{"id":60794,"date":"2025-04-11T22:12:41","date_gmt":"2025-04-11T20:12:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=60794"},"modified":"2025-04-11T22:12:41","modified_gmt":"2025-04-11T20:12:41","slug":"revolte-fuer-den-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/revolte-fuer-den-frieden\/","title":{"rendered":"REVOLTE F\u00dcR DEN FRIEDEN"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/02-Eisnertrilogie.jpg\" target=\"_blank\" rel=\" noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"939\" height=\"500\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/02-Eisnertrilogie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-60795\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/02-Eisnertrilogie.jpg 939w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/02-Eisnertrilogie-300x160.jpg 300w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/02-Eisnertrilogie-768x409.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Titel der Eisnertrilogie<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Die dreiteilige Buchreihe zum Pazifisten, Revolution\u00e4r und Ministerpr\u00e4sidenten Kurt Eisner (1867-1919) liegt jetzt vollst\u00e4ndig vor<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Redaktion der Schalom-Bibliothek<\/em> | <em>pb<\/em>) <\/p>\n\n\n\n<p>Kurt Eisner: <strong><em>Revolte f\u00fcr den Frieden<\/em><\/strong>. Nachlese, Erinnerung und Kontroversen \u2013 Mit Beitr\u00e4gen von Helmut Donat und Lothar Wieland. Herausgegeben von Peter B\u00fcrger, in Kooperation mit dem Lebenshaus Schw\u00e4bische Alb. (= edition pace | Pazifisten <em>&amp;<\/em> Antimilitaristen aus j\u00fcdischen Familien | 8). Norderstedt: BoD 2025.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>(ISBN 978-3-8192-2747-9; Paperback 404 Seiten; 16,99 Euro). <a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/revolte-fuer-den-frieden-kurt-eisner-9783819227479\">https:\/\/buchshop.bod.de\/revolte-fuer-den-frieden-kurt-eisner-9783819227479<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Editions-Regal \u201ePazifisten und Antimilitaristen aus j\u00fcdischen Familien\u201c (<a href=\"http:\/\/www.schalom-bibliothek.org\">www.schalom-bibliothek.org<\/a>) ist soeben der letzte von drei B\u00e4nden zu Kurt Eisner erschienen. Wir dokumentieren nachfolgend die:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>EINLEITUNG<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mit diesem dritten Band liegt unsere friedensbewegte \u201aTrilogie\u2018 zum Pazifisten und Revolution\u00e4r Kurt Eisner (1867-1919) f\u00fcr die \u201aSchalom-Bibliothek\u2018 nunmehr vollst\u00e4ndig vor. Nach der umfangreichen Sammlung von <strong><em>\u201eTexten wider die deutsche Kriegst\u00fcchtigkeit\u201c<\/em><\/strong> <a href=\"https:\/\/www.lebenshaus-alb.de\/magazin\/015406.html\">https:\/\/www.lebenshaus-alb.de\/magazin\/015406.html<\/a> aus den Jahren 1893-1918 folgte das Lesebuch <strong><em>\u201eKurt Eisner als Revolution\u00e4r und Ankl\u00e4ger des deutschen Militarismus\u201c<\/em><\/strong> <a href=\"https:\/\/www.lebenshaus-alb.de\/magazin\/015393.html\">https:\/\/www.lebenshaus-alb.de\/magazin\/015393.html<\/a> , eingeleitet durch eine erstmals 1929 erschienene biographische Darstellung von Felix Fechenbach. Aus dem Anspruch, m\u00f6glichst alle f\u00fcr eine pazifistische Relekt\u00fcre bedeutsamen Arbeiten bzw. Prim\u00e4rquellen zusammenzuf\u00fchren, erwuchs sodann die Bearbeitung der hier unter dem Titel <em>\u201eRevolte f\u00fcr den