteidigen haben“, wollten „die Vernichtung all dessen, was unser Führer geschaffen hat“.

Die weitere Wortfeld-Statistik liefert noch andere Hinweise darauf, wo das Herz des obersten deutschen katholischen Wehrmachtklerikers besonders erregt war – zum Beispiel: „Volk“ (etwa 650 mal), „Deutschland, deutsch“ (mehr als 600 mal), „Heimat“ (240 mal), „Sieg“ (182 mal), „Vaterland“ (121 mal), „Christus“ (101 mal), „Jesus“ (12 mal). Immerhin, „Christus“ ist gegenüber Hitler mit acht Nennungen im Vorsprung.

Wer die im Register der Edition zu den nachfolgenden Stichwörtern angegebenen Seiten nachliest, gelangt am schnellsten zur Kenntnis des bischöflichen Kriegsstandpunktes: „Blutgemeinschaft (Blut und Boden)“, „Bolschewismus, Bolschewik (Politkommissar)“, „Dolchstoßlegende, Revolte in der Heimat (als Ideologiekomplex)“, „Endsieg“, „Entscheidungskampf“, „Existenz des Volkes“, „Höchstes – höchste Werte …“, „Krieg, gerechter“, „Lebensrechte, deutsche (Existenzkampf des Volkes; Kampf des Lebens; Lebensbehauptung; Lebensgesetz; Lebensraum, Sein/Nichtsein)“, „Schicksalskampf“, „Untermenschentum“, „Versailles“, „Verteidigung, verteidigen“.

Franz Justus Rarkowski befand sich in vollständigem Einklang mit der Kriegsdoktrin des NS-Staates und kam offenbar nicht auf die Idee, man könne auf diesem Feld zum Häretiker werden. Es gab aber sehr wohl in der römischen Glaubenskongregation ein theologisches Gutachten mit der Klarstellung, dass die nationalsozialistische Kriegsdoktrin (für ein Großreich der „Arier“) mit dem Christentum schier unvereinbar ist.
Im Juli 1941 ergreift Kriegsbischof F. J. Rarkowski das Wort zum begonnenen Vernichtungsfeldzug gegen die Völker in der UdSSR, was im deutschen NS-Radio Widerhall findet. Er beschwört jenen Kreuzzug, den der „Führer gerade heute vor 20 Jahren an der Spitze einer kleinen Schar begonnen, und den er nunmehr als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht für die ganze europäische Kulturwelt gegen die bolschewistische Barbarei führt“. Es bestehe kein Zweifel, „dass wir Deutsche nunmehr das Herzvolk Europas geworden sind“, berufen zu jener Entscheidung, „die den Bolschewismus für alle Zeiten aus der Geschichte vertilgt“. Der Bolschewismus, „das dämonische Regime der Barbarei“, bewirke, dass „der Mensch in den Bereich des Tierhaften herabsinkt“.

Endredaktion und Zensur durch das Militär?

Auf einen ungeheuerlichen Umstand bei der „Redaktion“ der Militärbischofsworte hat Heinrich Missalla – zuerst 1978 – so aufmerksam gemacht:

Bei der Beurteilung der Hirtenbriefe und der Person Rarkowskis ist die Berücksichtigung der Tatsache unerlässlich, dass er ständiger Kontrolle unterlag. Nach den Aufzeichnungen Werthmanns wurden die Hirtenbriefe des Feldbischofs wegen der Einordnung der Militärseelsorge in das Oberkommando des Heeres (OKH) / Allgemeines Heeresamt / Amtsgruppe Seelsorge in folgenden Etappen überwacht:

Zunächst behielt sich der Amtsgruppenchef das Recht vor, Hirtenbriefe des Feldbischofs vor ihrer Herausgabe zu überprüfen. Oberst Edelmann tat dies in der guten Absicht, den Gegnern der Feldseelsorge keinen Grund zum Einschreiten zu geben. Seine Tätigkeit bei dieser Zensur bestand vor allem in der Sorge dafür, dass der „Führer“ jedesmal genannt wurde. Fast immer wurde von ihm – geeignet oder unpassend – eine Apostrophierung des „Führers“ eingeflickt.

Zusätzlich zu dieser Zensur (Vorzensur) wurde im weiteren Verlauf des Krieges eine Vorlage der Hirtenbriefe beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW)/Inland eingeführt. Oberstleutnant Wulff war bei der Überprüfung der Hirtenbriefe sehr großzügig und hat selten etwas moniert. […] In der zweiten Hälfte des Jahres 1944 kam zu diesen zwei Zensurstellen noch eine dritte hinzu: der Nationalsozialistische Führungsoffizier beim OKH. Dieser hatte jedoch keine Möglichkeit mehr, seine Zensurtätigkeit auszuüben, da vom Frühjahr 1944 bis zum Ende des Krieges […] kein Hirtenbrief mehr herausgegeben wurde.“

H. Missalla: Die Kirchliche Kriegshilfe[3]

Unter der Annahme, dass Werthmanns Darlegungen keine apologetischen „Schutzbehauptungen“ sind, ergibt sich folgendes Bild: Die römische Kirche erwirbt in der frühen Phase des NS-Staates das fragwürdige „Privileg“ einer militärkirchlichen Präsenz im zukünftigen Heer der deutschen Faschisten (Konkordat: Militärkirche samt Personal faktisch als Teil des Militärs) und schafft sodann durch die Ernennung eines dem Militär genehmen Wehrmachtbischofs eine der Voraussetzungen dafür, dass das Militär sogar die bischöflichen Verlautbarungen der Militärkirche redigieren kann.

