{"id":56754,"date":"2023-12-07T20:01:41","date_gmt":"2023-12-07T19:01:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=56754"},"modified":"2023-12-07T20:01:41","modified_gmt":"2023-12-07T19:01:41","slug":"grausame-genuesse-aber-nicht-ohne-alternative","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/grausame-genuesse-aber-nicht-ohne-alternative\/","title":{"rendered":"\u201eGrausame Gen\u00fcsse\u201c \u2013 aber nicht ohne Alternative"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Leo Tolstoi \u00fcber das Leiden der Tiere und eine Ern\u00e4hrung ohne T\u00f6ten<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/02-TFb_B014_Umschlag_GRAUSAME-GENUeSSEKlein.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"643\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/02-TFb_B014_Umschlag_GRAUSAME-GENUeSSEKlein-643x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-56755\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/02-TFb_B014_Umschlag_GRAUSAME-GENUeSSEKlein-643x1024.jpg 643w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/02-TFb_B014_Umschlag_GRAUSAME-GENUeSSEKlein-188x300.jpg 188w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/02-TFb_B014_Umschlag_GRAUSAME-GENUeSSEKlein-768x1223.jpg 768w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/02-TFb_B014_Umschlag_GRAUSAME-GENUeSSEKlein-964x1536.jpg 964w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/02-TFb_B014_Umschlag_GRAUSAME-GENUeSSEKlein.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Buchumschlag (Tolstoi Friedensbibliothek)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Ein neuer Band des pazifistischen Editionsprojekts \u201eTolstoi-Friedensbibliothek\u201c vereinigt Texte des russischen Dichters \u00fcber den Umgang des Menschen mit Tieren, eine Ern\u00e4hrung ohne Fleischverzehr und den Gebrauch von Rauschmitteln: Der Leinwandmesser (Erz\u00e4hlung 1863\/1886); Die erste Stufe (1891, drei verschiedene \u00dcbertragungen); \u00dcber die Jagd (1890); Warum die Menschen sich bet\u00e4uben (1890); Die Trunkenheit bei den leitenden Klassen (\u00dcbersetzung 1894); u.a. Vollst\u00e4ndig enthalten ist in dieser Ausgabe auch die seit \u00fcber einem Jahrhundert im Handel nicht mehr greifbare Anthologie &#8222;Grausame Gen\u00fcsse&#8220; (Berlin 1895).<\/strong><br \/><br \/>(<em>Buchinformation: Tolstoi-Friedensbibliothek<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>Tolstois Traktat \u00fcber die Fleischesser wurde von Mahatma Gandhi in besonderen Leseempfehlungen ber\u00fccksichtigt. Schon zu Lebzeiten galt der russische Dichter als &#8222;Sonne der vegetarischen Welt&#8220;. Zu den Aufkl\u00e4rungsschriften \u00fcber eine Ern\u00e4hrungsweise ohne T\u00f6ten geh\u00f6rt z.B. die ersch\u00fctternde Schilderung seines Schlachthaus-Besuchs in Tula am 7. Juni 1891 (Leseprobe nachfolgend).<br \/><br \/>F\u00fcr das letzte Lesebuch (1910) hat der &#8222;Alte von Jasnaja Poljana&#8220; sp\u00e4ter die Botschaft der Achtung des Lebens noch einmal folgenderma\u00dfen zusammengefasst: &#8222;Wir f\u00fchlen mit dem Herzen, dass das, wodurch wir leben, das, was wir unser Ich nennen, nicht nur in allen Menschen, sondern auch im Hunde, Pferde, in M\u00e4usen, im Huhn, Sperling und in der Biene \u2026 ein und dasselbe ist. \u2026 Wer ist dann der N\u00e4chste? Hierauf gibt es nur eine Antwort: \u201aFrag nicht, wer dein N\u00e4chster ist, sondern behandle alle Lebewesen so, wie du selbst behandelt werden m\u00f6chtest.