{"id":9063,"date":"2010-09-20T22:24:17","date_gmt":"2010-09-20T20:24:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=9063"},"modified":"2010-09-20T23:00:43","modified_gmt":"2010-09-20T21:00:43","slug":"drehscheibe-rechtsextremismus-ist-ein-problem-dass-uns-standig-begleitet-ein-interview-von-jan-steeger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/drehscheibe-rechtsextremismus-ist-ein-problem-dass-uns-standig-begleitet-ein-interview-von-jan-steeger\/","title":{"rendered":"Drehscheibe: &#8222;Rechtsextremismus ist ein Problem, dass uns st\u00e4ndig begleitet&#8220; &#8211; Ein Interview von Jan Steeger."},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_9065\" aria-describedby=\"caption-attachment-9065\" style=\"width: 213px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-9065\" title=\"Frank Jansen, Reporter des Tagesspiegels\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/kl_jansen_01-213x300.png\" alt=\"kl_jansen_01\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/kl_jansen_01-213x300.png 213w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/kl_jansen_01.png 295w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 85vw, 213px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9065\" class=\"wp-caption-text\">Frank Jansen, Reporter des Tagesspiegels, Experte f\u00fcr Rechtsextremismus (foto: drehscheibe)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Berlin. Hamburg. Bonn. (<a href=\"http:\/\/www.drehscheibe.org\/startseite\/\" target=\"_blank\">drehscheibe<\/a>) Vergangene Woche ver\u00f6ffentlichten der Tagesspiegel und die Zeit eine Liste mit 137 Todesopfern rechtsextremistischer \u00dcbergriffe seit 1990. In der offiziellen Statistik der Polizei sind es lediglich 47 Tote seit der Wiedervereinigung. <\/strong><\/p>\n<p>Durch aufwendige Recherchen konnten die Journalisten Frank Jansen, Heike Kleffner, Johannes Radke und Toralf Staud zeigen, dass zahlreiche T\u00f6tungsverbrechen rechtsextremistisch motiviert waren, aber nicht als solche erfasst worden sind.<\/p>\n<p>In Online-Dossiers auf\u00a0 Tagesspiegel.de (Link: <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/rechtsextremismus\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/rechtsextremismus\/<\/a> ) und Zeit Online (Link: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2010-09\/todesopfer-rechte-gewalt\" target=\"_blank\">http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2010-09\/todesopfer-rechte-gewalt<\/a>) sind s\u00e4mtliche F\u00e4lle und Hintergrundinformation aufgelistet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.drehscheibe.org\/475\/\" target=\"_blank\">Jan Steeger sprach f\u00fcr die drehscheibe <\/a>mit Frank Jansen, Reporter des Tagesspiegels, \u00fcber die Recherche und den Umgang der Medien mit dem Thema Rechtsextremismus.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Herr Jansen, seit 1990 hat es in Deutschland  Ihren Recherchen zufolge 137 Todesopfer rechter Gewalt gegeben, die  Bundesregierung sprach bisher von 47 Toten. Wie kommt es zu dieser  Diskrepanz?<br \/>\n<\/strong>Die offizielle Statistik bezieht sich nur auf  das, was die Dienststellen der Polizei vor Ort und die Gerichte melden.  In Teilen der Polizei und Justiz tut man sich offenbar immer noch  schwer, politisch rechts motivierte Gewalt in allen F\u00e4llen zu erkennen  und einzuordnen. Dabei war die Lage der Erfassung vor 2001 noch  prek\u00e4rer. Bis dahin wurden nur rechtsextremistische Delikte gez\u00e4hlt, die  dem Extremismus-Begriff folgend sich direkt gegen den Staat richteten.  Der Angriff eines betrunkenen Skinheads auf einen Obdachlosen tauchte in  der Statistik oft nicht auf.<\/p>\n<p><strong>Was hat sich 2001 ver\u00e4ndert?<\/strong><br \/>\nNachdem wir bereits im September 2000 bei einer gemeinsamen Recherche von <em>Tagesspiegel<\/em> und <em>Frankfurter Rundschau<\/em> auf gro\u00dfe Abweichungen von den offiziellen Zahlen gesto\u00dfen sind, wurde  2001 ein neues Erfassungssystem eingef\u00fchrt, das erheblich weiter gefasst  ist. Die Beh\u00f6rden sprechen jetzt von &#8222;politisch rechts motivierter  Kriminalit\u00e4t&#8220;, der so genannten &#8222;PMK rechts&#8220;. Dabei werden auch die  Delikte erfasst, bei der \u00e2\u20ac\u201c das muss ich zitieren \u00e2\u20ac\u201c &#8222;die Umst\u00e4nde der Tat  oder die Einstellung des T\u00e4ters darauf schlie\u00dfen lassen, dass sie sich  gegen eine Person aufgrund ihrer politischen Einstellung, Nationalit\u00e4t,  Volkszugeh\u00f6rigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung,  Herkunft, sexuellen Orientierung, Behinderung oder ihres \u00e4u\u00dferen  Erscheinungsbildes beziehungsweise ihres gesellschaftlichen Status  richtet&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Dennoch muss es f\u00fcr Sie ja einen Anlass gegeben  haben, auch an den Zahlen des neuen Erfassungssystems zu zweifeln und  jetzt, zehn Jahre sp\u00e4ter, noch einmal nachzuhaken.