Auch eine unter Druck oder Verweis auf Gehorsamseid vorgenommene Zensur der militärischen Vorgesetzten braucht freilich zum Erfolg ein irgendwie „ideologisch kooperationsbereites“ Gegenüber in der Militärkirche.

Nicht nur aus pazifistischer Sicht wäre die Kirche hier zum Objekt geworden, von dem man etwas gegen ein Zugeständnis von Wirkungsfeldern für geweihte Akteure und entsprechende Refinanzierungen verkaufen kann, sofern insbesondere die kirchenrechtlichen Bestimmungen für Sakramentenspendung und andere Riten – wie unter F.J. Rarkowski – peinlich genau eingehalten werden. Wer hat die klerikalen Akteure, die sich für Besitzer der Kirche hielten und ihre eigene Bedeutsamkeit mehren wollten, zu einem solchen Geschäft mit der Tötungsapparatur des NS-Staates ermächtigt?

Und der Generalvikar von Wehrmacht und Bundeswehr?

Schon seit Jahrzehnten können nur noch rechtskatholische Ignoranten bestreiten, dass die zugespitzte Bezeichnung „Hitlers Feldbischof“ für den obersten Vertreter der nominell katholischen Wehrmachtseelsorge angesichts der Flut von entsprechenden Zeugnissen nicht polemisch, sondern durchaus sachgerecht ist.

Beharrlicher musste freilich das Ehrenkleid von F. J. Rarkowskis Generalvikar – nachfolgend auch erster Generalvikar der Bundeswehr – reinlich gehalten werden. Mit Klugheit und Umsicht, so wird immer noch weitererzählt, habe Georg Werthmann als der „zweite Mann“ der Militärseelsorge 1939-1945 viel Schlimmes verhütet.

Hat er nun geholfen, der Gottesliebe in den Abgründen des Völkermordens einige Inseln zu erhalten, oder hat er – ohne Anhänger der NSDAP zu sein – sich mit „geistlichen Waffen“ am Lebensraum-, Ressourcen- und Vernichtungskrieg der NS-Wehrmacht gen Osten beteiligt?
Zum Christfest 1941 predigte Generalvikar Georg Werthmann den Lesern eines ökumenischen Massendrucks für die Kriegsfront als geistlicher Vertreter des Militärs:

„Doch das wisst ihr selbst genug, dass Weihnachten das Fest der Kameradschaft ist. Sie war der Reichtum eures Soldatenlebens in den schweren Kampftagen dieses Jahres, die hinter euch liegen, und die oft gigantische Wucht des Ringens mit dem bolschewistischen Gegner hat dieser Kameradschaft eine besondere Tiefe und Kraft gegeben. Nun aber ist es Weihnachten geworden, die Hand streckt sich dem treuen Waffengefährten entgegen, und das Herz grüßt die Heimat […], die ihr […] schütztet vor allen Hassern und Neidern, vor allem aber vor dem Untermenschentum und dem Vernichtungswillen östlicher Barbarei. […] Geht mutig und froh an eure Aufgaben, wenn die Weihnachtskerzen erloschen sind, und haltet euch bereit, jeden Augenblick wieder nach dem Schwerte zu greifen, wenn es zur Sicherung unseres großen Reiches nottut.“
Wehrmacht-Generalvikar G. Werthmann, Advent 1941

Das in Wirklichkeit laut eigenem Bekunden von Georg Werthmann verfasste, von F.J. Rarkowski nur unterzeichnete Hirtenschreiben für die Fastenzeit 1944 warnte kampfmüde Soldaten vor der „Melodie des Versuchers“, sah an der Kriegsfront im Osten „die Tore der Schule Gottes weiter aufgetan als“ irgendwo sonst und endete mit dem Wunsch, die „Kraft des Herrn“ möge die Soldaten der Wehrmacht befähigen, „das Beste zu geben für Führer, Volk und Vaterland“.

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Der hier mit Erlaubnis des Verfasser neu edierte Beitrag stammt aus dem Online-Magazin telepolis, 31.07.2021. https://www.heise.de/tp/features/Franziskus-Justus-Rarkowski-1873-1950-6152210.html
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[1] http://upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Links/PB-IKvU-Lorenz-Jjaeger-20201215NEUABDRUCK.pdf

[2] https://kircheundweltkrieg.wordpress.com/

[3] http://www.friedensbilder.de/KathDisk/_K&W08_digitalbibliothek.pdf

Umleitung: 80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion, „Mitte-Studie“, Kritik an BILD, das Gendersternchen ein Streichquartett und mehr.

Morgensonne über Silbach (foto: zoom)

Luftblasen, die Seifenlauge und Laschet: Was macht eine Partei stark? Die Zahl ihrer Mitglieder? Ihr Wahlprogramm? Oder ihr Spitzenkandidat? Die Menge der Mitglieder kann es nicht sein … postvonhorn

80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion: Mörderische Pläne … neuesdeutschland

Der größte Genozid der Geschichte: “Antislawismus” als Völkermord-Ideologie hinter dem deutschen Vernichtungskrieg im Osten … telepolis

Nationale Wochenzeitung: Seit 35 Jahren gibt es die neu-rechte Zeitung „Junge Freiheit“. Ihre Geschichte ist auch die Geschichte der Normalisierung rechter Diskurse in der Bundesrepublik … derrechterand

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat ihre neue „Mitte-Studie“ vorgestellt: Daraus geht hervor, dass der überwiegende Teil der gesellschaftlichen Mitte zwar zur demokratischen Staatsform steht, doch ist diese zunehmend durch einen gestiegenen Populismus gefährdet, der ein Einfallstor zum Rechtsextremismus bietet … blicknachrechts

Shitstürme und Fake News in unsozialem Medium: Das BILD-kritische Buch von Mats Schönauer und Moritz Tschermak … scilogs

Funktioniert das Gendersternchen (und wie)? Das Gendersternchen wird in den Medien meistens im beliebten Pro-/Kontra-Format abgehandelt, wobei die „Pro“-Position immer „Für’s Gendern“ und die „Kontra“-Position „Gegen das Gendern“ ist … sprachlog

Beschlussvorlage (Satire): „Ausländer raus!“ „Aber Fachkräfte rein.“ „Aber Ausländer raus!“ „Und es darf nicht gegendert, am besten gesetzlich verbieten!“ „Das geht gar nicht.“ „Dann lassen wir uns da halt irgendwas einfallen.“ „Was denn?“ „Ist doch egal, wir müssen uns doch nicht daran halten.“ „Auch wieder wahr.“ … zynaesthesie

Undemokratisch in die Zukunft? Auf der Tagesordnung des Kreistags stand am Freitag (18. Juni) auch der Beschluss über das „Zukunftsprogramm 2025“ … sbl

Feinsinnig und differenziert: Das Mannheimer Streichquartett spielt in Essen Bartók, Schubert und Schumann … revierpassagen

Neue Grabsteine für die sowjetischen Zwangsarbeiter auch in Siedlinghausen. Ein Plädoyer zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion.

Grabstein für Andrej Sergejew, geboren 1912,
gestorben laut „obd.memorial“ am 7.11.1941 (1)

Dieser Grabstein kann allein schon wegen des Datums nicht so bleiben; der Überfall deutscher Soldaten auf die Sowjetunion begann am 22. Juni 1941, und ich meine, daß der heutige 80. Jahrestag gutes Datum wäre, um den sowjetischen Zwangsarbeitern würdige Grabsteine zu geben – mit ihren Vornamen und ihren Geburtstagen. Ich denke am Geburtstag meiner toten Mutter an sie, und am Todestag zünde ich eine Kerze an; beides gilt auch für meinen Vater. Und genau das sollte man auch an den Gräbern der 29 tun können!

(Datei als PDF)

Andrej Sergeew einer der fünf „Unbekannten“ der sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Friedhof in Siedlinghausen, die Zwangsarbeiter von „Dietrich Krämer & Co.“ in Siedlinghausen und der „Firma Josef Hütemann“ in Bigge waren. Auf seiner „Personalkarte I: Personelle Angaben“ (2) vom „Kriegsgefangenen-Stammlager: Stalag 326 Forellkrug“, also Stukenbrock, sieht sein Todesdatum wie „17.XI.41“ aus, und es wird vermerkt: „Gem. m. Abg. Liste No v. 10.11.-20.11.41“. Leider habe ich diese „Abgangsliste“ nicht gefunden, aber Andrej Sergejew trägt die „Erkennungsmarke Nr. 16190“, und mit dieser Nummer steht er auf der Skizze zu „Grabstätten russ. Kriegsgefangener in Siedlinghausen – kath. Friedhof“ (3), wo nur die ersten fünf Toten von Dietrich Krämer & Co. (4) noch begraben wurden. Alle weiteren verschwanden auf dem Viehfriedhof „Am Röbbecken“(5), und weil Andrej Sergeew unter den ersten Fünf war, muß er bis zum 15.11.1944 gestorben sein (6).

Die Skizze zum Katholischen Friedhof gibt zu den fünf Gräbern an: „Montschuk“, „Schur“, „Tschainikow“, „10913“ und „16190“. ??????? ????????, dem Kriegsgefangenen Nr. 7242 (7), hatte man wenigstens noch seinen Nachnamen „Tschainikow“ gelassen; er wurde am 26.9.1941 „auf der Flucht erschossen“ und am 31.1.1950 beurkundet.

Auch ????? ???, Kriegsgefangener Nr. 10921 (8), steht noch mit seinem Nachnamen „Schur“ auf der Skizze, ebenso wie ??????? ??????, der Kriegsgefangene Nr. 10817 (9), der noch mit „Montschuk“ verzeichnet wird. Die nächsten beiden aber sind völlig entmenschlicht, völlig entpersonifiziert; sie sind nur Nummern: „10913“ und „16190“ auf der Skizze.

„10913“ ist „Peter“ Glasurenko (10), geboren 25.11.1915 in Lwow, gestorben am 3.10.41. Als „Todesursache“ wird im „Nachweis über Sterbefall eines russischen Kriegsgefangenen“ (11) „Ruhr“ angegeben. Für diese vier liegen Steine mit ihren Nachnamen und ihren Todestagen. Aber nicht für Andrej Sergejew; der 29jährige blieb entpersonifiziert und namenlos begraben mit definitiv falschem Todestag.

