Abendblatt I: Aussichtslos, selbstmörderisch, unverschämt … Stefan Niggemeier
Abendblatt II: Trotz und Abendblatt … indiskretion
Abendblatt: III: Kritik und Häme für Springers Bezahl-Start … meedia
Es ist aber noch mehr Unwichtiges und Wichtiges passiert:
Familienministerin Köhler: Doktorarbeit erscheint als Buch. „Niemand sollte 39,95 Euro für dieses Buch ausgeben. Man sollte es stattdessen einfach dem Schicksal überlassen“ … dlf
Dortmund: Nationale Autonome dominieren die Rechte Szene … ruhrbarone
Ein dickes Euro-Zeichen: abendblatt.de wird kostenpflichtig
„Seit heute profitieren Zeitungsabonnenten. Für sie ist abendblatt.de kostenlos. Alle anderen zahlen 7,95 Euro im Monat für Berichte aus Hamburg und dem Norden…“, schreibt Matthias Iken heute im Hamburger Abendblatt.
Es ist ein streckenweise lustiger Artikel, mit amüsanten Wendungen.
Zum Einstieg klopft sich der Autor mit beiden Fäusten auf die Brust:
Es ist aussichtslos, spotten Experten. Es ist selbstmörderisch, argwöhnt die Konkurrenz. Es ist unverschämt, denken die Nutzer. Und doch werden wir es tun: Wir wagen, Werthaltiges im Netz künftig nicht mehr zu verschenken, sondern zu verkaufen.
Ich denke, ob solcher Ehrlichkeit wird der Abendblatt-Leser oder auch die Leserin die 7,95 € locker auf den Tisch legen – oder auch nicht. Wünschen wir der Zeitung aus dem Hause Springer alles Gute und viel Glück. Die bis dato 457 Kommentatoren scheinen allerdings zum Großteil nicht zu den zukünftigen Online-Bezahl-Kunden zu zählen. Macht nix. Hamburg ist eine Millionenstadt. Die schweigende Menge wird das Model goutieren. Hoffentlich hat sie das Abendblatt vorher gefragt.
Jetzt zu den Begründungen:
World Wide Web regiert dort noch immer ein großzügiges wie groteskes Geschäftsmodell – das „Mutter-Teresa-Prinzip“:
Ich finde das Mutter-Teresa-Prinzip auch nicht in Ordnung. Die Online-Gemeinde sollte sich nicht in religiöses Gutmenschentum verstricken.
Berauscht von den Möglichkeiten des weltweiten Webs vergaß man das Naheliegende, nämlich Geld zu verdienen.
Richtig so! Keine Macht den Drogen!
Nutzer an die kostenlosen Angebote gewöhnt und eine echte Freibiermentalität entwickelt.
Schlimmer wäre Schnaps oder Heroin. Hier hat der Autor den „Netz-Junkie“ ausgelassen.
Zu Recht darf und muss der Leser von Redaktionen erwarten, dass sie unabhängig sind – von den Interessen von Unternehmen, Politik und Lobbygruppen.
Richtig! Gib’s den Bloggern, den Schlendrianen. Wegen der unübersehbaren Makel an Objektivität und der großen Abhängigkeit der Blogosphäre von Geld, Macht und Politik, haben wir schon lange das Abendblatt aus dem Hause Springer in unserer Linkleiste aufgeführt. Wir schätzen es, dass das Abendblatt von Unternehmen, Politik und Lobbygruppen unabhängig ist 😉
rund um die Uhr: Abendblatt.de schläft nie
Das kann nicht gesund sein.
Es geht um das langfristige Überleben der Medien, es geht um die vierte Gewalt.
Wenn die Verlage von der Vierten Gewalt reden, dann weine ich immer dicke Tränen auf mein Grundgesetz, da steht diese Anmaßung nämlich nicht drin. Liest sich aber gut.
Zudem benötigen die Bürger verlässliche wie verletzliche Leitmedien, die das Geschehen bündeln und aus dem Meer von Informationen als Inseln der Relevanz herausragen.
Den Satz nagele ich mir über das Bett. Ich werde ein paar Tage und Nächte darüber meditieren müssen. Er enthält gewiss eine sehr gut verschlüsselte wichtige Botschaft. Vielleicht muss man den Satz auch singen. Oder rappen. Oder tanzen.
Vielleicht ist es aussichtslos. Vielleicht ist es selbstmörderisch. Vielleicht ist es auch unverschämt. Doch vor allem ist es eins: Es ist alternativlos.
Tanzen. Auf den Inseln der Relevanz.
