„Christlich-humanitärer“ Kreuzzug? Ruft der „Briloner Anzeiger“ zu neuen Religionskriegen auf?

Stichwort der Woche vom 29. Oktober: Das "chrisliche Abendland" als Rettung vor dem Terror der IS? (screenshot)
Stichwort der Woche vom 29. Oktober: Das „chrisliche Abendland“ als Rettung vor dem Terror der IS? (screenshot)
Ruft der „Briloner Anzeiger“ zu neuen Religionskriegen auf? Nein, nicht direkt, aber im Kommentar „Stichwort der Woche“ vom 29. Oktober ‚Deutsche „Gotteskrieger“‚ lautet der Schlusssatz:

Der Kampf gegen die IS kann nur dann[sic!] gewonnen werden, wenn wir dem kruden Wertesystem des falschen Propheten endlich ein eigenes, christlich-humanitäres Wertesystem entgegensetzen. Dann – und nur dann[!], können wir den islamistischen Terror wirksam und auf Augenhöhe[!] bekämpfen.

Seit einer Woche liegt die Zeitung bei mir auf dem Schreibtisch und ich sehe immer noch keinen Sinn in der Argumentation des Autors, sondern eine Gefahr für unsere Gesellschaft, sollte sich das Zerr- und Wunschbild einer religiösen Gesellschaft in den Köpfen der Menschen verankern.

Terroristische Organisationen, die ihre Ideologie von einer historisch jungen Religion ableiten, können nicht mit Religion bekämpft werden, sondern nur mit Vernunft.

Wir leben in einer weitgehend säkularen Gesellschaft, in der viele Religionen und Glaubensrichtungen ihren Platz haben. Aufgrund der unvollständigen Säkularisation haben leider die katholische und evangelische Kirche viele Privilegien in unserem Staat.

Wie die Religionen und Kirchen in unserer abendländischen Geschichte gewütet haben, wenn sie zu viel weltliche Macht hatten, zeigt die Geschichte.

Daher kann ich das Bedauern

Die Religion ist in einer konsumorientierten, kapitalistischen Gesellschaftsordnung leider teilweise auf der Strecke geblieben.

nicht nachvollziehen.

Und dann geht es munter weiter:

Humanistische Ersatzwerte wurden nicht geschaffen, stattdessen bestimmen die Kapitalmärkte das Geschehen.

Was für eine Verdrehung der Geschichte. Der Humanismus und die Vernunft mussten sich gegen den tödlichen (Scheiterhaufen, Ketzer) Machtanspruch der katholischen Kirche erst durchsetzen.

Was heißt vor diesem Hintergrund „christlich-humanitär?“

Juden? Buddhisten? Agnostiker? Muslime? Hindi …? Sind sie nicht ebenfalls deutsche Staatsbürger?

Ein Leser unseres Blogs hat uns zu dem Kommentar im Briloner Anzeiger unter anderem geschrieben:

… es gibt viele Menschen, die trotz areligiöser Haltung, sehr friedlich eingestellt sind. Demzufolge bin ich der Meinung, dass Frieden nur dann gelingen kann, wenn die Weltgemeinschaft fernab von wirtschaftlichen Interessen nach einer neutralen Gleichberechtigung für alle strebt.

Sprich Demokratie über alle Religionen, Weltanschauungen und Ideologien hinweg. Konkret bedeutet das für mich: Ein Weltvertrag, dem alle Erdenbewohner verpflichtet sind. Somit wäre gewährleistet, dass der Schwarzafrikaner den gleichen Anspruch auf Wohlstand hat, wie der Japaner. Somit wäre gewährleistet, dass der Hindu den gleichen Anspruch auf Gesundheit hat, wie der Europäer.

Somit wäre gewährleistet, dass der Yeside den gleichen Anspruch auf Religion hat, wie der Alawit. Somit wäre gewährleistet, dass jeder die gleiche Verantwortung für den Anderen hat. Quasi: Alle für einen.

Einer für alle. Eine Art globale Zivilcourage. Jeder passt auf, dass keiner bedroht, misshandelt, manipuliert usw. wird. Unter diesen Voraussetzungen wäre dann auch kein Handel von Waffen, Frauen, Drogen, Kindern, Religion usw. möglich …

Diese Argumentation gefällt mir wesentlich besser als der die Gesellschaft auseinandertreibende Fanatismus der ‚Deutschen[n] „Gotteskrieger“‚.

15 Gedanken zu „„Christlich-humanitärer“ Kreuzzug? Ruft der „Briloner Anzeiger“ zu neuen Religionskriegen auf?“

    1. @gp:

      Die Identitären (Nazis) sind nicht so neu. Vor zwei Jahren sind mir die ersten persönlich im Freibad Siedlinghausen begegnet. Eine Familie mit Kindern, „prollig“, die Klamotten mit Sprüchen der „Identitären“ gepflastert. Erinnerten mich vom Habitus an diese „Todesstrafe für Kinderschänder“-Nazis.

  1. @zoom:

    „Die Identitären (Nazis) sind nicht so neu. …“
    Schon klar. Sehe den Beitrag auch eher als Hinweis auf das, „was im rechten Spektrum noch so alles kreucht und fleucht“.

  2. @gp:

    Ja, der Schoß ist fruchtbar noch …

    Lese gerade das neue Stichwort der Woche und das ist auch wieder eine sehr merkwürdige Mischung, die mit dem Schlusssatz endet: “ … eine derart verantwortungslose Gesellschaft ist es nicht wert, sich weiterhin fortzupflanzen“.

    Die segeln hart an der Kante …

  3. wir hatten ja in schleswig-holstein kürzlich eine gottesbezug-debatte im rahmen einer verfassungsänderung. der von der cdu und teilen der spd und der grünen geforderte gottesbezug wurde von den parlamentariern mehrheitlich abgeschmettert.

    wie man hört, plant die kath. kirche nun einen volksentscheid, um dieses votum zu drehen. die ev. kirche windet sich. soll sie mitmachen? auf zum letzten gefecht?

    die ev. kirche ist gemessen an mitgliedern in mvp krass minoritär, in hh deutlich minoritär, nur in sh so gerade eben noch um die 50 %. die kath. kirche ist in allen drei ländern in der diaspora.

    da ist offenbar torschlußpanik im spiel. und dabei gehen toleranzstandards zum deifi.

    im vergleich mit dem sermon, den ein lübecker paster zum thema losgelassen hat, ist der briloner anzeiger geradezu intellektuell. hier der lübecker:

    http://www.hl-live.de/aktuell/text.php?id=94594

    bitte die völkische selbstoffenbarung zu beachten: das adjektiv „deutsch“ kommt dem protestanten geradezu inflationär über die lippen/ in die tasten.

    ein hassprediger?

    wir befinden uns in der lutherdekade der ev. kirche. was erwartet uns im lutherjahr 2017?

    1. @tino

      Ich habe die Debatte in Schleswig-Holstein mitverfolgt, zumal wir in NRW den Bezug auch noch in der Landesverfassung stehen haben.

      „der cdu und teilen der spd und der grünen geforderte gottesbezug wurde von den parlamentariern mehrheitlich abgeschmettert.“

      Was treibt denn da die SPD und die Grünen um?

      Ok, die Grünen mit ihren christlichen Karrieristen, kann ich nachvollziehen, aber die SPD? Die Partei von Bebel?

  4. @zoom

    weil…

    der alte volkspartei-unsinn: deutschland ist aufgeteilt wie ein rundfunkrat.

    die cdu hat die schützen, die feuerwehren, den deutschen sportbund, die kath. kirche. die spd hat die mietervereine, die gewerkschaften, den sozialverband, und eben auch die vangelen (wie meine ex-kath. freundin zu sagen pflegt).

    naja, das alles kommt grad ins rutschen, weil die spd an 25 % leidet und da nicht so recht rauskommt.

    und noch zu bebel: er wäre heute nicht in der spd. diese partei hat wahrlich viel unsinn behauptet und tut dies noch immer. aber das bebel im ersten weltkrieg den kriegskrediten zugestimmt hätte, das habe ich noch nirgendwo gelesen. weil es schlicht unvorstellbar ist. er war ein feiner kerl.

  5. @ tino

    Danke! sonst hätte ich das selber schreiben müssen:

    „und noch zu bebel: er wäre heute nicht in der spd. diese partei hat wahrlich viel unsinn behauptet und tut dies noch immer. aber das bebel im ersten weltkrieg den kriegskrediten zugestimmt hätte, das habe ich noch nirgendwo gelesen. weil es schlicht unvorstellbar ist. er war ein feiner kerl.“

    Die Rechten von der SPD haben meine Lieblingsrevolutionärin umgebracht …

    http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Luxemburg/lux_br11.html

  6. Zitat: „Wir leben in einer weitgehend säkularen Gesellschaft, in der viele Religionen und Glaubensrichtungen ihren Platz haben. Aufgrund der unvollständigen Säkularisation haben leider die katholische und evangelische Kirche viele Privilegien in unserem Staat.“

    Diese Privilegien müssen überprüft und an die heutigen Verhältnisse angepasst werden. Allein dass der Staat immer noch die Kirchensteuer einzieht, ist nur eines von vielen Beispielen.

