{"id":64547,"date":"2026-08-13T16:42:41","date_gmt":"2026-08-13T14:42:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=64547"},"modified":"2026-08-13T16:42:41","modified_gmt":"2026-08-13T14:42:41","slug":"von-hexen-und-koetten-juden-und-spaghettifressern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/von-hexen-und-koetten-juden-und-spaghettifressern\/","title":{"rendered":"Von Hexen und \u201eK\u00f6tten\u201c, Juden und \u201eSpaghettifressern\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein neues Sauerland-Buch von Werner Neuhaus \u00fcber \u201eAu\u00dfenseiter und Minderheiten im Raum Sundern von der Fr\u00fchen Neuzeit bis heute\u201c<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"643\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/02-Umschlag_Minderheiten_Sundern-643x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-64548\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/02-Umschlag_Minderheiten_Sundern-643x1024.jpg 643w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/02-Umschlag_Minderheiten_Sundern-188x300.jpg 188w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/02-Umschlag_Minderheiten_Sundern-768x1223.jpg 768w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/02-Umschlag_Minderheiten_Sundern-964x1536.jpg 964w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/02-Umschlag_Minderheiten_Sundern-1286x2048.jpg 1286w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/02-Umschlag_Minderheiten_Sundern-1200x1911.jpg 1200w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/02-Umschlag_Minderheiten_Sundern.jpg 1594w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p><br \/>Werner Neuhaus:<br \/><em><strong>Von Hexen und \u201eK\u00f6tten\u201c, Juden und \u201eSpaghettifressern\u201c.<\/strong><\/em><br \/><strong>Au\u00dfenseiter und Minderheiten im Raum Sundern von der Fr\u00fchen Neuzeit bis heute<\/strong><br \/>. (= edition leutekirche sauerland, Band 29). Norderstedt: BoD 2026.<br \/>(ISBN: 978-3-6967-0976-1; Paperback 196 Seiten; 11,99 Euro).<br \/>Verlagsseite:<br \/><a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/von-hexen-und-koetten-juden-und-spaghettifressern-werner-neuhaus-9783696709761\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/buchshop.bod.de\/von-hexen-und-koetten-juden-und-spaghettifressern-werner-neuhaus-9783696709761<\/a><br \/><br \/>Unter Angabe der ISBN \u00fcberall im nahen Buchhandel bestellbar.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mit dem soeben erschienenen Band <em>\u201eVon Hexen und \u201aK\u00f6tten\u2018, Juden und \u201aSpaghettifressern\u2018\u201e<\/em> wird in der \u201eedition <em>leutekirche sauerland<\/em>\u201c die Sammlung regionalgeschichtlicher Beitr\u00e4ge des Historikers Werner Neuhaus fortgef\u00fchrt.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(Gastbeitrag: Redaktion der \u201eedition leutekirche sauerland\u201c)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sechs Aufs\u00e4tze beleuchten die Geschichte verschiedener Minderheiten in Sundern im k\u00f6lnischen Sauerland. Dabei kommen v\u00f6llig unterschiedliche Gesellschaftsgruppen in den Blick, deren gemeinsamer Nenner darin bestand, dass sie im Laufe von vier Jahrhunderten zu ihrer Zeit Au\u00dfenseiter waren, die von der lokalen Mehrheitsgesellschaft und deren Eliten h\u00e4ufig durch Vorurteile benachteiligt und diskriminiert, manchmal auch bedroht und verfolgt wurden.