Frieden\u201c<\/em> dargebotenen \u201aNachlese\u2018. Doch mitnichten beruht der vorliegende Band auf \u201apflichtgem\u00e4\u00dfen Erg\u00e4nzungen\u2018, bei denen wom\u00f6glich Nachrangiges nur um der Vollst\u00e4ndigkeit halber herangezogen wird. Alle, die dem ersten Ministerpr\u00e4sident des Freistaates Bayern \u00fcber seine eigenen Wortmeldungen noch n\u00e4her begegnen m\u00f6chten, d\u00fcrfen sich freuen. Es warten weitere \u201aZeugnisse von Rang\u2018 und \u00dcberraschungen. \u2013 In drei Abteilungen des Buches werden die Texte der \u201aNachlese\u2018 chronologisch ediert:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Zeit des Kaiserreichs bis zum Weltkrieg (1891-1914)<\/li>\n\n\n\n<li>Kriegszeit \u2013 vor dem Bruch mit der Mehrheits-SPD (1914\/1915)<\/li>\n\n\n\n<li>Antikriegs-Streik und Revolution (1918\/19).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Friedensbewegte Leserinnen und Leser m\u00f6gen es dem Bearbeiter nachsehen, dass die erste Abteilung auch vier Texte zum politischen Kampf der Arbeiterbewegung beinhaltet, die vordergr\u00fcndig keine Bez\u00fcge zur Kritik von Militarismus und Krieg aufweisen. Die erweiterte Auswahl soll helfen, Selbstverst\u00e4ndnis, Standort und \u201aPro-Existenz\u2018 Eisners besser kennenzulernen. Zudem l\u00e4sst sich die ressourcenfressende Kriegsreligion der M\u00e4chtigen zu allen Zeiten ja nie unabh\u00e4ngig von der \u201aSozialen Frage\u2018 \u2013 d.&nbsp;h. dem Los der Besitzlosen \u2013 betrachten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Manche werden sich vielleicht wundern \u00fcber die vollst\u00e4ndige Aufnahme des Essays \u201e<em>Die Tragikom\u00f6die des deutschen Liberalismus\u201c <\/em>(1910), der vom Umfang her ein eigenst\u00e4ndiges B\u00e4ndchen f\u00fcllen k\u00f6nnte. Wer aber wollte es \u00fcber\u2019s Herz bringen, diesen pr\u00e4chtigen Text, der Wesentliches zum Verst\u00e4ndnis des militaristischen Kaiserreiches beitragen kann, durch K\u00fcrzungen zu verunstalten?<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne das Aktionsfeld der Kultur ist Eisners Kampf als Sozialist und Pazifist nicht nachvollziehbar. Der Dichter und seine Dichtungen d\u00fcrfen auch deshalb nicht unterschlagen werden. Die vollst\u00e4ndige Darbietung des 1918 im Gef\u00e4ngnis vollendeten B\u00fchnenwerks \u201e<em>Die G\u00f6tterpr\u00fcfung<\/em> \u2013 Eine weltpolitische Posse in f\u00fcnf Akten\u201c soll uns exemplarisch die Bedeutung der k\u00fcnstlerischen Formen des Aufstandes gegen Militarismus und Krieg vor Augen f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch bevor Kurt Eisner sich Immanuel Kant und Karl Marx (bzw. einem \u201apostumen Dialog\u2018 dieser beiden Gro\u00dfen) zuwandte, hat er sein Buch \u00fcber Friedrich Nietzsche verfasst. Passagen aus diesem zuerst 1891 ver\u00f6ffentlichten Werk er\u00f6ffnen unsere Auswahl. Der \u201a\u00dcbermensch\u2018 wollte das \u201aMitleid mit sich selbst verlernen\u2018 \u2013 so sein Beginnen \u2013 und hart werden. Eisner aber forderte seine Mitmenschen (wie sich selbst) auf: \u201eWerdet weich&nbsp;!