Alptraum Alpen – bedrohtes Ökosystem im Herzen Europas – Ausverkauf einer Urlaubslandschaft

In den Chiemgauer Alpen (alle fotos: knoppik)
In den Chiemgauer Alpen (alle fotos: knoppik)

Die Alpen: Einst waren sie undurchdringlicher Urwald mit Wölfen, Bären, Luchsen und Geiern. Eine zivilisationsferne Wildnis, um die sich märchenhafte Sagen rankten, gefürchtet als Hort von Dämonen und Drachen. Dann kam der Mensch.

Er rodete den Wald und schuf Lichtweideflächen: Es war die Geburtsstunde der uns so vertrauten Almen. Sie sind bis heute ein nicht wegzudenkender Bestandteil der alpinen Kulturlandschaft, in deren Umfeld eine große Vielfalt an Tieren und Pflanzen zu Hause ist. Wenn auch aus vielen dieser malerischen Almen (es gibt sie noch!) längst Gasthäuser geworden sind, oft durch breite, asphaltierte Zufahrtsstraßen erschlossen.

Früher lebten und wirtschafteten die Bauern im Einklang mit der Natur. Und nebenbei gesagt: Winter gab es, über dessen Strenge, Zeitdauer und Schneereichtum sich heutzutage niemand, zumal unter der jüngeren Generation, eine Vorstellung machen kann.

Pasterze am Großglockner, noch deutlich stärker vergletschert als heute
Pasterze am Großglockner; Aufnahme vom August 1980. Damals war dieser größte Ostalpengletscher noch ziemlich mächtig. Gletscherzunge und Eismasse sind seitdem aber sehr stark zurückgewichen.

Doch das ist längst Vergangenheit. Seitdem man die Auswirkungen des Klimawandels deutlich zu spüren bekommt, braucht man sich nicht mehr über Witterungsanomalien zu wundern, wie sie unlängst aufs Neue registriert wurden, nämlich im oberbayerischen Piding bei Berchtesgaden. Dort kletterte die Temperatur auf 20,5 Grad C! Das ist keine Laune der Natur, sondern fügt sich nahtlos in das Bild der Klimaveränderung ein und bedeutet absoluten Rekord für Januar, wohlgemerkt seit den amtlichen Wetteraufzeichnungen im Jahre 1880.

Ende des 19. Jahrhunderts begann die touristische Erschließung der Alpen. Eine besondere Rolle spielten hierbei die Alpenvereine, die den Boden dafür bereiteten, daß das Hochgebirge nach und nach für jedermann zugänglich wurde. Mit der Zeit entstand ein immer dichteres Netz von Schutzhütten, Wegen und Steigen. Obwohl der Deutsche Alpenverein wie auch der ÖAV anerkannte Naturschutzverbände sind, verfolgten sie in erster Linie Nutzungsinteressen und machte bisweilen gemeinsame Sache mit denjenigen, die von vornherein nichts anderes als eine Kommerzialisierung der Alpen im Sinn hatten.

Zum Beispiel das Gepatschhaus im Tiroler Kaunertal: Seit 1980 führt auf die 1928 m ü. NN hoch gelegene DAV-Hütte eine mautpflichtige Gletscherstraße. Diese wurde damals m.W. mit ausdrücklicher Zustimmung, zumindest aber mit Duldung des Alpenvereins ermöglicht. Der Preis für diese rücksichtslos mitten durch eine noch sehr ursprüngliche Gebirgslandschaft gebaute Paßstrasse war sehr hoch: Ihr opferte man den ältesten Zirbenwald Tirols, der zugunsten dieses sinnlosen Betonbandes autogerecht zerhackt wurde.

In den Glarner Alpen, Unterengadin, Schweiz
In den Glarner Alpen, Kanton Glarus, Schweiz

Das ist aber nicht der einzige Fall, wo ÖAV wie DAV mehr als Erschließungsbefürworter denn als Bewahrer der Bergwelt in Erscheinung traten. Erst viele Jahre später besannen sich die alpinen Verbände wieder stärker auf den Naturschutz und sahen darin einen Schwerpunkt der Vereinsarbeit. Und heute müßte die Hauptaufgabe darin bestehen, die alpine Natur mit Zehen und Klauen zu verteidigen, unter dem gemeinsamen Dach der Umweltorganisationen zu retten, was noch zu retten ist.

