Evangelische Bekenntnisfrage: Gott oder die Bombe?

Ein zweiter Band ergänzt die Sammlung kritischer Stellungnahmen zur neuen EKD-Denkschrift

Ein Buchtitel. Auf der oberen Hälfte ein Bild: Ein Waran auf Pflasterpöatten. Auf ihm sitzt eine Taube, davor noch eine Taube.

Die Untere Hälfte belegen Titelangaben:

Umdenkschrift II
zum Evangelischen Diskurs
über Krieg und Frieden

Weitere kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse - Zweite Sammlung

Herausgegeben von Peter Bürger
im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und
des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie

Umdenkschrift II zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Weitere kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Zweite Sammlung. Herausgegeben von Peter Bürger, im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (= edition pace Bd. 44). Hamburg: BoD 2026. (ISBN 978-3-6957-4733-7; Paperback; 152 Seiten; Ladenpreis 7,99 Euro) https://buchshop.bod.de/umdenkschrift-ii-zum-evangelischen-diskurs-ueber-krieg-und-frieden-9783695747337


Beiträge von: Ralf Becker, Günter Brakelmann, Peter Bürger, Nicolai Franz, Internationale Ärzt*innen zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), Arno Lohmann, Burkhard Paetzold, Wilfried Preuß-Hardow, Klaus Straßburg – sowie ein Medienspiegel zum „EKD-Diskurs Krieg und Frieden“.

Leseprobe:
Vorwort des Herausgebers


Wohl keine Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten zu so viel Widerspruch und Entsetzen geführt wie die EKD-Kundgebung „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ vom November 2025.

Die hier von der Solidarischen Kirche im Rheinland und dem Ökumenischen Institut für Friedenstheologie vorgelegte „Umdenkschrift II“ enthält Nachträge zu unserer im Januar 2026 erschienenen Dokumentation (https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015537.html) mit kritischen Wortmeldungen aus der aktuellen EKD-Kontroverse um Krieg und Frieden. Abzubilden ist – bezogen auf Tonart und Inhalte – ein breites Spektrum des Widerspruchs. So wird der vorliegende Band eröffnet mit zwei Texten, die sich durch eine ausgesprochen freundliche Diktion auszeichnen, während er mit einem sehr streitbaren Debattenbeitrag des Herausgebers schließt. Aus der Mitte des Protestantismus – nicht etwa aus den linken oder gar ‚radikalpazifistischen‘ Kreisen – kommt ein Aufsatz, den Günter Brakelmann und Arno Lohmann unabhängig von der Denkschrift schon im August 2025 veröffentlicht haben (Umdenkschrift II, S. 13-23):

[E]s muss hingewiesen werden auf die Tatsache, dass es mächtige Minderheiten sind, die die Entscheidungen für einen Krieg treffen. Völker, auch demokratisch verfasste, haben bisher noch nie über Krieg und Frieden mit abgestimmt.

Kirche muss von ihren ethischen Kriterien her ohne Rücksicht auf die Regierenden und auf die öffentliche Meinung auf diese Zusammenhänge hinweisen. Sie kann sich nicht verpflichten lassen auf die Argumente derer, für die Kriege noch ein politisches Mittel sind, nationale Sicherheit und machtpolitische Ziele zu erreichen. Sie kann kein Ja mehr sprechen zu kriegerischen Gewaltanwendungen mit ihren Massenmorden und ihrem Massenelend. Sie hat – wenn auch manchmal verzweifelt – ein klares Nein zu durch nichts mehr zu verantwortbaren Kriegen zu sprechen.

Ein ebenso klares Nein muss gegen die Vorbereitung von Kriegen mit verbesserten Waffen durch Aufrüstung oder durch Ausbau eines zivilen Schutzsystems gesprochen werden. Maßnahmen zur Verstärkung der militärischen Abwehrkraft mögen durchaus zwischenzeitlich friedenssichernd sein, aber man legt sich verbesserte Waffensysteme zu, die im Ernstfall des Ausbruchs eines Krieges für die vom Kriegsgeschehen Betroffenen die ‚Hölle auf Erden‘ bedeuten können.

