{"id":64867,"date":"2026-10-20T07:35:58","date_gmt":"2026-10-20T05:35:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=64867"},"modified":"2026-10-20T07:35:58","modified_gmt":"2026-10-20T05:35:58","slug":"gewaltfreie-soziale-verteidigung-als-alternative-zum-programm-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/gewaltfreie-soziale-verteidigung-als-alternative-zum-programm-krieg\/","title":{"rendered":"Gewaltfreie Soziale Verteidigung als Alternative zum \u201eProgramm Krieg\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Harte Fragen der Gewaltfreien Soziale Verteidigung<\/strong><\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/02b-NurUmschlagmotiv-Artikel.jpg\" target=\"_blank\" rel=\" noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"782\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/02b-NurUmschlagmotiv-Artikel-1024x782.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-64872\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/02b-NurUmschlagmotiv-Artikel-1024x782.jpg 1024w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/02b-NurUmschlagmotiv-Artikel-300x229.jpg 300w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/02b-NurUmschlagmotiv-Artikel-768x586.jpg 768w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/02b-NurUmschlagmotiv-Artikel-1536x1173.jpg 1536w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/02b-NurUmschlagmotiv-Artikel-1200x916.jpg 1200w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/02b-NurUmschlagmotiv-Artikel.jpg 1591w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Umschlagmotiv des neuen Buchs von Egon Spiegel: \u201eGewaltfreie Soziale Verteidigung\u201c<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Buchhinweis (Quelle des Kapitelauszuges):<br \/><strong>Egon Spiegel:<\/strong> <em><strong>Gewaltfreie Soziale Verteidigung<\/strong><\/em>. (Reihe : edition pace). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6967-6472-2; Paperback; 304 Seiten; 14,99 \u20ac).<br \/><a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/gewaltfreie-soziale-verteidigung-egon-spiegel-9783696764722\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/buchshop.bod.de\/gewaltfreie-soziale-verteidigung-egon-spiegel-9783696764722<\/a><br \/><br \/>Zum Verfasser: <strong>Egon Spiegel<\/strong>, Prof. Dr. theol. habil. Prof. h. c., Diplomtheologe, Diplompolitologe, ausgebildeter Pastoralreferent, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Praktische Theologie an der Universit\u00e4t Vechta, gegenw\u00e4rtig Advisory Professor am UNESCO-Lehrstuhl f\u00fcr Peace Studies der Nanjing University in Nanjing\/China, diverse Lehrauftr\u00e4ge und Gastprofessuren, international vielf\u00e4ltig vernetzt, zahlreiche friedenswissenschaftliche Publikationen. \u2013 Website: <a href=\"http:\/\/www.egon-spiegel.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.egon-spiegel.net<\/a><\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine Gesellschaft, die sich verteidigt, ohne t\u00f6ten zu wollen und ohne das eigene Land durch (B\u00fcrger-)Krieg ruinieren zu lassen \u2013 das ist kein weltfremder Wunsch, sondern Gegenstand einer seit Jahrzehnten erforschten und historisch vielfach erprobten Konzeption. Dies ist das Thema meines neuen Buches \u201e<em>Gewaltfreie Soziale Verteidigung\u201c<\/em> <a href=\"https:\/\/www.lebenshaus-alb.de\/magazin\/015622.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.lebenshaus-alb.de\/magazin\/015622.html<\/a>, dem dieses Kapitel zu \u201eHarten Fragen\u201c der gewaltfreien Alternative zum \u201eProgramm Krieg\u201c entnommen ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(Autor: Egon Spiegel)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>1. Der Knackpunkt: Kollaboration<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jedes Verteidigungskonzept hat eine Stelle, an der es zu brechen droht. Bei der milit\u00e4rischen Verteidigung ist es die Eskalation. Der Verteidiger kann gezwungen sein, zu Mitteln zu greifen, die das zerst\u00f6ren, was er sch\u00fctzen will. Bei der Gewaltfreien Sozialen Verteidigung (GSV) ist es die Kollaboration.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Verteidigung beruht darauf, dass dem Besatzer die Mitwirkung entzogen wird. Wer mitwirkt, macht ihn handlungsf\u00e4hig und f\u00e4llt zugleich denen in den R\u00fccken, die verweigern. Kollaboration ist deshalb nicht nur ein moralisches Problem. Sie ist der milit\u00e4risch entscheidende Angriffspunkt. Ein Besatzer wird alles daransetzen, sie zu erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>1.1 Kollaborationsbereiche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er braucht nicht die Zustimmung der Mehrheit. Er braucht einige wenige an den richtigen Stellen: einen B\u00fcrgermeister, der die kommunale Politik und Administration bestimmt; einen Polizeichef, der die Anweisungen von oben umsetzt; einen Schulleiter, der nach vorgegebener Ideologie unterrichten l\u00e4sst; einen Betriebsleiter, der f\u00fcr eine reibungslose Produktion sorgt; einen Beamten, der die Vorschriften des Besatzers befolgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einer Handvoll solcher Personen l\u00e4sst sich eine Marionettenverwaltung errichten, die den Anschein von Normalit\u00e4t erzeugt. Mehr braucht es oft nicht, denn der Anschein ist die eigentliche W\u00e4hrung, sowohl nach innen (das Leben geht ja weiter) als auch nach au\u00dfen (so schlimm kann es nicht sein).