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Aphorismen, Gedichte, Tagebuchbl\u00e4tter und Brieffragmente aus der 1926 erschienenen Anthologie <em>\u201eWachsen und Werden\u201c<\/em>, die unsere \u201aNachlese\u2018 beschlie\u00dfen, vermitteln uns Eisners Verwundbarkeit und die Option f\u00fcr das \u201aWeich werden\u2018. Wer seine Revolte wider die Machtmenschen und die Welt der Krieger nicht nur als \u00e4u\u00dferes Ph\u00e4nomen beschreiben m\u00f6chte, findet hier einen \u201aSchl\u00fcssel\u2018 zu tieferem \u2013 innerlichem \u2013 Verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Helmut Donat hat als Autor und Verleger unser \u201aEisner-Projekt\u2018 in uneigenn\u00fctziger Weise unterst\u00fctzt. Ihm verdanken wir die abschlie\u00dfende Abteilung dieses Bandes zu geschichtlichen Kontexten der neu edierten Quellen, in der auch ein Beitrag des verstorbenen Historikers Lothar Wieland (1952-2021) aufgenommen werden konnte. Ersch\u00fctternd ist, was Donat uns zur Erinnerung an Kurt Eisner \u2013 zur Geschichte eines schwierigen oder sogar verweigerten Gedenkens \u2013 mitteilt. Bedacht werden zudem die vor einem Jahrhundert ausgetragenen Kontroversen. Das hat mit gelehrter \u201aStaubwedelei\u2018 rein gar nichts zu tun. Die neuen deutschen Militaristen k\u00f6nnen <em>heute<\/em> die Eisner bewegende \u201aKriegsschuld\u2018-Frage nur deshalb als \u2013 in ihrem Sinne \u2013 erledigt betrachten, weil ihre intellektuellen Wegbereiter mit der Ausblendung zentraler Quellen-Segmente zum Zeitraum 1914-1918 offenbar sehr gut durchkommen. Andererseits erf\u00fcllt die Konstruktion einer Scheidung von sogenannter \u201eVerantwortungsethik\u201c und \u201eGesinnungsethik\u201c (Max Weber) noch immer ihre ideologische Funktion: Wer durch technologische Revolutionen und eine ultimative Aufr\u00fcstung \u2013 zulasten aller sozialen Felder der Lebenswirklichkeit \u2013 den gro\u00dfen globalen Krieg vorbereitet, kommt zur besten Sendezeit als \u201aRealpolitiker\u2018 und \u201aAnwalt der Vernunft\u2018 auf die B\u00fchne! Jene aber, die sich dem allgegenw\u00e4rtigen Irrationalismus nicht f\u00fcgen, hei\u00dfen \u2013 wie ehedem \u2013 \u201aNarren\u2018 und \u201aUnheilspropheten\u2018 \u2013 oder alt- wie neudeutsch: \u201aLumpenpazifisten\u2018. |\u00a0 peter b\u00fcrger<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Publikationen des Regals \u201ePazifisten und Antimilitaristinnen aus j\u00fcdischen Familien\u201c erscheinen zun\u00e4chst als Digitale Erstausgaben und sind <em>frei abrufbar<\/em> auf dem Projektportal <a href=\"http:\/\/www.schalom-bibliothek.org\">www.schalom-bibliothek.org<\/a> \u2013 dort auch alle Informationen zu den Buchangeboten.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kooperation mit dem Lebenshaus Schw\u00e4bische Alb: Kurt Eisner, drei B\u00e4nde:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1.<\/strong> Kurt Eisner: <em>Texte wider die deutsche Kriegst\u00fcchtigkeit<\/em>.<br \/>Zusammengestellt von Peter B\u00fcrger \u2013 mit einem einleitenden<br \/>Essay von Volker Ullrich. (= Regal: Pazifisten <em>&amp;<\/em> Antimilitaristen<br \/>aus j\u00fcdischen Familien, Bd. 6). Erschienen 2025. [448 Seiten]<br \/><a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/texte-wider-die-deutsche-kriegstuechtigkeit-kurt-eisner-9783769357301\">https:\/\/buchshop.bod.de\/texte-wider-die-deutsche-kriegstuechtigkeit-kurt-eisner-9783769357301<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.<\/strong> <em>Kurt Eisner als Revolution\u00e4r und Ankl\u00e4ger des deutschen Militarismus<\/em>.<br \/>Ein Lesebuch \u2013 eingeleitet durch die Darstellung des Weggef\u00e4hrten<br \/>Felix Fechenbach. Herausgegeben von Peter B\u00fcrger. (= Regal: Pazifisten <em>&amp;<\/em><br \/>Antimilitaristen aus j\u00fcdischen Familien, Bd. 7). Erschienen 2025. [464 Seiten]<br \/><a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/kurt-eisner-als-revolutionaer-und-anklaeger-des-deutschen-militarismus-kurt-eisner-9783769368369\">https:\/\/buchshop.bod.de\/kurt-eisner-als-revolutionaer-und-anklaeger-des-deutschen-militarismus-kurt-eisner-9783769368369<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>3.