Harte Fragen der Gewaltfreien Soziale Verteidigung
Buchhinweis (Quelle des Kapitelauszuges):
Egon Spiegel: Gewaltfreie Soziale Verteidigung. (Reihe : edition pace). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6967-6472-2; Paperback; 304 Seiten; 14,99 €).
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Zum Verfasser: Egon Spiegel, Prof. Dr. theol. habil. Prof. h. c., Diplomtheologe, Diplompolitologe, ausgebildeter Pastoralreferent, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie an der Universität Vechta, gegenwärtig Advisory Professor am UNESCO-Lehrstuhl für Peace Studies der Nanjing University in Nanjing/China, diverse Lehraufträge und Gastprofessuren, international vielfältig vernetzt, zahlreiche friedenswissenschaftliche Publikationen. – Website: www.egon-spiegel.net
Eine Gesellschaft, die sich verteidigt, ohne töten zu wollen und ohne das eigene Land durch (Bürger-)Krieg ruinieren zu lassen – das ist kein weltfremder Wunsch, sondern Gegenstand einer seit Jahrzehnten erforschten und historisch vielfach erprobten Konzeption. Dies ist das Thema meines neuen Buches „Gewaltfreie Soziale Verteidigung“ https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015622.html, dem dieses Kapitel zu „Harten Fragen“ der gewaltfreien Alternative zum „Programm Krieg“ entnommen ist.
(Autor: Egon Spiegel)
1. Der Knackpunkt: Kollaboration
Jedes Verteidigungskonzept hat eine Stelle, an der es zu brechen droht. Bei der militärischen Verteidigung ist es die Eskalation. Der Verteidiger kann gezwungen sein, zu Mitteln zu greifen, die das zerstören, was er schützen will. Bei der Gewaltfreien Sozialen Verteidigung (GSV) ist es die Kollaboration.
Diese Verteidigung beruht darauf, dass dem Besatzer die Mitwirkung entzogen wird. Wer mitwirkt, macht ihn handlungsfähig und fällt zugleich denen in den Rücken, die verweigern. Kollaboration ist deshalb nicht nur ein moralisches Problem. Sie ist der militärisch entscheidende Angriffspunkt. Ein Besatzer wird alles daransetzen, sie zu erzeugen.
Er braucht nicht die Zustimmung der Mehrheit. Er braucht einige wenige an den richtigen Stellen: einen Bürgermeister, der die kommunale Politik und Administration bestimmt; einen Polizeichef, der die Anweisungen von oben umsetzt; einen Schulleiter, der nach vorgegebener Ideologie unterrichten lässt; einen Betriebsleiter, der für eine reibungslose Produktion sorgt; einen Beamten, der die Vorschriften des Besatzers befolgt.
Mit einer Handvoll solcher Personen lässt sich eine Marionettenverwaltung errichten, die den Anschein von Normalität erzeugt. Mehr braucht es oft nicht, denn der Anschein ist die eigentliche Währung, sowohl nach innen (das Leben geht ja weiter) als auch nach außen (so schlimm kann es nicht sein).
Man kommt keinen Schritt weiter, wenn man Kollaboration allein als Charakterschwäche behandelt. Die Motive sind vielfältig, und die meisten sind menschlich verständlich.
Angst. – Wer aus Angst um sich, um die Familie, um die Kinder eine Unterschrift verweigert, riskiert seine Existenz. Wer sie leistet, riskiert zunächst nichts.
Not. – Wenn der Lohn nur noch aus einer Quelle kommt, ist die Verweigerung ein Luxus, den sich nicht alle leisten können. Kollaboration hat damit eine soziale Schlagseite. Wohlhabende können sie – eigentlich – eher vermeiden.
Karriere. – Besatzungen schaffen Vakanzen. Wer vorher nicht zum Zuge kam, kommt nun zum Zuge. Jetzt ist die Zeit für den Loser gekommen, für den schon in der Schule Gemobbten, für den Systemsprenger. Ihm bietet sich eine einmalige Gelegenheit, sich an jenen zu rächen, die ihn zuvor noch von oben herab behandelt haben. Erinnern wir nur an die charakterlichen Eignungen oder intellektuellen Kapazitäten der Gauleiter und Blockwarte. Hier ist eine der zuverlässigsten Triebkräfte für Kollaboration.
Geld. – Der Kauf von Zustimmung ist ein klassisches Instrument. Im Falle Grönlands stand eine Einmalzahlung von bis zu 100.000 Dollar pro Kopf im Raum – ein Angebot, das nichts anderes bezweckt, als Kollaboration auf breiter Basis zu erwerben. Man muss sich das durchrechnen: Bei rund 57.000 Menschen wäre das ein Bruchteil dessen, was ein militärisches Vorgehen kostete. Der Kauf eines Landes ist billiger als seine Eroberung.
Ideologie. – Es gibt immer Menschen, die die neue Ordnung wollen – aus Überzeugung, aus Ressentiment gegen die alte, aus Verachtung für die eigene Gesellschaft, aus Enttäuschung über das eigene Land und über das Wenige, das es für mich bereithält.
