California here I come: Reisebericht Teil III – Yosemite Valley

Half Dome-Fels (foto: weber)
Half Dome-Fels (foto: weber)

Yosemite Valley ist einer der berühmtesten Nationalparks der USA, den ein jeder mitnehmen muss, und doch hatte er für mich einen Sauerlandeinschlag, da Schnee lag und es regnete, sodass bald schon nach der ersten Wanderung zum Half Dome am Mirror Lake meine Schuhe durchgeweicht waren.

Schiefergrau und weiß – was ja im Sauerland wegen der gleichgeeichten Baugenehmigung, damals um den heimischen Schieferabsatz zu protektionieren, heute um konform zu bauen, das Auge in den langen Sauerländer Wintermonaten so sehr beleidigt und quält – also weiß und schiefergrau ist der Farbton, der durch die Nebelschwaden immerhin milchig gedämpft wird.

Die Landschaft ist herb, wenngleich die Felsformationen nicht wuchtig und übermächtig daherkommen, sondern vergleichsweise noch recht handlich beim El Capitán. Vom Upper Fall hat man einen sehr schönen Ausblick ins Tal, das sich in die ehemaligen Gletscher hineingefräßt hat. Beim serpentinartig sich schlängenden Aufstieg erwartet man wie im Film den Braunbären um die Ecke tapsen.

Yosemite Valley
Yosemite Valley

 

California here I come: Reisebericht Teil II – Merced: Gedanken über eine amerikanische Kleinstadt

Unser Autor war wieder auf  Tour. Diesmal in Kalifornien. Seine Betrachtungen über und Erlebnisse in San Francisco haben wir mit vielen Bildern gespickt vor fünf Tagen veröffentlicht.  Heute fahren wir mit ihm in die kalifornische Kleinstadt Merced.

Merced …

Tatsächlich: „Gnade!“ möchte man in dieser zu breit geratenen Kleinstadt ausrufen, in diesem Nirgendwo zwischen Küste und Sierra Nevada, im Valle Central von Kalifornien.

Behäbig breit ergießen sich die Straßenzüge einem spanischen Schachbrettmuster folgend in die vier Himmelsrichtungen, an denen bungalowartige, einstöckige Einfamilienhäuser sich reihen. Hier lebt Mrs. Middle Mayority aus der Middle Class (des soziologischen Klassikers zur Werbeindustrie der 1950er Jahre von Vance Packard); in den Häusern, hinter den Fassaden, propere Sauberkeit und unschuldiges Seeleninterior gleich den gerahmten protestantischen Erbauungssprüchen, zum Teil gehäkelt, an der Wand.

Hier ist der weiße, angelsächsische Protestant zu Haus, den unüberbietbar Grant Wood im Schnappschuss-Potrait von „American Gothic“ (1930) eingefangen ist.

Aber mein Herbergsvater hier war nun ‚mal ein äußerst bemühter, höflicher und netter Mensch und seine Familie ebenso, sodass ich meine Vorurteile, zumindest als Tourist auf der Durchreise, nicht aufrecht halten mag.

Überhaupt ist eine pragmatische Hilfsbereitschaft, die Bürgersolidarität unter US-Amerikanern, an der Tagesordnung. Als ich nördlich San Franciscos im Landesinnern die Hügel Sausalitos mit dem Fahrrad überwinden wollte, um einen Nationalpark mit Mammutbäumen zu besuchen, stieg ich bei einigen Anhöhen der Steigung wegen ab. So ziemlich jedes sprichwörtlich zweite Auto, das mich passierte, bremste ab, fuhr langsamer und fragte, ob es mich und mein Fahrrad mitnehmen solle. So etwas würde in Deutschland nicht vorfallen, wo Kontaktsuche seitens Fremder eher als Belästigung, Gespräche dieser Art gar als Nötigung gilt.

Während der dreistündigen Fahrradtour hatte ich Wink- und Pfeifkontakt mit elf vorbeifahrenden Autos und dreimal Anfeuerungsgejohle daraus, viermal Small Talk mit auf der Landstraße anhaltenden Wagen und drei Gespräche mit anderen Fahrradfahrern und das alles, obwohl ich nicht die mindeste Anstrengung zur Kontaktaufnahme kommunizierte. Der öffentliche Raum gehört tatsächlich dem aufgeschlossenen Bürger und seinem ungezwungenen Plausch.

Auf dem Weg nach Merced. Die Golden Gate Bridge. (foto: weber)
Auf dem Weg nach Merced. Die Golden Gate Bridge und Hügel bei Sausalitos. (foto: weber)

Jedenfalls ist Merced im Prinzip nicht anders als deutsche Kleinstädte in der Pampa, aber virtueller wegen dieser Bauart des Fertigbau-Bungalows, was etwas billig wirkt, aber vielleicht deshalb erschwinglich und wahrscheinlich dem nomadischen Trieb der US-Amerikaner entgegenkommt, wohingegen der Europäer eher den Ruf trotz der neuen, modernen Mobilität genießt, sesshaft für Jahrhunderte zu werden, auch da man schlicht beim Häuserbau und -kauf, zumindest in Deutschland, arm wird und sich das nur einmal im Leben leisten kann.

California here I come: Ein Reisebericht Teil I – San Francisco

San Francisco von den Twin Peaks aus. (foto: weber)
San Francisco von den Twin Peaks aus. (alle fotos: weber)

22.-27.12. San Francisco

„It seemed like a matter of minutes when we began rolling in the foothills before Oakland and suddenly reached a height and saw stretched out ahead of us the fabulous white city of San Francisco on her eleven mystic hills with the blue Pacific and its advancing wall of potato-patch fog beyond, and smoke and goldenness in the late afternoon of time.“

(Jack Kerouac: On the road. NY 1976, S. 169.)

