Ein paar Tage auf der Insel, ein verpixeltes Bild vom letzten Abend in Cambridge mit indisch-scharfen – nur nichts anmerken lassen – Gerichten.
Eine weitere Beobachtung hatte ich im letzten Beitrag vergessen: die Anzahl der Essenslieferant*innen auf zwei Rädern hat sich seit meinem letzten Besuch exponentiell vermehrt. Der Großteil der Lieferfahrzeuge sind dabei E-Bikes (also Mopeds ähnlich), die fast unhörbar und abends meist unbeleuchtet, durch die Straßen sausen. Ein riesiger Bienenschwarm. Schlecht bezahlt, immer unter Druck.
Viele Menschen lassen sich selbst kleinere Einkäufe, wie bspw. eine Tüte Milch, nach Hause liefern, statt selbst ein paar Schritte um die nächste Ecke zu gehen.
Gewöhnungsbedürftig, aber auch bei uns zu erwarten. Die Folgen? Demnächst auch in ihrem Theater.
Der Tag beginnt. Noch steht der Gartenzwerg im Schatten. Ich liebe wilde englische Gärten.
Nach dem Frühstück mit heißem Kaffee und kaltem Müsli geht es hinunter zum Freibad Jesus Green Lido, gleich neben der Cam. Das Bad hatte fast einhundert Jahre Zeit, um in Würde zu altern. Ich liebe die 100 Yard langen Bahnen.
Nach dem Schwimmen auf der Bank ruhen und das Foto machen…
Eigentlich wollte ich nur 1000 Meter schwimmen, aber irgendwie ist mir die Berechnung der dafür nötigen Zahl an Bahnen entglitten. Statt 5,5 Doppelbahnen bin ich 11 mal 2 Bahnen geschwommen. Das sind 22*100 Yard und damit bin ich nach knapp über 2000 Metern aus dem Wasser gestiegen. Es lag also weder an den vielen Blättern im Wasser, noch an den Wellen, dass mir die tausend Meter in Cambridge länger vorkamen als in Siedlinghausen.
Nach dem Schwimmen ging es ab in die Stadt, und ich versichere euch: Die Innenstadt von Cambridge ist voller Menschen, Fahrräder, PKW und Autobussen. Das Bild gibt die Dramatik leider nicht wieder.
Hier ist alles noch entspannt.
Ich bin schnell in die Wiesen der Cam entflohen. Das meiste Land scheint den Colleges zu gehören. Sie sind eine eigene, mächtige Industrie, eine Wissensvermittlungsmaschine mit Distinktion, die man bezahlen muss.
Die Meadows mit grasenden Kühen.
Hat sich Cambridge in den letzten Jahren oder Jahrzehnten verändert? Was ich erinnere ist, dass der Zugang zum Gelände der Colleges nichts kostete. Heute muss man für jeden Zutritt mindestens eine handvoll Pfund zahlen.
Die Erinnerung kann mir niemand nehmen, also behalte ich sie für umsonst. Von Jahr zu Jahr scheint sich die Zahl der Menschen, insbesondere der Student*innen zu vergrößeren. Chines*innen, Spanier*innen, Italiener*innen … Das Sprachgewirr ist groß, der öffentliche Platz in der Innenstadt ist klein.
Öffentliche Parks, Friedhöfe und der Swimming Pool bieten aber immer noch Raum für die kleinen Fluchten aus der alltäglichen Hektik
Blick vom Ruhrbalkon in Fröndenberg ruhrabwärts (foto: zoom)
Die Blogpause geht in die Verlängerung. Es ist einfach zu viel los, die Gedanken schwirren herum, das Leben da draußen, jenseits der sozialen Medien, verlangt meine Aufmerksamkeit.
Ein paar aktuelle Beiträge bleiben ungeschrieben. Das lässt sich leider nicht ändern.