  7. tja, es braut sich was zusammen…

    der tageszeitungs-monopolist in schleswig-holstein, die shz-gruppe, war schon im vorfeld der gottesbezug-entscheidung des landtags einpeitscher falscher weltsicht (gottesbezug notwendig, mehrheit wahrscheinlich etc.).

    nun macht der verlag weiter:

    http://www.shz.de/nachrichten/deutschland-welt/politik/senioren-union-unterstuetzt-gottesbezug-id8097761.html

    wirkung des imports kläsener von der westfalenpost? war hier im blog im mai dieses jahres schon mal thema.

    schön zu erkennen der politische hintergrund der schlumpfbezugskampagne: gegen die linkspartei, gegen mindestlohn, für afd, für bürgerliche bildungsprivilegien, für recht und ordnung und ärztewillkür.

    das ist tea-party auf deutsch.

  8. Aus meiner Sicht hat Norbert Schnellen völlig Recht mit seinem Artikel. Die bisherige Diskussion zu diesem Thema zeigt auf, das ein Teil der Diskutanten das zugrundeliegende Problem gar nicht zur Kenntnis nimmt.
    Statt in eine absolut notwendige Diskussion über Werte und Leitkultur einzusteigen, werden reflexartig, vermeintliche und tatsächliche kirchliche Probleme kritisiert.

  9. @ureinwohner:

    Nun – eine Diskussion über eine irgendwie geartete sogenannte „Leitkultur“ halte ich für wenig hilfreich, um das friedliche Zusammenleben der Menschen auf dem Boden der Bundesrepublik zu erhalten.

    Ich denke, dass wir uns alle auf das Grundgesetz einigen sollten.

    Eine Frontenbildung entlang religiöser Linien wie christlicher-Humanismus vs. „Islamismus“ ist nicht nur dumm, sondern gefährlich!

    Dies gilt umso mehr als sich in Zeiten sozialer Verwerfungen, wie wir sie heute erleben und die sich mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft noch verschärfen werden, Demagogen gern ihre Partikularinteressen mit (auch religiösen) Ideologien verknüpfen.

    Dass dies auch ohne Islam funktioniert, hat uns der Bürgerkrieg in Nordirland gezeigt. Sprengstoff war dort die soziale und politische Benachteiligung der meist katholischen „Ureinwohner“, die ihren Hass auf die als privilegiert empfundenen „protestantischen Besatzer“ mit Hilfe der Religion anfachten vice versa die Protestanten.

    Religion war NICHT die Ursache des Konflikts, die waren vielfältig sozialer und politischer Natur.

    Natürlich müssen wir den brutalen, mörderischen Feldzug der sogenannten IS genau analysieren.

    Dieser Feldzug (und seine militärischen Erfolge) hat nicht die Religion als Ursache, sondern wird ermöglicht durch das Machtvakuum auf einem riesigen Territorium, vollgestopft mit hochmodernen Waffen und hochprofitablen Bodenschätzen (Öl!).

    Soweit erst einmal. Wir leben in unsicheren Zeiten, in denen wir unsere Gesellschaft zusammenhalten müssen. Humanistisch gerne, aber christlich-humanistisch legt die Lunte, die durchgeknallte Ideologen dann umso leichter anzünden können.

    So – und jetzt sagen Sie mir, was Sie für „das zugrundeliegende Problem“ halten.

  10. Ihrer Antwort ist für mich weitgehend nachvollziehbar, ich kann sie auch in großen Teilen mittragen.
    Ihnen geht es vorrangig um die Verhinderung eines Aufbaus einer Konfliktlinie religiöser Art zwischen Christentum und Islam.

    Mir geht es um das Auffüllen des bestehenden Vakuums an tragenden Werten in unserer westlichen Welt, die z.B. junge Leute mit Migrationshintergrund ohne Perspektive anfällig für islamistische Heilslehren werden lässt.
    Konkret müssen unsere „heiligen Kühe“ wie Konsum, Wachstum, Markt, Vorrang der Wirtschaft vor dem Staat … ersetzt werden durch wirkliche Werte.
    Das sind aus meiner Sicht christliche Werte, die sich durch jahrhunderte alte Tradition herausgebildet haben. Genau an dieser Stelle trennen sich unsere Vorstellungen.

    1. @Ureinwohner:
      Gut! Klarheit ist immer gut :-)

      In Ihrer Antwort stecken viele Fragen:

      1. Gibt es überhaupt ein Werte-Vakuum? Ich denke: Wir haben Werte im Überhauf ..

      2. Wer sind die jungen Leute, die vom IS geködert werden? Teils Kriminelle, die nach dem Motto „Etwas besseres als den sozialen Tod finde ich überall“ sich nach Syrien durchschlagen … ansonsten habe ich keine Statistik zur Hand.

      3. Was sind „wirkliche“ Werte vs „unwirkliche“? Da wird mir mit den „Heiligen Kühe[n]“ zu viel durcheinander gerührt. Muss auch noch (Erinnerung an mich) ausgeführt werden.

      4. Was sind „christliche“ Werte, also Werte die nicht auch ein säkularer Mensch entwickeln könnte.

      5. Wie grenzen Sie „christliche“ Werte von „buddhistischen“, „hinduistischen“, „muslimischen“ … Werten ab?

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