Vielleicht überlege ich mir das mit dem Bezahlen doch noch, wegen der Metaphern-Dichte. Aber ich befürchte, es sind keine mehr übrig für den Rest der Artikel bis an das Ende aller Tage. So großzügig wie der Herr Iken die Wort-Blumen unter die Online-Fans verstreut, spaßig.
manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern werch ein illtum! (Ernst Jandl)
„Manch‘ einer ist so links, dass er rechts wieder heraus kommt“
Das B-Movie in Hamburg. Artikel in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung vom 26. November 2009(screenshot)
Ende November hatte ich in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung einen verstörenden Artikel über den gewaltsamen Boykott des Debutfilms von Claude Lanzmann aus dem Jahre 1972 gelesen. Autor des Artikels ist der Hamburger Journalist Frank Keil. Er schilderte unter anderem wie eine sogenannte linke Gruppierung „Sozialistische Linke Sol“ als Teil des „Internationalen Zentrums B5“ handgreiflich die Besucher der geplanten Vorstellung attackiert.
Aus der Ferne Süd-Westfalens erinnert mich die Schilderung durchaus an neonazistische
Frank Keil in der Jüdischen Allgemeinen, Artikelausschnitt
Gewalt. Das Handeln der sogenannten „antizionistischen“ Linken wirft für mich die Frage nach der Glaubwürdigkeit „der Linken“ auf, wenn sie es nicht schafft, sich dauerhaft von politischen Positionen zu lösen, die das Existenzrecht des Staates Israel in Frage stellen.
„Diesen Herbst ist in Deutschland die Aufführung von zwei Kinofilmen gewaltsam verhindert worden: In Hoyerswerda sorgte eine Bombendrohung für die Absetzung von Quentin Tarantinos Kriegsgroteske »Inglourious Basterds«, in Hamburg wurde eine Aufführung der Dokumentation »Pourquoi Israel« (1972) des französischen Filmemachers und ehemaligen antifaschistischen Partisanen Claude Lanzmann nicht zugelassen.
Im Unterschied zu Hoyerswerda, wo die Filmvorführung von neonazistischen Kameradschaften verhindert wurde, bedurfte es in Hamburg noch der internationalistischen Staffage. Ein Bündnis um das »Internationalistische Zentrum B5« in der Brigittenstraße blockierte Ende Oktober das in der direkten Nachbarschaft gelegene Independent-Kino B-Movie. Mittels Schlägen und wüster Pöbeleien verdeutlichten die Blockierer, dass ihnen die Verhinderung der Beschäftigung mit dem Thema »Warum Israel« durchaus ein paar Verletzte wert wäre …“ jungle-world
Ich persönlich stelle mir folgende Fragen:
Kann ein Linker überhaupt Antisemit sein?
Gibt es antisemitische Linke?
Ist Antisemitismus nicht per se ein Widerspruch zum „Linkssein“?
Verbündet sich der unreflektierte Antikapitalismus bestimmter Gruppen mit den Stereotypen des Antisemitismus(i.e. „jüdisches Finanzkapital“ etc.)?
Inzwischen habe ich gemerkt, dass der Vorfall überregional in den Medien diskutiert wird. Die Auseinandersetzung um Rassismus und Antisemitismus konfrontiert sowohl die linken Gutmenschen als auch die radikalen Antifas mit den Wurzeln ihrer Ideologien, von denen einige in brauner Muttererde zu gedeihen scheinen.
Der Film sollte gestern aufgeführt werden. Ich habe versucht, das Kino telefonisch zu erreichen, um zu erfahren, ob es diesmal geklappt hat, aber niemanden erreicht.
Ein paar Links zum Stand der Diskussion:
Stellungnahme des Kinos B-Movie in Hamburg: B-Movie
Jens Schneider, Unzumutbar. Wie die Linke heftig über linken Antisemitismus streitet, SZ . 14. Dezember 2009, Seite 13, online noch nicht gefunden
Sebastian Hammelehle, Antisemitismus in Hamburg. Regisseur Lanzmann“ schockiert“ über Krawalle bei Israel-Film, 19. November 2009, SpiegelOnline
Christiane Peitz, Antifas als Antisemiten, 22. November 2009, tagesspiegel
Volker Weiss, Augen zu und drauf, 19. November 2009, jungle-world
Max Dax und Sebastian Hammelehle, Spielt nie mehr die Herren, Interview mit Claude Lanzmann, 9. Dezember 2009, freitag
Anfang Juli hatte ich vom Start einer „alternativen“ Hamburger Stadtteilzeitung berichtet. Ich hatte mir überlegt, ob ein Projekt wie diese Eimsbütteler Internet Zeitung nicht irgendwie auf andere Regionen übertragbar sein könnte. Die Eims-Net ist jetzt mit der 5. Ausgabe erschienen und es wäre an der Zeit einige Beobachtungen zu notieren.