Kein Grund übrigens zur Sorge. Mir geht es gut. Außerdem wird das Wetter schlechter. Dann ist das Freibad nicht mehr voller Menschen, und man kann in Ruhe ein paar Bahnen schwimmen. Purer Egoismus im antizyklischen Lebensrhythmus.
Marktbrunnen am Wehlheider Platz in Kassel (foto: zoom)
An diesem Wochenende war es mir einfach zu warm. Asphalt, Hitze, Luftfeuchtigkeit. Der Sommer ist auf meiner Skala der Lieblingsjahreszeiten inzwischen sehr tief abgerutscht.
In den Städten drücke ich mich auf der Schattenseite der Straßen an den Häuserwänden entlang, fliehe in Parks unter schattige Bäume und meide offene Flächen.
Das Wasser im Kochtopf auf dem Wehlheider Markt in Kassel sprudelt der Krise entgegen. Unsere Städte sind nicht auf hohe Temperaturen eingerichtet. Stein- und Asphaltwüsten dominieren die Plätze, vom Verkehr ganz zu schweigen.
Es sind nicht nur die großen Städte, die sich längst als Feinstaubschleudern und Hitzefallen entpuppt haben. Stellt euch mal in Olsberg an den vor einigen Jahren neu gestalteten Kreisverkehr samt Umfeld zwischen zwischen Bahnhof- und Ruhrstraße und lasst um 17 Uhr im Hochsommer das nackte Pflaster auf euch wirken. Mir macht diese seeelenlose Stadtarchitektur Angst.
„Sous les pavés, la plage!“ – Unter dem Pflaster liegt der Strand hatte Angi Domdey von der Frauenband Schneewittchen 1976 getextet. Heute habe ich in der Sommerhitze keinen Bock mehr auf den glühend heißen Sandstrand. Da mögen die Wellen noch so verführerisch rauschen, das Meer voller Feuerquallen.
Dieses Graffito habe ich noch nicht entschlüsseln können. (foto: zoom)
Manchmal stehe ich vor einem Wandbild oder einem Graffito und fühle mich in die Schulzeit zurückversetzt. „Interpretiere die Darstellung …!“ Und ich kapiere es nicht. Schon die Beschreibung ist zum Scheitern verurteilt.
Daher schaue ich mir Graffiti lieber zu zweit oder in einer kleinen Gruppe an. Vier Augen sehen mehr als zwei Augen, vor allem wenn ich etwas müde und abgekämpft mein Fahrrad die Graffiti-Mauer in Dortmund unterhalb der Rennbahn entlang schiebe.
Bei der oberen Abbildung bin ich zur Zeit noch ratlos. RADIKAL + INSTABIL ist halbwegs verständlich, aber der Rest ist mir verschlossen.
Vor der Haustür: Wiesen-Schaumkraut, hier ohne Kuckucksspeichel (foto: zoom)
April, Mai und Juni sind im Hochsauerland sehr gute Monate, um sich die blühenden Kräuter genauer anzuschauen. Seit der Pandemie habe ich mir angewöhnt, die Blütenpflanzen entlang der Namenlose zwischen Schnickemühle und Silbach zu beobachten.
Von der Pestwurz, Primel, Buschwindröschen zu scharfem Hahnenfuß, kriechendem Günsel, Knoblauchsrauke und Spitz-Wegerich Ende Mai, Anfang Juni. Der Bärlauch ist nun schon fast verblüht und ich warte auf die Massenpaarungen der Feuerwanzen auf den Blütenständen des Wiesenkerbels.
Für die Bestimmungen im Gelände nutze ich kaum noch meine alten Bücher wie den Schmeil-Fitschen oder den BLV Pflanzenführer. Leichter, wenn auch oft nicht ganz exakt, geht es mit den Bestimmungsapps für das Smartphone: PlantNet, Flora Incognita und Obsidentify. Wo die eine App unsicher ist, hilft nicht selten die andere App weiter. Außerdem stehen zu Hause immer noch die Bücher im Regal. Da schaue ich tatsächlich manchmal hinein.