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>1.2 Kollaborationsmotive<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man kommt keinen Schritt weiter, wenn man Kollaboration allein als Charakterschw\u00e4che behandelt. Die Motive sind vielf\u00e4ltig, und die meisten sind menschlich verst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Angst<\/em>. \u2013 Wer aus Angst um sich, um die Familie, um die Kinder eine Unterschrift verweigert, riskiert seine Existenz. Wer sie leistet, riskiert zun\u00e4chst nichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Not. \u2013<\/em> Wenn der Lohn nur noch aus einer Quelle kommt, ist die Verweigerung ein Luxus, den sich nicht alle leisten k\u00f6nnen. Kollaboration hat damit eine soziale Schlagseite. Wohlhabende k\u00f6nnen sie \u2013 eigentlich \u2013 eher vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Karriere<\/em>. \u2013 Besatzungen schaffen Vakanzen. Wer vorher nicht zum Zuge kam, kommt nun zum Zuge. Jetzt ist die Zeit f\u00fcr den Loser gekommen, f\u00fcr den schon in der Schule Gemobbten, f\u00fcr den Systemsprenger. Ihm bietet sich eine einmalige Gelegenheit, sich an jenen zu r\u00e4chen, die ihn zuvor noch von oben herab behandelt haben. Erinnern wir nur an die charakterlichen Eignungen oder intellektuellen Kapazit\u00e4ten der Gauleiter und Blockwarte. Hier ist eine der zuverl\u00e4ssigsten Triebkr\u00e4fte f\u00fcr Kollaboration.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Geld. \u2013<\/em> Der Kauf von Zustimmung ist ein klassisches Instrument. Im Falle Gr\u00f6nlands stand eine Einmalzahlung von bis zu 100.000 Dollar pro Kopf im Raum \u2013 ein Angebot, das nichts anderes bezweckt, als Kollaboration auf breiter Basis zu erwerben. Man muss sich das durchrechnen: Bei rund 57.000 Menschen w\u00e4re das ein Bruchteil dessen, was ein milit\u00e4risches Vorgehen kostete. Der Kauf eines Landes ist billiger als seine Eroberung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ideologie<\/em>. \u2013 Es gibt immer Menschen, die die neue Ordnung wollen \u2013 aus \u00dcberzeugung, aus Ressentiment gegen die alte, aus Verachtung f\u00fcr die eigene Gesellschaft, aus Entt\u00e4uschung \u00fcber das eigene Land und \u00fcber das Wenige, das es f\u00fcr mich bereith\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Gekr\u00e4nkte Zugeh\u00f6rigkeit. \u2013<\/em> Dieses Motiv wird am h\u00e4ufigsten \u00fcbersehen und ist am folgenreichsten. Wo eine Minderheit sich im eigenen Land nicht ernst genommen, sprachlich zur\u00fcckgesetzt, kulturell \u00fcbergangen sieht, entsteht der Boden, auf dem Kollaborationsbereitschaft gedeiht. Der Besatzer muss dann gar nichts kaufen. Er muss nur anbieten, was der eigene Staat vers\u00e4umt hat. Das ist der Grund, weshalb ich weiter unten f\u00fcr einen konsequenten F\u00f6deralismus pl\u00e4diere: Er ist nicht nur eine Frage guter Verwaltung, sondern unmittelbar Verteidigungsvorsorge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eGute\u201c Gr\u00fcnde. \u2013<\/em> Der Arzt, der im Besatzungskrankenhaus bleibt, weil sonst niemand die Patienten versorgt. Die Beamtin, die im Amt bleibt, um Schlimmeres zu verhindern und um dar\u00fcber informiert zu sein, was geplant ist. Der B\u00fcrgermeister, der verhandelt, um Deportationen abzuwenden. Diese F\u00e4lle sind real. Sie sind nicht dasselbe wie Verrat.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>1.3 Die Anatomie des Mitmachens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer verstehen will, warum Herrschaftssysteme so zuverl\u00e4ssig Personal finden, muss hinter die Motive schauen, auf die Mechanik. Sie ist in jedem Unrechtssystem dieselbe, ob es sich um eine Besatzung, eine Diktatur oder einen kleinen Betrieb mit einem tyrannischen Chef handelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Das Privileg ist ein wirksameres Bindemittel als die \u00dcberzeugung.<\/em> : Dem einen ist der Dienstwagen ein Privileg, dem anderen, darin gefahren zu werden. Wer einmal in der reservierten ersten Reihe sa\u00df, den erschaudert die Vorstellung, k\u00fcnftig weiter hinten Platz nehmen zu m\u00fcssen. Man untersch\u00e4tzt, wie klein die Vorteile sein k\u00f6nnen, f\u00fcr die Menschen ihre Selbstachtung eintauschen, und wie stark die Angst wirkt, sie wieder zu verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Existenzangst ist die sichere Grundlage eines jeden Systems.<\/em> : Wer Schritt f\u00fcr Schritt in ein System hineingewachsen ist und schlie\u00dflich beruflich Teil davon wurde, kann sich der Abh\u00e4ngigkeit nur um den Preis der K\u00fcndigung entziehen. Genau darauf verlassen sich Herrschende. Ihre Nutznie\u00dfer werden ihnen selbst dann nicht den Gehorsam verweigern, wenn ihnen etwas abverlangt wird, das sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren k\u00f6nnen. Der Zusammenhang von Systemgehorsam und Broterwerb ist keine Charakterfrage, sondern eine Struktur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Gehorsam schaukelt sich von unten hoch.<\/em> : Man nimmt gew\u00f6hnlich an, Unterdr\u00fcckung werde von oben nach unten durchgereicht. Beobachten l\u00e4sst sich h\u00e4ufig das Gegenteil. Der unterste Steigb\u00fcgelhalter \u00fcberbietet seinen eigenen Rigorismus, um seine Linientreue sichtbar zu machen. Der so unter Druck gesetzte Vorgesetzte will nicht zur\u00fcckstehen und gibt die Steigerung nach oben weiter. So potenzieren sich H\u00e4rte und Unrecht im Wettbewerb der Loyalit\u00e4t \u2013 oft weit \u00fcber das hinaus, was \u00fcberhaupt gefordert war. Der Nationalsozialist verhielt sich nationalsozialistischer als es das Hitler-Regime vorgab, statt vorhandene Freir\u00e4ume zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Denunziation reicht bis in die Familie.<\/em> : In ihrer Unterw\u00fcrfigkeit sind Menschen bereit, nicht nur Nachbarn, sondern Angeh\u00f6rige wegen einer beil\u00e4ufigen kritischen Bemerkung anzuzeigen \u2013 bisweilen in dem Wissen, dass dies ein Todesurteil bedeutet. Wer das f\u00fcr eine \u00dcbertreibung h\u00e4lt, lese die Aktenbest\u00e4nde der Gestapo und der Staatssicherheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Und danach ist niemand dabei gewesen.<\/em> : F\u00fcr den Fall des Zusammenbruchs steht ein Repertoire an Entlastungss\u00e4tzen bereit. Es ist \u00fcber alle Systeme hinweg bemerkenswert gleichlautend: Ich habe davon nichts gewusst. Man konnte das doch gar nicht durchschauen. So schlimm war es nicht. Andere haben auch mitgemacht. H\u00e4tte ich es nicht getan, h\u00e4tte es ein anderer getan. Ich wollte Schlimmeres verhindern. Mir blieb keine Wahl. Ich habe nur gehorcht. Ich war doch nur ein kleines R\u00e4dchen. Der Wendehals, der dem Machthaber ewige Treue geschworen hat, ist nach dessen Sturz schneller als alle anderen bereit, sie der Opposition zu schw\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese N\u00fcchternheit ist kein Zynismus, sondern die Voraussetzung jeder brauchbaren Vorbereitung. Wer eine Gesellschaft auf eine Gewaltfreie Soziale Verteidigung vorbereiten will, muss damit rechnen, dass ein Teil ihrer Mitglieder unter Druck genau so handeln wird. Die Frage ist nicht, wie man diesen Teil moralisch verurteilt, sondern wie man ihn klein h\u00e4lt: durch wirtschaftliche Absicherung derer, die verweigern, durch Entscheidungen, die im Kollektiv und nicht vom Einzelnen zu tragen sind, durch die vorher getroffene Verabredung, die dem Einzelnen die Last der Improvisation abnimmt. (Vgl. auch E. Spiegel: Pazifismus. Hamburg 2025).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>2. Umgang mit Kollaboration<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus der Mechanik des vorigen Kapitels folgt nicht Resignation, sondern eine Reihe recht konkreter Gegenma\u00dfnahmen. Sie beginnen mit einer Unterscheidung, ohne die alles Weitere ins Rachs\u00fcchtige abgleitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>2.1 Differenzierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer \u00fcber Kollaboration sprechen will, ohne Unrecht zu tun, muss unterscheiden. Ich schlage vier Stufen vor:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(a) Erzwungene Weiterarbeit<\/em> : In Bereichen, die dem \u00dcberleben der Bev\u00f6lkerung dienen, wie etwa Medizin, Wasser, Nahrung, Feuerwehr, bleibt den bis dahin Verantwortlichen keine andere Wahl, als weiterzuarbeiten. Das ist keine Kollaboration, sondern Versorgung. Sie sollte ausdr\u00fccklich als solche bereits im Vorfeld so definiert und \u00f6ffentlich benannt werden, damit die Betreffenden nicht unter Verdacht geraten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(b) Anpassung ohne \u00dcbernahme von Herrschaftsfunktionen<\/em> : Die gro\u00dfe Mehrheit wird weiter zur Arbeit gehen, Steuern nicht verweigern k\u00f6nnen, Formulare ausf\u00fcllen m\u00fcssen. Ihr Verhalten ist nicht zu skandalisieren, sondern m\u00f6glichst durch Alternativen zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(c) \u00dcbernahme von Herrschaftsfunktionen<\/em> : Hier beginnt die Kollaboration im eigentlichen Sinn, wenn ein Bewohner des Landes bereit ist, f\u00fcr den Besatzer Entscheidungen und Anordnungen zu treffen, Personal auszuw\u00e4hlen oder Ressourcen zuzuteilen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(d) Denunziation und Beteiligung an Verfolgung<\/em> : Wer Namen weitergibt, Verstecke verr\u00e4t, an Verhaftungen mitwirkt, ist T\u00e4ter. Hier endet jede Nachsicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Abstufung ist nicht akademisch. Wer alles in einen Topf wirft und unterschiedslos alle zu Kollaborateuren macht, erkl\u00e4rt alle zu Verr\u00e4tern. Als solche haben sie nichts mehr zu verlieren und sind schlie\u00dflich auch zur eigentlichen Kollaboration bereit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>2.2 Gegenma\u00dfnahmen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(a) Im Vorfeld<\/em> : Der wirksamste Schutz gegen Kollaboration wird in sog. Friedenszeiten aufgebaut. Wo klar verabredet ist, was im Besatzungsfall gilt, wer welche Aufgabe hat und was von niemandem verlangt wird, muss der Einzelne nicht in der Nacht der Entscheidung allein herausfinden, was wichtig und richtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(b) Soziale Sanktionen<\/em> : Die Mittel sind Ausschluss aus Gemeinschaftsritualen, gesellschaftliche \u00c4chtung, moralische Delegitimierung, \u00f6ffentliche Benennung von Funktionen. Solche Sanktionen sind in kleinen, dicht vernetzten Gesellschaften au\u00dferordentlich wirksam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(c) Verhinderung von Mobbing<\/em> : Und hier ist Klartext n\u00f6tig. Der Umgang mit Kollaborateuren ist historisch eine der h\u00e4sslichsten Seiten des Widerstands. Nach 1944 wurden in Frankreich Frauen, denen man Beziehungen zu deutschen Soldaten vorwarf, \u00f6ffentlich kahlgeschoren und durch die Stra\u00dfen getrieben. \u00dcberall dort, wo Besatzungen endeten, kam es zu Selbstjustiz, zu Denunziation aus Nachbarschaftsstreitigkeiten, zu Rache an den Schw\u00e4chsten, w\u00e4hrend die tats\u00e4chlich Verantwortlichen sich absetzten. <em>\u2013<\/em> F\u00fcr eine gewaltfreie Verteidigung ist das keine Randnotiz, sondern eine Bew\u00e4hrungsprobe. Die Regel von Rolle und Person gilt auch hier und sogar besonders. Der Widerstand richtet sich gegen die <em>Funktion<\/em>, die jemand \u00fcbernommen hat, nicht gegen den Menschen. Wer Kollaborateure entmenschlicht, hat die Logik des Gegners \u00fcbernommen, bevor der Konflikt zu Ende ist. Und er zerst\u00f6rt, was er verteidigen wollte: eine Gesellschaft, in der Menschen ohne Angst voreinander leben. \u2013 Deshalb: keine anonymen Listen, keine Gewalt gegen Personen und Eigentum, keine Sippenhaft f\u00fcr Angeh\u00f6rige, keine Sanktionen gegen Kinder. Und eine klare Zust\u00e4ndigkeit. \u00dcber Kollaborationsvorw\u00fcrfe befindet ein benanntes Gremium, kein Mob.