{"id":61691,"date":"2025-08-17T08:52:28","date_gmt":"2025-08-17T06:52:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=61691"},"modified":"2025-08-17T08:52:28","modified_gmt":"2025-08-17T06:52:28","slug":"un-plastikabkommen-was-wurde-mit-den-verhandlungen-in-genf-erreicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/un-plastikabkommen-was-wurde-mit-den-verhandlungen-in-genf-erreicht\/","title":{"rendered":"UN-Plastikabkommen: Was wurde mit den Verhandlungen in Genf erreicht?"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwei Stimmen aus der Wissenschaft<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"167\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/20250817BergmannJahnkeKlein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-61692\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">V.l.n.r.: Melanie Bergmann und Annika Jahnke im Verhandlungssaal in Genf (Bild: Laurianne Trimoulla \/ Gallifrey Foundation)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Vom 5. bis 15. August haben in Genf 1.400 Delegierte aus 183 L\u00e4ndern sowie knapp 1.200 Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft verhandelt, um im Rahmen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) ein Abkommen gegen die globale Plastikverschmutzung zu beschlie\u00dfen. Denn diese schadet nicht nur der Umwelt und der Gesundheit des Menschen, sondern auch dem Klima. Was in Genf erreicht wurde und wie es nun weitergeht, sch\u00e4tzen die Meeresbiologin Dr. Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Polar- und Meeresforschung (AWI) und die Umweltchemikerin Prof. Annika Jahnke vom Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Umweltforschung (UFZ) ein, die in der Schweiz dabei waren. Sie haben die &#8222;Scientists&#8216; Coalition for an Effective Plastics Treaty&#8220; und die deutsche Delegation bei den Verhandlungen unterst\u00fctzt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind die wesentlichen Ergebnisse der Konferenz?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Melanie Bergmann:<\/em> Das wesentliche Ergebnis ist, dass es leider wieder zu keiner Einigung gekommen ist. Auch der zweite Textentwurf des Vorsitzenden fand keinen Konsens. Aus wissenschaftlicher Sicht war dieser zu schwach, um das Plastikproblem \u2013 die Verschmutzung, die Klimafolgen und die Auswirkungen auf die Gesundheit \u2013 wirksam zu bek\u00e4mpfen. Zudem blieb der Text deutlich hinter dem urspr\u00fcnglichen Mandat der UN-Umweltversammlung zur\u00fcck. Gescheitert sind die Verhandlungen deshalb jedoch nicht. Es ist besser, weiter zu verhandeln, um ein starkes Abkommen zu erreichen, das dem Problem gerecht wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was wurde erreicht, und was wurde nicht erreicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>Annika Jahnke:<\/em> Positiv ist, dass wir in Genf relativ konstruktive inhaltliche Verhandlungen gesehen haben. Zudem hat man kein starres, schwaches Abkommen geschlossen, das die Umwelt und die menschliche Gesundheit nicht umfassend sch\u00fctzen kann. Die Verschmutzung mit Plastik und den darin enthaltenen Chemikalien ist ein globales Problem, das nicht an L\u00e4ndergrenzen Halt macht. Stattdessen werden Plastikgegenst\u00e4nde sowie das durch Verwitterung entstehende Mikro- und noch kleinere Nanoplastik \u00fcber Fl\u00fcsse, Meeresstr\u00f6mungen und die Luft weitr\u00e4umig verteilt und somit weltweit gefunden. Daher ist ein globales Abkommen unerl\u00e4sslich. Die Vertagung des Abschlusses der Verhandlungen bietet nun die M\u00f6glichkeit, in der Zwischenzeit die konstruktiven Gespr\u00e4che fortzuf\u00fchren, starke Allianzen zu schmieden und sich hoffentlich in den wiederaufgenommenen Verhandlungen auf ein ambitioniertes und wirksames Plastikabkommen zu verst\u00e4ndigen. Das sollte dann \u00fcber die Zeit dem Stand von Wissenschaft und Technik angepasst werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum waren die Verhandlungen so schwierig?<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"167\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/2025081702Aktionen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-61693\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00d6ffentliche Aktionen wie diese machen in Genf auf die Verhandlungen aufmerksam.<br \/>(Bild: Annika Jahnke \/ UFZ)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><em>Bergmann:<\/em> Letztlich lagen die Positionen immer noch zu weit auseinander. Besondere Knackpunkte waren die Begrenzung der Plastikproduktion und die Regelungen zu den Inhaltsstoffen von Kunststoffen. Es scheint auch, als h\u00e4tte man erst in den letzten Stunden in Genf angefangen, wirklich inhaltlich zu verhandeln, statt nur rote Linien aufzuzeigen. Die Mitgliedsstaaten sollten jetzt am Ball und auch zwischen den Verhandlungsrunden im Gespr\u00e4ch bleiben. Wir brauchen dringend neue Gespr\u00e4chsformate, um in den Verhandlungsrunden voranzukommen, da das bisherige Vorgehen nicht den gew\u00fcnschten Erfolg bringt. Dabei w\u00fcrde ein starkes globales Abkommen ein einheitliches Regelwerk f\u00fcr alle schaffen. Das w\u00fcrde Vieles vereinfachen, einen fairen Wettbewerb sicherstellen und Raum f\u00fcr Innovationen und neue Technologien \u00f6ffnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Jahnke:<\/em> Neben diesen Punkten ging es auch um Regelungen zu problematischen Plastikprodukten wie Einwegverpackungen, die weltweit fast die H\u00e4lfte des Plastikm\u00fclls ausmachen. Au\u00dferdem ist die Finanzierung der globalen Ma\u00dfnahmen ein wichtiges Thema. Das bisherige Verfahren, in Untergruppen einzelne Artikel zu diskutieren, wurde erst kurz vor Abschluss der Konferenz ge\u00e4ndert, so dass die Verhandler:innen aller Mitgliedsstaaten im kleinen Kreis am letzten Tag zu wenig Zeit hatten, das \u201cGesamtpaket\u201d umfassend zu diskutieren und Konsens zu den wichtigsten Punkten zu finden. In diesem Gespr\u00e4chsformat k\u00f6nnte jedoch eine L\u00f6sung f\u00fcr die Fortsetzung der Verhandlungen an einer noch festzulegenden INC5.3 liegen, da jede Seite von ihren Idealen abr\u00fccken und Zugest\u00e4ndnisse machen muss, was sicher leichter f\u00e4llt, wenn andere Aspekte gleichzeitig einger\u00e4umt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bergmann:<\/em> Die geopolitische Lage erschwert zunehmend internationale Einigungen. Hinzu kommt der steigende Druck auf die \u00f6l- und gasproduzierenden L\u00e4nder: Da k\u00fcnftig weniger fossile Brennstoffe verbrannt werden d\u00fcrfen, um die Pariser Klimaziele einzuhalten, sollen diese vermehrt als Rohstoff f\u00fcr Kunststoffe eingesetzt werden. Diesen Plan B werden diese L\u00e4nder \u2013 verst\u00e4ndlicherweise \u2013 nicht ohne Weiteres aufgeben, auch wenn dies die Klimakrise weiter befeuern und zu Lasten der Umwelt und unserer Gesundheit gehen wird. Das erschwert den Verhandlungsprozess sehr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie k\u00f6nnte eine L\u00f6sung aussehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jahnke:<\/em> Aufgrund der globalen Verschmutzung durch Plastik und die zugeh\u00f6rigen Chemikalien ist ein globales Abkommen unerl\u00e4sslich. Nationale oder regionale Ma\u00dfnahmen w\u00e4ren nicht weitreichend genug. Vorstellbar w\u00e4re, dass man einen weltweit g\u00fcltigen Sockel an Ma\u00dfnahmen f\u00fcr alle Mitgliedsstaaten festlegt und diesen durch optionale zus\u00e4tzliche Ma\u00dfnahmen erg\u00e4nzt, die den weitreichenden Anspr\u00fcchen der ambitionierteren Staaten entspricht. Dies sind immerhin deutlich mehr als 100 in der &#8218;Koalition der Willigen&#8216; mit ihren Unterst\u00fctzern. Dieses zweistufige System w\u00fcrde auch einen Flickenteppich verhindern, der aus nationalen und regionalen Ma\u00dfnahmen entstehen w\u00fcrde und Innovation und Planungssicherheit f\u00fcr die Industrie behindert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie geht es nun weiter?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bergmann:<\/em> Es soll eine weitere Verhandlungsrunde geben. Grundlage ist allerdings der Text aus der vorherigen Verhandlungsrunde in Busan, da einige Staaten die zwei neuen Entw\u00fcrfe aus den letzten Tagen nicht anerkannt haben. Somit sind wir inhaltlich leider nicht viel weitergekommen, aber die Textbestandteile aus den in Genf verhandelten Artikeln sollen zumindest einbezogen werden. Der genaue Prozess ist bislang jedoch noch unklar und muss in den n\u00e4chsten Wochen konkretisiert werden. Momentan zeichnet sich noch kein Vorsto\u00df f\u00fcr eine &#8218;Koalition der Willigen&#8216; ab, die au\u00dferhalb des UN-Prozesses ein eigenes ambitioniertes Abkommen auf den Weg bringen m\u00f6chte. Wir werden sehen, ob sich das in Zukunft \u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>**********<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im <strong>Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Umweltforschung (UFZ)<\/strong> erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weitreichenden Ver\u00e4nderungen der Umwelt und erarbeiten L\u00f6sungsoptionen. In sechs Themenbereichen befassen sie sich mit Wasserressourcen, \u00d6kosystemen\/Landnutzung, Chemikalien\/Gesundheit, Umwelt- und Biotechnologien, der Modellierung von Umweltprozessen und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Das UFZ besch\u00e4ftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg ca. 1.100 Mitarbeitende. Es ist Mitglied der <\/em><a href=\"https:\/\/www.helmholtz.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Helmholtz-Gemeinschaft<\/em><\/a><em> und wird vom Bund sowie Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert. <\/em><a href=\"https:\/\/www.ufz.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>www.ufz.de<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Stimmen aus der Wissenschaft Vom 5. bis 15. 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