Gekränkte Zugehörigkeit. – Dieses Motiv wird am häufigsten übersehen und ist am folgenreichsten. Wo eine Minderheit sich im eigenen Land nicht ernst genommen, sprachlich zurückgesetzt, kulturell übergangen sieht, entsteht der Boden, auf dem Kollaborationsbereitschaft gedeiht. Der Besatzer muss dann gar nichts kaufen. Er muss nur anbieten, was der eigene Staat versäumt hat. Das ist der Grund, weshalb ich weiter unten für einen konsequenten Föderalismus plädiere: Er ist nicht nur eine Frage guter Verwaltung, sondern unmittelbar Verteidigungsvorsorge.
„Gute“ Gründe. – Der Arzt, der im Besatzungskrankenhaus bleibt, weil sonst niemand die Patienten versorgt. Die Beamtin, die im Amt bleibt, um Schlimmeres zu verhindern und um darüber informiert zu sein, was geplant ist. Der Bürgermeister, der verhandelt, um Deportationen abzuwenden. Diese Fälle sind real. Sie sind nicht dasselbe wie Verrat.
1.3 Die Anatomie des Mitmachens
Wer verstehen will, warum Herrschaftssysteme so zuverlässig Personal finden, muss hinter die Motive schauen, auf die Mechanik. Sie ist in jedem Unrechtssystem dieselbe, ob es sich um eine Besatzung, eine Diktatur oder einen kleinen Betrieb mit einem tyrannischen Chef handelt.
Das Privileg ist ein wirksameres Bindemittel als die Überzeugung. : Dem einen ist der Dienstwagen ein Privileg, dem anderen, darin gefahren zu werden. Wer einmal in der reservierten ersten Reihe saß, den erschaudert die Vorstellung, künftig weiter hinten Platz nehmen zu müssen. Man unterschätzt, wie klein die Vorteile sein können, für die Menschen ihre Selbstachtung eintauschen, und wie stark die Angst wirkt, sie wieder zu verlieren.
Existenzangst ist die sichere Grundlage eines jeden Systems. : Wer Schritt für Schritt in ein System hineingewachsen ist und schließlich beruflich Teil davon wurde, kann sich der Abhängigkeit nur um den Preis der Kündigung entziehen. Genau darauf verlassen sich Herrschende. Ihre Nutznießer werden ihnen selbst dann nicht den Gehorsam verweigern, wenn ihnen etwas abverlangt wird, das sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können. Der Zusammenhang von Systemgehorsam und Broterwerb ist keine Charakterfrage, sondern eine Struktur.
Der Gehorsam schaukelt sich von unten hoch. : Man nimmt gewöhnlich an, Unterdrückung werde von oben nach unten durchgereicht. Beobachten lässt sich häufig das Gegenteil. Der unterste Steigbügelhalter überbietet seinen eigenen Rigorismus, um seine Linientreue sichtbar zu machen. Der so unter Druck gesetzte Vorgesetzte will nicht zurückstehen und gibt die Steigerung nach oben weiter. So potenzieren sich Härte und Unrecht im Wettbewerb der Loyalität – oft weit über das hinaus, was überhaupt gefordert war. Der Nationalsozialist verhielt sich nationalsozialistischer als es das Hitler-Regime vorgab, statt vorhandene Freiräume zu nutzen.
Denunziation reicht bis in die Familie. : In ihrer Unterwürfigkeit sind Menschen bereit, nicht nur Nachbarn, sondern Angehörige wegen einer beiläufigen kritischen Bemerkung anzuzeigen – bisweilen in dem Wissen, dass dies ein Todesurteil bedeutet. Wer das für eine Übertreibung hält, lese die Aktenbestände der Gestapo und der Staatssicherheit.
Und danach ist niemand dabei gewesen. : Für den Fall des Zusammenbruchs steht ein Repertoire an Entlastungssätzen bereit. Es ist über alle Systeme hinweg bemerkenswert gleichlautend: Ich habe davon nichts gewusst. Man konnte das doch gar nicht durchschauen. So schlimm war es nicht. Andere haben auch mitgemacht. Hätte ich es nicht getan, hätte es ein anderer getan. Ich wollte Schlimmeres verhindern. Mir blieb keine Wahl. Ich habe nur gehorcht. Ich war doch nur ein kleines Rädchen. Der Wendehals, der dem Machthaber ewige Treue geschworen hat, ist nach dessen Sturz schneller als alle anderen bereit, sie der Opposition zu schwören.
Diese Nüchternheit ist kein Zynismus, sondern die Voraussetzung jeder brauchbaren Vorbereitung. Wer eine Gesellschaft auf eine Gewaltfreie Soziale Verteidigung vorbereiten will, muss damit rechnen, dass ein Teil ihrer Mitglieder unter Druck genau so handeln wird. Die Frage ist nicht, wie man diesen Teil moralisch verurteilt, sondern wie man ihn klein hält: durch wirtschaftliche Absicherung derer, die verweigern, durch Entscheidungen, die im Kollektiv und nicht vom Einzelnen zu tragen sind, durch die vorher getroffene Verabredung, die dem Einzelnen die Last der Improvisation abnimmt. (Vgl. auch E. Spiegel: Pazifismus. Hamburg 2025).
Aus der Mechanik des vorigen Kapitels folgt nicht Resignation, sondern eine Reihe recht konkreter Gegenmaßnahmen. Sie beginnen mit einer Unterscheidung, ohne die alles Weitere ins Rachsüchtige abgleitet.
