California here I come: Reisebericht Teil V – vom Mammoth Lake zur Sierra Nevada nach Low Pine und zum Death Valley.

Unser Autor berichtet von seiner Fahrt durch Kalifornien. Seine Betrachtungen veröffentlichen wir hier. Heute geht es durch die Sierra Nevada, wie immer mit vielen Gedanken, die übrigens jedem Enthusiasten in den Weiten des US-amerikanischen Westens einfach zufliegen. Tipp: selber ausprobieren.

Wintermärchen am Lake Mary. (fotos: weber)
Wintermärchen am Lake Mary. (fotos: weber)

Endlich am Mammoth Lake
Spät nachts kam ich endlich in Mammoth Lake an. Mammoth Lake ist der Inbegriff des Skigebiets in der östlichen Sierra Nevada und besticht durch Aussichten wie aus dem Prospekt: Graue Bergketten, die unterm Schnee versinken; die Loipen führen um vereiste Gletscherseen wie die Twin Lakes oder Lake Mary herum unter schattigen, vor Eisstarre knisternden Nadelhölzern. Vom azurblauen Himmel scheint eine milde Wintersonne vor Senkrecht aufragenden Feldwänden und felsigen Kuppen und Graten. Wahrlich eine Winteridylle, die sich einem hier auftut, wenngleich der Ort touristisch überlaufen erscheint.

Schau-Ins-Land bei Mammoth Lake
Schau-Ins-Land bei Mammoth Lake

McCarthy und die deutsche Immigration
Jeder Besucher aus den großen Städten der Ostküste versicherte mir, nur weg zu wollen von den Massen, die hier um den Lift, dort vorm Bus anständen. Der Tourist mag seinesgleichen wohl nirgends. Einer aus Boston meinte, als das Thema auf die deutschen Exilierten während des Hitlerismus fiel, für sie US-Amerikaner wären eh nur Nazis gekommen. Daraufhin meinte ich, dass vor allem Sozialdemokraten in die USA exiliert seien, da der McCarthy-Ausschuss für „unamerikanische Umtriebe” die Kommunisten abgeschreckt oder so schikaniert hätte, dass sie lieber freiwillig nach Mexiko unter dem liberalen PRI-Präsidenten Cardenal Carranza geflohen wären. Ein beistehender Snowboarder aus San Diego meinte kleinlaut und zerknirscht, sodass man sich selbst schlecht fühlte, man lebe halt im „Cultureless West”. Der Bostoner baute seinen Landsmann auf: Na ja, man wolle nicht streiten, in Boston gäbe es alles, viele Museen, an der Ostküste gäbe es alles.

Blick in die Ferne über Mammoth Lake auf die Sierra Nevada
Blick in die Ferne über Mammoth Lake auf die Sierra Nevada

Die Landschaft – bizarr und mächtig
Die Weiterfahrt entlang der Sierra Nevada entblättert die ganze Naturschönheit der Landschaft, die durch ihre Bizarrerie bezaubert, durch die sie den Blick verfremdet und dadurch fasziniert. Seltsam ist die Anmutung eher als überwältigend, was in Südamerika wegen der aufschießenden Höhe und ausrollenden Breite der Berge der Fall ist. Eher schlägt eine Mischung aus Menschenfremdheit und Erhabenheit in den Bann als eine rauhe, schroffe und rohe Natur anderer, gewaltigerer Bergwelten Südamerikas. Bizarr, auch ‘mal mächtig, wirkt die Landschaft und wo die Berge an Höhe gewinnen durchaus auch prächtig, aber mit Maßen. Verschwendet hat sich die Natur hier vor allem in die Weite der Täler und ausschwingenden Abhänge der Anhöhen.

Unterwegs zur Sierra Nevada
Unterwegs zur Sierra Nevada

Ungleichzeitigkeiten: Schnee und Wüste
Während die schokoladenbrauen Hügelspitzen linker Hand verpudert eingeschneit waren und die Sierra Nevada auf der andern Seite des Tals weiß erstrahlte, schoss die Landstraße hinab in die schief zwischen Himmel und Erde sich windende Senke, in der die Temperaturen unwirklich frühlingshaft anstiegen. Nach einer dreiviertel Stunde Fahrt wechselte man von einem Klima von 3 bis 4 Meter hohem Schnee zur Wüstenlandschaft an einem lauen Sommertag. Die Täler östlich der Sierra Nevada gehen unglaublich in die Breite, wobei der bezaubernde Anblick der Berge stets mit ihrer Wildheit lockt. Hier gehen Kinderträume, gespeist von den seligen Stunden der Lektüre Karl Mays, in Erfüllung. Man meint am Horizont hoch oben in den Bergen John Wayne, Erol Flynn, Geary Cooper, James Steward, Kirk Douglas oder Clint Eastwood reiten zu sehen und hört die Filmmelodien für Millionen, jene berauschenden, anschwellenden Akkorde mit Obertönen aus zig Western, die gleich einem Wellengang branden, just dann, wann die Bergszenerien und Landschaftspanoramen eingeblendet werden.