Die Kirche muss ein klares Nein zu den Kriegsvorbereitungen wie zu jeder praktischen Kriegsführung sagen. Sie kann sich nicht jener Logik des Politischen unterwerfen, die gegen die Friedensverkündigung Jesu und gegen die ethischen Kriterien einer verantwortlichen Weltgestaltung steht.“

Man hätte erwarten dürfen, dass zumal in deutschen Landen die Kirchen sich in solcher Eindeutigkeit der auf allen Kanälen ange­heizten Militarisierung entgegenstellen. Derweil aber bemüht sich die jüngste Denkschrift des real existierenden ‚Großkirchenapparates‘ darum, sogar dem Terminus „Kriegstüchtigkeit“ einen annehmbaren Sinn abzugewinnen. Wir dürfen davon ausgehen, dass die Verantwortlichen allerdings schon längst nicht mehr nachvollziehen können, warum so viele Getaufte angesichts der neuerlichen Vorgaben am deutschen Kirchentum verzweifeln. – Wer im Übrigen die Klage über eine ‚Enttheologisierung‘ der Kirchenleitungen in unserem reichen Land für übertrieben hält, möge sich ein Interview mit dem evangelischen Militärbischof vom 3. Januar dieses Jahres zu Gemüte führen (Podcast https://www.deutschlandfunkkultur.de/frieden-schaffen-mit-waffen-militaerbischof-es-gibt-legitime-gewaltanwendung-100.html). Dankbar darf man dafür sein, dass Medienschaffende – wie in diesem Fall – von einem Bischof immer noch ein christliches Zeugnis erwarten und nicht Voten eines staatlichen Beamten.

Der Versuch, zunächst über das deutsche evangelische Militärkirchenwesen dem – von einer neuen Jugend der Welt auf den Weg gebrachten – UN-Atomwaffenverbotsvertrag (2017, in Kraft getreten 2021) eine Linie der unverdrossenen Atombomben-Duldung entgegenzustellen und diesbezügliche Begehrlichkeiten des Staates kirchlich gutzuheißen, ist spätestens seit 2023 bekannt. (Vgl. das militärkirchliche Dokument https://www.bundeswehr.de/resource/blob/5586906/60b681196328321d90e4fcf9297a7501/mass-des-moeglichen-data.pdf ) Dass diese Richtung sich auf der obersten Ebene der EKD durchsetzen würde, hielten allerdings selbst die kritischsten Kreise für äußerst unwahrscheinlich. Sofern die EKD auf ihrer jetzt ausgesprochenen skandalösen Atombomben-Duldung beharrt, ist es für nicht wenige Christ­in­nen und Christen, die am vorkonstantinischen Friedens­standort der Alten Kirche festhalten, aus Gewissensgründen wohl kaum noch möglich, im EKD-Kirchentum die Sakramente mitzufeiern.

Stellungnahmen zum kirchlichen Nuklearismus bilden einen Schwerpunkt der vorliegenden zweiten Sammlung. Sehr klar sind die Ausführungen von Burkhard Paetzold, der 1978-1989 Mitglied der ‚ad hoc Gruppe Abrüstung‘ im Referat Friedensfragen der Theologischen Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR gewesen ist (Umdenkschrift II, S. 67-72):

Atomwaffen sind keine Waffen unter anderen. Sie zielen auf die glaubhafte Androhung massenhafter, unterschiedsloser Vernichtung von Menschen, Lebensgrundlagen und Zukunft. Damit widersprechen sie fundamental dem biblischen Zeugnis vom Leben als Geschenk Gottes. – Die Logik nuklearer Abschreckung bindet das eigene Überleben an die Bereitschaft, im Ernstfall Unvorstellbares zu tun. Theologisch ist das nicht nur problematisch, sondern unvereinbar mit dem Vertrauen auf Gott als den Bewahrer des Lebens – und mit der Nachfolge Jesu, die nicht durch Drohung, sondern durch Hingabe wirkt. – An diesem Punkt reicht ethische Abwägung nicht mehr aus. In der Tradition der DDR-Synoden, die dem Geist, der Logik und der Praxis der nuklearen Abschreckungausdrücklich widersprochen haben, ist klar zu sagen: Nuklearismus ist Häresie. – Denn der Nuklearismus verlagert Vertrauen von Gott auf eine todbringende Macht. Er schreibt einer technologischen Fähigkeit zu, was allein Gott zukommt: Schutz, Bewahrung, Erlösung und letztgültige Verfügung über Leben und Tod. Wo die Abschreckung zur letzten Sicherheitsinstanz wird, tritt sie faktisch an die Stelle Gottes. – Die DDR-Synoden haben diesen Zusammenhang klar benannt, indem sie nicht nur einzelne politische Maßnahmen kritisierten, sondern der gesamten Logik der Abschreckung widersprachen. Sie erkannten: Hier geht es nicht um eine unter vielen sicherheitspolitischen Optionen, sondern um eine geistliche Grundentscheidung – um die Frage, wem wir letztlich vertrauen.“

