Jenseits von Facebook: Buch 3 der “Challenge”- Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen

Erstveröffentlichung 1932, Lizenzausgabe Gustav Lübbe Verlag, 2. Auflage 1980

Zitat aus dem ersten Beitrag der „Challenge“:

“Moin Mario, ich mache solche “Challenges” grundsätzlich nicht, aber ein paar Bücher kann ich posten. Geht es um solche, die mich beeindruckt haben?”

“Hallo Hans, ja, ganz genau. Bin sehr gespannt.”

Hier mein Tag 3.

Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen ist auch heute noch frische Literatur.

Die etwas mehr als 200 Seiten habe ich bislang zwei- oder dreimal gelesen – in den letzten Jahrzehnten. Keine verschwendete Zeit. Wer es ebenfalls gelesen hat, kann die Hand heben, für die anderen die Rückseite. Tucholsky ist etwas herablassend, oder?

Jenseits von Facebook: Buch 2 der „Challenge“- George Orwell, Homage to Catalonia

Zitat aus dem ersten Beitrag der „Challenge“:

“Moin Mario, ich mache solche “Challenges” grundsätzlich nicht, aber ein paar Bücher kann ich posten. Geht es um solche, die mich beeindruckt haben?”

“Hallo Hans, ja, ganz genau. Bin sehr gespannt.”

Hier mein Tag 2. George Orwells „Nineteen Eighty-Four“ und „Animal Farm“ waren die Pflichtlektüre meiner Schulzeit. Zu diesen Dystopien gesellte sich dann noch Aldous Huxleys „Brave New World“.

„Homage to Catalonia“ habe ich weit nach der Schulzeit gelesen. Orwell ist ein wunderbarer Stilist und scharfer Analytiker. Seine Erzählung über den Spanischen Bürgerkrieg hat mich mindestens genauso beeindruckt wie Hemingways „For Whom the Bell Tolls“.

Bevor ich ausschweife, statt einer Besprechung,  die Buchrückseite:

Bücher-Challenge auf Facebook. Wie ich sie umgehe und trotzdem zehn Bücher poste.

Nur die Buchrücken und (fast) kein Kommentar. (foto: zoom)

Die „Challenges“ auf Facebook mache ich in der Regel nicht mit. Kettenbriefe mit potentiell exponentiellem Wachstum. Zwischen Brunskappel und Siedlinghausen entspann sich folgender kleiner Dialog:

„Tag 6 von 10 der Bücher-Challenge. Nur das Cover, kein Kommentar.

Heute nominiere ich Hans Schiebener.
Auf seine Bücher-Auswahl bin ich sehr gespannt.“

„Moin Mario, ich mache solche „Challenges“ grundsätzlich nicht, aber ein paar Bücher kann ich posten. Geht es um solche, die mich beeindruckt haben?

„Hallo Hans, ja, ganz genau. Bin sehr gespannt.

Hier mein Tag 1. Die wichtigsten Bücher meiner Schulzeit. Das soll jetzt aber kein Kommentar sein, höchstens ein Hinweis. Die kleine Geschichte mit der Stadtbücherei in Dinslaken habe ich irgendwo im Blog schon erzählt oder zumindest angedeutet.

Die paar blauen Bände zähle ich als ein Buch. Es sollten also noch neun weitere Werke folgen.

Oscar Romero, Bote der Gewaltfreiheit
Zum 40. Todestag des Erzbischofs von San Salvador

Peter Bürger: Oscar Romero, die synodale Kirche und Abgründe des Klerikalismus. Zum 40. Todestag des Lebenszeugen aus El Salvador. Norderstedt 2020. (112 Seiten; 8,90 Euro; ISBN: 9783750493773).

Vor vierzig Jahren wurde am 24. März 1980 Oscar Romero, Erzbischof von San Salvador und Stimme der Armen, von einem Auftragskiller im Dienst der reichen Minderheit im Land ermordet. Romero hatte öffentlich vom US-Präsidenten eine Einstellung aller Waffenlieferungen an das Militärregime verlangt und am Vortag seine Todes die Soldaten aufgefordert, Befehle zum Töten ihrer Mitmenschen zu verweigern. Fortan fehlte der Bote der Gewaltfreiheit. In der Folgezeit mussten 75.000 Salvadorianer ihr Leben lassen.

(Ein Gastbeitrag von Peter Bürger)

Romeros Botschaft an die Welt lautete nicht: „Schickt uns Waffen für die Revolution!“, sondern: „Beendet das Morden!“

Bezeichnender Weise wird Romero vor der Westwand von Westminster Abbey (London) an der Seite Martin Luther Kings dargestellt. Sein Aufruf zu einem aktiven Widerstehen – ohne tödliche Gewalt gegen Menschen – ist aktueller denn je.