weiterhin unterwegs zur Sierra Nevada
weiterhin unterwegs zur Sierra Nevada

Hier nächtigten John Wayne und Erol Flynn
Nach einer gemächlichen Fahrt immer ‘gen Süden kommt der Reitende, pardon Reisende, irgendwann nach Low Pine, einem in den Fassaden der Hauptstraße nachempfundenden Westernnest, in dessen Grand Hotel eben John Wayne und Erol Flynn in den 1950er Jahren zu Drehs in den Bergen nächtigten. Nun große Teile der Filmindustrie des Konkurrenzkampfs wegen aus New York nach Los Angeles seit 30 Jahren übergesiedelt waren, zog es die Kamerateams zur hohen Zeit des Westerns in die nahen Berge, wo die Stars ihre Triumphe in den 1950er und 60er Jahren feierten. In Low Pine schmeckt das ortsübliche Steak saftig, das Bier ist kühl und herb, das Frühstück ist deftig und hält bis zum Abend vor – und Revolverhelden habe ich keine gesehen.

Die Sierra Nevada bei Low Pine
Die Sierra Nevada bei Low Pine

Mt. Whitney – 4421 Meter über NN
Die Bergkulisse um Low Pine bietet wohl auch den höchsten Berg in den kontinental-zusammenhängenden USA (außer Alaska), den Mt. Whitney, der sich aber aus dem Talgrund wohl nur 1828m erhebt, weshalb er die Bergkette um Low Pine kaum überragt, obwohl er über NN 4421m aufsteigt. Überhaupt ist die Landschaft mehr durch ihre behäbige Breite als Höhe charakterisiert, wie ja insgesamt der nordamerikanische Kontinent sehr in der Erstreckunng auseinandergeht.

Sierra Nevada (im Hintergrund) vom Death Valley aus gesehen.
Sierra Nevada (im Hintergrund) vom Death Valley aus gesehen.

California here I come: Reisebericht Teil IV – Gedanken auf dem Weg zum Mammoth Lake

Unser Autor war auf  Tour. Diesmal in Kalifornien. Seine Betrachtungen über Kalifornien veröffentlichen wir unter der Kategorie “Kalifornien”. Die winterliche Fahrt zum Mammoth Lake verführte Christopher zu allerlei Gedanken über die Rolle der USA auf der Weltbühne der Politik. Wer sich nicht anstrengen will, sollte dieses Kapitel der Reise tunlichst nicht lesen. Alle anderen sind zu Widerspruch, Zustimmung  oder stillem Lesen eingeladen.

29.12. und 30.12. 2010 zwischen den Jahren: Mammoth Lake

Die projektierte kurze Fahrt von Merced nach Mammoth Lake entwickelt sich mit zunehmender Dauer zum Abenteuer, denn die Pässe der Sierra Nevada sind just zwischen den Jahren, an diesem Tag, von einem Schneesturm heimgesucht worden. Zum Teil liegt der Schnee fünf Meter hoch, sodass selbst mit Schneeketten an kein Durchkommen zu denken ist.

Unterwegs mit Schneeketten.
Unterwegs mit Schneeketten.

Schneeketten und Umwege
Nachdem der erste Versuch der Passüberwindung gescheitert ist, kaufte ich nach gutgemeintem Ratschlag beim Kaffee im nächstbesten Kleinindustriezentrum vor den Toren der Stadt Schneeketten und setzte die Fahrt nach Norden fort. Man sagte, im Notfall müsse man bis nach Reno in Nevada fahren, also einmal um die Höhen der Bergkette herum, um dann wieder nach Süden zu cruisen. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach sei der nächste nördliche Pass frei. Das war nicht der Fall und so ging es bei Radiounterhaltung stundenlang gen Norden.