„Hier ruhen 6 russische Bürger, gestorben
in der schweren Zeit von 1943-1945“ (12)

Es gibt viele Gräber, auf denen Namen fehlen, wo „Unbekannte“ liegen. In Warstein auf dem Friedhof an der Bilsteinstraße liegen Gregoriy Jakowlew – 1893 bis 2.8.1943 -, Michael Pamasenko – 27.7.1912 bis 2.9.1944 -, Nikolai Karpenko – 20.8.1927 bis 13.2.1944 -, Jan Sadowski – 1.5.1894 bis 9.1.1945 -, Iwan Popow – 1923 oder 1924 (21 Jahre) bis 2.3.1945 – und Nikolei Pezimachow – 3.3.1912 bis 31.12.1944. Alle wurden regulär beurkundet, und seit 1949 (13) wurden immer wieder Grabsteine verlangt. Aber erst am 7. Juni 2021, nach einer Zeitungsveröffentlichung (14) und zahlreichen Anschreiben (15), bekamen diese Sechs ihre Namen zurück.

Es gibt viele Grabsteine, auf denen die Geburts- und Sterbetage fehlen, wie sie vom „Gräbergesetz“ vorgeschrieben sind. Dort steht in Paragraph 2 Absatz 6: „ … Auf dem Grabzeichen sollen in gut lesbarer, dauerhafter Schrift mindestens Vor- und Familienname, Geburts- und Todestag des Bestatteten, bei Ausländern auch die Staatsangehörigkeit angegeben sein.“ (16) Jeder, der schon einmal in einem Archiv oder einer Datenbank nach einem Toten gesucht hat, weiß um die Wichtigkeit des Geburts- und Sterbedatums – sowohl, um schneller fündig zu werden als auch, um Verwechslungen auszuschließen zu können.

Grabstein für Twitalka Stadnik und Anna Tscherewko
auf Meschedes Waldfriedhof, Oktober 2020 (17)

Und es gibt Grabsteine, die widersprechen so dermaßen allen Vorschriften des „Gräbergesetzes“, daß ich mich als Deutsche in Grund und Boden schäme, daß so etwas in meiner Republik möglich sein konnte. In Paragraph 2 Absatz 7 steht: „Die Gräber sind gegen Beschädigung und Verfall zu schützen. Sie sind so zu pflegen, daß die Grabflächen als solche erkennbar und von Unkraut frei bleiben. Die Bepflanzung und die Grabzeichen sind in gutem Zustand zu erhalten. Die Beschriftung der Grabzeichen muß leserlich bleiben.“ (16)

Kein Geburts- oder Todestag, unleserliche Beschriftungen, Kissensteine
und keine Wege im Winter 2018 und Herbst 2020 in Meschede

Was bedeuten solche Grabsteine?

„Neue Grabsteine für die sowjetischen Zwangsarbeiter auch in Siedlinghausen. Ein Plädoyer zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion.“ weiterlesen

Heute vor 75 Jahren in Meschede: Nazis defeated!

“Die Stunde Null” in Meschede. Screenshot der Seite 23 der Veröffentlichung (PDF) des Stadtarchivs. Zum PDF -> auf’s Bild klicken.

Heute vor 75 Jahren, am 8. April 1945, zogen amerikanische Soldaten in Meschede ein. Die Nazis, die seit Januar 1933 an der Macht gewesen waren, waren endlich besiegt.

(Pressemitteilung der Falken HSK)

Die Mescheder Innenstadt war schon im Februar und März 1945 von der 8. US-Air Force bombardiert worden, um die Rüstungsindustrie zu zerstören, das Verkehrs- und Nachrichtennetz zu unterbrechen und die V2 Raketen auszuschalten, die von hier aus gestartet werden sollten.

Wer sich für die Mescheder Geschichte interessiert, findet in dem Aufsatz „Die Stunde Null“ des Stadtarchivs ab Seite 26 weitere Einzelheiten.

Und auch in dem Buch Die Holzschale der Kahns von Karl Schaefer aus Meschede könnt Ihr ab Seite 176 etwas darüber lesen.

Victor Klemperer über den 1. September 1939

In seinem Tagebuch notiert Victor Klemperer am 3. September, Sonntag vormittag[1]:

“Die dauernde Nervenfolter immer unerträglicher. Am Freitag morgen [1.9.39, zoom] dauernde Verdunklung befohlen. Wir sitzen eng im Keller, die furchtbare nasse Schwüle, das ewige Schwitzen und Frösteln, der Schimmelgeruch, die Lebensmittelknappheit macht alles noch qualvoller.

[…]

Dies alles wäre an sich Bagatelle, aber es ist nur das Nebenbei. Was wird? Von Stunde zu Stunde sagen wir uns, jetzt muss es sich entscheiden, ob Hitler allmächtig, ob seine Herrschaft eine unübersehbar dauernde ist, oder ob sie jetzt, jetzt fällt.

Am Freitagmorgen, 1. 9., kam der junge Schlächtergeselle und berichtete: Rundfunk erkläre, wir hielten bereits Danzig und Korridor besetzt, der Krieg mit Polen sei im Gang, England und Frankreich blieben neutral. Ich sagte zu Eva, dann sei für uns eine Morphiumspritze oder etwas Entsprechendes das Beste, unser Leben sei zu Ende. Dann wieder sagten wir uns beide, so könnten die Dinge unmöglich liegen, der Junge habe schon oft tolles Zeug berichtet (er sei ein Musterbeispiel für die Art, wie das Volk Berichte auffaßt). Eine Weile später hört man Hitlers gehetzte Stimme, dann das übliche Gebrüll, verstand aber nichts.