Mit Schmerz schreiben jetzt ebenfalls drei Sprecherinnen der mennonitischen Friedenskirche in einem Offenen Brief an die EKD-Kirchenleitung zur Denkschrift: „Die Konvergenzen, an denen wir in internationaler ökumenischer Gemein­schaft, zum Beispiel in der ÖRK-Dekade zur Überwindung von Gewalt, gearbeitet hatten, können wir nicht mehr finden“ (Umdenkschrift II, S. 106). Den Abstand zur römisch-katholischen Weltkirche vermag zu ermessen, wer das letzte – autobiographische – Buch „Hoffe“ des im Frühjahr 2025 verstorbenen Bischofs Franziskus von Rom gelesen hat: ein Werk, das nur als pazifistisches Vermächtnis verstanden werden kann.

Derzeit sollen überall im Lande schon länger vorbereitete Veranstaltungsformate dabei helfen, dass eine breite Akzeptanz entsteht für die gewandelte kirchliche Programmatik im protestantischen ‚Krieg und Frieden‘-Diskurs. Die Verteidigerinnen und Apologeten der jüngsten EKD-Denkschrift bringen vor, dass die heftig kritisierten „Neuerungen“ ja nur einen sehr bescheidenen Anteil am Textumfang des Gesamtdokumentes ausfüllen. Hier kann man freilich auch einer gegenteiligen Betrachtungsweise folgen. Explosive Neuerungen der Rechtslage bringen Akteure von Lobbypolitik in Nordamerika bisweilen ‚durch die Parlamente‘, indem sie das Strittige, Ungeheuerliche oder Tabubrechende in sehr umfangreichen Gesetzesvorlagen unterbringen, die ganz überwiegend aus völlig unstrittigen und unverfänglichen Textpassagen sowie altvertrauten Inhalten bestehen.

Die jetzt abgesegnete EKD-Denkschrift sollte eine Anpassung der evangelischen ‚Friedensethik‘ vor allem angesichts des Ukraine-Krieges herbeiführen. Die unglaublichen Neuerungen gegenüber dem Vorgängerdokument hätte man schon auf fünf oder zehn Seiten im Klartext vermitteln können. Aber ohne die Gesamtverpackung wäre es wohl kaum zu einer reibungslosen Verabschiedung der militärfreundlichen Kundgebung gekommen.

Es sollte sich niemand irreführen lassen. Zu diskutieren ist jetzt nicht über altbekannte Betrachtungen und wohlklingende Sprachspiele, die auch im aktuellen Kon-Text wiederholt werden, sondern über die vergleichsweise leicht überschaubaren ‚Kuckuckseier‘, die der Gemeinde Jesu u. a. aus dem besonders staatsnahen Militärkirchenwesen ins Nest gelegt werden.

Düsseldorf, 20. Februar 2026 | Peter Bürger

Leseprobe zur Buchausgabe: https://buchshop.bod.de/umdenkschrift-ii-zum-evangelischen-diskurs-ueber-krieg-und-frieden-9783695747337 (das Buch ist mit ISBN-Nummer überall, auch im nahen Buchhandel bestellbar).

Digitalausgabe zur freien Verbreitung: Eine freie Digitalfassung des Bandes ohne Illustrationen ist aufrufbar bei der Solidarischen Kirche im Rheinland (https://solidarischekirche.de/wp-content/uploads/2026/02/SOKI-Umdenkschrift-Zwei.pdf), beim Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (https://friedenstheologie-institut.jimdofree.com/app/download/8598002763/20260222_umdenkschrift_band_2.pdf) und beim Lebenshaus Schwäbische Alb (https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/media/pdf/LE-Umdenkschrift-Zwei%202026.pdf). – Bibliographische Angaben: Umdenkschrift II zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Weitere kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Zweite Sammlung. Herausgegeben von Peter Bürger, im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (= edition pace Bd. 44). Online-Ausgabe, 20.02.2026. (152 Seiten).

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