Aus dem angepeilten Sommerurlaub im Golden State wurde ein osteuropäischer Winter.
Aus dem angepeilten Sommerurlaub im Golden State wurde ein osteuropäischer Winter.

Die US-amerikanischen Medien und der Krieg
Das Radio wie das Fernsehen vermitteln einem oft ein Amerika, das leider das Bild der Gesellschaft im Ausland bestimmt: Denn zum Großteil wird dort über das politische Establishment berichtet und das führt zum Leidwesen vieler Nationen in mehreren Ländern derzeit einen noch von George W. Bush ausgerufenen „War on Terrorism“. In den politischen Diskussionen des Radios fällt einem jedenfalls der ungemein kriegerische, ja militaristische Ton auf, indem allen Ernstes z.B. abgewogen wird, ob es besser sei, mit China zu kooperieren oder es militärisch zu bekriegen. Dabei belebte besonders die durch zugeschaltete Zuhörer bereicherte Diskussion die Frage, ob man diesen Krieg mit konventionellen, biologischen oder atomaren Waffen führen solle. Man meint, seinen Ohren nicht recht trauen zu können, zumindest wenn man aus Europa kommt. Man meint erst, man habe sich verhört oder es wäre ein Hörspiel gewesen in der Machart Stanley Kubricks „Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“, in dem die Kalten Krieger der McCarthy-Ära herumpoltern, so etwa wie es die Realitätstäuschung gab, als H.G. Wells „Krieg der Welten“ ausgestrahlt wurde.

Der militärisch-industrielle Komplex
Aber es ist auch eine Realität im Lande, dass der ‚militärisch-industrielle Komplex’, wie ihn W.D. Eisenhower in den 1950er Jahren taufte und vor dessen politischer Macht er eindringlich im Falle des Koreakrieges warnte, offenbar seine Claqueure in einflussreichen, öffentlichkeitswirksamen Institutionen positionieren kann.

Die Plutoktatie hat die Medienmacht
Im Friscoer „Green Tortoise“ war man sich bei politischen Diskussionen Recht schnell einig, dass George W. Bush kein bedauerlicher Wahlfehler war, sondern die empirischen Verfassungsverhältnisse der Realität widerspiegelt. So herrsche in den USA eine Plutokratie, deren politischer Führungszirkel die Medienmacht besäße, den politischen Willen großer Teile des Volks zu manipulieren, was an die „Pressur group theory“ der 1960er Jahre erinnert, wonach die aktiven Gruppen in der Gesellschaft in den Städten wegen der Trägheit der großen Masse mehr Chancen zur Durchsetzung ihres Willen, also politische Macht, hat als eben die passive Masse, die keine Themen setzt.

So manipulierte der Bush-Clan seit Jahr und Tag, da ihm einflussreiche Fernsehsender zu Großteilen gehörten, was an das politisch heruntergekommene Italien Berlusconis anklingt. Zur Fatalität gerate das politische Desinteresse des inneren Amerikas zwischen den Küsten und des Bible Belts im Süden, da Bush und Co. in Washington mit der Rüstungsindustrie verschwägert wären, wie der Durchschnittsamerikaner in San Francisco meint.

Die kriegerische Nation: von der Monroe-Doktrin zur systemkonfrontativen Weltmachtpolitik
Die an Krieg gewöhnte und auch kriegerische Nation, muss man wohl sagen, kennt den Krieg nicht als Ultima Ratio der Politik, sondern scheint alteuropäisch in Jean Bodins Glauben an den gerechten Krieg und frühmodern (bis zum 1. Weltkrieg) an den Krieg als verlängertes Mittel der Politik verfangen zu sein, bei dem der Zweck die Mittel heiligt. Gar nicht erst seitdem Bush dem „War on Terrorism“ einen Kreuzzugscharakter gegen die Moslems gab, sondern von Beginn des 20. Jhs. an, nachdem der Aufstieg der USA zur Weltmacht besiegelt war: Die USA waren immer weniger der Monroe-Doktrin gefolgt, hatten sich stattdessen zur Franklin D. Roosevelt-Politik der Einmischungsstrategie durchgerungen, zunächst nur verschwiemelt in der Wirtschaftspolitik. Bald schon verteidigten sie dann offen die demokratischen Werte im faschistischen Europa und bekannten sich, einmal in den Sog des Kalten Kriegs gezogen, zur imperialistischen, zumal systemkonfrontativen Weltmachtpolitik.