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(d) Rehabilitation<\/em> : Zu jeder Sanktion geh\u00f6rt ein Weg zur\u00fcck. Wer aufh\u00f6rt, f\u00fcr den Besatzer zu arbeiten, muss ohne Dem\u00fctigung wieder aufgenommen werden k\u00f6nnen \u2013 und zwar so sichtbar, dass andere den Weg nachvollziehen k\u00f6nnen. Strategisch ist das entscheidend: Jeder R\u00fcckkehrer ist ein Verlust f\u00fcr den Besatzer und ein Signal an die Unentschiedenen. Moralisch ist es nichts anderes als die Anwendung dessen, was ich schon \u00fcber den Umgang mit dem Gegner gesagt habe. Wenn wir dem Besatzungssoldaten einen Zugang zur Wahrheit zubilligen, k\u00f6nnen wir diesen nicht dem eigenen Nachbarn verweigern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>e) \u00dcberfl\u00fcssigmachung von Kollaboration<\/em> : Der st\u00e4rkste Hebel ist kein Druckmittel, sondern ein Angebot. Wer Menschen aus der Zusammenarbeit heraushalten will, muss ihnen eine Existenz au\u00dferhalb erm\u00f6glichen: Solidarkassen f\u00fcr Entlassene, Versorgung f\u00fcr Familien von Verhafteten, Arbeitsm\u00f6glichkeiten in den Parallelstrukturen, Kinderbetreuung, Rechtsbeistand. Genau dies leisteten die polnischen Untergrundstrukturen der 1980er Jahre. In einem Satz gesagt: Kollaboration wird nicht durch Verachtung verhindert, sondern durch Alternativen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>2.3 Das Extrem: Polizei und Streitkr\u00e4fte des besetzten Landes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Frage, die in der Literatur zu kurz kommt und in der Praxis sofort auftritt: Wie verhalten sich eigentlich die eigene Polizei und die eigenen Streitkr\u00e4fte (so es solche gibt), wenn ein Land besetzt wird?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Polizistinnen und Polizisten ist die Lage besonders bitter. Sie werden gebraucht. Die Kriminalit\u00e4t h\u00f6rt nicht auf, im Gegenteil. Zugleich ist die Polizei das Instrument, das ein Besatzer am dringendsten \u00fcbernehmen will, weil er damit ohne eigene Kr\u00e4fte die Bev\u00f6lkerung kontrollieren kann. Zwischen \u201eweitermachen, damit die Menschen gesch\u00fctzt bleiben\u201c und \u201emitmachen, damit die Besatzung funktioniert\u201c verl\u00e4uft eine Linie, die im Einzelfall haarfein sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie l\u00e4sst sich aber vorher ziehen. Deshalb geh\u00f6rt sie in die Vorbereitung. Ein m\u00f6glicher Grundsatz: Aufgaben der Gefahrenabwehr und der Verfolgung von Gewaltkriminalit\u00e4t werden weitergef\u00fchrt; jede T\u00e4tigkeit, die der politischen Kontrolle der Bev\u00f6lkerung dient (Personenkontrollen im Auftrag des Besatzers, Aufl\u00f6sung von Versammlungen, Vollstreckung politischer Haftbefehle, Weitergabe von Erkenntnissen), wird verweigert. Wer dazu gezwungen werden soll, legt den Dienst nieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Soldaten stellt sich die Frage anders. Wo ein Land auf Gewaltfreie Soziale Verteidigung umgestellt hat, gibt es diesen Konflikt nicht mehr. In der \u00dcbergangszeit, in der beides nebeneinander besteht, ist er real und ernst: Wann endet der milit\u00e4rische Widerstand, und wie geht der \u00dcbergang in den zivilen Widerstand vonstatten, ohne dass die Bev\u00f6lkerung als Kombattant behandelt wird? Diese Frage muss vorab beantwortet werden, sonst beantwortet sie im Ernstfall jeder f\u00fcr sich. Mit der Folge, dass bewaffnete Einzelaktionen den zivilen Widerstand diskreditieren und die Repression gegen alle rechtfertigen. Hier zeigt sich u.&nbsp;a., wie schwierig gemischte Modelle sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>2.4 Resilienz gegen innere wie ausl\u00e4ndische \u00dcbergriffe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt keine Garantie. Eine Gesellschaft, die tief gespalten ist, in der gro\u00dfe Gruppen sich abgeh\u00e4ngt und nicht zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, in der Institutionen als fremd und ungerecht erlebt werden, wird im Besatzungsfall auseinanderfallen. Der Besatzer wird genau diese Bruchlinien suchen. Er wird Regionen gegen Regionen, Sprachgruppen gegen Sprachgruppen, Arme gegen Reiche, Junge gegen Alte auszuspielen versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daraus folgt eine Einsicht, die weit \u00fcber die Verteidigungspolitik hinausreicht<strong>:<\/strong> <em>Mehr als alles andere ist der Abbau struktureller Gewalt im Inneren Voraussetzung und Beitrag zu einer gewaltfreien Verteidigung.<\/em> Bildungsgerechtigkeit, gesundheitliche Chancengleichheit, faire L\u00f6hne, die Einbeziehung von Minderheiten, ein Ende der Erfahrung, dass der Staat nur f\u00fcr die anderen da ist \u2013 all das erh\u00f6ht die Widerstandsf\u00e4higkeit einer Gesellschaft mehr als jedes Waffensystem. Und es ist, anders als Waffen, auch dann n\u00fctzlich, wenn nichts geschieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier wird auch, einmal mehr, deutlich, dass die Gewaltfreie Soziale Verteidigung (GSV) nicht gedacht und realisiert werden kann mit dem isolierten Blick nach au\u00dfen, auf einen potentiellen ausl\u00e4ndischen Besatzer. Sie ist untrennbar verbunden mit der Realisierung einer resilienten, demokratischen Gesellschaft. Die Voraussetzung daf\u00fcr sind gerechte Verh\u00e4ltnisse und das darauf aufbauende Gef\u00fchl, genau diese gegen jede Art von Angriff \u2013 ob von au\u00dfen oder im Inneren \u2013 zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>3. Geschlossenheit und Basisdemokratie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich komme zur\u00fcck auf die bereits mehrfach angesprochene Voraussetzung einer funktionierenden Gewaltfreien Sozialen Verteidigung. Diese setzt voraus, dass eine Gesellschaft (1) relativ geschlossen bereit ist, sich gewaltfrei zu wehren und dass sie (2) diesen Widerstand weitestgehend von unten organisiert. Ich betone einmal mehr, dass eine Gesellschaft, die ihr Verteidigungskonzept auf eine Gewaltfreie Soziale Verteidigung umzustellen bereit ist, zun\u00e4chst eine gerechte sein muss. Und ich betone daran anschlie\u00dfend, dass eine solche Gesellschaft willens und in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen. Schauen wir uns das genauer an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>3.1 Die Notwendigkeit von Geschlossenheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine milit\u00e4rische Verteidigung \u201afunktioniert\u2018 mit einer Minderheit. Ein Prozent der Bev\u00f6lkerung in Uniform gen\u00fcgt, um ein Land zu verteidigen. Die \u00fcbrigen 99 Prozent m\u00fcssen nur zahlen und schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung funktioniert umgekehrt. Sie braucht keine Spezialisten, aber sie braucht viele. Ein Streik, an dem sich ein Drittel beteiligt, ist ein \u00c4rgernis; einer, an dem sich fast alle beteiligen, ist eine