Die AfD in NRW vor den Kommunalwahlen

Vortrag, Analyse und Diskussion im Bürgerzentrum Alte Synagoge Meschede

Sachlich und nüchtern trug der Journalist und AfD-Experte Rainer Roeser seine Analyse der AfD zu den Kommunalwahlen 2025 in NRW vor. (foto: zoom)

Am vergangenen Freitag referierte der Journalist und AfD-Experte Rainer Roeser über die AfD in Nordrhein-Westfalen vor den bevorstehenden Kommunalwahlen am 14. September 2025. Eine Stunde lang legte er sachlich und nüchtern vor etwas mehr als 30 Besucher*innen Politik und Strukturen der AfD NRW und ihrer Untergliederungen dar.

Im Anschluss diskutierten die Anwesenden eine weitere Stunde lebhaft die aufgeworfenen Fragen.

Wegen der großen Fülle an Zahlen und Zusammenhängen nehme ich das Fazit des Referenten vorweg.

Das Fazit des Vortrags in fünf Punkten zusammengefasst. (foto: zoom)

Die AfD, so Roeser, ist seit den letzten Kommunalwahlen kräftig gewachsen und kandidiere jetzt in deutlich mehr Kommmunen.

Mit 17 Prozent bei den letzten Bundestagswahlen sei die Partei allerdings 4 Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt geblieben.

Ihre Stärke liegen im Norden des Ruhrgebiets, insbesondere Gelsenkirchen, schwach sei die AfD im ländlichen Münsterland und den traditionellen Universitätsstädten wie Bonn, Köln, Düsseldorf, Münster, Bielefeld und Aachen.

Seit einer parteiinternen Krise in den Jahren 2011-2022 sei der NRW-Landesverband von damals 5.000 auf 11.000 Mitglieder gewachsen. Starke Kreisverbände sind Recklinghausen (600), Aachen (400) und Essen (400). Schwach seien Herne und Remscheid sowie der Landkreis Coesfeld (70).

Im Hochsauerlandkreis seien die AfD-Strukturen immer noch schwach. Die überwiegende Mehrheit ihrer Kandidat*innen für die Kreiswahlbezirke kämen aus Arnberg. Weitere Schwerpunkte befinden sich in Sundern und Olsberg.

Trotz dieser Schwächen könne angenommen werden, dass die AfD ihre letzten 5,1% auch im HSK weit übertreffen werde.

Die NRW-Hochburgen werden sehr wahrscheinlich der Norden des Ruhrgebiets, Hagen, Siegen-Wittgenstein und Ostwestfalen sein.

Auch Südwestfalen habe sich die Anzahl der Kommunen mit AfD-Beteiligung in den letzten 6 Jahren von 12 auf 24 verdoppelt.

Die AfD selbst gebe für den HSK keine Übersicht heraus, aber mit Hilfe des Delegiertenschlüssels auf dem Parteitag lasse sich errechnen, dass die HSK-AfD ungefähr 160 bis 180 Mitglieder habe. Bei einer Spannweite der NRW-Kreisverbände von 70 – 400/600 liege des HSK damit unter dem Durchschnitt.

Bei der Kommunalwahl vor sechs Jahren habe die AfD im HSK rund 3% der Stimmen erhalten, bei der Bundestagswahl 16%. Hochgerechnet auf die Kreistagswahl wären das 8 Mandate, aber realistisch seien 6, fast ausschließlich Arnsberger*innen.

Die Akzeptanz der AfD sei auch im HSK gewachsen. Bei prominenten Redner*innen könne die Partei mit „rappelvollen Saalveranstaltungen“ rechnen.

Strategisch richtet sich die AfD auf die Gewinnung neuer Zielgruppen aus. Dies erläuterte Rainer Roeser anhand der „Storch-PDF“.