Dennoch legt sich der Alpenverein auch in Zeiten wachsender Umweltprobleme immer noch oft genug quer, wenn es darum geht, seine Interessen den Zielen des Naturschutzes unterzuordnen und eine kompromißlose Linie, bspw. zum Schutz seltener, im Winter besonders störanfälliger Tierarten, mitzutragen. Auch hinsichtlich der Vereinbarkeit von klettersportlichen Aktivitäten mit dem Artenschutz hat man oft seine liebe Mühe auf Anhieb Zugeständnisse zu machen.

Ober- und Unterstalleralm (1.883 m) im Villgratental/Osttirol = Bergsteigerdorf - Aus den Almen sind Chalets geworden, können von Touristen angemietet werden.
Ober- und Unterstalleralm (1.883 m) im Villgratental/Osttirol = Bergsteigerdorf – Aus den Almen sind Chalets geworden, sie können von Touristen angemietet werden.

Der Fremdenverkehr stellte lange keine Bedrohung für das alpine Ökosystem dar, er beschränkte sich weitgehend auf die Sommermonate. Wenige Gäste und prominente Persönlichkeiten, wie Maler, Schriftsteller und andere Weitgereiste zog es per Eisenbahn in die Berge. Im Jahre 1866 wurde die Bahnlinie von Freilassing nach Bad Reichenhall eröffnet und am 25. Oktober 1888 nach Berchtesgaden weitergeführt.

Alpen? Wer wußte das schon? Erst der aufkommende Wintertourismus brachte die hemmungslose Kommerzialisierung der Bergwelt. Sie sorgte dafür, daß das fragile Naturgefüge zunehmend in Gefahr geriet und alsbald die ersten Schäden größerer Dimension sichtbar wurden. Langsam, aber stetig, begann der Mensch damit, die Natur nach seinem Fasson oder – besser gesagt – nach seinen Nützlichkeitserwägungen zurechtzurücken: Die Flußauen wurden zu Campingplätzen, die Seeufer zu Badeanstalten, die Berghänge zu Skipisten und die Berggipfel zu Endstationen von Sessel- und Seilbahnen.

Bereits im Jahre 1977 stellte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den Ausverkauf der alpinen Landschaft in den Mittelpunkt seiner Berichterstattung und lenkte damit das öffentliche Interesse auf die bereits immer offenbarer werdenden gravierenden Umweltprobleme des zentraleuropäischen Hochgebirges. Einst war es Inbegriff einer intakten Umwelt, heute extrem bedroht. Von den Auswirkungen des Massentourismus, von Zersiedlung, unkontrollierter Bebauung, einer übermächtigen Freizeitindustrie, von industriellen Großprojekten zur Energiegewinnung (z. B. Wasserkraft) und einem nach wie vor stark wachstumsorientierten, schier ausufernden Wintersport, der immer mehr auf den Einsatz von Schneekanonen angewiesen ist und dafür Speicherbecken benötigt, aus denen der Nachschub an kostbaren Wasserreserven geliefert wird, freilich so lange der Vorrat noch reicht.

Am Sudelfeld nahe Bayrischzell (am Wendelstein) wurde für ein vermeintlich „klimagerechtes“ Pistenvergnügen ein ganzes Gebirgsmassiv mit Raupenfahrzeugen und Baggern aus den Angeln gehoben und zu gesichtslosen Mondlandschaften umfunktioniert. Aus der ehemals vorhandenen Postkartenidylle, die den Touristen die heile Bergwelt vorgaukelt, erwuchs eine technisch überformte Industrielandschaft.

