{"id":62314,"date":"2025-11-05T17:09:26","date_gmt":"2025-11-05T16:09:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=62314"},"modified":"2025-11-05T17:09:26","modified_gmt":"2025-11-05T16:09:26","slug":"cop30-von-klimagipfeln-des-oels-zum-klimagipfel-der-natur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/cop30-von-klimagipfeln-des-oels-zum-klimagipfel-der-natur\/","title":{"rendered":"COP30: Von Klimagipfeln des \u00d6ls zum Klimagipfel der Natur"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">UFZ-Klima\u00f6konom Reimund Schwarze analysiert die Ausgangslage<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/2025110501TropischeVegetationBrasilien.jpg\" target=\"_blank\" rel=\" noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"764\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/2025110501TropischeVegetationBrasilien-764x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-62315\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/2025110501TropischeVegetationBrasilien-764x1024.jpg 764w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/2025110501TropischeVegetationBrasilien-224x300.jpg 224w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/2025110501TropischeVegetationBrasilien-768x1030.jpg 768w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/2025110501TropischeVegetationBrasilien.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Tropische Vegetation in Brasilien. Zeichnung von 1878 (Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Vegeta%C3%A7%C3%A3o_tropical_(atribu%C3%ADdo),_da_Cole%C3%A7%C3%A3o_Brasiliana_Iconogr%C3%A1fica.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wikimedia<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Vorbereitung des Weltklimagipfels in Bel\u00e9m fiel in eine geopolitisch schwierige Zeit. Deshalb konzentriert sich die COP30 offenbar auf zwei Themen: auf die Finanzierung der Klimaanpassung und den Tropenwaldschutz. Hier scheinen noch Erfolge m\u00f6glich, sagt Prof. Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Umweltforschung (UFZ).<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(Pressemitteilung UFZ)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Symboltr\u00e4chtig ist der Austragungsort der 30. Vertragsstaatenkonferenz (COP30) der UN-Klimarahmenkonvention gew\u00e4hlt. Bel\u00e9m, die Hafenstadt im Nordosten Brasiliens, ist das Eingangstor zum gr\u00f6\u00dften zusammenh\u00e4ngenden Tropenwald der Erde, dem Amazonasbecken. Diese &#8222;gr\u00fcne Lunge&#8220; unseres Planeten beherbergt noch immer 6 Millionen Quadratkilometer dichten Regenwalds \u2013 eine Fl\u00e4che, mehr als halb so gro\u00df wie Europa. Die Amazonasw\u00e4lder, der einzigartige Hort biologischer Vielfalt, sind akut von Abholzung bedroht. Fr\u00fcher wirkte der Regenwald als Gegenspieler zu den weltweit immerzu steigenden CO<sub>2<\/sub>-Emissionen. Heute nimmt das Amazonas-Becken aber nur noch rund 13,9 Milliarden Tonnen CO<sub>2<\/sub> j\u00e4hrlich auf, gibt aber 16,6 Milliarden Tonnen CO<sub>2<\/sub> in die Umwelt ab. Von einer Senke wurden die Gebiete zu einer Quelle von CO<sub>2. <\/sub>Manche Klimaforscher sehen die Amazonasw\u00e4lder bereits an einem Kipppunkt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass das Thema &#8222;Tropenwald&#8220; weit oben auf der Tagesordnung eines Weltklimagipfels steht, darf daher nicht \u00fcberraschen. Nachdem die vergangenen drei Klimatreffen in \u00d6lstaaten wie \u00c4gypten, Aserbaidschan und den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfanden, erwarten nunmehr viele einen Perspektivwechsel \u2013 weg vom Thema \u201e\u00d6l\u201c und hin zum Thema \u201eNatur\u201c. Neue Impulse f\u00fcr die gr\u00fcnen Themen sind auf dem Gipfel durch den 2023 wiedergew\u00e4hlten brasilianischen Pr\u00e4sidenten Lula da Silva und der wiedereingesetzten Umwelt- und Klimaministerin Marina Silva zu erwarten. Immerhin gilt Silva als Brasiliens &#8222;Stimme f\u00fcr das Klima&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch es gilt die Regel: Nur, was in den Vorverhandlungen gut vorbereitet