In Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern gehen junge Menschen auf die Straße

Am Samstag, dem 31. Oktober 2026, mobilisiert die Jugendbewegung unter den Slogans „GenZ regelt“ und „GenZ steht auf“ zu einem bundesweiten Protesttag in Deutschland und am 20. November sollen weitere Proteste folgen. Mehr Infos zu den geplanten Demos:„GenZ regelt“ und „GenZ steht auf“
(Gastbeitrag Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein)
Dieser Protest kommt für alle überraschend. Er richtet sich gegen marode Schulen, fehlende Lehrkräfte, überfüllte Klassen, unbezahlbare Mieten, Aufrüstung, steigende Lebenshaltungskosten und eine Politik, die ihre Sorgen zu lange ignoriert hat, gegen eine Politik, bei der die Armen ärmer und die Reichen immer reicher werden.
Was als Schülerprotest gegen den miserablen Zustand des öffentlichen Bildungswesens begann, entwickelt sich zunehmend zu einer breiteren gesellschaftlichen Bewegung mit einer Beteiligung von bis zu 800.000 Menschen. Es ist ein Protest gegen die globale, rechte, marktradikale „Zeitenwende rückwärts“.
In Frankreich solidarisieren sich Gewerkschaften, Beschäftigte, soziale Initiativen und Teile der Gelbwestenbewegung mit den Jugendlichen. Rechte Parteien und Medien lenken den Blick aber ungern auf das breite Bündnis, sondern lieber auf die Minderheit der Randalierer. Gewaltbilder lenken geschickt von den berechtigten Forderungen ab.
Gewaltfreier ziviler Widerstand ist nach einer Studie statistisch doppelt so erfolgreich wie gewaltsamer Widerstand. Auch in Belgien, Italien, Portugal, Spanien und Griechenland wächst der Widerstand gegen soziale Ungleichheit, Wohnungsnot, gegen den Abbau öffentlicher Leistungen, Wehrpflicht, eine massive Politik der Aufrüstung und Doppelstandards bei Menschenrechtsverletzungen. In Serbien brachte der Jugendprotest einen Teilerfolg.
Ein wichtiger Grund für die sozialen, politischen und ökologischen Megakrisen ist die Phase der „Großen Beschleunigung“, die gerade global in eine Phase der Turbobeschleunigung eintritt.
Wachsende Ungleichheit: Eine der zentralen Ursachen für Proteste und Demokratiegefährdung (nicht nur in Frankreich)
Laut dem World Inequality Report 2026 besaßen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung Frankreichs im Jahr 2024 rund 60 Prozent des Gesamtvermögens. Auf die untere Hälfte der Bevölkerung entfielen dagegen lediglich 4,9 Prozent. Das durchschnittliche Vermögen pro Kopf lag bei den reichsten zehn Prozent rund 122-mal so hoch wie bei der unteren Hälfte.
Rund 56.000 Menschen – etwa 0,001 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung – besitzen dreimal so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen.
Quelle: World Inequality Report 2026
Marktradikale Regierungschefs wie Merz und Macron und Rechtspopulisten wie Meloni, Vance und Trump versuchen erfolgreich, von den Ursachen des Aufstands abzulenken und die „Schuld“ auf Russland und die Migration zu lenken. Noch funktioniert es gut organisiert, dass viele Menschen mit Sündenböcken abgelenkt werden und nach unten treten und nach oben buckeln. Doch Frankreich zeigt, wie schnell die Wut hochkocht, obwohl Superreiche und Oligarchen immer mehr Medienmacht haben und nach Hegemonie streben.
Hinter der Wut steckt mehr als der Ärger über schlechte Schulen oder hohe Preise. Es geht um die Frage, welche Zukunft diese Gesellschaft jungen Menschen überhaupt noch bietet. Während Vermögen und wirtschaftliche Macht bei wenigen konzentriert sind, werden Wohnen, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe für viele Menschen jedes Alters immer schwieriger. Die junge Generation soll sich anstrengen, flexibel sein und Verantwortung übernehmen – muss aber erleben, dass ihre Lebenschancen von Herkunft, Geldbeutel und sozialem Status abhängen. Gleichzeitig verschärfen Klimakrise und Artenausrottung die berechtigten Zukunftsängste: Die Folgen marktradikaler Politik und jahrzehntelanger politischer Untätigkeit werden gerade jene besonders lange tragen müssen, die heute jung sind.
Der Protest ist deshalb auch eine Anklage gegen ein unsoziales Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das kurzfristige Profite höher bewertet als soziale Sicherheit, ökologische Grenzen und die Bedürfnisse kommender Generationen. Wenn Regierungen auf berechtigte Forderungen vor allem mit Polizeigewalt, Repression oder symbolischen Zugeständnissen reagieren, vertiefen sie die Entfremdung zwischen Bevölkerung und politischer Macht. Gewalt und Zerstörung sind damit nicht gerechtfertigt; sie dürfen aber auch nicht als Vorwand dienen, die Ursachen des Aufstands zu verdrängen. Es wäre schön, wenn bei Polizeieinsätzen in Frankreich und Italien ein Unterschied zwischen Demokratien und Diktaturen erkennbar wäre.
Die Botschaft der Jugendlichen ist unüberhörbar: Wir wollen nicht nur lernen, arbeiten, konsumieren und funktionieren. Wir wollen menschenwürdige Lebensbedingungen, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung und eine gerechte und nachhaltige Zukunft, die diesen Namen verdient. Europas Politik steht vor einer Entscheidung: Werden die Proteste als vorübergehende Störung behandelt – oder endlich als Warnsignal einer Demokratie verstanden, die ihre soziale Grundlage zu verlieren droht?
Wir brauchen eine Politik, die dafür sorgt, dass alle Menschen in Frankreich, Deutschland und weltweit ein Leben in Würde führen können. Wir haben das Wissen und die gute, nachhaltige, umweltfreundliche Technik, um mit Gerechtigkeit und einem wesentlich verringerten Input von Energie, Rohstoffen und Arbeitszeit allen Menschen dieser Erde das „gute Leben in Würde“ ohne Verschwendung zu ermöglichen.
Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein