Warum überhaupt noch Piraten wählen? Einige Antworten.

Am 13. Mai feierten die Piraten das NRW-Wahlergebnis in Wickede an der Ruhr. Jetzt wollen sie sich programmatisch weiterentwickeln. (foto: piraten_hsk)
Am 13. Mai feierten die HSK-Piraten das NRW-Wahlergebnis in Wickede an der Ruhr. (archiv: piraten_hsk)

Im Folgenden antwortet der Schmallenberger Pirat Markus Heberling auf unseren gestrigen Artikel „Warum überhaupt noch Piraten wählen? Eine Abrechnung mit vielen Fragenzeichen …“ Die Antwort von Markus Heberling ist heute zuerst in seinem eigenen Blog „Coding == Relaxing“ erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Autors als Crossposting publiziert.

Auf dem HSK-Zoom Blog ist ein Artikel erschienen, der einige kritische Fragen zur Piratenpartei stellt.  Hier sind meine Antworten darauf als einfacher Basispirat:

Sie sind in mehreren Landtagen vertreten, doch über die Politik, die sie dort machen, höre ich fast nichts. Ja, ich weiß, in der Opposition kann man nicht viel mitgestalten, aber wollten sie nicht zumindest frischen Wind in die Landesparlamente bringen? Wo ist dieser? Und wollten sich die Piraten nicht thematisch besser aufstellen? Wofür genau stehen die Piraten heute? Warum höre ich in den Nachrichten nicht auch einmal Stimmen der Piraten zu Themen, die die Menschen bewegen? Welche Ansichten vertreten die Piraten beim Thema Energiewende? Haben sich Berliner Piraten eigentlich zum Mord am Alexanderplatz geäußert? Haben sie eine Meinung zur geplanten Senkung der Rentenversicherungsbeiträge, zur möglichen Abschaffung der Praxisgebühr? Wo finde ich Stellungnahmen zu so umstrittenen Themen wie dem Betreuungsgeld?

Der nächste Bundesparteitag ist ein Programmparteitag. Dort wird das Programm weiter ausgeweitet werden. Das Antragsbuch umfasst dazu 1464 Seiten, man kann also nicht sagen, dass wir keine Themen haben. :) Warum man in den Nachrichten nichts über die Themen hört, muss man die Medien fragen. Wir sind ein freies Land und die Presse kann über das berichten, was sie will. Wir müssen uns aber natürlich auch an die eigene Nase fassen, da die Personalquerelen und Shitstorms ja nun wirklich nicht sein müssten und das natürlich ein gefundenes Fressen für die Medien sind.

Da die Piratenpartei das Programm nur auf Parteitagen und nur mit 2/3 Mehrheit erweitern und ändern kann, dauert es natürlich länger als bei anderen Parteien, bei denen der Spitzenkandidat etwas sagt, was dann als Parteimeinung gilt und dann als Leitantrag auf dem nächsten Parteitag nur durchgewunken werden muss Was wirklich fehlt ist die Möglichkeit auch zwischen den Parteitagen verbindliche Beschlüsse zu fassen. Hier kann meiner Meinung nach nur ein verbindliches Liquid Feedback helfen, in dem beschlossene Initiativen den Status eines Positionspapiers erhalten, was dann auch gegenüber der Presse als Parteimeinung vertreten werden kann.

Wie war das noch? Themen statt Köpfe. Aber warum geht es dann ständig nur um bestimmte Köpfe? Wie konnte es so weit kommen, dass eine junge Frau einen derart gewinnbringenden Buchvertrag abschließt, anscheinend nur, weil sie im Vorstand der Piratenpartei ist? An ihren schriftstellerischen Qualitäten kann es nicht liegen; das wird nach der Lektüre der ersten Seiten schnell deutlich. Wieso dreht sich ständig alles um diesen Geschäftsführer und seinen Lebenswandel? Wieso informiert uns eine Abgeordnete der Piraten im Landtag von NRW über ihren ONS und das gerissene Kondom? Und wieso fallen Worte wie „Tittenbonus“, wenn ein Pirat anscheinend mal versucht, sich zu einem aktuellen politischen Thema zu äußern? Ist das der frische Wind, oder ist das Unvermögen, sich auszudrücken?

