
Das erste Mal
“Der Teleschirm empfing und sendete gleichzeitig.” (George Orwell, 1984)
Ich erinnere mich noch genau an meine erste Berührung mit dem Internet. Vor etwa 30 Jahren saß ich vor meinem Computer und hatte gerade das von einem Freund gebraucht gekaufte 9600baud-Modem an die serielle Schnittstelle angeschlossen. Die AOL-Software, die damals fast jeder Ausgabe der PC-Welt-Zeitschrift als Diskette beilag, war auf dem Windows 95 System installiert.
(Ein Gastbeitrag von Chris Köster, Olsberg – rzgierskopp)
Nun stand ich vor der Qual der (Ein-)Wahl: Ist Dortmund der günstigere Einwahlknoten, den ich mein Modem wählen lassen soll, oder Paderborn? Egal – beides war ein Ferngespräch.
Die Verbindungskosten in den Einwahlknoten wurden als Telefongespräch über die Telekom-Rechnung bezahlt und betrugen ca. 9,- DM/Stunde.
Die Nutzung des “Providers” AOL (America online) kostete zusätzlich 9,- DM monatliche Grundgebühr UND etwa 6,- DM pro Stunde (Hauptzeit)/etwa 3,- DM pro Stunde (Nebenzeit/Nacht).
Das Modem spielte seine dissonante Melodie und – die Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als ich merkte: „Ich bin drin!„.
Was jetzt? Was macht man im Internet denn eigentlich? Dieser Moment war alles andere als entspannt, denn das Bewusstsein über die nun tickende Gebührenuhr (etwa 25 Pfennig pro Minute) sorgte bei einem Schüler, der den Eltern die Ausgaben für diesen Anruf würde erklären müssen, für ein unterschwelliges Unwohlsein.
Die unterbewusste Hektik wurde jedoch von Neugierde vertrieben, als ich mich unbeholfen durch die AOL-Software klickte.
Bei Chat blieb ich hängen – Der Klick auf den Menüpunkt öffnete eine Übersicht einiger Chatrooms von denen ich wahllos einen öffnete.
Im Chatfenster erschienen immer wieder neue englischsprachige Nachrichten, die von einer Hand voll Teilnehmer abwechselnd verfasst wurden.
Nachdem ich realisiert hatte, dass ich aktiv an diesem Gespräch teilnehmen konnte, tippte ich vorsichtig meine erste Nachricht ein. Es war so etwas wie „Hello, how are you?„.
Als im weiteren Verlauf des Chats, der mit einem Smalltalk zu vergleichen war, jemand auf meine Frage „Where are you from?“ mit „Canada“ antwortete, war ich buchstäblich überwältigt und meine Faszination darüber, dass ich gerade eine Nachricht NACH Canada geschickt hatte – und innerhalb weniger Sekunden eine Antwort AUS Canada erhalten hatte, fesselte mich noch eine ganze Weile, nachdem ich mit schlechtem Gewissen nach etwa einer Stunde (15,- DM) das Modem ausgeschaltet hatte.
Heute, nach etwa dreißig Jahren als jemand, der sich seitdem sowohl privat, als auch beruflich (als Softwareentwickler (FullStack), Projektleiter und Technical Lead (Webentwicklung)) intensiv mit dem Internet beschäftigt hat, kommt mir diese Erinnerung sehr seltsam vor.
Dieses Erlebnis hatte mein Interesse an freier internationaler Kommunikation und freiem internationalen Austausch geweckt, welches mich seitdem zu fast jedem neuen Social Network (wie Friendster, MySpace, StudiVZ , MeinVZ, Facebook, YouTube, Instagram, …) und zu fast jedem neuen Messenger-Dienst (wie ICQ, SMS, Jabber/XMPP, WhatsApp, Telegram, Signal, Threema, DeltaChat, [matrix]…) geführt hat.
Big Brother
“Big Brother is watching you.” (George Orwell, 1984)
Nicht nur die Informatik hat meinen späteren Lebenslauf beeinflusst, sondern unter anderem auch die Literatur.
So bin ich sehr froh, dass der Roman 1984 (Nineteen Eighty-Four) von George Orwell (1) im Deutschunterricht meines Gymnasiums Anfang der 1990er Jahre Pflichtlektüre war.