[…]”

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[1] Victor Klemperer, 1937 – 1939, 3. Aufl. Berlin 1999, S. 157/158

„Erfüllt eure Pflicht gegen Führer, Volk und Vaterland!“
Römisch-katholische Kriegsvoten aus den deutschen Bistümern und der Militärkirche – Arbeitshilfe zum 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen

Vorbemerkung zu dieser[1a,b] Arbeitshilfe

Kurz vor seinem Tod hat Heinrich Missalla (1926-2018) zur kirchlichen Beihilfe für den Hitlerkrieg einen Offenen Brief an die deutschen Bischöfe geschrieben: „Haben Sie endlich den Mut zur Wahrheit!“ Dieses Schreiben ist nun zum 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen veröffentlicht worden und wird – gleichsam als Vorwort zu dieser Arbeitshilfe – nachfolgend dokumentiert.

2015 ist im Rahmen der Erinnerungsarbeit von pax christi eine digitale Sammlung mit Beiträgen zum letzten Weltkrieg entstanden, die seit 2018 auch als Buch vorliegt (Es droht eine schwarze Wolke. Katholische Kirche und Zweiter Weltkrieg. Hg. von Peter Bürger. Im Auftrag von: pax christi – Internationale Katholische Friedensbewegung / Deutsche Sektion e.V. Bremen: Donat Verlag 2018.)

Im Anschluss daran sollte bis zum 1.9.2019 eine solide Quellenedition zur römisch-katholischen Kriegsbeihilfe 1939-1945 erarbeitet werden. Dieses Vorhaben, das bislang leider nicht verwirklicht werden konnte, soll 2021 – achtzig Jahre nach Beginn des Russlandfeldzuges – vorliegen.

Diese Arbeitshilfe ist hingegen nicht für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema geeignet, sondern soll allen, die durch H. Missallas Brief nachdenklich geworden sind, einige aussagekräftige, exemplarische Texte im Netz zugänglich machen (nur ein Teil der Zitate ist anhand der einschlägigen Werke überprüft worden). Anregungen, Hinweise und Zusendungen für die Arbeit an der umfangreichen, für 2021 abgekündigten Quellenedition sind sehr willkommen.

Möge die Hoffnung auf ein wirklich „großes Wort“ der deutschen Bischöfe zum 1. September 2019 nicht enttäuscht werden.

Düsseldorf, 28.08.2019 Peter Bürger

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[1a] Die Arbeitshilfe als PDF: _01b AH Bischöfe & Hitlerkrieg 2019 08 28

[1b] Die Arbeitshilfe als docx: _01a Nurtext Bischöfe zu Hitlers Krieg 2019 08 28

Militärkirche: „Die Seelen rüsten“

Ein neuer Sammelband beleuchtet die staatskirchliche Militärseelsorge und erschließt Vorbilder der Befreiung.

(Text: Peter Bürger)

Nach dem im Juli erschienenen Sammelband „Im Sold der Schlächter“ über die Militärseelsorge im Hitlerkrieg legen wir mit dem zweiten Titel „Die Seelen rüsten“ eine aktuelle Kritik der staatskirchlichen Militärseelsorge vor. Kooperationspartner ist wieder das Ökumenische Institut für Friedenstheologie. Dieses Buch enthält in erster Linie Beiträge aus christlicher Sicht, doch es kommen auch Vertreter einer antimilitaristischen, humanistischen und laizistischen Kritik zu Wort.

Im Zuge der Remilitarisierung wurde ab 1950 in Westdeutschland ein neues Militärkirchenwesen aufgebaut. Federführend beteiligt waren geistliche Assistenten des Hitlerkrieges aus beiden Konfessionen. Pazifistische Abweichler wurden in den Kirchen zum Teil kaltgestellt, während die militärfreundlichen Amtsträger der Regierung treu zu Diensten standen.

Die Militärpfarrer sind bis heute Beamte und dem Bundesministerium für das Militärressort zugeordnet, das sie aus Steuergeldern auch besoldet. „Auf dem Felde“, das heißt im Einsatz außer Haus oder im Ausland, tragen die Seelsorger sogar den Tarnanzug der Soldaten. Der staatskirchliche Charakter dieses Komplexes liegt offen zutage. Es spricht vieles dafür, ihn als unvereinbar mit den Anforderungen des Grundgesetzes zu betrachten.

Die Kirchen in der DDR blieben hingegen staatsfern und nahmen später einen entschiedenen Friedens-Standort ein, der sie allein an Jesus von Nazareth band. Ihre Seelsorge für Wehrpflichtige, Bausoldaten und Verweigerer vollzog sich unabhängig, als rein kirchliche Aufgabe. Nach der staatlichen Vereinigung wurden die Erfahrungsschätze der „DDR-Christenheit“ ignoriert. Kritik an der staatskirchlichen Verflechtung, wie sie Pfarrer Axel Noack (Kirchenprovinz Sachsen) 1990 vorgetragen hat, ist 2019 dringlicher denn je: „Mit dem Militärseelsorgevertrag geht die Kirche eine >Grundbindung< an die Armee ein, die der Freiheit ihrer Verkündigung gefährlich werden kann … (Es) hat die Kirche sich ohne Not in eine Bindung begeben, die die Klarheit ihres Zeugnisses verdunkeln muss … Im demokratischen Rechtsstaat … besteht nicht die Nötigung zu einem Militärseelsorgevertrag.“

Derzeit gibt es in vielen Kirchen der Christenheit einen Aufbruch hin zur biblischen „Doktrin“ der aktiven Gewaltfreiheit und zu einem entschiedenen Friedenszeugnis – mit klarem Standort im Sinne der Botschaft Jesu. Dass jüngst mehrere Bücher von hochrangigen Militärseelsorgern erschienen sind, die die staatliche Militärdoktrin stützen, wirkt da nicht mehr ganz zufällig.