Themen statt Köpfe halte ich persönlich für einen Irrweg. Es muss immer Köpfe geben, die die Themen auch präsentieren können. Es darf natürlich nicht dazu kommen, dass die Köpfe dann wichtiger werden als die Themen, oder dass einzelne die Themen diktieren können. Die Gefahr sehe ich aber auch nicht, da alle Programmpunkte auf Parteitagen beschlossen werden und es da keine Leitanträge gibt, sondern die Anträge aus der gesamten Partei kommen.

Zu den angesprochenen Personen:

  • Julia Schramm hat meines Wissens schon bei der Bewerbung um die Vorstandswahl gesagt, dass sie einen Buchvertrag hat. Man kann ihr also nicht vorwerfen den Vertrag nur durch den Bundesvorstandsposten bekommen zu haben.
  • An Johannes Ponader gibt es sicher einiges zu kritisieren, aber ich denke nicht, dass sein Lebenswandel dazu gehört. Als Piraten stehen wir zur freien Entfaltung der Persönlichkeit und dazu gehört auch sein Leben so zu leben wie man das für richtig hält. Besonders die Kritik, dass ein „Hartzer“ ja nicht seine Zeit damit verschwenden soll Politik zu machen, sondern lieber arbeiten gehen soll, kann ich nicht nachvollziehen. Gerade auch Menschen die Hartz4 bekommen muss es möglich sein auch Politik zu machen. Wir sind gegen die Hartz4 Sanktionen und stehen ja auch für ein Bedingungsloses Grundeinkommen, dass es jedem Menschen ermöglichen soll sich frei zu entfalten.
  • Warum sollte Birgit Rydlewski nicht über ihr Privatleben schreiben dürfen? Wen das nicht interessiert, der muss das ja nicht lesen. Ich finde das durchaus sympatisch, wenn man sieht, dass Politiker auch „nur“ Menschen sind.
  • Was Gerwald Claus-Brunner geritten hat „Tittenbonus“ zu twittern weiß ich auch nicht. Das ist völlig inakzeptabel. Insbesondere wenn man sieht, dass in der Piratenpartei ein „Penisbonus“ vorzuherrschen scheint.

Wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre… Ich würde die Piraten nicht wählen.Auch wenn ich mit den etablierten Parteien in sehr vielen Punkten nicht einverstanden bin, möchte ich nicht noch eine Fraktion dort sehen, die sich in Sachen Macht ähnlich verhält wie die alten Parteien, aber dann auch noch kaum etwas zu wichtigen Themen beiträgt. Ich möchte niemanden wie Johannes Ponader im Bundestag sehen, dessen ganzes Leben sich anscheinend nur um ihn selbst dreht und dem andere Menschen egal sind. Warum sonst sollen andere arbeiten gehen, damit er sich selbst verwirklichen kann? Ich möchte auch keine Anke Domscheit-Berg im Bundestag sehen, die mal schnell die Partei wechselt, weil sie hofft, so in den Bundestag zu kommen, und die, sobald sie nicht auf Platz 1 der Landesliste gewählt wird, beleidigt analysiert, dass es daran liegt, dass sie eine Frau ist. So jemand möchte sich für Frauenrechte einsetzen? Meiner Meinung nach schadet sie mit ihrem Verhalten Frauen.

Johannes Ponader kandidiert (bisher) nicht für den Bundestag. Anke Domscheid-Berg hätte ich gerne auf Platz 1 der Landesliste in Brandenburg gesehen, da sie sich schon lange engagiert und eine echte Bereicherung für den Bundestag wäre. Im Hinblick auf die Listen in den anderen Ländern, auf denen die Frauen auch meistens auf aussichtslosen Plätzen gelandet sind, teile ich auch die Einschätzung, dass ihr Geschlecht zu ihrer Platzierung beigetragen hat. Ich denke die Piraten brauchen eine Frauenquote, sonst wird das nie was.