Blaueisgletscher, was von ihm noch übrig geblieben ist, Aufnahme vom September 2014
Blaueisgletscher, was von ihm noch übrig geblieben ist, Aufnahme vom September 2014 – Berchtesgadener Alpen

Auch die letzten, bisher unerschlossenen Gletscherregionen Tirols haben die Wirtschaftslobbyisten im Visier. Dabei sind die auf alten Fotos dokumentierten Eisriesen ständig im Rückgang begriffen. 5.000 Alpengletscher gibt es. Seit 1990 beschleunigt sich der Abschmelzvorgang (im Fachjargon: Ablation). Deren Substanz schwindet unaufhaltsam und ebenso, was ihre Längenmaße betrifft, um bis zu 10 m pro Jahr! 4.460 km² der Alpen lagen um 1850 noch unter einem Eispanzer; in den 1970er Jahren waren es 2.903 km², im Jahre 2012 dann nur noch etwa 2.153 km². Dort, wo das Eis zurückgeht, tauchen bisweilen Reste von Bäumen und Torfe auf, die darauf schließen lassen, daß diese Regionen in der Vergangenheit schon einmal eisfrei und mit Lärchen bewaldet waren, vor gut 9.000 Jahren, in der als Holozän genannten Warmzeit.

In der Schweiz, Österreich, Italien und Frankreich wurden von 1995 bis 2.000 insgesamt 284 Gletscher eingehend untersucht. Von diesen haben sich 273 zurückgezogen. Der größte Gletscher der Ostalpen, die Pasterze am Großglockner, mißt rd. 9 km Länge. Seit dem Ende der so genannten „kleinen Eiszeit“ um das Jahr 1850 hat ihre Fläche von damals über 30 km² um fast die Hälfte abgenommen. Sie ist somit nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Der klägliche Zustand der Gletscher hat seine Ursachen natürlich auch und besonders in der massenhaften Mobilität unserer Industriegesellschaft und dem damit verbundenen Verbrauch fossiler Brennstoffe. Darüber sollte sich jeder Urlauber im Klaren sein und dementsprechend sein eigenes Verhalten überprüfen. Die Alpenpässe, einst als kühne Projekte gepriesen, sind zu Einfallsschneisen für die aus allen Himmelsrichtungen heranströmenden Blechlawinen geworden. Nicht umsonst sind diese Übergänge z. B. bei Motorradfahrern äußerst beliebt. Denn für die Inhaber jener Ohren betäubenden Lärm verursachenden und vor Kraft strotzenden Maschinen sind alpine Bergstraßen von größtem Reiz, weil die Motorsportler der Auffassung sind, sich selbst und andern Verkehrsteilnehmern ihr Können „beweisen“ zu müssen. So wird das Krad auf Höchstgeschwindigkeit getrimmt und volles Risiko eingegangen. Irreparable Schäden an Natur und Umwelt werden einfach in Kauf genommen. Kleinbürgerliche Geltungssucht und Wichtigtuerei spielen da wohl eine entscheidende Rolle. Zwar schreitet der Gesetzgeber mittlerweile ein und verfügt in der Nähe von Ortschaften und vor allem entlang besonders gefährdeter Streckenabschnitte Tempolimits. Aber an der Gesamtsituation, die von Lärm durch Raserei und Emissionsbelastung, sowie von einem ständig vorhandenen Unfallrisiko ausgeht, hat sich nichts geändert.

