Gewaltfreie Soziale Verteidigung als Alternative zum „Programm Krieg“

Harte Fragen der Gewaltfreien Soziale Verteidigung

Umschlagmotiv des neuen Buchs von Egon Spiegel: „Gewaltfreie Soziale Verteidigung“

Buchhinweis (Quelle des Kapitelauszuges):
Egon Spiegel: Gewaltfreie Soziale Verteidigung. (Reihe : edition pace). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6967-6472-2; Paperback; 304 Seiten; 14,99 €).
https://buchshop.bod.de/gewaltfreie-soziale-verteidigung-egon-spiegel-9783696764722

Zum Verfasser: Egon Spiegel, Prof. Dr. theol. habil. Prof. h. c., Diplomtheologe, Diplompolitologe, ausgebildeter Pastoralreferent, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie an der Universität Vechta, gegenwärtig Advisory Professor am UNESCO-Lehrstuhl für Peace Studies der Nanjing University in Nanjing/China, diverse Lehraufträge und Gastprofessuren, international vielfältig vernetzt, zahlreiche friedenswissenschaftliche Publikationen. – Website: www.egon-spiegel.net

Eine Gesellschaft, die sich verteidigt, ohne töten zu wollen und ohne das eigene Land durch (Bürger-)Krieg ruinieren zu lassen – das ist kein weltfremder Wunsch, sondern Gegenstand einer seit Jahrzehnten erforschten und historisch vielfach erprobten Konzeption. Dies ist das Thema meines neuen Buches „Gewaltfreie Soziale Verteidigung“ https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015622.html, dem dieses Kapitel zu „Harten Fragen“ der gewaltfreien Alternative zum „Programm Krieg“ entnommen ist.

(Autor: Egon Spiegel)

1. Der Knackpunkt: Kollaboration

Jedes Verteidigungskonzept hat eine Stelle, an der es zu brechen droht. Bei der militärischen Verteidigung ist es die Eskalation. Der Verteidiger kann gezwungen sein, zu Mitteln zu greifen, die das zerstören, was er schützen will. Bei der Gewaltfreien Sozialen Verteidigung (GSV) ist es die Kollaboration.

Diese Verteidigung beruht darauf, dass dem Besatzer die Mitwirkung entzogen wird. Wer mitwirkt, macht ihn handlungsfähig und fällt zugleich denen in den Rücken, die verweigern. Kollaboration ist deshalb nicht nur ein moralisches Problem. Sie ist der militärisch entscheidende Angriffspunkt. Ein Besatzer wird alles daransetzen, sie zu erzeugen.

1.1 Kollaborationsbereiche

Er braucht nicht die Zustimmung der Mehrheit. Er braucht einige wenige an den richtigen Stellen: einen Bürgermeister, der die kommunale Politik und Administration bestimmt; einen Polizeichef, der die Anweisungen von oben umsetzt; einen Schulleiter, der nach vorgegebener Ideologie unterrichten lässt; einen Betriebsleiter, der für eine reibungslose Produktion sorgt; einen Beamten, der die Vorschriften des Besatzers befolgt.

Mit einer Handvoll solcher Personen lässt sich eine Marionettenverwaltung errichten, die den Anschein von Normalität erzeugt. Mehr braucht es oft nicht, denn der Anschein ist die eigentliche Währung, sowohl nach innen (das Leben geht ja weiter) als auch nach außen (so schlimm kann es nicht sein).

1.2 Kollaborationsmotive

Man kommt keinen Schritt weiter, wenn man Kollaboration allein als Charakterschwäche behandelt. Die Motive sind vielfältig, und die meisten sind menschlich verständlich.

Angst. – Wer aus Angst um sich, um die Familie, um die Kinder eine Unterschrift verweigert, riskiert seine Existenz. Wer sie leistet, riskiert zunächst nichts.

Not. – Wenn der Lohn nur noch aus einer Quelle kommt, ist die Verweigerung ein Luxus, den sich nicht alle leisten können. Kollaboration hat damit eine soziale Schlagseite. Wohlhabende können sie – eigentlich – eher vermeiden.

Karriere. – Besatzungen schaffen Vakanzen. Wer vorher nicht zum Zuge kam, kommt nun zum Zuge. Jetzt ist die Zeit für den Loser gekommen, für den schon in der Schule Gemobbten, für den Systemsprenger. Ihm bietet sich eine einmalige Gelegenheit, sich an jenen zu rächen, die ihn zuvor noch von oben herab behandelt haben. Erinnern wir nur an die charakterlichen Eignungen oder intellektuellen Kapazitäten der Gauleiter und Blockwarte. Hier ist eine der zuverlässigsten Triebkräfte für Kollaboration.

Geld. – Der Kauf von Zustimmung ist ein klassisches Instrument. Im Falle Grönlands stand eine Einmalzahlung von bis zu 100.000 Dollar pro Kopf im Raum – ein Angebot, das nichts anderes bezweckt, als Kollaboration auf breiter Basis zu erwerben. Man muss sich das durchrechnen: Bei rund 57.000 Menschen wäre das ein Bruchteil dessen, was ein militärisches Vorgehen kostete. Der Kauf eines Landes ist billiger als seine Eroberung.