Ich erinnere mich sehr gut an das beklemmende Gefühl bei der Lektüre dieses Buches – und hätte mir Anfang der 1990er Jahre nicht vorstellen können, dass ich gute 30 Jahre später in einer Zeit leben würde, in der ich dieses Buch „aus gegebenem Anlass“ empfehlen würde.
Dieses Buch und mein Interesse für Geschichte, Politik und Gesellschaft lässt mich technische Errungenschaften seitdem immer auch kritisch betrachten.
Da die von Orwell 1949 entworfene Szenerie für die weiteren Gedanken in diesem Beitrag eine wichtige Rolle spielen, führe ich hier ein paar kurze Stichpunkte zum Inhalt auf, was die empfohlene Lektüre des Buches in keinem Fall ersetzen kann.
In George Orwells Roman 1984 lebt die Gesellschaft unter totaler Kontrolle durch den Staat Ozeanien, verkörpert durch Big Brother. Überwachung ist allgegenwärtig und das zentrale Machtinstrument.
- Totale Beobachtung Menschen werden ständig durch „Teleschirme“ überwacht, die sowohl senden als auch beobachten. Privatsphäre existiert praktisch nicht.
- Gedankenüberwachung Nicht nur Handlungen, sondern auch Gedanken sind verboten („Gedankenverbrechen“). Schon der kleinste Verdacht kann zur Verhaftung führen.
- Selbstzensur Weil jeder jederzeit beobachtet werden könnte, kontrollieren die Menschen sich selbst aus Angst vor Bestrafung.
- Manipulation der Realität Überwachung dient auch dazu, die offizielle Wahrheit durchzusetzen – abweichende Meinungen werden erkannt und eliminiert.
- Angst als Kontrollmittel Die ständige Unsicherheit hält die Bevölkerung gefügig und verhindert Widerstand.
Insgesamt zeigt Orwell, wie umfassende Überwachung Freiheit zerstört und Menschen dazu bringt, sich selbst zu unterdrücken.
Meine kritische Betrachtung der Entwicklung des „Internet“ und der politischen Ereignisse in den U.S.A. bringt Sie nun in die Lage, diesen Beitrag zu lesen.
Soziale Netzwerke
“Bis zu einem gewissen Grad war es sogar gefährlich, jemanden zu kennen.“ (George Orwell, 1984)
Hinweis
Im Folgenden verwende für den soziologisch gemeinten Begriff die Bezeichnung Soziales Netzwerk, und für den technisch gemeinten Begriff die Bezeichnung Social Network.
Soziologie
“Ihre Umarmung war ein Schlag gegen die Partei.“ (George Orwell, 1984)
Der Begriff Soziale Netzwerke wird heutzutage häufig für Online-Plattformen verwendet, hatte aber bereits vor dem zivil nutzbaren Internet eine Bedeutung.
Er stammt aus der Soziologie und steht für Beziehungsstrukturen zwischen Menschen.
Die Bezeichnung „Netzwerk“ ist in diesem Zusammenhang keine technische Verknüpfung, sondern die Verflechtung von Menschen mit ihren Mitmenschen (z.B. in Familien, zwischen Freunden, in Vereinen, im beruflichen Umfeld).
Es geht um unmittelbare Beziehungen zwischen Menschen – ein Austausch von Worten, Emotionen und Berührungen.
Es geht um kommunikative Aktionen und Reaktionen, die auf der kleinsten Ebene zwischen (zwei) Menschen stattfinden.
Dieser soziale Austausch ist sehr wichtig für alle Ebenen unserer Gesellschaft, vor allem aber für das Individuum.
Menschen sind seit jeher auf Soziale Netzwerke angewiesen, um zu überleben:
- Soziale Unterstützung
- emotionale Hilfe (z.B. Trost, Verständnis)
- praktische Hilfe (z.?B. Geld, Hilfe im Alltag)
- Orientierung & Identität
- Entwicklung des Selbstbildes im Austausch mit anderen
- Übermittlung von Werten, Normen und Rollen
- Informationsaustausch
- Zugang zu Wissen, Neuigkeiten oder Chancen (z.?B. Jobs)
- Sicherheit & Zugehörigkeit
- Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein
- Schutz vor Isolation und Einsamkeit
Soziale Netzwerke basieren auf physischer Nähe – in der Familie, im Viertel, in der Stadt, am Arbeitsplatz, im Verein. Hilfsmittel, wie Briefe, Chats oder Online-Plattformen, können diese Sozialen Netzwerke unterstützen, aber sie können sie nicht vollkommen ersetzen.
Sie werden sich daran erinnern, wie sich die Einschränkung des physisches Kontakts zu Freunden, Arbeitskollegen in der COVID-19-Pandemie auf sie ausgewirkt hat.
Er war nicht dauerhaft durch technische Hilfsmittel zu ersetzen.
Technik
“Es war unmöglich, irgendeine echte Bindung zu einem Menschen zu haben.” (George Orwell, 1984)
Der Begriff Social Network wird heutzutage auch für die digitale Vernetzung verwendet.
Er ist hier allerdings irreführend, da er nicht das Soziale Netzwerk meint, sondern nur ein Hilfsmittel, um das Soziale Netzwerk zu unterstützen.
Im technischen Bereich meint er tatsächlich den technischen Kontakt zwischen Menschen und Gruppen.
Zur Unterstützung der zwischenmenschlichen Kommunikation sind Online-Plattformen und Online-Dienste durchaus sinnvoll, da sie z.B. einen Kontakt herstellen können, der physisch aufgrund äußerer Umstände nicht möglich ist, oder die Organisation aufwendiger Vorgänge erleichtern können.
So kann man z.B. den Mitgliedern seines Vereins mit geringem Aufwand einen Termin oder eine Information zukommen lassen, was den Verein als soziales Netzwerk erheblich unterstützt und fördert.
Und genau das war es, was die ursprünglichen Social Networks im Internet ausmachte – es förderte Gemeinschaften.
Man kann sogar sagen, dass das zivile Internet durch diese ursprünglichen Social Networks entstanden ist – siehe Selbstbestimmt und dezentral: Zur alternativen Geschichte und Gegenwart von Social Media; Gleb Albert (2) – übrigens lange bevor ich zum ersten Mal mit einem Kanadier chattete.
Dezentrale Social Networks
“Freundschaft, Liebe, Kameradschaft – all das war verdächtig.” (George Orwell, 1984)
Das ursprüngliche Internet und die ursprünglichen Social Networks waren dezentral aufgebaut. Das bedeutet, sie entstanden und existierten nur durch ihre einzelnen Teilnehmer, die sich über das Telefonnetz verbanden und technisch direkt miteinander kommunizierten.
Server, also Knotenpunkte waren dazu nicht notwendig.
Diese dezentralen Netzwerke hatten unter anderem folgende Vorteile: Wenn ein Teilnehmer technisch ausfiel, konnte das Netzwerk, das Internet, weiter funktionieren. Da es keine Server gab, war es schwer bis unmöglich, die Kommunikation zwischen allen Teilnehmern zu überwachen, mitzulesen oder zu kontrollieren.
Die Dezentralität hatte allerdings auch Nachteile: War z.B. kein anderer Teilnehmer eingewählt, war man im Internet “allein” und konnte weder kommunizieren, noch Informationen abrufen.
Zentrale Social Networks
Es gab natürlich keine Möglichkeit festzustellen, ob man gerade beobachtet wurde oder nicht … man musste in der Annahme leben, dass jedes Geräusch belauscht und jede Bewegung überwacht wurde. (George Orwell)
Das Internet entwickelte sich technisch weiter.
So entstanden Server als Knotenpunkte, welche die dauerhafte Bereitstellung von Informationen auch dann gewährleisteten, wenn gerade wenig dezentrale Teilnehmer eingewählt waren.
Die dezentralen Teilnehmer wurden damit nach und nach zu Klienten (clients) bzw. zu (Informations-)Konsumenten der Server, aber spielten als Teil der technischen Infrastruktur keine Rolle mehr.
Diese Server, wörtlich übersetzt „Diener„/“Bediener„, waren zunächst passiv: Sie stellten Informationen zentral bereit – mehr nicht.
Durch ihre Zentralität wurden sie schnell zu einem technischen „Machtzentrum“.
Ein Nebeneffekt dieser Server war, dass man dort sehen konnte, welcher Teilnehmer wann welche Informationen abgerufen hatte.
Man konnte nun auch beeinflussen, welcher Teilnehmer welche Informationen sehen sollte bzw. durfte.
Man konnte auch bestimmte Teilnehmer vom Informationsaustausch ausschließen.
Auch, wenn diese Nebeneffekte der Server ursprünglich nicht das primäre Ziel ihrer Existenz waren, wurden diese immer weiterentwickelt und sind heute fester Bestandteil des Internet.