<br \/><br \/>Ob vermeintliche Hexen oder Juden, jenische Ansiedler, sozialdemokratische Gewerkschafter, ostdeutsche Heimatvertriebene oder italienische \u201eGastarbeiter\u201c: Auf Unwissenheit und Vorurteilen beruhende Ablehnung von Minderheiten bedrohten, verz\u00f6gerten oder verhinderten die gesellschaftliche Integration diverser Randgruppen. Heute sind wir dazu aufgerufen, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Inhalts\u00fcbersicht:<br \/><\/strong><br \/><strong>I.<\/strong> Hexenprozesse im Amt Balve in der ersten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen auf das Gebiet der heutigen Stadt Sundern<br \/><strong>II.<\/strong> Die \u201eK\u00f6tten\u201c von Holzen und der Oelinghauser Heide im 19. Jahrhundert<br \/><strong>III.<\/strong> Zur Geschichte der Juden im Raum Sundern im langen 19. Jahrhundert<br \/><strong>IV.<\/strong> Zur Geschichte von Arbeiterbewegung und SPD in Sundern<br \/><strong>V.<\/strong> \u201ePolacken\u201c und \u201eRucksackdeutsche\u201c: Kriegsfl\u00fcchtlinge und Heimatvertriebene im Raum Sundern nach dem Zweiten Weltkrieg<br \/><strong>VI.<\/strong> Von \u201eSpaghettifressern\u201c zu Mitb\u00fcrgern. Zur Geschichte italienischer \u201eGastarbeiter\u201c in Sundern \u2013 Ein Problemaufriss<br \/><br \/><strong>Leseprobe aus dem Vorwort des neuen Bandes<br \/><br \/><\/strong>Noch unter dem Eindruck des von Hitlers Rassenwahn ausgel\u00f6sten Zweiten Weltkrieges verfasste der Schriftsteller Carl Zuckmayer das Drama <em>Des Teufels General. <\/em>In der im Folgenden zitierten Textstelle handelt es sich um die Antwort, die General Harras einem j\u00fcdischen Leutnant gibt, der ihn wegen Problemen mit seinem \u201eAriernachweis\u201c angesprochen hatte. Dabei erl\u00e4utert der General seinem rheinischen Landsmann ihren gemeinsamen \u201aStammbaum\u2018:<br \/><br \/>\u201e[\u2026] <em>Jetzt stellen Sie sich doch mal ihre Ahnenreihe vor \u2013 seit Christi Geburt. Da war ein r\u00f6mischer Feldhauptmann, ein schwar\u00adzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden M\u00e4dchen Latein beigebracht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Und dann kam ein j\u00fcdischer Gew\u00fcrzh\u00e4ndler in die Familie<\/em> [\u2026]<br \/><em>Der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begr\u00fcndet.<br \/>Und dann kam ein griechischer Arzt dazu,<br \/>oder ein keltischer Legion\u00e4r,<br \/>ein Graub\u00fcndner Landsknecht,<br \/>ein schwedischer Reiter,<br \/>ein Soldat Napoleons,<br \/>ein desertierter Kosak,<br \/>ein Schwarzw\u00e4lder Fl\u00f6zer,<br \/>ein wandernder M\u00fcllerbursch vom Elsass, ein dicker Schiffer aus Holland,<br \/>ein Magyar, ein Pandur,<br \/>ein Offizier aus Wien, ein franz\u00f6sischer Schauspieler,<br \/>ein b\u00f6hmischer Musikant \u2013 das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt und \u2013<br \/>und der Goethe, der kam aus demselben Topf,<br \/>der Beethoven<br \/>und der Gutenberg,<br \/>und der Matthias Gr\u00fcnewald<br \/>und \u2013 ach was, schau im Lexikon nach.<br \/>Es waren die Besten, mein Lieber!<br \/>Die Besten der Welt!<br \/>Und warum?<br \/>Weil sich die V\u00f6lker dort vermischt haben.<br \/>Vermischt wie das Wasser aus Quellen und B\u00e4chen und Fl\u00fcssen, damit sie zu einem gro\u00dfen, lebendigen Strom zusammenrinnen<\/em>. [\u2026]\u201c<br \/><br \/>Was der Dramatiker Zuckmayer, der selbst vor der Verfolgung durch die Nazis zur Emigration gezwungen worden war, hier ausdr\u00fcckt, ist inzwischen durch moderne Forschungsergebnisse aus Arch\u00e4ologie, Ethnologie, Pal\u00e4ontologie, Genetik sowie Ur- und Fr\u00fchgeschichte vielfach best\u00e4tigt worden: Es gibt keine ethnisch \u201ereinen\u201c, \u201eunvermischten\u201c Gro\u00dfgruppen, St\u00e4mme, Rassen oder V\u00f6lker. Dies gilt nicht nur f\u00fcr das Rheinland, wo der namenspendende Strom als Verkehrsachse und Grenze h\u00e4ufig f\u00fcr Begegnung, Handel, Kontakte, politischen Wandel, milit\u00e4rische Besetzung und Vermischung mit anderen Ethnien, politischen Systemen, Religionen und Kulturen sorgte, sondern in einem geringeren Ausma\u00df auch f\u00fcr verschiedene Teile Westfalens. Auch dort f\u00fchrten im Laufe der Zeit wandelnde instabile milit\u00e4rische Zusammenschl\u00fcsse, nomadisierende Stammesgruppen und b\u00e4uerliche Siedlungsverb\u00e4nde, religi\u00f6se Sekten, adelige Eliten und wandernde H\u00e4ndler zu einer unterschiedlichen ethnischen Zusammensetzung, was zur Bildung fluider und sich h\u00e4ufig \u00e4ndernder milit\u00e4risch-machtpolitischer, sozio\u00f6konomischer und ethnisch-kulturell vielgestaltiger Verh\u00e4ltnisse f\u00fchrte.<br \/><br \/>Was f\u00fcr das von verschiedenen Ethnien besiedelte und daher von Zuckmayer als \u201eV\u00f6lkerm\u00fchle Europas\u201c bezeichnete Rheinland gilt, hat daher ebenso \u2013 wenn auch in geringerem Ausma\u00df \u2013 f\u00fcr die Ackerb\u00fcrgerst\u00e4dte und D\u00f6rfer des abgelegenen Sauerlandes in der Neuzeit seine Berechtigung. Auch dort hat es die homogene \u201eStadtgemeinde\u201c oder romantisch verkl\u00e4rte \u201eDorfgemeinschaft\u201c als rechtliche und soziale Organisation <em>gleichberechtigter <\/em>B\u00fcrger \u2013 f\u00fcr Frauen gab und gibt es bis in die Gegenwart keine alle Lebensbereiche umfassende Gleichberechtigung \u2013 nicht gegeben. Wahrscheinlich lassen sich f\u00fcr jede gr\u00f6\u00dfere Gemeinde f\u00fcr bestimmte Zeitr\u00e4ume nach ethnischer bzw. landsmannschaftlicher Herkunft, \u00f6konomischer Macht, sozialer Stellung, kulturellem Habitus, religi\u00f6ser \u00dcberzeugung, k\u00f6rperlichen Eigenschaften oder sexueller Orientierung unterschiedlich berechtigte Gruppen und Individuen ausmachen.<br \/><br \/>Diese allgemeine Feststellung l\u00e4sst sich auch f\u00fcr den Raum Sundern von der Fr\u00fchen Neuzeit bis zur Gegenwart anhand ausgew\u00e4hlter Beispiele belegen. Dabei werden hier f\u00fcr bestimmte Zeitr\u00e4ume Mitglieder unterschiedlicher sozialer, religi\u00f6ser, politischer oder nationaler Minderheiten, die f\u00fcr eine gewisse Zeit von der etablierten Mehrheitsgesellschaft aus verschiedenen Gr\u00fcnden skeptisch betrachtet, abgelehnt, diskriminiert oder verfolgt wurden, in den Blick genommen. Es sind dabei nicht <em>einzelne<\/em> \u201eOriginale\u201c, \u201eQuerdenker\u201c oder \u201eSonderlinge\u201c, die h\u00e4ufig am Rande d\u00f6rflicher oder kleinst\u00e4dtischer Gesellschaften mehr schlecht als recht lebten, sondern <em>gesellschaftliche Minderheiten<\/em>, die aus \u00f6konomischen, sozialen, politischen, religi\u00f6sen oder kulturellen Gr\u00fcnden benachteiligt, diskreditiert, ausgegrenzt, schikaniert, bek\u00e4mpft &#8211; und manchmal auch ermordet wurden.<br \/><br \/>Diese sozialen Gruppierungen variierten nach Zeit und Gr\u00f6\u00dfe, ihre Mitglieder waren, wie einige vermeintliche Hexen und Zauberer im 16. und 17. Jahrhundert, zun\u00e4chst manchmal akzeptierte Teile der Mehrheitsgesellschaft gewesen und erst zu bestimmten Krisenzeiten, z.\u00a0B. w\u00e4hrend des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges oder bedingt durch Klimakapriolen, Missernten und\/oder Epidemien ins Visier ihrer Dorfgenossen geraten, die S\u00fcndenb\u00f6cke f\u00fcr in ihren Augen anderweitig nicht zu erkl\u00e4rende Probleme suchten (Buchkapitel I).<br \/><br \/>Dagegen wurden im 19. Jahrhundert vagierende soziale Gruppen wie Roma, Sinti oder Jenische, die im Sauerland manchmal f\u00e4lschlicherweise unter den abwertenden Begriffen \u201eZigeuner\u201c oder \u201eK\u00f6tten\u201c zusammengefasst wurden, wegen ihrer abweichenden Lebens- und Arbeitsweise sowie divergierender Vorstellungen \u00fcber \u201eAnstand, Sitte und Moral\u201c von der sie umgebenden Mehrheitsge\u00adsell\u00adschaft, die in Bauernschaften, D\u00f6rfern oder Kleinst\u00e4dten eine feste Wohnung hatten, prinzipiell angefeindet. Diese allgemeine Diskriminierung wurde noch einmal intensiviert, wenn Mitglieder dieser Minderheit Grundst\u00fccke erwerben und sich am Rande eines Dorfes niederlassen wollten, was mitunter gewaltsame Exzesse gegen die Fremdlinge zur Folge hatte (Buchkapitel II).<br \/><br \/>Anderen, wie z.\u00a0B. den bis dahin im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr akzeptierten und gesellschaftlich integrierten j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrgern, wurde in den Ausnahmezeiten zwischen dem Beginn der Weltwirtschaftskrise (1929) und dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein vermeintlich <em>rassisch<\/em> bedingtes gemeinschaftssch\u00e4digendes Verhalten zugeschrieben. Dabei wurden Vorw\u00fcrfe reaktiviert, die sich seit Jahrhunderten in der christlichen Mehrheitsgesellschaft gegen die Juden entwickelt und in unterschiedlicher Intensit\u00e4t unterschwellig gehalten hatten. Diese l\u00e4ngst \u00fcberwunden geglaubten Vorurteile dienten dann als Vorwand f\u00fcr Diskriminierung, Ausgrenzung und letztendlich die Ermordung der Mitglieder dieser Minderheit (Buchkapitel III).<br \/><br \/>Einige ansonsten gesellschaftlich integrierte Mitb\u00fcrger hatten zu Beginn der Weimarer Republik dagegen nur eine punktuell von der politisch, wirtschaftlich und kulturell tonangebenden Schicht ihres Ortes erw\u00fcnschten Ausrichtung abweichende, wenn auch v\u00f6llig legale <em>politische<\/em> \u00dcberzeugung: Sie wollten nicht ihre Mitgliedschaft in einer der SPD nahestehenden Gewerkschaft aufgeben, da dieser Schritt finanzielle Nachteile f\u00fcr sie mit sich gebracht h\u00e4tte. Aber dieses Beharren war hinreichend f\u00fcr eine speziell in der krisengesch\u00fcttelten Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges besonders intensive Ablehnung. Selbst noch Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Sozialdemokratie sowie ihr nahestehende Gewerkschaften und Betriebsr\u00e4te im katholischen Sauerland unter Generalverdacht mancher Mitglieder lokaler wirtschaftlicher, kultureller und politischer Eliten (Buchkapitel IV).<br \/><br \/>Auch die nach dem verlorenen Weltkrieg in die westlichen Besatzungszonen str\u00f6menden Fl\u00fcchtlinge und Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten wurden zun\u00e4chst von den Sunderner Einheimischen vielfach skeptisch beobachtet, selbst wenn sich dieses Misstrauen gegen\u00fcber den \u201eBr\u00fcdern und Schwestern aus dem Osten\u201c mit der Zeit legte. Bei diesem Integrationsprozess spielten die nachlassende Bedeutung religi\u00f6ser Faktoren sowie vor allen Dingen die \u00f6konomischen und sozialen Aufstiegschancen der Wirtschaftswunderjahre eine entscheidende Rolle (Buchkapitel V).<br \/><br \/>Dieser noch nie dagewesene Wirtschaftsaufschwung war auch die Ursache f\u00fcr die Ankunft anderer Minderheiten ab Mitte der 1950er Jahre in Sundern, als ausl\u00e4ndische Arbeitsmigranten nach Deutschland gerufen wurden und dieser Einladung folgten. Auch diese stetig steigende Anzahl von \u201eGastarbeitern\u201c wurde von der Mehrheitsgesellschaft vor Ort zun\u00e4chst nicht nur mit offenen Armen willkommen gehei\u00dfen. F\u00fcr Sundern \u00fcbernahmen hier Arbeit suchende Italiener vornehmlich aus dem s\u00fcditalienischen <em>Mezzogiorno<\/em> zeitlich und zahlenm\u00e4\u00dfig eine Vorreiterrolle, so dass hier ihre sich im Laufe der Zeit wandelnden Selbstverst\u00e4ndnisse sowie einige sich manchmal \u00fcber Jahrzehnte haltende wirtschaftliche, soziale und kulturelle Probleme n\u00e4her analysiert werden (Buchkapitel VI).<br \/><br \/>Auf <em>ein<\/em> Ergebnis der Migrations-, Minderheiten- und Fl\u00fcchtlingsforschung m\u00f6chte ich wegen seiner Bedeutung f\u00fcr die Behandlung von Minderheiten und Au\u00dfenseitern zu allen hier in den Blick genommenen Zeitr\u00e4umen zum Abschluss dieses Vorwortes besonders hinweisen: Anhand aller hier untersuchten Beispiele l\u00e4sst sich belegen, dass Mitglieder von migrantischen Gruppen, ethnischen und religi\u00f6sen Minderheiten sowie politisch-kulturellen Au\u00dfenseitern besonders zu milit\u00e4rischen, wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen <em>Krisen- und Umbruchzeiten<\/em> als \u201eBoten des Ungl\u00fccks\u201c (Bertolt Brecht) angesehen und ausgegrenzt werden. Daher werden gerade in diesen schwierigen Zeiten sich beschleunigender Umbr\u00fcche in Technologie und Medien, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft soziale Minderheiten von Vertretern einer sich als legitimer Mehrheit verstehenden, aber \u00fcberforderten und frustrierten Mehrheitsbev\u00f6lkerung, die auf Beibehaltung ihrer tief eingeschliffenen traditionalen Sicht-, Denk- und Sprechweisen \u2013 aber auch ihrer \u00fcberkommenen rechtlichen und sozio\u00f6konomischen Privilegien \u2013 besteht, immer rigider abgelehnt. Diese von kulturellen Verlust\u00e4ngsten und sozialen Kr\u00e4nkungen gespeisten Gef\u00fchle k\u00f6nnen zu einer dumpfen Verunsicherung beitragen, die sich in verschiedenen Bereichen des privaten und \u00f6ffentlichen Lebens ausbreitet. Dies kann dann im politischen Raum zum Aufstieg nationalistisch-autorit\u00e4rer Ideologien, Parteien und manchmal auch Regierungen f\u00fchren, deren Ziele u.\u00a0a. im forcierten R\u00fcckbau von liberaldemokratischen, kulturell tolerant-offenen, auf Minderheitenschutz bedachten politischen Errungenschaften bestehen. Wenn nicht alles t\u00e4uscht, machen wir seit einigen Jahren auch in Deutschland, vielen Staaten Europas und in den USA diese Erfahrung erneut. Nat\u00fcrlich ist es richtig, dass sich Geschichte nicht eins zu eins wiederholt, aber historisches Wissen kann uns helfen, in der Vergangenheit gemachte Fehler in der Gegenwart zu erkennen und so zur sozialen, politischen und kulturellen Sensibilisierung f\u00fcr heutige Probleme beitragen.