Abenteuer Antiquariat
Grandiose Werke zum 1. Weltkrieg und zur Revolution 1918 ff.

Jaroslav Hašek 1922

Vorweg dies: Der heiße Sommer 2018 trieb mich (und treibt mich noch) an die Küsten der Nord- und Ostsee, und auch hier zumeist in den kühleren Schatten. Dabei entdeckte ich eine Leidenschaft wieder, das freie Lesen. Das auch vor dicken Schwarten nicht zurückschreckt, wenn der Hunger erst einmal geweckt ist.

(Der Artikel von Christian Gotthardt ist im September zuerst im Harbuch erschienen.)

Wenn allein die Spürnase und der Magen des Trüffelschweins regieren. Eine Freundin nannte das einst treffend „entpragmatisiertes Lesen“, Lesen ohne Zeit und Raum, ohne Zwecksetzung eigener oder äußerer Herkunft. Von Erlebnissen, die dabei entstehen, soll diese neue Rubrik der Website nun hin und wieder berichten.

 

Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des braven Soldats Schwejk. 2 Bände, zusammen rund 730 Seiten, geschrieben 1921 bis 1923. In Versandantiquariaten zu haben für 4-5 Euro.

Eigentlich sollte dieses Werk ja jeder längst gelesen haben, und eine Empfehlung wäre demnach Unsinn. Es mag die Schuld Fritz Muliars (und seiner Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten) gewesen sein, dass dem vermutlich nicht so ist. Muliar hatte in den 1970er Jahren in einer ZDF-Serie einen wachsweichen Schwejk gegeben, kauzig, verschmitzt, aber doof. Ich jedenfalls habe den Kasten damals ausgeschaltet und das Werk nicht angefasst.

Nun doch. Und siehe da: Nach 100 Seiten Eingewöhnung merkte ich, dieser Text bietet keine ermüdenden Schelmen-Geschichten a la Muliar, sondern eine knallharte, aufrüttelnde, oft blutige Kritik der österreichischen Gesellschaft zur Zeit der KuK-Monarchie. Hašek wusste, worüber er schrieb. Er war 1914, da seine Heimat Böhmen damals zu Österreich gehörte, in dessen Armee eingezogen worden und kam an die Ostfront. Dort lief er zu den Russen über, kämpfte als Soldat der Tschechischen Legion auf der Seite der Entente gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich. 1918 ging er in die Rote Armee, wurde Mitglied der KP Russlands und Politkommissar. 1920 kehrte er nach Prag zurück.

Hašek schildert die schreiende Inhumanität des österreichischen Militärs, zugleich ihre Unfähigkeit im selben Ausmaß. Konkrete Verbrechen, die historisch belegbar sind, zum Beispiel Massaker an der serbischen Bevölkerung in der Anfangsphase des Krieges. Das alles gestaltet in der Sprache eines „kleinen Mannes“, der gewiss keine Mitschuld trägt. Der nämlich Widerstand leistet, und sogar Solidarität mit Leidensgenossen beweist, in den seltenen Momenten, in denen dies in einem repressiven Staat überhaupt möglich ist. Brecht hat diesen Text geliebt, ich verstehe jetzt warum.

Der Text ist die bewegende Studie einer korrupten Gesellschaft. Er zeigt, dass die Flucht einer solchen Gesellschaft in den Krieg nur der letzte Akt des Niedergangs ist. Was für Niederlagen! Eine Wiederholung des Desasters von Louis Bonapartes Feldzug 1870 gegen Deutschland: In den Krieg ziehen und nach kurzer Zeit untergehen.

 

Alfred Döblin, November 1918, 4 Bände. Zusammen rund 2200 Seiten, geschrieben 1938 bis 1942 im Exil in Frankreich und in den USA. Die in der DDR von Rütten und Loening hervorragend besorgte gebundene Ausgabe von 1981 ist in Versandantiquariaten ab 50 Euro zu haben, die dtv-Taschenbuchausgabe von 1978, die ich in den 1980ern für 15,- DM geschossen habe, im Moment gar nicht mehr. Wegen des anstehenden Jubiläums?

Ja, Döblin, ich hatte immer schon eine Leidenschaft für ihn. Wegen Franz Biberkopf sowieso, und dann wegen seines lebenslangen Bekenntnisses zum Berliner Osten, zum Proletariat, zu den Armen. Er war dort Jahrzehnte Armenarzt wie mein Vater im Harburger Phoenixviertel. Döblins Berliner Kiez – Kreuzberg-Neukölln, zwischen Urban Krankenhaus am Landwehrkanal im Norden, Mehringdamm im Westen und Karl Marx Allee im Süden – kenne ich gut. Da habe ich mal gewohnt. Und mich sauwohl gefühlt, als Harburger. Denn das Quartier war im Grunde nichts anderes als Harburg hoch 2.

Aber diese Revolutionstetralogie, diese unendlich vielen Seiten, wo ich doch als Historiker sowieso eine kräftige Abneigung habe gegen historische Romane. Und alles sowieso besser weiß. Das lag wie Blei im Bücherregal, oft angeblättert, und immer wieder weggestellt.

Jetzt endlich gelesen und – Plop! – gefangen. Döblin ist eben Döblin, ein magischer Erzähler. Allein die Idee, den Roman in der Provinz, im Elsass beginnen zu lassen, im Mikrokosmos eines Militärlazaretts, er hatte dort seinen Kriegsdienst abgeleistet und kannte sich aus, darin die Gewalt der Niederlage Deutschlands zu schildern, genial. Dann der Sprung nach Berlin, die Einfühlung in die Würstchen Ebert, Scheidemann, Noske, die wirklich finale Abrechnung mit dem Verrat der deutschen Sozialdemokratie.

Und mehr noch: eine ebenso kundige Schilderung der Revolutionäre, vor allem ihres Führungspersonals, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg. Sie waren Zauderer aus Döblins Sicht, Liebknecht als Idealist und Dandy, Luxemburg als Dogmatikerin. Wie sich in einer tatsächlichen Revolution verhalten? Lenin scheint als Alternative durch, ohne dass Döblin sich zu ihm bekennt. Nun, die deutsche Revolution war eben auch kraftloser als alle zuvor, die französischen und die russischen allemal. Insgesamt ein sehr realistischer, zugleich sehr offener Text. Der einlädt zum Prüfen konservierter Einschätzungen und zum Lernen neuer Sichtweisen. Seine erzählerische Einfühlung in die Psyche der herausragenden Akteure wie ebenso in die der Massen bestätigten und klärten viele der Gedanken, die mir beim Studium der Revolutionszeit in den letzten Jahren in den Kopf kamen.

Manches aber will man nicht lernen. Die Vollendung des Manuskripts „November 1918“ fiel zusammen mit der Konversion des Ehepaares Döblin zum Katholizismus. Den Hintergrund bildete ein Erweckungserlebnis Alfreds im französischen Exil. Resultat war, wie sein Freund Ludwig Marcuse urteilte, dass sich zu den großartigen Passagen des Romans solche auf dem Niveau religiöser Traktätchen mengten. Beschäftige sich damit, wer es mag, ich habe diese Passagen überblättert.

Brecht, Döblins Nachbar in Los Angeles damals, äußerte sich dazu verständnisvoll: Sorge um zwei der vier Söhne, verschollen in Frankreich, Krankheit und Verzweiflung auf der Flucht, eine zuweilen bedrückende Ehe (aus BB Sicht). Doch er hat sich auch fremdgeschämt für diese Konversion, in erheblichem Maße. Wir verdanken dieser Episode Brechts treffendes Wort von der „Verletzung der irreligiösen Gefühle“ seiner Freunde und Gefährten, die Döblin damit begangen habe.

Kurzum und trotzdem: Ein Riesenwerk, überwältigend, Stoff für langes Verdauen.