Es gibt bereits zu viele Abgeordnete, denen es nur um Macht, Geld und die eigene Person geht. Mittlerweile glaube ich, dass die Piraten sich nicht von diesen unterscheiden, höchstens darin, dass sie oft ungeschickter im Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit sind. Das liegt wohl daran, dass der Erfolg zu plötzlich kam, und mit dem Erfolg kamen jede Menge Opportunisten. Diese muss die Piratenpartei erst einmal wieder loswerden, und sie muss einen Weg finden, sich im aktuellen politischen Geschehen mehr zu Wort zu melden, mit Meinungen, Ansichten und Lösungsvorschlägen, nicht mit persönlichen Querelen oder Fehltritten. Ich denke nicht, dass sie dies bis September 2013 schaffen kann.

Ich stimme zu, dass die Piraten wieder mehr mit Themen in die Öffentlichkeit kommen müssen. Da wird der nächste Parteitag helfen, da dort (hoffentlich) das Programm stark erweitert wird. ich denke aber nicht, dass die Piratenabgeordneten geld- und machtgeil sind. Wenn man sich so die Podcasts zum Beispiel der Berliner anhört, haben die einen ganzen Haufen Arbeit.

Ich denke, dass wir das bis September 2013 schaffen können.

Die Frauen und die Zukunft des Sauerlandes

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In seinem Stichwort der Woche warnt Norbert Schnellen in der jüngsten Ausgabe des Anzeigenblattes Winterberg-Totallokal vor Ostdeutschen Zuständen, vor „Regionen, denen die jungen Leute abhanden (…)kommen“.

Die Problematik ist bekannt: Junge motivierte Menschen gehen zur Ausbildung in die Städte und kommen nicht wieder in die Dörfer und Kleinstädte des Sauerlandes zurück. Schnellen sieht die Gefahr, dass „unsere Heimat (sich) zu einem riesigen Altersheim entwickelt“.

Norbert Schnellen möchte Abhilfe schaffen. So fordert er beispielsweise Sauerländer Betriebe auf, von hierarchischen Strukturen abzulassen und Mitarbeiter nicht zu schikanieren, sondern zu motivieren. „Toleranz statt Arroganz“.

Schnellens Überlegungen finde ich richtig und wichtig. In vielen Orten, Organisationen und Institutionen des Sauerlandes herrscht noch der Ton und die Mentalität vordemokratischer Zeiten. Zuhören, unterstützen, ermutigen und auch mal Kritik akzeptieren sind häufig Fehlanzeige. Hier bringt Norbert Schnellen hoffentlich eine längst überfällige Diskussion in Gang.

Allerdings fehlt in der politischen Auseinandersetzung bisher völlig die Frage, wie junge Frauen dazu gebracht werden können im Sauerland zu bleiben. Kein Demographiearbeitskreis, kein besorgter Bürgermeister (die männliche Form erfasst hier durchaus alle Amtsträger) und kein Vertreter der hiesigen Presse hat sich nach meiner Kenntnis diesem Problem bisher in der Öffentlichkeit zugewandt.

Frauen sind beruflich ambitionierter als früher. Genügte der Mutter noch ein Haupt- oder Realschulabschluss, so strebt die Tochter heute das Abitur an. Das Hausfrauenleben ihrer Mütter bietet für junge Frauen häufig keine existenzsichernde und befriedigende Perspektive mehr. Es fehlen jedoch qualifizierte Berufe, die für Frauen attraktiv wären.

Gleichzeitig ist das öffentliches Leben im Sauerland in erster Linie von männerdominierten Organisationen geprägt: Die katholische Kirche mit ihrem Exklusivrecht für Männer, die freiwilligen Feuerwehren, Fußball- und Schützenvereine. Entsprechend besteht das Personal von politischen Parteien und Räten fast durchgängig aus Männern.