<\/strong> Kurt Eisner: <em>Revolte f\u00fcr den Frieden<\/em>.<br \/>Nachlese, Erinnerung und Kontroversen. Zusammengestellt<br \/>von Peter B\u00fcrger \u2013 mit Beitr\u00e4gen von Helmut Donat und Lothar Wieland.<br \/>(= Regal: Pazifisten <em>&amp;<\/em> Antimilitaristen aus j\u00fcdischen Familien, Bd. 8).<br \/>Erschienen 2025. [404 Seiten].<br \/><a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/revolte-fuer-den-frieden-kurt-eisner-9783819227479\">https:\/\/buchshop.bod.de\/revolte-fuer-den-frieden-kurt-eisner-9783819227479<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>* * * *<\/p>\n\n\n\n<p><em>Leseprobe zum dritten Band<\/em><br \/>[Da die gro\u00dfen, staatlich sehr privilegierten Kirchen hierzulande und sogar Teile der christlichen Friedensbewegung beim Widerstand gegen die rasante Militarisierung in Deutschland ausfallen \u2013 sofern sie nicht ohnehin schon der Kriegsert\u00fcchtigung \/ Aufr\u00fcstung das Wort reden, ist auch dieser Eisner-Text leider von gro\u00dfer Aktualit\u00e4t. pb]<\/p>\n\n\n\n<p><strong>KRIEG UND KIRCHE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Arbeiter-Feuilleton, Jg. 1914, Nr. 44)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Von Kurt Eisner<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von dem Urchristentum bis zu dem Tolstoi unserer Tage ist immer wieder als das Kernwesen des Christentums der Weihnachtsgedanke aufgefasst worden: dass Frieden auf Erden herrschen solle. Einzelne Schw\u00e4rmer, Sekten, wie die Qu\u00e4ker und Mennoniten, haben so das Christentum gelehrt. Aber die christliche Kirche hat, seitdem sie zur Staatskirche geworden ist, niemals den Krieg bek\u00e4mpft. Auch die Macht der Sekten \u00fcber die praktische Bet\u00e4tigung ihrer Anh\u00e4nger ist immer nur begrenzt gewesen (au\u00dfer in Zeiten revolution\u00e4rer Erregungen). Es ist ein boshafter Witz der Geschichte, dass z.&nbsp;B. aus der jede Gewalt ablehnenden sp\u00e4tmittelalterlichen b\u00f6hmischen Br\u00fcdergemeinde der Mann hervorging, dem der Krieg Selbstzweck war, der ein Gro\u00dfunternehmer des Krieges war und durch ihn unermessliche Reicht\u00fcmer und selbst ganze Herzogt\u00fcmer erwarb: Wallenstein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Jahrhundert des Christentums wird Jesu Lehre noch ganz als Verwerfung des Krieges aufgefasst. Der Kirchenvater Tertullian fordert die Verweigerung des Kriegsdienstes: \u201eNicht l\u00e4sst sich vereinen der g\u00f6ttliche und irdische Eid, das Zeichen Christi und das Zeichen des Teufels, das Lager des Lichts und der Finsternis, eine Seele kann nicht zweien dienen: Gott und dem Kaiser. Indem der Herr Petrus entwaffnete, habe er alle losgeg\u00fcrtet.\u201c Und Tertullian feierte das Martyrium des Soldaten, der sich weigert den Festkranz aufzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber schon <em>Augustinus<\/em> sieht im Krieg das wohlt\u00e4tige Mittel gegen die Freiheit des Unrechts, und die tapfere Kraft des Leibes scheint ihm ein Geschenk Gottes.