Wer über Kollaboration sprechen will, ohne Unrecht zu tun, muss unterscheiden. Ich schlage vier Stufen vor:
(a) Erzwungene Weiterarbeit : In Bereichen, die dem Überleben der Bevölkerung dienen, wie etwa Medizin, Wasser, Nahrung, Feuerwehr, bleibt den bis dahin Verantwortlichen keine andere Wahl, als weiterzuarbeiten. Das ist keine Kollaboration, sondern Versorgung. Sie sollte ausdrücklich als solche bereits im Vorfeld so definiert und öffentlich benannt werden, damit die Betreffenden nicht unter Verdacht geraten.
(b) Anpassung ohne Übernahme von Herrschaftsfunktionen : Die große Mehrheit wird weiter zur Arbeit gehen, Steuern nicht verweigern können, Formulare ausfüllen müssen. Ihr Verhalten ist nicht zu skandalisieren, sondern möglichst durch Alternativen zu verändern.
(c) Übernahme von Herrschaftsfunktionen : Hier beginnt die Kollaboration im eigentlichen Sinn, wenn ein Bewohner des Landes bereit ist, für den Besatzer Entscheidungen und Anordnungen zu treffen, Personal auszuwählen oder Ressourcen zuzuteilen.
(d) Denunziation und Beteiligung an Verfolgung : Wer Namen weitergibt, Verstecke verrät, an Verhaftungen mitwirkt, ist Täter. Hier endet jede Nachsicht.
Diese Abstufung ist nicht akademisch. Wer alles in einen Topf wirft und unterschiedslos alle zu Kollaborateuren macht, erklärt alle zu Verrätern. Als solche haben sie nichts mehr zu verlieren und sind schließlich auch zur eigentlichen Kollaboration bereit.
(a) Im Vorfeld : Der wirksamste Schutz gegen Kollaboration wird in sog. Friedenszeiten aufgebaut. Wo klar verabredet ist, was im Besatzungsfall gilt, wer welche Aufgabe hat und was von niemandem verlangt wird, muss der Einzelne nicht in der Nacht der Entscheidung allein herausfinden, was wichtig und richtig ist.
(b) Soziale Sanktionen : Die Mittel sind Ausschluss aus Gemeinschaftsritualen, gesellschaftliche Ächtung, moralische Delegitimierung, öffentliche Benennung von Funktionen. Solche Sanktionen sind in kleinen, dicht vernetzten Gesellschaften außerordentlich wirksam.
(c) Verhinderung von Mobbing : Und hier ist Klartext nötig. Der Umgang mit Kollaborateuren ist historisch eine der hässlichsten Seiten des Widerstands. Nach 1944 wurden in Frankreich Frauen, denen man Beziehungen zu deutschen Soldaten vorwarf, öffentlich kahlgeschoren und durch die Straßen getrieben. Überall dort, wo Besatzungen endeten, kam es zu Selbstjustiz, zu Denunziation aus Nachbarschaftsstreitigkeiten, zu Rache an den Schwächsten, während die tatsächlich Verantwortlichen sich absetzten. – Für eine gewaltfreie Verteidigung ist das keine Randnotiz, sondern eine Bewährungsprobe. Die Regel von Rolle und Person gilt auch hier und sogar besonders. Der Widerstand richtet sich gegen die Funktion, die jemand übernommen hat, nicht gegen den Menschen. Wer Kollaborateure entmenschlicht, hat die Logik des Gegners übernommen, bevor der Konflikt zu Ende ist. Und er zerstört, was er verteidigen wollte: eine Gesellschaft, in der Menschen ohne Angst voreinander leben. – Deshalb: keine anonymen Listen, keine Gewalt gegen Personen und Eigentum, keine Sippenhaft für Angehörige, keine Sanktionen gegen Kinder. Und eine klare Zuständigkeit. Über Kollaborationsvorwürfe befindet ein benanntes Gremium, kein Mob.
(d) Rehabilitation : Zu jeder Sanktion gehört ein Weg zurück. Wer aufhört, für den Besatzer zu arbeiten, muss ohne Demütigung wieder aufgenommen werden können – und zwar so sichtbar, dass andere den Weg nachvollziehen können. Strategisch ist das entscheidend: Jeder Rückkehrer ist ein Verlust für den Besatzer und ein Signal an die Unentschiedenen. Moralisch ist es nichts anderes als die Anwendung dessen, was ich schon über den Umgang mit dem Gegner gesagt habe. Wenn wir dem Besatzungssoldaten einen Zugang zur Wahrheit zubilligen, können wir diesen nicht dem eigenen Nachbarn verweigern.
e) Überflüssigmachung von Kollaboration : Der stärkste Hebel ist kein Druckmittel, sondern ein Angebot. Wer Menschen aus der Zusammenarbeit heraushalten will, muss ihnen eine Existenz außerhalb ermöglichen: Solidarkassen für Entlassene, Versorgung für Familien von Verhafteten, Arbeitsmöglichkeiten in den Parallelstrukturen, Kinderbetreuung, Rechtsbeistand. Genau dies leisteten die polnischen Untergrundstrukturen der 1980er Jahre. In einem Satz gesagt: Kollaboration wird nicht durch Verachtung verhindert, sondern durch Alternativen.
2.3 Das Extrem: Polizei und Streitkräfte des besetzten Landes
Eine Frage, die in der Literatur zu kurz kommt und in der Praxis sofort auftritt: Wie verhalten sich eigentlich die eigene Polizei und die eigenen Streitkräfte (so es solche gibt), wenn ein Land besetzt wird?
