Pausenbild vom Tollensesee

Der Anleger Alt-Rehse am Tollensesee (foto: zoom)

Vom Hochsauerlandkreis nach Mecklenburg-Vorpommern ist es kein Katzensprung, aber am Sonntag vor dem 3. Oktober sind die Autobahnen leer. Einzig um Berlin wurde der Verkehr etwas nervöser und es gab hier und da einen Crash und in der Folge einen kleinen Stau.

Trotz der langen Fahrt haben wir um den Tollensesee herum ein paar interessante Orte entdeckt. Ein kleiner Bericht soll in den nächsten Tagen folgen. Soviel sei schon verraten: bei Alt-Rehse geht es um ein Dorf mit düsterer Geschichte, in dem die deutsche Ärzteschaft auf die Massenmorde durch die sogenannte Euthanasie vorbereitet und geschult wurde und dessen verstörende Architektur sich bis in die Gegenwart vererbt hat.

Für heute Abend muss der Sonnenuntergang über dem Tollensesee reichen.

Sonnenuntergang über dem Tollensesee (foto: zoom)

Umleitung: Journalismus und Klimakrise, Aufstandsphantasien der extremen Rechten, Eurokommunismus, ein Haifischbecken, die Emscher.

Welches Rad sollen wir nehmen? (foto: zoom)

Die Klimakrise eskaliert und der Journalismus kommt nicht hinterher: Wir haben mittlerweile sechs von neun planetaren Grenzen überschritten, in wenigen Jahren reißen wir voraussichtlich das 1,5-Grad-Budget. Nur, was bedeutet das eigentlich? … uebermedien

Die extreme Rechte: Aufstandsphantasien und die Frage nach der Deutungshoheit … endstationrechts

Bescheiden, intellektuell, integer: Italiens KP-Chef Enrico Berlinguer, Erfinder des Eurokommunismus, war ein Gigant der Linken. Eine neue Biografie erinnert an diese packende Figur … misik

Im Haifischbecken der Berliner Politszene: Christoph Peters‘ Roman „Der Sandkasten“ … revierpassagen

Die Emscher. Bildgeschichte eines Flusses: Die Ausstellung präsentiert eine Bildgeschichte der Emscher von der Mühlenlandschaft über den Industriefluss bis zur Renaturierung. Aus dem Fotoarchiv der Emschergenossenschaft werden einmalige historische Aufnahmen aus über 100 Jahren gezeigt … zollverein

Umleitung: Gestapo-Gefängnis im badischen Ettlingen, Klimawandel, Strom weg, CSD in Dortmund, Geheimniskrämerei in Hagen und mehr…

Meer, Strand, Dünen, Wald, Land, Himmel und Wolken (foto: zoom)

Folter und Mord: Das Gestapo-Gefängnis im badischen Ettlingen … endstationrechts

Nachgefragt: Kriegsveteranen als “Euthanasie”-Opfer … historischdenken

Es werden ein paar harte Jahre: Wir werden es dennoch schaffen, aber nicht mit Deppenpolitik … misik

Und dann war der Strom weg: Ich mache mir, wie vermutlich jede und jeder von Euch, Gedanken über den kommenden Winter. Das was mich dabei am Meisten beunruhigt ist, dass ich einen flächendeckenden, längerfristigen Stromausfall für nicht unwahrscheinlich halte … unkreativ

Klimawandel: Stadt Haarlem will als Erste auf der Welt Fleischreklame verbieten … scilogs

Mit Fotos wirksam „Übers Klima reden“: Webinar zur Bildsprache in der Klimakommunikation … klimafakten

Cookie-Banner der meistbesuchten Websites: Miese Tricks und fiese Klicks … netzpolitik

Zwischen Trauer, Stolz und Hoffnung: 7.000 Demonstrierende beim CSD Dortmund … nordstadtblogger

Hagen: Was Bürger nicht wissen dürfen … doppelwacholder

Über die sauerländische Nationalsozialistin Josefa Berens-Totenohl

Ein neuer Sammelband erschließt Forschungen eines halben Jahrhunderts

Buchumschlag: Der neue Sammelband „Über Josefa Berens-Totenohl“

Auf diesem Blog wurde vor einigen Wochen ein Forschungsprojekt zu dem aus (Meschede-)Eversberg stammenden Priester Dr. Lorenz Pieper (1875-1951) vorgestellt. Er trat schon 1922 der NSDAP bei, wurde 1923 Mitarbeiter Adolf Hitlers und hielt von München aus zahlreiche Propagandavorträge in Süddeutschland. Kein anderer römisch-katholischer Kleriker hat so früh ein Parteibuch der Nationalsozialisten erhalten wie dieser Sauerländer.

(Ein Gastbeitrag von Peter Bürger)

Schon seit den frühen 1920er Jahren war Lorenz Pieper befreundet mit der Lehrerin und Malerin Josefa Berens, die aus (Meschede-)Grevenstein stammte und nach eigenem Bekunden bereits 1918 oder 1920 aus der Kirche ausgetreten ist. Der braune Priester hat auch diese Künstlerin wie andere Sauerländer früh dem Nationalsozialismus zugeführt, was das Westfälisches Volksblatt (Paderborn) später am 27.01.1936 ausdrücklich rühmen wird.

Josefa Berens beantragte 1931 von Spanien aus eine Mitgliedschaft in der NSDAP und erhielt am 1. Januar 1932 die Parteinummer 831978. Nach 1933 erfolgte bald ein Umstieg auf den Schriftstellerberuf; zu den Lesebögen für die Umschaltung des schulischen Unterrichts steuerte die Sauerländerin im Anschluss an die „Machtergreifung“ ihrer Partei ein antisemitisches Hetz-Märchen bei. Den 1935 erstmals vergebenen „Westfälischen Literaturpreis“ erhielt J. Berens-Totenohl als Verfasserin eines Bestsellerromans, dessen erster Teil „Der Femhof“ von 1934 bis 1961 insgesamt eine Druckauflage von 280.000 Exemplaren erzielen konnte.

Das Gedenken an die einstmals in ganz Deutschland gelesene Autorin, die mit Propagandatexten und einem quasi religiösen Credo die „Treue zum Führer“ beschwor, hat im Sauerland wie bei wohl keiner anderen Persönlichkeit des öffentlichen Lebens aus der Zeit des „Dritten Reiches“ zu heftigen Kontroversen geführt. Ganze Generationen waren ja mit den „Femhof“-Romanen gleichsam großgeworden und wollten sich das schöne Bild „ihrer Dichterin“ nicht kaputtmachen lassen. Unter solchem Vorzeichen war es schwer, in ruhigem Studium Fakten und seriöse Forschungsarbeiten zu sichten. Wissenschaftliche Erkenntnisse, die in der germanistischen Fachliteratur schon vor über vier Jahrzehnten nachgelesen werden konnten, blieben in den lokalen Heimatdisputen in der Regel unbeachtet.

Kaminrunde im „Femhof“-Haus von Josefa Berens-Totenohl: Über dem Sims als ‚kultisches Zentrum‘ eine Büste von Adolf Hitler (Digitales Fotoarchiv des Christine-Koch-Mundartarchivs am Museum Eslohe)

Ein jetzt in Kooperation mit dem Christine Koch-Mundartarchiv am Museum Eslohe herausgegebener Sammelband „Über Josefa Berens-Totenohl und westfälische Literaturgeschichte“ dokumentiert Beiträge zu „Forschung und Straßennamendebatte 1992-2016“ von Dr. Christian Adam, Prof. Moritz Baßler, Peter Bürger, PD Dr. Karl Ditt, Prof. Rainer S. Elkar, Prof. Walter Gödden, Wolf-Dieter Grün, Prof. Hubertus Halbfas (†), Jürgen Kalitzki, Prof. Uwe-K. Ketelsen, PD Dr. habil. Reinhard Kiefer, Dr. Roswitha Kirsch-Stracke, Dr. Arnold M. Klein, Monika Löcken, Dr. Ortrun Niethammer, Dr. Ulrich F. Opfermann, Elmar Rademacher (†), Friedrich Schroeder und Gisbert Strotdrees.

