Ich kann es nicht mehr hören, wenn mir die Feuilletonisten erklären, wie abstrus der Sarrazin, aber wie wichtig doch das Thema selbst sei. Und dann?
Wer sich qualifiziert mit der Migration und den damit einhergehenden Problemen auseinandersetzen will, sollte beispielsweise Paul Scheffer, Die Eingewanderten, lesen.
Das hatte ich schon im Januar geschrieben, aber wahrscheinlich hat keiner auf mich gehört.
Grundrechte-Report 2010 erschienen. Gerhart Baum warnt vor weiteren Schritten zum Überwachungsstaat.
Frankfurt (pm) Der Grundrechte-Report 2010 wurde Ende Mai in Karlsruhe durch Gerhart Baum, ehemaliger Bundesinnenminister, der Öffentlichkeit präsentiert.
„Auch in einer gefestigten Demokratie sind die Grundrechte nicht vor offener oder schleichender Aushöhlung sicher. Das zeigt der Report am Beispiel zahlreicher Einzelfälle und an einer Reihe von staatlichen Maßnahmen“, bilanzierte Gerhart Baum den Zustand der Verfassungswirklichkeit in Deutschland.
Dies sei im Grundrechte-Report anschaulich dokumentiert: „ELENA ist ein weiterer Schritt hin zum Überwachungsstaat, ebenso die Auslieferung der Kontodaten an die USA ohne wirksamen Datenschutz (SWIFT). Gefährdet ist das ohnehin verstümmelte Asylrecht und immer wieder das Demonstrationsrecht.“
Baum betonte in seinem Vortrag: „Der Kampf um die Grundrechte ist auch ein Kampf gegen die Gleichgültigkeit vieler Bürger. Die Freiheit schenkt sich nicht!“.
Mit zahlreichen Beispielen belegt der Grundrechte-Report 2010, dass nach wie vor die meisten Eingriffe in die Grundrechte von Maßnahmen der Exekutive ausgehen:
Polizeiliche Videoüberwachung, Vorkommnisse um den NATO-Gipfel in Straßburg und Kehl, Untergrabung der journalistischen Unabhängigkeit durch Absetzung des ZDF-Intendanten. Auch exterritoriale Grundrechtsverletzungen werden thematisiert — wie die Tötung von Zivilisten bei der Bombardierung der Tanklaster in Kunduz im Sommer 2009 sowie der Kampf gegen Piraterie vor Somalia.
Gehrcke, Freyberg, Grünberg, Die deutsche Linke und der Nahost-Konflikt: Eine Buchbesprechung – „Offenbar kannten sich die Autoren nicht so gut aus“ … hpd
Schäubles Demontage: Die Grenzen von Anstand und Moral sind überschritten. Heute morgen eröffneten Heckenschützen aus den Reihen der schwarz-gelben Koalition zusammen mit der Süddeutschen Zeitung einen Frontalangriff auf Finanzminister Schäuble. Dieser sei, so die Verschwörerclique aus dem Hinterzimmer, wegen seiner Krankheit geistig nicht mehr imstande, seinen Posten auszufüllen. Den Meuchelmördern stößt dabei vor allem Schäubles ablehnende Haltung bei den Steuersenkungen auf – dem Lieblingsthema der FDP. Infam lässt sich die Süddeutsche vor den Karren spannen, macht die konspirativen Giftpfeile der Schäuble-Kritiker zu ihren eigenen, instrumentalisiert die Krankheit des Ministers und setzt damit einen neuen Tiefpunkt im Sachen journalistischer Ethik … spiegelfechter
Medienkritik: statt einer Zeitungsschelte hier der Kodex der WAZ-Mediengruppe: Regionalzeitungen genießen im Vergleich mit anderen Medien ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. Dieses Vertrauenskapital darf nicht gefährdet werden. Der Verhaltenskodex der WAZ Mediengruppe legt fest, welche Regeln strikt einzuhalten sind … PDF-Dokument
Ulli Schauen, Das Kirchenhasser Brevier, München 2010 (foto: zoom)
„Warum bloß sollte man Kirchen hassen? Wer will glücklichen Gläubigen ihr Glück streitig machen?“ Der Journalist Ulli Schauen untersucht in seinem Buch „Das Kirchenhasser Brevier“ die Rolle der beiden christlichen Kirchen in unserer Gesellschaft. „Das beste Urteil“, so Schauen, „das über die Kirchen zu fällen wäre: Sie sind auch nicht besser als der Rest der Welt.“
Der Titel des 300-seitigen „Breviers“ lässt eine billige, polemische Kampfschrift erwarten. Doch Schauen zerstört dieses Vorurteil schon auf der ersten Seite.
Den Titel habe er Äußerungen von Vertretern der katholischen Kirche entlehnt. Jede zusammenhängende Argumentation gegen die Rolle der Kirchen könne heißen, wie sie wolle, so der Autor, Kirchenvertreter riefen ohnehin reflexhaft: „Achtung! Kirchenhasser! Nicht ernst nehmen!“ (S.9).
Ulli Schauen, selbst Sohn einer Pfarrersfamilie, handelt in neun Kapiteln die nach seiner Meinung vier zentralen Schwächen der christlichen Kirchen ab: Das Leiden anderer, Grenzüberschreitungen, Überheblichkeit und Bigotterie.