Für Polizistinnen und Polizisten ist die Lage besonders bitter. Sie werden gebraucht. Die Kriminalität hört nicht auf, im Gegenteil. Zugleich ist die Polizei das Instrument, das ein Besatzer am dringendsten übernehmen will, weil er damit ohne eigene Kräfte die Bevölkerung kontrollieren kann. Zwischen „weitermachen, damit die Menschen geschützt bleiben“ und „mitmachen, damit die Besatzung funktioniert“ verläuft eine Linie, die im Einzelfall haarfein sein kann.
Sie lässt sich aber vorher ziehen. Deshalb gehört sie in die Vorbereitung. Ein möglicher Grundsatz: Aufgaben der Gefahrenabwehr und der Verfolgung von Gewaltkriminalität werden weitergeführt; jede Tätigkeit, die der politischen Kontrolle der Bevölkerung dient (Personenkontrollen im Auftrag des Besatzers, Auflösung von Versammlungen, Vollstreckung politischer Haftbefehle, Weitergabe von Erkenntnissen), wird verweigert. Wer dazu gezwungen werden soll, legt den Dienst nieder.
Für Soldaten stellt sich die Frage anders. Wo ein Land auf Gewaltfreie Soziale Verteidigung umgestellt hat, gibt es diesen Konflikt nicht mehr. In der Übergangszeit, in der beides nebeneinander besteht, ist er real und ernst: Wann endet der militärische Widerstand, und wie geht der Übergang in den zivilen Widerstand vonstatten, ohne dass die Bevölkerung als Kombattant behandelt wird? Diese Frage muss vorab beantwortet werden, sonst beantwortet sie im Ernstfall jeder für sich. Mit der Folge, dass bewaffnete Einzelaktionen den zivilen Widerstand diskreditieren und die Repression gegen alle rechtfertigen. Hier zeigt sich u. a., wie schwierig gemischte Modelle sind.
2.4 Resilienz gegen innere wie ausländische Übergriffe
Es gibt keine Garantie. Eine Gesellschaft, die tief gespalten ist, in der große Gruppen sich abgehängt und nicht zugehörig fühlen, in der Institutionen als fremd und ungerecht erlebt werden, wird im Besatzungsfall auseinanderfallen. Der Besatzer wird genau diese Bruchlinien suchen. Er wird Regionen gegen Regionen, Sprachgruppen gegen Sprachgruppen, Arme gegen Reiche, Junge gegen Alte auszuspielen versuchen.
Daraus folgt eine Einsicht, die weit über die Verteidigungspolitik hinausreicht: Mehr als alles andere ist der Abbau struktureller Gewalt im Inneren Voraussetzung und Beitrag zu einer gewaltfreien Verteidigung. Bildungsgerechtigkeit, gesundheitliche Chancengleichheit, faire Löhne, die Einbeziehung von Minderheiten, ein Ende der Erfahrung, dass der Staat nur für die anderen da ist – all das erhöht die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft mehr als jedes Waffensystem. Und es ist, anders als Waffen, auch dann nützlich, wenn nichts geschieht.
Hier wird auch, einmal mehr, deutlich, dass die Gewaltfreie Soziale Verteidigung (GSV) nicht gedacht und realisiert werden kann mit dem isolierten Blick nach außen, auf einen potentiellen ausländischen Besatzer. Sie ist untrennbar verbunden mit der Realisierung einer resilienten, demokratischen Gesellschaft. Die Voraussetzung dafür sind gerechte Verhältnisse und das darauf aufbauende Gefühl, genau diese gegen jede Art von Angriff – ob von außen oder im Inneren – zu verteidigen.
3. Geschlossenheit und Basisdemokratie
Ich komme zurück auf die bereits mehrfach angesprochene Voraussetzung einer funktionierenden Gewaltfreien Sozialen Verteidigung. Diese setzt voraus, dass eine Gesellschaft (1) relativ geschlossen bereit ist, sich gewaltfrei zu wehren und dass sie (2) diesen Widerstand weitestgehend von unten organisiert. Ich betone einmal mehr, dass eine Gesellschaft, die ihr Verteidigungskonzept auf eine Gewaltfreie Soziale Verteidigung umzustellen bereit ist, zunächst eine gerechte sein muss. Und ich betone daran anschließend, dass eine solche Gesellschaft willens und in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen. Schauen wir uns das genauer an.
3.1 Die Notwendigkeit von Geschlossenheit
Eine militärische Verteidigung ‚funktioniert‘ mit einer Minderheit. Ein Prozent der Bevölkerung in Uniform genügt, um ein Land zu verteidigen. Die übrigen 99 Prozent müssen nur zahlen und schweigen.
Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung funktioniert umgekehrt. Sie braucht keine Spezialisten, aber sie braucht viele. Ein Streik, an dem sich ein Drittel beteiligt, ist ein Ärgernis; einer, an dem sich fast alle beteiligen, ist eine Machtfrage. Die Forschung nennt eine Beteiligungsschwelle von etwa dreieinhalb Prozent für den Erfolg politischer Kampagnen. Für die Verweigerung der Verwaltbarkeit eines besetzten Landes dürfte deutlich mehr erforderlich sein.
