Als am 1. November 1986 in Schweizerhalle bei Basel die Chemiefabrik von Sandoz brannte und das Ökosystem des Rheins vom Löschwasser „chemisch gereinigt“ wurde, war der Oberrhein besonders stark betroffen. Kurz nach Mitternacht ging im Basler Industriegebiet Schweizerhalle der Feueralarm los. Die schlecht geschützte Lagerhalle 956 der Chemiefirma Sandoz, in der 1350 Tonnen extrem giftiger Unkrautvernichter und Insektizide (Neusprech: „Pflanzenschutzmittel“) lagerten, brannte.
(Gastbeitrag Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein)
Die Umweltkatastrophe wurde von den Schweizer Behörden tagelang kleingeredet. Tatsächlich kam es zu einem verheerenden Fischsterben im Rhein. Tonnenweise tote Fische trieben den Rhein hinunter, auf einer Länge von 400 km wurde die gesamte Aalpopulation ausgelöscht. 30 Tonnen hochgiftige Substanzen gelangten mit dem Löschwasser in den Fluss, auf rund 400 Kilometern kam es zu einem verheerenden Fischsterben. Deutsche Chemieunternehmen wie Hoechst, Bayer und BASF nutzten die Basler Katastrophe, um zeitnah nach dem Unfall ebenfalls giftige Stoffe im Rhein zu „entsorgen“, schrieb die TAZ.
Die Sandoz-Katastrophe und die darauf folgenden öffentlichen Reaktionen können nicht losgelöst von anderen damaligen Ereignissen gesehen werden. Der Unfall geschah in einer Phase hoher politischer Sensibilisierung und Mobilisierung.
- 1984 strömten bei einer Explosion in einer Pflanzenschutzmittelfabrik des US-amerikanischen Konzerns »Union Carbide« im indischen Bhopal hochgiftige Gase ins Freie. Es starben unmittelbar Tausende Menschen; insgesamt forderte die Katastrophe Zehntausende Todesopfer.
- Am 26. April 1986 kam es in Tschernobyl zur Reaktorkatastrophe, die nach der damaligen PR der Atomkonzerne eigentlich nur mit der Wahrscheinlichkeit von 1- zu einer Milliarde Jahre geschehen konnte.
- Das Waldsterben 1.0 wurde immer deutlicher sichtbar und die Proteste dagegen verstärkten sich.
Hier geht’s zum Video „Des Volkes Stimme / Chemisch gereinigt – Menschenkette gegen die Rheinvergiftung“
Eine gesellschaftlich breite und starke Bewegung, nicht nur am Oberrhein, engagierte sich gegen Atomkraft, Umwelt- und Luftverschmutzung. Es war eine politische Umweltbewegung die ökologische Veränderung und Verbesserungen durchsetzte und die im Gegensatz zu heute weniger mit „Earthdayen · Cleanupen · Stadtradeln und Earthhouren“ beschäftigt war.Nach den Bildern vom 1. November 1986
gab es in der trinational eng vernetzten Umweltbewegung am Oberrhein vielfältige Protestaktionen, vom „Rheintribunal“ in Auggen bis zu einer Menschenkette entlang des Flusses und viele grenzüberschreitende Demos. Die stärksten Proteste gab es in Basel und der Schweiz, wo die Umweltbewegung nach den erfolgreichen Atomprotesten in Kaiseraugst sehr stark war. Ich erinnere mich an eine Phase vielfältiger trinationaler Aktivitäten, Sitzungen, Vorbereitungen, Demos und Aktionen. An der damaligen Menschenkette entlang des Rheins war ich mit meinem Kajak beteiligt (Hier auf YouTube)
Die Katastrophe in Schweizerhalle veränderten die Welt.
Industrieanlagen in den hochindustrialisierten Ländern wurden, auch durch den massiven Protest, sicherer und sauberer und leider wurden schmutzige und gefährliche Industrieanlagen in arme Länder des Südens verlegt. Nicht mehr die Katastrophe, sondern die darauf folgende „Krisenkommunikation“ wurde wichtig. Auch neue geschicktere Durchsetzungsstrategien, industriegelenkte Bürgerinitiativen und Greenwash der Konzerne wurden Realität. In den westlichen Staaten endete langsam die Phase der „guten, alten, sichtbaren“ Umweltverschmutzung. Doch die „Große Beschleunigung“ mit ihren verheerenden Folgen für die Welt (Klimawandel, Artenausrottung …) setzt sich trotz technischer Verbesserungen fort. 40 Jahre nach der Sandoz-Katastrophe wird in der Schweiz allen Ernstes über die Gefahrzeitverlängerung der Schweizer AKW auf 80 Jahre diskutiert und marktradikale Konzerne haben zunehmend die Hegemonie über die veröffentlichte Debatte.
Wenn heute in Bächen und Flüssen wieder gebadet werden kann dann hat das auch mit dem Protest gegen die Sandoz-Katastrophe und anderen frühen Protesten zu tun. Nicht nur die Basler Chemie ist sauberer und sicherer geworden und daran haben auch unsere damaligen Proteste ihren Anteil. Die damaligen Kämpfe waren schwierig und mühsam und dennoch einfach, denn die Rhein-Vergiftung war sichtbar, messbar und erkennbar. Heutige Kämpfe gegen den Klimawandel, das unbegrenzte Wachstum, gegen das explosionsartige Wuchern des Kleinen, gegen die Artenausrottung und die immer noch existierenden Gefahren von Chemie und Atomkraft sind schwieriger. Die marktlibertäre Agenda der letzten Jahrzehnte hat die Konzerne und ihre Lobbyparteien gestärkt und weltweit die Demokratie geschwächt.Dennoch können wir aus den frühen Protesten und Erfolgen Hoffnung und Kraft schöpfen.
Autor: Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein, (Alt-)BUND-Geschäftsführer (als Demonstrant bei den Sandoz-Protesten aktiv)
