Zwischen zwei Bahnlinien in Bigge. Kleine Orientierungshilfe vor der Ruhraue. Die meisten Förderschulen sind im HSK dicht. Die katholische St. Martinus Kirche in Bigge existiert noch. (fotos: zoom)
Es gibt Tage, die können einfach keine Politik mehr vertragen.
Der Mittwoch gestern war ein solcher Tag, der heutige Donnerstag setzt die unpolitische Woche fort.
Auf dem Weg in die Ruhraue. Vorn die Tafel #1.
Die Ruhraue ist ein ganz nettes Stückchen „Natur“ im Olsberger Stadtteil Bigge. Dort wurde das Flüsschen Ruhr auf etwa 600 Metern „renaturiert“. Im Grunde genommen ist das nicht schlecht. Man kann dort zu jeder Jahreszeit auf ebener Erde spazieren gehen.
Heute habe ich mir sämtliche sieben Informationstafeln plus die Eingangstafel durchgelesen, sowie die Infos zusätzlich fotografiert – Material satt, die Tafeln sind mit Details überladen.
Im Moment haben wir einen klar definierten Ausgangszustand, denn es wächst im Winter nicht viel in diesen Auen. Demnächst wird es allerdings wieder losgehen: Blütenpflanzen, Bäume, Sträucher und das ganze Gekrabbel im Wasser und das Gesumme in der Luft.
Schon seit langem habe ich mir vorgenommen, ein kleines Biotop im Jahresverlauf zu dokumentieren. Jedesmal hat mich bislang der Frühling überrascht. Als ich plante, war es Sommer und im Herbst war es dann zu spät.
Vielleicht dieses Jahr. Vielleicht mit einem kleinen Workshop beginnen. Hauptsache beginnen, bevor der Winter zu Ende geht. Zuerst die Tafeln aufschlüsseln.
Diese Tafeln, 7+1 an der Zahl, sind einschüchternde Text- und Bildmonster. Hier Tafel #2: „Die Durchgängigkeit der Fließgewässer“ …
Was hat sich die Verantwortliche, Jana Kowol, dabei gedacht, Steiners Buch „Aus der Akasha-Chronik“ auf die Literaturliste des Waldorfkindergartens Schwerte zu setzen? Das Buch wird so beschrieben, Zitat Literaturliste:
„Schilderungen vergangener Entwicklungsstufen des Menschen und der Erde aus übersinnlicher Anschauung.“
Was ist mit „übersinnlicher Anschauung“ gemeint? Rudolf Steiner (1861–1925) behauptete, Einblick in die „Akasha-Chronik“, ein geistiges Weltengedächtnis in der „Ätherwelt“, zu haben. Über diese „Chronik“, in der alle Ereignisse der Geschichte, alle Taten, Worte und Gedanken der Menschheit enthalten seien, schrieb Rudolf Steiner sein Buch „Aus der Akasha-Chronik“, zu dem der Waldorfkindergarten Schwerte auch eine kurze Inhaltsangabe gibt, Zitat:
„Inhalt (Auswahl): Unsere atlantischen Vorfahren / Die lemurische Rasse / Die Trennung in Geschlechter / Von der Herkunft der Erde und ihren planetarischen Zuständen / Die Erde und ihre Zukunft / Der viergliedrige Erdenmensch“
Wer wollte nicht mehr über seine „atlantischen Vorfahren“ erfahren? Das Buch „Aus der Akasha-Chronik“ ist online, vollständig und gratis. Nur wer Steiner selber liest, fühlt wirklich, wie quälend Rudolf Steiners spezielle Mischung aus Dummheit und Bösartigkeit ist. Schneller und weniger schmerzhaft ist meine kurze Inhaltsangabe, mit ausgewähltem O-Ton Steiner.
Aber was macht dieses Buch in einem Waldorfkindergarten? Wird schon den Allerkleinsten von Atlantis erzählt? Auszuschließen ist das nicht, in der Waldorfwelt ist alles möglich … man kann ja gar nicht früh genug damit beginnen, das anthroposophische Geschichtsbild mit Atlantis als historischer Tatsache zu vermitteln.