Der Krieg und die Umverteilung der Steuergelder
Dagegen, gegen diese imperiale Rom-Attitüde der politischen Kreise scheinen Vernunftgründe seit je vergeblich, wo doch allgemein bekannt ist, dass es in einem Staat keine größere Verschwendung des Volksvermögens gibt als die Rüstungsausgaben. Wie aus dem Lehrbuch der Politikwissenschaft führte die Regierung unter G.W. Bush vor, wie unter der Schürung eines Bedrohungsgefühls eine Umverteilung der Steuergelder von unten nach oben, in die Kassen eben besagten militärisch-industriellen Komplexes stattgefunden hat.

Nur sehr wenige profitieren nämlich von Rüstungsgütern, die im Gegensatz zum Staatsinterventionismus nach John Maynard Keynes in die Infrastruktur den lokalen Wirtschaftsbranchen verzögert zu Gute kommt und sich schließlich in den blühenden Landschaften des öffentlichen Raums materialisiert, den alle Staatsbürger genießen können, sei es in Bibliotheken, Schwimmbädern, schönen Innenstadtplätzen, Straßenbeleuchtungen etc.pp.

Der Konsum von Rüstungsausgaben besteht im großen Morden
Der Konsum von Rüstungsausgaben hingegen besteht im großen Morden in Weltteilen, von denen in Amerika der Großteil so wie Bush in einem Auftritt in einer TV-Show nach den Anschlägen vom 11.9.2001 nicht anzugeben wüsste, wo sie auf der Weltkarte überhaupt liegen; im Falle Bushs war es Afghanistan, dem er gerade den Krieg erklärt hatte. Unproduktive Rüstungsausgaben aber, wofür aus der Staatsverschuldung verzinste Staatsanleihen aufgenommen werden müssen und dem öffentlichen Sektor Steuergelder entzogen werden, führen zur Inflation und damit zur Schädigung der Volkswirtschaft bis hin zum Kollaps. Mit zunehmender Staatsverschuldung für Kriegszwecke steigt der Druck, den Geldmengenumlauf durch Geldnachdruck der Notenbank anzuheben, um so die verschwendeten Milliarden wieder in den zivilen Sektor zurückzugeben, und damit entsteht eine Inflation. So ist es kein Zufall, dass die Weltwirtschaftskrise 2008 einer bis dahin in einem demokratischen, modernen Staat beispiellosen Verschwendung öffentlicher Mittel für kriegsvorbereitende Zwecke folgte, der Aufrüstung für zwei Irakkriege und einen in Afghanistan.

Vom Krieg zur Weltwirtschaftskrise
Zwar mag die 2008er Weltwirtschaftskrise auf der Oberfläche durch private Überschuldung und ungedeckte Kreditvergabe, durch Börsenspekulationen, dem ganzen Klein-Klein des Fachchinesisch wie der „moralisch“ verpönten Geldvernichtung durch Hedge-Fonds, aber vor allem dem schieren Volumen des Börsenkapitals, das sich von dem Realwert der Wirtschaft losgelöst hatte, ausgelöst worden sein – soweit die bürgerlichen Medien. Aber die Mentalität, alles auf ungedeckten Pump zu kaufen, eben auch die die Krise auslösenden Immobilien, ist staatlicherseits angeheizt worden, um die Inflation, die durch die Staatsverschuldung ausgelöst worden war, durch stetes Wirtschaftswachstum infolge steigenden Massenkonsums zu kompensieren.

Die aktuelle Wirtschaftsideologie des Massenkonsumismus und damit hoher Steuereinnahmen wurzelt wiederum in ungebrochen immensen Ausgaben fürs Militär, die Rekordmarken unter dem schauspielernden Präsidenten Ronald Reagan erreichten. Zuletzt wurden sie in Friedenszeiten prozentual wohl nur im absolutistischen Frankreich des Sonnenkönigs Ludwig XIV. im 17. Jh. übertroffen, wo damals über Jahrzehnte hinweg ca. die Hälfte des Staatshaushalts in das neu eingerichtete stehende Heer investiert wurde.

Die Reagan-Regierung hob die Rüstungsausgaben in den 1980er Jahren auf über 250 Mrd. US-Dollar kontinuierlich an, um den Ostblock totzurüsten, was ja dann mit dem wirtschaftlichen Kollaps der Sowjetunion 1991 gelang, die zuletzt bis auf 200 Mrd. US-Dollar Rüstungsausgaben mitzog. Die Nachfolgeregierungen unter George Bush, Bill Clinton und George W. Bush froren die Rüstungsausgaben sodann nicht etwa ein, sondern erhöhten sie auf 400-500 Mrd. US-Dollar pro Jahr.