Kultisches Zentrum im Haus der Dichterin zu Gleierbrück war ein Kaminfeuer, über dem gleichsam als Heiligtum eine Büste von Adolf Hitler prangte. Dies belegen Fotos, die uns 2018 zugesandt worden sind. Alle Versuche, die Sauerländerin Josefa Berens-Totenohl als eine unpolitische „Mitläuferin“ oder von den Nazis nur vereinnahmte Persönlichkeit vorzustellen, erweisen sich im Licht der Tatsachen als unhaltbare Erfindung.

Weitere Forschungen sind durchaus vonnöten, vor allem zum Werdegang von J. Berens in den Jahren der Weimarer Republik und bezogen auf den weiblichen „Emanzipationsweg nach rechts“, der bei ihr zu einer Unterwerfung unter das „Frauenbild“ des Nationalsozialismus führte.


Peter Bürger (Hg.): Über Josefa Berens-Totenohl und westfälische Literaturgeschichte.
Beiträge zu Forschung und Straßennamendebatte 1992-2016.
Norderstedt: BoD 2022 (ISBN: 978-3-7568-0023-0 ; Paperback; 452 Seiten; 17,99 Euro)
Portofreie Bestellung (auch überall im Buchhandel) und Leseprobe (links oben anklicken) über die Verlags-Website:
https://www.bod.de/buchshop/ueber-josefa-berens-totenohl-und-westfaelische-literaturgeschichte-9783756800230

Zivilisatorischer Pazifismus

Neworld (www.friedensbilder.de; Künstler: Matthias Brucklacher).

Die militärische Heilslehre gehört zur Dogmatik einer zerstörerischen Zivilisation. – Ohne Sturz der Kriegsgottheit wird die menschliche Gattung beim Klimaschutz den Kreislauf der Vergeblichkeit nie durchbrechen.

(Ein Gastbeitrag von Peter Bürger)

Es ist spät auf dem Planeten Erde. Gleichwohl haben bürgerliche Fraktionen der Ökologiebewegung hierzulande ihren Frieden mit der Bombe geschlossen und stellen mitunter so etwas wie „Mut zum Dritten Weltkrieg“ zur Schau.

Die Opferbereitschaft in der Politik ist enorm. Man zeigt sich bereit, viele Menschenleben (vorerst nicht im eigenen Land) auf dem Altar der „Freiheit“ zu opfern, sodann auch das materielle Auskommen der „Behelfers“ in der Nähe, die einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ausmachen, und nicht zuletzt die Zukunft, nämlich Grundpfeiler der im Wahlkampf angekündigten – ganz tollen – ökologischen Transformation.

Der großherzige Verzicht auf ein Tempo-Limit im Autobahnverkehr hat indirekt wohl ebenfalls etwas mit der neuen Militärdoktrin zu tun, belegt er doch, dass die „Freiheit“ allüberall ohne Rücksicht auf Verluste und Vernunftargumente verteidigt werden muss – auch die „Freiheit“, den nach uns kommenden Erdbewohnern die Hölle zu bereiten.

Zum öffentlichen Erscheinungsbild der Mutigen gehört vor allem eine Ergriffenheit von der eigenen Ergriffenheit – ein erhebendes Gefühl angesichts von soviel Moralität. Die Hofnarren sagen derweil keine unbequemen Wahrheiten mehr, sondern übernehmen das Amt der besoldeten Hofprediger. In diesem Jahr ließen sie vorzugsweise und denkbar großkotzig eine Pazifisten-Schelte auf fast allen Kanälen vernehmen. Dummheit und Stolz wachsen bekanntlich gerne auf einem Holz.

Auf den Begriff bringen: „Zivilisatorischer Pazifismus“

Über Nacht ist die Militärgottheit – wie zuletzt 2001 – von mächtigen imperialen Akteuren für eine weitere Geschichtsepoche auf den höchsten Thron des Weltgeschehens gesetzt worden. Das wird sich als ein noch größeres Verbrechen gegen die Menschheit und künftige Generationen erweisen als der russische Angriffskrieg in der Ukraine, mit welchem dieser durch Hochrüstungsfahrpläne längst vorbereitete Vorgang hierzulande in der Öffentlichkeit gerechtfertigt wird – bislang noch ohne nennenswerte Widerstände.

Denn was bedeutet die Zementierung des militärischen Paradigmas im 3. Jahrtausend unserer Zeitrechnung? Sie verurteilt alle Bemühungen, die unvorstellbaren Leiden auf dem Globus infolge der Klimakatastrophe abzumildern und ein Abdanken des homo sapiens in Schande (oder kollektivem Suizid) noch irgendwie abzuwenden, zur Vergeblichkeit!

Der Militärkomplex gehört – im Verein mit einer ultimativ aggressiven Form des Wirtschaftens – zur Dogmatik eines destruktiven Zivilisationskurses. Sofern es der menschlichen Spezies nicht gelingt, sich aus den Fängen der von ihr selbst hervorgebrachten Heilslehre des Militärischen zu befreien, sind Problemlösungen im Zusammenhang mit der menschengemachten ökologischen Krise auf dem Lebensraum Erde nicht einmal denkbar.

Eine Wahl ist zu treffen: Militär- und Konkurrenzlogik oder Klimaschutz-Kooperation des ganzen Erdkreises! Beides geht nie und nimmer zusammen. Wo diese Grundsatzentscheidung unberücksichtigt bliebe, dürfte man keine Schülergeneration mit gutem Gewissen dazu ermutigen, ihre Jugendzeit mit dann folgenlosen und sogar verschleiernden Klimaprotesten zu verschwenden. Sollte es etwa Fridays-for-future-Gruppierungen geben, die sich der militärischen Heilslehre fügen, so wäre es sogar besser für das Wohl der menschlichen Familie, sie wären nie gegründet worden.

Weltfrieden ist die unerlässliche Voraussetzung bzw. Rahmenbedingung für jede vorstellbare Lösung oder Entschärfung der ökologischen Krise. In einer von Militärlogik durchdrungenen Welt der Menschen, so haben die letzten Jahrzehnte gezeigt, sind nicht einmal Weichenstellungen für einen neuen Weg – eine grundlegend andere Zivilisationsrichtung – zu bewerkstelligen. Vonnöten ist deshalb ein radikales Friedensvotum, welches uns das Geschick der ganzen Gattung vor Augen stellt. Hierfür schlage ich den Begriff „Zivilisatorischer Pazifismus“ vor.

Ein neuer Name, aber keine neue Betrachtungsweise

Das so Bezeichnete ist mitnichten etwas Neues. Der Sache nach wird es in der Gegenwart etwa vorgetragen durch den Brasilianer Leonardo Boff, den Nordamerikaner Noam Chomsky, Papst Franziskus, Uno-Generalsekretär António Guterres … oder z.B. auch durch nicht wenige Telepolis-Autor:innen.

Schon im letzten Jahrhundert haben u.a. der 1983 in Vancouver ausgerufene „Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, das Projekt „Weltethos“ oder die Deklaration einer „Erdcharta“ Wege gebahnt für einen zivilisatorischen Pazifismus im Bewusstsein der ökologischen Krise als Ernstfall.

Das 3. Jahrtausend sollte dann mit der „Uno-Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit zugunsten der Kinder der Welt“ eingeläutet werden. Alle wegweisenden Initiativen und Impulse wurden aber faktisch gegenstandslos durch das Ende 2001 vom US-Imperium verkündete Paradigma eines weltweiten, permanenten Kriegszustandes. (Vorausgegangen war im gleichen Jahr u.a. ein Rückzug der US-Regierung aus dem Kyoto-Prozess.)