Im Bundesland Tirol existiert – zumindest auf dem Papier – der Gletscherschutz, der aber seit der Jahrtausendwende mehrmals ausgehebelt worden ist, um die seit Jahrzehnten nicht realisierbaren Gletscherskigebietserweiterungen, etwa im Tiroler Kauner- und Pitztal, genehmigen zu können. Freilich will sich der ÖAV als anerkannte Umweltorganisation weiterhin mit allen rechtlichen Mitteln gegen solchen Größenwahn zur Wehr setzen. Und das hat er mit Unterstützung befreundeter Partnerorganisationen, Bürgerinitiativen, Einheimischen und potenziellen Urlaubsgästen auch schon recht erfolgreich getan, auch was andere Erschließungsvorhaben angeht. Bis zu Anfang der achtziger Jahre galt offiziell ein Verbot der Gletschererschließung für den Massenskilauf. Er war gesetzlich verankert. Bis es den Seilbahnbetreibern auf permanenten Druck hin schließlich gelang, den bestehenden Schutz der faszinierenden Eiswelten in Frage zu stellen. Mit Erfolg. Denn man darf eines nicht vergessen: Die Österreichische Volkspartei (ÖVP), ein Pendant unserer „Wirtschaftsparteien“ CDU und CSU, galt schon immer als industriefreundlich. Und so war es für die Lobby nicht schwer sich dort Gehör und Geltung zu verschaffen.

Es gibt heute keine Tabus mehr, die eine wirtschaftliche Interessen verfolgende Seilbahnindustrie daran hindern könnte, ihre Projekte mit aller Macht durchzudrücken. Gesetze sind nur noch Makulatur. Sie werden notfalls ignoriert bzw. durch allerlei Tricks zu umgehen versucht. Und falls man mit Anträgen auf Ausnahmegenehmigungen scheitert, werden sie halt in einen neuen Text verpackt, oder man hält sich als letzte aussichtsreiche Möglichkeit den Klageweg offen.

Im Alpenraum regiert eine unheilige Allianz aus Tourismusspekulanten, Baulöwen, Energiewirtschaft, Seilbahn- und Liftbetreibern, die allesamt zum Frontalangriff auf die letzten noch unberührten oder einigermaßen intakt gebliebenen Regionen blasen. Sie machen selbst vor Schutzgebieten nicht halt. Zahlreiche Projekte stehen in Österreich auf der Wunschliste der Technokraten. Ganze Gebirgskomplexe werden durch Täler verbindende Schischaukeln und Liftsysteme vereinnahmt. Die Tourismusbranche befindet sich also weiterhin auf Expansionskurs und läßt sich in ihrem blindwütigen Streben nach der totalen Vermarktung des Hochgebirges durch nichts und niemanden abbringen. Und das macht die Sache der Widerstand leistenden Verbände natürlich nicht einfacher. Vor keiner Baumaßnahme schrecken finanzkräftige Investoren zurück, wenn dadurch nur neue Touristen angelockt werden. Vermarktungsstrategen sitzen überall in den Startlöchern, um Kommunalpolitikern ihre Lieblingsobjekte, die den betroffenen Gemeinden üppige Gewerbesteuereinnahmen versprechen, schmackhaft zu machen; und das ohne regionales, geschweige denn überregionales Konzept. Das Gebirge wird möbliert und verdrahtet. Hochhäuser und Hochspannungsleitungen verschandeln die Bergwelt. Ein Bauboom ohnegleichen. Statt Akelei, Edelweiß und Silberwald trifft man auf Disneyland mit Pizzabuden und MacDonalds!

Ein sehr unrühmliches Beispiel für monströse Verschandelung bietet der Ötztaler Ort Sölden. Und dieser steht weiß Gott nicht alleine da. Saalbach-Hinterglemm im Bundesland Salzburg fällt in die gleiche Kategorie. Es verzeichnete im vergangenen Jahr 1 ½ Millionen Nächtigungen, viel mehr, als dieses, zum Rummelplatz verkommene Wintersportdorado aufnehmen kann. Solche Skizentren müssen längst weit mehr bieten, als nur Skifahren, um ganz vorn dabei zu sein. Das Hochgebirge wird zum Abenteuerspielplatz degradiert.

