Sei von den Schülern Aarons. Ein Lesebuch über die Friedensliebe der Rabbiner. Herausgegeben von Peter Bürger. (edition pace ? Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 15). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-8192-2601-4; Paperback; 312 Seiten; 13,99 Euro).
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„Hillel lehrte: Sei ein Anhänger Aarons – der den Frieden liebt und ihn verfolgt, der Gottes Geschöpfe liebt und sie der Thora näher bringt.“ (Sprüche der Väter I, 12)
(Von: Redaktion Schalom-Bibliothek.org)
Frühe Quellen zur Friedensliebe der Rabbiner erschließt der erste Hauptteil dieses zu Jahresanfang 2026 in Kooperation mit dem Lebenshaus Schwäbische vorgelegten Lesebuches. Das Imperium Romanum zerstört im Jahr 70 nach Christus den Tempel zu Jerusalem. Die jüdischen Weisheitslehrer antworten auf diese Katastrophe nicht mit einer Angleichung an das aggressive Programm Roms. Sie folgen vielmehr jener Wegspur, in der die Zivilisation der Gewalt als sicherer Erweis von Gottlosigkeit gilt. Das rabbinische Judentum imponiert als eine biophile Religion des Friedens: Gehörst du zu jenen, die das Leben lieben und bessere Tage zu sehen wünschen? Achte darauf, wo die Boten der Freude wirken und leuchtende Augen anzutreffen sind. Suche den Frieden und jage ihm nach . . .
Eine weitere Abteilung der Sammlung enthält Texte von zwanzig Autoren – vornehmlich aus den Jahren 1896 bis 1929. Hier bestätigt sich Seite um Seite, dass das Friedensparadigma der frühen Rabbinen auch im „langen 19. Jahrhundert“ unter Orthodoxen und Reformern noch nicht in Vergessenheit geraten war. Es beförderte bei Frauen und Männern aus jüdischen Familien gerade im Umfeld des Ersten Weltkrieges ein klares Sehen: „Alles Gewaltsame ist weglos, sinnlos, weil es ohne Ziel ist. Gewalt führt nie über sich hinaus zu einem Ziele hin, sie führt immer nur zu sich selber zurück“ (Leo Baeck).
Im Zeitalter der modernen Massenvernichtungswaffen ist die Friedensvision der Propheten Israels keine utopische Träumerei, sondern der einzige Schlüssel für eine Zukunft der Menschheit ohne unermessliche Leiden.
„Es sprach der Heilige, gelobt sei er: die ganze Thora lehrt Frieden und wem übergebe ich sie? Dem Volke, das den Frieden liebt.“ (Talmudisch)
Textdokumentation ? Vorwort des Herausgebers
Ende der 1920er Jahre schreibt der Zionist und Pazifist Hans Kohn (1891-1971) in einem Beitrag für das Handbuch der ‚Internationale der Kriegsdienstgegner‘: „Das Judentum hat den Kampf gekannt, das zähe Ringen um die Schwere der Aufgabe, den Mut, um dieser Aufgabe willen alles zu ertragen, und das Martyrium. Aber es hat den Krieg gehasst, den es seit zwei Jahrtausenden nicht mehr geführt hat, den organisierten Mord, wie jede Gewalttat überhaupt. Jeder Jude trägt in seinem Blute eine instinktive und bis zur Heftigkeit gesteigerte Abneigung gegen rohe Gewalt, Mord und Krieg“ (?S. 184). Mit der Metapher „Blut“ übernimmt H. Kohn keineswegs die Sichtweise der Antisemiten, die die Juden als „Rasse“ definieren wollen. Denn das Judentum ist keine Frage von Biologie und Genetik, sondern eine Religion. Ohne den großen Lobpreis – oder den Schrei nach Gott und das Leiden an seiner Abwesenheit – kann von ihm sinnvollerweise gar nicht gesprochen werden.
Die zwei Jahrtausende, von denen bei Kohn die Rede ist, beziehen sich auf das ‚rabbinische Judentum‘. Das Imperium Romanum, das die Globalisierung des aggressiven Zivilisationsprogramms ‚Münze – Macht – Militär‘ zu einer bis dahin ungekannten Höchstform aufgerüstet hat, zerstört im Jahr 70 nach Christus den Tempel zu Jerusalem. Die Rabbinen antworten auf diese Katastrophe nicht mit einer Angleichung an das sich gottgleich dünkende Rom. Sie folgen einer Spur, die sich schon Jahrhunderte zuvor erkennen ließ, und betrachten die ‚Zivilisation der Gewalt‘ als sicheren Erweis von Gottlosigkeit. Derweil lässt sich das Kirchentum der Christen nach drei Jahrhunderten durch eine Strategie des Soldatenkaisers Konstantin verführen und geht mit Rom eine Symbiose ein. – Aus dem Leute-Rabbi Jesus, der doch allen Caesaren offen seinen Ungehorsam erklärt hat, wird jetzt ein heidnischer ‚Sonnenheld‘ im Olymp. – Gegenüber dieser erneuten Ausformung der altbekannten und militäraffinen Staatsreligion, die den Erdkreis bis hin zu zwei Weltkriegen mit Blutströmen sondergleichen übergossen hat, kann das rabbinische Judentum mit einigem Recht als Religion des Friedens bezeichnet werden. Davon handelt der erste Hauptteil des vorliegenden Lesebuches, in dem Grundaussagen vor allem des talmudischen Schrifttums nach thematischen Gesichtspunkten zusammengestellt worden sind (S. 15-107). Jede Leserin und jeder Leser mag nach der Lektüre selbst entscheiden, ob die ‚Friedensliebe der Rabbiner‘ – als Grundakkord des Selbstverstehens und als Gegenstand von Fremdzuschreibungen – in den Quellen überzeugend zum Ausdruck kommt. Die Sympathie, mit welcher der Herausgeber die übersetzten Zeugnisse sichtet und darbietet, liegt offen zutage. Mögen auch andere sich hier erfreuen und kräftigen lassen: wider den geistlosen Abgrund im Imperium der Traurigkeit, welches noch immer unverdrossen dem Programm Roms nacheifert.