Wir können freilich nicht beim Stand von 1980 stehenbleiben. Noch entschiedener muss heute die Aufklärung zu Haltungen und Strategien einer aktiven Gewaltfreiheit ausfallen. Nur sie entsprechen dem Weg Jesu und eröffnen dem Widerstand eine Aussicht auf Erfolg. 2016 hat die Internationale katholische Konferenz „Nonviolence & Just Peace“ (Gewaltfreiheit und Gerechter Friede) sich allen Traditionen einer Legitimierung von tödlicher Gewalt entgegengestellt und zugleich Einblicke in die Kompetenzen der weltweiten Kirche auf Schauplätzen des gewaltfreien Widerstehens vermittelt.

Die Botschafter der aktiven Gewaltfreiheit und die Vertreter*innen der Befreiungstheologie sollten in einen intensiven Dialog eintreten, denn sie können nur einen gemeinsamen Weg gehen! Gewaltfreier Widerstand ist die einzige Revolution, die den Agenten einer aggressiven Ökonomie, die über Leichen geht, Sorge bereitet. Die Kirche kann durch praxisorientierte Werkstätten auf dem ganzen Globus ihren diakonischen Auftrag erfüllen und dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen – nicht nur Christinnen und Christen – mit der intelligenten Methode einer Revolution ohne Blut vertraut werden.

Aus Predigten und Stellungnahmen Oscar Romeros

„Verfolgt und attackiert wird jener Teil der Kirche, der sich auf die Seite der Armen gestellt und sich ihrer Verteidigung angenommen hat. Und wiederum findet sich hier der Schlüssel, um die Verfolgung der Kirche zu verstehen: die Armen. Wiederum sind es die Armen, die verständlich machen, was wirklich passiert.“ (Rede in Löwen, 2.2.1980)

„Wir wissen sehr wohl, dass Regierung und Oligarchie unterschiedslos all jene als Subversive bezeichnen, die sich der Ungerechtigkeit bewusst geworden sind, die wirksam versuchen, diese Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Wenn wir aber für einen Augenblick die Probleme der Ideologien hintansetzen, in deren Namen man die verabscheuungswürdigsten Verbrechen zu rechtfertigen sucht, so glaube ich, dass für uns alle, als Bischöfe, Christen und gewöhnliche Salvadorianer, die Ursache unserer Not offensichtlich ist: Die Massen der Armen und all jener, die sich auf ihre Seite stellen, werden systematisch ausgerottet. Fragwürdiges kann auch auf deren Seite bisweilen geschehen. Wer der großen Menge der Armen zu helfen oder sie zu verteidigen sucht, wird immer wieder an die menschlichen Grenzen stoßen. All dies aber ändert nicht ernstlich die grundlegende Tatsache, dass in unserem Land die Kinder Gottes, besonders die Armen, die Lieblinge Gottes, zu deren Gunsten wir uns in Puebla entschieden haben, ungestraft ermordet werden.“

„Es geht um den Kampf für das Reich Gottes. Für diesen Kampf brauchen wir keine Panzer oder Maschinengewehre, keine Schwerter oder Karabiner. […] Wir kämpfen unseren Kampf mit Gitarren und Liedern der Kirche. Denn auf diese Weise streben wir die Bekehrung der Sünder an: Wir säen in den Herzen und verändern die Welt. […] Das ist die ›Rache‹ der Christen. Wir wollen, dass auch die sich bekehren, die uns schlagen.“

„Die einzige Form von Gewalt, die das Evangelium zulässt, ist diejenige, die man sich selber gegenüber anwendet. Wenn Christus zulässt, dass er getötet wird, dann ist das Gewalt: sich töten zu lassen. Die Gewalt gegen sich selbst ist wirksamer als die Gewalt gegen andere. Es ist leicht, zu töten, vor allem, wenn man Waffen hat; aber wie schwer ist es, sich töten zu lassen aus Liebe zum Volk!“

„Es gibt keinen Gegensatz zwischen dem Bild Gottes und dem Menschen. Wer einen Menschen foltert, wer einen Menschen beleidigt, der beleidigt das Bild Gottes.“

„Das Leben ist immer heilig. Das Gebot des Herrn ‚Du sollst nicht töten‘ heiligt das ganze Leben. Und auch wenn es das eines Sünders ist, das vergossene Blut fleht immer Gott an. Und die, die töten, sind immer Mörder.“ (Predigt vom 24.6.1979)