Die Weiterentwicklungen diese Nebeneffekte sind letztendlich der Grund dafür, dass heute sehr große Teile des Internet durch profitorientierte Konzerne und politische Akteure gesteuert und überwacht werden können.
Das ist der Zustand des Internet bzw. der Social Networks, den der Nutzer heute im kommerziellen Internet sieht. Die Social Networks aller großen Konzerne basieren auf diesem Prinzip: Alle „Teilnehmer“ kommunizieren über einen Server (vereinfacht ausgedrückt) – alle Informationen laufen auf einem Server zusammen und werden dort zentral sortiert und weiterverteilt.
Kommerzielle Social Networks
“Der Markt der Proles war voller billiger, nutzloser Dinge.” (George Orwell, 1984)
So weit, so gut; doch kommerziell gesehen ist das Bereitstellen eines Servers eine (kostenlose) Dienstleistung.
Eine profitorientierte Firma kann so keinen Profit generieren. Sie braucht Waren und entsprechende Geschäftsmodelle:
- Geschäftsmodell 1
Der Konzern bietet Kunden die Dienstleistung „Werbung“ an. Je mehr der Kunde
zahlt, desto mehr Nutzern werden seine Inhalte angezeigt.
Der Effekt für den Nutzer ist, dass er nicht die Informationen findet, die er sucht, sondern die er finden und sehen soll. - Geschäftsmodell 2
Durch die Nutzung des kostenlosen Social Networks liefert der Nutzer dem Konzern wertvolle Daten: Texte, Bilder, seine Freundesliste, sein Kaufverhalten, seine Interessen, seine politische Meinung, u.s.w. Diese Daten werden zu einem unsichtbaren Profil gebündelt, welches- eine exakte Identifizierung des Nutzers zulässt (digitaler Fingerabdruck)
- als Datenpaket an andere Firmen, Behörden und Regierungen weiterverkauft wird
- für das Training von KI-Modellen genutzt oder zu diesem Zweck an andere Firmen
weiterverkauft wird. Da alle SocialMedia-Konzerne mittlerweile eigene KI-Modelle haben, darf man davon ausgehen, dass beides der Fall ist.
Diese beiden ausgewählten Geschäftsmodelle sind nicht geheim – im Gegenteil! Jeder kann sie in den AGB’s der betreffenden Dienste nachlesen und hat sie bereits akzeptiert, wenn er einen betreffenden Dienst nutzt – egal, ob er sich die AGB’s vollständig durchgelesen hat, oder nicht.
Politische Social Networks
“Die Partei beansprucht die Früchte aller Arbeit.“ (George Orwell, 1984)
In den vergangenen Jahren wurde speziell in den USA ein weiteres Geschäftsmodell öffentlich sichtbar:
Social Network-Konzerne und politische Akteure (Regierung, Ministerien, Behörden) rücken zusammen und bilden eine Symbiose.
Beide haben verstanden, dass man sich gegenseitig von Nutzen ist:
Die Konzerne brauchen die staatlichen Mächte, speziell die Legislative. Ihre Bestrebungen, die (Markt-)Macht weiter auszubauen, sind mittlerweile an juristische und teilweise sogar ethische Grenzen gestoßen, die sie gerne entfernt oder zumindest zu ihren Gunsten verschoben sehen möchten.
So stehen z.B. Datenschutzgesetze Akteuren, die mit Daten handeln, im Weg.
Die Politik braucht wiederum die Daten der Konzerne und deren großen und mittlerweile gezielt steuerbaren Einfluss.
Die Daten, die digitalen Fingerabdrücke von Nutzern, waren „Behörden“ wie DOGE und ICE nachweislich jüngst bei Entlassungswellen von Staatsbeamten und Menschenjagden auf illegale Einwanderer von großem Nutzen.
Auch der kürzlich bekannt gewordene Griff des Pentagon nach dem KI-Anbieter Anthropic (Claude), der in diesem Fall bis auf Weiteres gescheitert ist, zeigt die Gier einer enthemmten Politik nach technischen Machtinstrumenten.
Dass es kein gutes Zeichen ist, wenn profitorientierte Privatunternehmen bessere Daten (mehr Macht) haben, als demokratisch legitimierte Einrichtungen, sei hier nur am Rande erwähnt.