Zu den ältesten Zeugnissen für einen „zivilisatorischen Pazifismus“ gehören Verse aus dem Prophetenbuch Jesaia der hebräischen Bibel, die vermutlich im 8. Jahrhundert vor unser Zeitrechnung niedergeschrieben worden sind:

Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern / und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, / und übt nicht mehr für den Krieg.

Jesaja 2,4

Die Kriegsökonomie soll also umgestellt werden auf ein Wirtschaften, das Nahrung (Getreide) und Freude („Wein“) hervorbringt, keine Tötungsprodukte.

Das Römische Imperium beförderte durch seine hochgerüstete Symbiose von „Münze – Macht – Militär“ später ein Weltgefühl mit endzeitlichen Bedrängnissen. Religiöse Apokalyptik diente den Unterworfenen in diesem Kontext nicht zwingend als Fluchtweg ins Irrationale, sondern eher zur Aufdeckung von imperialen Gewaltstrukturen.

Die kleine Minderheit der Christen verstand sich als Vorhut einer neuen Zivilisation im Sinne des Propheten Jesaia, in der niemand mehr das Kriegshandwerk erlernt. Solche Anfänge verhinderten es freilich nicht, dass sich nach Kaiser Konstantin (gestorben 337 n.Chr.) in sechszehn Jahrhunderten ein Kriegskirchentum herausbildete, das auch dem industriellen Krieg der Moderne assistiert und sich durch Theologenbeistand für die Atombombe offen zur Gotteslästerung bekannt hat.

Die nach dem Abgrund von zwei Weltkriegen mit insgesamt bis zu 100 Millionen Todesopfern im Juni 1945 – wenige Wochen vor dem Einsatz einer neuartigen, ultimativen Massenvernichtungswaffe – verabschiedete Charta der Vereinten Nationen bezeugt den Vorsatz, „künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren“. Die „Bombe“ erledigte allerdings sogleich den Traum einer Demokratie im Miteinander der Völker.

Der „Atompazifismus“ zeigt sich in seinen überzeugenden Varianten bereits als ein vollausgebildeter „Zivilisatorischer Pazifismus“: Die Bombe ist – wie der Klimawandel – ein Erzeugnis aus der menschlichen Gattung, doch die Menschheit vermag das „Selbstgemachte Ding“ offenbar nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Jetzt verfügen bestimmte Akteure erstmalig innerhalb der gesamten Geschichte über die Fähigkeit zur kollektiven (Selbst-)Auslöschung der eigenen Spezies. Es gilt fortan:

An die Stelle des Satzes „Alle Menschen sind sterblich“ ist der Satz getreten: „Die Menschheit als ganze ist tötbar.“

Günther Anders: Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit

Im Sinne einer Schicksalsgemeinschaft, die auf Gedeih und Verderb im selben Boot sitzt, gibt es die „Eine Menschheit“ erst unter dem Vorzeichen von Atombombe und Klimakatastrophe. Auch wenn Scharlatane etwas anderes erzählen: Fortan stehen keine Heimatinseln und mit hohen Mauern abgesperrte Nationalterritorien für einen Rückzug ins Sichere mehr zur Verfügung.

Vorteile können sich die privilegierten Minderheiten und Regionen auf dem Globus durch einen Abschottungskrieg gegen die Elenden nur für eine kurze Zeitspanne verschaffen. Wir sind in einen Äon eingetreten, in dem sich das Rettende nur für alle ohne Ausnahme zeigen kann – oder eben der Abgrund, dem dann vielleicht schon mittelfristig niemand entrinnen kann.

Militärlogik macht blind

An den Horizont von Zivilisationsgeschick und Menschheitsfamilie wagt sich der wiederauferstandene deutsche Schwertglaube in hiesigen Talkrunden freilich nicht heran. Man begnügt sich weithin mit dem üblichen Kasperle-Theater von Leuten, die eine aktuelle Medienschlacht bestreiten und die nächste Wahl überleben wollen.

Ob selbstgesteckte „nationale Klimaziele“ vor der nächsten Wahl eingehalten werden oder nicht, das ist natürlich nicht nebensächlich. Für den „Zivilisatorischen Pazifismus“ gibt es freilich einen noch viel schwergewichtigeren „Prüfstein“, nämlich die Frage, welchen Beitrag die gegenwärtige Politik in Deutschland zur weltweiten Vernetzung im Dienst einer Revolte für das (Über-)Leben auf dem Globus beisteuert und welche politischen, kulturellen, ökonomischen, wissenschaftlichen, technologischen … Kooperationen sie in diesem Zusammenhang zuwege bringt.

Wo das Geschick des Planeten Erde als Lebensraum verhandelt wird, kann es allein um ein „Gemeinsam-Gewinnspiel“ ohne Verlierer gehen. Zur Aufgabenstellung gehört es unbedingt, eine möglichst hohe Punktzahl zu erzielen. Doch im „Gemeinsam-Gewinnspiel“ gibt es keine einzige Regel, die uns anfeuert, mehr Punkte als andere zu erzielen. Im Gegenteil: Die höchste Punktzahl kann nur dann erzielt werden, wenn alle sich absprechen, sich in die Karten schauen lassen … und auf ebendiese Weise gemeinsam die höchste „Punktzahl“ – das Optimum für alle – erlangen.

Im Licht der „einen Menschheit“ gehört es zum Vordringlichsten, überall dem Bewusstsein Bahn zu brechen, dass alle schon deshalb eine Schicksalsgemeinschaft bilden, weil sie denselben Planeten bewohnen. Die menschliche Spezies allein hat die ökologische Krise hervorgebracht. Unter allen Lebewesen auf der Erde vermag auch nur sie es, planmäßig nach Lösungen zu suchen und Brandherde zu löschen. Eine andere Perspektive, als die des gemeinschaftlichen Handelns, kann es, hierbei nicht geben (Beratung, abgestimmtes Vorgehen, Kommunikation, Technologie-Austausch, Kooperation, subsidiäre Hilfen, Ausgleich im Sinne einer globalen Gerechtigkeit …).

Die Vereinten Nationen müssen sich angesichts der ökologischen Krise förmlich neu erfinden. Keine zentralistische Weltregierung (Öko-Diktatur etc.) ist das Ziel, sondern ein Prozess der globalen Verbundenheit von unterschiedlichsten Kleinräumen, Ländern, Kulturen oder Kontinenten (keine Uniformität, sondern Vielgestaltigkeit; kein Diktat, sondern Dialog und Synergie). Das Zauberwort heißt „Kommunikation“, wobei Fragen der hierfür längst ausgebildeten Kommunikationstechnologie heute nicht mehr im Vordergrund stehen.

Acht Milliarden Menschen sind mit einem schier unermesslichen Erfahrungsschatz als Weltgestalter, Kreative und Erfinder beteiligt. Wenn irgendwo in einem Dorf, einer Region oder einem Land die Lösung für ein bestimmtes Problem im menschlichen Zivilisationsgefüge gefunden wird, sollte sie ohne Patentschutz und Zeitverzögerung von allen genutzt werden können.

In diesem Kontext wäre die so leichtfertig geschmähte „kulturelle Aneignung“ von Erfahrungen, Praktiken und Errungenschaften anderer kein Vergehen, sondern eine Überlebenstugend (Gemeinsam-Gewinnspiel). Was dem alle betreffenden „Weltgemeinwohl“ dienlich ist, muss überall frei zur Verfügung stehen und somit dem System des Profits entzogen werden.

Das Jahr 2022 hat uns aber einen ganz und gar anderen Ausblick beschert: Wie eh und je soll es weiterhin um das Konkurrenzringen von Imperien, imperialen Komplexen, selektiven Bündnissen zur Durchsetzung gemeinsamer Interesse und Nationen gehen. Der Uno ist bestenfalls die Aufgabe zugedacht, von Fall zu Fall den Versuch der Raubtierzähmung zu unternehmen. Die Devise lautet bei allen Beteiligten: „Wir werden gewinnen, die anderen müssen verlieren!“

Die Ideologie des aggressiven Wirtschaftens und der Rehabilitation des Krieges macht blind. Sie verhindert die überlebenswichtige Einsicht, dass nichts anderes als ein Gemeinsam-Gewinnspiel ansteht und es hierzu wirklich keine Alternative gibt.

