Wolne Pokoje – Zimmer mit Bett in Polen III: Reszel, die Heilige Linde und die unselige Wolfsschanze.

Ordensritterburg Zamek Reszel in Reszel (Rößel) (fotos: zeitgeist)
Ordensritterburg Zamek Reszel in Reszel (Rößel) (fotos: zeitgeist)

Der, die oder das? nächste Pokoje lag dann schon östlich der seit vielen Tagen mehr als randvollen Weichsel, in einem ebenfalls sehr wasserreichen Gebiet, in Masuren. Niemand kennt wohl die genaue Zahl der masurischen Seen. Kein Wunder, bei Regen werden es immer mehr.*

Wir logierten zunächst sehr hochwassergeschützt in einer/em Pokoje auf einer Anhöhe, so ca. fünf oder sechs Holzstiegen hoch, oben in einer alten Ordensritterburg, kühl, düster, chick, das Innenleben von neuzeitlichen Designern gut durchdacht aber mit mir etwas zu sehr überdachtem, sprich einem verschattenden und verschattetem Blick auf den hellen, sonnigen Burginnenhof. „Zamek Reszel“ nennen sich sowohl das Hotel wie auch die Burg in Reszel (Rößel). Das rote Backsteingemäuer wurde im 13. Jahrhundert vom Deutschen Ritterorden erbaut, im 16. Jahrhundert als Bischofssitz genutzt, dann als Jagdschloss und als Zuchthaus und jetzt eben als „Kreativ-Hotel“ mit Kunstausstellung im alten Kirchenschiff.

Kopernikus in Reszel
Kopernikus soll häufig hier gewesen sein, zu Besuch bei seinem Onkel, dem Bischof. Was soll ich sagen, mir war es da zu kalt. Dafür kann ich mir aber nun sehr gut vorstellen wie es sich in Zuchthäusern, Ritterburgen und Bischofssitzen lebt. Jedenfalls sprach die Dame an der Rezeption Englisch, verstand mein Anliegen sofort und gab mir ohne zu zögern einen leistungsstarken Heizlüfter mit auf den waghalsigen Weg in unsere oberen Gemächer. So richteten wir uns für drei Tage in dem düsteren aber geräumigen und stilsicher eingerichteten Zimmer ein. Tagsüber klapperten wir die Umgebung ab.

Die Heilige Linde
Ganz in der Nähe, etwas südöstlich, ist Swieta Lipka (Heilige Linde), die alte Wallfahrtskirche, malerisch gelegen in einem Tal. Die Basilika umkleidete gerade ein nicht sonderlich vorteilhaft wirkendes Baugerüst. Bald wird sie wohl wieder in neuem Glanz erstehen, die Vergoldete.

Wolfsschanze
Hinter Ketrzyn (Rastenburg) bogen wir ab zur Wolfsschanze, dem berüchtigten Führerhauptquartier in den masurischen Sümpfen. In jeder Beziehung scheußlich sind die teils überwucherten Reste des alten Bunkersystems. Nur Stechmücken fühlen sich dort wohl. Hitler, Göring, Himmler, 20. Juli … Schnell wieder weg hier!

Die sieben oder acht Motorradfahrerinnen und -fahrer aus Österreich, die sich zur gleichen Zeit wie wir die massigen Beton-Hinterlassenschaften des „Tausendjährigen Reiches“ angesehen hatten, machten sich auch schon zum „Abflug“ bereit. Fahren wir doch besser nach Gizycko (Lötzen) und genießen den Ausblick auf den großen See.

Reste der Wolfsschanze, das Führerhauptquartier in den masurischen Sümpfen
Reste der Wolfsschanze, das "Führerhauptquartier" in den masurischen Sümpfen

Ein Rückblick mit DDR-Jugendgruppen
Die Wolfsschanze und Gizycko hatte ich früher schon einmal besucht, sozusagen in grauer Vorzeit. Meine Eindrücke von dieser Reise „in den kommunistischen Machtbereich“ sind allerdings ziemlich verblasst. Vor zig Jahren, in der Zeit als die Solidarnosc erstmals den Aufstand probte, probte ich so etwas wie „Survival“ in Masuren, zusammen mit einer (Jugend-)Gruppe, primitivste Hütten mitten im Wald, Stromausfälle, Kaltwasserduschen, Rückenschmerzen, tausend Mückenstiche … ein echtes Erlebnis! Und es gab die für uns Westler seltene Gelegenheit mit DDR-Jugendgruppen in Kontakt zu kommen, neben ihnen zu sitzen, gemeinsam mit ihnen zu essen, mit ihnen zu reden. Die Mädels und Jungs wurden allerdings von ihren Linientreuen mächtig beäugt. Ich erinnere mich düster, es war eine seltsam beklemmende Atmosphäre.

