Bunt und vielfältig. Eine Stadt-Oase. Ich habe unwillkürlich gespäht, ob ich nicht irgendwo zwischen Bauwagen, Stall und Insektenhotel Peter Lustig aus der Sendung Löwenzahn entdecke.
Nein, er war nicht da und auch nicht die Kinder, die tagsüber von den Eltern dort abgegeben werden. Nächstes Mal, früher am Tag. Bin gespannt auf den Betrieb.
Wandbild an der Landesanstalt für Forstwirtschaft in Arnsberg. (foto: zoom)
Im Hochsauerland habe ich gelernt, dass der Herbst nach der Winterberger Kirmes beginnt.
Nun hat wegen der Pandemie dieses Jahr keine Kirmes und kein Feuerwerk am Montagabend stattgefunden, es sei denn, man bezeichnete das kleine Budenspektakel an der unteren Pforte als „Kirmes“.
Den Herbst hat es nicht gestört, er hat sich brav an den Termin gehalten und ist am Montag mit Wind, Regen und kühlen Temperaturen bei uns eingezogen. Der Winterberger Herbst hat begonnen.
Der kalendarische Herbst gibt dem Sommer noch eine Rückkehrchance, er beginnt in diesem Jahr am Mittwoch, dem 22. September 2021 um 21:21 Uhr.
Die Meteorologen lieben es schlicht und unabhängig vom Stand der Sonne. Für sie beginnt der meteorologische Herbst wie jedes Jahr am 1. September.
Wer es komplizierter mag, richtet sich nach den phänologischen Jahreszeiten.
„Im Gegensatz zu den astronomischen Jahreszeiten sind die phänologischen Perioden nicht an fixe Daten gebunden. Jahresabschnitte werden durch Beobachtungen aus der Natur bestimmt. Wenn etwa die Schwarzen Holunderbeeren reifen, ist es Zeit sich vom Sommer zu verabschieden. Schneeglöckchen dagegen leiten den Vorfrühling ein.“
Auch beim Deutschen Wetterdienst findet man die Liste der zehn (!) Jahreszeiten mitsamt ihrer Leitpflanzen. Die Grenze zwischen Spätsommer und Früherbst verläuft beispielsweise so:
Luxus-Bank mit Fahrradständern oberhalb von Siedlinghausen (foto: zoom)Während an vielen Orten die alten Sitzbänke im Wald verfallen, haben wir oberhalb von Siedlinghausen diese neue überdachte Sitzbank samt passenden Fahrradständern.
Obwohl ich dort beinahe täglich vorbei komme, habe ich sie noch nicht ausprobiert. Das ist dann also der Plan für das Wochenende: Probesitzen, gedankenverloren in die Gegend schauen und den Alltag vergessen.
Ungegendert. (foto: zoom)Nach vielen Monaten habe ich mich doppelt geimpft zur Friseurin getraut.
Schnipp-Schnapp waren die Haare ab, ein Pfund leichter und mehr grau als meliert. Im hellen Licht des Frisör-Salons sieht man so alt aus wie man ist. Ungefärbt. Ein ehrlicher Ort. Das wäre erledigt.
Manchmal kann mich auch das schönste Abendrot über dem Hochsauerland nicht begeistern. Anderthalb Jahre Pandemie, reduzierte soziale Kontakte, kein Urlaub und zwischendrin auch noch eine gesundheitliche Krise.
Berge, Fichten, Abendrot – auch wenn der Himmel noch so glüht, geht mir die Corona-Krise auf den Senkel.
Inzwischen bin ich zwei Mal geimpft, maximaler Schutz und trotzdem ist kein Ende in Sicht. Die vierte Welle hat mit der Delta-Variante begonnen und viele Menschen haben sich noch nicht impfen lassen, obwohl inzwischen genügend Impfstoff vorhanden ist. Woran liegt es? Ignoranz, Unaufgeklärtheit, Dummheit, Zeitmangel, Verblendung? Von allem etwas?
Ich richte mich auf einen weiteren Pandemieherbst und Winter ein: im Sauerland hocken, wenig soziale Kontakte und keine Reisen, Maske, Abstand, Hygiene.
Bis zum Ende der Einschränkungen spazieren gehen, Blütenpflanzen und Vogelstimmen bestimmen, im Garten Kraut ausrupfen und auf ruhiges Radfahrwetter hoffen.