Im Vergleich zu den europäischen Mittelstaaten, die etwa 40 bis 50 Mrd. US-Dollar pro Staat (ca. 15-20% des jährlichen Staatshaushaltes) für ihre Rüstung ausgeben, mutet dieses amerikanische Projekt wie ein Rausch in Größenwahn an, ein neues imperiales Rom.

Krieg: die Lüge verschafft sich subjektiv in den Bedrohungsgefühlen ihre eigene Realität
Vor Augen halten muss sich dabei immer wieder, dass dieses Land nie Krieg auf eigenem Boden geführt hat und das es nie durch seine Nachbarn auf dem eigenen Kontinent bedroht wurde. Im Gegenteil haben die US-Amerikaner den Mexikaner 1854 die halbe Landfläche abgepresst und so viel Elend nach Lateinamerika des 20. Jhs. exportiert. Die Bedrohungsfantasien, zu deren Züchtung und Verbreitung sich die US-Gesellschaft eigene Ministerien wie das Department of Homeland Security 2002 aufgebaut hat, scheinen wie eine schizophrene Abspaltung des schlechten Gewissens, weil sie kaum vollständig verdrängen kann, dass sie lügt, weil es keine Feinde gibt, außer die, die sie sich durch ihre eigene Feindseligkeit herangezüchtet hat. Nun diktiert unterbewusst als Schutzmechanismus das schlechte Gewissen, man solle an die eigene Lüge auch konsequent glauben, nicht nur um vor sich selbst aufrichtig dazustehen, sondern auch weil der Schaden schon immens geworden ist. Dadurch verschafft sich die Lüge subjektiv in den Bedrohungsgefühlen ihre eigene Realität. Auch dies verhindert eine vernünftige US-Politik, nämlich schlicht die Truppen rund um den Globus abzuziehen und mit der Welt Frieden zu schließen.

Kein US-amerikanischer Krieg nach dem 2. Weltkrieg hat irgendetwas mit Demokratie zu tun
Es ist überhaupt verwunderlich, wie ungebrochen ignorant offensichtlich die amerikanische Volksseele am großen Morden in Übersee festhält. Kein US-amerikanischer Krieg nach dem 2. Weltkrieg hat irgendetwas mit Demokratie, oder was die US-Amerikaner dafür halten, zu tun (wodurch ein Krieg in Augen der USA zum gerechten, zum missionarischen Krieg für Werte würde) oder hätte in der Praxis irgendetwas gebracht außer zerstörte Länder und Gesellschaften. Das war in Korea und erst recht in Vietnam so, bei diesen blutigen, Millionenopfer fordernden Stellvertreterkriegen im Kalten Krieg; das ist in Afghanistan und Irak so, bei diesen Kriegen um territoriale Hegemonie im Wettlauf um die Rohstoffressourcen Erdöl und Erdgas. Mit dieser Politik abgehalfteter Raubritter, die vor der ideellen Verarmung edle Werte vertreten hätten, sagen wir einmal unhistorisch für die Mittelaltermetapher Demokratie, schaffen die US-Amerikaner nur eins, nämlich die traurige Gesetzmäßigkeit zu verlängern, dass nach dem 30-Jährigen Krieg, seit den Kabinettskriegen des Absolutismus die Zahl der Opfer unter Zivilisten von Krieg zu Krieg anstieg, bis hin zu Vietnam mit einem Anteil von 90% der Zivilbevölkerung. Bis jetzt fehlen wegen der Militärzensur aussagekräftige Zahlen der US-Feldzüge in Nahost.

Schwärmer und Pazifisten
Nur Schwärmer und Pazifisten könnten abstreiten, dass es reale Gefahren gäbe? Das deutsche Beispiel zeigt sehr deutlich, dass unsere Freiheit nicht am Hindukusch verteidigt wird, sondern unsere wirtschaftlichen Interessen im „Newest Deal“ des Hegemoniestrebens nach den Schlüsselrohstoffen des 21. Jhs., wie ja der dafür zurückgetretene Bundespräsident Horst Köhler unverblümt gesagt hat. Deutschland war relativ als „ehrlicher Makel der Interessen“ bis in die 1990er Jahre geachtet, weil es infolge seines nicht-souveränen Status bis 1990 keine außenpolitischen Ambitionen haben konnte. Seitdem der Krieg in Afghanistan im Gange ist, ist Deutschland vom Terrorismus bedroht, nicht umgekehrt, wie die staatliche Masche der medialen Maschinerie der Angst uns weismachen will.

