Voraussetzungen, Strategien und Methoden eines gewaltfreien Widerstands

Vorliegender Beitrag analysiert, wie sich Grönland im hypothetischen Fall einer militärischen Besetzung durch die USA mit Mitteln der gewaltfreien, sozialen Verteidigung widersetzen könnte. Im Zentrum stehen nicht Fragen militärischer Abschreckung und Verteidigung, sondern eine effektive Verteidigungsstrategie, die sich der Fähigkeit und Bereitschaft zum gewaltfreien Widerstand, der Nichtkooperation mit dem Aggressor sowie Aktivitäten mit dem Ziel einer internationalen Delegitimierung des Okkupationsversuches verdankt.
(Von Egon Spiegel)
Aufbauend auf Theorien des zivilen Widerstands und historischen Fallbeispielen wird argumentiert, dass insbesondere kleine, sozial eng vernetzte Gesellschaften mit starker kultureller Identität über spezifische Vorteile für gewaltfreie Verteidigungsformen verfügen. Abschließend werden Voraussetzungen, Risiken und strategische Hindernisse dieser Verteidigungsform diskutiert.
Vorweg ist dieses noch anzumerken: Die Exemplifizierung eines Verteidigungskonzepts, das Verteidigung explizit gewaltfrei denkt, speziell am Beispiel Grönland, darf nicht als eine Art geistiger Kolonialismus verstanden werden. Über eine gewaltfreie Konfliktlösung im Rahmen einer (hypothetischen) Besetzung Grönlands nachzudenken und Resultate der Überlegungen zu publizieren, ist das Angebot eines Friedensforschers, der sich seit gut fünfzig Jahren mit Konzeptionen gewaltfreier, sozialer Verteidigung (unter anderem in einer von der Universität Freiburg i.Br. angenommen Dissertation) beschäftigt und zu seinen Grundlagen häufig publiziert hat. In Zeiten der Globalisierung und vor dem Hintergrund des „human web“ einer weltumspannenden Unity sowie einem Wissenschaftsverständnis, das essentiell durch Universalienforschung geprägt ist, schließlich als eine Stimme im Konzert unzähliger Kommentierungen der Vorgänge um Grönland versteht sich der nachfolgende Versuch und seine Veröffentlichung durchaus legitimiert. Mehr noch: er versteht sich als Ausdruck von Solidarität in der Hoffnung, dass diese nicht als unerbetene, ungewollte, ja sogar übergriffige Einmischung empfunden wird.
1. Sicherheit jenseits militärischer Logik
Traditionelle Sicherheitskonzepte definieren Verteidigung primär militärisch. Hiernach wird ein Territorium durch bewaffnete Kräfte geschützt und staatliche Souveränität durch Abschreckung gesichert. Diese Logik stößt jedoch – insbesondere – in asymmetrischen Konflikten, bei kleinen oder militärisch schwachen Gesellschaften sowie gegenüber überlegenen Großmächten an klare Grenzen. Vor diesem Hintergrund wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das Konzept der gewaltfreien, sozialen Verteidigung entwickelt. Dieses begreift Verteidigung nicht als ein militärisches, sondern als ein gesellschaftliches, soziales Projekt.
Die hypothetische Annahme einer militärischen Besetzung Grönlands durch die USA – so unrealistisch sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt (12.01.2026) noch erscheinen mag – eignet sich analytisch besonders gut, um dieses Konzept auf seine Grundlagen und Praktikabilität hin zu untersuchen.
Grönland verfügt über vernachlässigbar geringe militärische Kapazitäten, besitzt jedoch eine stark ausgeprägte indigene Identität, dichte soziale Netzwerke und hohe internationale Sichtbarkeit. Diese Faktoren sind für einen zivilen Widerstand potenziell entscheidender als Waffenarsenale und Militärstrategien. Selbst unter der Voraussetzung seines Verbundes mit Dänemark und seiner Einbindung in die NATO, mit ihrem Schutzversprechen gegenüber allen Mitgliedsstaaten, machen Überlegungen zu einem militärischen Widerstand keinen Sinn. Grönland hat, will es einen Angriff – der jetzt schon euphemistisch mit „Übernahme“ beschrieben wird – realistisch abwehren, nur eine einzige Chance: nämlich sich im Rahmen von Strategien und Methoden eines gewaltfreien Widerstandes den Attacken des übermächtigen Aggressors und Okkupators zu widersetzen. In diesem Sinne ist nachfolgend zu fragen, wie Grönland eine Besetzung durch gewaltfreie, soziale Verteidigung politisch, administrativ und gesellschaftlich zu unterminieren vermag.