So bin ich auch einem hartnäckigen Denkfehler meinerseits auf die Spur gekommen. Jahrelang habe ich geglaubt, dass der Name Wiesen-Schaumkraut vom Anblick der weißen Blütenmeere auf den Weiden herrühre.
Hätte ich doch genauer hingeschaut und nachgedacht!
Schaumkraut heißt diese Futterpflanze der Raupe des Aurorafalters deshalb, weil an den Pflanzen oft eine weiße, schaumartige Masse, der sogenannte Kuckucksspeichel zu finden ist. Darin leben die Larven der Schaumzikade. Sie sind dort vor Austrocknung und Fressfeinden geschützt [1]. Der Schaum wird durch Einpumpen von Luftbläschen aus der Atemhöhle in eine eiweißhaltige Flüssigkeit, welche die Larven aus dem After abscheiden, erzeugt [2].
Nun, die oben genannten Pflanzen sind nicht die einzig blühenden Kräuter. Geht selber raus und schaut, bevor der August die leuchtenden Farben verdörrt.
[1] R. Düll, H. Kutzelnigg, Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands und angrenzender Länder, 8. Auflage, Wiebelsheim 2016, S. 160
Gepflegte Langeweile in Winterberg, Kurpark mit Oversum: Teletubby-Land (foto: zoom)
Heute räume ich das Dachstübchen auf: Klimakrise, Inflation, Wohnungsnot, soziale Frage, Ukraine-Krieg, USA, Ballaballa Balkan… alles muss raus. Der Himmel ist blau und die Sonne scheint – ein unverschämtes Sommerwetter Anfang Juni.
Seit gestern hat das Freibad in Siedlinghausen geöffnet. Freibäder werden immer kleiner oder weniger und sollten kräftig unterstützt werden. Daher habe ich dieses Mal eine Familiensaisonkarte gekauft. Weil Winterberg selbst sein Freibad vor Jahr und Tag durch eine Ferienhaussiedlung ersetzt hat, ist Siedlinghausen die einzige Möglichkeit zum Bahnenschwimmen an der frischen Luft im Stadtgebiet. Es sei denn, ihr wollt im Hillebachsee (Niedersfeld) herumplanschen.
Wenn ich geschwommen bin und die schlechten Gedanken verbannt habe, werde ich mir die neue Folge des Ballaballa-Balkan Podcasts „für Polemik und Palaver vom Ballaballa-Balkan […] mit dem grimmigen „Kroaten“ Danijel Majic und dem Nationalismusbehinderten Krsto Lazarevic“[1] anhören.
Denn nichts ist unaufgeräumter als der Balkan, zumindest in meiner Vorstellung, und das ist schlecht.
Das Bild vom Kurpark in Winterberg hilft mir, mich in einen Zustand gepflegter Langeweile zu versetzen.
Was da so unordentlich herunterhängt, sind die Staubfäden der männlichen Blüten. (foto: zoom)
Der Kleine Wiesenknopf, auch Kleine Bibernelle oder Pimpinelle genannt, wächst und blüht auf unserem ungemähten Rasen und vielleicht auch auf eurem.
Der zottelige Blütenstand sieht auf den ersten Blick sehr verwirrend aus, aber es ist ganz einfach: oben weibliche, in der Mitte zwittrige und unten männliche Blüten. Bei letzteren hängen schlaff die langen Staubfäden hinunter. Diese Bauart hängt mit der Windblütigkeit zusammen. Damit ist der Kleine Wiesenknopf eine Ausnahme unter den Rosengewächsen (meist Insektenbestäubung).
Der Kleine Wiesenknopf blüht von Mai bis August, seine Früchte – kleine Nüsse – sind im Zeitraum von Juli bis Oktober reif.