Diese „City by the bay“ atmet eine europäische Aura trotz ihrer Lage in den USA. Typisch amerikanisch an der Architektur ist gewiss Downtown vorne an der Landzunge, auf der Frisco erbaut wurde. Von den Twin Peaks aus erhebt sich zerbrechlich klein die Skyline auf der Landspitze. Aber dennoch strahlen die Hochhäuser jenen seltsam archaischen und brutalen Willen zur Selbstbehauptung aus wie viele US-Stadtansichten: Zwar prägt San Francisco der umgebende Naturraum, in deren grünen Hügeln von vielleicht 400 bis 700m im Norden über der Golden Gate Bridge und im Osten in Oakland und Berkeley sich die Skyline niedlich ausnimmt. Aber dieser steinerne Trotz geht nicht organisch in einem Natur-Kulturraum auf. In dieser Perspektive unterschiedet sich San Francisco eben qualitativ von Rio de Janeiro – mit dem es sich kaum vergleichen lässt, da dort weltstädtische Masse, was hier liebevolle Klasse ist – oder mit andern vom naturellen Lauf der Dinge so sehr gesegneten Städten, in denen beides, Natur und Kultur, organisch ineinander verwoben ist. Rio de Janeiro ist ein überbordender, wuchernder, fantastischer Tropentraum an Berg und Küste der Strände, deren Hochhäuser zu Spielklötzen vorm Atlantik-Regenwald der Berghänge inmitten der Stadt schrumpfen; Stefan Zweig krönte in seinem Hymnus auf die Stadt Rio de Janeiro zur schönsten der Welt, was vielleicht sogar nicht nur nach subjektivem Empfinden stimmt …

Downton San Francisco von den Twin Peaks aus
Downton San Francisco von den Twin Peaks aus

Zwar ist San Franciscos Skyline vergleichsweise niedrig und wirkt oft auch so wegen der umliegenden Hügel, aber der städtische Raum geht keine Symbiose mit dem Naturraum ein, sondern beschädigt ihn nur nicht wesentlich, außer im Osten, wo die Industrieviertel Oaklands die Landschaft schlucken. Im Grunde strahlt diese wie andere US-Städte Selbstbehauptung gegen die Natur aus. San Francisco gleicht in der Downtown der Ruhrreviersmetropole Essen, was ein steiniger und für den Frisco-Liebhaber auch steinigender Vergleich sein mag, aber die Gegend der RWE-Türme am Ruhrschnellweg oder die Bauklotzarchitektur des Innenstadtrings nach dem 2. Weltkrieg wirken ebenso artifiziell wie die Straßenschlucht der Market St. in San Francisco. In ihr aber echot aus den 1920er Jahren Stolz und Selbstbewusstsein des Aufstiegs der USA zur Weltmacht, wie es originär das Stadtensemble Chicagos und New Yorks prägte. So erhebt sich das Wahrzeichen San Franciscos, die Transamerica Pyramid, gleich einer gigantischen, zu den Sternen raumgreifenden Rakete am nördlichen Rand der Innenstadt, wo diese dann am Broadway zur Imitation Las Vegas ausläuft.

Downtown San Francisco vom Russian Hill aus
Downtown San Francisco vom Russian Hill aus

An diesen ausfransenden Rändern der Innenstadt macht sich allerdings auch der Verfall bemerkbar, der die Stadt unbarmherzig im Griff hat, sobald offenbar die Geschäfte nicht so wie erhofft florieren, da die Stadt keine bewahrende Infrastrukturpolitik betreibt. Im Kontrast zum Reichtum der Geschäftsviertel stechen unvermittelt verrottete Gebäude ab und auch ganze Straßenzüge. Markant etwa ist die Fehlkonstruktion vor dem Fährenableger am Ende der Market St., wo fehlgeplante Kunst den öffentlichen Raum verschandelt: An der Justin Herman Plaza locken die Stahltreppen mit Anklang an M.C. Escher, die sich in den Teich winden, nurmehr Obdachlose an, welche die Stadtverwaltung auf Bauschildern des Nächtigens an diesem Ort verwarnt. Ansonsten atmet der Ort den Flair einer Großbaustelle und eitert wie eine Wunde im öffentlichen Raum.

Golden Gate Bridge
Golden Gate Bridge

Die „Straßen von San Francisco“ kann man am besten in der berühmten Lombard St. mit ihrer 29%igen Steigung bestaunen. Verkehrsberuhigt wurde sie ein Touristenmagnet, während auf den Nachbarstraßen wie der Fresnol St. bei 31% der Verkehr weiterrollt.

Lombard St.
Lombard St.

In den Frisco-Straßen mischen sich außerhalb der humanen Wolkenkratzer Downtowns um Union Square, an deren Chicago-Stil sich die neue Berliner Mitte am Potsdamer Platz orientiert, sodann spanische Baustile und, wie es scheint, holländische neben den allüblichen pittoresken viktorianischen und edwardianischen Bürgershäusern und Villen. Man fühlt sich daran erinnert, wie Gottfried Keller eine Heimkehr der philiströsen Besitzbürger Seldwylas mit dem Schlittenzug schildert, bei der aus der Ferne die Dachgiebeln und Erker funkeln und golden der Reichtum den Seldwylern herüberblitzt, die sich darin überbieten, ihren Reichtum besitzstolz zur Schau zu stellen. Zuweilen wähnt man sich im San Franciscoer Norden, im Viertel Fisherman’s Wharf, und im Osten, in Haights Ashbury, in einer schönen holländischen Stadt mit zweistöckigen, gepflegten Häusern, kleinen Vorgärten samt Imitaten von Aufstiegstreppen zu großbourgeoisen Veranden.

Wohn- und Verkaufshäuser in Haights Ashbury
Wohn- und Verkaufshäuser in Haights Ashbury

Daran vorbei rattert ab und an eine „Cable car“ die Hügel hinauf und hinab; immer ‚mal wieder taucht im Stadtbild ein Panoramablick auf die umgebende Ländlichkeit auf, zu deren Städtchen Sausalito rostrot die Golden Gate Bridge im Norden greift und im Osten die stahltrossenbewehrte, auf Stützpfeilern staksende und die Bucht über das Yerba Buena Island überspannende Silvery Oakland Bay Bridge:

„All those lovely Cailfornia cottonwoods and eucalypti brooded on all sides. Near the peak were no more trees, just rock and grass … There was the Pacific, a few more foothills away, blue and vast and with a great wall of white advancing from the legendary potato patch where Frisco fogs are born. Another hour it would come streaming through the Golden Gate to shroud the romantic city in white …“ (Jack Kerouac: On the road. New York 1976, S. 78)

Auch allgegenwärtig ist der Ausblick auf Alcatraz Island, wo heutzutage ein Museum untergebracht ist statt der Schwerverbrecher, die dort bis 1962 einsaßen.