wurde, kann auf dem Klimagipfel zu einem Erfolg werden. Der politische Anlauf zur COP30 ist aber leider \u00fcberschattet durch geopolitische Zerw\u00fcrfnisse, Kriege und das Ausscheiden der USA \u2013 wie auch Argentiniens \u2013 aus der Gemeinschaft der Vertragsstaaten. Deshalb konzentriert sich die COP-Pr\u00e4sidentschaft offenbar auf zwei Themen, bei denen politische Erfolge noch m\u00f6glich scheinen \u2013 auf die Finanzierung von Klimaanpassung sowie auf den Tropenwaldschutz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Finanzierung von Klimaanpassung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon lange ist die strukturelle Unterfinanzierung der Klimaanpassung in den Entwicklungsl\u00e4ndern ein Thema auf den Gipfeltreffen. Bis heute wird das &#8222;Global Goal on Adaptation&#8220; (GGA) aus dem Pariser \u00dcbereinkommen klar verletzt. Das dort verankerte globale Anpassungsziel sieht vor, die weltweite &#8222;Anpassungskapazit\u00e4t zu verbessern, die Resilienz zu st\u00e4rken und die Verwundbarkeit gegen\u00fcber dem Klimawandel zu verringern.&#8220; Urspr\u00fcnglich von der Afrikanischen Verhandlungsgruppe eingebracht, dient das globale Anpassungsziel dazu, politische Ma\u00dfnahmen und die Finanzierung f\u00fcr Klimaanpassung weltweit im selben Umfang voranzutreiben wie die Emissionsminderung selbst. Dies verlangt konkrete, messbare Ziele und Handlungsleitlinien f\u00fcr globale Anpassungsma\u00dfnahmen sowie eine Anpassungsfinanzierung f\u00fcr die Entwicklungsl\u00e4nder durch die Industriel\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bestehende Handlungsdefizit bei der Anpassungsfinanzierung ist gravierend. Der neue &#8222;Adaptation Gap&#8220;-Bericht der UN beziffert die Kosten der Anpassungsfinanzierung, die f\u00fcr die Entwicklungsl\u00e4nder ben\u00f6tigt werden, auf j\u00e4hrlich 310 bis 365 Milliarden US-Dollar bis ins Jahr 2035. Zugleich belief sich die internationale \u00f6ffentlichen Anpassungsfinanzierung f\u00fcr die Entwicklungsl\u00e4nder 2023 auf nur 26 Milliarden US-Dollar \u2013 und die Tendenz ist seitdem abnehmend!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bedarf nach Anpassungsfinanzierung in Entwicklungsl\u00e4ndern ist damit 12- bis 14-Mal so hoch ist wie der aktuelle Geldfluss. Damit nicht genug: Bereits 2021 hatte der Glasgower Klimagipfel beschlossen, den Mittelfluss auf 40 Milliarden US-Dollar bis 2025 zu verdoppeln. Das Glasgower &#8222;Feuerwerk&#8220; der Finanzversprechen in H\u00f6he von 356 Millionen US-Dollar verkam in den Folgejahren leider zu einem Strohfeuer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geltende Grundlage f\u00fcr die Verhandlungen zum globalen Anpassungsziel ist die so genannte Baku Adaptation Roadmap (BAR). Sie fordert Fortschritte vor allem bei der Messung der Wirksamkeit von Anpassungsma\u00dfnahmen in den Entwicklungsl\u00e4ndern. Das ist ein vergleichsweise schwieriges Vorhaben, da es sich nicht wie bei der Emissionsminderung um ein &#8222;gro\u00dfes&#8220; Null-Emissionsziel handelt, sondern Anpassung wird anhand von mehr als 100 Unterzielen der Krisen- und Katastrophenabwehr sowie -bek\u00e4mpfung mit zugleich starken lokalen Bez\u00fcgen gemessen. Diese Unterziele zu bereinigen und messbar zu machen, darin ist man schon bei der Vorbereitung des Klimagipfels in Sharm El Sheikh 2023 sowie jetzt erneut im Vorfeld des Bel\u00e9mer Gipfels gescheitert. Die Hoffnung auf schnelle Erfolge bei der COP30 ist daher unbegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Thema Anpassungsfinanzierung rechne ich damit, dass sich die Staaten darauf einigen, die Roadmap von Baku weiter zu konkretisieren und politisch handhabbarer zu machen. Greifbare Ergebnisse wird es voraussichtlich erst bei der zweiten globalen Bestandsaufnahme geben. Die ist f\u00fcr 2028 (COP33) geplant und wird voraussichtlich in Indien stattfinden. Eine Neuauflage des &#8222;Feuerwerks&#8220; von Glasgow f\u00fcr die Anpassungsfinanzierung erwarte ich bei COP30 nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Finanzierung von