2. Eckpfeiler der gewaltfreien, sozialen Verteidigung
Gewaltfreie, soziale Verteidigung (social defence) bezeichnet eine Strategie, bei der eine Gesellschaft systematisch darauf vorbereitet ist, sich gegen äußere Herrschaft durch organisierte Nichtkooperation, institutionellen Widerstand und gesellschaftliche Selbstorganisation zu wehren. Zentrale Annahmen sind dabei,
- dass Macht auf Kooperation beruht: Auch Besatzungsmächte sind auf lokale Verwaltung, Arbeitskräfte, Infrastruktur und soziale Akzeptanz angewiesen.
- dass gesellschaftliche Kontrolle kostspielig ist: Je weniger Kooperation, desto höher der Repressionsaufwand und desto größer die politischen Kosten.
- dass Legitimität strategisch entscheidend ist: Gewalt gegen friedliche Bevölkerung untergräbt internationale Akzeptanz und innenpolitische Unterstützung der Besatzungsmacht.
Verglichen mit dem spontanen Protest und einer kurzfristigen Mobilisierung zielt soziale Verteidigung auf eine langfristige Unregierbarkeit, indem sie auf institutionelle Kontinuität, parallele Strukturen und sozialen Zusammenhalt setzt. Dem Besatzer soll die Herrschaft über das Land unmöglich gemacht und seine Legitimität untergraben werden. Mit nicht zuletzt internationaler Unterstützung soll dieser zu Verhandlungen bzw. zum Rückzug gezwungen werden. Aktivitäten zielen auch auf die Zunahme kritischer Stimmen im Herkunftsland des Besatzers und Widerstand gegen dessen Vorgehen im eigenen Land.
Die gewaltfreie, soziale Verteidigung erschöpft sich nicht in Widerstandsaktionen, sondern beinhaltet auch das Unterlaufen von strukturellen Repressalien durch die Errichtung alternativer Strukturen, einer funktionierenden Parallelgesellschaft auf der Grundlage der vor der Besetzung des Landes existierenden Gesellschaft.
Dänemark selbst hat reichlich Erfahrungen im gewaltfreien Widerstand aus der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung (zur Einführung siehe die Wikipedia-Artikel: „Dänischer Widerstand“, „Dänemark unter deutscher Besatzung“ und „Dänischer Freiheitsrat“), ähnlich Norwegen (1940-45), später die Tschechoslowakei (1968), jüngst die Ukraine in ihren besetzten Gebieten.
Generelle Studien zur gewaltfreien, sozialen Verteidigung und historisch verbürgte Fallbeispiele füllen ganze Bibliotheken. Sie wollen zur Kenntnis genommen und durch eine daran anschließende Praxis fortgeschrieben werden. In Grönland könnte sich solches als eine Notwendigkeit aufzwingen.
3. Strukturelle Ausgangslage Grönlands
In vielerlei Hinsicht begünstigen die für Grönland spezifischen Strukturen einen gewaltfreien Widerstand. Diese versprechen, nicht nur das Eindringen ins Land, sondern auch, eine dauerhafte Besetzung des Landes zu erschweren bzw. sogar unmöglich zu machen. Damit würde der potentielle US-amerikanische Aggressor, nach erheblichen Niederlagen in vorausgegangenen militärischen Konfliktfeldern, auch unter den Bedingungen eines gewaltfreien Widerstandes eine Niederlage erleiden.
3.1 Demografie und Sozialstruktur
Grönland zählt rund 57.000 Einwohner/innen. Diese verteilen sich auf wenige Städte sowie kleine Gemeinden. Das Zusammenleben ist stark geprägt durch soziale Dichte, soziale Kontrolle und gegenseitige Abhängigkeit, wodurch bereits strukturell
- starke soziale Netzwerke,
- eine schnelle Mobilisierung,
- informelle Kommunikation sowie
- kollektive Normbildung
begünstigt und Kollaborationen erschwert sind. Grönland mag militärisch zwar schwach sein, aber gesellschaftlich nur schwer kontrollierbar.
3.2 Kulturelle Identität
Die Kalaallit (Grönländer) verfügen über eine starke indigene Identität, eine eigene Sprache und kulturelle Praxis. Eine Besatzung würde nicht nur ihre politische, sondern auch kulturelle Selbstbestimmung bedrohen. Ein darin begründetes kollektives Mobilisierungsinteresse ginge weit über eine rein staatliche Loyalität hinaus.
