Marion bei den Mexis, Teil 26: Schüsse auf Paco und eine geklaute Leiche

Und noch etwas Neues aus unserem Barrio: Seit kurzem stehen Leihfahrräder an den Straßen. Einmal registrieren lassen und schon kann es losgehen. Vielleicht ist das auch eine Form der natürlichen Bevölkerungsregulierung: Denn Radfahren ist hier eher lebensbedrohlich als gesundheitsfördernd. (fotos: koerdt)
Neues aus unserem Barrio: Seit kurzem stehen Leihfahrräder an den Straßen. Einmal registrieren lassen und schon kann es losgehen. Vielleicht ist das auch eine Form der natürlichen Bevölkerungsregulierung: Denn Radfahren ist hier eher lebensbedrohlich als gesundheitsfördernd. (fotos: koerdt)

Dieser Artikel ist der 26. Teil einer persönlichen Serie über das Leben in Mexico und Mexico-City. Heute berichtet unsere Autorin über die Gewalt in Mexico und wie der designierte Präsident Enrique Peña Nieto der Kanzlerin Angela Merkel auf Augenhöhe begegnet. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.

Hola a todos!

„Dabei habe ich noch nicht einmal ein Handy.“ Die Fassungslosigkeit hatte mir bereits Tränen in die Augen getrieben. Doch nach diesem Satz merkte ich, dass die Wut immer stärker wurde. Wut darauf, dass es keine Antwort darauf gibt, warum auf Paco, unseren informellen Hausmeister, geschossen worden ist.

Paco war seit über einen Monat nicht zur Arbeit erschienen. Sämtliche Nachfragen in der Umgebung wurden mit einem Schulterzucken beantwortet. Niemand wusste etwas. Bis ich jetzt nach Hause kam und Paco im Treppenhaus stand.

Paco, der bislang wirklich nicht mit großen Gefühlswallungen aufgefallen war, kam auf mich zu und wollte mich umarmen. Ich konnte das mit einem freundlichen Handschlag abwehren und fragte, ob er wieder zur Arbeit da sei. Nein, er solle noch mindestens zwei weitere Wochen zu Hause bleiben. Aber er wolle unbedingt sehen, wie es seinen Leuten geht. Ob er denn Probleme mit seiner Epilepsie gehabt hätte, fragte ich. Ich hätte öfter versucht, etwas in Erfahrung zu bringen. Doch niemand hätte etwas gewusst.

Der Tod beschwert sich bitterlich darüber, dass man ihm sein Arbeitsmaterial geklaut hat.
Der Tod beschwert sich bitterlich darüber, dass man ihm sein Arbeitsmaterial geklaut hat.

Nein, nein, keine Probleme mit der Epilepsie. Auf ihn sei geschossen worden. Wie bitte? Paco zog seinen Hemdkragen zur Seite und zeigte mir eine frische Narbe, die quer über seine linke Halsseite ging. Dann zeigte er auf seine rechte Hüfte. Dort hätte man ihm eine zweite Kugel herausoperiert. Er sei an diesem Montagmorgen auf dem Weg zur Metro gewesen. Fast direkt bei seinem Haus wurde er niedergeschossen. Er kann sich an nichts erinnern. Er weiß nicht, ob es nur einer war oder mehrere. Er sei nicht aufgefordert worden, seine Sachen herauszugeben.

Als er wieder bei Bewusstsein war, war er längst im Krankenhaus und bereits operiert. Er muss wohl direkt gefunden und in ein Krankenhaus eingeliefert worden sein. Sonst hätte er das nicht überlebt. Ein ganz normaler Raubüberfall im Nordosten der Stadt? Sein Rucksack war jedenfalls weg. Und damit vielleicht umgerechnet 3 Euro, Metrotickets im Wert von vielleicht 2 Euro sowie Taschentücher und eine Flasche Cola. Nun konnte ich seine Euphorie verstehen. Womöglich reagiert man so, wenn man ein zweites Leben geschenkt bekommen hat. Für denjenigen ist es womöglich auch ein Wunder, dass alles noch so ist wie im ersten Leben, an das man wieder anschließen möchte.