“Die Partei behauptete, die Rationen erhöht zu haben … während sie in Wirklichkeit gekürzt worden waren.” (George Orwell, 1984)
Dass über algorithmische Steuerung in Social Networks Wahlen beeinflusst werden
können, ist heute kein Geheimnis mehr – Trolle (Profile, die Falschinformationen zur Beeinflussung erstellen), werden noch nicht mal mehr benötigt.
Daten und Beiträge können algorithmisch priorisiert werden – auf Knopfdruck.
Selbst ein Marc Zuckerberg (Meta), mittlerweile kein Geheimnis daraus, dass er von der Selbstkontrolle seines Konzerns bez. Desinformationsinhalten nichts mehr hält.
Dass die oben genannten Beispiele allesamt aus den U.S.A. stammen liegt daran, dass der Missbrauch der Daten durch Konzerne dort gerade offensichtlich wird – man versucht noch nicht einmal, es zu verschleiern – wie verstörende öfntliche Auftritte eines Elon Musk zeigten.
Die Annahme vieler vertrauensvoller Nutzer der Social Networks, dass ihre anvertrauten Daten nur zu Werbezwecken verwendet werden („Man hat ja nichts zu verbergen!„), ist eindeutig und ganz offiziell widerlegt.
Asoziale Social Networks
“Der Krieg wird nicht geführt, um zu siegen, sondern um die Struktur der Gesellschaft aufrechtzuerhalten.“ (George Orwell, 1984)
Wo die Reise der konzernbetriebenen Social Networks auf einer Macht-Skala hingeht, ist heutzutage sehr eindeutig sichtbar – nach oben.
Wo die Reise der konzernbetriebenen Social Networks auf einer Verantwortungs-/Ethik-Skala hingeht, ist heutzutage auch sehr eindeutig sichtbar – nach unten.
Ob diese Reisen zumindest in Europa gestoppt werden können, hängt neben anderen Gegebenheiten meiner Meinung nach maßgeblich von den momentanen Nutzern der Dienste ab – und von ihrem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Social Networks sind heute sinnvoll und wichtig, um Soziale Netzwerke zu unterstützen.
Das Internet, das wir momentan sehen und nutzen, ist zum größten Teil kommerzieller und brandgefährlicher Mist von machthungrigen Menschen, deren Machenschaften sich der (demokratischen) Kontrolle durch politische Institutionen entledigen wollen.
Heutige Social Networks sind weder sozial, noch sind es verbindende Netzwerke.
Die Förderung Sozialer Netzwerke ist nicht das Ziel der betreibenden Konzerne.
Die Ziele der betreibenden Konzerne sind die Gewinnmaximierung um jeden Preis – über gesetzliche und ethische Grenzen hinweg – nach Ozeanien.
Dass Konzerne nicht nur mit technischen, sondern auch mit psychologischen Tricks spielen – siehe Scrollen bis zur Sucht: Steht Meta vor dem Wendepunkt? (6), zeigt, dass sie mit ihren Plattformen alles andere als soziale Ziele verfolgen. Sie wollen mit ihren Social Networks gar keine Sozialen Netzwerke unterstützen – das ist nur ein Vorwand, um Nutzer anzulocken.
“Hätte man den Reichtum gleichmäßig verteilt, hätte das das Ende der hierarchischen Gesellschaft bedeutet.“ (George Orwell, 1984)
Sie müssen sich heutzutage noch nicht einmal anstrengen, Nutzer zu gewinnen, denn die Nutzer locken sich gegenseitig selbst an.
Allein die große Zahl an Nutzern, die sich mittlerweile angelockt unter dem Vorwand der sozialen Vorteile unter der “Schirmherrschaft” weniger Milliardäre versammelt haben, macht die Plattformen zu einem “Selbstläufer”.
Hier spielen wieder soziologische und psychologische Aspekte, wie Gruppendynamik und Ängste vor Ausgrenzung und Isolation eine Rolle.
Das “asoziale” an diesen Social Networks ist, dass sie die soziale Disparität immens beschleunigen – durch die fortschreitende Macht- und Vermögenskonzentration bei wenigen nicht demokratisch, sondern durch Nutzungsverhalten ermächtigten Kräften.
Neue Social Networks
“Wenn es Hoffnung gab, lag sie bei den Proles.“ (George Orwell, 1984)
Meiner Meinung nach sollte jetzt ein kleiner Rückschritt der neue Fortschritt sein: Zurück zu einem dezentralen Internet, zu dezentralen Social Networksa, die nicht von einigen wenigen kontrolliert werden. Genau diese Social Networks/Dienste/Messenger gibt es noch (und wieder) – weiterentwickelt und gepflegt von Menschen mit Digitalcourage.