Da es aufgrund der Bevölkerungsentwicklung, zunehmend knapper Kassen, eines veränderten Freizeitverhaltens und überhaupt einer anderen Lebensgestaltung der Bürger keinen Sinn mehr macht, neue Anlagen zu errichten, werden sich solche Investitionen zukünftig nicht mehr rechnen, bleiben die Planer (hoffentlich!) auf ihren Kosten sitzen. Mit der Zeit werden die Touristen es leid sein sich an einer völlig verfremdeten „Alpenlandschaft“ zu „erfreuen, einer „Bergidylle“ ganz nach den Vorstellungen der Technofreaks inszeniert: Mit Badestränden und Palmen in der Nähe von Seilbahnstationen! Was noch vor einigen Jahren utopisch erschien, ist inzwischen raue Wirklichkeit geworden Man könnte angesichts einer so bizarren Entstellung des Gebirges für nichts anderes als schnöden Kommerz nur noch schreiend davonlaufen.

Wie sehr im Laufe der vergangenen Jahrzehnte die Verstädterung der alpinen Täler fortgeschritten ist, zeigen Fremdenverkehrsdorados etwa in der Schweiz. Beispiel Leukerbad. Was ist im Laufe der vergangenen 4 Jahrzehnte aus diesem ursprünglich in die Landschaft eingepassten Ferienort mit seinen paar Hotels und Gasthäusern geworden? Ein kleines Alpen-Chicago, dessen austauschbare Architektur ebenso in Tel Aviv, Kapstadt oder Johannesburg stehen könnte! Der alte Ortskern mit seinen Holzhäusern mußte bereits gegen Ende der siebziger Jahre einem unvergleichlichen Bauboom weichen.
Jahrhundertelang sind die Alpen mit stark zunehmender Intensität erschlossen worden. Nun müßten sie eigentlich verschlossen werden. Massive Eingriffe in den alpinen Naturhaushalt haben überall deutliche Spuren hinterlassen. Nur größte Anstrengungen und wirklich Einsicht können noch verhindern, daß das empfindliche Gleichgewicht des Ökosystems völlig aus den Fugen gerät.

Ob Politiker, Fremdenverkehr, Baulöwen und Pistenplaner jedoch bereit sind, vom Wachstumsglauben Abschied zu nehmen, darf aus heutiger Sicht bezweifelt werden. Die Kassandrarufe berühmter Pioniere der Ökologiebewegung zeigten bedauerlicherweise nur für eine begrenzte Dauer Wirkung im politischen Raum und brachten nicht den erforderlichen Kurswechsel.

Nun gibt es ja noch die Alpenkonvention. Durch diese seinerzeit getroffene Vereinbarung haben sich die Anrainerstaaten Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Lichtenstein, Europäische Union und Slowenien dazu verpflichtet, im Alpenraum eine nachhaltige Entwicklung sicherzustellen. Damit setzen die Alpenstaaten weltweit die Beschlüsse der Agenda 21 konkret um. So liest es sich jedenfalls in dem viele Seiten umfassenden Schriftstück. Und jetzt kommt es: Obwohl auch Österreich diese Konvention unterschrieben hat und damit für seine vorhandenen Schutzgebiete eine große Verantwortung übernahm, werden diese hochsensiblen Naturoasen, deren Wert monetär nicht zu beziffern ist, eben doch nicht in Ruhe gelassen. Papier ist geduldig.

In einem beklagenswerten Zustand befindet sich auch der alpine Bergwald. Die Schutzfunktion der für Boden, Klima, Lawinenabgänge, Muren, Wasserhaushalt und – nicht zuletzt – die Bewohnbarkeit der Täler so eminent wichtigen Wälder ist vielerorts nicht mehr garantiert. Das liegt wesentlich am nach wie vor zu hohen Bestand an Rehen, Hirschen und Gemsen, begünstigt von einer sportlich-egoistisch eingestellten Jagdlobby, die allein an möglichst großen Schalenwildpopulationen interessiert ist. Daß aber die Verjüngung unentbehrlicher Mischbaumarten, entscheidend für eine gedeihliche Entwicklung und Stabilität dieser Vegetationsform, am Trophäenkult sowie wertlosen Nadelholzplantagen schon im Ansatz scheitert, ist diesen „Feudalherren“ im grünen Rock ziemlich egal. Hauptsache, sie können sich mit der Flinte an den durch Hege und Fütterung reichlich vermehrten Wildbeständen belustigen.