Fest steht, dass das Buch nichts mit Pädagogik zu tun hat, jedenfalls nichts mit dem, was ein Nicht-Anthroposoph unter Pädagogik versteht. Anthroposophische „Erziehung“ geht anders, Zitat „Aus der Akasha-Chronik”:
„(…) und dieser menschliche Eingeweihte wird dann die weitere Hauptführung ebenso übernehmen können, wie das der Manu [ein göttlicher Eingeweihter] am Ende der vierten Wurzelrasse getan hat. So ist die Erziehung der fünften Wurzelrasse [die heutige Erziehung] die, dass ein größerer Teil der Menschheit dazu kommen wird, einem menschlichen Manu frei zu folgen, wie das die Keimrasse dieser fünften mit dem göttlichen getan hat.”[1]
Wer wie Waldorferzieher und Waldorfeltern bestätigt, dass Steiner Recht hat, und seine „Erkenntnisse“ tatsächlich aus „übersinnlicher Anschauung“ schöpft, der hat erfolgreich gelernt, „einem menschlichen Manu frei zu folgen“ – sprich: Steiner zu folgen –, und ist ein Teil der Waldorfbewegung geworden, die der Bildungswissenschaftler Prof. Hopmann als „Sekte“ bezeichnet.
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1 Rudolf Steiner, „Aus der Akasha Chronik“, GA 11, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, 1986, Seite 56
Im Februar finden in den Städten und Gemeinden die Anmeldeverfahren für die weiterführenden Schulen statt. In vielen Städten, in denen es Gesamtschulen gibt, wird für diese Schulen ein sogenannten vorgezogenes Anmeldeverfahren durchgeführt, z.B. in Soest, Lippstadt, Unna und Iserlohn.
Das geschieht dann, wenn aufgrund der Erfahrungen aus den Vorjahren damit zu rechnen ist, dass es für diese Schulen mehr Bewerber als Plätze gibt. So können die nicht aufgenommenen Bewerberinnen und Bewerber sich anschließend mit gleichen Chancen wie andere Schüler für andere Schulformen bewerben.
Ein bemerkenswertes Ergebnis gab es jetzt in Iserlohn. Dort fand ein vorgezogenes Anmeldeverfahren für je eine “alte” und eine “neue” Gesamtschule und für eine “neue” Sekundarschule statt.
Für die Sekundarschule gab es nur 51 Anmeldungen. Damit wurde die Mindestzahl von 75 weit verfehlt, und die Sekundarschule kommt nun nicht. Für die beiden Gesamtschulen gab es dagegen 172 bzw. 97 Anmeldungen, und das vorgezogene Anmeldeverfahren wurde um 2 Tage (10. und 11.02.) verlängert.
Diejenigen, die sich bisher für die Sekundarschule beworben hatten, können sich nun auch noch für die Gesamtschulen oder später für eine Real- oder Hauptschule anmelden.
Die gesamte Pressemitteilung der Stadt Iserlohn ist hier nachzulesen.
Fazit:
Sehr großes Interesse für die Gesamtschulen, aber die Sekundarschule kommt (wie auch schon mehrfach im HSK) nicht an den Start.
Wann traut sich die erste Stadt im HSK, eine Gesamtschule anzubieten?
Nach wie vor ist der HSK der einzige aller 53 Landkreise und kreisfreien Städte in NRW, der über keine einzige Gesamtschule verfügt.
Spaziergang auf der Ennert. Dieses Jahr haben wir endlich mal wieder Winter im Hochsauerland. (foto: zoom)
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Olsberg: Die geplante Umstrukturierung im Bereich Elektrotechnik sorgt weiterhin für Kritik … derwesten
Am 3. Februar tagt der Schulausschuss des Kreises. Ein sehr wichtiges Thema sind die geplanten Änderungen in den an den Berufskollegs des HSK angebotenen Berufsausbildungen. Besonders betroffen sind die Elektrotechniker.
In einer Pressemitteilung der Kreisverwaltung heißt es dazu: “Zum Schuljahr 2015/2016 sollen die ‘Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik’ und die ‘Elektroniker für Betriebstechnik’ im ersten Ausbildungsjahr an allen drei Schulorten (Berufskolleg Berliner Platz in Arnsberg, Berufskolleg Meschede und Berufskolleg Olsberg) gemeinsam beschult werden. Nach dem ersten Ausbildungsjahr wechseln alle ‘Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik’ an das Berufskolleg Meschede und alle ‘Elektroniker für Betriebstechnik’ an das Berufskolleg Berliner Platz.