Agenda und Unlogik der militärischen Heilslehre sind der denkbar größte Gegensatz zu einem dialogisch-kooperativen Gefüge der Weltgesellschaft, wie es allein noch Aussicht auf ein neues, lebensfreundliches Klima gewähren kann. Der Verweis auf diesen Widerspruch betrifft das Zentrum des Zivilisatorischen Pazifismus: Ohne Weltfrieden keine ökologische Weltinnenpolitik. Andere sehr bedeutsame Aspekte des Zusammenhangs von Krieg und Klima, von denen einige im nächsten Anschnitt genannt werden, sind demgegenüber nachgeordnet.

Zusammenhänge: Krieg und Klimakrise

„Zivilisatorischer Pazifismus“ ist kein friedenspolitischer Nebenschauplatz und auch keine Strategie zur Werbung von pazifistischem Nachwuchs (Argumentationshilfe für Stände der Friedensbewegung), sondern ein grundlegender Ansatz – unter Einschluss von „Atompazifismus“ und „Ökopazifismus“. Er zielt darauf, die weltweite menschliche Gemeinschaft im 21. Jahrhundert überhaupt erst zu befähigen, eine „Kooperation für das Leben“ zu werden und den vom homo sapiens verursachten Katastrophen gegenzusteuern.

Radikal in Frage zu stellen ist nun das mit dem destruktiven Zivilisationskurs verbundene Wissenschafts- und Forschungsparadigma. Die imperiale Zivilisation bringt Beherrschungswissenschaften hervor, die dem erfolgreichsten Vorteile sichern und in ihren Werkstätten ultimative Technologien des Massenmordes entwickeln.

In den nächsten Jahrzehnten werden aufgrund des Klimawandels weitere Konfliktherde entstehen und zig Millionen Klimaflüchtlinge tödlich bedroht sein. Kriege um Wasser werden den Kreis der gewalttätigen Ressourcensicherung dominieren.

Wider die mannigfachen Verwerfungen infolge der Erderwärmung wären völlig neuartige Ökonomien, Forschungen, Technologien und Produktionen im Dienste der Erhaltung oder Mehrung des Lebens angesagt. Derweil ziehen es die Mächtigen aber vor, ungezählte Milliarden in eine neue Atomwaffengeneration zu investieren – was in sich schon von der Bereitschaft zeugt, Menschen in Massen zu ermorden und zumindest Teile der Erdoberfläche gezielt unbewohnbar zu machen.

Der „Zivilisatorische Pazifismus“ ist an dieser Stelle zu 100 Prozent intolerant und bezeichnet das, was aus dem Irrenhaus der Zivilisation kommt, auch als Wahnsinn. Er spricht dem als rational geltenden Nuklearwaffen-Komplex jegliche Verbindung mit einem sinnvollen Verständnis von Vernunft ab.

In seinen Augen sind ausnahmslose alle Akteure, die sich an Entwicklung, Produktion oder Finanzierung der Nuklearwaffentechnologie beteiligen und ein Recht zu Atombombenbesitz oder Atombombenteilhabe beanspruchen, disqualifiziert für eine Politik, die ihrer Verantwortung vor gegenwärtigen und künftigen Generationen gerecht wird. In den Parlamenten sollten die Oppositionellen, die das Leben lieben, nicht aufhören, die Haber, Teilhaber und Kollaborateure der Bombe laut beim Namen zu nennen und den Aberwitz zu verlästern.

Die Zusammenhänge von Krieg und Klima betreffen die Richtung der maßgeblichen Forschungen, die Zweige der Produktionen und schließlich die Budgets für öffentliche Ausgaben. Jeder kann wissen, wie dringend wir Laboratorien, Industrien und Hervorbringungen zum Schutz des menschlichen Lebens brauchen. Gemästet werden jedoch Militärforschung und Rüstungskonzerne, also die Totmach-Industrien.

Die begrenzten Ressourcen fließen an erster Stelle in die Militärapparate. Sie fehlen dann zwangsläufig in den Kassen der Klimaschutzpolitik. Hier fallen Entscheidungen. Kein noch so schmerzliches ökologisches Opfer für den Kriegsgötzen erscheint den vielen unverantwortlichen Entscheidungsträgern zu groß.

Die Rüstungsproduktionen, Rüstungsexporte sowie der Unterhalt der militärischen Infrastrukturen (samt Wartung, Übungen etc.) tragen in beträchtlichem Umfang zur Steigerung der Erderwärmung bei, auch wenn die Waffen noch gar nicht zum Einsatz gekommen sind. Wo die Schlachten dann beginnen, gibt es für das Werk der Umweltzerstörung keine Grenze mehr. Das Militär ist Spitzenreiter der Destruktion.

Die Beendigung des Krieges gegen die Natur – d.h. gegen die Grundlagen des Lebens auf der Erde – stünde unter freien, vernünftigen Diskursbedingungen seit mehr als einem halben Jahrhundert als „T.O.P. 1“ auf der Tagesordnung. Die wirkliche Priorität besteht indessen darin, das Programm Krieg und die mit ihm verbundenen astronomischen Profite fortzuschreiben in alle Ewigkeit.

Herausforderungen wider die Vergeblichkeit – „Transzendenz“

Als Erkennungszeichen für den Zivilisatorischen Pazifismus bietet sich das älteste Symbol der „Campaign for Nuclear Disarmament“ an, welches auch als stilisierte Darstellung des Menschen gedeutet werden kann und dann zur Frage führt: „Scheitert der homo sapiens?“

Frohnaturen kommentieren die Atombombe trotz Hiroshima und Nagasaki – trotz der Leiden der militär-experimentell Verstrahlten, der Erstschlagoptionen, der fehlbaren Warnsysteme und einer neuartigen nuklearen Waffengeneration – mit Artikel 3 des Rheinischen Grundgesetzes: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ (Bislang ist doch noch immer alles gutgegangen. – Erfahrungsgrundlage ist hierbei eine winzige Zeitspanne der menschlichen Geschichte.)

Junge Häuslebauer mit Kinderwunsch winken bei Fridays for future ab: „Überspanntes, hysterisches Endzeit-Gehabe!“ Der Kulturredakteur lamentiert ebenfalls über altbackene „apokalyptische Zwangsvorstellungen“, denn er schreibt gerade einen anspruchsvollen Essay und will dann zur Belohnung ungestört einen exquisiten Rotwein genießen.

Der Wissenschaftler im vorgerückten Alter möchte derweil sein seit Jahrzehnten bearbeitetes Forschungsvorhaben zu einem Abschluss bringen; denn es kann ja gar nicht sein, dass die Vorstellung einer generationenübergreifenden Kultur-, Kommunikations- und Forschungsgemeinschaft durch eine alsbaldige Katastrophe oder Auslöschung jeglicher Geschichte als naive Illusion entlarvt wird…

Alle diese Verhaltensweisen sind menschlich, sehr menschlich. Jeder von uns ist zu zerbrechlich für die Katastrophe und geneigt, lähmende Prognosen zu Kommendem zu meiden. Wer Tag für Tag, Stunde um Stunde den „zivilisatorischen Ernstfall“ erwägt, fällt zwangsläufig in ein Grundgefühl der Vergeblichkeit. Angst und Fatalismus bleiben zurück, sie machen gefügig.