3.3 Geografische und logistische Faktoren
Extreme klimatische Bedingungen, große Distanzen und Abhängigkeit von lokalem Wissen erhöhen die logistischen Kosten jeder dauerhaften Besetzung erheblich. Ohne lokale Kooperation ist die Verwaltung eines eingenommenen Landes zur Ineffizienz verurteilt.
4. Nichtanerkennung und Gegenlegitimität
Ein essentielles Element der gewaltfreien, sozialen Verteidigung ist die Verweigerung der politischen Anerkennung des Eindringlings.
4.1 Exilregierung und internationale Diplomatie
Eine grönländische Exilregierung, etwa in Kooperation mit Dänemark, könnte – vor dem Hintergrund einer hohen internationalen Aufmerksamkeit – mit dem Ziel einer politischen Isolierung der Besatzung
- völkerrechtliche Kontinuität sichern (im Falle der jetzigen US-amerikanischen Regierung wird das Völkerrecht zunehmend zur Farce),
- internationale Organisationen mobilisieren sowie
- Verhandlungen auf globaler Ebene führen.
Sie kann – nicht zuletzt im Hinblick auf die Verletzung indigener Rechte und gegenwärtiger Arktispolitik – mit Solidaritätsbekundungen im Rahmen der Vereinten Nationen rechnen.
4.2 Lokale politische Nichtkooperation
Strategisch operiert die gewaltfreie, soziale Verteidigung in drei Bereichen: a) dem okkupierten Land, b) dem Land des Aggressors und c) der Weltöffentlichkeit. Im okkupierten Land ist das Agieren von Kommunalverwaltungen essentiell. Diese kann
- sich weigern, Anordnungen des Okkupators umzusetzen,
- formale Verfahren verzögern,
- Entscheidungen vertagen oder sogar blockieren.
Damit würde ein Verwaltungsapparat zwar formal existieren, aber praktisch nicht funktionierten.
5. Institutioneller Widerstand, Arbeitsverweigerung und Errichtung alternativer Verkehrsformen
Vorstellungen von Widerstand, angefangen bei Protest, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die gewaltfreie, soziale Verteidigung nicht im Widerstand, im Nein zu den aufgezwungenen Verhältnissen erschöpft, sondern auf konstruktive, gesellschaftliche Alternativen setzt und diese parallel zu den aufoktroyierten Strukturen zu nutzen sucht.
5.1 Widerstand in der Bürokratie
Besatzer sind wesentlich darauf angewiesen, dass die Administration im besetzten Land nach seiner Einnahme weiterhin funktioniert. Widerstandshandlungen in diesem Bereich sind äußerst wirksam. Während die Einheimischen die Administrierung ihrer Gesellschaft durch die Eindringlinge gezielt lähmen, administrieren sie sich selbst in parallelen Strukturen.
Historisch zählt „Dienst nach Vorschrift“ (bekannt auch als Verhalten des „braven Soldaten Schwejk) zu den wirksamsten Formen eines nichtmilitärischen Widerstandes. So erscheinen Beamte und Angestellte zwar zu ihrem Dienst, verhalten sich aber weitestgehend „passiv“, ahnungslos und naiv. Um nur einige Möglichkeiten anzudeuten, könnten beispielsweise
- Lehrpläne nicht angepasst werden und Lehrkräfte nicht nach curricularen Vorgaben der Besatzer unterrichten (vgl. den Widerstand der Norweger unter nationalsozialistischer Herrschaft),
- Statistiken nicht geliefert und Datenweitergabe, beispielsweise durch ärztliches Personal, verweigert werden,
- Genehmigungsverfahren verschleppt werden oder
- in den Behörden jede Menge Fehlleitungen von Schreiben mit der Folge von Verzögerungen erfolgen.
Zwei Spezifika sind hier besonders bedeutsam: Maßnahmen dieser Art sind nur schwer zu ahnden und gezielt zu bestrafen. Hier kann jeder seinen/ihren Beitrag leisten. Selbst der Rollstuhlfahrer kann an der Rezeption oder in seinem Dienstzimmer für Verwirrung sorgen. Dieses ist nur ein einziges Beispiel, das zeigt, dass sich die gewaltfreie, soziale Verteidigung – anders als die militärische – nicht auf wenige wehrtaugliche Männer und Frauen stützt, sondern auf die breite Bevölkerung und darin auf jede und jeden.
5.2 Arbeitsverweigerung in Schlüsselbereichen
Die Besetzung eines Landes erheblich erschweren sowie verteuern könnte partielle Nichtkooperation in etwa folgenden sensiblen Bereichen:
- Häfen (Hafenarbeiter verzögern Transporte oder leiten sie bewusst fehl),
- Energieversorgung (unter Umständen sogar Sabotageakte),
- Telekommunikation,
- Logistik.