Falls der Schulausschuss dem Vorschlag der Kreisverwaltung zustimmt, würde das bedeuten, dass im gesamten östlichen Kreisgebiet keine Elektroniker mehr ausgebildet werden, obwohl noch vor wenigen Jahren für sehr viel Geld neue Technik für das Berufskolleg Olsberg beschafft wurde (die genaue Höhe der Aufwendungen werden wir noch erfragen). Betriebstechniker aus Hallenberg oder Medebach müßten bis nach Arnsberg-Hüsten fahren.
Dieser Vorschlag löst bei betroffenen Unternehmen starke Proteste aus. Auch die SBL wurde von mehreren Unternehmen angeschrieben.
In einer Mail heisst es: “Der größte Teil der Auszubildenden in Olsberg stammt aus dem Raum Marsberg, Brilon, Medebach und Hallenberg. Von all diesen Standorten ist der Weg nach Olsberg wesentlich günstiger als nach Meschede. Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren in Olsberg mit großem Finanziellen Aufwand optimale Bedingungen zur Beschulung unserer Auszubildenden geschaffen wurden. Die wenigen Auszubildenden im Bereich Elektrotechnik in Meschede können eher auf die Standorte Olsberg und Arnsberg verteilt werden.”
Ein anderes Unternehmen schreibt zum BKO (Berufskolleg Olsberg): “Als einziges Berufskolleg im Hochsauerlandkreis bietet das BKO, eine durchgehende Bildungskette im Bereich Elektrotechnik an. Mit der Berufsgrundschule, der dualen Ausbildung, der Fachoberschule, der Fachschule und dem beruflichen Gymnasium ist die Elektrotechnik hier sehr gut repräsentiert. Alleine im Bereich der dualen Ausbildung besuchen die Unterstufe der aktuellen Berufsschulklasse 27 Auszubildende. Davon kommen 18 Azubi’s – also 2/3 – aus den Städten Marsberg, Medebach und Hallenberg. Welche Begründung kann es geben, dieser Mehrheit eine Verlagerung zu einem entfernteren und schlechter erreichbaren Standort zuzumuten?”
Wie viele Azubis sind denn tatsächlich an den drei Berufskollegs mit elektrotechnischer Ausbildung?
Darüber gibt eine Anlage zur Sitzungsvorlage Auskunft, die wie hier abbilden:
Von den immerhin 265 Azubis in diesem Berufsfeld gehen 137 zum Berufskolleg in Arnsberg-Hüsten, 78 in Olsberg und nur 50 in Meschede. Hinzu kommt, dass die Berufskollegs in Hüsten und Olsberg in unmittelbarer Nähe von Bahnhöfen liegen, das Berufskolleg Meschede dagegen weit vom Bahnhof entfernt ist.
Wo ist da die Logik, die Berufsausbildung in Olsberg einzustellen?
Die SPD-Bundestagsfraktion verleiht in diesem Jahr zum dritten Mal den „Otto-Wels-Preis für Demokratie“ (screenshot)Meschede. (spd_pm) Vor 50 Jahren haben Deutschland und Israel offiziell diplomatische Beziehungen aufgenommen. Aus diesem Anlass hat die SPD-Bundestagsfraktion einen Kreativwettbewerb für Jugendliche ausgeschrieben. Den Gewinnerinnen und Gewinnern winken Geldpreise und eine Einladung nach Berlin, wie der heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Dirk Wiese mitteilt.
„Fünf Jahrzehnte diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland beschreiben eine Geschichte von Trauer und Schuld, aber auch von Versöhnung, Freundschaft und wachsendem Vertrauen“, so Wiese. Es gelte, im Wissen um die Vergangenheit die gemeinsame Zukunft beider Länder zu gestalten.
Der jungen Generation komme dabei eine besondere Bedeutung zu, ist Dirk Wiese überzeugt – einer Generation, die die Zeit des Nationalsozialismus und der Shoa selbst nicht erlebt habe. Mit dem Wettbewerb zum Otto-Wels-Preis für Demokratie 2015 möchte die SPD-Bundestagsfraktion einen Beitrag dazu leisten, das historische Bewusstsein dieser Generation zu schärfen und das Fundament für eine gute Zukunft der israelisch-deutschen Beziehungen weiter zu festigen. „Freundschaft und Verantwortung“ sind deshalb die Themen des diesjährigen Otto-Wels-Preises für Demokratie.