Gibt es eine Weise, „das Fürchten zu lernen“ (Günther Anders), die nicht handlungsunfähig macht? Wie könnten wir uns – einander – zu einem klaren Sehen des Weltgeschehens befreien – ohne falschen Trost, aber nicht ohne Beistand? In Abgründe sollte nur schauen, wer Stärkung erfahren hat. Leibhaftige Begegnungs- und Beziehungsräume – jenseits der digitalen Kommunikationsflut – sind schon deshalb unverzichtbar.

Es gab Epochen, in denen das Leben als Geschenk galt, nicht als etwas, das eingekauft werden muss. Zu den Herausforderungen unter dem Vorzeichen des „Zivilisatorischen Pazifismus“ gehört die Beleuchtung jener Jahrtausende einer patriarchal gelenkten Geschichte, die mit einer aggressiven Ökonomie, der Heilslehre des Militärischen und zuletzt einem Vernichtungskrieg gegen die natürlichen Grundlagen aller Lebewesen auf der Erde einhergeht.

Kriegs- und Hochrüstungskomplexe sind keine ewigen Naturtatsachen, sondern relativ junge Phänomene der menschlichen Zivilisationsgeschichte. Es gab eine Zeit ohne sie – und eine „Zukunft ohne Barbarei“ ist nur als Zustand vorstellbar, in dem sie wieder abgeschafft worden sind.

Wie nun kann das Lebensdienliche im öffentlichen Gefüge zur Sprache kommen und schließlich Hegemonie (Vordringlichkeit) erlangen? Ethische Überlegungen sind gewiss nichts Falsches, aber durch Moralpredigten werden wir den „Ernstfall der Zivilisation“ kaum abwenden können. Sich dem Erbe der Aufklärung verpflichtet fühlen, bleibt ebenfalls ehrenwert. Doch es fehlt summa summarum gewiss nicht an Faktenwissen über Klimawandel und Kriegsapparatur.

Es bleibt weiterhin nötig, das Publikum zu informieren z.B. über die astronomischen globalen Gesamtkosten der letzten Kriegsintervention in Afghanistan, die zwei Jahrzehnte lang währte und neben Leichenbergen als „Erfolg“ nur verbuchen kann, das Leben für sehr viele Millionen Menschen zum Schlimmeren gewendet zu haben. Für eine Hegemonie des Lebensdienlichen brauchen wir aber noch mehr als solche Aufklärung, nämlich wirkmächtige Bilder – kein Pentagon-Kino, sondern: „One human family“!

Wenn ich als Theologe an dieser Stelle mehr „religiöse Musikalität“ in einer Revolte für das Leben ersehne, so möchte ich nicht missverstanden werden. Jene institutionalisierte „Religion“, die jede beliebige Apparatur mit den Versprechungen einer hohlen Jenseitigkeit und einer kapitalismuskonformen Anwendungspastoral stützen kann, pulverisiert sich hierzulande.

Linker „Laizismus“ bezieht sich somit auf Kämpfe von gestern. Die biblische Überlieferungsgemeinschaft, aus der ich komme, zielt auf Religionskritik (nicht auf die Konstruktion eines höchsten Wesens oder esoterische Spekulationen). Es geht um einen Aufstand gegen den Tod, um den Sturz der falschen, allmächtig scheinenden Götter des Weltgeschehens.

„Transzendenz“ bedeutet in diesem Zusammenhang, die seelische Leere der Gefügigen zu durchbrechen und somit auch jenen toten Denkraum, der die Welt in einen überaus traurigen Ort verwandelt. Wer sich als Mensch auch den noch nicht Geborenen – den künftigen Generationen, denen er nie begegnen wird – verbunden fühlt, gehört bereits zu den Zeuginnen und Zeugen des „Transzendierens“.

Die rasante Militarisierung vollzieht sich unter der Losung „Für die Freiheit“, während sie in Wirklichkeit in freiheitsfeindliche, autoritäre Verhältnisse hineinführt. Das Wissen um die Kraft von Nonviolence bleibt weiterhin ausgeschlossen vom kommerziellen Massen-Entertainment, denn es betrifft die einzige Form des gemeinschaftlichen Widerstandes, die den Mächtigen und Besitzenden Angst einflößt.

Nonviolence ist keine Passivität, sondern höchste Aktivität: ein Widerstand, der dem Räderwerk des Todes in die Speichen greift, jedoch niemals fremdes Blut vergießt. Die Revolte gilt dem Leben und auch der menschlichen Würde. Falsche Propheten, die das Geschäft der Konterrevolution betreiben, sind leicht zu erkennen. Sie fordern Menschenopfer.

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Ausführungen zum „Zivilisatorischen Ernstfall“ hat der Verfasser schon früher in einem kleinen Aufsatz https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/012186.html und einem theologischen Essay https://solidarischekirche.de/wp-content/uploads/2020/12/Menschwerdung_soki-sonderdruck.pdf vorgelegt; ebenso einen Text zum Imago der „Einen Menschheit“ https://www.heise.de/tp/features/Die-Eine-Menschheit-4190450.html?seite=all

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Der Beitrag ist zuerst erschienen im Online-Magazin Telepolis, 19.08.2022. https://www.heise.de/tp/features/Zivilisatorischer-Pazifismus-7224129.html?seite=all

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Umleitung: Radwege, Comics, Romane, Städte, Freicorps, Faschismus, Klimakrise, rechte Hetze und mehr…

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Umleitung: Scholz, Zinsen, Twitter, Emscher, Drogen, Comics

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Scholz will seinen Opfern helfen: Lange legte SPD-Kanzler Scholz wenig Wert darauf, verstanden zu werden. Das scheint sich nun zu ändern … postvonhorn

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#LastSeen-Ausstellung in Kassel eröffnet: Ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus setzen

#LastSeen-Ausstellung auf dem Opernplatz in Kassel: Juli bis 14. September 2022; täglich von 10 bis 21 Uhr geöffnet (Foto: Arolsen Archives)

Auf dem Opernplatz in Kassel öffnete heute die Ausstellung #LastSeen. Bilder der NS-Deportationen der Arolsen Archives und Partner. Die Wanderausstellung auf der Ladefläche eines historischen LKWs informiert über die Suche nach bisher unbekannten Fotos von NS-Deportationen und zeigt, wozu Antisemitismus im Holocaust geführt hat.

(Pressemitteilung der Arolsen Archives)

Aus Anlass des antisemitistischen Eklats rund um die documenta fifteen hat der #LastSeen-LKW, der zurzeit durch Deutschland tourt, seine Route kurzfristig geändert, um in Kassel ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Die Ausstellung ist bis zum 14. September täglich von 10 bis 21 Uhr dort zu sehen.

Im Zentrum von #LastSeen stehen die Fotos von Deportationen aus dem Deutschen Reich zwischen 1938 und 1945. Die meisten der Männer, Frauen und Kinder auf den Bildern sind ein letztes Mal zu sehen – bevor die Nationalsozialisten sie in die Vernichtungslager brachten und ermordeten. Der #LastSeen-LKW stammt aus den 1950er Jahren, ähnliche Fahrzeuge wurden aber auch für den Transport von Verfolgten zu Sammellagern und Bahnhöfen genutzt.

Floriane Azoulay: „Antisemitismus geht uns alle an“

Bei der Eröffnung von #LastSeen warnte Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives, vor der Kontinuität antisemitischer Verschwörungsmythen und appellierte: „Antisemitismus ist keine Befindlichkeit von Jüdinnen und Juden, sondern eine alltägliche Realität, eine zentrale Frage der Demokratie und geht uns alle an.“

Floriane Azoulay im Gespräch mit einer TV-Journalistin bei der Eröffnung der #LastSeen-Ausstellung in Kassel
(Foto: Arolsen Archives)

Antisemitische Vorfälle seien erschreckenderweise auf dem Vormarsch und stiegen seit Jahren überall auf der Welt an, so Azoulay weiter. Antisemitische Bildsprache und Kommunikationsformen, wie sie bei der documenta zu sehen gewesen seien, trügen dazu bei, antisemitische Positionen als normal anzuerkennen. Daran zeige sich: „Antisemitismus ist kein vergangenes Thema“. Sie forderte dazu auf, auch die Frage des strukturellen Antisemitismus und seiner Verharmlosung in kulturellen Institutionen in den Blick zu rücken und dieses Problem aktiv anzugehen.