5.3 Ökonomische Abschottung und Etablierung einer ökonomischen Parallelgesellschaft
Die gewaltfreie, soziale Verteidigung setzt nicht nur auf Strategien und Taktiken des gewaltfreien Widerstandes, sondern auf funktionierende Gegenstrukturen und Isolierung des Besatzers. Mit
- dem Verzicht auf Beschäftigung von Einheimischen in Militärbasen des Okkupators,
- der Ächtung von Beschäftigungen bei Besatzungsinstitutionen als Formen der Kollaboration,
- kann die soziale Sanktionierung von wirtschaftlicher Kollaboration einhergehen und
- werden lokale Tauschsysteme
- sowie Verkehrsformen
gefördert.
6. Soziale Isolation (bzw. Integration) der Besatzung
Besatzungstruppen setzen sich nicht zwangsläufig aus nur militärisch gedankenlos funktionierendem Personal zusammen, sondern auch aus empathischen, sozialen Akteuren/Akteurinnen. Eine zentrale Strategie der gewaltfreien, sozialen Verteidigung zielt auf die Fraktionierung des Besatzungstruppen. Sie geht davon aus, dass es neben der einen Fraktion – ihre Mitglieder agieren ganz im Sinne ihrer Befehlshaber – eine weitere gibt. Ihr gehören jene an, die Rechtmäßigkeit der militärischen Aktion (innerlich) in Zweifel ziehen bzw. sogar explizit missbilligen, dieses aber nicht ohne den sicheren Verlust ihrer beruflichen Existenz zum Ausdruck bringen können. Fraktionierung meint hier: die Gruppe der Zweifler und Oppositionellen im Militär durch gezielte Aktionen zu vergrößern und damit die Zustimmungsbasis in den Besatzungstruppen zu schwächen.
6.1 Verweigerung (bzw. Intensivierung) alltäglicher Interaktion
Historisch gut dokumentiert ist die Wirkung folgender Maßnahmen:
- Nichtbedienung in Geschäften, Hotels, Cafés,
- Ignorieren im öffentlichen Raum,
- Verweigerung sozialer Kontakte.
Durch solches Vorgehen wird die moralische Übereinkunft der Truppen mit den Zielen des Besatzers aufgeweicht und eine längerfristige Stationierung erheblich erschwert. Grundlegend zu beachten ist dabei die Unterscheidung von Rolle und Person. Formen der Missachtung beziehen sich auf die Rolle und nicht die Person. Das wird in jedem Kontakt deutlich zu machen sein. Als Okkupator muss das Gegenüber mit meinem entschiedenen Widerstand rechnen, als Person und Mensch hat er meine uneingeschränkte Zuneigung. Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung existiert eine starke Basis, einander selbst unter den Bedingungen des Konflikts mitmenschlich zu begegnen und in diesem Rahmen den anderen auch persönlich zu erreichen und vom Unrecht seines Tuns zu überzeugen.
Durch persönliche Kontakte mit den Besatzern können diese moralisch unter Druck gesetzt und kann die feindliche Front aufgeweicht werden. Plakatives Beispiel aus dem Widerstand in Prag 1968: das Angebot einer Tasse Kaffee für den diensttuenden Soldaten – wohlwissend, dass er sich nicht unbedingt mit seinem Auftrag identifiziert, sondern Befehlen nur seinem beruflichen, existentiellen Interesse wegen folgt, oder auch zu den Hardlinern zählt, die das Angebot einer Tasse Kaffee nachhaltig irritieren könnte.
6.2 Stigmatisierung von Kollaboration
Achillesverse des gewaltfreien Widerstandes ist die Bereitschaft von Angehörigen des besetzten Landes, mit dem Aggressor zu kollaborieren. Durch sie sind Marionettenregierungen realisierbar, sie können Bürgermeisterposten besetzen und aus diesen heraus Anweisungen erteilen, die dem Besatzer in die Hände spielen und diesem das Regieren bis in die untersten Ebenen der Administration hinein erlauben.
Kollaborationen kann beispielsweise durch
- soziale Ausgrenzung,
- Ausschluss aus Gemeinschaftsritualen,
- moralische Delegitimierung
entgegengewirkt werden.