Beteiligen können sich Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 20 Jahren. Drei Wettbewerbsaufgaben stehen zur Auswahl. Die Jugendlichen können beispielsweise eine Rede verfassen oder eine Demokratie-Kampagne gestalten. Zugelassen sind Einzel- und Gruppenarbeiten von maximal drei Teilnehmern.
„Die Gewinnerinnen und Gewinner laden wir im Mai zur Preisverleihung nach Berlin ein“, kündigt Wiese an. Für die drei besten Arbeiten winken attraktive Preise.
Ausschreibung und Teilnahmeformular sind unter www.spdfraktion.de/ottowelspreis abrufbar. Einsendeschluss ist der 18. März 2015.
Aktuelle Informationen über die SPD im Hochsauerland und vom Bundestagsabgeordneten Dirk Wiese befinden sich im Internet unter www.hsk-spd.de und www.dirkwiese.de
Zwischen 2014 und 2015 ist mir ein Artikel des Heidelberger Mathe-Profs Christian Spannagel durch die Finger gerutscht. Leider, denn die Fragen, die „dunkelmunkel“ in seinem 20-minütigen Vortrag aufwirft, bzw. die Thesen, die er formuliert, sind mir auch schon ähnlich durch den Kopf gegangen.
Falls es im großen weiten Sauerland und darüber hinaus medienaffine PädagogInnen, Eltern, SchülerInnen oder andere Interessierte gibt, die zufällig oder regelmäßig dieses Blog lesen, würde mich und bestimmt auch Christian Spannagel eine Rückmeldung, sei es Widerspruch, Zustimmung oder irgendetwas dazwischen, sehr freuen.
Die von Christian Spannagel benannten „Irrtümer zum Einsatz digitaler Medien“:
Irrtum 1
Schüler können schon alles
Irrtum 2
Die Schule ist nicht zuständig
Irrtum 3
Die Schule muss überwiegend vor Gefahren warnen
Irrtum 4
Computer lösen Lehrer ab
Irrtum 5
Digitale Medien erleichtern das Lernen
Irrtum 6
Digitale Medien lösen analoge ab
Irrtum 7
Ich muss mich mit diesen Technologien jetzt noch gar nicht auseinandersetzen.
Irrtum 8
Mit der nachrückenden Lehrergeneration ändert sich alles
Irrtum 9
Zeit, die ich heute in digitale Medien stecke, spare ich später
Ein Medikament mit solch fürchterlichen Nebenwirkungen,
wie Schulnoten sie haben können,
wäre schon längst vom Markt genommen worden.
***
Ständig soll Schule vergleichen und messen,
doch Kinder sind unvergleichlich.
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Die Einrichtung von Zeugnissorgentelefonen
ist Ausdruck der Perversion unserer Zeugnispraxis.
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Schüler durchfallen zu lassen
ist die Diarrhoe des deutschen Schulsystems.
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Die Verpflichtung für Lehrer, Schüler zu benoten,
ist ein didaktischer Schießbefehl,
der die massenhafte Vernichtung von Kreativität und Intelligenz zur Folge hat.
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Gute Noten sind schlechte Noten;
nur keine Noten sind gute Noten.
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Lehrer benoten, Schüler zerstören:
Gewaltenteilung in der Schule.
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Kopfnoten sind aus der Hüfte abgefeuerte Kopfschüsse,
tödlich für die Ausbildung demokratischer Tugenden.
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Der Verzicht auf Noten
wäre der Verzicht auf Einengung des menschlichen Geistes.
Unser Autor Detlef Träbert fordert eine humane Schule.
Immer, wenn die Zeugnistermine vor der Tür stehen, weisen (schul-) psychologische Beratungsstellen auf ihr Zeugnis-Sorgentelefon hin. Ist das nicht verrückt?
Die Bildungspolitik hat festgelegt, dass allen Schülerinnen und Schülern fast überall in Deutschland ab dem dritten Schuljahr Noten und zweimal im Jahr Zeugnisse erteilt werden. Diese Praxis löst regelmäßig Ängste, Tränen und Panikreaktionen in einem solchen Ausmaß aus, dass psychologische Hilfe vonnöten ist – und die Nöte sind groß! Es muss ja nicht immer gleich ein Weglaufen oder gar ein Suizidversuch sein, was zur Zeugniszeit häufiger passiert als sonst im Jahr. Dass sich eine Sechstklässlerin stundenlang in der Schultoilette einsperrt, weil sie angesichts ihres Zeugnisses Angst vor den Reaktionen ihrer Eltern hat, war nicht das einzige Erlebnis dieser Art in meiner Zeit als Lehrer.
