{"id":62936,"date":"2026-01-20T17:01:24","date_gmt":"2026-01-20T16:01:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=62936"},"modified":"2026-01-20T17:01:24","modified_gmt":"2026-01-20T16:01:24","slug":"kluge-kaufleute-bauen-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/kluge-kaufleute-bauen-vor\/","title":{"rendered":"Kluge Kaufleute bauen vor"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Warum die Wirtschaft Umweltbelange nicht ignorieren darf<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/20260120HelmholtzLeipzig.jpg\" target=\"_blank\" rel=\" noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"999\" height=\"666\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/20260120HelmholtzLeipzig.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-62937\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/20260120HelmholtzLeipzig.jpg 999w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/20260120HelmholtzLeipzig-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/20260120HelmholtzLeipzig-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Blick auf das Forschungsgel\u00e4nde des UFZ am Forschungsstandort in Leipzig. (Bild: Andr\u00e9 K\u00fcnzelmann \/ UFZ)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der aktuelle Global Risks Report, den das Weltwirtschaftsform am 14. Januar ver\u00f6ffentlicht hat, analysiert globale Risiken anhand verschiedener Zeitr\u00e4ume, um Entscheidungstr\u00e4gern dabei zu helfen, aktuelle Krisen und l\u00e4ngerfristige Priorit\u00e4ten gegeneinander abzuw\u00e4gen. Er zeigt, dass &#8222;Extremwetter&#8220;, &#8222;Artensterben&#8220; und &#8222;kritische Ver\u00e4nderungen der Erdsysteme&#8220; langfristig \u00fcber die n\u00e4chsten 10 Jahre als gr\u00f6\u00dfte Gefahren f\u00fcr die Welt angesehen werden. Doch im Ranking f\u00fcr die n\u00e4chsten 2 Jahre sind genau diese Umweltgefahren nach hinten gerutscht: &#8222;kritische Ver\u00e4nderungen der Erdsysteme&#8220; um 7 Pl\u00e4tze, &#8222;Biodiversit\u00e4tsverlust&#8220; um 5 Pl\u00e4tze, &#8222;Umweltverschmutzung&#8220; um 3 Pl\u00e4tze. Verdr\u00e4ngt wurden sie wenig \u00fcberraschend von geopolitischen, aber auch wirtschaftlichen Risiken wie &#8222;Inflation&#8220; oder &#8222;Rezession&#8220;. Diese Priorit\u00e4tensetzung Richtung Wirtschaft ist zu kurzfristig gedacht, scheibt Prof. Katrin B\u00f6hning-Gaese in ihrem Statement. Die Umwelt nicht zu beachten, erh\u00f6he vielleicht jetzt die Gewinne, langfristig steige jedoch das unternehmerische Risiko.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(Pressemitteilung UFZ)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutschlands Wirtschaft schw\u00e4chelt. Gr\u00fcnde gibt es daf\u00fcr viele: Ein tiefgreifender Strukturwandel in der Automobilbranche, geopolitische Verschiebungen und neue Z\u00f6lle \u2013 das sind einige der Faktoren, mit denen deutsche Firmen zu k\u00e4mpfen haben. Entsprechend steht die Wirtschaft derzeit besonders im Fokus. Daran ist nichts auszusetzen. Allerdings d\u00fcrfen dar\u00fcber die Themen Umwelt, Natur und Nachhaltigkeit nicht aus dem Blick geraten. Genau diese Gefahr besteht aber, denn es ist verf\u00fchrerisch, in einen &#8222;First-things-first&#8220;-Modus zu verfallen, das eine als Pflicht, das andere als K\u00fcr zu betrachten. Nach dem Motto: L\u00e4uft die Wirtschaft erst wieder, dann k\u00fcmmern wir uns um die Umwelt. Genau diese Haltung scheint sich in wachsenden Teil von Wirtschaft, Politik und, wie aus Umfragen hervorgeht, auch der Gesellschaft festzusetzen. Ist das wirklich klug?