Damit ist keine Nebenbedingung genannt, sondern die Bedingung schlechthin. Der Aufbau dieser Bereitschaft – durch Bildung, öffentliche Debatte, Übung, Erfahrung – ist die eigentliche Verteidigungsanstrengung. Sie dauert Jahre. Man kann sie nicht im Krisenfall nachholen.
3.2 Basisdemokratische Voraussetzung
Im Gegensatz zur militärischen Verteidigung kann eine gewaltfreie Verteidigung nicht befohlen werden. Anordnungen, durch die andere verpflichtet werden, Befehle passen nicht ins Konzept. Das schließt die Einführung eines freiwilligen Friedensdienstes mit speziellen gewaltfreien „Speerspitzen“ gegen den Besatzer nicht aus.
Praktisch : Eine Besatzung beginnt in der Regel damit, die Spitze auszuschalten. Ein Widerstand, der auf Anweisungen von oben wartet, wartet vergeblich. Er muss in Tausenden von Ämtern, Betrieben, Schulen, Gemeinden aus eigener Kraft funktionieren.
Grundsätzlich : Der Widerstand nimmt vorweg, was er verteidigt. Wer eine freie, demokratische Gesellschaft verteidigt, indem er eine Kommandostruktur errichtet, verteidigt sie nicht. Die politische Theorie nennt dies präfigurative Politik. Die künftige Gesellschaft wird schon in den Organisationsformen des Kampfes vorweggenommen. Dies geschieht in Form von hierarchiearmen Räten, Entscheidungen nach Konsent, Rechenschaftspflicht nach unten.
Motivational : Freiwilligkeit ist der Kern des Konzepts. Zum Militärdienst kann man zwingen, zum gewaltfreien Widerstand nicht. Theodor Ebert hat es immer wieder betont: Die gewaltfreie Aktion ist eine Form demokratischer Willensäußerung, Macht von unten und damit einer Teilnahme, die selbstverständlich nur freiwillig sein kann.
Um den Verlass auf Millionen von Bürgerinnen und Bürgern auf der einen Seite und die Freiwilligkeit jedes/jeder Einzelnen konzeptionell zusammenführen zu können, muss eine prinzipielle Unterscheidung getroffen werden: an die Stelle des Befehls tritt die Verabredung.
Was zentral geregelt sein muss, sind nicht die Handlungen, sondern die Regeln: Keine Gewalt gegen Personen. Keine Geheimhaltung. Kein Widerstand gegen die Grundversorgung. Keine Kollektivbeschuldigungen. Klare Kriterien, was als Kollaboration gilt. Verabredete Zeichen, verabredete Schwerpunkte.
Innerhalb dieser Regeln entscheiden die Einheiten selbst, d. h. die Belegschaft, das Kollegium, die Gemeinde, das Krankenhaus, das Stadtviertel. Diese Struktur ist robust, weil sie kein Zentrum hat, das man ausschalten kann, und weil sie an Erfahrungen anknüpft, die in demokratischen Gesellschaften vorhanden sind. Das sind Betriebsräte, Vereinsversammlungen, Elternbeiräte, kirchliche Gremien, Genossenschaften. Wer diese Formen im Frieden pflegt, verfügt im Ernstfall über eingespielte Verfahren. Dabei sind zwei Gefahren im Blick zu behalten.
Die eine ist die Entstehung einer Widerstandselite, die im Namen aller spricht, ohne von allen beauftragt zu sein. Sie entsteht fast automatisch, weil die Mutigsten und Erfahrensten sichtbar werden. Als Gegenmittel bieten sich an: Rotation von Aufgaben, Befristung von Mandaten, Öffentlichkeit von Entscheidungen.
Die andere ist der Druck auf Abweichende. Eine Gesellschaft, die geschlossen widerstehen will, gerät leicht in die Versuchung, den Zweifelnden zum Feind zu erklären. Damit wäre die Freiwilligkeit dahin und der Streit im Inneren eröffnet. Das wäre genau das, was der Besatzer sucht. Deshalb: Wer nicht mitmacht, wird geworben, überzeugt, eingebunden, aber – nicht gezwungen.
Als realistisch – weil historisch – gilt: Dass hunderttausende junge Menschen bereit sind, in einem Krieg zu töten und zu sterben, dass Volkswirtschaften auf Rüstung umgestellt werden und dass Bevölkerungen jahrelange Entbehrungen auf sich nehmen und über unbestimmte Zeit Traumata zu bewältigen haben.
Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung verlangt weniger. Sie verlangt keine Bereitschaft zu töten, keine Musterung, keinen Kasernenhof, keine Befehl-Gehorsam-Strukturen. Sie verlangt Kenntnis, Verabredung, Standhaftigkeit und eine Gesellschaft, in der man einander so weit vertraut, dass man sich auf gemeinsames Handeln verlassen kann.
Das ist anspruchsvoll. Aber es ist nicht mehr, als wir ohnehin voraussetzen. Es ist nur anders verteilt.
4. Repression, Leid und die Grenzen des Konzepts
Der Punkt, an dem wir jetzt angelangt sind und der am schwierigsten zu behandeln ist – er darf deshalb nicht unerwähnt bleiben –, ist der einer massiven, brutalen (Re-)Aktion des Besatzers und das Problem eines adäquaten Verhaltens.