<\/strong><\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong>Ich  besch\u00e4ftige mich seit 20 Jahren mit dem Thema Rechtsextremismus und habe  schon viele Prozesse besucht, bei denen es offenkundig war, dass es  hier um rechts motivierte Gewalttaten ging, die aber nicht als solche in  den Statistiken auftauchten. Jetzt, zehn Jahre sp\u00e4ter, wollten wir noch  einmal systematisch aufarbeiten, wie viele Todesopfer rechter Gewalt es  wirklich gegeben hat, wie dunkel der Schatten ist, der auf 20 Jahren  deutscher Einheit liegt. Immerhin ist der Rechtsextremismus ein Problem,  das uns st\u00e4ndig begleitet.<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen?<\/strong><br \/>\nUnser  Rechercheteam bestand aus vier Leuten: Heike Kleffner, Johannes Radke,  Toralf Staud und mir. Wir sind alle Journalisten, die sich seit vielen  Jahren intensiv mit dem Thema besch\u00e4ftigen. Wir haben im Fr\u00fchjahr damit  begonnen, uns Gerichtsurteile anzuschauen, wo wir den Verdacht hatten,  das k\u00f6nnten rechts motivierte T\u00f6tungsverbrechen gewesen sein. Wir haben  die Akten eingesehen, uns die Berichterstattung in den Lokalzeitungen  angesehen und alle Personen kontaktiert, die etwas dazu sagen k\u00f6nnen:  Richter, Hinterbliebene, Staatsanw\u00e4lte, Verfassungssch\u00fctzer und so  weiter.<br \/>\n<strong><br \/>\nDas klingt nach einem riesigen Aufwand.<\/strong><br \/>\nDas war es auch. In den vergangenen zwei Monaten waren wir sehr stark in diesem Projekt eingebunden.<\/p>\n<p><strong>Welche Kriterien haben Sie angewendet, um ein T\u00f6tungsverbrechen als rechts motiviert einzuordnen?<\/strong><br \/>\nBei  unserer eigenen Einstufung haben wir uns am Erfassungssystem &#8222;PMK  rechts&#8220; orientiert, das ich vorhin zitiert habe. Diese Kriterien haben  wir auch bei der Ver\u00f6ffentlichung im <em>Tagesspiegel<\/em> und in der <em>Zeit<\/em> im Wortlaut abgedruckt. Nat\u00fcrlich mussten wir uns bei der Einordnung  der F\u00e4lle auch einen Interpretationsspielraum zubilligen, sind dabei  aber sehr konservativ vorgegangen. Die Liste mit den Verdachtsf\u00e4llen,  die wir nicht genau belegen konnten, haben wir nicht mit in unsere  Dokumentation der als sicher geltenden F\u00e4lle aufgenommen.<\/p>\n<p><strong>Wenn  es eine so gro\u00dfe Diskrepanz zwischen den von Ihnen ermittelten  Todesopfer rechter Gewalt und den offiziellen Zahlen gibt, was l\u00e4sst  sich dann \u00fcber das Ausma\u00df rechtsextremistischer Gewalt \u00fcberhaupt sagen?<\/strong><br \/>\nIch  sch\u00e4tze, dass die Zahl der rechten Gewalttaten seit der  Wiedervereinigung bei weit mehr als 20 000 Delikten liegt, die  offizielle Zahl d\u00fcrfte wahrscheinlich niedriger sein. Das wahre Ausma\u00df  von rechter Gewalt ist zudem durch eine hohe Dunkelziffer verdeckt, da  viele Taten \u00fcberhaupt nicht zur Anzeige kommen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben  erz\u00e4hlt, dass Sie bei Ihren Recherchen auch auf Artikel aus der  Lokalpresse zur\u00fcckgegriffen haben. Welchen Eindruck haben Sie vom Umgang  mit dem Thema Rechtsextremismus bei den lokalen Medien?<\/strong><br \/>\nDas  ist sehr unterschiedlich. Es gibt Kollegen, die sich mit viel  Engagement und Leidenschaft dem Thema widmen und eine hervorragende  Berichterstattung liefern, und wieder andere, bei denen es viel zu kurz  kommt. Insgesamt l\u00e4sst sich eine konjunkturelle Besch\u00e4ftigung der Medien  mit dem Thema Rechtsextremismus feststellen. In Zeiten, in denen  anscheinend nichts passiert, wird wenig berichtet. Es ist aber falsch,  mit der Berichterstattung aufzuh\u00f6ren, da die rechtsextreme Kriminalit\u00e4t  nicht nachl\u00e4sst. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass die Redaktionen weniger  den Erregungskurven folgen, sondern sich vielmehr kontinuierlich diesem  wichtigen Thema widmen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">(Interview: Jan Steeger)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin. Hamburg. Bonn. 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