Dazu, als historisches Nebenwerk zum Nachlesen der Ereignisgeschichte und zum tieferen Verständnis der Gestaltungsweise Döblins, sei das seit kurzem bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältliche Buch von Mark Jones: Am Anfang war Gewalt, Bonn 2017, empfohlen (432 Seiten, 4,50 Euro). Es ist exakt der gleichen Zeitspanne gewidmet wie Döblins Kernerzählung: den Wochen von Anfang November 1918 bis Ende März 1919 in Berlin. Stone folgt darin einem sehr engen, politologisch eingehegten Gewaltbegriff, den ich nicht teile. Aber er arbeitet, wie bei britischen Historikern üblich, sehr souverän und bietet aussagekräftige Quellen in reichhaltiger Darbietung. Und er zerlegt meisterhaft (vielleicht ohne es zu wollen) die sozialdemokratische Revolutionslegende, die wir alle schlucken mussten als Schüler und auch späterhin: dass Ebert damals einen Spartakusputsch bekämpfen musste, und dass er damit die Demokratie gerettet habe. Nein, es war kein Spartakusputsch, und nein, Ebert hat nicht die Demokratie gerettet, sondern die Macht des preußischen Militarismus und damit die Basis des deutschen Faschismus. Das genau war auch Döblins Sicht.

Lustig aktuell: Die SPD löst ihre historische Kommission auf. Die wollte eigentlich Ende 2018 eine dicke Konferenz zur Revolution 1918 machen. Was der Parteivorstand wohl kapiert hat: Wenn man schon eine Scheißgeschichte hat, dann besser nicht drüber reden.

 

Zum Schluss noch ein kurzer Hinweis auf eine Autobiographie, die sich wie eine Fortsetzung des Döblinschen Romans lesen lässt: Franz Jung, Der Torpedokäfer, Neuwied und Berlin 1972 (499 Seiten, antiquarisch erhältlich inzwischen für rund 20 Euro. Alternativ sind textgleiche Ausgaben unter dem ursprünglichen Titel „Der Weg nach unten“ für 9 bis 15 Euro zu haben). Der Schriftsteller und Journalist Jung, bei den Berliner Kämpfen Anfang 1919 selbst beteiligt, schildert die revolutionären Nachfolge-Aktionen der Jahre bis 1922 aus Sicht der von ihm mitgegründeten „Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ KAPD, einer linken Abspaltung der KPD mit zeitweilig erheblichem Massenanhang.

 

Bildnachweis

Die Titelphotographie von J. Hašek entstammt Wikipedia und ist gemeinfrei, alle übrigen Aufnahmen Archiv Gotthardt.

der himmel ist blau (über opfern und tätern)
Zwei Holzschnitte für eine Ausstellung im Dortmunder .kunstbetrieb.

Am Anfang standen .derkunstbetrieb. und seine Einladung zu einem gemeinsamen Ausstellungsprojekt. Zum Thema „der himmel ist blau“ konnten bis zu drei Werke im Format 50 x 50 cm eingereicht werden. So entstanden die beiden Holzschnitte „der himmel ist blau über opfern und tätern“.

(Der Artikel ist zuerst auf Harbuch.de erschienen. Text und Bilder: Angela Jansen. Informationen zur Autorin siehe unten.)

Das Projekt

So beschrieb kunstbetriebs-Macherin Sabine Spieckermann die Projektidee:

Das Gedicht „Andererseits“ von Alfred Andersch




 

Die Umsetzung

Sofort beim Lesen des Andersch-Gedichtes kam mir die Idee, Holzschnitte nach zwei Fotos zu machen, die in meinem Familienarchiv vorhanden sind. Der Titel stand auch gleich fest: der himmel ist blau über opfern und tätern.

Das Schneiden war eine Herausforderung – sowohl darstellerisch, als auch technisch.

Zur Darstellung: Ich wollte ganz nah bei der Fotorealität bleiben. Denn da beide Situationen mir nur als Foto überliefert wurden, konnte ich nur das wiedergeben, was dort zu sehen war. Das bedeutete bei der Darstellung des Kriegsgefangenen, die Würde der Person trotz ihrer Nacktheit zu transportieren und die Lagersituation anzudeuten. Beim Nachkriegsurlauber Schmitt erlaubte ich mir größere Freiheiten, indem ich z.B. das Meer und die Dünen frei nachempfunden habe.

Zur Technik: Ich hatte noch nie so einen großen Holzschnitt gemacht und als Handabzug gedruckt. Das bedeutete, den Druckstock einzufärben, das Papier darauf zu legen und dann manuell mit dem Rücken eines Holzlöffels die Farbe auf das Papier zu übertragen. Das musste fix gehen, denn bei der Druckstockgröße drohte die Farbe in den zuletzt durchgeriebenen Bereichen schon zu trocknen.

Bis zuletzt war ich nicht entschieden, was die Farbe Blau in den Bildern anging. Sollte ich für den blauen Himmel eine zweite Druckform anlegen? Die vielleicht in beiden Bildern identisch wäre? Letztendlich entschied ich mich dagegen, weil die Bilder durch den grellen Lichteinfall und die klaren Schatten eindeutig auf Sonnenlicht – und damit auch auf blauen Himmel – verweisen. Und die Aussage in schwarz-weiß klarer und direkter ist.

angela jansen

der himmel ist blau über opfern und tätern (1)
Rotarmist im Kriegsgefangenenlager Zeithain/Sachsen, 1942

Holzschnitt nach einem Foto von Karl Schmitt

Karl Schmitt war 1941–1943 im Auftrag von Wehrmacht und deutscher Industrie verantwortlich für den Einsatz sowjetischer Kriegsgefangener im belgischen Steinkohlebergbau. Im Sommer 1942 reiste er nach Zeithain. Aus dem dortigen „Russenlager“ wurden im September des Jahres ca. 10.000 sowjetische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter in belgische Bergwerke verschleppt. Mehr zum Thema auf unserer harbuch-Website in dem Artikel: Onkel Karl und die gefangenen Rotarmisten.

angela jansen

der himmel ist blau über opfern und tätern (2)
Mein Großonkel Karl Schmitt im Urlaub auf Sylt, 1950

Holzschnitt nach einem Foto von Lulu Schmitt

1946 wurde Karl Schmitt verhaftet und in Belgien angeklagt wegen der Deportation belgischer Zwangsarbeiter in deutsche Konzentrationslager. Im Frühjahr 1948 kam er frei und arbeitete wieder für den Bergbau, zunächst als  Schriftleiter der bergmännischen Zeitschrift „Glückauf“ in Essen.

Die Ausstellung

Am Samstag, dem 1. September 2018, wurde im Rahmen des Hafenspaziergangs die Ausstellung „der himmel ist blau.“ im kunstbetrieb eröffnet. In die Ausstellung führte ein Simone Rikeit, Kunsthistorikerin aus Dortmund.

Sabine Spieckermann: „der himmel ist blau. Ob als Empörung gemeint – wie bei dem Schriftsteller Alfred Andersch – oder als bloße Feststellung, als Begeisterung oder als Aufforderung, sich mit der Farbe Blau auseinanderzusetzen, der Blick richtet sich bei diesem Kunstprojekt auf die Vielfalt der Reaktionen und der dabei zum Ausdruck gebrachten Auffassungen und Deutungen. 21 Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Malerei, Grafik, Bildhauerei, Installation, Film und Urbanart stellen aus.“

Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler sind: Almut Rybarsch-Tarry, Ana Maria Aviles Toro, Angela Jansen, Anke Droste, Annelie Sonntag, Artur Aleksander Wojtczak, Brigitte Siebrecht, Egon Huneke, Hendrik Müller, Horst Herz, Kirian, Klaus Pfeiffer, Mathes Schweinberger, Mohammad Taghi Ghorbanali, Paola Manzur, Susanne Grytzka, Suse Solbach, Udo Unkel, Ute Brüggemann, Vanessa von Wendt und Wolfgang Kienast

Dauer der Ausstellung: 1. September 2018 bis 6. Oktober 2018
Ein Katalog erscheint im Rahmen der Ausstellung.

Adresse: Gneisenaustr. 30, 44147 Dortmund, Tel.: 0231 53 48 205, info@derkunstbetrieb.de | www.derkunstbetrieb.de
Öffnungszeiten: mo–do: 11.00 Uhr–13.00 Uhr, mo– fr: 15.00 Uhr–18.00 Uhr, sa: 11.00 Uhr–13.00 Uhr, sowie nach Vereinbarung

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Quellen

(1) Alfred Andersch, empört euch, der himmel ist blau, Zürich 1977, S. 103 ff.


Angela Jansen, Jahrgang 1958, geboren in Düsseldorf, aber zuhause im Norden (Witzwort und Harburg), ist Dipl.-Designerin und seit vielen Jahren Inhaberin der kleinen Werbeagentur fraujansen kommunikation. Nebenher malt und holzschneidet sie. Zu Harbuch.de hat sie ein enges familiäres Verhältnis. So erscheinen dort gelegentlich auch Artikel von ihr, z.B. über die Logos von Harburger Firmen oder  über kleine bänke. e-Mail: aj@fraujansen.de

„Engel von Auschwitz“: Die sauerländische Nazi-Gegnerin Angela Autsch (1900-1944) ist vom Papst als „verehrungswürdige Dienerin Gottes“ bestätigt worden.

