Heinzelmännchen im Internet: es gibt sie doch. Plagiatsvorwürfe gegen Dr. Specht werden öffentlich.

Vor jetzt schon sehr langer Zeit hatte ich mich mit einem Bekannten über Dissertationen, Plagiate und den Tanz um den Doktortitel in Deutschland unterhalten.

Er, Germanist und Lessing-Kenner, schilderte mir einen seiner Meinung nach ziemlich dreisten Fall von Abschreiberei in der Dissertation eines gewissen Rolf Specht über die Rhetorik in Lessings Anti-Goeze.

Viele Stellen dieser Arbeit seien aus „W. Barner: ‚Lessing: Epoche – Werk – Wirkung'“ ziemlich unverblümt ohne Quellennachweis abgeschrieben worden.

Eine Facharbeit der gymnasialen Oberstufe, die derart plump plagiierte, würde mit „ungenügend“ aus dem Rennen genommen.

Ich hatte mir nach dem Gespräch sowohl Barner als auch die plagiierende Dissertation in der Landesbibliothek in Dortmund ausgeliehen, verglichen und festgestellt, dass Dr. Specht einige Stellen abgeschrieben hatte.

Rolf Specht hatte seinen Doktor an der Universität Zürich erworben. Sehr weit weg von Winterberg. Ich wusste nicht, wie ich mit meinem kleinen Wissen umgehen sollte.

Meine Aktivitäten sind dann eingeschlafen, aus Zeitmangel, aber auch ein wenig geprägt von der Erfahrung mit der Fernuniversität Hagen und der Dissertation des heimischen CDU-Bundestagsabgeordneten Patrick Sensburg.

Zur Erinnerung: Die Plagiatsvorwürfe gegen Patrick Sensburg wurden damals von einer nicht-öffentlichen Kommission mit nicht-öffentlichem Gutachten widerlegt.

Schade für die Wissenschaft – gut für die Betroffenen.

Die Heinzelmännchen
Während ich also nichts tat, scheinen sich irgendwelche Heinzelmännchen im Internet der Dissertation Dr. Spechts angenommen zu haben, denn gestern dokumentierte Erbloggtes den Fall Specht als einen Fall akademischen Whistleblowings.

Ich erlaube mir ein längeres Zitat und verweise auf das Original:

Vor 14 Monaten informierte eine E-Mail die Universität Zürich über eine Reihe plagiatsverdächtiger Stellen in einer dortigen Dissertation. Passiert ist nichts.

Nichts, das heißt: Die unten dokumentierten E-Mails gingen hin und her. Darin zeigt die Uni Zürich, wie sie mit vertraulich geäußerten Hinweisen auf wissenschaftliches Fehlverhalten umgeht. Der letzte Satz ist entscheidend. Er bedeutet: Wenn wir etwas unternehmen würden, würde niemand jemals etwas darüber erfahren. Insbesondere die Öffentlichkeit nicht, die jene Dissertation für ein ordnungsgemäß erstelltes originäres Werk hält. Während also in Echtzeit überprüfbar ist, ob jemand seinen Doktorgrad weiterhin führt, ist unüberprüfbar, ob er dazu auch befugt ist.

weiter bei Erbloggtes

Auch hier sieht es so aus, als wolle sich die Universität nicht um die Plagiatsvorwürfe kümmern.

Erbloggtes schreibt dazu:

Welches Vorbild gibt die Universität ihren Studierenden damit? Zweifellos ein gutes, denn solange Wissenschaftsbetrug folgenlos bleibt und auch niemand darüber redet, bietet er beste Karrierechancen. Dr. Specht empfiehlt, sich hinzustellen und zu rufen: „Leute, ich kann das!“