Will man den Ausverkauf des Landes verhindern, so wird es (Stand heute) sogar notwendig sein, dem perfiden Angebot der Trump-Regierung – eine Einmalzahlung pro Kopf über 100.000 Dollar – zu widerstehen. Hier unternehmen feindliche Kräfte den Versuch, Kollaboration auf breiter Basis zu erkaufen.
7. Widerstand auf symbolischer Ebene
Durch Aktionen symbolischer Art können Massen mobilisiert werden und der Widerstand in seiner ganzen Breite zum Ausdruck kommen. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. In Norwegen, unter dem nationalsozialistischen Quisling-Regime, trugen die Norweger Büroklammern als Zeichen ihres Widerstandes am Kragen ihrer Hemden bzw. Jacken und Mänteln. Mit dem lächerlichen Ergebnis, dass das Tragen von Büroklammern an den Revers verboten wurde. Reaktionen solcherart bescheinigen dem System seine eigentliche Schwäche und signalisieren bereits Erfolg.
7.1 Kulturelle Selbstbehauptung
Sprache, Gesang, Kleidung, Rituale, Versammlungen, Straßentheater und Rollenspiele sind geeignet, dem Besatzer
- kollektive Identität,
- Nichtanerkennung der auferzwungenen, neuen Ordnung
- und Kontinuität kultureller Selbstbestimmung
vor Augen zu führen.
7.2 Regelmäßige Massenaktionen
Im Falle von regelmäßig stattfindenden Massenaktionen ist weniger die Größe, d.h. die Zahl der Teilnehmer/innen, entscheidend, sondern Kontinuität. Durch sie vor allem wird dem Eindringling demonstriert, dass die Bevölkerung den Zustand der Besetzung nicht akzeptiert. Durch
- wöchentliche Märsche,
- kollektive Schweige- und Trauermärsche, Schweigeminuten,
- wiederkehrende Versammlungen (etwa auch in Kirchen zu Gebet und Gottesdienst),
- Demonstrationen und Mahnwachen,
- kulturelle Aktionen (Tänze, Aufführungen, Konzerte in der indigenen Landessprache)
macht die Bevölkerung deutlich, dass sie auch auf Dauer gegen das feindliche Regime ist.
8. Selbstorganisation und parallele Gesellschaftsstrukturen
Ein Kernproblem jeder Besetzung ist die Versorgung der Bevölkerung. Soziale Verteidigung setzt daher auf Selbstorganisation und die damit verbundenen Netzwerke wie Verkehrsformen.
8.1 Lokale Versorgungsnetzwerke
Um die Gesellschaft vom Besatzer möglichst unabhängig zu machen und sich seiner Steuerungsfähigkeit zu entziehen,
- werden lokale Entscheidungsräte gebildet,
- organisieren die politischen wie kirchlichen Gemeinden die Lebensmittelbeschaffung und -verteilung,
- versorgen sich Nachbarn gegenseitig,
- stellen Einheimische die medizinische Basisversorgung sicher und koordinieren die Versorgung von behinderten und altgewordenen Menschen,
- machen Community Schools informelle Bildungsangebote.
8.2 Alternative Kommunikationsstrukturen
Unabhängige Medien, verschlüsselte Netzwerke, eigene Medienkanäle verhindern:
- Informationsmonopole,
- Propaganda,
- soziale Fragmentierung.
Umso besser parallele Einrichtungen funktionieren, desto deutlicher wird, dass es den Besatzer nicht braucht. Die von ihm gesteuerten Strukturen und gesellschaftlichen Abläufe erweisen sich als ineffizient und obsolet.
9. Internationale Dimension: Konflikt ohne militärische Eskalation
Neben Aktivitäten im besetzten Land und dem des Besatzers streben die gewaltfreien Akteure/innen nach Verständnis und Unterstützung auf internationaler Ebene, hier beispielsweise
- in Gremien und Unterorganisationen der Vereinten Nationen,
- durch engen Kontakt mit dem UN-Sonderbeauftragten,
- mit Hinweis auf indigene Rechtekonventionen,
- durch Umwelt- und Klimadiplomatie,
- durch internationale Kampagnen von NGOs,
- durch diplomatischen Druck auf Bündnispartner der USA,
- durch Boykottaufrufe und Sanktionen,
- durch Appelle an Religionsgemeinschaften.
Narrative, denen sich eine hohe globale Mobilisierungskraft verdanken könnte, könnten auf die Verletzung indigener Selbstbestimmung abheben oder auch auf Umweltverantwortung. Im Falle Grönlands könnten auch Goliath-David-Schemen und damit ‚Klein gegen Groß‘ greifen und weltweit zu Solidarität motivieren.