Wer sich die Aktivitäten des MdB des HSK Patrick Sensburg ansieht, weiß, dass dieser häufig Reservistenverbände, Schützenvereine und Parteigliederungen der CDU besucht. Diese eher männerbündische Ausrichtung seiner Interessen reflektiert durchaus das von Männern geprägte politische Klima im HSK.

Es wird höchste Zeit, dass sich die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft der Frage zuwenden, wie im Hochsauerlandkreis attraktive Lebens- und Arbeitsbedingungen für Frauen geschaffen werden können. Denn, und das ist eigentlich ganz banal, ohne Frauen gibt es keine Familien, keine Kinder und somit für die ländliche Region des Hochsauerlandkreises auch keine Zukunft.

Rätsel – Update: Lösung

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Was ist denn das? (fotos: L.G.)

Wir versuchen es heute mal mit einem Bilderrätsel. Dank an L.G.

Update:

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Niederländische und belgische Küstenlinie

In der Tat handelt es sich um einen Offshore-Windpark vor der belgischen Küste. Glücklicherweise entstand das Bild nicht im freien Fall…

Blick auf Hamburg vom Heinrich-Hertz-Turm

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Ecke Rentzelstraße – Verbindungsbahn mit Schatten des Heinrich-Hertz-Turms (fotos: m.b.)

Der Hamburger Fernsehturm, richtig heißt er ja Heinrich-Hertz-Turm, ist mit 279,80 Metern das höchste Gebäude der Stadt. Seit einigen Jahren können jedoch weder Hamburger noch Gäste den schönen Blick auf die Stadt genießen. Es fehlt ein Pächter. Daher ist der Turm für die Öffentlichkeit zur Zeit nicht zugänglich.

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Planten un Blomen, im Hintergrund die Außenalster.

Früher einmal drehte sich das Cafe auf 132 Metern Höhe um seine eigene Achse und die Besucher konnten so in alle Himmelsrichtungen schauen. Neben den tollen Ausblicken durfte der Gast eine Stunde lang so viel Kaffee und Kuchen zu sich nehmen, wie in ihn hineinpassten. Der Trick: Es gab ausschließlich Cremeteilchen, die enorm sättigten.

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Unten am Bildrand sind Universitätsgebäude zu sehen, im Hintergrund die Außenalster.

Vier Meter unterhalb des Cafes existierte eine Beobachtungsplattform. Von hier aus bot sich bei gutem Wetter ebenfalls ein fantastischer Blick.

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Blick auf die markanten Grindelhochhäuser.

Heute kommen Besucher nicht mehr auf den Turm. Daher sind diese Bilder historisch und etwas ganz Besonderes.

Umweg über Irland nach Deutschland

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Hinterhof in Dublin 1991 (foto: chris)

Über die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland schreibt der deutsch-irische Schriftsteller Hugo Hamilton in seinem wunderbaren Buch „Die redselige Insel – Irisches Tagebuch“:

„…wie mir aufgefallen ist, gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland… . Bei einer Lesung in Erfurt las ich einmal eine Stelle über Torten vor und erklärte, dass man Irland besser nicht besuchen solle, um Torten zu essen. Warum muss ich die Leute davor warnen, dass die Kunst des Tortenbackens nicht gerade weit verbreitet ist? Man kann wegen des Guinness dorthin fahren, wegen des Geschichtenerzählens oder wegen des Apfelkuchens, aber nicht wegen der Torten. Hinterher kamen ein paar Frauen aus dem Publikum zu mir, um mir Tortenrezepte zu geben, und ich frage mich, ob mir das im Westen auch passiert wäre.“

Hugo Hamilton, Die redselige Insel – Irisches Tagebuch, München 2007, S. 146.

Ein Nachruf: „1000 Töpfe“ in Hamburg schließt

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Die Rote Flora im Jahr 1990. "1000 Töpfe" war damals ausgezogen, ein Teil des Gebäudes bereits abgerissen, der Rest besetzt. (foto: chris)

Ein Kaufhaus macht dicht. 1000 Töpfe gehörte zu meiner Jugend, es gehörte zu Hamburg.