Ob El Lazca noch lebt, lässt sich hingegen nicht so leicht klären. Heriberto Lazcano Lazcano, genannt El Lazca, der führende Kopf des Kartells “Los Zetas” soll vor zwei Wochen im Bundesstaat Coahuila bei einer Schießerei mit der Polizei ums Leben gekommen sein. Warum sich die Identität nicht einfach klären lässt? Ganz einfach, der angebliche Leichnam ist aus dem Bestattungsinstitut geklaut worden. Und die Wiederbeschaffung wird nicht gerade dadurch erleichert, da sich die Behörden auf keine konkrete Personen- bzw. Leichenbeschreibung einigen können:

Der noch amtierende Präsident Felipe Calderón merkt an, dass man zu den bereits vorhandenen Kategorien „Tote“ und „Verschwundene“ in seiner Amtszeit nun auch noch die „verschwundenen Toten“ zufügen muss.
Der noch amtierende Präsident Felipe Calderón merkt an, dass man zu den bereits vorhandenen Kategorien „Tote“ und „Verschwundene“ in seiner Amtszeit nun auch noch die „verschwundenen Toten“ zufügen muss.

So schwankt El Lazcas Körpergröße zwischen 1,60 und 1,80 Meter. Vielleicht einigt man sich auf die Mitte: Die Drug Enforcement Adminstration, die US-amerikanische Drogenbekämpfungsbe-hörde, behauptet auf ihrer Webseite, El Lazca sei 1,72 Meter groß gewesen. Etwas näher liegen die Schätzungen zum Geburtsjahr: Da werden lediglich 1974 oder 1975 vorgeschlagen. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen. Wenn die Polizisten nicht gerade selbst in dem Fall verwickelt sind.

Hinlänglich bekannt ist hingegen die Körpergröße des designierten Präsidenten Enrique Peña Nieto. Meist wird das auf Fotos geschickt kaschiert, dass er einen halben Kopf kleiner ist als seine dailysoapdarstellende Gattin, die –ungewöhnlich für eine Mexikanerin- nun meist ohne Stöckelschuhe das öffentliche Leben betritt (und erinnert damit ein wenig an das Ex-Präsidentenpaar eines deutschen Nachbarlandes).

Doch auf der gerade zu Ende gegangenen Europa-Reise des mexikanischen Politikers konnte man auf den Bildern sehen, dass Angela Merkel ihm auf Augenhöhe begegnet. Und das ist in diesem Zusammenhang nicht wörtlich gemeint: Die Europa-Reise wurde in den hiesigen Zeitungen seitenweise ausgewälzt und analysiert. Was insofern nicht verwundert, da deutsche Unternehmen in Mexiko rund acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften. In den deutschen Medien war hingegen nichts zu finden. Und Frau Merkel wird wohl froh gewesen sein, dass Mexiko keinen Aufnahmeantrag in die EU stellen kann.

Ich hoffe, euch allen geht es gut!!!

Muchos saludos,
Marion

1 Kommentar
Inline Feedbacks
View all comments
Johanna
9 Jahre her

Heute berichtet die BBC, die ehemalige Bürgermeisterin der Stadt Tiquicheo sei ermordet worden. Zuvor habe es bereits zwei Mordanschläge auf die 36-jährige Frau gegeben:

Dem ersten Anschlag im Jahr 2009 fiel der Ehemann von Maria Santos Gorrostieta zum Opfer, sie selbst wurde durch Schüsse verletzt.

Drei Monate später wurde sie bei einem weiteren Anschlag schwer verletzt.

Nun wurde die couragierte Frau, die offenbar in das Kreuzfeuer der Drogenmafia geraten war, tot aufgefunden. Damit ist sie eine von rund zwei Dutzend Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen, die in den vergangenen sechs Jahren in Mexiko ermordet wurden.

Zum BBC-Artikel: http://www.bbc.co.uk/news/world-latin-america-20381395