Ideologie. – Es gibt immer Menschen, die die neue Ordnung wollen – aus Überzeugung, aus Ressentiment gegen die alte, aus Verachtung für die eigene Gesellschaft, aus Enttäuschung über das eigene Land und über das Wenige, das es für mich bereithält.

Gekränkte Zugehörigkeit. – Dieses Motiv wird am häufigsten übersehen und ist am folgenreichsten. Wo eine Minderheit sich im eigenen Land nicht ernst genommen, sprachlich zurückgesetzt, kulturell übergangen sieht, entsteht der Boden, auf dem Kollaborationsbereitschaft gedeiht. Der Besatzer muss dann gar nichts kaufen. Er muss nur anbieten, was der eigene Staat versäumt hat. Das ist der Grund, weshalb ich weiter unten für einen konsequenten Föderalismus plädiere: Er ist nicht nur eine Frage guter Verwaltung, sondern unmittelbar Verteidigungsvorsorge.

„Gute“ Gründe. – Der Arzt, der im Besatzungskrankenhaus bleibt, weil sonst niemand die Patienten versorgt. Die Beamtin, die im Amt bleibt, um Schlimmeres zu verhindern und um darüber informiert zu sein, was geplant ist. Der Bürgermeister, der verhandelt, um Deportationen abzuwenden. Diese Fälle sind real. Sie sind nicht dasselbe wie Verrat.

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Gewaltfreie, soziale Verteidigung im Rahmen einer (hypothetischen) Besetzung Grönlands

Voraussetzungen, Strategien und Methoden eines gewaltfreien Widerstands

Seile ermöglichen den Aufstieg zum kegelförmigen Gipfel des Nasaasaaq (784 Meter), von dem aus man Sisimiut in Grönland überblicken kann. (Bild: David Stanley, wikimedia)

Vorliegender Beitrag analysiert, wie sich Grönland im hypothetischen Fall einer militärischen Besetzung durch die USA mit Mitteln der gewaltfreien, sozialen Verteidigung widersetzen könnte. Im Zentrum stehen nicht Fragen militärischer Abschreckung und Verteidigung, sondern eine effektive Verteidigungsstrategie, die sich der Fähigkeit und Bereitschaft zum gewaltfreien Widerstand, der Nichtkooperation mit dem Aggressor sowie Aktivitäten mit dem Ziel einer internationalen Delegitimierung des Okkupationsversuches verdankt.

(Von Egon Spiegel)

Aufbauend auf Theorien des zivilen Widerstands und historischen Fallbeispielen wird argumentiert, dass insbesondere kleine, sozial eng vernetzte Gesellschaften mit starker kultureller Identität über spezifische Vorteile für gewaltfreie Verteidigungsformen verfügen. Abschließend werden Voraussetzungen, Risiken und strategische Hindernisse dieser Verteidigungsform diskutiert.

Vorweg ist dieses noch anzumerken: Die Exemplifizierung eines Verteidigungskonzepts, das Verteidigung explizit gewaltfrei denkt, speziell am Beispiel Grönland, darf nicht als eine Art geistiger Kolonialismus verstanden werden. Über eine gewaltfreie Konfliktlösung im Rahmen einer (hypothetischen) Besetzung Grönlands nachzudenken und Resultate der Überlegungen zu publizieren, ist das Angebot eines Friedensforschers, der sich seit gut fünfzig Jahren mit Konzeptionen gewaltfreier, sozialer Verteidigung (unter anderem in einer von der Universität Freiburg i.Br. angenommen Dissertation) beschäftigt und zu seinen Grundlagen häufig publiziert hat. In Zeiten der Globalisierung und vor dem Hintergrund des „human web“ einer weltumspannenden Unity sowie einem Wissenschaftsverständnis, das essentiell durch Universalienforschung geprägt ist, schließlich als eine Stimme im Konzert unzähliger Kommentierungen der Vorgänge um Grönland versteht sich der nachfolgende Versuch und seine Veröffentlichung durchaus legitimiert. Mehr noch: er versteht sich als Ausdruck von Solidarität in der Hoffnung, dass diese nicht als unerbetene, ungewollte, ja sogar übergriffige Einmischung empfunden wird.

1. Sicherheit jenseits militärischer Logik

Traditionelle Sicherheitskonzepte definieren Verteidigung primär militärisch. Hiernach wird ein Territorium durch bewaffnete Kräfte geschützt und staatliche Souveränität durch Abschreckung gesichert. Diese Logik stößt jedoch – insbesondere – in asymmetrischen Konflikten, bei kleinen oder militärisch schwachen Gesellschaften sowie gegenüber überlegenen Großmächten an klare Grenzen. Vor diesem Hintergrund wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das Konzept der gewaltfreien, sozialen Verteidigung entwickelt. Dieses begreift Verteidigung nicht als ein militärisches, sondern als ein gesellschaftliches, soziales Projekt.

Die hypothetische Annahme einer militärischen Besetzung Grönlands durch die USA – so unrealistisch sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt (12.01.2026) noch erscheinen mag – eignet sich analytisch besonders gut, um dieses Konzept auf seine Grundlagen und Praktikabilität hin zu untersuchen.

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