Die Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance, die sowohl die Bundesregierung als auch das Land Hessen zum Schutz jüdischen Lebens und dem Kampf gegen Antisemitismus übernommen haben, sei eine wichtige Grundlage zum Erkennen von Antisemitismus und solle dazu als Wegweiser dienen, erklärte Floriane Azoulay.

Claudia Roth: „#LastSeen führt die Folgen von Diskriminierung und Antisemitismus drastisch vor Augen“

Unterstützt wird die Ausstellung von Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die aus terminlichen Gründen nicht vor Ort sein konnte. In ihrem Grußwort bedankte sie sich bei den Arolsen Archives für die Intervention durch die Präsentation von #LastSeen während der documenta, da so in Kassel die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werde, zu welchen Bildern eine antisemitische Bildersprache führen könne. „Es ist eine Verantwortung für unser Land und für uns alle, dass Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung keinen Platz in Kunst, Kultur und unserer gesamten Gesellschaft bekommen.“

Mehr Bilder finden, entschlüsseln und verstehen

Die Ausstellung ist Teil einer Initiative der Arolsen Archives zusammen mit vier Partnern, bei der es um die Suche nach bisher unbekannten Fotos von NS-Deportationen und ein tieferes Verständnis der Bilder geht. Bisher sind rund 550 Fotos von NS-Deportationen aus knapp 60 Orten bekannt. Ziel von #LastSeen ist es, diese Bilder virtuell zusammenzuführen, weitere Fotos zu finden und Hintergründe zu recherchieren, um den Verfolgten ihre Namen und Geschichten zurückzugeben. Der #LastSeen-LKW macht auf die Initiative aufmerksam und bittet Freiwillige, sich an der Suche vor Ort zu beteiligen. Erste Ergebnisse von #LastSeen werden Ende 2022 in einem digitalen Bildatlas veröffentlicht. Ergänzend dazu wird für Schülerinnen und Schüler ein interaktives Lernspiel angeboten.

#LastSeen auf dem Opernplatz:
26. Juli bis 14. September 2022
Täglich von 10 bis 21 Uhr geöffnet

Die Arolsen Archives sind das weltweit umfassendste Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlung gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. #LastSeen ist eine Initiative der Arolsen Archives & Partner:

  • Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
  • Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur, Kulturreferat der Landeshauptstadt München
  • USC Dornsife Center for Advanced Genocide Research, Los Angeles
  • Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin

Das Projekt wird von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) im Rahmen der Bildungsagenda NS-Unrecht gefördert.

Ein Priester als NSDAP-Parteiorganisator im katholischen Landschaftsgefüge

Einblicke in ein Publikationsprojekt über Lorenz Pieper (1875-1951)

Buchumschlag „Am Anfang war der Hass“

Werner Neuhaus (Sundern) und ich haben in diesem Sommer ein umfangreiches Werk veröffentlicht über den Lebensweg eines sauerländischen Geistlichen aus dem Gefüge des Sozialkatholizismus, der sich ab Ende des 1. Weltkrieges ganz dem völkischen Nationalismus und Judenhass verschrieben hat: Dr. Lorenz Pieper (1875-1951), geboren in Meschede-Eversberg, trat schon 1922 als Kaplan von Hüsten der NSDAP bei. Er wurde 1923 sogar für einige Monate Mitarbeiter Adolf Hitlers und hielt von München aus im schwarzen Priesterrock zahlreiche NS-Propagandavorträge.

(Ein Gastbeitrag von Peter Bürger)

Kein anderer römisch-katholischer Kleriker in Deutschland hat so früh ein Parteibuch der Nationalsozialisten erhalten. Kurz vor der sogenannten Machtergreifung 1933 bekannte der gewaltbereite Antisemit: „Und naturgemäß wurde ich ein Soldat Hitlers. Es ist mein Stolz, dass ich gleich zu Anfang der Bewegung zu ihr stieß!“ „Das Wort ‚Das ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube!‘ gilt auch von unserer Bewegung. Der Sieg steht felsenfest!“

Das „Evangelium“ Hitlers wurde für Lorenz Pieper anstelle der christlichen Botschaft zur zentralen Sinngebung seines Lebens. Bis hin zum Schluss wird er seinem „Führer“ die Treue halten. Zu den Widersprüchen dieses Fanatikers gehört allerdings auch sein Widerstand gegen die planmäßig betriebene Ermordung von Kranken während der Zeit als Anstaltsgeistlicher in Warstein.

Die nationalsozialistischen Kleriker Joseph Roth (1897-1941) aus München, links, und Lorenz Pieper (1875-1951) aus dem Sauerland, in der Mitte, bei einem Treffen „brauner Priester“, vermutlich im Jahr 1933. (Foto-Reproduktion: Peter Bürger (Original im Pieper-Nachlass, Abtei Königsmünster).)

Ohne Lorenz Pieper wären viele NSDAP-Aktivitäten zur Zeit der Weimarer Republik im katholischen ‚Zentrums-Sauerland‘ wohl kaum möglich gewesen. Schon im Mai 1922 plant er eine nationalsozialistische Gründung in Hüsten und meldet in einem Eintrag vom 8.10.1922: „Vor 14 Tagen habe ich es ermöglicht, dass von Hagen aus auch hier ein nationalsozialistischer Redner sprach; es war eine vorläufige kleine Versammlung, bei der ca. 15 Mitglieder beitraten; aber immerhin haben wir nun eine kleine Ortsgruppe hier, die weiter arbeitet und den Völkischen Beobachter hält.“ (Nach Ausweis der NSDAP-Mitgliederkartei ist Pieper im Laufe der Jahre bis 1945 noch für folgende lokale Gliederungen der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei eingetragen gewesen: Wehrden – Höxter, Halingen – Menden – Langschede, Eversberg, Münster, Warstein – Suttrop und zuletzt Meschede.)

NSDAP-Gründerzeit an der Weser

In der nächsten Pfarrstelle, die seinem Münchener Einsatz bei Hitler ab dem 23. Oktober 1923 folgt, führt er die Parteiagitation fort. Dazu vermerkt sein Parteigenosse Eduard Schulte: „An der Weser setzte sofort Pieper altes Ringen um Deutschlands Zukunft wieder ein, als er dort Pfarrvikar in Wehrden bei Höxter wurde. Für die NSDAP und den Jungdo [Jungdeutschen Orden] war er aufs intensivste tätig, privat und öffentlich, rednerisch und journalistisch, bei Bannerweihen und Aufmärschen. … Die Ausbreitung des Hitler-Gedankens an der mittleren Weser und im Paderborner Lande ist wesentlich ihm mit zu verdanken; dabei diente Pieper dem unermüdlichen Wegbereiter der NSDAP in Norddeutschland, dem allzu früh verstorbenen ‚Rucksack-Major‘ Dinklage (Hannover)“.