10. Risiken, Repression und strategische Grenzen
Was im Falle der Anwendung militärischer Gewalt als eine Selbstverständlichkeit vorausgesetzt und akzeptiert wird – nämlich das Risiko, sein Leben zu verlieren oder (schwerste) Verwundungen hinnehmen zu müssen – kann für die gewaltfreie, soziale Verteidigung nicht ausgeschlossen, aber auch nicht als Argument gegen diese verwendet werden. Gewaltfreier Widerstand ist weder risikolos noch ungefährlich. Seinen Akteuren/innen wird mindestens eine Entschlossenheit und ein Mut abverlangt, den auch Mitglieder des Militärs aufzubringen haben. Eines unterscheidet diese allerdings von Soldaten: ihre Aktionen bedrohen nicht andere, nehmen ihnen nicht das Leben und verletzen sie nicht. Gewaltfrei kann widerstanden, aber nicht angegriffen werden.
10.1 Repression und soziale Belastung
Um gewaltfreien Widerstand zu brechen und eine auf die Dauer der Besetzung angelegte gewaltfreie, soziale Verteidigung aufzulösen, muss mit
- Massenverhaftungen, eventuell sogar Hinrichtungen,
- Kündigungen, Berufsverbote,
- ökonomische Sanktionen,
- Zahlungseinstellungen
gerechnet werden.
Dabei können Repressionen durchaus Widerstand brechen, sie können aber auch dazu führen, dass die Okkupierten ihren Widerstand – entschiedener noch als zuvor – verstärken. Auch hier wird deutlich, dass man militärisch zwar Gebiete besetzen, aber Gesellschaften nicht unbegrenzt beherrschen kann.
Den Repressionen eines Okkupators kann nur – im schlimmsten Fall langfristig – ein Widerstand entgegengesetzt werden, der
- eine transparente Vorbereitung,
- psychische Resilienz,
- ökonomisches Durchhaltevermögen sowie
- ein solidarisches Netzwerk
beinhaltet.
Ein hoher Anspruch der gewaltfreien Verteidigung besteht darin, den Gegner nicht durch Geheimhaltung in seiner feindlichen Haltung zu bestärken und zusätzlich zu verunsichern, sondern dadurch Vertrauen aufzubauen, dass man ihn „in die eigenen Karten“ schauen lässt. Er braucht keinen V-Mann einzuschleusen und auch niemanden aus dem Kreis des Widerstands zum Verrat an der eigenen Gruppe zu gewinnen, er darf alles wissen, was die zum Widerstand Entschlossenen bereit sind zu unternehmen. Dieses zählt bereits zur Aktion.
Das von den gewaltfreien Akteuren/innen anzubringende Maß von Resilienz ist wesentlich das Resultat von Ich-Stärke. Im norwegischen Widerstand gegen den nationalsozialistischen Besatzer und seine Kollaborateure im eigenen Land waren Lehrkräfte bereit, als jeweils Einzelne durch ein entsprechendes Schreiben an das Quisling-Regime ihre Weigerung, nach nationalsozialistischen Richtlinien zu unterrichten, zum Ausdruck zu bringen. Als Mitstreiter/innen von Martin Luther King einmal Bedenken im Hinblick auf eine geplante Demonstration äußerten, erhielten sie von King die eindeutige Antwort, dass er auch dann, wenn ihn niemand begleiten wolle, allein die Straße entlanglaufen und demonstrieren werde. Diese Art von persönlicher Stärke ist eine wesentliche Grundlage der gewaltfreien Aktion. Wir können das vergleichen mit der Qualität einer Band, diese hängt wesentlich von der Qualität der einzelnen Musiker/innen ab.
Resilienz ist nicht zuletzt ein Resultat von Spiritualität. Sie ist geprägt durch ein ungeteiltes Vertrauen auf ein „Drittes im Zwischen“, auf eine Wirkmacht im gewaltfreien Zwischen der Konfliktparteien. Die Herstellung eines solchen Zwischen ist immer ein unilaterales. Wäre es ein bilaterales, wäre der Konflikt bereits im Ansatz gelöst. Gewaltfreie Akteure/innen treten immer in Vorleistung, riskieren mit dem Hinarbeiten auf ein Gewaltvakuum im Zwischen der Konfliktparteien, dass ihre „Rechnung“ nicht aufgeht, setzen aber im Vertrauen auf eine im gewaltfreien Raum agierende „force vitale“ und unternehmen alles, um diese zu mobilisieren. Das dem Gewaltverzicht zugrundeliegende Vertrauen auf ein „konstruktives Potential“ spiegeln, unter allen Religionen, nicht zuletzt die jüdisch-christliche wider. Die entscheidende Traditionslinie reicht dort von der prophetischen Kritik des Vertrauens auf Kriegspferde, Wagen und Reiter bis hin zu Jesu demonstrativen Einritt in Jerusalem auf einem Esel anstelle eines (Kriegs-)Pferdes. Wer auf Gott vertraut, so heißt dieses, der vertraut, setzt und baut nicht auf Waffen. Im Raum der Kirche kann dieses Verständnis von Gottvertrauen herausgestellt und im Hinblick auf eine Verteidigung der eigenen Werte aktualisiert werden.