Nötigung durch die Noten
Liegt es also an den Eltern, wenn Noten und Zeugnisse derart angstbesetzt sind? Aus der Beratungsarbeit mit Müttern und Vätern weiß ich, dass viele von ihnen selber in großer Not sind. Sie möchten alles richtig machen und dem Kind eine gute Zukunft ermöglichen. Gerade darum reagieren sie auf Zensuren, die schlechter als erwartet ausfallen, häufig im Stress – also tendenziell eher unvernünftig. Der Schulerfolg gilt Eltern nun einmal als Schlüssel für eine sichere Zukunftsperspektive – und der wird in Noten gemessen.
Dabei sind Noten als Messinstrument für Lernleistungen denkbar ungeeignet. Wenn man mit einem Maßband beispielsweise die Weite eines Sprungs misst, kann man es zehn Mal anlegen und liest stets das gleiche Ergebnis ab. Noten hingegen sind wie ein Gummiband als Messinstrument; jedes Mal gibt es ein anderes Resultat. Das liegt längst nicht nur an vermeintlichen und tatsächlichen Ungerechtigkeiten der Lehrerinnen und Lehrer, sondern vor allem an systembedingten Messfehlern. Karlheinz Ingenkamp hat schon vor über 40 Jahren wissenschaftlich nachgewiesen, dass unser schulisches Berechtigungswesen mit seinen Übergängen und Abschlüssen auf der Basis von Noten äußerst fehlerhaft ist. „Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung“ hieß sein berühmt gewordenes Buch, das erhebliche Benotungsfehler für alle Fächer nachwies, auch die mathematisch-naturwissenschaftlichen.
Trotzdem gibt es Noten und werden Zukunftsentscheidungen auf ihrer Grundlage getroffen. Eltern und Kinder unterwerfen sich notgedrungen, also von der Not gedrängt, diesem fehlerhaften System, das in keinem europäischen Land so früh praktiziert wird wie bei uns. Es behindert übrigens auch die Entfaltung demokratischer Grundtugenden wie der freien Meinungsäußerung, denn oft genug beißen sich Kinder wie Eltern aus Angst vor negativen Folgen für die Noten lieber auf die Zunge, anstatt sich konstruktiv-kritisch am Schulleben zu beteiligen.
Auch Lehrerinnen und Lehrer sind längst nicht alle glücklich mit den Ziffernzensuren, weil sie merken, dass ihre pädagogische Arbeit durch sie behindert wird. Wie soll man Menschen auf der Basis von Vertrauen beratend helfen, wenn man gleichzeitig für ihre Beurteilung und Zukunftschancen zuständig ist? Genau das ist es ja, was im aktuellen Film „Frau Müller muss weg“ Eltern dazu veranlasst, die Lehrerin ihrer Kinder „abzuschießen“.
Die Noten müssen weg
Was wir stattdessen beseitigen sollten, ist das schulische System der Leistungsbeurteilung mit Noten, zumal es längst sinnvollere und praktikable Alternativen dazu gibt. Die Erfüllung der heutigen kompetenzorientierten Lehrpläne beispielsweise wird an immer mehr Schulen mit so genannten Kompetenzrastern überprüft, die wesentlich detaillierter als Zensuren Auskunft darüber geben, was die Schüler hinsichtlich der vorgegebenen Lernziele schon erreicht haben und woran genau sie noch arbeiten sollten. Verschiedenste Verfahren des Eigen-Feedback wie Lerntagebuch, Portfolio u.a.m. werden zusammen mit dem Lehrer-Feedback praktiziert, um das Lernbewusstsein der Kinder zu fördern. Mit solchen Methoden wird das Lernen zu „ihrem Ding“ – Motivationsprobleme treten seltener auf, wie die Erfahrungen aus derart arbeitenden Schulen zeigen.