„Nichts ist so wichtig für die Kirche wie das menschliche Leben, wie die menschliche Person. Vor allem die Person der Armen und Unterdrückten, die nicht nur menschliche, sondern auch göttliche Wesen sind; denn über sie sagte Jesus, dass Er all das, was ihnen angetan wird, selbst empfängt, als sei es Ihm angetan worden. Und dieses Blut und der Tod sind jenseits aller Politik. Sie berühren das Herz Gottes. Weder die Agrarreform, noch die Verstaatlichung der Banken, noch andere versprochene Maßnahmen können fruchtbar sein, wenn Blut vergossen wird.“ (Predigt vom 16.3.1980).

Romero zitiert aus einer Briefzuschrift: „Wir sind der Waffen und der Geschosse müde. Wir hungern nach Gerechtigkeit, nach Nahrung, nach Medikamenten, nach Bildung und nach wirksamen Programmen einer aussichtsreichen Entwicklung. Sind die Menschenrechte einmal beachtet, werden wir keine Verwendung für Waffen und Tötungsmethoden haben.“

Romero fordert die Soldaten am 23. März 1980 (Vortag seiner Ermordung) auf, Befehle zum Töten zu verweigern: „Brüder, ihr gehört zu unserem Volk. Ihr tötet eure eigenen Brüder unter den Bauern. Wenn ein Mensch euch befiehlt zu töten, dann muss das Gesetz Gottes mehr gelten, das da lautet: Du sollst nicht töten! Kein Soldat ist verpflichtet, einem Befehl zu gehorchen, der gegen das Gesetz Gottes gerichtet ist. Ein unmoralisches Gesetz verpflichtet niemanden. Es ist höchste Zeit, dass ihr auf euer Gewissen hört und mehr seinem Gebot Folge leistet, als der Ordnung der Sünde! Die Kirche, die Verteidigerin der Rechte Gottes und der menschlichen Würde, der Würde der Person, kann angesichts solcher Abscheulichkeiten nicht schweigen! Wir wollen, dass die Regierung sich darüber klar wird, dass Reformen, die mit so viel Blut befleckt sind, zu nichts taugen. Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen von Tag zu Tag lauter zum Himmel steigen, bitte ich euch, flehe ich euch an, befehle ich euch: Hört auf mit der Unterdrückung!“ (Sonntagspredigt am Vortag seiner Ermordung)

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Zwei Neuerscheinungen im März 2020

Peter Bürger: Oscar Romero, die synodale Kirche und Abgründe des Klerikalismus. Zum 40. Todestag des Lebenszeugen aus El Salvador. Norderstedt 2020. (112 Seiten; 8,90 Euro; ISBN: 9783750493773). https://www.bod.de/buchshop/oscar-romero-die-synodale-kirche-und-abgruende-des-klerikalismus-peter-buerger-9783750493773

Oscar Romero und die Kirche der Armen. Sonderband der edition pace.
Hrsg. in Kooperation mit dem Ökumenischen Netzwerk Initiative Kirche von unten, dem Ökumenischen Institut für Friedenstheologie und der Solidarischen Kirche. (194 Seiten.) Internetfassung, 13.03.2020:
https://friedenstheologie-institut.jimdofree.com/publikationen/oscar-romero-und-die-kirche-der-armen/

Falken erinnern an Generalstreik für die Republik

Zwei Buchempfehlungen der Mescheder Falken zum Kapp-Putsch (Umschlagfotos)

Die Mescheder Falken gedenken am 22. März des 100. Jahrestages des Generalstreiks gegen den Kapp-Putsch und der Gründung der Roten Ruhrarmee. Das Motto: „Bleibt wachsam gegen die Feinde der Republik!“

(Pressemitteilung der Falken HSK)

Vor genau 100 Jahren, im März 1920, scheiterte innerhalb von vier Tagen am organisierten Widerstand der Arbeiterinnen und Arbeiter der erste Versuch einer faschistischen Machtübernahme nach der Novemberrevolution von 1918. Wir wollen der mutigen Männer, Frauen und Jugendlichen gedenken, die damals die junge Republik verteidigt haben.