Die ehemalige Finnentroper Textilverkäuferin Maria Autsch (1900-1944) hat als „Nonne von Auschwitz“ Zeugnis für ein wahres Leben gegeben. Ihr Ordensname war Angela Maria; am 23. Dezember 1944 kam sie bei einem Luftangriff ums Leben. (Repro Archiv Peter Bürger)

Die ehemalige Finnentroper Modeverkäuferin Maria Autsch ist in der katholischen Kirche als „verehrungswürdige Dienerin Gottes“ (venerabilis Dei serva) anerkannt. Das hat Papst Franziskus zu Pfingsten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen in Rom bestätigt.

[Hintergrund zur Geschichte: https://www.schiebener.net/wordpress/eine-grosse-liebende-aus-dem-sauerland-23-dezember-gedenktag-an-maria-angela-autsch/]

(Ein Gastbeitrag von Peter Bürger)

Die Sauerländerin wurde 1900 als Kind einer katholischen Arbeiterfamilie in Rölleken bei Attendorn geboren, lebte nach einem Stellenwechsel des Vaters in Bamenohl und meldete sich später von Heinsberg aus zum Eintritt in das kleine Trinitarierinnen-Kloster im österreichischen Mötz. Sie erhielt 1934 den Ordensnamen „Angela Maria vom Heiligsten Herzen Jesu“.

Aufgrund von Konflikten mit dem nationalsozialistischen Regime wurde die Nonne in die Konzentrationslager Ravensbrück und Auschwitz verschleppt.

Das Besondere ihres christlichen Lebenszeugnisses wird durchaus unterschiedlich betrachtet. In dem Anfang der 1990er Jahre eingeleiteten Verfahren zur Seligsprechung legte man noch viel Wert darauf, dass Schwester Angela in der Zeit der Ordensverfolgung das Kloster ihrer Gemeinschaft auf kluge Weise geschützt hat, wodurch sie sich Feinde gemacht habe. Die Ablehnung der Nazis war stark ausgeprägt. Sie soll Hitler sogar vor Zuhörern als Plage für ganz Europa bezeichnet haben.

Aus heutiger Sicht ist der mutige Einsatz der Sauerländerin für ihre Mithäftlinge und die große Ausstrahlung ihrer Liebe selbst auf Atheistinnen wohl noch bedeutsamer als die Verteidigung des Ordens. Schwester Angela ermutigte andere Frauen im KZ zum Weiterleben und wurde als „Engel von Auschwitz“ betrachtet. In vielem entspricht sie einer neuen Sichtweise des gegenwärtigen Papstes, der die Nächstenliebe in seinem Verständnis von „Heiligkeit“ sehr hoch gewichtet.

Durch die Zuschreibung des sogenannten „heroischen Tugendgrades“ ist jetzt grundsätzlich der Weg frei für eine Seligsprechung. Da die Ordensfrau aus dem Sauerland jedoch kurz vor Weihnachten 1944 bei einem Bombenangriff auf das KZ umgekommen ist, wird ihr Tod nicht als Martyrium im strengen Sinn gewertet. Es müsste deshalb noch ein Wunder, das ihrer Fürsprache zugeschrieben wird, anerkannt werden. Traditionell denkt man hier an ein gleichsam „naturwissenschaftlich“ untersuchtes Heilungswunder. Im Licht der neueren Theologie könnte man jedoch auch an ein Wunder der Liebe, der Versöhnung oder der Gewinnung von neuem Lebensmut in scheinbar auswegloser Lage denken.

Erfolglos hatte in der Vergangenheit eine Finnentroper Ratsfraktion schon beantragt, eine Straße nach dieser Nonne zu benennen. In der diesjährigen Osterzeit ist das Buch „Sauerländische Lebenszeugen“ über Friedensarbeiter, NS-Verfolgte und Märtyrer aus Südwestfalen erschienen. Es enthält ein ausführliches Kapitel über Angela Maria Autsch. Dass wenige Wochen später ihre Würdigung in Rom erfolgen würde, war bei Erscheinen dieser Publikationen freilich noch völlig unbekannt.

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Literaturhinweis:

Peter Bürger: Sauerländische Lebenszeugen. Friedensarbeiter, Antifaschisten und Märtyrer des kurkölnischen Sauerlandes. Zweiter Band. Norderstedt 2018, S. 51-74. (ISBN: 9783746096834) – Das Buch kann überall vor Ort im Buchhandel bestellt werden.

https://www.schiebener.net/wordpress/sauerlaendische-lebenszeugen-ein-aktuelles-buch-ueber-widerstand-in-der-heimat-und-maertyrer-der-ns-zeit/

https://www.schiebener.net/wordpress/tag/sauerlaendische-lebenszeugen/

„Suche Frieden“ und finde die staatstreue Christenlehre
Der Katholikentag in Münster zeigt erneut, dass von den Großkirchen ein Widerspruch gegen die Militarisierung der deutschen Politik nicht zu erwarten ist

Brot und Frieden (grafik: www.friedensbilder.de)

Zu Recht wird der Katholikentag 2018 mit dem Motto „Suche Frieden …“ und ca. 90.000 Teilnehmenden in Medien und kirchlichen Gremien als ein erstaunlicher Erfolg bewertet.

(Gastbeitrag von Peter Bürger)

Der Katholik Horst Seehofer, der in Opposition zum Papst eine rechtspopulistische Flüchtlingspolitik etablieren will, kam trotz Zusage allerdings nicht nach Westfalen. Seine „Anreise“-Probleme wurden mehrheitlich als Angst vor Buhrufen gedeutet.

Zwei Protagonisten, ZdK-Präsident Thomas Sternberg und Kardinal Reinhard Marx, haben in Münster von dem dort versammelten Kirchenvolk hingegen viel Rückhalt bekommen. Wenn die Beifallskundgebungen und Programmschwerpunkte zählen, wird das Kirchenschiff hierzulande einen offenen Kurs Richtung Ökumene und Synodalität halten. Für die Herrschaft eines klerikalen Männerbundes unter Ausschluss der Frauen und wahnhafte Projekte der Priesterselbstanbetung in zentralisierten Mega-Gemeinden gibt es keine Akzeptanz mehr.

Trotz des fast flächendeckenden Traditionsabbruchs in katholischen Landschaften kann wohl keine Rede davon sein, dass der Katholizismus als soziales und politisches Phänomen bereits tot wäre. Vielleicht ist das Zeitfenster, in dem eine Transformation der letzten traditionellen Milieus auf Zukunft hin gelingt, doch noch nicht ganz geschlossen? Ein Urteil in dieser Sache fällt schwer, zumal das Münsterland nicht repräsentativ ist. Auch nach einem durchgreifenden Sprechsprachenwechsel hält sich oft über Jahrzehnte der Eindruck, das alte Idiom wäre nach wie vor sehr lebendig. Der Schein trügt, und das wird dann manchmal wie über Nacht offenbar.

(1) „Keine Kritik der Politik“!?

Möglicherweise wäre ich als katholischer Pazifist zu optimistisch von Münster nach Hause gefahren, wenn mir nicht eine improvisierte Passage in der Abschlusspredigt von Kardinal Reinhard Marx geholfen hätte, mein Unbehagen am Friedensprogramm der Großveranstaltung besser zu verstehen. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz sprach auf dem Schlossplatz über Jesu Auftrag an seine Jünger und kam zum Kern:

„Der Friede, die Liebe, die Versöhnung, das, was von vielen verlacht wird, von denen, die meinen, mit militärischer Macht und mit kühler Überlegung würden wir alleine den Frieden gewinnen. Das alles mag notwendig sein. Ich mach’ keine Kritik der Politik hier – im Gegenteil. Ich bemühe mich immer wieder, dankbar zu sein und bin es auch, für alle, die sich engagieren. Aber wir als Christen wissen auch, es braucht einen Überschuss, es braucht ein >Mehr an Hoffnung< […].“
(Kardinal Reinhard Marx, Predigt vom 13. Mai 2018)

Hier wird es auf den Punkt gebracht, was als gleichsam amtliche Linie des überaus bunten Kirchentags auf allen Fernsehbildschirmen ansichtig werden sollte. Die römisch-katholische Kirche in Deutschland will kein Urteil abgeben über das grundlegende Konzept „militärischer Macht“, welches nach Ansicht der maßgebenden Köpfe ja „notwendig sein mag“ und offenkundig auch als taugliches – wenngleich nicht als alleiniges – Mittel der „Friedensgewinnung“ (!) betrachtet wird. Die Kirche will die herrschende Politik in unserem Land keineswegs kritisieren: „im Gegenteil“! Dankbarkeit wird angestrebt. Die Christen wollen über das (benedizierte) Bestehende hinaus aber noch irgendwie einen „Überschuss“, ein „Mehr an Hoffnung“ einbringen.