Die Abschnitte des Buches:
Die reichen Kirchen
Kirche und Staat
Kulturkämpfe: immer die Schulen
Die Kirchen und ihre Geschichtsverfälschungen
Kirchen-PR: Die Medienstrategen der Kirchen
Arbeitgeber Kirche
Das geistliche Personal
Der „christlich-islamische Dialog“: Ein Vehikel für Verkirchlichung und Islamisierung
Das „christliche Menschenbild“
Ich belasse es an dieser Stelle dabei, die großen Kapitel-Überschriften zu zitieren und versichere, dass das „Kirchenhasser Brevier“ zwar einseitige, aber dabei gute und solide Informationen zur Kirchenkritik liefert.
Ein ausführliches Quellenverzeichnis am Ende des Buches dient als Beleg und Fundus zur Vertiefung des Themas.
Ulli Schauen hat ein flottes, aber nicht oberflächliches Buch geschrieben, frisch erschienen im Heyne Verlag, München. Es kostet 8,95€. Empfehlenswert.
CDU paradox: „Christliche Symbole gehören nicht an staatliche Schulen.“ … focus
Vatikan: erlaubt Sex mit Kindern ab zwölf Jahren … weltonline
Verfahren gegen Titanic-Titelseite abgelehnt: Die Zeichnung auf dem April-Titelblatt der „Titanic“ greift den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche auf und zeigt von hinten einen Priester, dessen Gesicht sich dem Genitalbereich des gekreuzigten Jesus zuwendet. Insgesamt waren daraufhin bei der Staatsanwaltschaft 18 Strafanzeigen eingegangen. … weltonline
Menschenkette gegen Atomkraft: hohe Ziele weit übertroffen … taz
Frauen: Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett … nd
Medien I: wer hört eigentlich noch Radio … ruhrbarone
Medien II: Welche Zukunft bringt die Wolke? Die Airlines konnte sie letzlich nicht aufhalten, unsere Reisekultur nicht verändern: die Rußwolke des Eyjafjalla-Vulkans. Aber eine andere Wolke ist auf dem besten Weg, unser Verhältnis zu Dingen und Informationen zu prägen … breitband
Griechenland und Merkel:Es gibt Stücke auf der politischen Bühne, deren Scheitern steht schon bei der Premiere fest. Ein solches Stück war “Die eiserne Kanzlerinâ€. Schon im März, als es von Angela Merkel und ihren publizistischen Hilfstruppen inszeniert wurde, stand fest, dass es bald wieder vom Spielplan abgesetzt wird. Denn schon damals war klar, dass die EU Griechenland mit Milliardenkrediten helfen muss. Es war nur eine Frage der Zeit … sprengsatz
Röhrtalbahn: Diskussion mit Bärbel Höhn … gruenesundern
Jugendbuch mit kleinen Macken: Christian Nürnberger: Mutige Menschen. Widerstand im Dritten Reich, Stuttgart / Wien 2009 … shoa
Lesestoff aus Süddeutscher und Freitag (foto: zoom)
Es sind nicht stets alle Artikel in der Zeitung interessant. Meist nur sehr wenige. Oft nur ein oder zwei, in diesem Falle drei.***
Heribert Prantls Kommentar zur Rechtsgeschichte der Gewalt in der Süddeutschen Zeitung von heute, S. 4, ist mir aufgefallen. „Eiszeiten der Erziehung“ lohnt es, gelesen zu werden. „Die furiose öffentliche Ächtung der Lehrer, der Patres, der Chorleiter und sonstiger Erzieher …“ diene, so Prantl letztendlich der Resozialisierung einer Gesellschaft, die sich bei diesen Prügeleien in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so lange wenig gedacht habe.
„Die spinnen, die Eltern“, meint Axel Rühle in der gleichen Ausgabe im Feuilleton auf Seite 13. „Warum nur gleicht Erziehung heute in so vielen Fällen pädagogischer Käfighaltung?“, fragt Rühle und beschreibt ein System in dem überbehütete Kinder von ergeizigen Eltern vom Säuglingsalter an zum Erfolg getrieben werden. Liege es daran, fragt sich der Autor, „dass heute geborene Kinder das Glück und das Pech zugleich haben, perfekt getimte Wunschkinder zu sein, statt wie früher als Nebenprodukt des Geschlechtsverkehrs einfach irgendwann geboren worden zu sein?“ Zum Schluss des langen Essays gibt es für Leserin und Leser drei lakonische Tipps zur Erziehung: Zeit. Zeit. Zeit. Zum Nichtstun, Vorlesen. Zuhören.
Den möglichen Übergang zu einer gerechten, demokratischen Gesellschaft hat ein Interview von Steffen Vogel mit Michael Hardt im aktuellen Freitag, Seite 17, zum Thema. Schon in den fünfziger Jahren habe Joseph Schumpeter die Vitalität des Kapitalismus in Frage gestellt, weil die Unternehmer ihre Innovationskraft verloren hätten. „Heute ist der Unternehmer“, so Hardt, „vollständig von den innovativen Kräften getrennt.“
Selbst Steve Jobs oder Bill Gates seien nur Vorspiegelungen der Innovation. Die neuen Kräfte seien breitere Netzwerke sozialer Beziehungen, die über die Grenzen ihrer Firmen hinausgingen.
Augenzwinkernd bezeichnet sich Hardt im zweiten Drittel des Interviews als Leninisten und wendet Lenin unter den heutigen Bedingungen gegen sich selbst. Dieser kleine Schlenker dürfte für diejenigen unter uns interessant sein, die die ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der bundesrepublikanischen Linken der siebziger Jahre mitbekommen haben.
***Leider habe ich sowohl den Kommentar von Prantl als auch das Interview mit Hardt (noch?)nicht auf den Websites von SZ beziehungsweise Freitag gefunden. So soll zum Thema „Hardt“ die Buchrezension von Vogel hier ersatzweise verlinkt werden.