Eigentlich wollten wir unser diesjähriges Frühlingsfeuer diesem Thema widmen, einen Filmausschnitt zeigen und am Mahnmal in Meschede Blumen niederlegen. Wegen der gegenwärtigen Krise des Gesundheitssystems wird das Treffen aber auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Wir werden aber zwei neu erschienene Bücher zum Thema in unsere Bücherei aufnehmen, die auch bestellt werden können. Und wir wollen zum geplanten Zeitpunkt, Sonntag um 16 Uhr, auf unserer Internetseite Spielfilme und Dokumentationen zum Thema empfehlen[1]. So können Interessierte die Zeit der Isolation nutzen, um sich auch zu Hause mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Die Falken mahnen, gegenüber neofaschistischen Tendenzen wachsam zu bleiben. Wir setzen uns schon in der Junghelferausbildung damit auseinander, wie rechtlos und unwürdig gerade auch die arbeitende Jugend zu Zeiten des Deutschen Reiches gelebt hat. Dass sich manche Menschen, Gruppen und Parteien einen solchen autoritären Ständestaat und Obrigkeitsstaat zurückwünschen, ist für uns nicht nachvollziehbar. Aus unserer Sicht gilt es vielmehr, die Freiheitsrechte, die Gleichheitsrechte und Solidaritätsverpflichtungen der modernen Gesellschaft zu verteidigen und weiterzuentwickeln.


[1] https://wp.me/pKUQb-12R

Zu blöd für diese Welt? „Äquidistanz“? „Hufeisentheorie“?

Manchmal denke ich, daß ich einfach zu blöd für diese Welt bin, weil ich so vieles einfach nicht verstehe. Das liegt unter anderem daran, daß täglich neue Wörter in meine geliebte deutsche Sprache hineingestanzt werden, die ich vorher noch nie gehört habe, aber plötzlich wie mit nassen Lappen täglich um die Ohren geschlagen bekomme. Zur Zeit sind es die Wörter „Äqui-Distanz“ (oder „Äquidistanz“) und „Hufeisentheorie“.

Früher dachte ich immer, Theorien seien etwas Kompliziertes, aber heutzutage kann manches noch so platte Bild mit dem Wort „Theorie“ belegt werden, und beinahe täglich wird ein neues Unwort in unseren Sprachschatz gestanzt.

Johann Wolfgang Goethe, der sich einen Adelstitel verleihen ließ, um als Bürgerlicher mit den Herrschaften mit am Tisch sitzen zu dürfen – daher für viele lieber Johann Wolfgang von Goethe (Lutz Görner: „Goethe für alle“) – kam mit etwa 23 000 Wörtern aus; heute sollen es etwa 1,8 Millionen sein. Natürlich mußte er viele Vokabeln gar nicht lernen; „Atommülldeponien“ und „Neonazis“ gab es zu seiner Zeit noch nicht (noch nicht einmal „Nazis“, was eine Kurzform für „Nationalsozialisten“ ist). Aber was hätte er wohl zu „Entsorgungspark“ und „Wutbürger“ gesagt – zwei Wörtern, die für mich zu einer besonderen Kategorie gehören: zu den Wörtern, die ich immer nur in Medien gehört habe, niemals von einem Menschen aus Fleisch und Blut?

Zu den heutzutage in beinahe jeder „Talk-Show“ (mit Anne Will, Markus Lanz, Margret Illner und wie sie alle heißen) benutzten Vokabeln „Äqui-Distanz“ und „Hufeisentheorie“ fallen mir drei Bücher aus drei Jahrzehnten ein:

Mit zweierlei Maß. Die deutsche Reaktion auf den Terror von rechts.

Hermann Vinke: „Mit zweierlei Maß. Die deutsche Reaktion auf den Terror von rechts.
Eine Dokumentation“, Reinbek bei Hamburg 1981 (rororo aktuell 4822)

Auf dem Weg zum Bürgerkrieg? Rechtsextremismus und Gewalt gegen Fremde in Deutschland

Wolfgang Benz (Hrsg.): „Auf dem Weg zum Bürgerkrieg? Rechtsextremismus und Gewalt gegen Fremde in Deutschland“, Frankfurt am Main 2001 (Fischer Taschenbuch)

Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU

Stefan Aust und DirkLaabs: „Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU“,
München 2014 (Pantheon Verlag)

Und immer wieder die Frage: „Wie konnte das passieren?“

Wie konnte was passieren?

„Am rechten Rand. Wie radikal ist die AfD?“ Film von Michael Richter und Jana Merkel, ausgestrahlt am 23.11.2018 auf „Phoenix“ (https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/am-rechten-rand-a-498135.html), zu sehen auf https://www.youtube.com/watch?v=YB0JsXeA-b0

„Rechtsrockland“. Film von Johanna Hemkentokrax und Axel Hemmerling, ausgestrahlt am 22.11.2018 um 21 Uhr auf Phoenix (https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/rechtsrockland-a-474350.html), zu sehen auf https://www.youtube.com/watch?v=2w7kQPNa0nc

Wie kann das passieren? Ich verstehe es einfach nicht!