Kardinal Reinhard Marx predigte – erfrischender Weise – in Münster nicht in Form einer theologischen Vorlesung. Dass der Terminus „Welt“ in den johanneischen Schriften der Bibel nicht einfach neutral den irdischen Lebens- und Gestaltungsraum bezeichnet, sondern eher ein ganz bestimmtes Programm der menschlichen Zivilisation, ist ihm bekannt. An anderer Stelle heißt es nämlich in seiner Predigt,

„dass wir als Zeuginnen und Zeugen des österlichen Lebens, des österlichen Friedens nie ganz aufgehen in der Logik der Welt, des Messens, des Verbrauchens, des Benutzens, des Herrschens und der Macht; dass mitten in dieser – ich möchte einmal sagen – alten Welt, die keine Zukunft hat, die neue Welt aufbricht – und […] wie in einem dynamischen Prozess von der Explosion der Osternacht aus in die ganze Weltgeschichte hineinreicht.“

Sollen wir in der „Logik des Benutzens, des Herrschens und der Macht“ nur „nie ganz aufgehen“? Oder sollen „wir Christen“ der Logik einer in den Augen Jesu endgültig veralteten „Welt“, die der Menschheit jede Zukunft verbaut, nicht vielmehr Widerstand entgegensetzen – durchaus auch mit Hilfe „kühler Überlegung“? Die Abschlusspredigt von Münster, beim Wort genommen, vermittelt den Regierenden in Deutschland wohl kaum das Gefühl, einer „alten Welt, die keine Zukunft hat“, verhaftet zu sein. Die implizite Botschaft lautet vielmehr: Wir Christen machen keine Revolte! Unser Land zählt ja zu den Guten …

(2) Für welches politische „Engagement“ sollen wir dankbar sein?

Wofür nun sollen wir dankbar sein – ohne dabei eine „Kritik der Politik“ anzugehen? Statt dem Frieden in der Welt zu dienen, sorgt Deutschland im Welt-Quartett der erfolgreichsten Rüstungsproduzenten dafür, dass seine Waffen und andere Kriegsproduktionen auf dem ganzen Globus zum Tötungseinsatz gelangen (Jemen und Afrin inklusive). Wege und Umwege des Exports sind unerfindlich. Die Rüstungslobby engagiert sich im Parteiengefüge und ist im Militärministerium gleichsam institutionell verankert. Der Absatz auf dem Weltmarkt mit hohen Stückzahlen beschwingt die technologische Entwicklung und die eigene Aufrüstung. Durch „militärische Ertüchtigung“ in fernen Ländern (z.B. „Sahel-Zone“) will man sich Einfluss auf der Erdkugel sichern. Profitable Kriegsindustrie und Politik lassen sich mitnichten trennen. Deshalb glauben die Menschen schon lange nicht mehr den Versprechungen, es sollten in Deutschland die Rüstungsexporte ernsthaft reglementiert und zurückgefahren werden: „Leere Worte mehren nur den Schmerz!“

Die verheerende Bilanz der Auslandseinsätze des Militärs, bei denen z.B. auch nach Jahrzehnten (!) zuvor ausgebildete und ausgestattete Waffenträger als Gewaltakteure in Erscheinung treten, wird verschleiert. Zu erwarten wäre zumindest bei Endlos-Einsätzen der Bundeswehr eine unabhängige wissenschaftliche Überprüfung. Man befragt stattdessen lieber eigene Experten, d.h. die Funktionäre des irrationalen Militärkomplexes. Soldaten, die bei ihrer Heimkehr in Psychiatrien eingeliefert werden, mögen dagegen von ihren Erfahrungen lieber schweigen. Es interessiert sich sowieso niemand für sie, auch nicht die Amtskirchen.

Geh mir aus der Sonne! Die Militarisierung der deutschen Politik (grafik: friedensbilder.de)

Inzwischen gehört es gleichsam zur Staatsräson, dass die eigene Militärdoktrin mit der Sicherung geostrategischer und geo-ökonomischer Machtinteressen, mit freien Märkten, Meeren und Handelswegen sowie mit der Abwehr (!) von Flüchtlingen aus Elendsregionen zu tun hat. Spätestens ab 2006 haben tausende Christinnen und Christen von unten die großen Kirchen aufgerufen, eine solche Militarisierung der deutschen Politik öffentlich anzuklagen. Ich gestehe, dass ich auf dem Katholikentag in Münster vollends die Hoffnung verloren habe, die derzeitigen Kirchenleitungen in Deutschland samt „Laiengremien“ könnten sich in diesem Zusammenhang doch noch zur einem friedensethischen Klartext durchringen.

Bezogen auf das Feld der als humanitär, menschenrechtlich, philanthropisch etc. deklarierten Interventionen ist absehbar, dass die Denkfigur „bellum iustum“ (Doktrin des „gerechten Krieges“) in einschlägigen Ethik-Werkstätten reanimiert wird. – Man betreibt Militärethik und nennt es Friedensethik. – Ein Beitrag ausgerechnet in der aktuellen Mai-Ausgabe der Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“ macht schon mal den Anfang. Derweil gibt es aber gar keine großangelegten Anstrengungen, eine taugliche – also nichtmilitärische – Infrastruktur zur vorbeugenden Verhinderung von Massenelend und Genozid zu entwickeln. Die Kirchen hätten genügend Sachverstand zur Verfügung, um zu erkennen, dass für eine praktische „Schutzverantwortung“, die wirklich Menschen rettet statt zur Legitimation des global agierenden Kriegsapparates beizutragen, allenfalls „Portokassen“ (Hans von Sponeck) zur Verfügung stehen. Im Kongo z.B. droht für 400.000 Kinder der Hungertod. Das wissen die untätigen Länder aber nicht erst seit letzter Woche.

Obwohl das Weltgefüge von Hegemonie sich im rasanten Wandel befindet und man sich punktuell auch vom „Mad Man“ in Washington distanziert, soll weiterhin nach den absurden – ja menschenverachtenden – Paradigmen des letzten, nicht mehr lange aufrecht zu erhaltenden Imperial-Gefüges agiert werden. Unverdrossen sollen zuvor selbst produzierte Terroristen gejagt und vermehrt werden – in alle Ewigkeit.

Die militarisierte Weltpolitik raubt der menschlichen Zivilisation jede Perspektive (und alle Ressourcen) zur Lösung der drängenden Zukunftsfragen. Sie ist mit dem Überleben der menschlichen Gattung schier unvereinbar. Doch diese Grundsatzfrage wird nicht gestellt! Die Entwicklung einer intelligenten Alternative für die Weltgesellschaft erfordert zwingend eine Umwidmung aller militärischen Budgets. Solches steht freilich nicht auf der Tagesordnung und wird auch nicht geschehen, solange durch Krieg und Todesindustrien tausendfache Milliardenprofite erzielt werden können.

Mit dauerhaftem Frieden, das wissen die Aktionäre von Konzernen für Tötungstechnologie (z.B. Rheinmetall), lässt sich einfach nicht genug Geld verdienen. Diese Sache ist so unwichtig, dass es nicht einmal ein Friedensministerium gibt. Eine eigentliche Friedensforschung, die sich von der Esoterik militärischer Beherrschungswissenschaften fernhält, findet nach wie vor nur in Hinterhofwinkeln statt.

Der von Schauermärchen über schlechte Ausrüstung und Mangelausstattung in allen staatstragenden Medien flankierte Kurs heißt: Aufrüstung, Aufrüstung, Aufrüstung. Das gilt auch für die Europäische Union, die ihr Projekt einer gemeinsamen Kriegsgüteragentur mit einer „Permanenten Strukturierten Militärkooperation“ zum Ziel führen wird und schon lange keine Friedensvisionen mehr hervorbringt. „Quantensprünge“ in Milliardenhöhe stehen bei den Ausgaben für Kriegstechnologie an.