Zwischendurch werde ich ab und zu ein paar kleine Fluchten aus dem Hochsauerland planen, wie neulich nach Bottrop zum Tetraeder und an den Niederrhein, die alte Heimat.
Der Tetraeder steht auf einer 80 Meter hohen Halde in Bottrop. (foto: zoom)
Wenn man die Stufen der Stahlkostruktion erklommen hat, bietet sich ein fantastischer Blick über Teile des Ruhrgebiets. Industriekultur aus der Vogelperspektive.
Von Bottrop ist es dann nicht mehr weit bis zur Rheinpromenade zwischen Dinslaken und Voerde. Ich beobachte dort gern die Flussschiffe, die stromab Richtung Niederlande und stromauf Richtung Schweiz schippern.
Ein Flussschiff nähert sich aus Richtung Holland. (foto: zoom)
Abends sitze ich dann wieder auf dem Balkon im Hochsauerland und verfolge gedankenverloren die untergehende Sonne. Wohin geht die nächste kleine Flucht?
Siedlinghausen: der Hömberg, ein halber Skalp (foto: zoom)
Wird das Sauerland bald aussehen wie die englischen Pennines? Baumlos kahl, mit weiten Heiden, auf denen Schafherden weiden? Wofür die Inselbewohner Jahrtausende benötigt haben, schaffen wir vielleicht in ein paar Jahren.
Klimawandel, Waldsterben, und alles was sich noch an Bäumen und Holz vermarkten lässt, wird geschlagen und nach China verkauft. Die Gelegenheit ist günstig. Wer weiß, ob sich die guten Preise noch lange halten.
Die Erde der baumlosen Hänge könnte bei den zu erwartenden Starkregen als Schlamm in die Täler rutschen, die Maisfelder gleich hinterher, denn sie sind besonders erosionsanfällig.
Das ist nun viel dunkle Phantasie und Extrapolation. Aber dabei fällt mir ein: Gibt es Karten für das Hochsauerland auf denen Risikogebiete verzeichnet sind, mit Szenarien für zu erwartende Veränderungen durch den Klimawandel?
Woher wissen wir, dass unser Haus nicht eines Tages durch Unwetter abrutscht oder uns die Wassermassen durch Erdgeschoss und Keller laufen?
Wahrscheinlich ungesund, aber immerhin passen Form und Inhalt. (foto: zoom)
Inzwischen ist der Regen im hohen Hochsauerland angekommen. Ich habe immer noch nicht verstanden, was der Aufkleber an der Laterne sagen will.
Wahrscheinlich nur ein Spiel mit Form und Inhalt, keine Aufforderung. Andererseits könnte es irgendwo in den Tiefen des Marktes ein Produkt geben, dass sich „Stoned Again“ nennt. Dann wäre der Sticker pure Reklame. Meist sind das Sprüche, die auf irgendwelchen Klamotten oder Gimmicks aufgedruckt sind. Leute kaufen sich den Kram, um cool zu wirken. Was würde Roland Barthes dazu sagen?
Eigentlich ist der Sommerregen ganz angenehm. Das (Un)kraut vermehrt sich mit rasender Geschwindigkeit, aber bei diesem Wetter kann mensch keine Gartenarbeit machen.
Langsam kriecht eine musikalische Assoziation in mein Bewusstsein. Über 50 Jahre alt. Das kann sich heute niemand mehr anhören. Dieser Krach, und dann die langen Haare.
„Die guten Tage sind vorbei. Ein rotes Graffiti-Tag verunziert die Fassade des Pubs, die Eigner selbst nannten ihn in weiser Voraussicht „Hasi‘s Pup“. Und der stinkt den Klein Hehlenern nun ganz gewaltig.“, lese ich in der Celleschen Zeitung vom 3. Juli 2012.
Neun Jahre sind vergangen und das Haus steht immer noch. Für mich ein Fotomotiv en passante, das Deppen-Apostroph und die Verballhornung einer irischen Kneipe. Die Suchmaschine werfe ich erst viel später mit den Begriffen „Hasi’s Pup Celle“ an.
Nur ein Pausenbild im zweiten Jahr der Pandemie. Reisen im Fotoalbum. Zuhause ohne FFP2-Maske.