Die bislang übliche Art der schulischen Leistungsbeurteilung hingegen fördert die Entmutigung vieler Kinder und Jugendlicher. Sie lernen nicht mit Freude, weil Lernen für Noten, ohne Interesse an der Sache, auf Dauer eine ziemlich freudlose Angelegenheit ist. Schule behindert also den Erfolg ihrer Unterrichtsarbeit ungewollt selbst. Und eines kann sie mit Noten ganz gewiss nicht leisten, was man dennoch von ihr verlangt: Inklusion. Der Verschiedenheit aller Kinder und Jugendlichen wird man einfach nicht gerecht, wenn man sie alle am gleichen Maßstab misst.
Tipps (nicht nur) für den Zeugnistag
Doch noch erhalten unsere Kinder Noten und Zeugnisse. Können wir dann wenigstens etwas gegen ihre Angst tun? Als Eltern ganz gewiss, zumal, wenn wir uns der Tatsache bewusst sind, dass Zensuren kaum Aussagekraft besitzen.
Allerdings lösen sie Emotionen aus – auch bei Eltern, aber zunächst einmal beim Kind. Deswegen braucht es Eltern, die seine Gefühle ernst und vor allem annehmen. Das bedeutet, ihm seine Angst nicht auszureden („Du brauchst doch keine Angst zu haben!“), sondern es sie mitteilen zu lassen. Wenn Eltern anteilnehmend darauf eingehen, kann es seine Gefühle verarbeiten und eher überwinden.
Das gilt auch für Ärger. Statt einem „Das ist doch nicht so schlimm!“ hilft es eher, verstehend mitzufühlen. Dabei sollte man allerdings nicht Partei ergreifen, wenn der Ärger beispielsweise der „ungerechten Lehrerin“ gilt. Das reine Verständnis im Sinne von „Ich merke, wie sehr Du Dich ärgerst“ genügt, um das Kind nach und nach aus dem Ärger eine konstruktive Perspektive zur Situation entwickeln zu lassen.
Die gleiche elterliche Haltung gilt auch für positive Emotionen wie Freude. Ist beispielsweise die Note in Deutsch gut ausgefallen, wäre ein Kommentar wie „Jetzt musst du halt auch noch in Mathematik besser werden!“ ausgesprochen niederschmetternd. Aufbauend hingegen ist ganz einfach uneingeschränktes Mitfreuen.
Wichtiger als die Noten ist es allemal, dass ein junger Mensch neugierig ist und mit Freude daran arbeitet, seinen Fragen nachzugehen, Antworten zu suchen, sich Fähigkeiten anzueignen, die im Leben weiterhelfen. Viele Erwachsene haben selbst erfahren, dass nach dem Schul- oder Studienabschluss ihre Noten kein Thema mehr waren. Motivation und Engagement hingegen sind Eigenschaften, die für ein glückliches und erfolgreiches Leben nie unwichtig werden, ob beruflich oder privat.
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Der Bundesverband Aktion Humane Schule e.V. gibt die Zeitschrift „Humane Schule“ heraus. Das aktuelle Heft mit dem Themenschwerpunkt „Die Not mit den Noten“ (40. Jg., Dez. 2014, 32 S.) kann zum Preis von € 5,- zzgl. Versand bestellt werden bei:
Beschriftung in einer Sauerländer Schützenhalle. (foto: zoom)
Münster. (hsozkult) Am 16. und 17. Dezember trafen sich in Münster auf Einladung des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte WissenschaftlerInnen, die auf dem Feld der Bewegungsforschung tätig sind, um über „Neue soziale Bewegungen in der ‚Provinz‘ (1970-1990)“ zu diskutieren.
Die Tagung verdankte sich zum einen den Perspektiven, die am LWL-Institut gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Kultur- und Mediengeschichte der Universität des Saarlandes in dem gemeinsamen Forschungsverbund „Stadt-Land-Beziehungen im 20. Jahrhundert“ entwickelt worden sind.[1] Zum anderen gründete sie auf der Diagnose eines Desiderats seitens der Veranstalterin JULIA PAULUS (Münster): Die Wahrnehmung neuer sozialer Bewegungen sei meist auf ‚Metropolen‘ wie Berlin und Frankfurt beschränkt, die Bewegungsforschung daher räumlich kaum über diese großstädtischen Zentren hinausgekommen. Dabei könne „erst durch das Aufgreifen und die Untersuchung auch dieser provinziellen Bewegungen, die zunächst weniger dynamisch und Impuls gebend erscheinen – eben weil sie sich in der Provinz und damit im Schatten der Protestzentren bildeten – eine Gesamtinterpretation der Bewegungs- und Gesellschaftsgeschichte geleistet werden“. Ein Grund für die weitgehende Vernachlässigung mag sein, dass Protestaktionen häufig dem studentisch-akademischen Milieu zugeschrieben werden. Ein Blick in die ‚Provinz‘ bietet die Möglichkeit, auch bislang weniger untersuchte Akteursgruppen in den Blick zu nehmen sowie gängige Periodisierungen von Protestereignissen und -phasen zu überprüfen.