Cable car, im Hintergrund: Alcatraz Island
Cable car, im Hintergrund: Alcatraz Island

Ein herbes Flair durchweht die Stadt, zumal rund um die Market St. durchaus öfter handfeste und lautstarke Streitigkeiten zwischen den Passanten ausgetragen werden, und nicht die hippie-eske Süßlichkeit, die Eric Burdon in seinem Prolog der „San Franciscan Nights“ (1967) der Stadt widmete:

„This following program is dedicated to the city and people of
San Franciscan, who may not know it but they are beautiful and so
is their city this is a very personal song, so if the viewer
cannot understand it particularly those of you who are European
residents save up all your brand and fly trans love airways to
San Franciscan U.S.A., then maybe you’ll understand the song, it
will be worth it, if not for the sake of this song but for the
sake of your own peace of mind.“

In der Innenstadt tummeln sich neben Shopping-Passanten auch viele Obdachlose und in den anbei liegenden Vierteln um Mission manche gestrauchelte Existenz. Sie stehen so gar nicht für den Erfolg des American way of life und dessen American dream und widersprechen auch der Etikette, dass man über Politik, Gewalt, Sex und Religion in den USA besser schweigt.

Seicht jedenfalls geht es im „City Lights“, dem Buchladen der Beatniks zwischen Kerouac-Gässchen und Broadway, gewiss nicht zu, sondern die Liebhaber der Weltliteratur und natürlich von Jack Kerouac, William S. Burroughs, Allen Ginsberg und Charles Bukowski kommen voll auf ihre Kosten in diesem wohlsortierten, kultivierten Buchhandel. Das Untergeschoss präsentiert anarchische und kommunistische Literatur, so als wolle man es ernsthaft mit dem Buchladen „Schwarze Risse“ am Berliner Mehringdamm aufnehmen, wo doch im Sortiment Noam Chomsky als reaktionär erscheint. Das Erdgeschoss verführt mehrsprachig zur Weltliteratur und das Dachgeschoss lockt mit der Beatnik-Literatur, also den Söhnen und Wahlsöhnen der Stadt.

der Buchladen City Lights
der Buchladen City Lights

Komplementär zum hochkulturell repräsentativen SFMOMA (San Francisco Museum of Modern Art) gilt als besonders empfehlenswertes Museum, das der Off-Kultur ihren Platz einräumt, das gleich beim „City Lights“ auf dem Broadway beheimatete Beatnik-Museum, das eine engagierte und feine Ausstellung zur Entstehung der Gegenöffentlichkeit mit Originalmöbeln der 1950er Jahre anbietet. Dort ist zu erfahren, dass die Bewegung ihren Namen einem Reporter verdankt, der 1957 einen Artikel in einer heimischen Zeitung darüber schrieb, wie die Frisco-Szene um Dean Cassidy im Golden Gate Park herumlungerte, Gedichte vorlas und in den Klubs treibende Jazzmusik hörte. Dies Verhalten entzog sich dem bourgeoisen Verwertungszwang, weshalb der Reporter der McCarthy-Ära kommunistische Agitation witterte und versuchte, die „Angry young man“ in Anlehnung an den Sputnik-Schock 1957 mit dem Namen Beatniks zu verunglimpfen. Als Provokation die Verunglimpfung zu benutzen, deren Worte des empörten Spießers noch jede ausgegrenzte Gesellschaftsgruppe massiv nachahmte und sich aneignete, um in der Identifikation mit der Aggression der übermächtigen Mehrheitsgesellschaft sich wenigstens im Spiel des Sprachhabitus zu verweigern, gefiel den Beatniks, sodass sie sich selbst so nannten.

das Beatnik-Museum
das Beatnik-Museum

Frisco ist eine multikulturelle Stadt besonders wegen des Zuzugs vieler Asiaten und soll den großen Metropolen der Ostküste in der Ausdehnung „Chinatowns“ in nichts nachstehen. Ein allübliches Tor zum chinesischen Viertel, wie es in Mexiko-Stadt beim Alameda-Park im Centro histórico oder in Los Angeles beim Broadway prangt, überdacht die Zugangsstraße. Dahinter ballen sich china-rote Zierde, Kitsch und Nippes aus Elfenbein und Marmor, Wimpel, rote Sterne und Ballons zuhauf. Die Hinweisschilder öffentlicher Einrichtungen wie der „Cable car“ sind auf Englisch und Chinesisch beschriftet.