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald verteidigt, f\u00f6rdert und f\u00fchrt die Kirche selbst die blutigsten und grausamsten Kriege. Auch die Reformation \u00e4nderte nichts daran. Luther hat zwar viele kr\u00e4ftige Verw\u00fcnschungen gegen den Krieg ausgesprochen, aber irgendwelche praktische Wirkungen konnten schon deshalb nicht daraus folgen, weil f\u00fcr Luther die blinde Unterwerfung unter die Obrigkeit so sehr h\u00f6chster Grundsatz war, dass diese Obrigkeit nicht einmal christlich zu sein brauchte. Der Christ, der in t\u00fcrkische Sklaverei geriet, sollte kein Recht haben, sich seinem Herrn zu widersetzen; auch dessen Macht war von Gott!<\/p>\n\n\n\n<p>Dass heute keine christliche Kirche dem Kriege praktisch entgegenwirkt, braucht nicht bewiesen zu werden. Nicht uninteressant aber ist, zu wissen, wie sich die verschiedenen christlichen Kirchen in ihrem theoretischen Lehrsystem mit der immerhin nicht unerheblichen Schwierigkeit abfinden, trotz der unzweideutigen Worte Christi gegen jede Gewalt, den Krieg auf Erden zu verteidigen. Es ergeben sich dabei bemerkenswerte Unterschiede zwischen den katholischen und protestantischen Dialektikern; und es zeigt sich weiter, dass in demselben Grade, als die Theologen ihre Lehre in Einklang mit den christlichen Urlehren zu bringen suchen, umso weiter, trotz aller Zugest\u00e4ndnisse, sich ihre Theorie von der Praxis entfernt, in der sie wirken.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem gro\u00dfen Kirchenlexikon von <em>Wetzer<\/em> und <em>Welte<\/em> kn\u00fcpft der Jesuit Heinrich <em>Pesch<\/em> an die Anmerkung Cocceji\u2019s zu Hugo Grotius, der in der ersten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts das V\u00f6lkerrecht zuerst in ein Lehrsystem brachte, an. Grotius hatte den Krieg einfach als die Tatsache eines Gewaltzustandes zwischen staatlichen M\u00e4chten definiert, ohne das \u201eRecht\u201c des Krieges zu pr\u00fcfen. Dagegen erkl\u00e4rte Cocceji, der Hohenzollerische Rechtsprofessor (gest. 1719), nur der Krieg sei naturrechtlich zul\u00e4ssig, der zur Verteidigung eines angegriffenen Rechts [gef\u00fchrt werde]; alle anderen gewaltsamen Streitigkeiten seien keine Kriege, sondern R\u00e4ubereien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist, nach Pesch, auch die Lehre der katholischen Kirche. Nur der <em>notwendige<\/em> Krieg ist gerechtfertigt, und nur der Krieg ist notwendig, der gegen\u00fcber fremder Gewalt und Willk\u00fcr mit physischem Zwang dem sittlich erlaubten Rechtsschutz dient. Die Bedenken, die unter Berufung auf Christi Lehren gegen den Krieg \u00fcberhaupt gerichtet werden, werden mit der kurzen Bemerkung abgetan, sie h\u00e4tten \u201ekeinen wissenschaftlichen Wert\u201c. Allerdings kann man grunds\u00e4tzlich die Anschauung haben, der Papst habe die Befugnis, als Schiedsrichter, alle strittigen Angelegenheiten und Fragen zwischen christlichen F\u00fcrsten vor sein Forum zu ziehen und zu erledigen. Den tats\u00e4chlichen Gebrauch dieses Rechts habe man aber zugleich entschieden abgeraten: \u201eEs blieb denn auch in der Regel bei einer blo\u00dfen v\u00e4terlichen Ermahnung, obwohl die lebendige Vorstellung von einer einheitlichen Christlichen V\u00f6lkerfamilie im praktischen V\u00f6lkerrechte des Mittelalters der Anerkennung des Papstes als des berufenen Schiedsrichters internationaler Streitigkeiten eher Boden schaffen konnte, als im heutigen V\u00f6lkerrechte, welches leider nur noch in Gemeinsamkeit der Interessen ein Bindemittel f\u00fcr Staaten anzuerkennen scheint\u201c. So ist f\u00fcr Pesch die Ersetzung von Kriegen durch Schiedsgerichte ein sehnlichst anzustrebendes Ideal.