Zumindest das zementierte Festhalten der Regierungsparteien an der deutschen Atombombenteilhabe und an der damit einhergehenden Missachtung eigener Vertragsverpflichtungen sollte noch als Beispiel genannt werden. Der Papst hält bereits Produktion und Besitz dieser ultimativ menschenverachtenden Waffen für verwerflich. Hätte Kardinal Reinhard Marx nur an diesem einen Punkt in seiner Predigt konkret gesprochen und eine „Kritik der Politik“ gewagt, so wäre das „Mehr der christlichen Hoffnung“ vor dem Münsterischen Schloss für ein riesiges Fernsehpublikum glaubhaft unter Beweis gestellt worden.

Noch sind die beiden großen Kirchen in Deutschland gemeinsam stark genug, eine erfolgreiche Bewegung zur Aushebung der atomaren Mordlager in Büchel und zum Ausrufen einer Friedensoffensive in Gang zu setzen. Doch ihr sogenanntes Spitzenpersonal will mehrheitlich lieber Ruhe, hohe Staatskirchengehälter und Staatsempfänge.

(3) Der Ruf zum friedenspolitischen Paradigmenwechsel blieb in Münster aus!

Der gastgebende Ortsbischof von Münster hat sich auf dem Katholikentag am 10. Mai immerhin für die Renaissance einer breiten Friedensbewegung im öffentlichen Raum ausgesprochen und eine symbolische Waffenvernichtung gewünscht. Im „Münsteraner Manifest“ des Zentralkomitees der Katholiken, das Leute mit rechtskatholischen Tendenzen gezielt abschreckt, konnte man am gleichen Tag eine moderate Kritik an nahen Kriegsprofiten nachlesen. Die zuerst von Anhängern des Militärparadigmas erfundene Losung für eine „neue deutsche Weltverantwortung“ wird von den Autoren wohl zumindest vorrangig als Verantwortung für Diplomatie, politische Lösungen und zivile Konfliktlösung verstanden. Doch warum wählten sie trotzdem die 2014 auf einer Münchener „Sicherheits“-Konferenz kanonisierte Überschrift?

Einen drängenden Ruf an die Politik in Deutschland, endlich von der bankrotten militärischen Heilslehre zu lassen und einen durchgreifenden Paradigmenwechsel zugunsten einer rationalen Weltfriedenspolitik einzuleiten, gab es in Münster nicht. Diese Leerstelle sticht ins Auge. Direkt einen Tag nach Ende des Katholikentags sandten Kanzlerin und Militärministerin das Signal aus, es solle der Kurs der weiteren Aufrüstung in Deutschland verfolgt werden. Vorfahrt für „Panzer“ – und Kriegskonzerne.

(4) Die Weltkirche ist weiter

Im April 2016 haben Friedensarbeiterinnen und Friedensarbeiter aus der ganzen Welt, vorzugsweise aus Kriegs- und Krisengebieten, auf dem internationalen katholischen Kongress „Nonviolence and Just Peace“ in Rom allen im Christentum tradierten Ideologien zur Rechtfertigung militärischer Gewalt eine Absage erteilt und die empirisch belegbare Überlegenheit von Konzepten der aktiven Gewaltfreiheit auch im politischen Raum ins Zentrum gerückt. Der Ausgangspunkt: Die hochgerüsteten Staaten sollen innerhalb der einen menschlichen Familie auf der Erde teilen statt zu töten. Es sei endlich zu lernen, dass gerechte Verhältnisse, solidarische Lebenswirklichkeiten und eine Kultur der Achtsamkeit unter den Menschen ein Land stark machen, während Militarisierung und Waffen nur wachsende Unsicherheit bewirken.

Die japanische Bischofskonferenz hat sich die Abschlusserklärung dieser Konferenz ganz zu eigen gemacht. Es folgte als bekräftigende Antwort eine päpstliche Botschaft zum Weltfriedenstag 2017 mit dem Titel „Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden“. Der Ruf von Friedensbotschaftern aus der ganzen Weltkirche, die unselige Lehre vom sogenannten „gerechten Krieg“ expressis verbis aufzugeben, ist nicht auf taube Ohren gestoßen. Zwischenzeitlich hat Bischof Franziskus von Rom in einem als Buch veröffentlichten Interview mit dem Soziologen Dominique Wolton erklärt: „Wir müssen das Konzept vom >gerechten Krieg< heute überdenken. Kein Krieg ist gerecht. Das einzige, was gerecht ist, ist der Frieden.“

Die römisch-katholischen und protestantischen Kirchenleitungen in deutschen Landen haben via Predigt, Hirtenwort und Militärseelsorge bei zwei massenmörderischen Weltkriegen assistiert. Wohl in kaum einem anderen Land der Erde ist die neuere Kirchengeschichte so extrem durch Tribute an die Religion des Kriegsgötzen besudelt worden. Es wäre im dritten Jahrtausend an der Zeit, dass die reiche katholische Kirche in Deutschland ein von Militärkontexten unabhängiges friedenstheologisches Institut ins Leben ruft und Anschluss findet an die weltkirchliche Entwicklung unter Franziskus. Überzeugend kann heute allein eine Ökumene sein, die dazu führt, dass beide Großkirchen in Deutschland sich – eingedenk ihrer schändlichen Vergangenheit – ausdrücklich von aller staatskirchlichen Politik- und Militärassistenz emanzipieren und vor aller Welt gemeinsam zu Friedenskirchen erklären.

„Wissen Sie denn mit Bestimmtheit, dass Mendelssohn Jude war?“
Vorwort zur Neuauflage der Dokumentation über den sauerländischen Komponisten und NS-Musikpolitiker Georg Nellius (1891-1952)

Bild des weltberühmten Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy: ‚Da kam doch der Sohn des Polizeioffiziers (als Nazi stadtbekannt) mit Noten von Mendelssohn. Das aber ist ein Jude, und der wird nicht mehr gespielt. So habe ich die Noten sofort in den Ofen geworfen.‘ Als die Stunde zu Ende war, ging er an den Ofen, der gar nicht an war, und zog die Mendelssohn-Noten heraus: ‚Spiel das, aber lass es niemand wissen!‘ (foto: wikimedia)

Während des Zweiten Weltkrieges, so schreibt der in Attendorn geborene und aufgewachsene Philosoph Otto Pöggeler (1928-2014) in seiner Autobiographie, „konnte alles, was geschah, auch eine andere bessere Seite zeigen.

(Ein Gastbeitrag von Peter Bürger)

Beim Klavierunterricht sagte mir eines Tages mein Lehrer: ‚Da kam doch der Sohn des Polizeioffiziers (als Nazi stadtbekannt) mit Noten von Mendelssohn. Das aber ist ein Jude, und der wird nicht mehr gespielt. So habe ich die Noten sofort in den Ofen geworfen.‘ Als die Stunde zu Ende war, ging er an den Ofen, der gar nicht an war, und zog die Mendelssohn-Noten heraus: ‚Spiel das, aber lass es niemand wissen!‘ So habe ich die Lieder ohne Worte Tag für Tag gespielt. Das Gefühl, Verbotenes zu tun, steigerte meine Freude. Dazu kam ein gewisser Hochmut darüber, dass niemand erkannte, was ich tat. Mein Vater sah, wie zerfleddert die Noten waren, und sagte: ‚Das lass ich binden!‘

Ich antwortete: ‚Das geht nicht, denn Mendelssohn ist ein Jude.‘ Darin sah mein Vater aber kein Problem. Er ging zu einem alten Buchhändler, der nicht mehr im Geschäft war und schweigen konnte, und ließ den Mendelssohn mit Falzen verbessern und schön einbinden (dazu auch noch die Klaviermusik von Brahms). Ich habe diese Bände heute noch.“ (Anmerkung 1)

Die Werke von Jakob Ludwig Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) sollen im NS-Staat angeblich nicht Gegenstand eines offiziellen Aufführungsverbotes gewesen sein, obwohl man u.a. durch die Beseitigung von Denkmälern und Gedenktafeln die Erinnerung an diesen weltberühmten Komponisten aus dem öffentlichen Raum verbannen wollte. (Anmerkung 2) So steht es gegenwärtig in der ‚Wikipedia‘. In der vorliegenden Publikation begegnen wir dem Gauchorführer Georg Nellius, der auf jeden Fall ein rigoroses Verbot von Notensätzen und Liedtexten aus den Werkstätten jüdischer Künstler durchsetzen wollte. Am 26.3.1938 fragte ein Chorleiter nach einer entsprechenden Verbotsweisung erstaunt bei diesem NS-Musikfunktionär an: „Wissen Sie denn mit Bestimmtheit, dass Mendelssohn Jude war?“ Georg Nellius antwortete entrüstet, wie man ihm denn noch „1938 (!) für ein Kreissängerfest des Deutschen Sängerbundes ein von Mendelssohn, d.i. einem Vollblutjuden vertontes Lied“ melden könne.