San Franciscos Chinatown
San Franciscos Chinatown

Am Vorweihnachtstag, gerade in Downtown angekommen, fuhr ich nachts mit der „Cable car“ beim Beatnik-Museum vor der Jugendherherge „Green Tortoise“ vor, einem Hort der Hippie- und Gegenkultur, der 1970 mitten in der Ansammlung von Striptease-Lokalen auf dem Broadway eröffnet wurde. Mir wurde von berufener Seite vor der Reise eingeflößt, dass „Green Tortoise“, mittlerweile eine Herbergskette an der Westküste, nicht zu verpassen. Im Speise- und Aufenthaltssaal vom „Green Tortoise“, wo gerade ein Slampoetry-Veranstaltung zu Ende war, traf ich einen beleibten Studenten aus Samoa, Goeffrey, im Deutschen auch Gottfried. Gottfried erzählte mir, dass Westsamoa deutsche Kolonie gewesen sei, was mich natürlich verblüffte, da heutzutage in Deutschland außer geschichtlich äußerst Beflissenen niemand mehr weiß, dass Westsamoa deutsche Kolonie war, da die Weltkriege die Kolonialgeschichte des „Platzes an der Sonne“ überschatten, die in Deutschland im Vergleich zu den anderen europäischen Nationen verspätet und im kleinen Rahmen ablief. Deutsch-Samoa existierte von 1900-1914 als Kolonie, die in steter Konkurrenz mit den Engländern und US-Amerikanern offenbar einen Handelsstützpunkt im pazifisch-asiatischen Raum absichern sollte. Mein Mann aus Samoa meinte, man habe heute noch einen guten Eindruck und eine gute Meinung von den Deutschen und deutsche Wörter wären im öffentlichen Raum stets präsent, wohl ähnlich wie in Namibia, sowie die Erinnerung an spleenig Professoren aus Berlin, die die Pflanzenwelt Samoas liebevoll untersucht und Gewächshäuser angelegt hätten. Dabei fiel positiv auf, dass die deutsche Intelligenz die Sprache der Einheimischen lernten und sich beeindruckend mit ortsüblichen Sitten und Gebräuchen auskannten. Gottfried studiert Medientechnik, da er die Neuen Medien in seinem Land voranbringen will, das zwischen Moderne und Tradition verharre. So zeigt er auf seinem Blackberry mit Vorliebe BBC-Videos von englischen Anthropologen, die in den 1950er Jahren auf eine der Nebeninseln von Samoa aufzeichneten, wie ein Stamm Gefangene rituell in Kesseln sotten und verspeisten, was Gottfried herzlich amüsiert. Er selbst ist ein energischer, zupackender Charakter, dessen patriarchal-krachledernde Züge der 1950er Jahre – treu, konservativ und raumgreifend auch von dem Bauch her, der es sich gut gehen lässt – bei uns gerade ausstirbt und der die Qualitäten hat, eine ganze Kneipe mit Zoten und deftigen Vergleichen aus dem Halbweltmilieu zu unterhalten. So erregte er sich an diesem Abend über die Preise in Städten der US-Ostküste, wo ein Bier für ihn, seine Frau und einen Kumpel ‚mal 65 US-Dollar gekostet hätte. Er hätte ja von der Bedienung nicht verlangt, ihm einen zu blasen. Gut vorstellbar, dass Gottfried ein „Highpotential“ wird, seinem Video-Gag und Magret Meads Forschungen auf Pazifikinseln nach zu urteilen, also ein dicker, mit Bastrock bekleideter Häuptling, mit einem Oberschenkelknochen statt des Zepters in der Linken und einem Schädel statt des Reichsapfels in der Rechten so-zu-assoziieren, und dieser Gottfried bringt die Kommunikationsbranche auf den Inseln von Samoa zu einem Führungssektor im dortigen Wirtschaftsgeschehen voran. Den pragmatischen Elan und die südländische Verve dazu hat er sicherlich; eigentlich ist Gottfried im Hirn Sauerländer und im Herzen Lateinamerikaner (wenn Sie wissen, was ich meine). Diese Vermutung müsste man ‚mal überprüfen, da er einen deutschen Großvater hat.

Broadway, Ecke City Lights
Broadway, Ecke City Lights

Weihnachten lernte ich dann den Immigranten Alecester aus dem schottischen Aberdeen kennen, Brian aus Boston und Marc, einen Schwarzen aus Chinatown, alle drei Obdachlose, die ihr Revier vor dem „Green Tortoise“ haben. Sie hatten des Abends Besuch von andern Obdachlosen aus dem Nachbarviertel und lieferten vor dem „Green Tortoise“ eine Show-Einlage: In einer Mülltonne rutschten sie 200m mit ziemlicher Geschwindigkeit eine jener steilen Frisco-Straßen hinunter, mitten auf die Straßenkreuzzug, um pro Rutscher einen Dollar vom begeistert johlenden Passanten zu ergattern, was vorzüglich klappte.

Alecester, 40 J., und Brian, 38 J., leben seit 20 Jahren auf der Straße und kommen damit zurecht. Alecester ist Spezialist in englischem New Wave und Punkrock der 1980er Jahre. Brian meint, San Francisco sei sehr liberal und die Polizei erträglich, da sie einen kenne, respektiere und in Ruhe ließe. Tatsächlich erlebe ich, wie eine anonyme Touristen-Großstadt mit den richtigen Leuten auf einmal zum Dorf wird, an deren Ecken es überall von Klatsch und Tratsch wimmelt. Alecester will mir ein bisschen das Viertel zeigen und zieht mit mir um die Ecken rund um den Broadway los und auf einmal müssen wir an jeder Ecke, vor jeder Kneipe und jedem Spirituosenladen, vor jedem Pizza Hut, jeder Videothek, ja jedem Hydranten anhalten, um die Neuigkeiten des Viertels auszutauschen. In zwei Stunden kommen wir 1 km voran – überall werden wir herzlich begrüßt, gibt es etwas zu besprechen, Komödien und Tragödien des Alltags. Man bekommt das Gefühl, hier gäbe es eine Kiezgemeinschaft in den Straßen von San Francisco, wie sie Jack Kerouac in seinem „On the road“ beschrieb.

das Green Tortoise
das Green Tortoise

Am letzten Tag im „Green Tortoise“ traf ich beim Frühstück auf den graumelierten Bob, der seinen Sohn in San Francisco über die Feiertage zwischen den Jahren traf und mir beim Eierkochen in der Gemeinschaftsküche sekundierte. Sein studierender Sohn kam von Vancouver herübergeflogen, Bob aus Vietnam, der sich vom Ingenieur zum Entwicklungshelfer fortgebildet hatte. Das Gespräch fiel auf Vietnam, einem nach Bobs Meinung durch die USA schwer geschädigten Land, das eine bitterarme Unterentwicklung gedrückt wurde und das wenig mit dem Tourismus zu tun habe, der an seinen Küsten floriere. 4 Millionen Menschen seien heutzutage durch genetische Schäden verkrüppelt, die zu Lasten des Einsatzes vom Entlaubungsmittel Agent Orange und den Brandbomben Napalm gingen. Der Boden sei in den ehemaligen Kampfgebieten noch immer verseucht; die US-Regierung lehnt die Verantwortung zur Wiedergutmachung bis heute ab, da man wissenschaftlich eine kausale Beziehung zwischen dem Einsatz der krebserregenden und genschädigenden DDT-haltigen Chemikalien und den Genmutationen nicht nachweisen könne. Für die breite, überwiegende Bevölkerung ist dieser Zusammenhang zwar eine Tatsache, aber über die spreche man nicht, und die Politiker schwiegen mit stillschweigender Zustimmung der Mehrheitsgesellschaft, damit man keine offiziellen Hilfsgelder zahlen muss.