Von vielen Beispielen hebe ich hier das Fediverse hervor.
Das Fediverse ist basiert auf einem Kommunikationsprotokoll (ActivityPub), das von allen genutzt werden kann. Auf dessen Basis sind viele Dienste und Plattformen entstanden, die bewusst keine (Markt-)Macht sein wollen und die per Architektur so aufgebaut sind, dass sie nicht zum Investitions- und Macht-Objekt werden können.
Ein Umstieg von kommerziellen Social Networks auf Plattformen wie Mastodon, Friendica, Peertube, u.s.w. ist für den verwöhnten Nutzer sicherlich mit Umstellungen und Unbequemlichkeiten verbunden.
Aber wer mit dem heute verfügbaren Wissen bewusst bei konzernbetriebenen Social Networks bleibt, weiß auch, dass er als aktiver Spieler bei einem verantwortungslosen Spiel mitspielt und sich und seine Nachfahren bewusst „Ozeanien“ überlässt.
Trotz des kompletten Unverständnisses der fadenscheinigen Argumente, mit denen Nutzer immer noch bei kommerziellen Social Networks verharren, gibt mit ein wenig Hoffnung, dass der Wunsch nach einem dezentralen Internet, einem sozialen Internet, bei vielen größer wird.
Das Bewusstsein für die Problematik steigt.
Initiativen, wie der „Digital Independance Day“ (3) in Deutschland, „Danmark Skifter“ (4) und „Resist and Unsubscribe“ (5) schüren Hoffnung.
Wer den Inhalt dieses Beitrags für pessimistische Überempfindlichkeit hält, dem empfehle ich dringend die Lektüre des Buches “1984” von George Orwell und die Lektüre der aktuellen (Fach-)Presse.
Wer selbst danach noch zweifelt, der frage seinen Teleschirm bzw. seine Alexa. ?
“Die Proles waren nicht bewusst, und solange sie nicht bewusst wurden, konnten sie sich nicht auflehnen.“ (George Orwell, 1984)
Die mittlerweile unverhältnismäßige Macht der Konzerne ist nicht vom Himmel gefallen.
WIR Nutzer haben sie ihnen aus verschiedenen Gründen geschenkt.
Neben allen politischen Bestrebungen der Regulierung sind WIR Nutzer diejenigen, die ihnen diese Macht wieder nehmen können – jeder einzelne von uns.
Christoph Köster, 19. März 2026

Christoph Köster aus Olsberg, seit etwa 25 Jahren als Informatiker tätig (Developer, Projektleiter und Technical Lead in der Softwareentwicklung). Setzt seit etwa 30 Jahren auf OpenSource-Software und seit etwa 25 Jahren auf Self-Hosting. Freizeit: Leitender Mitarbeiter im Privatarchiv Köster Olsberg und Betreiber der Mastodon-Instanz olsberg.social.
Nachweise
(1) 1984; George Orwell; Berlin: Ullstein, Juni 2017 (https://d-nb.info/1135280509)
(2) Selbstbestimmt und dezentral: Zur alternativen Geschichte und Gegenwart von Social Media; Gleb Albert (https://geschichtedergegenwart.ch/selbstbestimmt-und-dezentral-zur-alternativen-geschichte-und-gegenwart-von-social-media/)
(3) Digital Independence Day (https://di.day)
(4) Danmark Skifter (https://danmarkskifter.dk)
(5) Resist and Unsubscribe (https://www.resistandunsubscribe.com)
(6) Scrollen bis zur Sucht: Steht Meta vor dem Wendepunkt?; Franziska Hübl; BR24 (https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/scrollen-bis-zur-sucht-steht-meta-vor-dem-wendepunkt,VE7oOvB)






Gerade bei der Bundeszentrale für politische Bildung gefunden:
Das Fediverse als Raum politischer Bildung
Potenziale, Grenzen und Perspektiven für Bildungseinrichtungen
Das Fediverse als Bildungsinfrastruktur denken: Rüdiger Fries zeigt, was das Fediverse ist, welches Potenzial es für Austausch im Bildungskontext und als Lernort hat – und wo reale Grenzen liegen.
https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/576352/das-fediverse-als-raum-politischer-bildung/