Der hier verwandte Terminus ‚Provinz‘ sollte dazu dienen, sowohl den physischen Raum wie auch den Diskurskontext, in dem Bewegungskulturen in ländlichen Gesellschaften verhandelt wurden, von dem in der Forschung vorherrschenden urbanen Deutungsfeld abzugrenzen. Durch den „genauen Blick“ des regionalgeschichtlichen Zugangs der Vorträge sollten Angleichungsprozesse, wechselseitige Wahrnehmungen und Einflussnahmen urbaner Bewegungen und solchen in der Provinz an lokalen Beispielen analysiert werden. Inwieweit unterschieden sich Bewegungen abseits der Zentren im Zeitpunkt der Konstituierung, der Bewegungsstruktur, Organisationsform und lokalspezifischen Themen? Welche retardierenden bzw. fördernden Momente gab es auf dem ‚Land‘?
HANS-GERD SCHMIDT (Detmold) fragte in seinem Vortrag „Die 68er-Bewegung in der Provinz“ nach Rezeptionsformen, Handlungsfeldern und Bedeutung der 68er-Bewegung am Beispiel von Lippe/Detmold sowie nach Einflüssen des großstädtisch-studentischen Milieus (Bielefeld) auf diese Region, deren ‚Provinzialität‘ sich unter anderem aus der mangelnden infrastrukturellen Anbindung und dem konservativen gesellschaftlichen Klima ergab. […]
HEIKE KEMPE (Konstanz) stellte dem ostwestfälischen Beispiel eines aus dem süddeutschen Raum entgegen und analysierte die „Entwicklung und Vernetzung des alternativen Milieus in Konstanz und der Region“. Im Mittelpunkt stand die Frage nach dem linken Provinzbegriff. […]
Eine Studiengruppe aus Tübingen unter der Leitung von GESA INGENDAHL (Tübingen) präsentierte ihr Projekt „Protestkulturen in Tübingen“. Zentral bei den Teilprojekten der StudentInnen war die Frage nach dem Zusammenhang von Privatem und Politischem, was anhand verschiedener Beispiele analysiert wurde: Proteste gegen den Autobahnbau in Tübingen, Hausbesetzungen, Antiatombewegung und Gründung einer alternativen Stadtzeitung. […]
CORDULA OBERGASSEL (Detmold) fragte in ihrem Vortrag „,Ein Königreich für einen Proberaum‘- Die Etablierung Alternativer Kultur in Dortmund und Münster (1975-1990)“ nach Ursachen für die in Münster und Dortmund im Vergleich zu anderen Großstädten deutlich verspätete und erschwerte Entstehung einer Alternativkultur.[…]
DAVID TEMPLIN (Hamburg) widmete sich einer Bewegung, die überwiegend jenseits der ‚Metropolen‘ agierte und zudem ein deutsches Spezifikum darstellte: der Jugendzentrumsbewegung. Ab etwa 1970 machte sich für viele junge Menschen in ländlich-kleinstädtischen Regionen eine deutliche Kluft bemerkbar zwischen neuen Formen des Freizeitverhaltens in den Städten und den als mangelhaft wahrgenommenen Freizeitangeboten vor Ort. […]
[1] Franz-Werner Kersting, Stadt-Land-Beziehungen in Westfalen im 20. Jahrhundert. Entgrenzung – Erfahrung – Kommunikation, in: Westfälische Forschungen 57 (2007), S. 483-508.
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Zitation
Tagungsbericht: Neue soziale Bewegungen in der ‚Provinz‘ (1970-1990), 16.12.2014 – 17.12.2014 Münster, in: H-Soz-Kult, 22.01.2015, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5780>.
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