Darf, sollte oder müsste Journalismus anonym sein?

Die Rheinische ZeitungEiner Leserin verdanken wir folgendes Zitat aus der Rheinischen Zeitung vom 15. Januar 1841:

„Meine Antwort erscheint ferner anonym. Ich folge darin der Überzeugung, daß zum Wesen der Zeitungspresse Anonymität gehört, die eine |174| Zeitung aus einem Sammelplatz vieler individueller Meinungen zu dem Organ eines Geistes macht. Der Name schlösse einen Artikel so fest von dem andern ab, wie der Körper die Personen voneinander abschließt, höbe also seine Bestimmung, nur ein ergänzendes Glied zu sein, völlig auf. Endlich macht die Anonymität nicht nur den Sprecher selbst, sondern auch das Publikum unbefangener und freier, indem es nicht auf den Mann sieht, welcher spricht, sondern auf die Sache, die er spricht, indem es von der empirischen Person ungestört die geistige Persönlichkeit allein zum Maß seines Urteils macht.

Wie ich aber meinen Namen verschweige, so werde ich in allen Detailangaben Beamten und Gemeinden nur dann nennen, wenn gedruckte, im Buchhandel befindliche Dokumente angezogen werden oder wenn die Nennung des Namens ganz harmlos ist. Die Presse muß die Zustände, aber sie darf meiner Überzeugung nach nicht die Personen denunzieren, es sei denn, daß einem öffentlichen Übel nicht anders zu steuern wäre oder daß die Publizität schon das ganze Staatsleben beherrscht und also der deutsche Begriff der Denunziation verschwunden ist.“

Autor: Karl Marx

2 Gedanken zu „Darf, sollte oder müsste Journalismus anonym sein?“

  1. Hallo!

    Dass der „alte“ Karl Marx mir einmal so aus der Seele sprechen würde, dass habe ich bis heute nicht geglaubt!

    „…Endlich macht die Anonymität nicht nur den Sprecher selbst, sondern auch das Publikum unbefangener und freier, indem es nicht auf den Mann sieht, welcher spricht, sondern auf die Sache, die er spricht, indem es von der empirischen Person ungestört die geistige Persönlichkeit allein zum Maß seines Urteils macht…“

    Ich glaube, dass brauchen wir vielleicht doch hier im Sauerland.

    Denn, aktuelles Beispiel, wer heute den Leserbrief im Winterberg-Olsberger Regionalteil der WP gelesen hat, der konnte schon wieder ein Paradebeispiel der angestrebten Informationspolitik hier bei uns im Sauerland wahrnehmen.

    Es ging um die Leserbriefe bezgl. der „Kommunikationsinsel am Gymnasium Winterberg“. Ein Studiendirektor a.D. (wohl nicht aus Winterberg), meinte ziemlich direkt, dass es doch wohl nicht sein kann, dass ein „Interner“ (hier wohl ein Lehrer des Gymnasiums) hier unverblümt seine Meinung schreibt. Nicht nur „Dienstaufsichtsbeschwerde“ seien angesagt, nein, es wurde auch komplettes Unverständnis über diese „Nestbeschmutzer-Mentalität“ dargestellt. Wenn man schon etwas „ausplaudern“ wolle, dann doch nur Positives – da sind wir dann wieder beim Applausjournalismus hier in unserer Gegend.

    Dem Lehrer-Leserbriefschreiber hätte hier wahrscheinlich Anonymität besser zu Gesicht gestanden. Dann wären die „internen Infos/Sichtweisen“ wenigstens nicht so schnell in die „Nestbeschmutzerecke“ eingeordnet worden.

    Ganz abgesehen auch davon, dass auch noch einige „persönliche Wertigkeiten“ von dem Studiendirektor a.D. an den Lehrer weitergegeben wurden.

    Der Wiemeringhauser

  2. @Kommunikationsinsel:
    Die Geschichte hat einen hohen Grad an Verworrenheit erreicht. Die Gemenge-Lage aus persönlichen Wertungen sowie der Lauf der Ereignisse von der Idee der Kommunikationsinsel bis zur Verwirklichung samt Nachlauf scheint bis heute sehr undurchsichtig.
    Um ein einigermaßen klares Bild zu bekommen, müsste jemand, der außerhalb des Geschehens steht, mindestens eine handvoll Interviews führen und die wesentlichen Unterlagen sichten. Das könnte Zeit kosten. Nach der Recherche erschiene dann idealerweise ein Bericht.

    Politisch müsste in absehbarer Zeit ein neutraler Streitschlichter/Moderator die Beteiligten an eine Tisch bitten, damit sie sich hinterher wieder in die Augen gucken können.

    Alles Konjunktive, aber vielleicht(?)/wahrscheinlich(?) wird nichts von allem passieren, es wächst Gras (in letzter Zeit eher Mais ;-) )über die Sache und „die Kommunikationsinsel“ wird zu einer der vielen Legenden und Mythen, die es nicht nur im Märchen, sondern auch im Sauerland gibt.

    Ich hatte mich hier im Blog vor einiger Zeit lediglich zur meiner Meinung nach unzureichenden Berichterstattung in den Medien geäußert, nicht zur Sache selbst.

    Vielleicht hat die WP ganz einfach die Sprengkraft des Themas unterschätzt.

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