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wirtschaft ist kein eigener, abgeschlossener Bereich, arbeitet nicht auf einem eigenen Planeten. Vielmehr ist gerade sie auf eine gesunde Umwelt angewiesen, auf funktionierende \u00d6kosysteme, sauberes Wasser, reichhaltige B\u00f6den, tolerierbares Klima. Das ist leicht zu \u00fcbersehen, denn die derzeitigen Umweltver\u00e4nderungen geschehen \u00fcberwiegend schleichend. Besonders die biologische Vielfalt verschwindet eher im Stillen, fast unmerklich f\u00fcr uns Menschen \u2013 ob bei Pflanzen oder V\u00f6geln, S\u00e4ugetieren oder Insekten. Die Folgen des Klimawandels nehmen wir zwar mittlerweile st\u00e4rker wahr \u2013 die Waldbr\u00e4nde in Sachsen und Brandenburg, die \u00dcberflutungen in Texas, die h\u00f6heren Temperaturen in Skandinavien. Aber schon ein paar verregnete Sommerwochen dr\u00e4ngen das Problem wieder in den Hintergrund. Die 11 Jahre von 2015 bis 2025 waren nach Angaben der Weltorganisation f\u00fcr Meteorologie die 11 w\u00e4rmsten in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen. Damit l\u00e4sst sich das Klima-Ziel von Paris, nicht mehr als 1,5 Grad Erw\u00e4rmung im weltweiten Durchschnitt zuzulassen, aller Voraussicht nach nicht mehr erreichen. Das bedeutet: Ob wir uns damit besch\u00e4ftigen m\u00f6gen oder nicht \u2013 der Verlust an Biodiversit\u00e4t und der Klimawandel schreiten ungebrochen voran.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wirtschaft h\u00e4ngt an der Natur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Wirtschaft ist eine gesunde Umwelt von gro\u00dfer Bedeutung. Nach Angaben des Weltwirtschaftsforums (WEF) h\u00e4ngt mehr als die H\u00e4lfte des globalen Bruttosozialprodukts, rund 44 Billionen US-Dollar, in irgendeiner Form von der Natur ab. Auch einer Studie der Europ\u00e4ischen Zentralbank zufolge sind gut zwei Drittel der europ\u00e4ischen Firmen au\u00dferhalb des Finanzsektors in hohem Ma\u00df auf Leistungen der \u00d6kosysteme angewiesen. Bei zunehmendem Niedergang der Natur h\u00e4tten sie mit &#8222;kritischen wirtschaftlichen Problemen&#8220; zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Umgekehrt gilt: Innovative Umwelttechnologien sind Zukunftstechnologien. Wer jetzt gute Ideen hat, investiert und Ehrgeiz entwickelt, kann Marktanteile erobern oder sogar Markf\u00fchrer werden. Umweltschutz ist ein Wachstumsmarkt. Einer Studie des WEF und der Boston Consulting Group (BCG) zufolge hat sich die Umwelttechnologie in den vergangenen Jahren weltweit zu einer rasch wachsenden Boombranche entwickelt. Im Jahr 2024 \u00fcberschritt der globale Umsatz die Schwelle von f\u00fcnf Billionen Dollar. Im vergangenen Jahrzehnt sei die Umwelttechnologie die am zweitschnellsten wachsende Branche nach der Informationstechnologie gewesen, hei\u00dft es bei WEF und BCG.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch in Deutschland stieg der Umsatz mit G\u00fctern und Leistungen f\u00fcr den Umweltschutz 2023 gegen\u00fcber dem Vorjahr laut Statistischem Bundesamt um 11,4 Prozent. Besonders wachstumsstark waren erneuerbare Energien, insbesondere Windkraft, sowie Ma\u00dfnahmen f\u00fcr eine h\u00f6here Energieeffizienz, etwa bei der W\u00e4rmed\u00e4mmung von Geb\u00e4uden. Aktivit\u00e4ten bei Luftreinhaltung und Abwasserwirtschaft, Elektromobilit\u00e4t oder Umweltsoftware gewannen ebenfalls Marktanteile. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Ums\u00e4tze, sondern Nachhaltigkeit schafft auch Jobs: Die Zahl der Arbeitspl\u00e4tze in diesem Bereich wuchs dem Statistischen Bundesamt zufolge 2023 um 7,7 Prozent. Im Jahr 2020 waren im Bergbau in Deutschland insgesamt gut 41.000 Personen t\u00e4tig, darunter knapp 19.500 Besch\u00e4ftigte in der Braunkohlewirtschaft. Dagegen gab es 2023 knapp 276.000 Besch\u00e4ftigte im Bereich der erneuerbaren Energien. Insgesamt eine klare Entwicklung, die Deutschland \u2013 und Europa \u2013 nicht aus den Augen verlieren darf, will es im internationalen Vergleich nicht weiter zur\u00fcckfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zu kurzfristig gedacht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ist mit all den anderen Branchen, dem Maschinenbau etwa, der Chemieindustrie oder der Landwirtschaft? Sie preisen Umweltfaktoren in der Regel nicht ein. Kosten f\u00fcr ausgelaugte B\u00f6den, verschmutzte