Machtfrage. Die Forschung nennt eine Beteiligungsschwelle von etwa dreieinhalb Prozent f\u00fcr den Erfolg politischer Kampagnen. F\u00fcr die Verweigerung der Verwaltbarkeit eines besetzten Landes d\u00fcrfte deutlich mehr erforderlich sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit ist keine Nebenbedingung genannt, sondern die Bedingung schlechthin. Der Aufbau dieser Bereitschaft \u2013 durch Bildung, \u00f6ffentliche Debatte, \u00dcbung, Erfahrung \u2013 ist die eigentliche Verteidigungsanstrengung. Sie dauert Jahre. Man kann sie nicht im Krisenfall nachholen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>3.2 Basisdemokratische Voraussetzung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegensatz zur milit\u00e4rischen Verteidigung kann eine gewaltfreie Verteidigung nicht befohlen werden. Anordnungen, durch die andere verpflichtet werden, Befehle passen nicht ins Konzept. Das schlie\u00dft die Einf\u00fchrung eines freiwilligen Friedensdienstes mit speziellen gewaltfreien \u201eSpeerspitzen\u201c gegen den Besatzer nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Praktisch<\/em> : Eine Besatzung beginnt in der Regel damit, die Spitze auszuschalten. Ein Widerstand, der auf Anweisungen von oben wartet, wartet vergeblich. Er muss in Tausenden von \u00c4mtern, Betrieben, Schulen, Gemeinden aus eigener Kraft funktionieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Gr<\/em><em>unds\u00e4tzlich<\/em> : Der Widerstand nimmt vorweg, was er verteidigt. Wer eine freie, demokratische Gesellschaft verteidigt, indem er eine Kommandostruktur errichtet, verteidigt sie nicht. Die politische Theorie nennt dies <em>pr\u00e4figurative Politik<\/em>. Die k\u00fcnftige Gesellschaft wird schon in den Organisationsformen des Kampfes vorweggenommen. Dies geschieht in Form von hierarchiearmen R\u00e4ten, Entscheidungen nach Konsent, Rechenschaftspflicht nach unten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Motivational<\/em> : Freiwilligkeit ist der Kern des Konzepts. Zum Milit\u00e4rdienst kann man zwingen, zum gewaltfreien Widerstand nicht. Theodor Ebert hat es immer wieder betont: Die gewaltfreie Aktion ist eine Form demokratischer Willens\u00e4u\u00dferung, Macht von unten und damit einer Teilnahme, die selbstverst\u00e4ndlich nur freiwillig sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>3.3 Agieren im Spannungsfeld<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um den Verlass auf Millionen von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern auf der einen Seite und die Freiwilligkeit jedes\/jeder Einzelnen konzeptionell zusammenf\u00fchren zu k\u00f6nnen, muss eine prinzipielle Unterscheidung getroffen werden: an die Stelle des <em>Befehls<\/em> tritt die <em>Verabredung<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was zentral geregelt sein muss, sind nicht die Handlungen, sondern die <em>Regeln<\/em>: Keine Gewalt gegen Personen. Keine Geheimhaltung. Kein Widerstand gegen die Grundversorgung. Keine Kollektivbeschuldigungen. Klare Kriterien, was als Kollaboration gilt. Verabredete Zeichen, verabredete Schwerpunkte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Innerhalb dieser Regeln entscheiden die Einheiten selbst, d.&nbsp;h. die Belegschaft, das Kollegium, die Gemeinde, das Krankenhaus, das Stadtviertel. Diese Struktur ist robust, weil sie kein Zentrum hat, das man ausschalten kann, und weil sie an Erfahrungen ankn\u00fcpft, die in demokratischen Gesellschaften vorhanden sind. Das sind Betriebsr\u00e4te, Vereinsversammlungen, Elternbeir\u00e4te, kirchliche Gremien, Genossenschaften. Wer diese Formen im Frieden pflegt, verf\u00fcgt im Ernstfall \u00fcber eingespielte Verfahren. Dabei sind zwei Gefahren im Blick zu behalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eine ist die Entstehung einer <em>Widerstandselite<\/em>, die im Namen aller spricht, ohne von allen beauftragt zu sein. Sie entsteht fast automatisch, weil die Mutigsten und Erfahrensten sichtbar werden. Als Gegenmittel bieten sich an: Rotation von Aufgaben, Befristung von Mandaten, \u00d6ffentlichkeit von Entscheidungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die andere ist der <em>Druck auf Abweichende<\/em>. Eine Gesellschaft, die geschlossen widerstehen will, ger\u00e4t leicht in die Versuchung, den Zweifelnden zum Feind zu erkl\u00e4ren. Damit w\u00e4re die Freiwilligkeit dahin und der Streit im Inneren er\u00f6ffnet. Das w\u00e4re genau das, was der Besatzer sucht. Deshalb: Wer nicht mitmacht, wird geworben, \u00fcberzeugt, eingebunden, aber \u2013 nicht gezwungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>3.4 Realit\u00e4tsanspruch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als realistisch \u2013 weil historisch \u2013 gilt: Dass hunderttausende junge Menschen bereit sind, in einem Krieg zu t\u00f6ten und zu sterben, dass Volkswirtschaften auf R\u00fcstung umgestellt werden und dass Bev\u00f6lkerungen jahrelange Entbehrungen auf sich nehmen und \u00fcber unbestimmte Zeit Traumata zu bew\u00e4ltigen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung verlangt weniger. Sie verlangt keine Bereitschaft zu t\u00f6ten, keine Musterung, keinen Kasernenhof, keine Befehl-Gehorsam-Strukturen. Sie verlangt Kenntnis, Verabredung, Standhaftigkeit und eine Gesellschaft, in der man einander so weit vertraut, dass man sich auf gemeinsames Handeln verlassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist anspruchsvoll. Aber es ist nicht mehr, als wir ohnehin voraussetzen. Es ist nur anders verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>4. Repression, Leid und die Grenzen des Konzepts<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Punkt, an dem wir jetzt angelangt sind und der am schwierigsten zu behandeln ist \u2013 er darf deshalb nicht unerw\u00e4hnt bleiben \u2013, ist der einer massiven, brutalen (Re-)Aktion des Besatzers und das Problem eines ad\u00e4quaten Verhaltens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>4.1 Zu erwartende Repressionen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Besatzer, der