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eNotwendigkeit\u201c der Kriege darf nicht etwa \u201epolitisch\u201c sein, sie kann lediglich aus einer \u201eRechtskr\u00e4nkung\u201c folgen. Nur gegen unberechtigte Eingriffe darf ein Volk sich erheben, \u201everbrecherisch\u201c sei dagegen jeder Krieg aus Ruhmbegierde, Eroberungsgel\u00fcsten, aus einem \u201everh\u00e4ngnisvollen Expansionstriebe\u201c, einem \u201ever\u00e4chtlichen, eifers\u00fcchtigen Streben nach Hegemonie und politischer Suprematie. Pesch <em>widerspricht<\/em> dem V\u00f6lkerrechtslehrer <em>Bluntschli<\/em>, der \u00fcber die \u201ekindische\u201c Ansicht gespottet hat, dass ein Volk zwar berechtigt w\u00e4re, f\u00fcr das dynastische Erbrecht eines F\u00fcrsten Krieg zu f\u00fchren, weil es in irgendeiner mittelalterlichen Urkunde ausgesprochen sei, dagegen nicht f\u00fcr seine nationale Einigung. Das Erbrecht, bemerkt Pesch, sei ein Recht, das zu sch\u00fctzen sei, die nationale Einigung aber zun\u00e4chst nur ein Staats- oder Volksinteresse, das f\u00fcr sich allein keinen Krieg rechtfertige; aber selbst wenn das Streben nach Einigung ein Recht w\u00e4re, finde es seine Grenze an den wohlerworbenen Rechten anderer.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Krieg mit <em>de Maistre<\/em> ein \u201eWeltgesetz\u201c genannt werden k\u00f6nne, so ist er jedenfalls ein <em>furchtbares<\/em> Weltgesetz. \u201eMan hat zwar versucht, den Krieg deswegen zu einem notwendigen St\u00fcck der Weltordnung zu erheben, weil er g\u00fcnstig einwirke auf Abh\u00e4rtung, L\u00e4uterung der V\u00f6lker, Entwickelung ihrer Kr\u00e4fte, Erweckung und St\u00e4rkung der nationalen Gesinnung u. dergl. Allein dieser Tatsache widersprechen offenkundige Tatsachen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kriege ist nicht die Anwendung \u201eunsittlicher Mittel\u201c gestattet, \u201enicht einmal als Retorsion\u201c (Vergeltung). Ist der Krieg nur als Notwehr rechtm\u00e4\u00dfig, so muss der Angriff auf die Rechte des andern <em>wirklich<\/em> <em>gegenw\u00e4rtig<\/em> oder unmittelbar in der Vorbereitung begriffen sein. Sonst k\u00f6nnte die Anschauung, es sei besser dem Angriff zuvorzukommen, zur schlimmsten Willk\u00fcr f\u00fchren, \u201enamentlich in einer Zeit, wo gewaltige R\u00fcstungen zu einer permanenten Kriegsdrohung geworden sind\u201c. Offenbar verwerflich sei Montesquieus Ansicht, es sei erlaubt, seinen Nachbarn nur deshalb zu \u00fcberfallen, weil aus seiner steigenden Macht Gefahren erwachsen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Beteiligten am Kriege m\u00fcssen die <em>Gewissheit<\/em> der Gerechtigkeit, mithin der Erlaubtheit des Krieges haben. Freilich die \u201eeinfachen Combattanten\u201c sind \u201eohne besondere Veranlassung nicht zu einer eigentlichen Untersuchung der Gerechtigkeit des Krieges verpflichtet. So lange die Ungerechtigkeit nicht gewiss wird, k\u00f6nnen sie die Gerechtigkeit der Sache voraussetzen \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>protestantische<\/em> Kriegstheologie von heute, die ihren Ausdruck in einem interessanten Artikel der ma\u00dfgebenden <em>Hau\u2019schen Realenzyklop\u00e4die f\u00fcr protestantische Theologie<\/em> findet, teilt mit den Jesuiten die Meinung, dass die Berufung auf die Bergpredigt und andere \u00c4u\u00dferungen Christi, um den Krieg schlechthin zu verwerfen, \u201egeradezu falsch\u201c sei. [\u201e]Im <em>Himmelreich<\/em>, da Gerechtigkeit, Friede und Freude im hl. Geist ist, hat freilich der Krieg keine St\u00e4tte.