Hat er einen Nutzen oder kann er weg?
Die Kleine Bibernelle ist eine alte Salat- und Gewürzpflanze, fester Bestandteil der Hessischen Grünen Soße, mit nussigem Geschmack. Sie wurde früher auch als Hausmittel gegen Husten verwandt. Für den Landwirt oder die Landwirtin ist sie eine wertvolle Futterpflanze und ist ein Rohbodenpionier.
Die Pflanze lebt in Wurzel-Symbiose (Mykorrhiza) mit einem Pilz. Der Pilz besorgt Wasser und Mineralstoffe, der Kleine Wiesenknopf gibt dem Pilz den Zucker, den er mit Hilfe der Fotosynthese produziert. Eine Win-Win-Gemeinschaft.
Die Antwort auf die oben gestellte Frage lautet folglich: Großer Nutzen, kein Schaden, kann nicht weg!
Das gemischte Paar (Kanadagans, Graugans) schützt bislang erfolgreich seine fünf Gössel. (foto: zoom)
Das verlängerte Pfingstwochenende ist kein Grund in Freizeitstress auszubrechen. Nachlesen, wo man in Winterberg und Umgebung unbedingt hinfahren sollte und dann – genau diese Orte meiden.
Ein paar Bücher, der Wald vor der Tür, der Weg entlang der Namenlose nach Silbach reichen aus.
Alle paar Tage nachschauen, was am „Gänseteich“ los ist. Leben die fünf Küken noch? Ja, das tun sie. Enten zu Besuch und zwei wildfremde Kanadagänse auf Stippvisite. Der Graugans-Ganter scheint sich um den Nachwuchs zu kümmern. Muss er das überhaupt? Er ist jedenfalls kleiner als die kräftige Kanadagans-Mutter. Wer beschützt hier wen?
Die Schmeißfliege irritiert mich. Sie hat zu viele Augen.
Genau hingeschaut: es sind zwei (foto: zoom)
Immer, wenn ich das Makro-Objektiv bewusst zu Hause lasse – die Gänse sind ja groß genug – gibt es Kleinigkeiten zu sehen, für die die Qualität des Alltags-Zoom nicht ausreicht. Zuerst hatte ich mich gewundert, warum die Schmeißfliege nicht wegfliegt, aber dann habe ich die Brille gerade gerückt und vier Augen gezählt. Schon das 35 mm Festbrennweiten-Objektiv hätte eine schärfere Abbildung ermöglicht.
Die Bank an der Namenlose erscheint ziemlich unbequem und – oh, Wunder – sie ist es auch.
Bank an der Namenlose (foto: zoom)
Wenn man sich nicht anlehnt und die Ellbogen auf die Oberschenkel stützt, kann man trotzdem bequem auf der Bank ausruhen, auf das fließende Wasser schauen und den Gedanken nachhängen.
Die Namenlose zwischen Silbach und Siedlinghausen (foto: zoom)
Solange jedenfalls, bis sich die Ellbogen tief genug in den Muskel gebohrt haben.
Auf dem Weg nach Hause, in der Nähe der Schnickemühle, sonnte sich eine Blindschleiche auf dem warmen Schotter; es war die erste Schleiche, die ich in diesem Jahr gesehen habe.
Blindschleiche in der Nähe der Schnickemühle (foto: zoom)
Jetzt fehlt nach dem kläglichen Spiel des BVB am gestrigen Nachmittag nur noch ein Motiv mit ordentlichem Gelb und dem sprechenden Namen Sumpfdotterblume.
Die Sumpfdotterblume habe ich abends gefunden.
Zu Pfingsten habe ich meinen agnostischen Blick gen Himmel gerichtet. Kein Geist nirgends, dafür ein Strommast.
Strommast zwischen Winterberg und Silbach (foto: zoom)
Ich wünsche allen Leser*innen ein entspanntes Pfingstwochenende. Macht euch keinen Stress.