Auf dem Weg in die Unwissensgesellschaft? Wenn Wissen zur Ware wird. Provokative Thesen in der WirtschaftsWoche

kompetenzmanagement
Ohne Kompetenzen geht im Bildungsbereich nichts mehr, auch nicht beim “DoKoLL”. (screenshot)

Von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat sich an deutschen Schulen und Hochschulen in den vergangenen Jahren ein fundamentaler Wandel vollzogen.

„Kompetenzen“ sind das neue Zauberwort von Bildungspolitikern, Schulleitern und Lehr- und Studienplanern. „Kompetenzen“ haben „Wissen“ und „Können“ ersetzt und sind heute quasi alternativlos. Wer die Kompetenzorientierung infrage stellt, gilt schnell als Hindernis im großen Schulentwicklungs- und Reformprozess.

Nun kommt Gegenwind. Ferdinand Knauß stellt in der Wirtschaftswoche die provokante These auf, wir seien auf dem Weg in die Unwissensgesellschaft. „Tatsächlich aber stirbt das Wissen, wenn es zur Ware gemacht und an den Schulen und Universitäten durch Kompetenzen ersetzt wird,“ so der Autor.

Die menschliche Geschichte stelle keine geradlinig Entwicklung zu einer Wissensgesellschaft dar. Wissen sei beispielsweise im Mittelalter verloren gegangen. „Unzählige Bücher wurden … schlicht vergessen, weil sie niemand mehr las.“ Knauß meint, aktuell einen Niedergang des Wissens zu beobachten.

Es gebe immer mehr Bücher, aber wir nehmen immer weniger Wissen auf. Dadurch und durch die zunehmende Spezialisierung in immer kleinere Wissensgebiete, werde Wissen entwertet und trivialisiert.

Wissen als Ware sei vom geistigen Menschen und vom persönlichen Erleben völlig losgelöst. Alles Wissen werde auf seine Konsumierbarkeit reduziert.

Laut Knauß ist diese „Wissensfremdheit“ inzwischen in den Schulen und Hochschulen angekommen. So sieht er die Gefahr, dass die Übernahme von Managementmethoden, die bereits stattgefunden hat, dazu führen könne, „dass ökonomische Ziele den eigentlichen Auftrag der Wissenschaft – Wissen zu schaffen und weiterzugeben – völlig in den Hintergrund treten lassen.“

Der Autor kritisiert die Kompetenzorientiertung. Sie vertreibe das Wissen und sei ein Ersatz für das Können.

Kompetenzen ersetzen vermeintlich unnützes Wissen. Kompetenzen seien Fähigkeiten, „die unmittelbar auf die zu lösenden Probleme der künftigen Arbeitsmarktteilnehmer anzuwenden sind“, so Knauß.

Der Kompetenzbegriff eröffne den Autoren von Lehr- und Studienplänen „ein unendlich weites Feld der Beliebigkeit“. Knauß zählt allein im Schweizer Lehrplan 4500 Kompetenzen, die Schüler erwerben sollen.

Auf verbindliches Wissen werde verzichtet, denn Kompetenzen ließen sich schließlich an unterschiedlichsten Denkern  demonstrieren. Fakten seien leicht im Internet zu finden, wozu also mühevoll lernen?

Dagegen hält der Autor, dass es ohne ein Grundgerüst an Faktenwissen gar nicht möglich sei,  Detailwissen zu erwerben.

Junge Menschen, die das kompetenzorientierte Bildungssystem durchlaufen haben, wissen weniger, halten sich jedoch für gute Problemlöser. Knauß glaubt nicht, dass sie produktivere Arbeitskräften werden. Sicher sei jedoch, dass Menschen, die weniger wissen, auch weniger kritisch sind. Wir drohen ein „Gesellschaft der Unmündigen“ zu werden.

Interessante und bedenkenswerte Thesen, die eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber auslösen sollten, wie wichtig Wissen, Können und Bildung in unserer Gesellschaft sein sollen.

1 Kommentar
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6 Jahre her

Gut, dass es Twitter gibt. Der Autor der Wirtschaftswoche hat auch einen besonderen Hintergrund:

Damit möchte ich nicht die Kompetenzfixierung der Lehrpläne verteidigen. Ganz im Gegenteil muss man sich die bildungspolitische Landschaft genau angucken.

BTW: Was ist eigentlich aus der Erziehung zum mündigen Bürger geworden?