Bob meinte, dass auch die Rüstungsfirmen, die den Vietnam bestückten, zählen müssten, was mich wiederum an die deutschen Wiedergutmachungszahlungen erinnerte, die bis 2010 an die jüdischen Opfer und ihre Hinterbliebenen des Holocausts bezahlt werden mussten. Der Unterschied freilich besteht darin, dass deutsche Firmen jüdische Zwangsarbeiter für sich arbeiten ließen, durch welche Kooperation mit dem NS-Staat sie auch die Verantwortung für besagte Sklaverei trugen. Die US-Rüstungsfirmen hatten zwar ein eminentes Interesse am Einsatz ihrer Mordwaffen und haben dies Interesse über Lobbyismus, Nepotismus und korrupte Verfilzung sicherlich in Washington geltend gemacht, aber die Entscheidungsträger saßen an den Schaltstellen der Politik, womit allein der Staat zur Verantwortung gezogen werden kann bzw. das Volk, das Bob zufolge seine Schuld schlicht verdränge. Es gäbe viele Nichtregierungsorganisationen auch in den USA, die für jeden kranken Baum kämpfen würden, Vietnam jedoch sei unheimlicherweise aus dem kollektiven Bewusstsein wie ein irrealer Spuk derealisiert, ausgelöscht.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit der S-Bahn der BART (Bay Area Rapid Transit) nach West-Oakland, von wo der Bus zum Städtchen Merced losfuhr. Zuvor hatte ich mich vergeblich bemüht, am San Francisco International Airport (SFO) ein Auto zu mieten. Mein Kreditkarte war für heute überzogen – tja, Pech gehabt …

Eine Reise nach Kuba: Teil 4 – kitschiges Interieur einer ideologisch verblindeten Karibikidylle

Abseits der touristischen Routen steht zur Warnung der Bevölkerung drauf, was drin ist: Einsturzzone. (fotos: weber)
Abseits der touristischen Routen steht zur Warnung der Bevölkerung drauf, was drin ist: Einsturzzone. (fotos: weber)

La Habana am Malecón ist eine Seite aus einem Hochglanzreiseführer; tau-glänzende Mulatten, weiße Gischt, gewagte Sprünge in die Karibische See.

Dies ist der vierte Teil eines Reisetagebuchs. Unser Autor ist im letzen Jahr nach Kuba gereist und hat sich sehr persönliche Gedanken gemacht. Die vohergehenden drei Artikel sind hier im Blog zu lesen.

Prostitution und Kitsch
Aber straßenseitig geht viel Prostitutionsverkehr, und die 1950er Chevreolets der geflohenen Bourgeoisie – mittlerweile nurmehr armseliges, schrottiges Symbol der einstigen Umverteilung im Land, kitschiges Interieur einer ideologisch verblindeten Karibikidylle, Wahnwelt linker Kreise – die dieseln wie weiland in Ostberlin der untergegangenen DDR. –

Sozialistische Plattenbauten in Pastell
Ehrlich gesagt, ist es wieder ‚mal zum Weglaufen; es fehlt an allem. Es fehlt an Straßencafés fürs einfache Volk. Dafür stieren wieder ziemlich viele hohläugige Fassaden in die felsige Brandung. Dazwischen posen aufgepeppte Lokale für die Touristen, die auf der Terrasse des Hotel Nacional einen Cocktail, vorzugsweise einen Mojito, bei Sonnenuntergang genießen. An der Kappspitze blitzen die Kanonen der Festung El Moro und weiter ‚gen Osten schimmern die sozialistischen Plattenbauten in Pastell.

Seit dem Papstbesuch gibt es wieder Weihnachten
In der Calle Hamel, die der Berliner Besetzer-Style á la Tacheles, Hauptsache lebendig-bunt, schmückt, soll’s angeblich Santería für den Touristen geben. Seit dem Papstbesuch 1998 gibt es auch wieder Weihnachten, was Fidel Castro und seiner KP lieber war als die unkontrollierbare Pluralität einer synkretistischen Volksreligiösität.

Katholizismus als folkloristisches Brauchtum

Jesus-Statue
Jesus-Statue

Ein zum folkloristischen Brauchtum entschärfter Katholizismus hielten die Parteibonzen im krankhaften Kontrollwahn dann doch für sicherer, weil bürokratisch rektifizier- und damit verwaltbar. Der neu-alte Herrschaftsmonolog der Partei ersetzt letztlich sowieso nur den alteuropäischen von Gottes Gnaden. Drüben, auf der andern Seite des Hafens segnet eine Jesus-Statue, wie die in Río de Janeiro im Himmel ihre Arme der Stadt entgegenbreitet, barmherzig die verrottete Stadt.

La Habana Nueva
A.v. Humboldt in seinem Reisetagebuch am 9.3.1801 vor der Küste Kubas: „[…] das Blut [der Pelikane] rieselte von den Bäumen herab, denn die Matrosen waren mit dicken Stöcken und mit Messern bewaffnet. Vergeblich warfen wir ihnen Graumsamkeit und unnötige Quälerei vor. Zu andauerndem Gehorsam in den Wassereinöden verurteilt, ist es der Matrosen Lust, eine grausame Herrschaft über die Tierwelt zu üben, wo die Gelegenheit sich bietet. Der Boden war bedeckt von zahlreichen verwundeten Vögeln, die mit dem Tode rangen. Bei unserer Ankunft hatte tiefe Ruhe in diesem kleinen Erdenwinkel geherrscht. Jetzt schien alles zu verkünden: Der Mensch ist dagewesen!“
(ders.: Die Wiederentdeckung der Neuen Welt. Erstmals zusammengestellt aus dem unvollendeten Reisebericht und den Reisetagebüchern. Hrsg. u. eingeleitet von Paul Kanut Schäfer. Ost-Berlin 1989 (1.Auf.), S. 199.)