Gizycko, Yachthafen
Gizycko, Yachthafen

Gizycko hat sich gemacht. Tristesse adieu!
Das war einmal. Gizycko hat sich gemacht. Tristesse adieu! Die Österreicher hatten es mit ihren Motorrädern auch schon bis zum Yachthafen geschafft und saßen nicht weit von uns vergnügt in einem „Freiluftlokal“. Warum nicht nach Kaffee und Kuchen auch gleich noch MikoÅ‚ajki (Nikolaiken) anschauen, den Ort mit dem berühmten Stinthengst am Åšniardwy (Spirdingsee)!? Also los! Und unterwegs Seen und Störche gucken.

*unser Autor reiste vor einem Jahr nach Polen, angetrieben von  Neugier, Spurensuche und der gemeinsamen Geschichte mit unserem östlichen Nachbarn. Der Bericht erscheint in mehreren Kapiteln in unserem Blog erscheinen.

Polen – eine Reise Teil II. Wolne Pokoje – Zimmer mit Bett in Polen. Hochwasser und Blumenbeete.

Blick auf Weichsel bei Torun, im Hintergrund die PKW Brücke (fotos: zeitreise)
Blick auf Weichsel bei Torun, im Hintergrund die PKW Brücke (fotos: zeitreise)

Oh je, Hochwasser an der Oder, grenzüberschreitend, in Brandenburg wie in Polen … und nicht nur an der Oder. *

„Wisla pod woda“ sahen wir ein paar Tage später auch bei Torun (Thorn) an der Wisla (Weichsel). Von Ciechocinek aus kommend besuchten wir an einem sommerlich-warmen Tag die Reste der alten, von den Polen in grauer Vorzeit geschleiften Ordensritterburg-Gemäuer in Torun (Thorn).

Kopernikus Statue in Torun
Kopernikus Statue in Torun

Einige Straßen in der Geburtsstadt des berühmten Nikolaus Kopernikus, auch die unterhalb von Burg und Altstadt, waren gesperrt oder teilgesperrt, wegen „Wisla pod woda“. Schmutziges Wasser steht in Häusern – in Wohnungen, in Kellern und Stallungen. Was für eine Katastrophe ereilt jetzt Menschen und Tiere! Nichts desto trotz bummelten und flanierten an diesem Tag die Menschen in Torun recht gelassen, genossen das Leben und die Sonne und die bildschöne, mittelalterlich wirkende Altstadt, so wie wir auch! Die Kopernikus-Statue inmitten des Treibens glänzte in der Sonne. Ein herrlicher Tag, ja, wäre da nicht die unbändige Wisla.

Unser erstes Pokoje (Zimmer mit Bett) in Polen buchten wir aber nicht in Torun, sondern in der Kleinstadt Ciechocinek. Das Onlione-Lexikon Wikipedia schreibt: „Ciechocinek (1939–1945 Hermannsbad) ist ein Kurort in Polen. Er liegt an der Weichsel etwa 20 Kilometer südöstlich von Thorn in der Wojewodschaft Kujawien-Pommern.

Kurpark in Ciechocinek
Kurpark in Ciechocinek

Da spricht man ausschließlich polnisch, der ein oder andere vielleicht ein wenig Englisch. Die Weichsel heißt „Wisla“ und danke „dziekuje“. Eine Herausforderung in sprachlicher oder sonstiger Hinsicht? Nein! Ein gemütliches, kleines Hotel mit dem Namen „Kopernik“- wir hatten es fast für uns allein – leckeres Frühstück, nette Menschen.

Kurhaus in Bad Freienwalde
Kurhaus in Bad Freienwalde

Im Vergleich zum sehr ruhigen Kurort Bad Freienwalde schien die kleine Stadt Ciechocinek beinahe überlaufen. In den Restaurants gab es leckere Pierogi, ruskie wie polskie. Nach dem Abendessen tanzten die flotteren Kurgäste in einem etwas antiken, großen Saal beschwingt zu den einigermaßen modernen Klängen einer kleinen Band. Solch abendliche Vergnügen sollen ja bekanntlich Figur und Heilerfolg dienlich sein. Der Ort unter dem mächtigen Weichsel-Damm ist berühmt für seine überdimensionierten Salinen und große, prächtige Blumenbeete.