Erstens: Erfreulicherweise hat mein Artikel zur Erstausgabe der Eims-Net Kritik hervorgerufen, die in den Kommentaren dokumentiert ist.
Zweitens: Ich habe den Herausgeber damals gebeten, zu der Kritik Stellung zu nehmen. Leider hat die Redaktion der Eims-Net nicht reagiert:
Hallo …,
kannst du zu folgendem Kommentar in meinem Blog Stellung nehmen?
Viertens: Heute hat mich eine Leserin angeschrieben und auf ein Blog hingewiesen, welches sich ausdrücklich kritisch mit Eims-Net befasst.
Fünftens: Die übrigen Nummern von Eims-Net habe ich aus Zeitmangel noch nicht gelesen, doch ich denke, die Indizien reichen, um die Diskussion über Sinn und Unsinn „alternativer“ Reklame-Zeitungen weiter offen zu halten.
Fotoausstellung im Hamburg-Haus Eimsbüttel: "Selma" von Edith Eilers (abfotografiert: zoom)
Es gibt in jeder Großstadt kleine magische Orte abseits der großen Touristen-Attraktionen. Ich mag die Fotoausstellungen im Hamburg-Haus am Doormannsweg in Eimsbüttel: hier die norddeutsche Fotomeisterschaft vom 10. bis zum 23. Oktober 2009 mit einem Bildbeispiel, welches mir sehr gut gefallen hat.
Licht am Ende des Tunnels ... Weg beim Jäger (foto: zoom)
Turnschuhe in jedweder Großstadt sind einfach fantastisch, so man sie denn anzieht und die Wege jenseits der Auto-Verkehrsadern entlangläuft (neudeutsch: „joggt“).
Hier fotografiere ich gerade einen Abschnitt meiner Laufstrecke um den Hamburger Flughafen.
Die insgesamt 16 Kilometer lassen sich auch prima mit dem Rad bewältigen.
Gegen Diebstahl hilft Abschließen - am Rande des Schulterblatts im Hamburger Schanzenviertel (fotos: zoom)
Der Hamburger Stadtteil „Schanzenviertel“ soll, nach allem, was mir hier ins Sauerland zugetragen wird, zu einem Schicki-Mickei-Stadtteil umgewandelt werden. Im Soziologendeutsch nennt sich diese Prozess „Gentrifikation„.
Fahnenradikalismus über den Straßen des Schanzenviertels
Es ist allerdings unter Umständen gefährlich, diesen Begriff zu verwenden, da der Verfassungsschutz angeblich Gruppen beobachtet, die es sich zum Ziel gesetzt haben, diesen unaufhaltsamen Prozess aufzuhalten.
Als ich mich schlendernd durch das gefährliche Viertel bewegte, war kein einziger Verfassungsfeind zu sehen. Die Einwohner, von denen einige dem Prekariat zuzurechnen sind, lassen friedlich, wie seit über zwanzig Jahren, ihren Hunden im Sternschanzenpark alle Freiheiten, die sie sich selbst ebenfalls nehmen.
Ich habe mir lange überlegt, ob ich Drogen in diesem Blog abbilden sollte und habe mich schweren Herzens entschlossen, keine Zensur auszuüben.
Das Bild handelt nicht vom Weizenbier, nicht von einer Kerze und auch nicht vom Salz- und Pfefferstreuer, sondern von Albrecht Müllers Buch „Meinungsmache„.
Es liegt auf einem kleinen runden Tisch in der „Rotbuche“ .
Zum Zeitpunkt der Aufnahme wurden folgende Zeilen auf der Seite 212 gelesen:
Untertitel: „Die Krise, die Aussichten und die Linke„.
Herausgeber ist Hermannus Pfeiffer: „Soziologe, Wirtschaftswissenschaftler und Publizist. Zahlreiche Bücher und Zeitschriftenveröffentlichungen. Schreibt u.a. für »Frankfurter Rundschau«, »taz«, »Neues Deutschland«, »Das Parlament« und »Der Freitag«.“
Christian Gotthardt setzt sich in seinem Überlegungen mit der Energiepolitik der SPD und der Grünen auseinander und bilanziert Ernüchterung. Die Politik sei – „mit Ausnahme der Linken und des wackeren Sigmar Gabriel – nicht auf Ballhöhe“.
Vieles ist gegen den Strich gebürstet. Eine Auseinandersetzung ist lohnenswert – nicht nur für Linke!