Luft oder belastetes Grundwasser machen Produkte nicht teurer, jedenfalls im Moment nicht. Derzeit fallen eher geringere Kosten an, wenn man die Folgen f\u00fcr die Umwelt au\u00dfer Acht l\u00e4sst und zum Beispiel in L\u00e4ndern mit geringen Umweltstandards herstellt. Wer auf \u00f6kologischen Landbau setzt, trifft in der Regel h\u00e4rtere Rahmenbedingungen an, muss mit mehr Aufwand und h\u00f6heren Personalkosten rechnen. Wer &#8222;gr\u00fcne&#8220; Chemikalien auf Basis von Lebensmittelabf\u00e4llen statt fossilen Energietr\u00e4gern produziert, muss neue Verfahren entwickeln und hat oft h\u00f6here Rohstoffkosten. Das sei einfach nicht zu stemmen, ist h\u00e4ufig zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das mag plausibel klingen \u2013 ist aber trotzdem betriebswirtschaftlich zu kurzfristig gedacht. Die Umwelt nicht zu beachten, erh\u00f6ht vielleicht jetzt die Gewinne, langfristig steigt das unternehmerische Risiko. Wir sehen bereits heute, dass Lieferketten instabil werden oder sogar rei\u00dfen. Klimabedingte Ernteausf\u00e4lle in S\u00fcdeuropa oder L\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens verknappen bestimmte Rohstoffe und machen sie teurer, etwa bei Kaffee, Kakao, Oliven\u00f6l oder Orangen. Das zeigt allein die Preisver\u00e4nderung bei Kaffee oder Schokolade innerhalb der vergangenen zwei Jahre. Ein Ende ist nicht in Sicht, denn zuletzt kamen noch Ernteausf\u00e4lle bei N\u00fcssen dazu und trieben die Preise weiter nach oben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Umwelt bleibt ein Risiko<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Laut dem j\u00fcngstem&nbsp;<a target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.weforum.org\/publications\/global-risks-report-2026\/\">WEF Risk Report 2026<\/a>&nbsp;geh\u00f6ren Extremwettereignisse, Verlust der Biodiversit\u00e4t, kritische Ver\u00e4nderungen des Erdsystems, der Mangel an nat\u00fcrlichen Ressourcen und Umweltverschmutzung weiterhin zu den zehn gr\u00f6\u00dften Risiken des kommenden Jahrzehnts. Trotz massiver geopolitischer Verschiebungen, wirtschaftlicher Einbr\u00fcche und steigender Konfliktgefahren, die kurzfristig als besonders bedrohlich wahrgenommen werden. Dieses Risiko wird auch so bleiben und perspektivisch weiter wachsen je l\u00e4nger wir Umweltaspekte ignorieren. Denn Umweltkrisen l\u00f6sen sich, erstens, nicht von allein, nur weil man sie nicht beachtet. Im Gegenteil: Was wir jetzt sehen \u2013 die D\u00fcrren, \u00dcberschwemmungen, Br\u00e4nde, Hungersn\u00f6te und die umweltbedingte Migration \u2013 ist nur der Anfang. Zweitens: Die Ressourcen der Erde sind schlicht und einfach begrenzt. Land, Wasser und andere nat\u00fcrliche Ressourcen immer st\u00e4rker zu nutzen, ist grunds\u00e4tzlich nicht m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kluge Kaufleute denken deshalb in die Zukunft. Das war schon immer so, ob bei den venezianischen H\u00e4ndlern, den Fuggern oder den Hanse-Kaufleuten. Sie blickten stets \u00fcber den Tellerrand und ihr unmittelbares Gesch\u00e4ft hinaus. Was damals Handelsvertr\u00e4ge mit fernen L\u00e4ndern waren, sind heute zus\u00e4tzlich Nachhaltigkeitsfaktoren. Konkret bedeutet das zum Beispiel, Investitionen in alternative Energiequellen, Energieeffizienz, nachhaltige landwirtschaftliche Produktion, Wasserreinigung oder Kreislaufwirtschaft. Sonst ist der Gewinn von heute der Verlust von morgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Katrin B\u00f6hning-Gaese ist Wissenschaftliche Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Helmholtz Zentrums f\u00fcr Umweltforschung (UFZ) und Professorin f\u00fcr Biodiversit\u00e4t im Anthropoz\u00e4n an der Universit\u00e4t Leipzig. Sie ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum die Wirtschaft Umweltbelange nicht ignorieren darf Der aktuelle Global Risks Report, den das Weltwirtschaftsform am 14. 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