Unser Sammelband vermittelt Orientierung, Impulse und Befreiungswege für die Debatte über das Militärkirchenwesen – mit Texten von: Ralf Becker, Wolfram Beyer, Peter Bürger, Gerhard Czermak, John Dear, Matthias-W. Engelke, Erasmus von Rotterdam, Hanna E. Fetköter, Albert Fuchs, Joachim Garstecki, Matthias Gürtler, Ullrich Hahn, Georg D. Heidingsfelder, Hartwig Hohnsbein, Uwe Koch, Victoria Kropp, Gerhard Loettel, Walter Mixa, Franz Nadler, Thomas Nauerth, Martin Niemöller, Leo Petersmann, Rainer Schmid, Tertullian, Reinhard J. Voß, Bernhard Willner, Bernd Winkelmann und Hans Dieter Zepf.

Das Buches enthält insgesamt 46 Beiträge, thematisch gegliedert nach zehn Abteilungen:

  1. Jesus und das Konstantinische Kirchentum
  2. Antimilitaristische, humanistische und laizistische Kritik der Militärseelsorge
  3. Wiederbewaffnung und Neuaufbau des Militärkirchenwesens
  4. Friedenszeugnis ohne staatskirchliche Verflechtung in der DDR – Durchsetzung des westdeutschen Modells
  5. Stimmen aus dem Versöhnungsbund
  6. Sakralisierung des Militärkomplexes
  7. Ökumenische Initiativen zur Abschaffung der staatskirchlichen Militärseelsorge
  8. Stimmen aus dem Kreis der katholischen Friedensbewegung
  9. Wie staatstreu sind die Kirchen in der Friedensfrage?
  10. Beistand für Soldaten, Infrastrukturen des Friedens und Vorbilder einer neuen Freiheit

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„Die Seelen rüsten“. Zur Kritik der staatskirchlichen Militärseelsorge. Herausgegeben von Rainer Schmid, Thomas Nauerth, Matthias-W. Engelke und Peter Bürger. (edition pace 8.) Norderstedt 2019. [ISBN: 9783749468041; Seitenzahl: 456; zahlreiche farbige Abbildungen; Preis 15,99 Euro].

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(Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis oben links abrufbar). Mit einer Direktbestellung bei BoD fördern Sie die Friedensbibliothek der edition pace; das Werk ist auch überall vor Ort im Buchhandel bestellbar.

Militärseelsorge im Hitlerkrieg


 
Ein neues Dokumentationsbuch beleuchtet die staatskirchliche Assistenz beim Vernichtungsfeldzug gen Osten – ein Angebot auch für Leser, die sich keine teure Fachliteratur leisten können

(Text: Peter Bürger)

Nahezu ausnahmslos standen die Kirchenleitungen der beiden großen Konfessionen 1939 bereit, um dem Staatswesen – wie schon 1914-1918 – erneute Kriegsbeihilfe zu leisten, und sie waren keineswegs unvorbereitet. Rückblickend wird der römisch-katholische Feldgeneralvikar der Wehrmacht – und nachmalige erste Militärgeneralvikar der Bundeswehr – Georg Werthmann dies noch in einer Notiz vom 23. Mai 1945 (!) stolz vermerken: „Es kann schon heute gesagt werden, dass die mobmässige [d.h.: im Zuge der Mobilmachung erfolgte, Anm.] Vorbereitung der Feldseelsorge in den Jahren von 1937 bis zum Beginn Kriegs besser und gründlicher durchgeführt wurde als in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das Feldgesangbuch war gedruckt, die Kriegspfarrer namhaft gemacht.“

Die Kirchenleitungen unterstützten von Anfang an die Kriegsführung des nationalsozialistischen Führers, und 1941 erinnerten sie daran, dass sie ja schon lange einem christlichen Feldzug gegen den „gottlosen Bolschewismus“ das Wort geredet hätten. In vielen Aufsätzen taucht später die Behauptung auf, von einer eigentlichen Kriegsbegeisterung sei aber nichts zu spüren gewesen. Nach dem Studium der Primärquellen fragt man sich, was mit diesem Stereotyp eigentlich ausgesagt werden soll. Wie wären denn die Kriegsworte der Hirten – samt der Voten für „Lebensraum-Sicherung“ – im Fall von noch mehr „Begeisterung“ ausgefallen?