auf gewaltfreien Widerstand trifft, wird ihn zu brechen versuchen. Zu erwarten sind: Massenverhaftungen, Deportationen, Berufsverbote und Entlassungen, das Einfrieren von Konten und Einstellen von Zahlungen, Geiselnahmen, Folter, in extremen F\u00e4llen Hinrichtungen. Dazu Zerm\u00fcrbungsmethoden: Nahrungsknappheit, K\u00e4lte, Ungewissheit \u00fcber Angeh\u00f6rige, das gezielte Streuen von Ger\u00fcchten \u00fcber angeblichen Verrat in den eigenen Reihen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist m\u00f6glich, dass Repression den Widerstand bricht. Es ist ebenso m\u00f6glich, dass sie ihn verst\u00e4rkt. Historisch ist beides vorgekommen. Welcher Fall eintritt, h\u00e4ngt vor allem davon ab, wie gut vorbereitet, wie breit getragen und wie gut versorgt der Widerstand ist. Und nat\u00fcrlich davon, wie weit der Besatzer \u2013 vor den Augen seiner Landsleute und der Welt\u00f6ffentlichkeit \u2013 zu gehen bereit ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>4.2 Das Opfer-Argument<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Einwand \u201eIhr nehmt in Kauf, dass Menschen sterben\u201c ist zwar berechtigt, aber auch unvollst\u00e4ndig. Denn er wird nur einer Seite gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der milit\u00e4rischen Verteidigung ist das Risiko, zu sterben, selbstverst\u00e4ndliche Voraussetzung. Niemand verlangt von einem Verteidigungsminister die Zusicherung, dass keine Soldaten \u201afallen\u2018. Sobald aber von gewaltfreier Verteidigung die Rede ist, wird das Risiko pl\u00f6tzlich zum entscheidenden Gegenargument. Dieser doppelte Ma\u00dfstab ist der eigentliche Punkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von den Akteuren der Gewaltfreien Sozialen Verteidigung wird mindestens dieselbe Entschlossenheit und derselbe Mut verlangt wie von Soldaten. Ein Unterschied bleibt allerdings. Er ist kein unwesentlicher: <em>Ihre Aktionen bedrohen niemanden. Sie nehmen niemandem das Leben, sie verletzen niemanden.<\/em> Gewaltfrei kann man widerstehen, aber nicht angreifen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein zweiter Unterschied ist dieser: Die Verluste sind, soweit die vergleichende Forschung reicht, erheblich geringer. Im Rahmen des Widerstands in der Tschechoslowakei 1968 verloren 70 Menschen das Leben. Verglichen mit dem, was ein zwischenstaatlicher Krieg an Toten, Verwundeten, Traumatisierten, Zerst\u00f6rung und \u00f6kologischen Sch\u00e4den hinterl\u00e4sst, sind die Kosten des zivilen Widerstands niedrig. Auch wenn sie f\u00fcr die Betroffenen unermesslich sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wer ist schon \u201eIhr\u201c in der Formulierung \u201eIhr nehmt in Kauf \u2026\u201c? Es gibt kein \u201eIhr\u201c im Sinne eines Kollektivs, dem sich der Einzelne zu beugen habe. Es gibt nur lauter einzelne Akteurinnen und Akteure, jede und jeder an ihrem bzw. seinem Platz und jeweils ein Handeln nach eigenem Gutd\u00fcnken. Insofern nimmt jede und jeder nur f\u00fcr sich etwas in Kauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>4.3 Quellen der Kraft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn all das zutrifft, stellt sich die Frage, worauf sich Menschen st\u00fctzen, die so etwas durchhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Teil der Antwort ist organisatorischer Art: Wer wei\u00df, dass seine Familie versorgt wird, h\u00e4lt l\u00e4nger durch. Ein anderer Teil ist sozialer Art: Wer nicht allein ist, h\u00e4lt l\u00e4nger durch. Ein weiterer Teil ist biographischer Natur: Was man ge\u00fcbt hat, kann man abrufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein wesentlicher Teil ist ein ganz pers\u00f6nlicher. Als Mitstreiter Martin Luther Kings vor einer geplanten Demonstration Bedenken \u00e4u\u00dferten, antwortete er, er werde notfalls allein die Stra\u00dfe entlanggehen. Diese Art von Ich-St\u00e4rke ist eine wesentliche Grundlage der gewaltfreien Aktion. Man kann es mit einer Band vergleichen: Ihre Qualit\u00e4t h\u00e4ngt von der Qualit\u00e4t der einzelnen Musikerinnen und Musiker ab. (Zur Spiritualit\u00e4t, die hier eine Rolle spielt, werde ich in einem anderen Buchkapitel Einiges ausf\u00fchren.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>4.4 Gesinnung und Verantwortung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt einen schwerwiegenden und eing\u00e4ngigen Einwand, der gesondert behandelt sein will. Er lautet: Der Gewaltfreie k\u00f6nne sich nur deshalb sauberer H\u00e4nde r\u00fchmen, weil er keine Verantwortung trage. Wer Verantwortung habe, mache sie sich unweigerlich schmutzig. Dahinter steht die bekannte Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie ist im folgenden Fall berechtigt. Wer Gewaltverzicht so versteht, dass er die H\u00e4nde in den Scho\u00df legt und die Dinge laufen l\u00e4sst, kann durchaus Blut an den H\u00e4nden haben \u2013 wenngleich nur mittelbar, durch Unterlassung. Das ist ein ernster Vorwurf, trifft aber eine bestimmte Spielart des Pazifismus zu Recht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er trifft aber nicht die gewaltfreie Aktion. Denn diese verzichtet nicht nur auf Gewalt, sie greift ein \u2013 aktiv, riskant, mit Kosten f\u00fcr die Handelnden. Genau damit zeigt sie, dass politische Verantwortung und moralische Gesinnung sich verbinden lassen. Wer Nichtkooperation organisiert, Parallelstrukturen aufbaut, Verhandlungen vorbereitet und Repression aush\u00e4lt, hat sich der Verantwortung nicht entzogen, sondern tr\u00e4gt sie mit anderen Mitteln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer politische Verantwortung tr\u00e4gt, unterwirft sich von vorneherein Spielregeln, in denen der Griff zur Gewalt vorgesehen ist. Blut an den H\u00e4nden ist dort einkalkuliert, nicht bedauerlicher Betriebsunfall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage ist damit nicht, ob jemand bereit ist, schuldig zu werden \u2013 das sind beide Seiten \u2013, sondern welche Schuld er auf sich nimmt und mit welcher Aussicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbstverst\u00e4ndlich