Brandenburg: Waldorfschule – eine “Sekte” für alle?

Rudolf Steiner um 1905 (Quelle: wikipedia)
Rudolf Steiner um 1905 (Quelle: wikipedia)

Ein Rechtsgutachten sagt: “Dass einem privaten Schulträger in Zukunft eine Monopolstellung zukommen kann, wird grundgesetzlich nicht ausgeschlossen.” Und: “Er erfüllt dann die Aufgabe einer öffentlichen Schule.” Gibt es bald eine Monopolstellung privater Schulen? Die Waldorfschule für alle?

Von Andreas Lichte

Wie die “Potsdamer Neueste Nachrichten” am 29.11.2011 berichten, will die Brandenburger Koalition von SPD und Linke Kürzungen bei der Bezuschussung von Privatschulen vornehmen und begründet diese u.a. mit der wachsenden Existenz-Gefährdung der Öffentlichen Schulen durch Privatschulen.

Aufgrund der massiven Proteste der privaten Schulträger wurden die vom Brandenburger Kabinett bereits beschlossenen Kürzungen inzwischen abgemildert: bis zum Jahr 2015 sollen die Zuschüsse für Privatschulen statt ursprünglich um 20 Millionen Euro nun nur noch um 13,5 Millionen Euro gekürzt werden.

Dieses Zugeständnis hält die privaten Schulträger aber nicht davon ab, den Druck auf die Brandenburger Landesregierung weiter zu erhöhen: ein Rechtsgutachten von Professor Bodo Pieroth, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, wurde vorgestellt. Piroth hält es für mit dem Grundgesetz vereinbar, dass es in Regionen mit schrumpfenden Einwohner- und Kinderzahlen künftig keine Öffentlichen Schulen mehr gibt, sondern nur noch Privatschulen, Zitat Pieroth:

“Dass einem privaten Schulträger in Zukunft eine Monopolstellung zukommen kann, wird grundgesetzlich nicht ausgeschlossen.” Und: “Er erfüllt dann die Aufgabe einer öffentlichen Schule.”

Das Grundgesetz, Artikel 7, Absatz 4, gewährleistet ausdrücklich “das Recht zur Errichtung von privaten Schulen”. Aber ist es noch eine “freie Gesellschaft”, wenn Eltern gezwungen werden, ihre Kinder auf eine Privatschule wie die Waldorfschule zu schicken?

Eine Schule, von der Prof. Dr. Stefan T. Hopmann, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien, sagt, dass sie von einer “Sekte” betrieben wird, Zitat Prof. Hopmann:

“Wir leben in einer freien Gesellschaft. Also hat jede/r das Recht, jeden Unfug zu glauben. Nur sollten sich Eltern, die ihr Kind einer Waldorfschule anvertrauen, darüber im klaren sein, dass sie dann einer Pädagogik vertrauen, die ein heilloses Gebräu esoterischer Glaubenssätze über Drüsen, Zahnentwicklung, astrologischen Einflüsse und ähnliches ist, das von der modernen Kinderpsychologie und der aktuellen Lehr-Lern-Forschung durchweg als durch nichts begründbarer Unsinn abgelehnt wird. Entschiedene Waldorfianer wird das nicht anfechten: Wie alle Sekten sind sie gegen widersprechende Wissenschaft immun.”

Waldorfschule als “Sekte” kommt auch von einem ehemaligen Schüler, Zitat: “Diese Schule ist eine Sekte, die meiner Meinung nach komplett verboten werden sollte. Vor allem ist es unerhört, dass so etwas noch mit Steuergeldern unterstützt wird.” Die hier beschriebene Schule ist nicht mehr im “Bund der Freien Waldorfschulen”. Diese schon, siehe den Bericht einer Mutter, Zitat: “Die Wahnvorstellungen Rudolf Steiners werden in der Waldorfschule ausgelebt – mit kräftiger finanzieller Unterstützung des Staates. Dieser lässt diese Sekte schalten und walten, wie es ihr gefällt.”

Vertreten werden die Privatschulen in Brandenburg von der “Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen Brandenburg“. Deren Geschäftsführer ist Dr. Detlef Hardorp, zugleich “Bildungspolitischer Sprecher der “Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg”. Hardorp ist bekennender Anhänger von Rudolf Steiners Religion “Anthroposophie” und steht wie kaum ein anderer für eine sektiererische Weltsicht:

“Hardorp sieht in Rudolf Steiner – Begründer und Guru der Waldorfpädagogik – den eigentlichen Entdecker der Quantenphysik, siehe: “Waldorfschule: Physik vom Hellseher

“Hardorp ‘interpretiert” selbst die härtesten rassistischen Aussagen Rudolf Steiners noch als, Zitat Hardorp, “Steiners Haltung zur multikulturellen Gesellschaft in einer globablisierten Welt.” Siehe dazu: “Waldorfschule: Dr. Detlef Hardorp verkauft Rudolf Steiners Rassismus als Multikulti’