Die AfD Politikerin Beatrix von Storch versucht, mit einer 54/55-seitigen PDF eine Strategiedebatte im Hinblick auf die kommenden Landtagswahelne und die Bundestagswahl 2029 anzustoßen. Es gehe ihr darum Stammwähler*innenschichten weiter auszubauen und gleichzeitig neue Zielgruppen zu erschließen.

Stammwähler*innen:

  • ländlicher Raum (Osten)
  • Industriearbeiter*innen
  • Ostdeutsche
  • seit 2023 auch junge Wähler*innen (nach Corona)
  • sogenannte Russlanddeutsche

Potentielle Gruppen:

  • Frauen
  • Generation 60+
  • Metropolen und Großstädte
  • Deutsche mit Migrationshintergrund (z.B. türkischstämmige)
  • konfessionell gebundene Christen

Als AfD-Wahlkampfthemen

Die Wahlkampfthemen der AfD gliedern sich schwerpunktmäßig in Punkte Innere Sicherheit & Migration, Wirtschaft, Klima & Verkehr, sowie den Bereich Kultur.

Rainer Röser fächerte diese Punkte weiter auf. Im Einzelnen:

Sicherheit/Migration

  • starke Polizei
  • Remigration
  • Integration spielt keine Rolle
  • lokale Kompetenzen und Fähigkeiten spielen keine Rolle

Wirtschaft/Klima

  • AfD als Sachwalter der Arbeitnehmer*innen
  • Klimaschutz als Bedrohung für Arbeitsplätze

Klima / Umwelt

  • Kampagne gegen lokale Projekte zum Klimaschutz (Windräder, Solarflächen)
  • Vorstöße im Rat und Unterschriftenaktionen
  • Kooperation mit „Bürgerbewegungen“

Verkehr

  • freie Fahrt für freie Bürger
  • Parkplätze erhalten
  • AfD = Autos für Deutschland (2020 Paderborn)

Kultur

  • AfD empfindet (Hoch-)Kultur als Bedrohung
  • Helferich: „Die Parole muss lauten: Nibelungensage und deutsche Helden statt postmodernem Fäkaltheater“
  • Hochkultur, Soziokultur und autonome Zentren seien für die AfD Streichobjekte, ebenso öffentliche Bibliotheken
  • die deutsche Flage vor jedes öffentliche Gebäude
  • traditionelle Weihnachtsfeste
  • Gedenktage für die Opfer der Bomben auf Deutschland

In der Partei tobten teils heftige Kämpfe um Posten und Positionen, Die Hoffnung auf Ruhe im (Vor-) Wahlkampf sei nicht aufgegangen.

Die NRW-AfD bleibe zerstritten, wobei sich nach den alten Kämpfen zwischen dem sogenannten „Flügel“ und den „Gemäßigten“ neue Fronten gebildet hätten.

Zu den oben angeführten beiden Punkten „Streit in der AfD“ schreibe ich an dieser Stelle nichts mehr. Wer sich darüber informieren will, mag Rainer Roesers Artikel „Nestbeschmutzer“ gegen „Sudeler“ im Lotta-Magazin oder bei den Nordstadtbloggern lesen:
https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/97/nestbeschmutzer-gegen-sudeler/
https://www.nordstadtblogger.de/nrw-afd-vor-der-bundestagswahl-sudeler-gegen-nestbeschmutzer-im-intrigantenstadl/

An den einstündigen Vortrag, den ich in Grundzügen skizziert habe schloss sich eine dreiviertel Stunde intensiver Diskussion an.

Rainer Roeser und Reinhard Loos (SBL) bedanken sich am Ende bei den Besucher*innen. (foto: zoom)

Einige Stichpunkte aus der Diskussion:

Viele AfD-Kandidat*innen hätten „inhaltlich nichts auf der Platte“. Ihre Leute erschienen überwiegend unvorbereitet zu Interviews. Das mache anscheinend nichts. Sie würden trotzdem gewählt.