Immanuels Kants „Ewiger Frieden“ (1795) hat gerade bei Vertretern eines aufgeklärten Judentums großen Zuspruch gefunden. Frauen und Männer aus jüdischen Familien sind seit dem 19. Jahrhundert – bis in unsere Tage hinein – als treibende Kräfte des weltweiten Widerstandes gegen die Apparatur des Krieges in Erscheinung getreten. Ohne ihre Beiträge hätte es – namentlich im deutschsprachigen Raum – auf Schritt und Tritt an Geburtshilfe für die organisierte Friedensbewegung, den Völkerrechtsgedanken und die Menschenrechtsarbeit gefehlt. Auch ein bedeutsamer Strom des kulturell–religiösen Zionismus betrachtete das Friedenswirken als Kernauftrag des Judentums. Die antipazifistische Judenfeindlichkeit der Rechten bekämpfte kein Phantom; die starke Beteiligung sogenannter „Semiten“ in der Friedensarbeit und Netzwerken des Antimilitarismus konnten (und können) nur Blinde übersehen. Im zweiten Hauptteil unser Sammlung kommen – abgesehen von einer ‚Außensicht‘ (S. 178-180) und drei jüngeren Darstellungen (S. 247-282) – vor allem jüdische Stimmen aus dem Zeitraum 1896 – 1929 zu Wort. Rabbiner bilden die Mehrheit der Schreibenden. Berücksichtigt werden – fernab der Zensurneigungen von gegensätzlichen Lagern der Gegenwart – gleichermaßen orthodoxe wie reformerische, zionistische wie antizionistische Autoren. Die säkularen (historischen, soziologischen …) Hintergründe der enorm ausgeprägten ‚jüdischen Präsenz‘ im modernen Pazifismus sind nicht der eigentliche Gegenstand dieses Buches. In mehreren ausgewählten Lesetexten wird vorrangig die Friedenslehre der rabbinischen Religion beleuchtet und als Wegweiser für die Gegenwart gewürdigt. Allerdings hält auch ein Zionist wie Ascher Hirsch Ginzberg / Achad Ha?am (1856-1927), der Y. M. Rabkin zufolge die Religion schon nicht mehr als ‚verpflichtenden Aspekt‘ jüdischer Identität betrachtet hat, einige Jahre vor dem Pogrom von Kischinjow noch an der Anschauung fest, dass die Stärke des Judentums nicht in physischer Kraft, sondern im Geistigen liegt und also auf einem unverzichtbaren Vorrang im Bereich der ‚Sittlichkeit‘ beruht (S. 136-143).
Die beliebte Bezugnahme auf die Propheten Israels unter dem Vorzeichen eines zu seichten Fortschrittsoptimismus wird korrigiert durch jene Voten, in denen angesichts der Abgründe des modernen Krieges eine Synthese von Vernunft und Frömmigkeit schier alternativlos erscheint – sofern die Zukunft der Einen Menschheit ins Blickfeld kommt (Hermann Cohen, Max Dienemann, Fritz Leon Bernstein, Isaak Heinemann, Leo Baeck). Niemand kann an den Massengräbern des jüngsten ‚Kulturstadiums‘ noch leugnen, „daß wir Menschen auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden sind“ (S. 207). Würde doch nur ein Bruchteil jener Opfer, die unentwegt den Kriegsgottheiten dargebracht werden, zu Zwecken des Friedens umgewidmet werden … (S. 191). Margarete Susman schreibt 1929 in neuer Tonart: „Vor der messianischen Friedensidee … fliegen alle Ordnungen wie von einem göttlichen Blitz berührt auf. Nur einer Welt der Verzweiflung – einer Verzweiflung, die sich selbst als Abfall inne wird, ist die messianische Friedensidee, was sie ist: absolutes Gericht zugleich und über den Abgrund herüberlohende überschwängliche Hoffnung …“ (S. 234). Das ist der Ernstfall!
In wirkungsgeschichtlicher Hinsicht bestätigt unser Lesebuch Seite um Seite, dass das Friedensparadigma der frühen Rabbinen auch im „Langen 19. Jahrhundert“ (Eric Hobsbawm) noch nicht in Vergessenheit geraten war und dann gerade im Umfeld des Ersten Weltkrieges ein klares Sehen befördert hat – d. h. eine Erkenntnis der „Nichtigkeit und Verwerflichkeit von Gewalt“ (S. 183): Der Glaube an die Gewalt „ist der Glaube an das Nichtige und ist so Götzendienst“ (S. 60). „Alles Gewaltsame ist weglos, sinnlos, weil es ohne Ziel ist. Gewalt führt nie über sich hinaus zu einem Ziele hin, sie führt immer nur zu sich selber zurück …“ (S. 191).
Düsseldorf, Silvesterabend 2025 Peter Bürger
Bibliotheksportal | Alle Publikationen des Regals „Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien“ erscheinen zunächst als Digitale Erstausgaben und sind frei abrufbar auf dem Projektportal www.schalom-bibliothek.org – dort auch alle Informationen zu den bisherigen Buchangeboten.