Zusätzlich schwächen die durch den Klimawandel bedingten und gehäuft auftretenden Wetterextreme die Widerstandskraft der Bergwälder. Umfassende Eingriffe in die Landschaft haben an etlichen Orten die Fähigkeit des Ökosystems ruiniert, die hohen alpinen Regenmassen zu bändigen. Sich häufende Starkregen überfordern längst die Aufnahmekapazität der noch immer weit verbreiteten monokulturellen Fichtenforste. Weil die Niederschläge im Winter nur noch ab einer bestimmten Höhe (Tendenz steigend!) als Schnee fallen, darunter jedoch zunehmend als Regen, wird das Wasser nicht mehr – wie sonst – von der Waldvegetation zurückgehalten bzw. verzögert abgegeben, sondern schießt ungehindert zu Tal und führt schnell zu Hochwasserspitzen, läßt kleine Bäche zu reißenden Strömen werden. Das erschwert und verhindert bei naturfernen Monokulturen zugleich eine Grundwasserneubildung.

Naturfrevel hat es zwar zu allen Zeiten gegeben. Dennoch haben frühere Generationen, die ja bewußt von den natürlichen Ressourcen ihrer Umwelt lebten, selbst in Zeiten, in denen die Not am größten war, die Natur nie so ausgenutzt, daß sie Gefahr liefen ihre Lebensbasis zu zerstören.

Nun wird in Presse, Radio und Tageszeitungen stets der Eindruck erweckt, als seien brutale Eingriffe in das alpine Ökosystem und die damit einhergehende Zerstörung nur eine Sache von Umweltschützern, ganz nach der Devise: Natur für mich, Naturschutz für die anderen! So, als wären nicht wir alle Verlierer dieser bedrohlichen Entwicklung! Wer kann schon ein vitales Interesse daran haben, daß – wie etwa im bayerischen Alpenraum zu „bewundern“ – ein sog. „Flying Fox“ (Seilbahnrutsche, auf der die Leute mit bis zu 140 Stundenkilometern ins Tal sausen können) installiert wird, oder ein „Funpark“ nebst anderen komischen Ideen! Durch die Anlage von immer neuen Klettersteigen, will man es auch dem Heer der Halbschuhtouristen mit technischer Hilfe ermöglichen, die für sie normalerweise unbezwingbaren Berggipfel zu erobern.

Obwohl dadurch die Zahl der schweren auch tödlich verlaufenden Unfälle, deutlich gestiegen ist, wird munter weitergebaut. Darin sehe ich den vorläufigen Höhepunkt einer zügellosen, geldorientierten Nutzung des Hochgebirges. Den so majestätisch in den Himmel ragenden Bergen nimmt man ihre natürliche Schönheit, Einzigartigkeit und Erhabenheit. Sie verlieren ihre Würde! So sieht es auch der Extrembergsteiger, Schriftsteller und Biobauer Reinhold Messner. Dieser hatte im Jahre 1978 mit der ohne zusätzlichen Sauerstoff erfolgten, spektakulären Erstbesteigung des Mount Everest (8.848m) und weiterer Gletschergipfel, die zu den höchsten der Welt zählen, zweifellos neue Maßstäbe im Alpinismus gesetzt. Seine revolutionären Höchstleistungen haben aber auch bewirkt, daß sich in der Folgezeit ein Heer von Ehrgeiz besessenen Nachahmern berufen fühlte, es ihm gleichzutun. Dies war der unselige Startschuss für einen wahren Run auf die Sechs-, Sieben- und Achttausender im Himalaya und dem benachbarten Karakorum!