Als Jahre oder gar Jahrzehnte nach der Niederschlagung des deutschen Faschismus in einigen Kommunen, zuletzt 1975 in Sundern, Straßen nach Georg Nellius (1891-1952) benannt wurden, sollte hierdurch ein überaus verdienter Mann geehrt werden. Als Chorleiter, Komponist, Verlagsgründer, Ausrichter großer Musikfeste und Anreger einer Sauerlandhalle hatte Nellius seiner Geburtsheimat ja eine hohe ‚Heimatkunst‘ schenken wollen.

Später konnte es freilich nicht mehr verdrängt werden, dass dieser römisch-katholische Musiker nicht nur in den Weimarer Jahren als Feind der Republik hervorgetreten ist, sondern auch Noten zu nationalsozialistischen Propagandatexten gesetzt und schließlich die NSDAP-Mitgliedschaft erworben hat. Dies alles aber, so ließ eine Bürgerinitiative in Sundern ab 2013 verlauten, sei nur unter Zwang erfolgt. Ein amtlicher Freispruch beweise, dass Nellius bezogen auf Nationalsozialismus und 3. Reich ein ‚Unbelasteter‘ gewesen sei. (Anmerkung 3)

Die Argumentationsmuster lagen z.T. auf der Linie der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Ein Feldzug zur Ehrenrettung eines „sauerländischen Genies“ sorgte für erhitzte öffentlichen Debatten. Gleichzeitig förderte die Sichtung eines – vermeintlich schon erschlossenen – Quellensegments aus dem Nachlass Erstaunliches und Erschreckendes zutage.

Die vorliegende Neuauflage einer Dokumentation von 2014, erweitert durch eingegangene Stellungnahmen und einen von Werner Neuhaus verfassten Rückblick auf die „Auseinandersetzungen um die Umbenennung der Nellius-Straße in Sundern-Hachen, 2012-2014“, vermittelt durch Darstellung und Quellenedition die neuen Erkenntnisse.

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Der Text ist der nachfolgenden neuen Buchedition entnommen:

Werner Neuhaus / Michael Gosmann / Peter Bürger (Hg.): Georg Nellius (1891-1952). Völkisches und nationalsozialistisches Kulturschaffen, antisemitische Musikpolitik, Entnazifizierung – späte Straßennamendebatte. Norderstedt BoD 2018. [Paperback; 284 Seiten; ISBN: 9783746042848; Preis 12,90 Euro]

https://www.bod.de/buchshop/georg-nellius-1891-1952-9783746042848

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Anmerkungen / Quellenangaben:

1.) Pöggeler, Otto: Wege in schwieriger Zeit. Ein Lebensbericht. München: Wilhelm Fink 2011, S. 22-23.

2.) Vgl. hierzu den Personeneintrag auf wikipedia.org (letzter Abruf am 10.02.2018), wo im Anschluss an die Darstellung der antisemitischen Kampagnen gegen Mendelssohns ‚Nachruhm‘ – von Richard Wagner bis hin zur NS-Musikpolitik – eine äußerst befremdliche Passage folgt: „Rehabilitationsversuche in jüngerer Zeit: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bemühte man sich zunehmend um eine Rehabilitation Mendelssohns. Seine Zugehörigkeit zur lutherischen Kirche und seine christliche Assimilation mit der Gesellschaft, in der er lebte, wurden deutlich gemacht.“ Soll hier suggeriert werden, es sei nach den Ausfällen der Judenfeinde so etwas wie eine ‚Rehabilitation‘ des Musikers notwendig und dessen ‚christliche Assimilation‘ könne dabei als bedeutsamer Gesichtspunkt betrachtet werden?

3.) 1946/47 war Nellius im Zuge der „Entnazifizierung“ der Kategorie III. zugeordnet worden: „minderbelastet“. Das hört sich nicht ganz unfreundlich an. „Aber in den Massenverfahren war es das Schlimmste, was passieren konnte, daher erwischte es auch nur wenige.“ (U. Opfermann) Dass in der Folgezeit eine für den Musiker günstigere Einstufung um gleich zwei Kategorien (V statt III) erreicht werden konnte, ist mehr als „beachtlich“!

Freunde der Völkerbegegnung e.V. in Meschede: „Überwindung der Grenzen, um Missverständnisse und Feindseligkeiten zwischen den Völkern zu beheben“

Vor 10 Jahren: Bild vom 40 jährigen Vereinsjubiläum mit 48 ausländischen Gästen vor dem Kreishaus. (foto: FdV)

Der Vorstand der Freunde der Völkerbegegnung e.V. in Meschede (FdV ) hatte am 05. März zur Jahresmitgliederversammlung eingeladen.

(Bericht der Freunde der Völkerbegegnung)

Zuerst wurde der drei verstorbenen Mitglieder Willi Deitelhoff; Johannes Rutkow und Elfi Kuhlmeier gedacht.

Nach dem Verlesen des vorigen Jahresprotokolls durch die stellvertretende Vorsitzende Huberta Eickhoff schloss sich der Tätigkeitsbericht 2017 durch die Vorsitzende Maria Hüser an. Sie nannte die gemeinsame Wanderung zum Borberg und die drei Vortragsabende zu den Themen: „Waisenhausprojekt der Eheleute Senge in Myanmar/Burma“; „Papst Franziskus und die globale Krise“ mit Pfr. Reinhold Schlappa; sowie das Projekt „Ruway Nanta in Bolivien“ an dem Anne Arenhövel sieben Jahre aktiv beteiligt war.

Nach dem Kassenbericht von Elmar Hehemann und der Entlastung des Vorstandes schloss sich die Wiederwahl der drei Beisitzenden Mechthild Westerbarkey, Alfons Dünnebacke und Ulrich Henke an.

Nach dem offiziellen Teil wurde ein Ausblick gegeben auf die Aktivitäten in 2018. Es ist ein besonderes Jahr, denn es kann schon das 50-jährige Jubiläum der FdV gefeiert werden. Das gemeinnützige Friedenswerk ist überparteilich und überkonfessionell.

Bei den vielen Austauschbegegnungen zwischen Freunden in Coventry/England, in Coventry/Rhode Island in USA und in Vannes/Frankreich stand immer die familiäre Begegnung in gegenseitiger Achtung im Vordergrund. Es ist keine Städtepartnerschaft, sondern wurde nach vielen Nachkriegsbesuchen und Kontakten auf privater Basis besonders durch Irmgard Rode dann ab 1968 in einer Vereinsform gegründet.

Der damalige Anspruch „Die Überwindung der Grenzen, um Missverständnisse und Feindseligkeiten zwischen den Völkern zu beheben“ gilt weiterhin. Das Motto war: „Der Friede kommt nicht von selbst. Versöhnung nach den Kriegserlebnissen steht an 1. Stelle und man kann nur lieben, was man kennt“, so sagte der 2. Gründer, Konrad Hengsbach immer. Im Rückblick auf vorige Jubiläen standen Begegnung und Frieden im zwischenmenschlichen Bereich immer im Vordergrund.

Vor 40 Jahren wurde ein gemischter Chor gegründet, der heute schon seit 29 Jahren vom Kreis-Chorleiter Thomas Fildhaut dirigiert wird und in dem noch sechs Gründungsmitglieder als Sänger/innen aktiv sind. Seit 49 Jahren werden Sprachkurse angeboten, vor 34 Jahren ein Internationaler Kinderhort gegründet und vor 30 Jahren ein Tanzclub.

Zum Abschluss der Jahreshauptversammlung wurden die beliebten Jahreshefte verteilt. Auf 50 Seiten werden viele Erlebnisse wieder in Erinnerung gerufen und auch eine Chronologie gibt Hinweise auf so vieles nach dem Motto ‚Weißt du noch wie’s damals war?‘, von 1968 bis 2018.