4.1 Zu erwartende Repressionen
Ein Besatzer, der auf gewaltfreien Widerstand trifft, wird ihn zu brechen versuchen. Zu erwarten sind: Massenverhaftungen, Deportationen, Berufsverbote und Entlassungen, das Einfrieren von Konten und Einstellen von Zahlungen, Geiselnahmen, Folter, in extremen Fällen Hinrichtungen. Dazu Zermürbungsmethoden: Nahrungsknappheit, Kälte, Ungewissheit über Angehörige, das gezielte Streuen von Gerüchten über angeblichen Verrat in den eigenen Reihen.
Es ist möglich, dass Repression den Widerstand bricht. Es ist ebenso möglich, dass sie ihn verstärkt. Historisch ist beides vorgekommen. Welcher Fall eintritt, hängt vor allem davon ab, wie gut vorbereitet, wie breit getragen und wie gut versorgt der Widerstand ist. Und natürlich davon, wie weit der Besatzer – vor den Augen seiner Landsleute und der Weltöffentlichkeit – zu gehen bereit ist.
Der Einwand „Ihr nehmt in Kauf, dass Menschen sterben“ ist zwar berechtigt, aber auch unvollständig. Denn er wird nur einer Seite gestellt.
Bei der militärischen Verteidigung ist das Risiko, zu sterben, selbstverständliche Voraussetzung. Niemand verlangt von einem Verteidigungsminister die Zusicherung, dass keine Soldaten ‚fallen‘. Sobald aber von gewaltfreier Verteidigung die Rede ist, wird das Risiko plötzlich zum entscheidenden Gegenargument. Dieser doppelte Maßstab ist der eigentliche Punkt.
Von den Akteuren der Gewaltfreien Sozialen Verteidigung wird mindestens dieselbe Entschlossenheit und derselbe Mut verlangt wie von Soldaten. Ein Unterschied bleibt allerdings. Er ist kein unwesentlicher: Ihre Aktionen bedrohen niemanden. Sie nehmen niemandem das Leben, sie verletzen niemanden. Gewaltfrei kann man widerstehen, aber nicht angreifen.
Ein zweiter Unterschied ist dieser: Die Verluste sind, soweit die vergleichende Forschung reicht, erheblich geringer. Im Rahmen des Widerstands in der Tschechoslowakei 1968 verloren 70 Menschen das Leben. Verglichen mit dem, was ein zwischenstaatlicher Krieg an Toten, Verwundeten, Traumatisierten, Zerstörung und ökologischen Schäden hinterlässt, sind die Kosten des zivilen Widerstands niedrig. Auch wenn sie für die Betroffenen unermesslich sind.
Und wer ist schon „Ihr“ in der Formulierung „Ihr nehmt in Kauf …“? Es gibt kein „Ihr“ im Sinne eines Kollektivs, dem sich der Einzelne zu beugen habe. Es gibt nur lauter einzelne Akteurinnen und Akteure, jede und jeder an ihrem bzw. seinem Platz und jeweils ein Handeln nach eigenem Gutdünken. Insofern nimmt jede und jeder nur für sich etwas in Kauf.
Wenn all das zutrifft, stellt sich die Frage, worauf sich Menschen stützen, die so etwas durchhalten.
Ein Teil der Antwort ist organisatorischer Art: Wer weiß, dass seine Familie versorgt wird, hält länger durch. Ein anderer Teil ist sozialer Art: Wer nicht allein ist, hält länger durch. Ein weiterer Teil ist biographischer Natur: Was man geübt hat, kann man abrufen.
Ein wesentlicher Teil ist ein ganz persönlicher. Als Mitstreiter Martin Luther Kings vor einer geplanten Demonstration Bedenken äußerten, antwortete er, er werde notfalls allein die Straße entlanggehen. Diese Art von Ich-Stärke ist eine wesentliche Grundlage der gewaltfreien Aktion. Man kann es mit einer Band vergleichen: Ihre Qualität hängt von der Qualität der einzelnen Musikerinnen und Musiker ab. (Zur Spiritualität, die hier eine Rolle spielt, werde ich in einem anderen Buchkapitel Einiges ausführen.)
4.4 Gesinnung und Verantwortung
Es gibt einen schwerwiegenden und eingängigen Einwand, der gesondert behandelt sein will. Er lautet: Der Gewaltfreie könne sich nur deshalb sauberer Hände rühmen, weil er keine Verantwortung trage. Wer Verantwortung habe, mache sie sich unweigerlich schmutzig. Dahinter steht die bekannte Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik.
Sie ist im folgenden Fall berechtigt. Wer Gewaltverzicht so versteht, dass er die Hände in den Schoß legt und die Dinge laufen lässt, kann durchaus Blut an den Händen haben – wenngleich nur mittelbar, durch Unterlassung. Das ist ein ernster Vorwurf, trifft aber eine bestimmte Spielart des Pazifismus zu Recht.
Er trifft aber nicht die gewaltfreie Aktion. Denn diese verzichtet nicht nur auf Gewalt, sie greift ein – aktiv, riskant, mit Kosten für die Handelnden. Genau damit zeigt sie, dass politische Verantwortung und moralische Gesinnung sich verbinden lassen. Wer Nichtkooperation organisiert, Parallelstrukturen aufbaut, Verhandlungen vorbereitet und Repression aushält, hat sich der Verantwortung nicht entzogen, sondern trägt sie mit anderen Mitteln.
Wer politische Verantwortung trägt, unterwirft sich von vorneherein Spielregeln, in denen der Griff zur Gewalt vorgesehen ist. Blut an den Händen ist dort einkalkuliert, nicht bedauerlicher Betriebsunfall.