Hitlers Rasse- und Vernichtungskrieg begann nicht erst 1941, sondern schon im September 1939, als Einheiten der Wehrmacht Tausende von polnischen Katholiken und Juden, Zivilisten und Kriegsgefangene ermordeten. Hinsichtlich des Völkermordes an etwa 17 Millionen sowjetischen Zivilisten (und Zwangsarbeitern) und weit über vier Millionen kriegsgefangenen Sowjetsoldaten (Mord durch Waffen, Hungerregime, biologische Kriegsführung) im Verlauf des „Ostfeldzuges“ hat sich bis heute keine öffentliche Gedenkkultur in unserem Land entwickeln dürfen. Doch die seit Ende des Kalten Krieges in der Geschichtswissenschaft vollends vollzogene Revolution der Faktenermittlung ist wohl nicht mehr rückgängig zu machen, auch wenn die neuen Deutschnationalen im Parlament die Genozide von Wehrmacht und SS-Einheiten als „Vogelschiss“ in der Geschichte bewertet wissen wollen und ein „Recht“ einfordern, „stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“.

Das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) war sich 1941 voll bewusst, dass nicht etwa eine Bekämpfung der „bolschewistischen Weltanschauung“ das Kriegsziel war, sondern der Raub von Ressourcen und die Eroberung von neuem Lebensraum für die „arische Rasse“. Hierzu mussten die „slawischen Untermenschen“ diesen „Lebensraum“ unfreiwillig verlassen, was nur durch systematischen Völkermord erfolgen konnte. Von vornherein plante man bis zu 30 Millionen Hungertote ein, weil die Wehrmacht sich als berechtigt ansah, die eigene Versorgung über den Diebstahl der Lebensmittel der von ihr als lebensunwert betrachteten Bevölkerung in eroberten Gebieten zu organisieren (und z.B. Kinder als lebendige „Blutkonserven“ für deutsche Soldaten zu internieren). Die genozidale „Partisanenbekämpfung“ der Wehrmacht, bei der die wirkliche Zahl der bewaffneten Widerstandskämpfer gegen die Angreifer einfach per Definition verzehnfacht wurde, diente zur Rechtfertigung, die Bevölkerung Dorf für Dorf für Dorf … vollständig zu ermorden.

Ein sogenannter „Sühnebefehl“ vom 16.9.1941 bestimmte, für jeden vom Untergrund erschossenen Angehörigen der Wehrmacht 50 oder 100 Zivilisten hinzumetzeln. Die Vernichtung der Juden während des Ostfeldzugs wurde vorzugsweise von großen Hinrichtungskommandos „geleistet“, die Tag und Nacht im Schichtdienst ihr Massenmordhandwerk verrichteten. All dies war selbstredend nur zu bewerkstelligen, wenn man die eigenen Soldaten so zurichtete, dass vielen von ihnen das Abknallen, Quälen, Vergewaltigen und Rauben am Ende regelrecht Spaß bereitete und ungezählte Waffenträger innerlich starben, hernach auch als seelisch Tote aus dem Krieg heimkehrten …

Das Wissen um diese Potenzierung des modernen Kriegsgrauens, das so lange verschüttet war, macht es heute notwendig, die Kriegsaufzeichnungen aus dem militärkirchlichen Apparat des „Ostfeldzugs“ und die Nachkriegserinnerungen von beteiligten Militärgeistlichen mit ganz anderen Augen zu lesen. Die Priester und Pastoren in Soldatenuniform, erhoben in den Offiziersrang, waren nahe Zeugen der Verbrechen. Ihnen hatte man die Aufgabe zugewiesen, die Gewissen zu beruhigen, die Deserteure zum Schuldeingeständnis zu bewegen, den Verwundeten beizustehen und die Soldatengräber – bisweilen auch die Mordwaffen – einzusegnen.

Nach 1945 etablierten sich freilich zunächst Deutungsmuster, die jegliche Beunruhigung von vornherein abwehrten: Der Krieg gegen die Sowjetunion galt trotz allem irgendwie einer „richtigen Sache“. Die Wehrmacht war summa summarum – in „guter deutscher Militärtradition“ – „anständig“ geblieben, denn nur der Waffen-SS musste vorgeworfen werden, den Weg der Ritterlichkeit bisweilen verlassen zu haben. Die Soldaten hatten schier „Übermenschliches“ geleistet (die „Besten“ waren wie eh und je „gefallen“). Auch die – von Hitler ausdrücklich gebilligte, von der Partei aber zunehmend drangsalierte – Militärseelsorge hatte nach eigenem Bekunden im Verein mit dem traditionsbewussten Teil der Wehrmacht Unglaubliches unter schwierigsten Bedingungen vollbracht …

Man nehme nur das 1964 veröffentlichte Geschichts- und Geschichtenbuch des evangelischen Wehrmachtdekans a. D. Albrecht Schübel über „300 Jahre Evangelische Soldatenseelsorge“ zur Hand. Der Verfasser ist sich nicht sicher, ob Hitler überhaupt Krieg gewollt hat. Vieles, was uns ungeheuerlich erscheint, wird von ihm ganz unbefangen und stolz vorgetragen. Dieser hochrangige Feldgeistliche schätzt sich u.a. glücklich, vorzügliche Referenzen von Generälen der Wehrmacht über die Militärseelsorge im Zweiten Weltkrieg anonymisiert abdrucken zu können. Mit solch guten Zeugnissen versehen konnten viele Kriegstheologen im Zuge der Wiederbewaffnung problemlos ihre militärkirchliche Karriereplanung wieder aufnehmen.