Zu blöd für diese Welt (Beitrag als PDF)

Heimliche Jagd – Historische Waldkonflikte: Zwei Neuerscheinungen zur Wilderei für die Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe

„Als 1909 der Oberhundemer Waldarbeiter Anton Dörrenbach von einem Jagdaufseher erschossen wurde, hielt die Bevölkerung zu ihren wildernden Dorfinsassen.“ (Buchumschlag)

Über Jahrhunderte wurde aufgrund exklusiver Jagd- und Forstprivilegien ein „Krieg im Wald“ ausgetragen. In vielen Phasen der Geschichte gehörten Wilderei und Holzfrevel zum Alltag.

(Pressemitteilung)

Mit Harmonie, Idylle und Romantik hatte das wenig zu tun. Es flossen Blut und viele Tränen. Zwei neue Bücher erhellen historische Waldkonflikte für das Gebiet der benachbarten Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe.

Amtliche Dokumente, Zeitungsberichte, Forschungsarbeiten, heimatkundliche Texte und Hinweise auf noch unbearbeitete Quellen vermitteln den Rahmen für eine Gesamtdarstellung der Auseinandersetzungen eines halben Jahrtausends.

Die wittgensteinischen Landesherren beanspruchten für sich ein Monopol auf Waldbesitz und Jagdausübung. Doch die bäuerlichen Untertanen wollten mitnichten nur Frondienste für den adeligen Jagdkult leisten und erprobten lange vor der 1848er Revolution den Aufstand.

Zuletzt erregten brutale Förstermorde und die Hinrichtung des berüchtigten Wilddiebes Johann Wagebach die öffentliche Aufmerksamkeit. Verwundete oder getötete Wilderer aus der ärmeren Klasse handelte die Tagespresse zumeist anonym in Kurzmeldungen ab. Wie im Absolutismus plädierte man für Schüsse auch auf fliehende Frevler …

Auf dem Gebiet des Kreises Olpe gab es beim Waldbesitz eine größere Vielfalt der Eigentumsformen. In kurkölnischer Zeit war dieses Territorium für den Jagdkult des höchsten Landesherrn auch nur bedingt von Bedeutung. Adel und Stadtbürgertum beriefen sich auf verbriefte Jagdrechte, manchmal unter Gewaltandrohung. Lokale Konflikte um Raumnutzung, Wildbret und Holz zeitigten eine lange Wirkungsgeschichte.

Als 1909 der Oberhundemer Waldarbeiter Anton Dörrenbach von einem Jagdaufseher erschossen wurde, hielt die Bevölkerung zu ihren wildernden Dorfinsassen.

Es folgte ein Racheakt mit Dynamit. Nach dem 1. Weltkrieg war die Wilderer-Szene mit neuen Waffen ausgestattet. Fischfrevler in Olpe setzten Sprengkörper ein. G. R. aus Marmecke fand den Tod durch eine Försterkugel.

Das Kreisblatt brachte Alarmmeldungen zur Wilderei und Vorgaben zum Schusswaffengebrauch der Ordnungskräfte.

Die Dokumentationen, erschienen in der Reihe „edition leutekirche sauerland“, ermöglichen eine vergleichende Betrachtung der beiden Nachbarkreise und sollen Lokalforscher dazu anregen, einen lange tabuisierten Schauplatz der nahen Sozialgeschichte zur erhellen.

Beide Neuerscheinungen sind zugleich ein wichtiger Beitrag zur regionalen Jagdgeschichte. Sie können überall im nahen Buchhandel bestellt werden:

D. Bald, P. Bürger, H. Haumann, K. Homrighausen u.a.:
Wo Wild ist, da wird auch gewildert
Historische Waldkonflikte im Wittgensteiner Land und Siegerland
ISBN: 978-3-7528-8090-8 (492 Seiten; 19,80 €; Paperback).

P. Bürger, O. Höffer, W. Scherer, M. Vormberg u.a.
Heimliche Jagd
Historische Waldkonflikte im Kreisgebiet Olpe
ISBN 978-3-7504-0903-3 (264 Seiten; 14,90 €; Paperback).