Dazu wird am nächsten Gesprächsabend: Dienstag den 27. März um 19.00 Uhr in die Pulverturm Gaststätte eingeladen.

Viele digitalisierte Fotos aus früheren Jugendaustauschen in England, sowie die Fahrten nach Frankreich und Amerika zeigen junge Gesichter nach dem Motto: „Es war einmal…“.

Zu dem Abend sind Mitglieder, besonders frühere aktive Ehemalige u.a. Interessierte herzlich eingeladen! An dem Tag werden auch viele Gastgeschenke aus dem Ausland versteigert, zur Aufwertung der Vereinskasse. Denn die Kasse wird in der Festwoche vom 18. bis 25. August 2018 durch die Tagesfahrten und die Verpflegung der Gäste bestimmt reduziert werden. Wer in dieser Festwoche gern Gäste aus England, Frankreich oder den USA aufnehmen möchte, kann sich mit Huberta Eickhoff in Verbindung setzen (02973-6846).

Diejenigen, die sich in dem aktuellen Jahresheft über der Verein FdV informieren möchten, bzw. wer Weiteres über die FdV erfahren möchte, bekommt ein buntes Jahresheft über Maria Hüser und kann sich unter 02951-9347934 mit ihr in Verbindung setzen.

„Sauerländische Lebenszeugen“: Geschichtserinnerung gegen die neue Gefahr von rechts – zugleich Aktivierung des universellen Programms der Menschenwürde

In der Reihe des regionalen Projekts „Friedenslandschaft Sauerland“, das seit Jahren einen Gegenentwurf zum „Heimat“-Gerede der neuen Völkischen anbietet, hat der Theologe und Publizist Peter Bürger (pax christi-Mitglied) zur Passions- und Osterzeit 2018 einen neuen Band vorgelegt: SAUERLÄNDISCHE LEBENSZEUGEN. Friedensarbeiter, Antifaschisten und Märtyrer des kurkölnischen Sauerlandes. Zweiter Band. Norderstedt 2018. ISBN: 978-3-7460-9683-4 (Umfang 488 Seiten; Preis: 15,99 Euro).

Das Werk kann überall im Buchhandel bestellt werden. Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: https://www.bod.de/buchshop/sauerlaendische-lebenszeugen-peter-buerger-9783746096834

Buchvorstellung: https://www.schiebener.net/wordpress/sauerlaendische-lebenszeugen-ein-aktuelles-buch-ueber-widerstand-in-der-heimat-und-maertyrer-der-ns-zeit/

Wir dokumentieren nachfolgend in gekürzter Form das Geleitwort von Hans-Josef Vogel (geb. 1956 in Werl). Er war von 1999 bis 2017 Bürgermeister der Stadt Arnsberg und ist seit 2017 Regierungspräsident des Regierungsbezirks Arnsberg. Mit dem Autor des neuen Buches „Sauerländische Lebenszeugen“ verbinden ihn u.a. ein gemeinsames demokratisches Engagement in Jugendjahren und – trotz denkbar unterschiedlicher politischer Biographien – der christlich inspirierte Einsatz für eine offene Gesellschaft.

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„Sauerländische Lebenszeugen“ sind universelles Programm

Von Hans-Josef Vogel, Regierungspräsident des Regierungsbezirks Arnsberg

Peter Bürger legt den zweiten Band über „Friedensarbeiter, Antifaschisten und Märtyrer“ seiner Heimatregion – des katholisch geprägten kurkölnischen Sauerlandes – in der Zeit des Nationalsozialismus vor. Er nennt diese Frauen und Männer „Sauerländische Lebenszeugen“ und bezieht sich dazu auf den Beginn des ersten Johannes-Briefes: „Was von Anfang war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: Das Wort des Lebens“ (1. Johannes-Brief 1,1).

Die „Sauerländischen Lebenszeugen“ sind Frauen und Männer, die frei und freiwillig der „Todesreligion“ (Peter Bürger) der Nationalsozialisten im Kleinen und im Großen entgegentraten und mit ihrem Alltagsleben auf die ‚Kultur‘ oder besser: auf die Diktatur des Todes und der Gewalt antworteten mit der Kultur des Lebens und der Begegnung.

Es sind Frauen und Männer, die aus ihrem christlichen Glauben für Freiheit, Recht und Menschenwürde eintraten oder – um es in der Sprache der neuen Möglichkeiten zur Durchführung eines Selig- und Heiligsprechungsverfahrens der Katholischen Weltkirche auszudrücken – die ihr Leben aus Liebe zu Gott und zum Nächsten auf’s Spiel setzten und deshalb einen gewaltsamen Tod – hier durch die Nazis – oder einen verfrühten Tod starben.

Diese Märtyrer wurden nach 1945 auch in der Kirche jahrzehntelang und oft bis heute nicht oder nur völlig unzureichend zur Kenntnis genommen und wertgeschätzt. Die Kirche übersah dabei, dass Märtyrer diejenigen sind, die die Kirche voranbringen, diejenigen, die die Kirche auf dem Weg durch die Zeit unterstützen.

Peter Bürger zeichnet dies Versäumnis nach und belegt durch seine Arbeit ein Wort von Papst Franziskus: „Das Gute neigt immer dazu, sich mitzuteilen. Jede echte Erfahrung von Wahrheit und Schönheit sucht von sich aus, sich zu verbreiten.“

Dieses „Sich-Mitteilen“ des Guten, Wahren und Schönen, des Heil(ig)-Machenden nimmt Peter Bürger auf. Er nennt und benennt für seine sauerländische Heimatregion die „Lebenszeugen“: Märtyrer und heilige Menschen: Otto Günnewich (Pfarrvikar in Salwey, Gemeinde Eslohe), Maria Autsch (Modeverkäuferin in Finnentrop und spätere Ordensfrau), Josef Quinke (Bäckermeister aus Fretter, Gemeinde Finnentrop), Carl Lindemann (Lagerarbeiter und Fahrer aus Herrntrop, Gemeinde Kirchhundem), Dr. Josef Kleinsorge (Landwirtschaftsschuldirektor aus Sundern), Ferdinand Freiherr von Lüninck (Gutsbesitzer aus Ostwig, Gemeinde Bestwig), Kilian Kirchhoff (Franziskaner-Pater aus Rönkhausen, Gemeinde Finnentrop), Friedrich Karl Petersen (vorgesehen als Seelsorger für Reiste, Gemeinde Eslohe; in Schmallenberg begraben) und Josef Bömer (Propst in Arnsberg).

Diese „Sauerländischen Lebenszeugen“ sind nicht Teil einer abgeschlossenen Geschichte oder gar einer abgeschlossenen Regionalgeschichte. Sie sind vielmehr ein Programm. In dem Sinne, wie es der spätere Papst Johannes XXIII. über den Sauerländer Franz Stock gesagt hat, dem „Erzengel in der Hölle“ der Pariser Nazi-Gefängnisse, wo er auf Seiten der Besten Frankreichs, auf Seiten des französischen Widerstands stand, und dem späteren Leiter des „Stacheldrahtseminars von Chartres“, des größten Priesterseminars der Welt, das er in einem Lager für deutsche Kriegsgefangene gründete und leitete: „Abbé Franz Stock, das ist kein Name, das ist ein Programm.“

Wir müssen lernen und verstehen, dass dieses Programm, das Franz Stock und die anderen „Lebenszeugen“ gelebt haben, ein universelles Programm ist. Es ist das Programm der einzigartigen Würde jedes einzelnen Menschen, der unveräußerlichen Rechte jedes Menschen, zu denen die Religionsfreiheit in ganz besonderer Weise zählt. Georg Jellinek sah in der Religionsfreiheit das „Urgrundrecht“ aller Freiheitsrechte, und Max Weber bezeichnete in Folge dieses Gedankens die Gewissensfreiheit als „erstes Menschenrecht“.

Das Programm der „Sauerländischen Lebenszeugen“ ist ein universelles Programm der Vielfalt und der Unterschiedlichkeit der Menschen. Ein durch und durch zivilisatorisches Programm, das ständig weitergeschrieben und weiter wertgeschätzt werden muss.

Die „Sauerländischen Lebenszeugen“ sind ein Programm, das zugleich ermutigt und fordert. Ein Programm, das ein Projekt ist. Ein Programm, das Leben ist und Leben bedeutet. Dieses Projekt braucht Akteure im Kleinen wie im Großen. Es geht auch heute und zukünftig um das Aktivieren des Glaubens, um das Aktivieren des Programms von Menschenwürde, Recht und Freiheit durch jede und jeden einzelnen. Ohne Freiheit gibt es keine Demokratie, die erst auf der Freiheit aufbaut.