Kreisleiter Dr. Heinrich Trost schreibt in seinem Beitrag „Die Entwicklung des Nationalsozialismus in Stadt und Kreis Höxter“ für die Festausgabe ‚50 Jahre Huxaria‘ im November 1933 rückblickend: „Nach einem verheißungsvollen Anfang, der in einigen gut besuchten Versammlungen, in denen u.a. auch der Bergmann Heinrich Dolle sprach, zum Ausdruck kam, begann ein ebenso schneller Abstieg, an dessen Ende unsere kleine Gruppe und einige Vertreter des Blocks, darunter der verdienstvolle Vorkämpfer in unserem Gebiete, der Vikar Dr. Pieper, als verlorener Haufen übrig blieb. Damit schloss das Jahr 1924; Ende Dezember war der Führer aus der Festungshaft in Landsberg entlassen worden. … Die Mitglieder mussten wir persönlich werben und an dem Defizit einer Versammlung hatten wir monatelang zu tragen. Wir verlegten unsere Versammlungstätigkeit daher auf die Dörfer, wo die Säle nichts kosteten und handgeschriebene Versammlungsplakate genügten. Vor allem waren es die Dörfer Boffzen, Amelunxen und Wehrden, die schon frühzeitig bearbeitet wurden.“ Christoph Reichardt und Wolfgang Schäfer resümieren in ihrem Buch ‚Nationalsozialismus im Weserbergland‘: „Am 23. Oktober 1923 trat Pieper zunächst stellvertretend die Stelle des Pfarrvikars in Wehrden an der Weser an, die er im September 1928 wieder verließ, um nach Halingen bei Menden versetzt zu werden. In diesen wenigen Jahren wurde Pieper zum glühenden Vorkämpfer der NS-Bewegung im Weserbergland“.

In „bewusster Anspielung auf das jungdeutsche Credo Lorenz Piepers“ – so Wieland Vogel – hat der Breslauer Ortsbischof Kardinal Adolf Bertram übrigens am 10. Januar 1924 seine Absage an den völkischen Jungdeutschen Orden formuliert: „Der Umstand, daß sich in einzelnen Gegenden Deutschlands Katholiken vereinzelt und selbst katholische Geistliche von dieser Bewegung ergreifen lassen, beweist nichts. Es gibt bei solchen Bewegungen stets Männer von wenig Lebenserfahrung, die nicht merken, wohin eigentlich die Fahrt geht. … Ich werde unter keinen Umständen dulden, dass ein Priester meiner Diözese dieselbe fördert oder ihr beitritt.“

Von Wehrden aus war Dr. Lorenz Pieper in der Frühzeit der Weimarer Republik beteiligt an überregionalen Bestrebungen zur Vernetzung der Rechtskatholiken in einem zu gründenden „Ring“, wobei auch seine Münchener Verbindungen zum Zuge kommen sollten. Federführend bei den Paderborner Vernetzungsaktivitäten war der Rechtskatholik Ferdinand Freiherr von Lüninck aus Ostwig.

Brauner Partei-Aktivismus im Raum Menden

Im nächsten Seelsorgeort Halingen ist Lorenz Pieper nach dem 1. September 1928 alsbald Organisator einer eigenen NSDAP-Sektion am Ort. Seine dortigen ‚Predigten‘ für den Nationalsozialismus wirken sich bei Wahlen zugunsten der Partei aus, und die Dekanatskonferenz Menden sieht „die Gefahr eines nationalsozialistischen Einbruchs in die katholische Zentrumsfront“. Nicht nur im Vergleich zu anderen Orten des Amtes Menden sind die Wahlergebnisse der NSDAP in Halingen geradezu spektakulär (Reichstagswahl 1930: über 27 %; Reichstagswahl März 1933: 44,3 %). Anton Schulte hat die Stimmenzuwächse 1995 in einer Ortschronik für Halingen differenziert dargestellt und kommt zu folgenden Schlüssen:

„Die prozentualen Stimmenanteile des Halinger Zentrums gingen zwischen 1919 und 1933 von 82 % auf 35,3 % zurück, für eine alte Zentrumshochburg bedeutete dies einen ungewöhnlich großen Wählerverlust. Er erfolgte allerdings während der vierzehn Jahre nicht gleichermaßen kontinuierlich. … In keiner der übrigen Gemeinden des Amtes Menden und auch nicht in der Stadt Menden war der Rückgang der Zentrumsstimmen derart groß wie in Halingen. … Hier wirkte sich – keine andere Erklärung liegt näher – der Einfluss eines Mannes aus, der zu diesem Zeitpunkt aufgrund einer Verfügung der erzbischöflichen Behörde vom 30. Dezember 1932 Halingen schon hatte verlassen müssen – des Pfarrvikars Dr. Lorenz Pieper. – In den vier Jahren seiner Halinger Tätigkeit hatte Pieper nicht nur als Seelsorger, sondern auch aufgrund der Ausstrahlungskraft seiner Persönlichkeit, die andere für sich einzunehmen verstand, an Ansehen und Einfluss gewonnen. … In seinen Ansprachen anlässlich nationaler Feiertage betonte er den Wert vaterländisch-nationaler Gesinnung. – Pieper machte nie ein Hehl aus seiner Sympathie für Hitler und die NS-Ideologie. Zu den führenden Köpfen des (Partei-) Gaues Westfalen-Süd oder der Mendener NSDAP-Ortsgruppe um Wilhelm Pferdekämper hielt er enge Verbindung. Der NSDAP galt er als eine Art Aushängeschild, als Beweis für die angebliche Vereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus. … Die Entfernung Piepers aus seiner Halinger Pfarrvikarstelle war für die NS-Presse ein Anlass zu heftigen Vorwürfen und Angriffen gegen die kirchlichen Behörden. Dabei hob sie die zweifelsohne bemerkenswerte persönliche Anspruchslosigkeit des Pfarrvikars sowie seine nationale Gesinnung hervor und feierte ihn als einen ihrer Märtyrer. Sie konnte in ihrer Argumentation auf die Zustimmung großer Teile der Halinger Bevölkerung rechnen, die Pieper am Abend vor seinem Weggang mit einem Fackelzug ehrte. … Seit den Kulturkampftagen hatten katholische Geistliche ihren seelsorgerischen Einfluss zugunsten der Zentrumspartei einzusetzen verstanden. Der kirchliche ‚Außenseiter‘ Pieper dagegen arbeitete nicht ohne Erfolg gegen die überkommene Vorherrschaft des Zentrums in Halingen. Auch wenn nicht auszuschließen ist, dass wegen der Weltwirtschaftskrise und der damit einhergehenden politischen Staatskrise die NSDAP für manchen bisherigen Zentrumswähler als eine hoffnungsvolle Alternative erscheinen mochte, darf Piepers Einfluss auf das Wahlverhalten vieler Halinger zwischen 1930 und 1933 nicht unterschätzt werden. Seine Gedanken und Anregungen … entsprachen in ihrer politischen Tendenz auch den nationalen und ‚völkischen‘ Grundströmungen in den Jahren der Endkrise der Weimarer Republik.“

In seinem Buch über die politische Geschichte Mendens (1989) bezieht Anton Schulte auch noch einen zweiten Priester in seine Überlegungen mit ein: „Eine lokale Sonderrolle bei der wachsenden Verschiebung der Wählerschaft zu Lasten jener Parteien, die den demokratischen Staat bejahten, spielten die beiden katholischen Geistlichen Dr. Lorenz Pieper, Pfarrvikar in Halingen, und Dr. Ferdinand Heimes, von 1924 bis 1938 Religionslehrer am damaligen Walburgis-Lyceum. Sie setzten sich z.T. massiv im Sinne der nationalsozialistischen Welt­anschauung ein und verunsicherten damit die bisher relativ ge­schlossene Front des katholischen Bevölkerungsteils. Die Gefahr eines nationalsozialistischen Einbruchs in die katholische Zentrumsfront wurde von den Dekanatskonferenzen nicht unterschätzt. Das bestätigt eine der Öffentlichkeit übergebene Erklärung zur Septemberwahl 1930, in der es heißt: ‚Die Nationalsozialisten benutzen im Wahlkampf vereinzelt ihnen nahestehende katholische Geistliche als Aushängeschild … Ihre politischen Ansichten lehnen wir als verhängnisvollen Irrweg ab‘.“