Ciechocinek blickt auf eine äußerst wechselvolle polnisch-preußisch-russische Geschichte zurück, die leider nicht immer friedlich war. Dieser Kurort wurde nicht etwa wegen Blumen und Salinen oder Weichsel und Hochwasser unser Etappen-Ziel, nein, sondern, weil Lutz` Vater dort geboren und aufgewachsen ist. Sein Geburtshaus steht noch immer mitten in der Stadt. Irgendwann, vielleicht zu Zeiten von Katharina der Großen, müssen sich seine Vorfahren dort an der Weichsel nieder gelassen haben.

Nichts genaues weiß man nicht. Wir wissen nur, dass mit dem Ende des zweiten Weltkriegs auch die Geschichte der deutschen Minderheit in Ciechocinek abrupt beendet war.

*unser Autor reiste vor einem Jahr nach Polen, angetrieben von  Neugier, Spurensuche und der gemeinsamen Geschichte mit unserem östlichen Nachbarn. Der Bericht wird in mehreren Kapiteln in unserem Blog erscheinen.

Polen – eine Reise Teil I. Wolne Pokoje – Zimmer mit Bett in Polen. Wie alles anfing.

Kofferraum Audi Cabrio beladen für 3 Wochen (foto: zeitreise)
Kofferraum Audi Cabrio beladen für drei Wochen (fotos: zeitreise)

An einem Tag im Mai verstaute Lutz im Morgengrauen unser Gepäck (eigentlich vorwiegend meins) im knappen Kofferraum seines etwas betagten, motorisierten Fast – Viersitzers. „Nur nicht hetzen!“, lautete unsere Devise. „Schließlich ist Urlaub!“ *

Wir fuhren dann bald gemächlich von der harmlos vor sich hin plätschernden Ruhr im Sauerland, Richtung Hannover, zum Frühstück in ein Möbelhaus bei Bad Nenndorf und, von da aus, gestärkt und voller neuer Eindrücke in Sachen aktueller Deko und Wohnungseinrichtungen, nach Bad Freienwalde an die Oder.

Schlafzimmer Ferienwohnung Bad Freienwalde
Schlafzimmer Ferienwohnung Bad Freienwalde

Nach Bad Freienwalde, nicht etwa weil sich da an der Oder langsam aber sicher eine gewaltige Hochwasser-Gefahr anbahnte, nein, in erster Linie wegen Onkel Paul.

Onkel Paul, der Schwager meines Großvaters, kam früher gerne mit dem Zug aus der „Ostzone“ zu Besuch in unsere „800-West-Seelen-Gemeinde“. Er war immer gut gelaunt, liebte es durch die Umgebung zu streifen und staunte jedes Mal wieder Bauklötze über die Angebotsvielfalt der damals noch recht zahlreichen Tante-Emma-Läden in dem sauerländer Dörfchen.

Haus-Nr. 36; Hier wohnte Onkel Paul in Bad Freienwalde
Haus-Nr. 36; Hier wohnte Onkel Paul in Bad Freienwalde

Onkel Paul war Witwer, verheiratete sich aber mit über 80 Jahren noch einmal und besuchte uns noch ein paar Jährchen mit seiner Herta. Herta kam dann noch ein, zwei Jahre alleine ….

Ich war noch nie in Bad Freienwalde. Das musste mal sein. Zwei Nächte in einer preiswerten Ostcharme-Ferienwohnung (mit Familienanschluss) in dem kleinen Kurort mit Nobelklinik und mehreren, um diese Jahreszeit verwaisten hohen, langen Skisprungschanzen, nicht weit von der breiten, sich allmählich gefährlich füllenden Oder.

Fluss Oder (Deutsche Seite) mit Schwan auf seinem Nest
Die Oder (deutsche Seite) mit Schwan auf seinem Nest

„Oda pod woda“, das lasen wir in den folgenden Wochen immer und immer wieder im polnischen Fernsehen; wir sahen viel Wasser und aufgeregte, verzweifelte Menschen. Oh je, Hochwasser an der Oder, grenzüberschreitend, in Brandenburg wie in Polen …

*unser Autor reiste vor einem Jahr nach Polen, angetrieben von  Neugier, Spurensuche und der gemeinsamen Geschichte mit unserem östlichen Nachbarn. Der Bericht wird in mehreren Kapiteln in unserem Blog erscheinen.