Dass sich die anthroposophischen Waldorfschulen von Dr. Detlef  Hardorp vertreten lassen, überrascht nicht. Aber wie auch andere private Schulträger gemeinsame Sache mit Hardorp und den Waldorfschulen machen können, sollen sie selber erklären. Besonders interessant wäre eine Stellungnahme der Christlichen Schulen in Brandenburg, denn sie müssten eigentlich ganz laut “Sekte!” rufen, Zitat NZZ:

“Rudolf Steiner formuliert ein 5. Evangelium, das die vier biblischen ergänzt, sie in ihrer Bedeutung laut Steiner aber übertrifft, weil er als Hellseher unmittelbare Erkenntnis beansprucht. Die biblischen Evangelien stammten zwar auch aus der Akasha-Chronik, seien durch fehlerhafte Abschriften aber verfälscht worden.”

Weiterführende Artikel der Ruhrbarone:

Waldorfschule: Physik vom Hellseher – Dr. Detlef Hardorp erklärt Rudolf Steiner zum eigentlichen Entdecker der Quantenphysik, von Dr. Tobias Maier

Waldorfschule: Dr. Detlef Hardorp verkauft Rudolf Steiners Rassismus als Multikulti

3 Jahre Rudolf Steiner ist “zum Rassenhass anreizend bzw. als Rassen diskriminierend anzusehen”  – die “Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien” (BPjM) entschied, dass Bücher Rudolf Steiners rassistischen Inhalt haben

Wie gut sind Waldorfschulen? – Erfahrungsbericht einer Mutter

Waldorfschule: “Man kann nicht nur ein »bisschen« Waldorf sein”, Interview mit Prof. Dr. Stefan T. Hopmann, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien

Zuerst veröffentlicht beim Blog Ruhrbarone.

9 Comments
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Andreas Lichte
10 Jahre her

Aktualisierung zum Artikel: Das Rechtsgutachten von Prof. Bodo Pieroth hätte natürlich für ganz Deutschland Konsequenzen, wenn es allgemein anerkannt würde. In folgenden Artikel wird eine Expertise vorgestellt, die Pieroth widerspricht: http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12230785/62249/Ministerin-Muench-erteilt-Monopolstellung-von-freien-Schulen-Absage.html “Ministerin Münch erteilt Monopolstellung von freien Schulen Absage (…) Auch unter Wissenschaftlern gehen die Meinungen auseinander. So ist das aktuelle Pieroth-Gutachten eine Gegenantwort auf die Expertise, die der Schulrechtler Hermann Avenarius im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Mai vorgestellt hatte. Der Jurist – emeritierter Professor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main – kommt in seinem Gutachten zu einer ganz anderen Einschätzung… Read more »

Andreas Lichte
9 Jahre her

Ein Artikel über die, Zitat Prof. Hopmann, “Sekte”. Die Waldorfianer nennen es selber “Ghetto” …: – “Waldorfschule Schloss Hamborn, das anthroposophische Zentrum in Ostwestfalen Ein Artikel des WDR über ein Gewaltopfer in der Waldorfschule Schloss Hamborn erinnerte unseren Gastautoren Andreas Lichte an seine dortige Hospitation. Hier sein erster Bericht. „Sag mal’, seh’ ich eigentlich nach Waldorf aus?!“ fragt mich die Gastmutter und Waldorflehrerin. „Nein, natürlich nicht!“ antworte ich wunschgemäss. Der typische, asexuelle Waldorf-Walle-Look ist das wohl eher nicht, aber natürlich gehört auch sie dazu. „Ich schicke meine Kinder ja zu ausserschulischen Aktivitäten nach draussen – das ist mir ganz wichtig,… Read more »

Andreas Lichte
9 Jahre her

“STAATLICHE SCHULE MIT WALDORFPÄDAGOGIK Grundschule mit Astralleib taz, 01.10.2012, VON BERND KRAMER In Hamburg sollen erstmals Waldorflehrer an einer staatlichen Schule unterrichten. Kritiker verweisen auf die esoterischen Wurzeln der Pädagogik (…) Heiner Ullrich, Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Mainz, verweist darauf, dass 90 Prozent der Waldorf-Pädagogen eine Befragung zufolge fest in der Anthroposophie Rudolf Steiners verhaftet sind: „Ein so hohes Maß an weltanschaulicher Geschlossenheit gibt es nicht einmal mehr an katholischen Privatschulen“, sagt Ullrich. Steiner glaube beispielsweise an Reinkarnation und ging davon aus, dass Kinder sich in Sieben-Jahres-Rhythmen entwickeln und mit der Pubertät einen farbig-leuchtenden Astralleib als Hülle um… Read more »

zoom(@zoom)
9 Jahre her

Jau, den Artikel hatte ich auch gelesen und den Kopf geschüttelt. Gerade bei den als so nüchtern angesehen Hamburgern schleicht sich die Esoterik ins öffentliche Schulwesen. Schade :-(

Wir hatte ja schon vor einem Jahr dieses milde Warnleuchten aus den begüterten Stadtvierteln im Blog:

http://www.schiebener.net/wordpress/?p=15893

Andreas Lichte
9 Jahre her

@ zoom

ist ja cool, dass du dich an “Die Rückseite der Reeperbahn: Keine Chance mehr für die Schanze?” erinnert hast:

http://rueckseitereeperbahn.blogspot.com/2011/11/keine-chance-mehr-fur-die-schanze.html

Die Möglichkeit, dass der Hamburger Senat auf die Gründung der “Waldorfschule in staatlicher Trägerschaft” verzichtet, halte ich für äusserst unwahrscheinlich: wann hat man es erlebt, dass ein Politik einen Rückzieher macht, einen Fehler einräumt? (Hast du das schon mal erlebt?)