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Weitere Informationen:

Dieter Bald, Heiko Haumann, Klaus Homrighausen u.a.:
Wo Wild ist, da wird auch gewildert
Historische Waldkonflikte im Wittgensteiner Land und Siegerland
ISBN: 978-3-7528-8090-8 (492 Seiten; 19,80 €; Paperback);
edition leutekirche sauerland (BoD): Norderstedt 2020

https://www.bod.de/buchshop/wo-wild-ist-da-wird-auch-gewildert-dieter-bald-9783752880908

(Inhalt/Leseprobe: oben links anklicken)

P. Bürger, O. Höffer, W. Scherer, M. Vormberg u.a.
Heimliche Jagd
Historische Waldkonflikte im Kreisgebiet Olpe
ISBN 978-3-7504-0903-3 (264 Seiten; 14,90 €; Paperback)
edition leutekirche sauerland (BoD): Norderstedt 2020

https://www.bod.de/buchshop/heimliche-jagd-peter-buerger-9783750409033

(Inhalt/Leseprobe: oben links anklicken)

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Valentyne Suite: Bermuda3Eck, Schauspielhaus, Hamlet

Auf dem Weg zum Schauspielhaus in Bochum: das Bermuda3Eck (foto: zoom)
Beim Konzert von Igor Levit in Dortmund hatte mir ein Pausengesprächspartner geraten, ich müsse mir auf jeden Fall die Hamlet-Inszenierung am Bochumer Schauspielhaus anschauen. Mit Johan Simons sei das Theater aus einer Krise heraus gekommen.

Am letzten Freitag, aka Valentinstag, haben wir nun auch diesen Kulturpunkt erledigt. Hamlet begleitet mich als Buch, Film und Theaterstück seit der Schulzeit, aber wirklich verstanden hatte ich ihn nie.

Diesmal haben wir nichts dem Zufall überlassen und zwei Wochen vor dem Theaterbesuch den Hamlet Film von Franco Zeffirelli angeschaut, Englisch mit deutschen Untertiteln (englische gab’s nicht).

Im Nachhinein weiß ich, dass es eine gute Vorbereitung war. Zeffirelli konzentriert sich auf einen wesentlichen Konflikt und hält sich weitgehend an die Dialoge des Originals. Wobei … was ist eigentlich das Original?

Vom Jugend[sic!]gästehaus Bermuda3Eck sind es nur ein paar hundert Meter zum Schauspielhaus. Bochum ist keine Großstadt und im Zentrum ist alles fußläufig zu erreichen.

Voilà! Das Schauspielhaus Bochum (foto: zoom)

Im Programmheft (S. 15) erklärt Johan Simons, warum heute eine gute Zeit für Hamlet ist.

Es sei ein desperates Stück und er fühle sich im Moment ebenfalls desperat. Die Zeit sei aus den Fugen („The time is out of joint …“), mehr als je zuvor.

„Über die Umwelt und die anstehende Klimakatastrophe brauchen wir gar nicht zu reden. Auch die menschliche Natur ist in einem miserablen Zustand. Die Lüge regiert, auch die Selbstlüge. Mir scheint es manchmal so, als ob der Mensch dazu geschaffen sei, sich mit offenen Augen in den Abgrund zu stürzen. Ich bin im Moment nicht sehr optimistisch. […] Es gibt keine ehrliche, direkte Kommunikation. Die Älteren haben keinen Zugang zu den Jüngeren, wissen nicht, was sie bewegt und wie sie sie erreichen können“

Die Bühne ist stark reduziert. Der Bühnenbildner Johannes Schütz (S. 21/22)):

„Ich fand es interessant, über eine offene Bühne nachzudenken, an Stelle eines schwarzen Sockels für Einen, ein weißes Grab für Alle. Die weiße Farbe hat etwas Unbelastetes. Sie führt zu einer Klarheit der gesprochenen Sprache. Mein Lieblingssatz im Stück ist ‚Er ist allein’… Der Ball und die Fläche, die Beweglichkeit der beiden schwebenden Objekte, stiftet eine Ambivalenz, ein Rätsel ohne spezielle Lösung … Eine Bühne sollte sich durch die Handlungen der Schauspielerinnen verformen und nicht von vornherein eine Behauptung mit sich bringen.“

Auch in der Pause regungslos auf der Bühne. Präsent. Sandra Hüller spielt Hamlet, den Prinzen von Dänemark. (foto: zoom)

Hamlet, Prinz von Dänemark, wird von Sandra Hüller mit einer unglaublichen Präsenz gespielt. Kein Schnickschnack, keine Kostümierung, schwarzer Pulli, graue Hose, schwarze Schuhe; die Stimme variabel im Ausdruck. Schreien, Flüstern, Zorn, Enttäuschung, Verzweiflung …

Sandra Hüller:

„Es ist ein Wagnis und unheimlich schwierig, dieser Welt nicht zynisch zu begegnen. Man macht sich verletzlich, man wird vielleicht als Gutmensch beschimpft … Mir ist nicht alles egal. Daher der Versuch, den Zynismus zu unterbinden und Hamlet zu einer Figur zu machen, die trotz aller erlebten Enttäuschungen nach Ehrlichkeit, Nähe und Sinn strebt.“ (S. 11/12)

Die schlechte Nachricht: Die restlichen vier Aufführungen von Hamlet in der Inszenierung von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum sind anscheinend ausverkauft.