Vom Hörer zum Akteur im Programm der Menschenwürde, der Menschenrechte und der Freiheit werden

Das Programm der „Sauerländischen Lebenszeugen“ – gespeist aus dem christlichen Glauben – beginnt mit einer Verwandlung, die der heutige Papstes Franziskus so beschreibt: „Vom Hörer Seines Wortes zum Akteur in Seiner Göttlichen Erzählung werden.“

Der Hörer des Wortes, der Leser des Programms verwandelt sich zum Akteur in der universellen Erzählung der Menschenwürde, der Menschenrechte und der Freiheit. Freiheit ist eben nichts, was wir besitzen. Freiheit ist das, was wir tun, jeden Tag und damit alltäglich.

Diese Verwandlung zum Akteur in der Erzählung der Menschenwürde, der Menschenrechte – eben der Freiheit – beginnt heute damit, hellwach zu sein für alles, was bei uns nebenan geschieht oder unterlassen wird. Es beginnt damit, den Mund aufzumachen, wenn Menschen wegen ihrer religiösen Tradition, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer Ethnie herabgewürdigt werden oder weit entfernt von jedem Gedanken an Solidarität leben oder von wem auch immer unterhalb der Schwelle vollständiger Menschlichkeit gedrückt werden.

Die Verwandlung zum Akteur beginnt, wenn wir „Über-Kreuz-Liegen“ mit dem, was vermeintlicher Mainstream ist oder was Algorithmen durch ihre homogenisierende Wirkung als Mainstream erscheinen lassen, indem sie alles vermeintlich Nicht-Passende außen vor lassen.

Die „Sauerländischen Lebenszeugen“ ermutigen und fordern uns in einer Zeit, die wieder völkisches rassistisches Denken kennt und ausspricht, in der autoritäres Führertum wieder nachgefragt wird und – um es in Anlehnung an Dietrich Bonhoeffer zu sagen – in der eine „Maskerade des Bösen die ethischen Begriffe (erneut) durcheinander wirbelt“. Die Gefahr von rechts komme näher – als ob es das 20. Jahrhundert und seine blutigen Lehren und Märtyrer nicht gegeben hätte, schreibt Timothy Snyder im Februar 2017 zu seiner provokativen Schrift „Über Tyrannei: Zwanzig Lektionen für den Widerstand“.

Das neue Buch von Peter Bürger setzt ein ähnliches Zeichen. Es fordert uns auf, dem neurechten Denken und Handeln frühzeitig entgegenzutreten, indem es erinnert an die „Sauerländischen Lebenszeugen“ und sie nach Jahrzehnten in den Mittelpunkt der Regionalgeschichte rückt als ein tatsächlich universelles Programm im Sinne einer Kultur des Lebens und der Begegnung. Dieses Programm zu leben und stets neu zu aktivieren, ist wirklich keine einfache Sache, ist anstrengend und beschwerlich.

Wie schreibt der von den Nazis 1943 mit dem Fallbeil enthauptete Willi Graf, aktives Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, am 6. Juni 1942 an seine Schwester Anneliese: „Der Glaube ist keine solch einfache Sache, wie es uns erschien … In Wirklichkeit ist Christentum ein viel schwereres und ungewisseres Leben, das voller Anstrengung ist und ‚immer wieder neue Überwindung kostet, um es zu vollziehen‘“.
Dies gilt auch und in besonderer Weise für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. Es kann sich keiner darauf beschränken, Zuschauer oder bloßer Beobachter zu sein. Schon gar nicht, wenn Demokratie und freiheitlicher Rechtsstaat bedroht und angegriffen werden.

Es kann sich keiner auf eine Mehrheit berufen, wenn die Menschenwürde verletzt wird. Denn die Menschenwürde jedes Menschen ist tabu für jede und jeden, auch für eine demokratische Gesellschaft. Die Würde des Menschen ist der absolute Wert, den eine Rechtsordnung der Freiheit kennt.

Eine große Liebende aus dem Sauerland
23. Dezember: Gedenktag an Maria (Angela) Autsch

Die ehemalige Finnentroper Textilverkäuferin Maria Autsch (1900-1944) hat als „Nonne von Auschwitz“ Zeugnis für ein wahres Leben gegeben. Ihr Ordensname war Angela Maria; am 23. Dezember 1944 kam sie bei einem Luftangriff ums Leben. (archivfoto via Peter Bürger)

„Ohne Angela hätte ich das KZ nicht überlebt“

(Ein Gastbeitrag von Peter Bürger)

Der von Maria (Sr. Angela) Autsch gewählte Orden mit Niederlassung im österreichischen Mötz wurde 1198 zur „größeren Ehre des Dreieinigen Gottes“ und mit dem Ziel des Loskaufes von Gefangenen gegründet. Seit dem 12. August 1940 ist Sr. Angela selbst in Gefangenschaft. Unter anderem wird ihr der Ausspruch „Der Hitler ist eine Geißel für ganz Europa“ vorgeworfen.

Im darauffolgenden September wird sie in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück bei Berlin verlegt – registriert unter der Häftlingsnummer 4651 und gekennzeichnet mit dem roten Winkel der politischen Gefangenen. Zunächst muss sie drei Wochen im Freien arbeiten, doch dann erfolgt die Einteilung zu der „ihr so angenehmen“ Arbeit im „Krankenrevier“ des Konzentrationslagers.

Im Lager interniert ist auch die schwangere Maria Rosenberger aus ihrer Heimat, eingestuft als sogenannter „Zigeunermischling“. Von Sr. Angela erfuhr diese junge Sauerländerin mütterlichen Zuspruch und Hilfe zum Überleben. Die Nonne hat ihrerseits aber auch einen Wunsch geäußert; sie wollte am Saum der Häftlingskleidung gerne eine angenähte kleine Tasche als Versteck für den Rosenkranz. Maria Rosenberger hat im Juni 1990 einen ausführlichen Bericht über die gemeinsame Zeit des Grauens in Ravensbrück diktiert, der hier wiedergegeben sei:

„In der Zeitung wurde über den Seligsprechungsprozeß von Maria Autsch berichtet. Ich habe sie sofort erkannt, als ich ihr Bild sah. Wir waren im KZ Ravensbrück zusammen. Ich wusste zwar, dass Maria das KZ nicht überlebt hat. Aber wie es ihr später in Auschwitz ergangen ist, das habe ich nicht gewusst. Ich habe Maria in bester Erinnerung. […] Sie hat mir geholfen, wann immer sie konnte. Ich war damals zwanzig Jahre alt. Sie war doppelt so alt. Sie war wie eine Mutter zu mir. Sie hat mir immer wieder Mut gemacht. ‚Maria, halt die Ohren steif!‘ sagte sie zu mir. ‚Lass dich nicht unterkriegen! Denk an was Schönes den Tag über, dann hältst du besser durch.‘ Wenn ich jammerte: ‚Ich habe Hunger‘, wie oft hat sie mir ein Stück Brot zugesteckt. Sie legte es an den Zaun oder versteckte es auf der Toilette. Es durfte keiner sehen. Es war verboten, jemand von seinem Essen etwas abzugeben. Und einer gönnte dem andern nichts. Und ehe man sich versah, war man bei der Aufseherin angezeigt, und es gab Schläge mit der Peitsche. Und manches Mal hat Maria Schläge eingesteckt.

Einige Aufseherinnen haben sie auch bewusst schikaniert, weil sie eine Nonne war. Aber das hat ihr nichts ausgemacht. Sie hatte ein besonderes Lächeln, und wie gern hat sie mit uns gelacht. Wenn sie mir morgens beim Appell heimlich zuwinkte – sie stand im Nachbarblock – freute ich mich den ganzen Tag. Maria war wie ein Sonnenstrahl in der Hölle. Ich fragte sie manchmal: ‚Wovon lebst du denn, wenn du dein Brot immer weggibst?‘ Sie antwortete: ‚Wenn ich Hunger habe, bete ich. Dann vergesse ich den Hunger.‘ Dabei sah sie mit ihren Bäckchen aus wie das blühende Leben, auch wenn sie hungerte. […]

„Eine große Liebende aus dem Sauerland

23. Dezember: Gedenktag an Maria (Angela) Autsch

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