Die Frage ist damit nicht, ob jemand bereit ist, schuldig zu werden – das sind beide Seiten –, sondern welche Schuld er auf sich nimmt und mit welcher Aussicht.
Selbstverständlich ist auch der gewaltfrei Handelnde verpflichtet, sich der Überprüfung seines Handelns unterziehen zu lassen. Wer alternative Strukturen einführt, muss sich fragen lassen, ob er die Lage der Betroffenen tatsächlich verbessert oder verschlimmbessert. Reine Absicht entlastet niemanden von der Pflicht, die Folgen zu bedenken.
Dass auch die Gewaltfreie Soziale Verteidigung ihre Grenzen hat, soll nicht verschwiegen werden. Ich zähle vier der gravierendsten auf:
(a) der Vernichtungswille : Es gibt Gewalt, die keinem Kalkül folgt und deshalb durch Verweigerung von Kooperation nicht beeinflussbar ist. Wo ein Regime nicht herrschen, sondern auslöschen will, greift die Logik des hohen Aufenthaltspreises ins Leere. Wer die Bevölkerung nicht braucht, ist von ihr nicht abhängig. Nanjing, Auschwitz, Kambodscha, Ruanda, die Verfolgung der Jesiden … in solchen Lagen ist keine Zeit, Hintergründe zu analysieren. Die Gewalt muss sofort gestoppt werden.
Wenn die Autorität einzelner Staaten das nicht vermag, kann die Entscheidung darüber nur bei einer Instanz liegen, die über den Einzelinteressen steht. Die Völkergemeinschaft hat sich dafür in den Vereinten Nationen ein Organ geschaffen. Wie ein Polizist hat eine solche Kraft das Verbrechen zu verhindern, nicht den Verbrecher zu töten. Dass dieses System heute schlecht funktioniert, ist ein Argument dafür, es zu reparieren, nicht dafür, es aufzugeben.
Wichtiger noch ist der andere Teil dieser Antwort: In solchen Fällen liegt fast alles bei der Prävention: bei ethischer Bildung, bei föderalen Strukturen, bei früher Aufmerksamkeit für die Sprache, die Vernichtung vorbereitet. Wer erst beim Massenmord anfängt zu fragen, was zu tun ist, hat die entscheidende Phase versäumt.
(b) die Zeit : Wo binnen Stunden entschieden wird, wirkt Gewaltfreie Soziale Verteidigung nur ansatzweise. Sie ist ein Instrument der langen Dauer und deshalb nichts für Ungeduldige. Was für Kriege selbstverständlich gilt – sie können zwar schnell begonnen, aber nur selten kurzfristig beendet werden –, das darf dem Konzept der Gewaltfreien Sozialen Verteidigung nicht minder zugestanden werden.
(c) die Abhängigkeit von Öffentlichkeit : Wo ein Besatzer die Kommunikation vollständig kontrolliert und die Welt sich abwendet, verliert der Widerstand seine wichtigsten Verbündeten. Deshalb insistiert die Konzeption hier so sehr auf internationaler Vernetzung.
(d) die technischen Formen der Beherrschung : Ein Land kann heute erpresst werden, ohne dass ein Soldat es betritt: durch die Kontrolle von Finanzsystemen, Lieferketten, Satellitenkommunikation, digitale Infrastruktur. Auch die formale Annexion durch Dekret ist denkbar. Gegen solche Formen hilft Nichtkooperation nur begrenzt. Hier sind wirtschaftliche und diplomatische Gegenmacht sowie technische Unabhängigkeit gefragt.
Vor dem Hintergrund der bisherigen Überlegungen ist die Konzeption nicht zu verwerfen, sondern realistisch zu verorten. Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung ist das aussichtsreichste Mittel gegen den weitaus häufigsten Fall einer Besetzung und Beherrschung eines Landes durch eine fremde Macht, die dieses Land nutzen, kontrollieren oder eingliedern will. Für die extremen Ränder – Vernichtungsabsicht, Völkermord – braucht es andere, überstaatliche Antworten und vor allem Prävention. Kein Verteidigungskonzept deckt alles ab. Das militärische am wenigsten.
Militärische Verteidigung stützt sich auf eine schmale Gruppe: gesunde Menschen zwischen achtzehn und vierzig, überwiegend männlich, ausgebildet, uniformiert, kaserniert. Alle anderen sind Publikum.
Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung kehrt dieses Verhältnis um. Sie stützt sich auf alle. Wer Verwaltung, Wirtschaft, Bildung und Alltag zum Stillstand bringen will, braucht Menschen an genau diesen Stellen. Das verändert, wer im Ernstfall zählt.
Es lohnt sich, dies deutlich auszusprechen: In der Geschichte des zivilen Widerstands sind Frauen nicht Randfiguren, sondern häufig die tragende Kraft.
Die Mütter der Plaza de Mayo, die in Buenos Aires ab 1977 Woche für Woche mit weißen Tüchern um den Platz gingen und nach ihren verschwundenen Kindern fragten, waren zunächst eine Handvoll älterer Frauen. Dennoch wurde ihr Handeln zu einer unübersehbaren Anklage gegen eine Militärdiktatur, die Zehntausende hatte verschwinden lassen. In Liberia brachten Frauen unterschiedlicher Religion durch beharrliche Präsenz, Sitzstreiks und die Weigerung, die Verhandlungsräume zu verlassen, einen Friedensprozess zustande, an dem Diplomaten gescheitert waren. In Belarus wurden 2020 die Frauenketten in Weiß zum Bild einer Bewegung, deren männliche Führung inhaftiert war. Aus Argentinien, Chile, Guatemala, den Philippinen und dem Nordirland-Konflikt kennen wir Vergleichbares.