Für Enthusiasten und Unverzagte gibt es Hoffnung:

+++ Berlin, Berlin … Wir fahren nach Berlin! +++

HAMLET BEIM BERLINER THEATERTREFFEN 2020

Johan Simons‘ Hamlet wird beim diesjährigen Berliner Theatertreffen gezeigt. Das gab die Jury des renommierten Festivals am Dienstag, 28. Januar, bei einer Pressekonferenz bekannt. Die diesjährige Einladung zum Berliner Theatertreffen ist für das Schauspielhaus Bochum die erste seit dem Jahr 2000. Insgesamt wurde das Schauspielhaus damit zum 30. Mal zu dem Festival eingeladen. Für Intendant Johan Simons ist es bereits die siebte Einladung.

Das Theatertreffen 2020 findet vom 1. bis 17. Mai statt.
Das Programm erscheint im April 2020.

Viel Glück beim Kartenkauf!

Ach, noch etwas; die Valentyne Suite, die dem Tag ihren Namen gegeben hat:

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=cKFrsm4wqpg

Rezension: Morgengrauen – oder wie Schule bunter wird.

Morgengrauen – eine Rezension von Detlef Träbert (Bild: Buchcover)
Wenn ein Buch „Morgengrauen“ *) betitelt wird, ist das doppeldeutig. Es kann auf das „Grauen am Morgen“ hinweisen oder darauf, dass gleich anschließend ein sehr schöner, erfreulicher Tag beginnen wird.

Was meinen Sie, liebe Leserinnen und Leser, was der Autor wohl beabsichtigt, wenn sein Untertitel „Ein Buch über Schule … und wie sie sein könnte“ lautet? „Ich habe anders gearbeitet in der Schule“, schreibt Rolf Robischon auf S. 36. Das klingt hoffnungsvoll und nach konkreten Möglichkeiten.

Wie viele Menschen, die die Schule bereits hinter sich haben, erinnern überwiegend Positives? Wer Schulkind bei Rolf Robischon war, gehört jedenfalls zu diesem kleinen, vom Schicksal begünstigten Kreis. Über 40 Jahre lang hat sich der – mittlerweile längst pensionierte – Grundschulrektor als Lernbegleiter verstanden und nicht als (Be-)Lehrer.

Er hat Material entwickelt, dass Kindern selbsterklärend das Lernen ermöglicht und heute noch erhältlich ist. Lernen im Gleichschritt? „Kinder lernen nicht in kleinen Schrittchen, nicht der Reihe nach, nicht gleichzeitig und schon gar nicht das Gleiche“, lautet ein zentraler Satz seines aktuellen Buches. Jeder weiß das – und dennoch arbeitet Schule fast überall immer noch gleichschrittig.

Im Grundschulbereich gibt es immerhin Ansätze für jahrgangsübergreifendes Lernen. Zaghaft probieren wenige Mittelstufen-, Sekundar- oder Gemeinschaftsschulen (die Begriffe sind in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich) neue Lernformen aus. Die Masse der Schüler/-innen jedoch muss nach wie vor die Schule bewältigen, anstatt einfach begeistert lernen zu dürfen.

„Im Lehramtsstudium werden Lehrerinnen und Lehrer nicht dazu ausgebildet, Kindern und Jugendlichen ihr Lernen einfach frei zu geben und es nur zu begleiten“ (S. 83), konstatiert der Autor. Rolf Robischon hat das auch nirgendwo studiert – er hat es einfach gemacht. Er hat seine Konsequenzen daraus gezogen, dass Kinder nur wenig lernen, wenn sie nicht miteinander reden und sich nicht bewegen dürfen. Er hat irgendwann angefangen, Schüler nicht mehr zu fragen, sondern sich von ihnen fragen zu lassen. Bald wollten sie viel mehr wissen als Kinder im konventionellen Unterricht.