Klischees zerstieben
Das Klischee des kolonialen Kubas zerstiebt jenseits der Repräsentationsviertel, in die sich seit Jahrzehnten der Krebsschaden der sozialistischen Revolution hineingefressen hat, sofern nicht kurzfristig dies und das saniert wurde, des lieben Mammons der Touristen wegen.

Mit besten Absichten zum Vollschrott

Bunte Fassaden
Bunte Fassaden und/oder Vollschrott?

Was hochfahrend und voll der besten Absichten 1959 begann, in der Tradition der bürgerlichen Revolutionen und ihres republikanischen Geistes, der die Freiheit vor Staatseingriffen in das funkenschlagende Spannungsverhältnis der Gleichheit vor dem Gesetz zwang, verschied hier zur Karikatur, zur üblichen sozialistischen Gleichheit der großen Masse im Elend. Mangel und horrende Misswirtschaft, Lethargie und gesellschaftliche Korruption von den Kadern bis hinunter zum kleinen Mann auf der Straße regieren und beherrschen das triste Stadtbild. Es mutet einem das heruntergekommene Ostberlin der späten 1980er Jahre noch zwanzig Jahre später zu – schlicht Vollschrott.

Eine Reise nach Kuba: Teil 3 – Havanna ist ein Leben in Ruinen: die Schuldfrage.

cuba04Überraschend genau, scheint Humboldt den heutigen Zustand der südlichen Altstadt vor 200 Jahren getroffen zu haben, denn ein Gegensatz wie Tag und Nacht unterscheidet den sanierten Teil der Altstadt nördlich der Straße Brasil vom allgegenwärtigen Verfall, der offensichtlich das Klischee eines Kubas widerlegt, das sich erfolgreich dagegen aufgebäumt hätte, nach einer kurzen Phase der sowjetischen Alimentation erneut zur Dritten Welt degradiert worden zu sein.

Armut zum Erbarmen lauert allerwegen, allerdings ohne die sonst permanente kulturelle Prätention des Pathos abgedroschner Revolutionsphrasen an Haus und Wand. – Nur Narrenhände beschmieren Tisch und Wände! – Die Kümmerexistenzen lungern vor muffigen, gammeln vor dunklen Wohnhöhlen auf den Gassen herum und mit ihr der Blockwart, der diese sozialistische Tristesse bürokratisch korrekt überwacht und verwaltet.

Die Fäkal- und Unratslandschaft der Unterstadt
Die soziale Physiognomie des Gammlers, Tauge- und Habenichts und die berufsspezifische Mentalität des nichtsnutzigen Abzockers – Unter den Blinden ist der Einäugige König! – prägt Gassen, in denen pestilenzartiger Gestank haust, und ganze Straßenzüge, in denen ein Muff aus Kloake und Schimmel zum Himmel stinkt. Hier in der Fäkal- und Unratslandschaft der Unterstadt, einer Art sozialen Hölle degradierter Wohnmilieus, kommt der real-existierende Sozialismus erbärmlich zu sich selbst, der es nichtmals schafft, die Exkremente seiner Gefangenen wegzuorganisieren. Diese Zumutung gemahnt an ein schlecht geführtes Gefängnis, das gegen jedes Bürger- und Menschenrecht frappant verstößt. Die humanitäre Katastrophe ist nicht anständig.

Havanna ist ein Leben in Ruinen
Havanna ist ein Leben in Ruinen, und durch die Arkaden der Bürgersteige, die nun, sei’s der lieben Theorie halber so benannt, das Proletariat bewohnt, sind die herausragenden Ruinen der Stadt, ihre zerstörten Fassaden, zum Wahrzeichen derselben geworden und zum Menetekel an der Wand für die herrschende Unfreiheit.

Die Schuldfrage
Der Streit um die Schuld daran ist so alt wie die politische Theorie des Neokolonialismus dafür: Was aber wäre, wenn der fix belangte Boykott der monströsen Medusa des Nordens, des weißen angelsächsischen Protestanten, propagandistisch nicht ausgeschlachtet würde. Einmal angenommen, dies obskure Monstrum des abstrusen Volksmärchens aus der Mottenkiste, das frei nach Freud als Ersatzobjekt fungiert, da die Kritik am eignen System zensiert ist, hätte das Malheur gar nicht verschuldet. Dann hätten die Malaise Gründe verursacht, die skandalös die Mentalität des tropischen Schlendrians verantworteten. Außerdem liegt nach dem ökonomischen Kollaps des Ostblocks die Misswirtschaft des Sozialismus offen zu Tage.

Peru und Chile
Über die larmoyante Suche nach geschichtlichen und imperialistischen Sündenbocken sind zum Beispiel Peru und Chile schon lang‘ hinaus – und erzielen ökonomische Erfolge, so sehr einem auch Mario Vargas Llosas‘ Kehre zum Neoliberalismus und Kulturkonservatismus in den späten 1980er Jahren verdächtig erscheinen mag.

Eine Reise nach Kuba: Teil 2 – Leben in Ruinen.

Wir veröffentlichen hier den zweiten Teil des Reisetagebuchs von Christopher. Unser Autor ist im letzen Jahr nach Kuba gereist und hat sich sehr persönliche Gedanken gemacht.