Späte Amtsenthebung

Lange ließ man Lorenz Pieper einfach gewähren. Doch 1930 und 1931 muss das Paderborner Generalvikariat den Priester dazu aufgefordert haben, seine NSDAP-Mitgliedschaft aufzugeben. Wegen anhaltender politischer Agitation folgt Ende Dezember 1932 die Mitteilung, dass er zum 15. Januar 1933 seines Amtes enthoben wird. Das entsprechende, von Erzbischof Caspar Klein und Vertretern des Generalvikariats am 30.12.1932 unterzeichnete Verwaltungsdokument vermerkt über den Priester Dr. Lorenz Pieper: „Eine andere Seelsorgestelle wird ihm nicht wieder übertragen. … Jede öffentliche politische Tätigkeit in der Politik wird ihm untersagt. … Über seine Pension wird eine besondere Verordnung erlassen. … Die Personalakten dieses Priesters füllen 2 starke Aktenbände …. Die Eigenart dieses Priesters ist gekennzeichnet durch Eigensinn und unbelehrbare Starrköpfigkeit … und einen Hochmut, der ihn zu immer neuen Konflikten führte und selbst zu Frechheiten gegenüber seiner [Bischofs-]Behörde verleitete …. Durch diese von ihm nie hinreichend unterdrückten Charakterfehler haben seine anerkennenswerten Gaben des Geistes und des Gemütes für die Seelsorge nie zur segensreichen Geltung kommen lassen [sic]. Wo immer er in der Seelsorge tätig gewesen ist, mußten seine Pfarrer … bei der Behörde über ihn Beschwerde führen. Die Gemeinden sind durch … seine öffentliche nichtseelsorgerische Betätigung in Verwirrung und Gegensätze mancherlei Art hineingetrieben worden. Aus keiner seiner Stellen ist er in Frieden geschieden“. Lokale Sympathisanten und die NSDAP-Presse nutzten diesen Bescheid für eine Kampagne. Die Rückkehr L. Piepers in seine Heimatstadt gab Anlass zu einer wirkungsvollen Inszenierung.

Im Altkreis Meschede

Die sechstälteste NSDAP-Ortsgruppe des Kreises Meschede war nun die lokale Parteigliederung in Piepers Geburtsort Eversberg, gegründet im Oktober 1931. In deren Chronik von 1938 heißt es für die ‚Zeit der ersten Anfeindungen‘: „Unser Landsmann, Pfarrvikar Dr. Lorenz Pieper (Halingen), der uns stets mit Parteizeitungen und sonstigem Werbematerial versah, war den Eversbergern ein leuchtendes Vorbild, so dass trotz allem die Stimmenzahl von Wahl zu Wahl anstieg, und zwar derartig, dass noch bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 ein Zuwachs gegenüber dem Juli 1932 von 15 Prozent zu verzeichnen war“. – Über das RAD-Nebenlager Eversberg schreibt Rudolf Franzen: „Ein besonderer Förderer dieses kleinen Lagers war … Pieper.“

Ulrich Hillebrand hat auf der Grundlage von Zeitzeugenberichten der 1980er Jahre mitgeteilt: „Ältere Mitbürger erinnern sich noch, dass Pieper Nationalsozialisten in Parteiuniform kirchlich traute. So führte Pieper im Jahre 1932 die kirchliche Trauung des Briloner Kreisleiters durch, nachdem die katholische Geistlichkeit dieses abgelehnt hatte. Pieper zelebrierte im Januar 1934 auch das Brautamt für den damaligen Standartenführer Schulte-Mimberg in der Mescheder Walburga-Kirche. Es war damals die erste ‚braune Hochzeit‘ im Kreis Meschede.“

Im ‚Entnazifizierungsverfahren Lorenz Pieper‘ vermerkt der Ausschuss für die Kreise Arnsberg, Meschede und Brilon in seinem Beschluss vom 6. Oktober 1948 zu Piepers Wegbereiterfunktion in der Landschaft: „Der Berufungsausschuss konnte nicht außer Acht lassen, dass die Beurteilung des Dr. Pieper, der im Sauerlande allenthalben bekannt ist und bei der Durchdringung des Sauerlandes durch den Nazismus wesentlichen Anteil hat, in sämtlichen Bevölkerungskreisen ein lebhaftes Echo zur Folge haben muß.“

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Neuerscheinung (Buch):
Peter Bürger – Werner Neuhaus (Hg.): Am Anfang war der Hass. Der Weg des katholischen Priesters und Nationalsozialisten Lorenz Pieper (1875-1951): Erster Teil. Schmallenberg: Woll-Verlag 2022.
(Forschung & Quellen; ISBN: 978-3-948496-49-4 ; 652 Seiten; Fester Einband; 29,90 Euro; www.woll-verlag.de) – Im nahen Buchhandel bestellbar. Ein zweiter Teil mit den Schwerpunkten „Euthanasie-Morde“ und „Entnazifizierung“ soll 2023 erscheinen.

Inhaltsverzeichnis des neuen Buches (PDF-Leseprobe):

Wanderausstellung und Vortrag zum Thema „Preußen in NRW“ – Station am Sauerland-Museum Arnsberg

Die Wanderausstellung „Modellierte Tradition. Was NRW mit Preußen zu tun hat“ gastiert bis Ende Juli im Museumshof. Eine Arnsberger Schulklasse „unter der Pickelhaube“. (Foto: Sauerland-Museum)

Das Sauerland-Museum in Arnsberg ist stellvertretend für den gesamten Regierungsbezirk Arnsberg Ausstellungsort der Wanderausstellung „Modellierte Tradition. Was NRW mit Preußen zu tun hat“, die in Form einer transportablen Litfaßsäule auf dem Museumshof bis Ende Juli zu sehen ist.

(Pressemitteilung Hochsauerlandkreis)

75 Jahre Nordrhein-Westfalen – unser Bundesland feiert in diesem Jahr ein besonderes Jubiläum. Das LWL-Preußenmuseum Minden, die Landeszentrale für politische Bildung NRW und die Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen machen ihm aus diesem Anlass ein besonderes Geschenk: Eine Litfaßsäule, die eine kleine, aber feine und transportierbare Wanderausstellung zeigt. Eine historische Ausstellung, in der es entgegen möglicher Erwartungen aber nicht um die letzten 75 Jahre geht, sondern um Preußen.

Preußen? Da denkt man vermutlich an Pickelhaube, Kaiser, Obrigkeitsstaat und Militärparaden, aber nicht an Nordrhein-Westfalen. Und doch ist unser heutiges NRW ohne Preußen nicht denkbar. Denn entgegen des Mythos, dass die Briten das neue Bundesland 1946 auf dem Reißbrett erschufen, zeigt sich: die engen Verbindungen des (Nord-)Rheinlands und Westfalens gehen bis ins Jahr 1815 zurück, als Preußen begann, den beiden Provinzen feste administrative Strukturen zu geben und damit Grundlagen für Vieles schuf, was uns bis heute prägt. Die Ausstellung zeigt die preußische Vorgeschichte NRWs in einer außergewöhnlichen Form und mit einem leichten Augenzwinkern – und doch seriös und zuverlässig.

Die Wanderausstellung ist während der Öffnungszeiten des Museums kostenfrei zugänglich.

(V.r.n.l.): Dr. Guido Hitze, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen im Ministerium für Kultur und Wissenschaft, Doris Wermelt vom LWL-Preußenmuseum Minden und Museumsleiter Dr. Oliver Schmidt eröffnen die Wanderausstellung. (Foto: Sauerland-Museum)

Passend zur Wanderausstellung lädt das Sauerland-Museum zu einem Vortrag in das Blaue Haus des Museums ein: Dr. Guido Hitze, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen im Ministerium für Kultur und Wissenschaft, referiert über die Motive, Ursachen, Hintergründe und Ziele der Bestrebungen, Anfang der 1920er Jahre im Zuge der Reichsreformdebatte eine „Wirtschaftsprovinz Rheinland-Westfalen“ nahezu exakt in den Grenzen des heutigen Nordrhein-Westfalen zu schaffen.

Der Vortrag findet am Dienstag, den 28. Juni um 18 Uhr im Blauen Haus des Sauerland-Museums statt. Der Eintritt ist frei.