Ciudad Mexico: dunkelhäutige Heilige, Weihnachten, die größte Schlittschuhbahn der Welt und das Jahresende

Ein weihnachtliche "hola a todos". (fotos: koerdt)
Ein weihnachtliches "hola a todos". (fotos: koerdt)

Dieser Artikel ist der zehnte Teil einer persönlichen Serie über das Leben in Mexico-City im Jahr 2010. Sämtliche bisher erschienen Artikel sind hier zu finden. Zum Jahresabschluss wird es noch einmal so richtig weihnachtlich. Viel Spaß beim Lesen.

Hola a todos!

Dies wird wohl das letzte Lebenszeichen von mir in diesem Jahr aus Mexiko. Doch keine Sorge, ich bleibe ja noch länger hier. Monate sind ja scheinbar nicht mehr als zyklische Unterteilungen, so dass man fast das ganze Jahr über sagen kann „alle Jahre wieder“.

Der höchste christliche Feiertag: Virgen de Guadalupe
Also, alle Jahre wieder am 12. Dezember, findet das Fest der Virgen de Guadalupe statt, der höchste christliche Feiertag in Mexiko. Im Jahre 1531 (also recht kurz nach der Eroberung der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan im Jahre 1521) erschien dem bereits bekehrten Indio Juan Diego die Jungfrau Maria. Wie der Zufall es wollte, geschah dies auf dem Hügel von Tepeyac. Dort stand nämlich bereits ein Schrein, der der Göttin Tonantzín geweiht war, eine der wichtigsten aztekischen Gottheiten. Hier waren bereits die Azteken hingepilgert und haben ihrer Göttin Opfer dargebracht. Somit war es um so ein Leichteres diesen Kult einfach mal zu christianisieren.

Die dunkelhäutige Jungfrau
Die Indios pilgerten einfach weiter dorthin und Juan Diego holte sich beim damaligen Erzbischof die Bestätigung, als er wenige Tage später bei diesem erschien und aus seinem Mantel Rosen (die damals in Mexiko völlig unbekannt waren) und ein Bild der Jungfrau mit einem Strahlenkranz zauberte. Dass diese passenderweise auch noch etwas dunkelhäutiger war (wie die Indios) und damit auch mehr Identifikationsfläche bot, war wohl purer Zufall. Jedenfalls stehen an der Stelle der Erscheinung im Norden von Mexiko-Stadt nunmehr neben weitern kleinen Kapellen zwei Basiliken. Die ältere aus dem Jahre 1700 sackt so langsam in die Erde hinab, die neuere wurde 1976 errichtet und ist auf die Pilgerströme bestens vorbereitet.

Auf nach Bad Mexiko, wo die Luft noch rein ist und die heilige Maria dunkelhäutig.

Auf nach Bad Mexiko, wo die Luft noch rein ist und die heilige Maria dunkelhäutig.
Auf nach Bad Mexiko, wo die Luft noch rein ist und die heilige Maria dunkelhäutig.

Eine vierspurige Rolltreppe gleitet den fußmüden Pilger an dem Bild der Guadalupe vorbei. Und einmal im Jahr ist eben der Tag der Guadalupe. Woran wir aber natürlich am letzten Samstag nicht gedacht haben, als wir Richtung Osten die Stadt verließen, um am Popocatepl wandern zu gehen. Auf der riesigen Ausfahrtsstraße kamen uns Massen an Radfahrern entgegen, die den Verkehr blockierten. Mein Erstaunen war grenzenlos: nie hätte ich gedacht, dass in diesem Land so viele Räder existieren. Und die Unfähigkeit diese auch verkehrsgerecht zu fahren, ließ bei den Rückschluss zu, dass sich diese Leute nur an diesem Tag auf den Sattel gesetzt haben. Doch die Menschenmenge bewegte sich nicht nur auf zwei Rädern Richtung Stadt, sondern auch zu Fuß. Es sah aus wie eine Evakuierungswelle nach dem Ausbruch des Popocatepls. Nur: die wabernde Welle trug nicht ihre Habseligkeiten bei sich, sondern kiloschwere Bilderrahmen, in denen Bildnisse der Guadalupe eingefasst waren. Auf Kinderwägen waren kleine Statuen montiert worden und so fuhren wir im Schritttempo an der Masse vorbei, die sich auch durch diese stickige, staubige Abgasluft nicht von ihrem Ziel abhielten ließ.

Nur Fundamentalkatholiken stellen sich Adventskränze in ihre Wohnzimmer

Kein Bienenwachs nirgends.
Kein Bienenwachs, nirgends.

Eigentlich wäre dies wieder einmal ein Zeichen für die tiefe Religiosität in diesem Land, an der ich doch immer mehr zweifle. Schließlich erklärte mir eine Kollegin, dass sich eigentlich nur Fundamentalkatholiken Adventskränze in ihre Wohnzimmer stellen würden. Und tatsächlich stellt es einen Akt der Unmöglichkeit dar, einen Adventskranz käuflich zu erwerben. Auch nicht an den Weihnachtsmarktständen, die sich ein kleines Stückchen entlang des Paseo de la Reforma (dem „Prachtboulevard“ vom Chapultepec-Park zum Zocalo, also dem Hauptplatz in der Innenstadt) reihen. Hier bekommt man Spezialitäten aus dem Iran (sic!) und eine Molkereikette hat unzählige Büdchen im Beschlag, um dort Joghurt zu verkaufen.