Costa Rica – es geht auch anders
Das es auch anders geht, zeigt das demokratische Costa Rica, das das Militär 1949 per Verfassung abgeschafft hat und friedlich seit Jahrzehnten lebt, obwohl ringsum durch die USA angezettelte und bis zum bitteren Ende durchgefochtene Bürgerkriege in dem US-Hinterhof Mittelamerika tobten. Das internationale Konzern-Direktorium des Wachstums, auf den sich die herrschenden politischen Eliten in offenen Stunden berufen – ist es eigentlich Ihr Wachstum, geneigte Leserschaft? Ist es das Wachstum der Volkswirtschaften der entwickelten Welt, deren Arbeitslosenzahl wächst, deren Sozialstruktur von Jahr zu Jahr prekärer wird, deren Neue Armut den Parolen der Bosse Hohn spricht?

Das Ende der Geschichte?
Nach dem Ausruf des Endes der Geschichte (Francis Fukuyama 1992) – eigentlich nur dem neoliberalen Ausstieg aus der Geschichte, der den Protest dagegen delegitimierte, nachdem der Kommunismus kollabiert war – nach diesen zwei verlorenen Dekaden der Geschichtsverdrängung, derzufolge die altliberale Heilslehre doch Recht gehabt hätte, wonach der gerechte Tausch und die Konkurrenz, also der Utilitarismus aller gegen alle wie an den Fäden einer unsichtbaren Hand den Wohlstand der Nationen fördern würde, ist es Zeit wieder in der blutigen Kontinuität der realen Geschichte aufzuwachen.

Bibelprediger und Massenpsychose
Durch den Schneesturm war es eine lange Autofahrt mit verschiedensten Radiosendungen, bei denen am obskursten immer noch die Bibelprediger waren. Deren Tonfall erinnerte mich jedesmal an eine Szene in einer Moschee in Damaskus: Eine Schar burkatragender Frauen fand sich im Moscheehof ein und ein Vorbeter sang mit steigender Erregung Koranverse. Nach einer Zeit stimmten die Frauen wie in Trance in eine Art Liturgie ein, die sich in steigerndes Geschluchze bis hin zu Schmerzensschreien Ausdruck verlieh. Die Situation war so beklemmend, dass nur der auf uns Giauren ausgestreckte Zeigefinger gefehlt hätte, und die Menge wäre auf uns zugestürmt, um uns in der Luft zu zerreißen. Eine ähnliche befremdliche, explosive, zwischen Wahn und Ritual taumelnde Atmosphäre der Massenpsychose, nun aber mit xenophoben Obertönen, erlebte ein Freund und seine Reisegruppe während einer rituellen Schächtung in einem Dorf in Algerien in den frühen 1980er Jahren. Als der Schamane die Kehle eines Schafes durchschneiden wollte, wies er die Blicke der Menge in Richtung Ausländer und bedeutete ihnen unter beifälliger Bekundung der Menge, sie wären die nächsten, dessen Kehle durchgeschnitten würde. Es gibt Urlaube, bei denen man froh ist, wenn sie vorbei sind und man das Land wieder verlässt.

Letzte Abfahrt Hoffnung - Wo sind die Palmen geblieben?
Letzte Abfahrt Hoffnung – Wo sind die Palmen geblieben?

Endlich gefunden: der Pass über die Sierra Nevada
Zu guter Letzt fand ich übrigens noch einen Pass über die Sierra Nevada bei Lago Togo. Der bezauberte durch eine Schneelandschaft, wie ich sie zuletzt im deutschen Mittelgebirge, im Sauerland im wirklich wundervollen Winter 2005/ 2006 erlebt hatte. Ich fühlte mich wie zu Hause, nur das die Berge zerklüfteter und reizvoller schienen; ein den Deutschen im Allgemeinen doch wurmendes Gefühl, was die Naturlandschaft anbelangt, nicht gerade gesegnet worden zu sein. Reizvoller noch gestaltete sich die Fahrt durchs Weiß, da ich auf einen sonnigen Kalifornienurlaub eingestellt war und mich mitten in ein Wintermärchen versetzt sah.