Die mangelhafte Politik der letzen Bundesregierungen hätten zum Aufstieg der AfD beigetragen. Dieser wäre nicht möglich gewesen, so Roeser, ohne die Politik der anderen Parteien (Agenda 2020, Hartz, Schroeder, …): „Wir diskutieren seit Jahren und die AfD kommt trotzdem voran. Haben wir eine Generalstrategie? Haben wir einen Plan?“

Frustwähler*innen gehen nicht auf solche Veranstaltungen wie diese. So erreichen wir sie nicht.

Die AfD halte uns Stöckchen hin und wir springen. Sie treibt uns beim Thema Abschiebungen. Statt vernünftige Integrationspolitik zu betreiben, wollen die bürgerlichen Parteien „härter als die AfD“ sein. Auch Merz treibe das voran.

Integrationsarbeit werde zerstört, Familien zerissen. Auch die einfache Mitmenschlichkeit werde zerstört. Siehe dazu hier im Blog: https://www.schiebener.net/wordpress/schmallenberg-abschiebung-eines-18-jaehrigen-iraners/

Es bräuchte stattdessen ein gute, sachliche und positive Perspektive sowie Solidarität.

Ahmet Arslan, Landratskandidat der SBL, betonte, dass Remigration Deutschland lahmlegen würde. Deutschland brauche Zuwanderung und Integration, um den Staat und seine Wirtschaft aufrecht zu erhalten. Er wies in diesem Zusammenhang auf eine Studie Dortmunder Forschender hin.

Rainer Roeser macht auf den hohen Anteil von Wählern bei Arbeitern und Gewerkschaftern aufmerksam. Diese wählen gegen ihre eigenen Interessen. Wie kommen wir an diese Menschen ran?

Rainer Loos (SBL) hat viele Erfahrungen mit den Menschen im Osten Deutschland. Er erklärt, dass die AfD dort als „Partei der Entrechteten“ angesehen werde. Sie könne machen, was sie wolle. Die Verteufelung der Migration schaukele die Stimmung auf.

Ein anderer Besucher ergänzt, dass es Landstriche ohne AfD gebe, die Partei aber trotzdem gewählt würde, weil sie „die Ausländer fern hält“. Die Kritik an der derzeitigen Regierung müsse konkreter werden.

Roeser: Es gebe nicht nur Journalisten wie Reichelt vom Hetzportal NIUS, sondern auch die entsprechende Politik in Berlin.

Die AfD mache Politik auf Bildzeitungsniveau, aber Politik sei schwierig und im Tagesgeschäft nicht auf Parolen zu reduzieren.

Gegen Ende der Diskussion fragt eine ältere Dame: „Haben die Menschen vergessen, wie 1933 geschehen konnte?“

Gegen 21 Uhr endete die Veranstaltung, aber ich bin sicher, nicht das Nachdenken über die AfD.

Es bleibt mir noch, den Stoßseufzer eines Besuchers zu notieren: „Wo ist ‚Mehr Demokratie wagen!‘ hin?“

3 Gedanken zu „Die AfD in NRW vor den Kommunalwahlen“

  1. Wenn Elon Musk, rechter Milliardär, Fan von Apartheid und Hitlergruß, sich jetzt in den NRW Wahlkampf einmischt und für die Wahl der AfD wirbt, dann sollten Demokrat*innen endlich ihren Account auf X löschen und den Tesla verkaufen.
    Und Politiker*innen demokratischer Parteien und staatliche Institutionen sollten sich ebenfalls von X verabschieden.

  2. Danke für die Blumen.

    Vieles habe ich noch ausgelassen. Der in dem Beitrag verlinkte Artikel von Januar bei den Nordstadtbloggern bzw.im Lotta-Magazin liefert weitere Infos.

    Rainer Roeser sagte mir am Rande der Veranstaltung, dass er ein Auswertung der Landtagswahlen schreiben werde. Diese soll zeitnah im nächsten Lotta-Magazin erscheinen

    Bin gespannt.

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