Ansonsten gibt es Weihnachtssterne, Weihnachtssterne, Weihnachtssterne im Angebot. Was eigentlich auch nicht wundert, schließlich kommt diese Pflanze hierher und das hat zur Folge, dass in den letzten Wochen die gesamte Stadt damit bepflanzt worden ist. Oder man bastelt riesige Weihnachtsbäume aus diesen Pflanzen (s.o.). Eigentlich nett anzusehen.

Warmer Früchtepunsch, mit einem Schuss Tequila getunt
Eine weitere Nettigkeit in der Vorweihnachtszeit sind die posadas. Gemeinhin lädt die Nachbarschaft in der Woche vor Heiligabend dazu ein, aber da mein Uni-Kurs bereits Mitte Dezember geendet ist, wurde dort die posada zum Abschluss des Semesters vorzeitig durchgeführt. Die posada beginnt mit einem Singspiel, das die Herbergssuche des Josefs nachstellen soll. Eine Gruppe steht draußen, eine andere im Haus. Nun wird abwechselnd gesungen, bis man sich schließlich doch der draußen stehenden Gruppe erbarmt und sie rein bittet. Anschließend wird gegessen und getrunken. Hier gibt es keinen Glühwein, dafür aber ponche con piquete. Das ist ein warmer Früchtepunsch, der mit einem Schuss Tequila getunt wird. Die Wirkung ist mit der von Glühwein vergleichbar.

Pinatas sind auch bei Erwachsenen beliebt
Auch bei Erwachsenen sind dann die pinatas sehr beliebt. Das sind Pappmachee-Sterne (sonst auch gerne andere Figuren), die aufgehängt werden und die mit einem Stock zerschlagen werden müssen. Klingt einfach, aber wenn einem die Augen verbunden werden und man so zwei, drei ponches intus hat, kann ich euch sagen, dass das eine fast unlösbare Aufgabe ist.

Die größte Schlittschuhbahn der Welt – verwaist

Ja, wo laufen sie denn?
Ja, wo laufen sie denn?

Ein Highlight hat diese Stadt in dieser Zeit auch noch zu bieten: auf dem Zocalo wurde die größte Schlittschuhbahn der Welt aufgebaut. Aber: als ich dort war, war sie leer. Auch andere, die dort waren, teilten mir mit, dass sie keinen einzigen Kufendreher dort gesehen hätten. Vielleicht hat der Mexi doch eher ein distanziertes Verhältnis zur Kälte und zum Eis. Auch mir erscheint es absurd bei 24 Grad Schlittschuhzulaufen. Abgesehen davon, dass ich das auch nur ganz übel hinbekomme (habe mir im zarten Alter von 11 Jahren dabei meine erste Gehirnerschütterung geholt, seitdem sehe ich alles andere als elegant auf dem Eis aus).

Ansonsten kommt mir die Vorweihnachtszeit hier doch sehr vertraut vor: der Dekorationskitsch kennt keine Grenzen, die Lichterketten funkeln und die Leute kaufen die Geschäfte leer.

Ich gebe zu: auch ich habe etwas in diesem Laden gekauft. Allerdings eine Flusenbürste (nicht auf dem Bild zu sehen).

Was Frisöre fragen: Lassen sich Frauen in Deutschland die Beinhaare auch mit Wachs entfernen?

 Ich gebe zu: auch ich habe etwas in diesem Laden gekauft. Allerdings eine Flusenbürste (nicht auf dem Bild zu sehen).
Ich gebe zu: auch ich habe etwas in diesem Laden gekauft. Allerdings eine Flusenbürste (nicht auf dem Bild zu sehen).

Ganz anderes Thema: eine Frage, die meinen Frisör hier wohl schon lange umtrieb und die er sich endlich getraut hat, mich zu fragen, ist, ob sich die Frauen in Deutschland die Beinhaare auch mit Wachs entfernen lassen. Als ich antwortete, manche schon, war er sehr überrascht, dass es das auch in Deutschland gäbe. Ich hätte ihm im Gegenzug aber klarmachen können, dass mexikanische Frisöre überhaupt nicht in der Lage sind, blonde Strähnchen zu machen. Jedenfalls sah ich nach meinem letzten Frisörbesuch eher so aus, als hätte ich auf einmal graue Strähnchen. Vielleicht lässt das mich ja weiser erscheinen. Da ich ja ein höflicher Mensch bin, habe ich die Klappe gehalten und mich dazu entschlossen, den Frisör zu wechseln. Auch wenn ich dann auf Schmeicheleien wie ich sähe aus wie Claudia Schiffer verzichten muss (was aber ein Leichtes ist).

Also, ich wünsche euch allen ein schönes Weihnachtsfest (wo immer ihr auch seid) und viele tolle Weisheiten für das kommende Jahr (und sowieso alles Gute, Gesundheit und Gelassenheit für die folgenden Monate/ ihr wisst schon, alle Jahre wieder).

Hasta luego!

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