Dafür gibt es strukturelle Gründe. Erstens sind Frauen in den Bereichen überrepräsentiert, auf die eine Besatzung angewiesen ist: Bildung, Gesundheit, Verwaltung, Versorgung, Pflege. Zweitens verfügen sie in vielen Gesellschaften über die dichteren Alltagsnetzwerke – ein wesentliches Element des zivilen Widerstands. Drittens ist die Repression gegen Frauen politisch teurer: Bilder von Soldaten, die auf Mütter einprügeln, wirken anders als Bilder von Straßenkämpfen.
Der letzte Punkt benennt die bittere Kehrseite. Frauen sind in Kriegen und Besatzungssituationen in besonderer Weise gefährdet. Sexualisierte Gewalt gehört zum systematisch eingesetzten Repertoire. Wer eine Bevölkerung auf zivilen Widerstand vorbereitet, muss diesen Punkt ausdrücklich mitbedenken und dabei Schutzverabredungen, Begleitung, Meldewege, Dokumentation und Nachsorge planen.
Schließlich: Wer Frauen im Widerstand die Hauptlast tragen lässt, ihnen aber weder Entscheidungsbefugnis noch Sichtbarkeit zugesteht, wiederholt im Widerstand die Ungleichheit, die er außerhalb bekämpft. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch strategisch kontraproduktiv.
Jugend ist in fast allen dokumentierten Fällen der Motor gewesen: die Studenten in Prag, in Belgrad, in Kairo, die Schülerinnen in Soweto, die jungen Leute in Leipzig.
Junge Menschen haben Zeit, Netzwerke, Beweglichkeit, Humor und ein besseres Gespür für Symbole und Öffentlichkeit als jede Behörde. Ihre Schwäche ist die Ungeduld und die Anfälligkeit für den Gedanken, dass es schneller ginge, wenn man doch zu härteren Mitteln griffe. Genau hier ist Ausbildung entscheidend: Wer verstanden hat, warum ein einziger geworfener Stein die Fraktionierungsarbeit von Monaten zunichtemacht, wirft ihn nicht.
Es lohnt sich, die Perspektive noch einmal zu drehen: Junge Menschen treten weltweit in Armeen ein, um ihr Land oder ein fremdes zu befreien. Dass sie stattdessen in einen Friedensdienst eintreten – nicht um für eine Seite zu kämpfen, sondern um zwischen den Seiten zu handeln –, ist kein Niederleveln des Anspruchs. Es setzt eine andere Form desselben Mutes voraus.
Und dann sind da diejenigen, die in militärischen Verteidigungskonzepten überhaupt nicht vorkommen.
Alte Menschen sind für den zivilen Widerstand von erheblichem Wert. Sie haben Zeit. Sie sind schwer zu erpressen. Wer keine Karriere mehr zu verlieren hat, ist schwer unter Druck zu setzen. Sie verfügen über Erfahrung und häufig über Autorität in ihrem Umfeld. Und Repression gegen sie ist für den Besatzer besonders kostspielig. Es gibt kaum ein Bild, das im Land B und in der Weltöffentlichkeit größeren Schaden anrichtet als das einer Achtzigjährigen, die abgeführt wird.
Dasselbe gilt für Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, deren Beteiligungsmöglichkeiten regelmäßig unterschätzt werden. Wer mit einem Spasmus an einer Rezeption sitzt, kann eine Verwaltung ebenso wirkungsvoll aufhalten wie jeder andere. Wer mit seinem Rollstuhl den Verkehr behindert oder blockiert, kämpft nicht weniger eindrucksvoll und effizient als der Soldat, der Vergleichbares mit militärischen Instrumentarien bewerkstelligt.
Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung ist die einzige Verteidigungsform, an der sich eine ganze Gesellschaft beteiligen kann – vom Kind, das in der Landessprache singt, bis zur Hochbetagten, die den Besatzern Fragen stellt.
Das ist kein Nebenaspekt. Es ist der Grund, warum sie überhaupt funktionieren kann. Und es ist der Grund, warum ihre Vorbereitung nicht in Kasernen stattfindet, sondern in Schulen, Betrieben, Gemeinden, Vereinen und Wohnzimmern.
Buchhinweis (Quelle des Kapitelauszuges):
Egon Spiegel: Gewaltfreie Soziale Verteidigung. (Reihe : edition pace). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6967-6472-2; Paperback; 304 Seiten; 14,99 €).
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Zum Verfasser: Egon Spiegel, Prof. Dr. theol. habil. Prof. h. c., Diplomtheologe, Diplompolitologe, ausgebildeter Pastoralreferent, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie an der Universität Vechta, gegenwärtig Advisory Professor am UNESCO-Lehrstuhl für Peace Studies der Nanjing University in Nanjing/China, diverse Lehraufträge und Gastprofessuren, international vielfältig vernetzt, zahlreiche friedenswissenschaftliche Publikationen. – Website: www.egon-spiegel.net