Die Chance, dass durch die Aktion des Hamburger Senats eine breitere Öffentlichkeit erfährt, was eine Waldorfschule wirklich ist – eine Schule der Sekte Anthroposophie – halte ich hingegen für gross …

Andreas Lichte
9 Jahre her

“Anthroposophie und Nationalsozialismus: ‘Die Waldorfschulen erziehen zur Volksgemeinschaft’ (…) „Das Motto der Waldorfbewegung im »Dritten Reich« lautete: »Die Waldorfschulen erziehen zur Volksgemeinschaft.«1 Ihrer Selbstdarstellung zufolge lieferte die anthroposophische Pädagogik einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau des neuen Deutschlands durch »die Pflege des völkischen Gedankens und die Betonung des Wesens und der Aufgaben des deutschen Geistes« und stand damit »im Einklang mit der Grundgesinnung des nationalsozialistischen Staates«.2“3 (…) Kontinuität bis in die Gegenwart: Atlantis und die Rassen „Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus, schrieb Karutz 1934, »gewinnt man auch die positive Einstellung zur Rasse wieder, die unter dem wissenschaftlichen Materialismus verlorengegangen war«31: »Die… Read more »

Andreas Lichte
9 Jahre her

“Waldorfschule in staatlicher Trägerschaft – offener Brief an Senator Ties Rabe, Hamburg (…) Sehr geehrter Herr Senator Rabe, die „erziehungsKUNST“, Publikation des „Bundes der freien Waldorfschulen“, berichtete im August 2012 über die erste deutsche „Waldorfschule in staatlicher Trägerschaft“1, die zum Schuljahr 2013/14 in Hamburg entstehen soll. Die „erziehungsKUNST“ hebt in ihrem Artikel hervor, dass die “Interkulturelle Waldorfschule Hamburg-Wilhelmsburg“, Zitat, „weder ‘Waldorfpädagogik light’“ werde, „noch dass die Waldorfpädagogik zu einem beliebig austauschbaren Methodenbaustein innerhalb der Staatsschulpädagogik wird.“ Als ausgebildeter Waldorflehrer2 möchte ich Sie fragen: Wie will die Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg sicherstellen, dass das Spezifische der Waldorfpädagogik – der… Read more »

Andreas Lichte
9 Jahre her

“Geschichte in der Waldorfschule: ‘Atlantis’ und die ‘Rassen’

Bei Diskussionen mit Befürwortern der Waldorfschule bekommt man immer wieder Standard-Antworten zu hören, wie sie der ehemalige Waldorfschüler Lukas Böhnlein in seinem „Waldorfschulen Bullshit-Bingo“ festgehalten hat. Sehr beliebt dabei: „Du hast noch nie eine Waldorfschule von innen gesehen!“ Kritik VON AUSSEN wird damit jegliche Berechtigung abgesprochen. Aber daraus ergibt sich auch die Frage: „Was können Eltern und Schüler IN DER WALDORFSCHULE eigentlich sehen, wenn sie nichts über Rudolf Steiners ‘Anthroposophie’ wissen, auf der die gesamte Waldorfpädagogik basiert?“ (…)”

weiterlesen beim Blog “Ruhrbarone”: http://www.ruhrbarone.de/geschichte-in-der-waldorfschule-atlantis-und-die-rassen/

Andreas Lichte
8 Jahre her

“Erste deutsche staatliche Waldorfschule: Wirbt Christian Füller, taz, für die ‘Sekte’ Anthroposophie? Regelmässig erfreut die taz ihre anthroposophischen Leser mit der Beilage “taz THEMA Anthroposophie“. Nun wirbt Christian Füller in der taz-Rubrik „Zukunft – Bildung“ für ein höchst umstrittenes Schulprojekt, die erste „staatliche Waldorfschule“ Deutschlands, als „Zukunftsmodell für das Bildungswesen“. Wirbt Christian Füller damit für die, Zitat Prof. Hopmann, „Sekte“ Anthroposophie ? Christian Füller beginnt seinen Artikel so: „Die Nachrichtenlage ist unübersichtlich, was die staatliche Waldorfschule in Hamburg anlangt. Ein Rudolf-Steiner-Hasser aus Bremen sammelt Unterschriften, um die Schule zu verhindern.“ Quellenangaben – z.B. einen einfachen link – hält Christian Füller… Read more »