Bei 1000 Töpfe habe ich vor langer Zeit Fotopapier, Entwickler und Fixierer gekauft. Das Zeug trug ich nach Hause und in dem abgedunkelten kleinen Raum im Keller verrührte ich es mit Wasser. Anschließend konnte ich die Negative entwickeln und Fotos abziehen. Es muss eine Ewigkeit her sein.

St. Georg, Lange Reihe

Der 1000 Töpfe Laden meiner Jugend lag in der Langen Reihe, ‚hinter‘ dem Hauptbahnhof. Es war eine sehr schmuddelige Gegend. Eine Freundin wohnte hier im 3. Stock. Unten im Haus war ein Puff. Das gehörte damals zu St. Georg.

Kürzlich ging ich dort spazieren und erkannte den Stadtteil kaum wieder. Zwischen Außenalster und Hauptbahnhof zentral und attraktiv gelegen, hat sich die Lange Reihe gemausert. Schick statt Schmuddel, Lofts auf den Dächern und teure Klamottenläden an der Straße.

‚Mein‘ 1000 Töpfe Laden schloss 2008 seine Pforten. Verdrängt, denn auf diesem „Filetstück“, wie man Grundstücke in guter Lage heute nennt, sollte stattdessen ein fünfgeschossiges Haus mit Wohnungen und Läden entstehen. 1000 Töpfe zog um und ich hatte meine Laborversuche im heimischen Keller schon lange beendet.

1000 Töpfe, Schulterblatt und Rote Flora

Bundesweite Bekanntheit erlangte der oben abgebildete 1000 Töpfe Laden am Schulterblatt. Hier hatte sich 1000 Töpfe 1964 im Gebäude des ehemaligen Konzerthauses aus dem vorherigen Jahrhundert eingemietet. 1987 zog das Hamburger Warenhaus aus und nun begannen die Auseinandersetzungen um das Gebäude, die bundesweit Schlagzeilen machten.

Anstelle des alten Theaters sollte ein neues Haus gebaut werden, die Neue Flora. Dort plante ein Musicalproduzent tagein tagaus das „Phantom der Oper“ zu zeigen. Ein Teil des Gebäudes wurde abgerissen, Anwohner des Schanzenviertels wehrten sich, besetzen die Reste des Hauses und nannten es „Rote Flora“.

Inwischen wurde und wird die Fassade regelmäßig übergestrichen. Von der 1000 Töpfe Aufschrift ist nichts mehr geblieben. Die Zukunft des Kulturzentrums Rote Flora ist weiterhin ungewiss und die Begehrlichkeiten des Besitzers werden mit steigenden Immobilienpreisen in Hamburg sicher nicht geringer werden.

Das Ende

1000 Töpfe zog um und verkaufte weiter. Gestern meldete die Bild-Zeitung, das Hamburger „Kult-Kaufhaus“ werde schließen. Die Hamburger AnwohnerIni Schanzenviertel twitterte: „1000 Töpfe schliesst! War ja auch ´nen bisschen #Retro -das Konzept“. So geht es dahin, das gelbe Kaufhaus der 1000 Töpfe und mit ihm ein Stück von Hamburg.

Buchtipp: Zwischen den Welten und nie mehr zurück. Barbara Ortwein schreibt über deutsche Auswanderer in Texas im 19. Jahrhundert.

auswanderer1blogAuswanderung, ein spannendes Thema, mit dem sich die Winterberger Autorin Barbara Ortwein in ihrem Buch „Zwischen den Welten und nie mehr zurück“ auseinandersetzt.

Zwischen den Welten, das heißt: Alte Gewohnheiten, liebe Menschen und gewonnene Sicherheit zurücklassen. Das bedeutet auch, diese einzutauschen gegen unbekannte Gefahren, neue Abhängigkeiten sowie fremde Sitten und Gebräuche.