Hoher Zaun und Kristallwand in der Venedigergruppe/Hohe Tauern, 1980
Hoher Zaun und Kristallwand in der Venedigergruppe/Hohe Tauern, 1980

Zahlreiche, für teures Geld organisierte Expeditionen führten in einsamste Gebirgsregionen, welche noch niemals zuvor ein Mensch betreten hatte und die von den tibetischen Buddhisten bzw. Mönchen bis dahin als heilige Stätten verehrt wurden.
Die Spuren der Zivilisation und deren Hinterlassenschaften in Form von Wohlstandsmüll haben also die entlegensten Winkel unseres Planeten längst erfaßt. Daher kann nicht oft genug eines in aller Deutlichkeit betont werden:

Um die Ausbeutung der Alpen dauerhaft zu stoppen, bedarf es eines radikalen Gesinnungswandels! Im Nachbarland Österreich und neuerdings auch in Bayern setzt man dem technisierten Massentourismus das vielversprechende Konzept der BERGSTEIGERDÖRFER entgegen. Seit dem Jahre 2008 vergibt der Österreichische Alpenverein (ÖAV) diese Auszeichnung. Damit solchermaßen prämierte Gemeinden ein derartiges Qualitätssiegel tragen dürfen, müssen bestimmte Anforderungen an ökologische Nachhaltigkeit erfüllt sein. Sie betreffen Gastronomie, Land- und Forstwirtschaft, Energiegewinnung, Tourismus und Naturschutz. Diese Voraussetzungen sind bei den Bergsteigerdörfern gegeben. Durch ihre Abgeschiedenheit bzw. schlechte Erreichbarkeit haben sie ihr ursprüngliches, von der Landwirtschaft geprägtes Ortsbild weitgehend bewahrt. Das ist ihr größter Trumpf! Der Wechsel aus Wiesen, Weiden, Hecken, Baumgruppen und kulturellen Gebäuden bestimmt den Charakter der Bergsteigerdörfer. Allein ein naturnaher, kleinstrukturierter Tourismus in Verbindung mit traditioneller Bewirtschaftung sichert die Eigenständigkeit der dort lebenden Menschen und so ihre Existenz. Die einheimische Bevölkerung hat richtig erkannt, daß eine unmittelbare Abhängigkeit vom Tourismus Fremdbestimmung bedeuten würde – und letztendlich die Aufgabe der Eigenständigkeit. Für die Bewohner kommt es darauf an, daß man sich und seiner Gesinnung treu bleibt und die Bodenhaftung nicht verliert.

Ein nachhaltiger Tourismus hat deshalb auf die alteingesessene Lebensweise der Einheimischen Rücksicht zu nehmen; er darf die Menschen nicht verändern, sondern muß sie so belassen, wie sie sind! Momentan gibt es Österreichweit 21 dieser Bergsteigerdörfer, darunter das Lesachtal in Kärnten, das Villgratental in Osttirol oder das 1.900 m hoch gelegene Dorf Vent im hinteren Ötztal. Die betreffenden Gemeinden sehen die Auszeichnung als langfristige Investition und messen den Erfolg keineswegs daran, wie viel Geld binnen möglichst kurzer Zeit in ihre Kassen gespült wird. Das anspruchsvolle Prädikat „Bergsteigerdörfer“ kann den Ortschaften aber auch jederzeit wieder entzogen werden, sollten die strengen Kriterien nicht eingehalten werden, wie das etwa im Fall der Fremdenverkehrsgemeinde Kals am Großglockner in Osttirol (Alpensüdseite) geschehen ist, wo unter dem Deckmantel „Entwicklung“ wachstumsgetriebene Profitgier zum Bau großer Hotelkomplexe geführt hat.

Dieser Fall beweist, daß von Seiten des Gesetzgebers bzw. der Gemeinden strengere Vorgaben an die Baubranche zu richten sind (Stichwort landschaftskonforme Architektur), und zum anderen mehr Tabuzonen ausgewiesen werden müssen, um auch den Folgen des Klimawandels wirksam zu begegnen. Letztere zwingen zu raschem Handeln, soll ein wesentlich besseren Schutz natürlicher und naturnaher Gebirgsökosysteme erzielt werden, insbesondere auch für die Wälder. Denn nur intakte Ökosysteme mit reicher Biodiversität können sich auf die Bedingungen des veränderten Klimas einstellen und leisten zudem einen bedeutenden Beitrag zum Stopp des Artensterbens.