Tropenwaldschutz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit den absehbaren Problemen bei der Klimaanpassung r\u00fcckt nunmehr der Tropenwaldschutz auf Platz 1 der Verhandlungsthemen von Bel\u00e9m, insbesondere auch dessen Finanzierung. Auch hier lautet der Befund, dass die Umsetzung der wiederholten Gipfelbekenntnisse zum Tropenwaldschutz bislang an unzureichenden Geldmitteln scheiterte. Solange Abholzung lukrativer ist als der Erhalt von Biodiversit\u00e4t und die Honorierung der Klimaleistungen der Tropenw\u00e4lder, laufen auch wohlgemeinte Programme ins Leere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Honorierung des Klimabeitrags ihres Waldes haben die Brasilianer ein neues Finanzinstrument entwickelt \u2013 die &#8222;Tropical Forest Forever Facility&#8220; (TFFF). Fr\u00fchere Schutzprogramme bezogen sich auf die Gef\u00e4hrdung von Regenwaldfl\u00e4chen. Die ist naturgem\u00e4\u00df hypothetisch und schwer messbar. Die TFFF geht anders heran: Sie kn\u00fcpft an die erw\u00fcnschten Ergebnisse des Tropenwaldschutzes wie die Wirksamkeit als CO<sub>2<\/sub>-Senke, den Erhalt der Biodiversit\u00e4t und anderes an und verbindet diese mit finanzieller Honorierung. Zugleich wird mit der TFFF ein Modell der Finanzierung vorgeschlagen, das sicherstellen soll, dass nicht isolierte Projekte des Tropenwaldschutzes umgesetzt werden, sondern \u00fcberall in der Welt, wo Tropenw\u00e4lder vorhanden sind, Zahlungen f\u00fcr die \u00d6kosystemleistungen von bis zu 4 US-Dollar je Hektar zusammenkommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der TFFF sollen private und \u00f6ffentliche Geldgeber aus Industrie- und Entwicklungsl\u00e4ndern auf einer Plattform zusammenkommen. Das Versprechen lautet: Wenn die OECD-L\u00e4nder 25 Milliarden US-Dollar einzahlen, k\u00f6nnen mithilfe privater Finanzakteure wie Banken Mittel von insgesamt 125 Milliarden US-Dollar &#8222;gehebelt&#8220; werden. Dieses Geld soll dann, vereinfacht gesagt, in gro\u00dfem Umfang in Anleihen aus Schwellenl\u00e4ndern investiert werden und dort Gewinne erwirtschaften. Das wird dadurch erleichtert, dass der TFFF auf staatlichen Geldern aus den OECD-L\u00e4ndern basiert, was geringere Risikoaufschl\u00e4ge mit sich bringt. Je mehr Regenwald ein Land sch\u00fctzen kann, desto mehr Geld soll es erhalten. Wird die Abholzung aber fortgesetzt, sollen Strafen f\u00e4llig werden. Kritiker der TFFF sehen das Modell vor allem als Finanzmarktspekulation. W\u00e4re es so einfach, aus unterschiedlichen Risikoratings Gewinne zu generieren, h\u00e4tten andere Investoren dieses Renditepotenzial bereits ausgesch\u00f6pft, hei\u00dft es.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meiner Meinung nach ist die TFFF-Initiative klimapolitisch grunds\u00e4tzlich positiv zu bewerten, da die Empf\u00e4ngerl\u00e4nder auf nationaler Ebene einen st\u00e4rkeren Anreiz f\u00fcr effektive Ma\u00dfnahmen zum Erhalt und f\u00fcr die nachhaltige Nutzung der Tropenw\u00e4lder bekommen. Die Zersplitterung der bisherigen Einzelprojekte zum Waldschutz w\u00fcrde durch ein Modell der Zahlungen f\u00fcr \u00d6kosystemleistungen \u00fcberwunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben den Debatten um Klimaanpassung und Tropenwaldschutz wird es in Bel\u00e9m \u2013 wie zuletzt auf jedem Klimagipfel \u2013 hitzige Debatten um fossile Brennstoffe geben. Sie geh\u00f6ren einfach zu jedem Klimagipfel, auch bei einer Natur-COP.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Reimund Schwarze ist Klima\u00f6konom am Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und Professor an der Europa-Universit\u00e4t Viadrina Frankfurt (Oder). Seit 20 Jahren untersucht er internationale Klimaverhandlungen aus politisch-\u00f6konomischer Perspektive und entwickelt Modelle zur Verbesserung der globalen Klimapolitik.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>UFZ-Klima\u00f6konom Reimund Schwarze analysiert die Ausgangslage Die Vorbereitung des Weltklimagipfels in Bel\u00e9m fiel in eine geopolitisch schwierige Zeit. 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