Und warum das alles? Doch meist, weil der Mensch auswandern muss. Hunger, Not, Krieg oder, wie im Fall von Barbara Ortweins Held Karl Engelbach, politische Verfolgung.

Der Inhalt

Ortwein erzählt die Geschichte des Witwers Karl Engelbach und seines Sohnes Johann, die im 19. Jahrhundert ihre Heimat in Hessen verlassen müssen und den weiten Weg über den Atlantik zurücklegen. Sie hoffen, im fernen Texas ein neues Zuhause zu finden. Eine weite und gefahrvolle Reise ins Unbekannte.

Im ersten Teil der „Reiseerzählung aus dem 19. Jahrhundert“, fliehen Vater und Sohn von Hessen durch Preußen und Hannover bis Bremerhaven. Sie kommen auch durch den Heimatort der Autorin, Winterberg, und sie werden dort gut behandelt. Weiter geht es zu Fuß und mit Pferdekutsche bis an die Küste.

Im zweiten Teil des Reiseromans schiffen sich Vater und Sohn ein. Sie gelangen unter vergleichbar günstigen Umständen nach Charleston, South Carolina. Von hier aus schlagen sich die beiden Helden über New Orleans bis nach Galveston, Texas durch.

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Nachbildung einer einfachen Kajüte auf einem Auswandererschiff im Museum Ballinstadt in Hamburg (foto: zoom)

Die Protagonisten sowie eine stetig anschwellende Gruppe deutscher Siedler wollen in das Innere des noch „unbesiedelten“ Texas ziehen. Angeworben hat sie der Mainzer Adelsverein, eine Gruppe naiver, schlecht organisierter und unterfinanzierter Adeliger, welche auswanderungs- willigen Deutschen die Möglichkeit eröffnen wollte, ihrem alten Leben Ade zu sagen und in der Neuen Welt neu zu beginnen.

Vater und Sohn greifen die Gelegenheit beim Schopf, sie lernen, beobachten genau und treffen ihre eigenen Entscheidungen.

Geschichtliche Wahrheit und Fiktion

Barbara Ortwein kennt sich aus, sie weiß, worüber sie schreibt. Die Autorin hat sehr intensiv in Deutschland und in Texas recherchiert. Ihr Verdienst ist es, die in Deutschland weitgehend unbekannten und teilweise auch unverantwortlich unbedarften Siedlungsbemühungen des deutschen Adelsvereins einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die deutschen Siedler schlossen einen Vertrag mit den Comanchen, der heute als einziges Abkommen zwischen Indianern und Europäern gilt, welches von beiden Seiten konsequent eingehalten wurde. Eingefädelt hatte ihn der junge deutsche Baron Ottfried Hans von Meusebach, der sich nach seiner Ankunft in Texas schlicht John O. Meusebach nannte. Wie ihm der Deal gelang ist anschaulich in der Reiseerzählung nachzulesen.

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Unterzeichnung des Meusebach-Comanchen Vertrags (Quelle: Gillespie County Historical Society, Fredericksburg)

Ortweins Roman beruht auf historischen Tatsachen, allerdings fügt sie fiktionale Charaktere ein. Das Buch ist reich an Details.

Die Autorin schildert landeskundliche und historische Fakten, sie beschreibt Kleidung, Behausung, Sitten, Menus und selbst Gerüche. Die Erzählung weist eine hohe Dichte an Informationen auf. Manchmal wäre ein wenig mehr Platz zwischen den Zeilen für die eigenen Gedanken wünschenswert gewesen.

Die Helden in Barbara Ortweins Buch müssen zahlreiche Gefahren und Hindernisse überwinden. Wie sie eine neue Heimat finden, das sollte der interessierte Leser, die Leserin, selbst erkunden.

„Zwischen den Welten“ ist ein sehr informatives Buch zu einem interessanten Thema. Wir wünschen Barbara Ortwein viel Erfolg mit ihrem ersten Roman. Wir bleiben neugierig auf  weitere Geschichten und Erzählungen.