Er hat Material für die wesentlichen Lernbereiche selber konzipiert und auf eine Fibel verzichtet. Filmaufnahmen eines Erziehungswissenschaftlers der PH Freiburg belegen, dass Robischons Arbeitsweise erfolgreich war. Doch das Misstrauen dagegen blieb bei der Schulaufsicht bestehen, während der „Lernhelfer“ zu Tagungen und Kongressen eingeladen wurde, um sein Konzept weiterzugeben. Erst zwei Jahre vor seinem Ruhestand hörte die Dauerüberwachung aus der Schulaufsicht auf – kommentarlos.

„Morgengrauen“ ist mit seinen 87 Seiten ein dünnes Bändchen. Eine Gebrauchsanweisung für Lehrende auf der Suche nach neuen Wegen ist es nicht, eher ein Wegweiser. Es zeigt die Richtung, in die man gehen kann, aber nimmt einem keine Entscheidungen ab, lässt auch Umwege zu, erspart einem nicht die eigenen Erfahrungen. Robischon empfiehlt: „Fang einfach nacheinander an: Bestrafe Kinder nicht. Und sag ihnen das. Strafe ist sinnlos. Kinder sind für sich selber verantwortlich“ (S. 40).

Diese Haltung lässt ihnen ihre Eigenverantwortung: „Wer sich vornimmt, Kinder grundsätzlich nicht zu bestrafen, nimmt ihnen gegenüber eine andere Haltung ein, als sie vorher war. Ich begebe mich auf gleiche Augenhöhe.

Ich weiß nicht mehr alles besser und schon vorher“ (a.a.O.), erläutert der Autor seine Position. Gleichzeitig wird im Kapitel „Ein Schulvormittag mit Robischon“ (S. 67-81) deutlich, wie viel Verantwortung er mit der Gestaltung des Umfeldes im Lernraum selber wahrnimmt, wie er die Abläufe strukturiert, mit welchen Ansätzen er die Kinder zu Lernaktionen anregt.

Robischons strukturiert-antipädagogische Vorgehensweise wird so zu einem konstruktiven Beispiel, wie man Schule anders, menschlicher machen kann.

„Wenn Kinder lernen dürfen, was sie wollen, lernen sie alles, was ihnen erreichbar ist.“ Wer diesen Satz nach der Lektüre des Buches noch einmal bedenkt, begreift, dass Kinder Subjekte ihres eigenen Lernens sind. Wer sie als Objekt von Belehrung sieht, wird immer und immer wieder mit Motivations-, Konzentrations- und Disziplinproblemen zu kämpfen haben. Es liegt also an uns selber, ob „Morgengrauen“ eher für das Grauen am Morgen oder den Beginn eines schönen, erfreulichen Tages steht.

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*) Rolf Robischon: Morgengrauen. Ein Buch über Schule … und wie sie sein könnte, Leipzig (tologo) 2019, 87 S., € 14,90 (als eBook € 12,99)

Umleitung: Imitation und Kopie, konsolidierter Rechtsruck, digitale Radikalisierung, E-Auto-Gesetz und Informationsfreiheit sowie die Technik und der Sport

Durchgang zum Hopla in Kassel. So kann mensch sein Studium auch sehen oder eben nicht sehen (foto: zoom)

Kunsttagebuch: Imitation und Kopie, Variation und der Chamäleon-Effekt. Kunst und Kultur ohne Beeinflussung, ohne Inspiration, ja selbst ohne Kopie – bzw. viele sich ständig viral fortpflanzende Sekundär-Variationen möglicher Kopien – wären kaum denkbar. Der Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht hat bei Francois Villion geklaut und sah sich unter anderem deshalb Plagiatsvorwürfen ausgesetzt, Goethes Faust-Version war nur eine von vielen und überhaupt bestand die Kunst des Dramas im antiken Griechenland in der thematischen Variation der immer wieder gleichen Motive und nicht in ihrer Neuschöpfung … endoplast

AfD – Konsolidierter Rechtsruck: Beim Bundesparteitag in Braunschweig hat die Partei einen neuen Vorstand gewählt. Wie erwartet, wurden Jörg Meuthen und Tino Chrupalla als Sprecher gewählt. Der Rechtsaußen-„Flügel“ sorgte aber dafür, dass nicht wenige Kandidaten scheiterten, die sich in der Vergangenheit als „gemäßigt“ geriert hatten … bnr

Ebner, Katzer & Adorno: Drei Lesetipps zur digitalen Radikalisierung … scilogs

Hintertür in E-Auto-Gesetz: Bundestag schafft Cum-Ex-Ausnahme von Informationsfreiheit … netzpolitik

Wie die Technik den Sport angetrieben hat: eine aufschlussreiche Ausstellung in der Dortmunder DASA … revierpassagen