<br \/><br \/><strong>\u00dcber den Autor:<\/strong><br \/><br \/>Werner Neuhaus (geb. 1947), Studium der Anglistik und Geschichte in M\u00fcnster und Sheffield, von 1976 bis 2009 Lehrer am St\u00e4dtischen Gymnasium Sundern. In Ver\u00f6ffentlichungen zur Sozial- und Kulturgeschichte des Sauerlandes im 19. und 20. Jahrhundert untersucht er u.a. die Revolution von 1848, die nationalistische Aufladung des katholischen Milieus nach 1900, die sogenannte Heimatfront und das Los der Kriegsgefangenen im Sauerland w\u00e4hrend des 1. Weltkrieges sowie regionale Erscheinungen der v\u00f6lkischen Bewegung zur Zeit der Weimarer Republik. \u2013 <em>Buchver\u00f6ffentlichungen<\/em> (Auswahl): \u201eArmut \u2013 Auswanderung \u2013 Aufruhr. Studien zur Sozialgeschichte des Sauerlandes\u201c (2019); \u201eBelgische Zwangsarbeiter im Kriegsgefangenenlager Meschede im Ersten Weltkrieg\u201c (2020); \u201eAugust Pieper und das Dritte Reich. Ein katholischer Ann\u00e4herungsweg hin zum Nationalsozialismus\u201c (2021); \u201eAm Anfang war der Hass \u2013 der Weg des katholischen Priesters und Nationalsozialisten Lorenz Pieper\u201c (2022, Mitherausgeber zus. mit Peter B\u00fcrger); \u201eL\u00e4ndliche Gesellschaft, versp\u00e4tete Industrialisierung und katholischer Klerus \u2013 Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Religion in Sundern\/Sauerland im 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert\u201c (2022); \u201eIsoliert oder integriert? Studien zur Geschichte von Juden und Antisemitismus in Sundern (Sauerland) im langen 19. Jahrhundert\u201c (2024); Au\u00dfenseiter und Minderheiten im Raum Sundern von der Fr\u00fchen Neuzeit bis heute (2026).<br \/><br \/><strong>Gesamt\u00fcbersicht zur Reihe:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div data-wp-interactive=\"core\/file\" class=\"wp-block-file\"><object data-wp-bind--hidden=\"!state.hasPdfPreview\" hidden class=\"wp-block-file__embed\" data=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/03-UeBERSICHT-edition-leutekirche-sauerland-2026.pdf\" type=\"application\/pdf\" style=\"width:100%;height:600px\" aria-label=\"Einbettung von \u00dcBERSICHT edition leutekirche sauerland.\"><\/object><a id=\"wp-block-file--media-cbae6603-aaaf-4b62-923c-5301e2cab60c\" href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/03-UeBERSICHT-edition-leutekirche-sauerland-2026.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00dcBERSICHT edition leutekirche sauerland<\/a><a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/03-UeBERSICHT-edition-leutekirche-sauerland-2026.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-cbae6603-aaaf-4b62-923c-5301e2cab60c\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neues Sauerland-Buch von Werner Neuhaus \u00fcber \u201eAu\u00dfenseiter und Minderheiten im Raum Sundern von der Fr\u00fchen Neuzeit bis heute\u201c Werner Neuhaus:Von Hexen und \u201eK\u00f6tten\u201c, Juden und \u201eSpaghettifressern\u201c.Au\u00dfenseiter und Minderheiten im &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/von-hexen-und-koetten-juden-und-spaghettifressern\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eVon Hexen und \u201eK\u00f6tten\u201c, Juden und \u201eSpaghettifressern\u201c\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8668,218,6658,319,303,80,8669,4761],"tags":[2541,1823,455,886,4796],"class_list":["post-64547","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antisemitismus","category-bucher","category-fluechtlinge","category-geschichte","category-in-unserem-briefkasten","category-lokales","category-rassismus","category-soziales","tag-hexenverfolgung","tag-juden","tag-sauerland","tag-sundern","tag-werner-neuhaus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64547","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64547"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64547\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64551,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64547\/revisions\/64551"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}