10.2 Abhängigkeit von internationaler Öffentlichkeit
Die unter erheblichem Druck stehenden Widerstandshandlungen müssen mit einem hohen Repressionsrisiko rechnen. Sie sind daher auf sowohl internationale Aufmerksamkeit als auch moralische, politische wie ökonomische Unterstützung angewiesen. Dieses setzt voraus, dass globale Netzwerke über die Repressionen informiert sind und ständig darüber informiert werden können.
10.3 Keine Garantie für schnellen Erfolg
Was für die Anwendung militärischer (Gegen-)Gewalt gilt, dass sie nämlich nicht über Nacht dazu beitragen kann, einen Konflikt seinem Ende zuzuführen, das gilt auch für die gewaltfreie, soziale Verteidigung und kann nicht als Argument gegen gewaltfreie Verteidigung verwendet werden. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine währt mittlerweile vier Jahre. Auch die gewaltfreie, soziale Verteidigung verspricht kein Rezept, mit dem schnelle Erfolge sichergestellt werden können. Oft wirken Aktionen im Rahmen der gewaltfreien Verteidigung erst mittelfristig: indem sie die Kosten für den Aufenthalt im besetzten Land für den Aggressor unverhältnismäßig groß werden lassen, indem seine internationale Isolierung voranschreitet und die Zweifel über Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit der Okkupation im Land des Aggressors steigen und sich zunehmend gegen die politisch Verantwortlichen richten.
11. Vorbereitung als Schlüsselfaktor
Was für Grönland zu diesem Zeitpunkt – anstelle von Überlegungen militärischer Art – gerade noch realisierbar wäre, wäre die gezielte Vorbereitung auf eine Besetzung. Diese ist angekündigt und vor dem Hintergrund aktueller Erfahrungen (Verletzung des venezolanischen Selbstbestimmungsrecht durch Festnahme seines Präsidenten im eigenen Land sowie konkrete Drohungen gegen andere Staaten) als realistisch zu betrachten. Die häufigste Variante des gewaltfreien Widerstandes ist die spontan zustande gekommene. Erfolgversprechender ist selbstverständlich die vorher eingeübte. Aus diesem Grund empfehlen sich im Hinblick auf den nicht mehr auszuschließenden Fall der Besetzung:
- Bemühungen um einen gesellschaftlichen Konsens hinsichtlich eines konsequent gewaltfreien Widerstands (mit u.a. dem Ziel, Fragmentierungen/Kollaborationen auszuschließen),
- Dezentralisierungsmaßnahmen hinsichtlich der politischen Struktur des Landes, um sogenannten „Enthauptungsschlägen“ vorzubeugen,
- umfassende Notfallpläne (Versorgung mit u.a. Nahrungsmitteln und Energie),
- Schulungen in gewaltfreier Aktion.
12. Grönland als unfreiwilliges Modell
Der hypothetische Fall Grönlands zeigt exemplarisch, dass Verteidigung nicht ausschließlich militärisch gedacht werden muss. Für kleine, gesellschaftlich kohärente und international sichtbare Gemeinschaften kann eine gewaltfreie, soziale Verteidigung eine realistische, wenn auch anspruchsvolle Alternative darstellen. Sie beruht nicht auf militärischer Abschreckung und Verteidigung, nicht auf der Androhung eines hohen „Eintrittspreises“, sondern auf der Aussicht des potentiellen Okkupators auf Zahlung eines hohen „Aufenthaltspreises“. Sicherheit wird hier nicht durch militärische Gewalt gewährleistet, sondern durch Formen einer nachhaltigen Nichtkooperation von Einzelnen und Institutionen, durch ein Höchstmaß an kultureller Selbstbehauptung, durch eine entsprechende Solidarität, durch internationale Delegitimierung des Aggressors und vieles andere mehr. Grönland scheint, ungeachtet und gerade wegen seiner Bevölkerungsstruktur und so gut wie geschlossenen kulturellen Identität geradezu ein Ideal für gewaltfreien, sozialen Widerstand zu sein. Grönland ist nicht nur weltweit kulturell wie politisch sichtbar, vieles deutet darauf hin, dass seine Bevölkerung über ein beachtliches kollektives Aktionspotential verfügt. Es ist dem Land zu wünschen, dass es nicht unfreiwillig zu einem Experimentierfeld der gewaltfreien, sozialen Verteidigung wird. Die präventiven Überlegungen im Hinblick auf den allerdings nicht auszuschließenden Fall machen deutlich, dass die gewaltfreie, soziale Verteidigung auch unter anderen Bedingungen zur Lösung internationaler Konflikte beizutragen vermag.