Hitlers Kriegsapparat ist von deutschnationalen und NS-nahen Priestern, von bekennenden und deutschchristlichen Pastoren … und sogar von ausgesprochenen Regimegegnern in der Geistlichkeit gestützt worden. Die Apologeten übersehen einen entscheidenden Punkt: Für die Opfer sind die unterschiedlichen vaterländischen Ausrichtungen der Assistenten des Vernichtungskrieges nicht von Belang gewesen. So oder so waren Millionen Tode das Ergebnis.

Jahrzehntelang wurden die Abgründe der staatskirchlichen Kriegsbeihilfe 1939-1945 verschleiert. Die neue, in Kooperation mit dem Ökumenischen Institut für Friedenstheologie herausgegebene Dokumentation erschließt auf 440 Seiten Forschungsbeiträge, Quellentexte, Interviews und Kommentare zur Militärseelsorge der beiden großen Kirchen in Hitlers Vernichtungsfeldzug. Die Richtlinien (24.5.1942) fielen denkbar eindeutig aus: “Die Feldseelsorge ist eine dienstliche Einrichtung der Wehrmacht. […] Der siegreiche Ausgang des nationalsozialistischen Freiheitskampfes entscheidet die Zukunft der deutschen Volksgemeinschaft und damit jedes einzelnen Deutschen. Die Wehrmachtseelsorge hat dieser Tatsache eindeutig Rechnung zu tragen.”

Durch die Vermittlung eines neuen Forschungsstandes wird deutlich, wie bereitwillig evangelische wie römisch-katholische Militärseelsorgekomplexe – nach Ablegung eines Treueids auf den „Führer“ – dieser Vorgabe zur Kollaboration beim Völkermord Folge geleistet haben. Nach Kriegsende warfen auch Soldaten den Militärgeistlichen vor, sie hätten als gutbezahlte Offiziere “im Solde derer gestanden, die uns zur Schlachtbank geführt haben”.

Das jetzt vorliegende Lesebuch enthält Beiträge von Christian Arndt, Holger Banse, Dieter Beese, Peter Bürger, Matthias-W. Engelke, Ulrich Finckh, Ulrike Heitmüller, Hartwig Hohnsbein, Herbert Koch, Dietrich Kuessner, Antonia Leugers, Heinrich Missalla (+), Kristian Stemmler, Erika Richter, Dieter Riesenberger und Martin Röw.

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Rainer Schmid / Thomas Nauerth / Matthias-W. Engelke / Peter Bürger (Hg.):
Im Sold der Schlächter – Texte zur Militärseelsorge im Hitlerkrieg.
(edition pace 6). Norderstedt 2019.
(ISBN 9783748101727; Seitenzahl: 440; fünfzehn farbige Abbildungen; Preis 14,99 Euro)
https://www.bod.de/buchshop/im-sold-der-schlaechter-9783748101727
(Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis oben links abrufbar)
Mit einer Direktbestellung bei BoD fördern Sie die Friedensbibliothek der edition pace; das Werk ist auch überall vor Ort im Buchhandel bestellbar.

Umleitung: Heute liegt mir der Flaneur sehr am Herzen und dann noch Religion, Geschichte, Sprache, Klimawandel, Facebook und andere Kleinigkeiten.

Heute Morgen bequemte sich der Winter zu uns. (foto: zoom)
Heute Morgen bequemte sich der Winter zu uns. (foto: zoom)

Der Flaneur braucht kein Ziel: In der Regel hat der Weg in der westlichen Leistungsgesellschaft ein Ziel. Man geht zur Arbeit oder zum Supermarkt, man muss Behördengänge erledigen, die alte Mutter besuchen, für den Halbmarathon trainieren, Schuhe kaufen oder wenigstens Brötchen holen … revierpassagen

Anglizismus 2013: Publikumsabstimmung … sprachlog

Es gibt einige wichtige Dinge, über die in deutschen Gerichten entschieden wird: Trinkt der Imam von Duisburg Bier? … tapferimnirgendwo (via ruhrbarone)

Universitäten und Theologie: Nicht gläubig im Sinne von Christentum, Judentum und Islam … tagesspiegel

“Weihnachten im Schuhkarton”: Die Aktion will nicht nur helfen, sondern auch missionieren … wdr

Russland sei Dank: Ein Plädoyer für den empathischen Blick nach Osten … zeitonline

1914 und kein Ende: Ungelöste Rätsel, blinde Flecke und die alte Frage nach den “Lehren der Geschichte” … zeitonline

Over-sophisticated: Anmerkungen zu Christopher Clarks Bestseller “Die Schlafwandler” … sehepunkte

Lokalgeschichte I: NSDAP-Mitglied Nr. 24 immer noch Ehrenbürger in Olsberg … derwesten

Lokalgeschichte II: Ratssitzung zur Nelliusstraße in Sundern … gruenesundern

Journalismus: Pseudo-Interviews … journalist

Das Problem mit Facebook: Vor ein paar Wochen hat Facebook wieder mal an seinem Filter-Algorithmus herum geschraubt … astrodicticum

SPD-Chef, Energieminister, Vize-Kanzler Gabriel: Jede Menge Baustellen … postvonhorn

Klimawandel: Globale Temperatur 2013 … scilogs

Dschungelcamp: Men-schen-ver-ach-tend … jurga

Kinderbildungsgesetz (KiBiz): Anfrage der SBL zu den “Gruppenformen” in den Kitas … sbl

Christine-Koch-Gesellschaft: Programm Frühjahr u. Sommer 2014 … neheimsnetz