\u201c Auch auf Erden ziele die Ausgestaltung des christlichen Heilwerkes auf solchen Zustand ab. \u201eAber die Zukunft l\u00e4sst sich nicht antizipieren und in die Zeit samt ihren Unvollkommenheiten und \u00dcbeln soll der Christ, dieweil er in ihr lebt, sich schicken\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonst aber unterscheidet sich der protestantische Kriegstheologe sehr wesentlich von dem katholischen. Auf die naturrechtliche Einschr\u00e4nkung des berechtigten Krieges als Notwehr im strengsten und formalsten juristischen Sinne l\u00e4sst er sich nicht ein. Er hat \u00fcberhaupt eine merklich andere Anschauung vom Wesen des Krieges. Zwar ist f\u00fcr ihn der Krieg \u201eein \u00dcbel und eine Folge der S\u00fcnde\u201c, aber w\u00e4hrend der Jesuit den Krieg im Grunde als Fremdk\u00f6rper im Gottesreich empfindet, dr\u00e4ngt sich den Protestanten \u201evom <em>biblischen<\/em> Standpunkt geradezu\u201d das Zugest\u00e4ndnis auf, \u201edass der Krieg als g\u00f6ttliches Verh\u00e4ngnis oft ein f\u00fcr das Ganze wohlt\u00e4tige, luftreinigende, das Leben der V\u00f6lker steigernde Wirkung nach sich l\u00e4sst, und daher seine geschichtliche Notwendigkeit begreifen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re nicht unwesentlich, diese auff\u00e4llig verschiedene Haltung der beiden Kirchen aus der Stellung zu erkl\u00e4ren, die sie heute im Staate einnehmen. Aber f\u00fcr den Zweck unserer Betrachtung gen\u00fcgt der Nachweis, dass der Weihnachtsgedanke des Friedens von keiner Seite als unbedingt verpflichtend anerkannt wird. Anders aber las einst ein evangelischer Hofprediger, ein Generalsuperintendent sogar, seine Bibel und Luthers Schriften. In den aus \u00e4u\u00dferen R\u00fccksichten nicht ver\u00f6ffentlichten Teilen der \u201eBriefe zu Bef\u00f6rderung der Humanit\u00e4t\u201c schreibt <em>Herder<\/em>: \u201eAlle Hoffnungen, die jenseits des Grabes liegen, so aufmunternd st\u00e4rkend und tr\u00f6stend sie, recht verstanden, der menschlichen Natur sind, so feindlich und sch\u00e4dlich werden sie ihr, wenn sie uns diesseit des Grabes reine und redliche Vernunft, Aus\u00fcbung der Billigkeit und wahren Herzensg\u00fcte, rechten Gebrauch unseres jetzigen Daseins rauben. Hier auf Erden wollte Christus ein Reich Gottes f\u00fchren; er wies es nicht in den Himmel; und worauf gr\u00fcndete ers, als auf allgemeine, \u00e4chte Humanit\u00e4t und Menscheng\u00fcte?\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die dreiteilige Buchreihe zum Pazifisten, Revolution\u00e4r und Ministerpr\u00e4sidenten Kurt Eisner (1867-1919) liegt jetzt vollst\u00e4ndig vor. (Redaktion der Schalom-Bibliothek | pb) Kurt Eisner: Revolte f\u00fcr den Frieden. Nachlese, Erinnerung und Kontroversen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/revolte-fuer-den-frieden\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eREVOLTE F\u00dcR DEN FRIEDEN\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[218,319,303,1043],"tags":[8969,1317],"class_list":["post-60794","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bucher","category-geschichte","category-in-unserem-briefkasten","category-pressemitteilungen","tag-frieden","tag-kurt-eisner"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60794","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60794"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60794\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60794"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60794"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60794"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}