ist auch der gewaltfrei Handelnde verpflichtet, sich der \u00dcberpr\u00fcfung seines Handelns unterziehen zu lassen. Wer alternative Strukturen einf\u00fchrt, muss sich fragen lassen, ob er die Lage der Betroffenen tats\u00e4chlich verbessert oder verschlimmbessert. Reine Absicht entlastet niemanden von der Pflicht, die Folgen zu bedenken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>4.5 Die Grenzen der GSV<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass auch die Gewaltfreie Soziale Verteidigung ihre Grenzen hat, soll nicht verschwiegen werden. Ich z\u00e4hle vier der gravierendsten auf:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(a) der Vernichtungswille<\/em> : Es gibt Gewalt, die keinem Kalk\u00fcl folgt und deshalb durch Verweigerung von Kooperation nicht beeinflussbar ist. Wo ein Regime nicht herrschen, sondern ausl\u00f6schen will, greift die Logik des hohen Aufenthaltspreises ins Leere. Wer die Bev\u00f6lkerung nicht braucht, ist von ihr nicht abh\u00e4ngig. Nanjing, Auschwitz, Kambodscha, Ruanda, die Verfolgung der Jesiden \u2026 in solchen Lagen ist keine Zeit, Hintergr\u00fcnde zu analysieren. Die Gewalt muss sofort gestoppt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn die Autorit\u00e4t einzelner Staaten das nicht vermag, kann die Entscheidung dar\u00fcber nur bei einer Instanz liegen, die \u00fcber den Einzelinteressen steht. Die V\u00f6lkergemeinschaft hat sich daf\u00fcr in den Vereinten Nationen ein Organ geschaffen. Wie ein Polizist hat eine solche Kraft das Verbrechen zu verhindern, nicht den Verbrecher zu t\u00f6ten. Dass dieses System heute schlecht funktioniert, ist ein Argument daf\u00fcr, es zu reparieren, nicht daf\u00fcr, es aufzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wichtiger noch ist der andere Teil dieser Antwort: In solchen F\u00e4llen liegt fast alles bei der Pr\u00e4vention: bei ethischer Bildung, bei f\u00f6deralen Strukturen, bei fr\u00fcher Aufmerksamkeit f\u00fcr die Sprache, die Vernichtung vorbereitet. Wer erst beim Massenmord anf\u00e4ngt zu fragen, was zu tun ist, hat die entscheidende Phase vers\u00e4umt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(b) die Zeit<\/em> : Wo binnen Stunden entschieden wird, wirkt Gewaltfreie Soziale Verteidigung nur ansatzweise. Sie ist ein Instrument der langen Dauer und deshalb nichts f\u00fcr Ungeduldige. Was f\u00fcr Kriege selbstverst\u00e4ndlich gilt \u2013 sie k\u00f6nnen zwar schnell begonnen, aber nur selten kurzfristig beendet werden \u2013, das darf dem Konzept der Gewaltfreien Sozialen Verteidigung nicht minder zugestanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(c) die Abh\u00e4ngigkeit von \u00d6ffentlichkeit<\/em> : Wo ein Besatzer die Kommunikation vollst\u00e4ndig kontrolliert und die Welt sich abwendet, verliert der Widerstand seine wichtigsten Verb\u00fcndeten. Deshalb insistiert die Konzeption hier so sehr auf internationaler Vernetzung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(d) die technischen Formen der Beherrschung<\/em> : Ein Land kann heute erpresst werden, ohne dass ein Soldat es betritt: durch die Kontrolle von Finanzsystemen, Lieferketten, Satellitenkommunikation, digitale Infrastruktur. Auch die formale Annexion durch Dekret ist denkbar. Gegen solche Formen hilft Nichtkooperation nur begrenzt. Hier sind wirtschaftliche und diplomatische Gegenmacht sowie technische Unabh\u00e4ngigkeit gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>4.6 Konsequenzen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Hintergrund der bisherigen \u00dcberlegungen ist die Konzeption nicht zu verwerfen, sondern realistisch zu verorten. Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung ist das aussichtsreichste Mittel gegen den weitaus h\u00e4ufigsten Fall einer Besetzung und Beherrschung eines Landes durch eine fremde Macht, die dieses Land nutzen, kontrollieren oder eingliedern will. F\u00fcr die extremen R\u00e4nder \u2013 Vernichtungsabsicht, V\u00f6lkermord \u2013 braucht es andere, \u00fcberstaatliche Antworten und vor allem Pr\u00e4vention. Kein Verteidigungskonzept deckt alles ab. Das milit\u00e4rische am wenigsten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a> <strong>5. Akteurinnen und Akteure<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Milit\u00e4rische Verteidigung st\u00fctzt sich auf eine schmale Gruppe: gesunde Menschen zwischen achtzehn und vierzig, \u00fcberwiegend m\u00e4nnlich, ausgebildet, uniformiert, kaserniert. Alle anderen sind Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung kehrt dieses Verh\u00e4ltnis um. Sie st\u00fctzt sich auf alle. Wer Verwaltung, Wirtschaft, Bildung und Alltag zum Stillstand bringen will, braucht Menschen an genau diesen Stellen. Das ver\u00e4ndert, wer im Ernstfall z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>5.1 Frauen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es lohnt sich, dies deutlich auszusprechen: In der Geschichte des zivilen Widerstands sind Frauen nicht Randfiguren, sondern h\u00e4ufig die tragende Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die M\u00fctter der Plaza de Mayo, die in Buenos Aires ab 1977 Woche f\u00fcr Woche mit wei\u00dfen T\u00fcchern um den Platz gingen und nach ihren verschwundenen Kindern fragten, waren zun\u00e4chst eine Handvoll \u00e4lterer Frauen. Dennoch wurde ihr Handeln zu einer un\u00fcbersehbaren Anklage gegen eine Milit\u00e4rdiktatur, die Zehntausende hatte verschwinden lassen. In Liberia brachten Frauen unterschiedlicher Religion durch beharrliche Pr\u00e4senz, Sitzstreiks und die Weigerung, die Verhandlungsr\u00e4ume zu verlassen, einen Friedensprozess zustande, an dem Diplomaten gescheitert waren. In Belarus wurden 2020 die Frauenketten in Wei\u00df zum Bild einer Bewegung, deren m\u00e4nnliche F\u00fchrung inhaftiert war. Aus Argentinien, Chile, Guatemala, den Philippinen und dem Nordirland-Konflikt kennen wir Vergleichbares.