Frühling im Königsseer Tal bei Unterstein, Berchtesgadener Land
Frühling im Königsseer Tal bei Unterstein, Berchtesgadener Land

Mit der Sanftmut der Bergidyllen ist es jedenfalls lange vorbei, spätestens seit zu der ökologischen Zerstörung auch noch die galoppierend fortschreitende Erderwärmung das geniale System der alpinen Bergwelt in seiner Substanz gefährdet. Was den Wohlstand der Bevölkerung in den Gebirgstälern einst sichern sollte, bedroht seine Existenz. Die geschundenen Alpen rächen sich!

Ich bin der festen Überzeugung, daß auch der alpenweit vorherrschende Größenwahn nur durch eine „Bewegung von unten“ beendet werden kann. Anders formuliert: Die Touristen haben es selbst in der Hand, dem Anspruchsdenken abzuschwören und damit dem kommerziell motivierten Treiben Einhalt zu gebieten. Zweifellos ist gegenwärtig ein Trend hin zu sanfteren Formen des Tourismus zu beobachten, der ja angesichts von übererschlossenen Landschaften und Massenabfertigung an Gondeln, Liften und Seilbahnen hoffentlich weiter an Bedeutung gewinnt (Bergwandern und Bergsteigen erfreuen sich auch unter jungen Menschen wachsender Beliebtheit, des weiteren Skibergsteigen, Schneeschuhwandern oder Eisstockschießen. Natürlich muß auch dies alles in einem verträglichen Rahmen erfolgen).

Denn wenn die Ressourcen erst einmal völlig übernutzt bzw. aufgebraucht sind und alles in Schutt und Asche liegt, so daß nicht nur Tiere und Pflanzen aussterben, sondern auch die Urlauber sich in Scharen abwenden, gibt es nirgendwo mehr etwas zu verdienen. Dann erledigt sich das Problem ohnehin ganz von allein! Wie sagte doch einst der bekannte Journalist, Umweltkritiker und Buchautor Horst Stern: „Erst geht die Kuh, dann der Gast. Wen soll man da noch melken?“ Um die Alpen als Wohnraum für Millionen Menschen mit hoher Lebensqualität und als attraktive Ferienlandschaft zu bewahren, muß es zu einem Gesundschrumpfungsprozess kommen, also weg von ökologisch und sozial nicht angepaßten, fremdfinanzierten Großstrukturen, hin zu kleinen überschaubaren Einheiten im Sinne der Alpenkonvention und jener der Bergsteigerdörfer zugrunde liegenden Konzeption! Das ist ein höchst ehrgeiziger Plan, zu dem es aber keine Alternative gibt und an dessen Umsetzung alle Beteiligten mitwirken müssen. Pures Gewinnstreben und Egoismus führen jedenfalls in die Totalkatastrophe und haben keine Zukunft.

Karl Josef Knoppik, 19. Januar 2015

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3 Jahre her

Interessantes Feature bei Deutschlandfunk Kultur: Axel Doering wirkt nicht verbittert oder frustriert. Eher kämpferisch, aber auch besorgt über die Veränderung, die der technisierte Wintersport mit sich brachte. “Ich war 40 Jahre, über 40 Jahre der Förster genau in diesem Gebiet. Und ich hab diese Landschaftsveränderung mitgekriegt und ich hab leider immer wieder feststellen müssen, dass es kein Ende dieser Spirale gibt bisher.” Der Spirale aus Technik, Bauen und Vergrößern. Dass immer mehr gebaut wird, dass immer mehr Pisten entstehen, mehr Lifte, mehr Speicherseen, dass mehr Rohre und Leitungen verlegt werden – einfach die Berge mehr und mehr umgebaut werden. “Und… Read more »

Über den Wolken muss das Skifahrn wohl grenzenlos sein ...
3 Jahre her

Denken wir positiv:

einen Großflughafen im Himalaya bauen, als PPP von Deutschland, Österreich, der Schweiz, Lufthansa und der Allianz-Versicherung:

eine win-win-win-Situation