Sein Fernweh und sein Interesse an fremden Kulturen und der spanischen Sprache haben ihn an die Deutsche Schule in Mexico-City getrieben. Christopher Weber hat seinen Einstieg in die Alltagswelt Mexikos hier im Blog in einer großen Serie beschrieben. Wir freuen uns, dass wir diese Beobachtungen nun mit den Kuba-Impressionen fortsetzen können.

cuba03Den maritimen Zugang zur Altstadt vor Augen (siehe Teil 1) würde man A.v. Humboldts Feststellung, Havannas Hafen sei eine der ersten Adressen des Welthandels, benommen, betäubt und verträumt glatt zustimmen.

Jedoch nimmt hinter Havannas Kolonialpracht die Ahnung, die jeder Kuba-Reisende in unseren Zeiten bang im Herzen birgt, Gestalt an. Die politische, gesellschaftliche und sozioökonomische Demoralisierung und Demolierung manifestiert sich krass in den zerfallenen Hinterhöfen, in den zerstörten Eingeweiden der Stadt, in den entkernten Hausinnereien. Darin kleben mehr Kabel überm Putz, als welcher zu sehen wäre: Tragen die Kabel die hohlen Wände oder die Kulissen die Kabel?

Von der infrastrukturellen Wüste jenseits der Flanierviertel der repräsentativen Staatsgebäude berichtete bereits A.v. Humboldt in für uns überraschender Ungleichzeitigkeit einer ahistorischen Rezeption, denn Havanna verfügte in der Moderne vor der Kubanischen Revolution natürlich schon einmal über eine funktionale Asphaltierung:

Die Straßen sind im Allgemeinen eng und die meisten sind selbst nicht gepflastert … kurz vor meiner Reise hatte man die seltsame Idee, das Pflaster durch die Versammlung großer Baumstämme wettzumachen. Bald schon ließ man das Projekt sein und die Reisenden, die erneut ankamen, sahen mit Erstaunen die schönsten Stämme aus Mahagoniholz in den Schluchten von Havanna begraben. Während meines Aufenthalts im spanischen Amerika zeigten wenige seiner Städte wegen des Fehlens einer guten Polizei ein abstoßeneres Aussehen als dieses Havanna, weil man bis zu den Knöcheln im Schlamm ging … Der Geruch von gesalzenem oder gepökeltem Fleisch verpestete oft die Häuser und selbst die stickigen Straßen.

Aktuell aus Mexico City: „Hatschi!“ – Gesundheit? – Nein, Schweinerei – rette sich, wer kann!

Alles ruhig in Mexico City?
Schweinepest: Alles ruhig in Mexico City?

Wenn man in Mexiko lebt und tagein, tagaus Tacos mampft, dann denkt man schon manches Mal an Deutschland und seinen Schweinebraten. Bei Rindfleisch ist einem der Appetit nach BSE schon lange vergangen, und Huhn gilt seit der Vogelgrippe ja auch als keine Delikatesse.

Nun aber ist die Schweinerei passiert und bei uns in Mexiko ausgebrochen. Aber wohl zur Genugtuung der mexikanischen Volksseele ist Mexiko wenigstens zusammen mit den USA die Brutstätte, von wo aus der neuartige Erreger in lateinamerikanische Länder und auch nach Europa übergesprungen ist, wie heute Morgen den laufenden Nachrichtensendungen verschiedener lokaler Radiosender zu entnehmen war.

Die mediale Epidemie, denn im Alltag kennt niemand jemanden der erkrankt wäre (so das Ergebnis meiner kleinen Umfrage), läuft mit wechselnden Schreckenshöhepunkten seit Freitag ab.

Donnerstagnacht hatte das Schulministerium in Absprache mit dem für Gesundheit beschlossen den Unterricht an Schulen und Universitäten bis auf weitere Unterrichtung zu schließen, sodass einige der Lehrerschaft freitagsmorgens ratlos im Lehrerzimmer arbeitslos wie zur seit der Weltwirtschaftskrise 1929 wie Berliner Eckensteher herumlummelten. Arbeitslos und Lehrer und Weltwirtschaftskrise? – So frappierend fragmentiert auf einmal die liebgewordenen Gewohnheiten der kognitiven Verortung seiner selbst im Alltag waren, so naheliegend sind doch die Assoziationen.

Denn einige meinen, infolge der allgemeinen Verunsicherung durch die derzeitige Weltwirtschaftskrise nähme die verunsicherte Masse und die Medien nur allzu gern die Epidemie auf, deren Konturen naturgemäß so unscharf sind, wie der Versuch globaler Beschreibungen des konjunkturellen Verlaufs von Volkswirtschaften.

Diese sozialanthropologische Deskription der durch die Epidemienachricht ausgelösten Ängste im Gefolge der Massenpsychologie Freuds – dass frei flottierende Ängste eine Projektionsfläche brauchen, die aber auch kaum rational zu durchdringen ist, so etwa wie die statistischen Unschärfen medizinischer Erklärungen des Verlaufs von Epidemien und deren Gefahrenpotential – wäre etwas für spätere soziologische Untersuchungen.

Beispielsweise tragen die Leute als Vorboten der Hysterie alle Mund-/ Nasenschutz, obwohl die Ärzte im TV zigmal sagten, dass das kaum etwas bringt, da die Infektion meistens so verläuft, dass man etwas Infiziertes anfasst und sich dann den Virus ins Gesicht reibt.

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Mexico City – Neunter Tag: man gönnt sich ja sonst nichts …

Jeder lese, solange es für ihn kurzweilig bleibt; ansonsten hat er auch nichts verpasst im Leben.
(Sprüche und Wendungen eines alten chinesischen Meisters)

Sonntag, der 8. Februar 2009

Um die Ecke ...
Um die Ecke …

Der andere Portier heißt Sergio und der hat mir heute erstmal erklärt, wie die Kabelglotze geht. – „Ich habe zu früh Tage gemacht!“, könnte ich mit Emila Galottis Prinzen Hettore Gonzaga zum Hofmaler Conti ausrufen, denn mein Wecker zeigte mir eine Stunde früher an, als es tatsächlich war. Zuerst, klar, dachte ich, ich hätte mich gestern Abend beim Stellen vertan. Aber bei genauerer Hinsicht stellte sich heraus, dass mein aus Deutschland mitgebrachter Wecker den Strom nicht ohne Weiteres schluckt, sondern bei ca. 110 Volt mexikanischen Gleichstroms schneller zu ticken beginnt. Nun ja, beim „Superama“-Supermarkt um die Ecke gibt’s einen Heizradiator für 17 Euro, da wird’s auch einen Wecker geben. Einen Heizradiator werde ich mir zulegen, da in México D.F. alpines Klima ist: Morgens kann es empfindlich kalt bei so 5 bis 8 Grad sein, mittags dann mediterrane 25 bis 30 Grad. – Ich habe mir vom gestrigen Wandern im Chapultepecpark einen Sonnenbrand an der Stirn geholt.