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daf\u00fcr gibt es strukturelle Gr\u00fcnde. Erstens sind Frauen in den Bereichen \u00fcberrepr\u00e4sentiert, auf die eine Besatzung angewiesen ist: Bildung, Gesundheit, Verwaltung, Versorgung, Pflege. Zweitens verf\u00fcgen sie in vielen Gesellschaften \u00fcber die dichteren Alltagsnetzwerke \u2013 ein wesentliches Element des zivilen Widerstands. Drittens ist die Repression gegen Frauen politisch teurer: Bilder von Soldaten, die auf M\u00fctter einpr\u00fcgeln, wirken anders als Bilder von Stra\u00dfenk\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der letzte Punkt benennt die bittere Kehrseite. Frauen sind in Kriegen und Besatzungssituationen in besonderer Weise gef\u00e4hrdet. Sexualisierte Gewalt geh\u00f6rt zum systematisch eingesetzten Repertoire. Wer eine Bev\u00f6lkerung auf zivilen Widerstand vorbereitet, muss diesen Punkt ausdr\u00fccklich mitbedenken und dabei Schutzverabredungen, Begleitung, Meldewege, Dokumentation und Nachsorge planen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich: Wer Frauen im Widerstand die Hauptlast tragen l\u00e4sst, ihnen aber weder Entscheidungsbefugnis noch Sichtbarkeit zugesteht, wiederholt im Widerstand die Ungleichheit, die er au\u00dferhalb bek\u00e4mpft. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch strategisch kontraproduktiv.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>5.2 Junge Menschen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jugend ist in fast allen dokumentierten F\u00e4llen der Motor gewesen: die Studenten in Prag, in Belgrad, in Kairo, die Sch\u00fclerinnen in Soweto, die jungen Leute in Leipzig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Junge Menschen haben Zeit, Netzwerke, Beweglichkeit, Humor und ein besseres Gesp\u00fcr f\u00fcr Symbole und \u00d6ffentlichkeit als jede Beh\u00f6rde. Ihre Schw\u00e4che ist die Ungeduld und die Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr den Gedanken, dass es schneller ginge, wenn man doch zu h\u00e4rteren Mitteln griffe. Genau hier ist Ausbildung entscheidend: Wer verstanden hat, warum ein einziger geworfener Stein die Fraktionierungsarbeit von Monaten zunichtemacht, wirft ihn nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es lohnt sich, die Perspektive noch einmal zu drehen: Junge Menschen treten weltweit in Armeen ein, um ihr Land oder ein fremdes zu befreien. Dass sie stattdessen in einen Friedensdienst eintreten \u2013 nicht um f\u00fcr eine Seite zu k\u00e4mpfen, sondern um zwischen den Seiten zu handeln \u2013, ist kein Niederleveln des Anspruchs. Es setzt eine andere Form desselben Mutes voraus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a><a><\/a> <strong>5.3 Alte Menschen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann sind da diejenigen, die in milit\u00e4rischen Verteidigungskonzepten \u00fcberhaupt nicht vorkommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alte Menschen sind f\u00fcr den zivilen Widerstand von erheblichem Wert. Sie haben Zeit. Sie sind schwer zu erpressen. Wer keine Karriere mehr zu verlieren hat, ist schwer unter Druck zu setzen. Sie verf\u00fcgen \u00fcber Erfahrung und h\u00e4ufig \u00fcber Autorit\u00e4t in ihrem Umfeld. Und Repression gegen sie ist f\u00fcr den Besatzer besonders kostspielig. Es gibt kaum ein Bild, das im Land B und in der Welt\u00f6ffentlichkeit gr\u00f6\u00dferen Schaden anrichtet als das einer Achtzigj\u00e4hrigen, die abgef\u00fchrt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dasselbe gilt f\u00fcr Menschen mit k\u00f6rperlichen oder geistigen Beeintr\u00e4chtigungen, deren Beteiligungsm\u00f6glichkeiten regelm\u00e4\u00dfig untersch\u00e4tzt werden. Wer mit einem Spasmus an einer Rezeption sitzt, kann eine Verwaltung ebenso wirkungsvoll aufhalten wie jeder andere. Wer mit seinem Rollstuhl den Verkehr behindert oder blockiert, k\u00e4mpft nicht weniger eindrucksvoll und effizient als der Soldat, der Vergleichbares mit milit\u00e4rischen Instrumentarien bewerkstelligt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><\/a> <strong>5.4 Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung ist die einzige Verteidigungsform, an der sich eine ganze Gesellschaft beteiligen kann \u2013 vom Kind, das in der Landessprache singt, bis zur Hochbetagten, die den Besatzern Fragen stellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist kein Nebenaspekt. Es ist der Grund, warum sie \u00fcberhaupt funktionieren kann. Und es ist der Grund, warum ihre Vorbereitung nicht in Kasernen stattfindet, sondern in Schulen, Betrieben, Gemeinden, Vereinen und Wohnzimmern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Buchhinweis (Quelle des Kapitelauszuges):<br \/><strong>Egon Spiegel:<\/strong> <em><strong>Gewaltfreie Soziale Verteidigung<\/strong><\/em>. (Reihe : edition pace). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6967-6472-2; Paperback; 304 Seiten; 14,99 \u20ac).<br \/><a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/gewaltfreie-soziale-verteidigung-egon-spiegel-9783696764722\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/buchshop.bod.de\/gewaltfreie-soziale-verteidigung-egon-spiegel-9783696764722<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Verfasser: <strong>Egon Spiegel<\/strong>, Prof. Dr. theol. habil. Prof. h. c., Diplomtheologe, Diplompolitologe, ausgebildeter Pastoralreferent, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Praktische Theologie an der Universit\u00e4t Vechta, gegenw\u00e4rtig Advisory Professor am UNESCO-Lehrstuhl f\u00fcr Peace Studies der Nanjing University in Nanjing\/China, diverse Lehrauftr\u00e4ge und Gastprofessuren, international vielf\u00e4ltig vernetzt, zahlreiche friedenswissenschaftliche Publikationen. \u2013 Website: <a href=\"http:\/\/www.egon-spiegel.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.egon-spiegel.net<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harte Fragen der Gewaltfreien Soziale Verteidigung Buchhinweis (Quelle des Kapitelauszuges):Egon Spiegel: Gewaltfreie Soziale Verteidigung. (Reihe : edition pace). Hamburg: BoD 2026. 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