6 Gedanken zu „Heinzelmännchen im Internet: es gibt sie doch. Plagiatsvorwürfe gegen Dr. Specht werden öffentlich.“

  1. Im Falle Sensburg gab es dem Anschein nach eine sehr große Koalition, die an einer geräuschlosen Abwicklung interessiert war: neben der Universität, die im Falle einer negativen Beurteilung einem ehemaligen Beschäftigten einen Verstoß gegen gute wissenschaftliche Praxis hätte bescheinigen müssen, konnte auch die zu diesem Zeitpunkt ja schon nicht mehr schwarz-gelbe Landesregierung kein Interesse an Transparenz haben. Wäre Sensburgs Dissertation von der Fernuniversität als Plagiat gewertet worden, hätte ein Professor der FH für öffentliche Verwaltung aus seinem Amt entfernt werden müssen. Das wäre im Innenministerium, dem diese FH untersteht, sicherlich nur sehr ungern vollzogen worden. Vermutlich wird Kollege Sensburg in dieses Amt nicht mehr zurückkehren, so dass der Schaden für die dort auszubildenden Beamten des Landes NRW sich in Grenzen halten wird. Specht wie auch zu Guttenberg waren ‚externe‘ Doktoranden. Für die fühlt sich eine Fakultät im Zweifel nur semiverantwortlich. Sensburg war zu weit in den Wissenschaftsbetrieb eingerückt und das in einer Position, die zugleich eine landespolitische Dimension hat (denn eine FH für öffentliche Verwaltung ist eben im eigentlichen Sinne keine Hochschule, sondern zweckgebundene Ausbildungsstätte für den höheren Dienst des Landes). Der mögliche gesamtgesellschaftliche Nutzen einer öffentlichen Bloßstellung („wir halten die Wissenschaft sauber“) stand in keinem Verhältnis zum befürchteten wissenschaftsinternen und gesamtpolitischen Schaden, den ein ehrlicher Umgang mit der Affäre nach sich gezogen hätte. Man hat darauf gesetzt, dass sich die Angelegenheit versendet, wie man wohl im Radio sagt. Und dem war ja auch so. Und da die Fernuniversität derzeit ihre einzige Existenzberechtigung darin sieht, den nächsten Studentenberg zu untertunneln, ist das wissenschaftliche Renommee der Einrichtung für alle Beteiligten eine zu vernachlässigende Größe. Damit gehen die Verantwortlichen ähnlich sorgsam um wie Hagener Kommunalpolitiker mit dem ramponierten Image ihrer Stadt.

  2. Oder, wie wir im Ruhrgebiet sagen: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert.“ :)

  3. In Zürich mag man wohl auch unveröffentlichte Gutachten, siehe:
    http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Universitaet-Zuerich-in-Plagiatsaffaere-verwickelt/story/13170819

    „Laut Hahn habe die Universität Zürich in einem Gutachten festgestellt, dass von einem Plagiat keine Rede sein könne. Allerdings wollen weder die Uni Zürich noch die Uni Wien als Auftraggeberin dieses Gutachten öffentlich machen. Die Pressestelle der Uni Zürich bestätigte lediglich dessen Existenz.“

    „Die Universität Wien bestellte darauf bei der Universität Zürich ein Gutachten. Dieses wurde jedoch nie veröffentlicht. Die Uni Wien zitierte lediglich daraus in der Begründung, warum es «keinen Anlass für die Einleitung eines Plagiatsprüfungsverfahrens gibt», und berief sich auf die «Ombudsstelle der Universität Zürich»: Hahn hätte zwar korrekterweise Anführungszeichen setzen müssen, dennoch komme «der Leser nie auf die Idee, die verhandelten Sachen seien das Resultat der Forschung von Hahn». Die Mitteilung hatte einen Schönheitsfehler: Eine «Ombudsstelle» gibts an der Uni Zürich nicht.“

  4. Wenn die Uni Zürich solche Arbeiten deckt, dann wird sie auch Lessing bzw. Barner für Specht opfern wollen.

    „Nach Analyse der ersten hundert Seiten findet Hrachovec, dass Hahns Arbeit «mit Wissenschaft nur als abschreckendes Beispiel zu tun hat».“

    Der Zeitungsartikel deckt erschreckende Interessenkonflikte zwischen Politik und Wissenschaft auf.

    Im Zweifel scheint die Zürcher Universität auf Seiten der Politik zu stehen.

    Schade :-(

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