Zum Verfasser:
Prof. Dr. Prof. h.c. Egon Spiegel, Diplomtheologe, Diplompolitologe, ausgebildeter Pastoralreferent, Advisory Professor am UNESCO-Lehrstuhl für Friedenswissenschaft der Nanjing University, Nanjing/China, bis 2022 Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie der Universität Vechta, Vechta/Deutschland; spezielles Forschungsgebiet: Friedensforschung, Friedenserziehung, Friedensarbeit.
Literaturauswahl (eigene Publikationen)
Spiegel, Egon: Gewaltverzicht. Grundlagen einer biblischen Friedenstheologie, Kassel: WeZuCo, 2. Aufl. 1989; außerdem als Nachdruck in der von Thomas Nauerth hrsg. Digitalen Handbibliothek Christlicher Friedenstheologie, Berlin 2005, sowie als Paperback in der ‚edition pace‘ (Norderstedt 2024, ISBN: 978-3-7693-2404-4).
Nagler, Michael (Prof. em. der University of California, Berkeley, USA) / Spiegel, Egon: Politik ohne Gewalt. Prinzipien, Praxis und Perspektiven der Gewaltfreiheit, Berlin: LIT, 2008.
Liu, Cheng (Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Friedensforschung in der Nanjing University, China) / Spiegel, Egon: Peacebuilding in a Globalized World. An illustrated Introduction to Peace Studies, Beijing: People’s Publishing House, 2015.
Spiegel, Egon: Dresden 1945, Nanjing: Nanjing Normal University Press, 2022 (engl. und chin. Fassung).
Thomas Nauerth / Annette M. Stroß (Hrsg.): In den Spiegel schauen. Friedenswissenschaftliche Perspektiven für das 21. Jahrhundert. Ein Lesebuch mit Texten von Egon Spiegel, edition pace, Norderstedt, 2022.
Spiegel, Egon: Theology of Peace, in: Kurtz, Lester R. (ed.): Encyclopedia “Violence, Peace and Conflict”, 3rd edition, Amsterdam: Elsevier, 2022, Volume 4, 417-429.
Spiegel, Egon / Mutalemwa, George / Liu, Cheng / Kurtz, Lester R. (eds.): Peace Studies for Sustainable Development inAfrica. Conflicts and Peace Oriented Conflict Resolution, Cham/Schweiz: Springer Nature, 2022.
Spiegel, Egon / Mutalemwa, George / Liu, Cheng / Kurtz, Lester R. (eds.): Peace as Nonviolence. Topics in African Peace Studies (Series: Advances in African Economic, Social and Political Development), Cham/Schweiz: Springer Nature, 2024.
Spiegel, Egon: Pazifismus. Eine Einführung, edition pace (in Vorbereitung für Frühjahr 2026).
Literaturauswahl (Klassiker zur gewaltfreien, sozialen Verteidigung)
Bisig, Maja u.a.: Soziale Verteidigung. Eine gewaltfreie Alternative zur militärischen Verteidigung der Schweiz, Zürich: Schweizerischer Friedensrat, 1976.
Ebert, Theodor: Soziale Verteidigung. Formen und Bedingungen des zivilen Widerstands, Waldkirch: Waldkircher Verlag, 1981.
Galtung, Johan: Peace, War and Defense. Essays in Peace, Copenhagen: Christian Ejlers, 1976.
Johansen, Jørgen / Martin, Brian: Social Defence, Sparsnäs/Sweden: Irene Publishing, 2019.
Martin, Brian: Social Defence. Social Change, London: Freedom Press, 1993.
Roberts, Adam (ed.): The Strategy of Civilian Defence. Non-violent Resistance to Aggression. London: Faber, 1967.
Sharp, Gene: Civilian-Based Defense. A Post-Military Weapons System, Princeton, NJ, Princeton: University Press, 1990.
Textstand: 14. Januar 2026.