Meine neue Bleibe (im Hinterhof – schön ruhig) – Mein neues Auto: BMW 735 i - man gönnt sich ja sonst nichts
Meine neue Bleibe (im Hinterhof – schön ruhig) – Mein neues Auto: BMW 735 i – man gönnt sich ja sonst nichts

Heute also der erste Tag nach dem Umzug – nachts habe ich nichts geträumt, was denn in Erfüllung gehen könnte – am ersten Tag also durchstreifte ich natürlich meinen Barrio und stellte fest, es ist goldrichtig hier. Es ist wie dieses verwunschene Stück Berlin zwischen Wilmersdorfer Str., Bismarckstr., Hardenbergstr. und Zoologischem Garten und zurück über die Kantstr. oder südlich über den Ku’damm, also ein Charlottenburg zwischen Einkaufsmeile westlichen FuZo-Zuschnitts mit C&A, Herthie, Deichmann etc., „Mexico City – Neunter Tag: man gönnt sich ja sonst nichts …“ weiterlesen

Mexico City – Achter Tag: Nackthunde, Zählen und ein angenehmer Stadtteil

Jeder lese, solange es für ihn kurzweilig bleibt; ansonsten hat er auch nichts verpasst im Leben.
(Sprüche und Wendungen eines alten chinesischen Meisters)

Samstag, der 7. Februar 2009

Der City-Teil des Chapultepecparks
Der City-Teil des Chapultepecparks

Dem peruanischen Nackthund bin ich bei Trujillo im Juli 2005 über den Weg gelaufen, am Eingang einer Pyramidenanlage der Chimú-Kultur, die ich besuchen wollte. Zuerst dachte ich, ich hätte es mit einem mit der Leishmaniose infizierten Exemplar reudigen Köters zu tun, bei derm eben auch die Haare nach und nach komplett ausfallen. Diese Krankheit wird durch zum Glück recht flugunfähige Sandmücken übertragen, und die Virennester rund um die Einstichstelle zerstört die Haut in hässliche Pockenflatschen und bei schweren Arten der Leishmaniose bluten auch die inneren Organe. Übrigens hat diese Krankheit laut Wikipedia-Seite 42% der Hunde in Andalusien infiziert – da habe ich im Herbst 2008 Urlaub gemacht! Die Peruaner belehrten mich jedoch eines besseren, dass diese Hunde für die Küstenwüste Perus ganz typisch seien.

In Mexiko sind die Nackthunde ebenfalls verbreitet; die Azteken nannten sie Xoloitzcuintle. Im Palacio Nacional, dem Parlamentsgebäude am Zócalo, befinden sich Diego Riveras Murallas und auf zweien von ihnen sieht man eben auch die Nackthunde: Einmal knurrt einer einen spanischen Konquistadorenhund an, während Hernán Cortés nach der Landung in Vera Cruz Geld von den Unterworfenen eintreibt und ein andermal trinken zwei Nackthunde aus einem Tümpel, in dem Azteken ein bestimmte Baumrinde präparierend einweichen, um aus ihren Streifen später Papyrus zu walzen. „Mexico City – Achter Tag: Nackthunde, Zählen und ein angenehmer Stadtteil“ weiterlesen

Mexico City – Siebter Tag: Stadtevolution, Geografie und ein neues Auto

Jeder lese, solange es für ihn kurzweilig bleibt; ansonsten hat er auch nichts verpasst im Leben.
(Sprüche und Wendungen eines alten chinesischen Meisters)

Freitag, der 6. Februar 2009

Blick vom westlichen Rand des Zentrums in den Westen der Stadt
Blick vom westlichen Rand des Zentrums in den Westen der Stadt

La Ciudad de México D.F. hat eine ganz und gar ungewöhnliche Physiognomie durch seine Höhenlage im Talkessel zweier Bergmassive. Die Stadt hat sich im Laufe ihrer Evolution an den Bergflanken emporgerankt und kleinere Ausläufer assimiliert. Deshalb sind die Straßen zum Teil bestimmt steiler als die San Franciscos und die Architektur wahrlich abenteuerlich. In den Berghängen kleben Neu- und Altbauten, Straßen nehmen wüste Wendungen und Kehren und Nadelösenwenden zurück. Dieses Prinzip Chaos setzt sich im Antlitz der Stadt fort, wo Bauten im Kolonialstil neben Modernismen des letzten Schreis stehen und der Stadt immer wieder ein überraschendes Gesicht verleihen wie ein plötzlich auftauchendes Dreieckshaus, das die Fahrbahn zerschneidet und wo in seinem Bugfahrwasser die Wellen wieder zusammenschwappen. Oder die Avenida Amsterdam, die eine ehemalige Trapprennbahn war und dann zu einem Wohnviertel umfunktioniert wurde. Die Avenida hat eine ovale Form und man kann auch noch immer im Kreis bzw. Oval herumfahren und in der Mitte der Straße ist ein Grünstreifen, sodass man dort auch entlangjoggen, besser traben kann. Das typische lateinamerikanische Schachbrettmuster, das die Plaza de las Armas oder halt den Zócalo vergittert, hat Mexiko-Stadt zum Glück nur im Centro Histórico, okay, vielleicht auch noch ab und an woanders, aber eigentlich dominieren im Gegenteil die abenteuerlich mäandernden Straßen. „Mexico City – Siebter Tag: Stadtevolution, Geografie und ein neues Auto“ weiterlesen