\u2018 &#8211; Alles Lebende f\u00fcrchtet Qualen, alles Lebende scheut den Tod; erkenne dich nicht nur im Menschen, sondern in jedem Lebewesen; t\u00f6te nicht und verursache keine Leiden und Tod. Alles Lebendige will dasselbe wie du: erkenne dich in jedem Lebewesen. &#8211; Der Mensch steht nicht deswegen \u00fcber den Tieren, weil er sie qu\u00e4len kann, sondern weil er imstande ist, Mitleid mit ihnen zu empfinden \u2026, weil er f\u00fchlt, dass in ihnen ein und dasselbe Wesen lebt, wie in ihm selbst. \u2026 Die Zeit wird \u2026 kommen, und unsere Nachkommen werden sich wundern, dass ihre Vorfahren jeden Tag Millionen Tiere t\u00f6teten, um sie zu essen, obgleich man sich gesund und schmackhaft, ohne Mord, von Fr\u00fcchten der Erde ern\u00e4hren kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<p><strong>Leo N. Tolstoi: Grausame Gen\u00fcsse<\/strong>.<br \/>Texte \u00fcber das Leiden der Tiere, eine Ern\u00e4hrung ohne T\u00f6ten und Bet\u00e4ubungsmittel.<br \/>(Tolstoi-Friedensbibliothek: Reihe B, Band 14).<br \/>ISBN-Nummer 978-3-7583-0745-4 <span><a href=\"javascript:\"><img decoding=\"async\" identifier=\"978-3-7583-0745-4\" identifiertype=\"2\" title=\"Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt \u00fcbernehmen\" class=\"citavipicker\" style=\"border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg\"\/><\/a><\/span>; Paperback; 316 Seiten; Buchausgabe 13,99 Euro.<br \/>Inhalt und Leseprobe der gesamten Einleitung hier beim Verlag:<br \/><a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/grausame-genuesse-leo-n-tolstoi-9783758307454\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/buchshop.bod.de\/grausame-genuesse-leo-n-tolstoi-9783758307454<\/a><br \/><br \/>\u00dcbersicht und Informationen \u00fcber die gesamte Reihe (einschlie\u00dflich der kostenfrei abrufbaren Digitalversionen) auf der Projektseite: <a href=\"http:\/\/www.tolstoi-friedensbibliothek.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.tolstoi-friedensbibliothek.de<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>(TFb-Band B014: Leseprobe Seiten 95-102)<br \/><strong>Leo Tolstoi \u00fcber seinen Besuch im Schlachthaus von Tula<br \/><\/strong>(<em>F\u00fcr den 7. Juni 1891 vermerkte die damals 26j\u00e4hrige Tatjana, die \u00e4lteste Tochter Leo Tolstois: \u201ePapa ist heute mit dem Datschenzug nach Tula ins Schlachthaus gefahren und hat uns dar\u00fcber erz\u00e4hlt. Furchtbar ist das, und ich glaube, Papas Erz\u00e4hlung gen\u00fcgt, um mit dem Fleischessen aufzuh\u00f6ren.\u201c<\/em>)Ich war vor Kurzem im Schlachthause zu Tula. Es ist, nach dem Beispiel gro\u00dfer St\u00e4dte, mit allen Einrichtungen versehen, damit die zum T\u00f6ten bestimmten Tiere so wenig wie m\u00f6glich gequ\u00e4lt werden. Es war an einem Freitag, zwei Tage vor Pfingsten. Eine Menge Vieh war vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher schon, vor l\u00e4ngerer Zeit, nachdem ich das vortreffliche Buch ,,Ethics of Diet\u201c gelesen hatte, entstand in mir der Wunsch, ein Schlachthaus zu besuchen, um mit eigenen Augen das wahre Wesen desjenigen Gesch\u00e4fts zu sehen, von dem man spricht, wenn vom Vegetarianismus die Rede ist. Aber ich scheute mich, wie man sich stets scheut Leiden anzusehen, die sicherlich stattfinden, die man aber nicht abwenden kann, \u2013 und deshalb schob ich es immer auf.<br \/>Unl\u00e4ngst aber begegnete ich einem Schl\u00e4chter, der aus seiner Heimat zur\u00fcckkehrend, nach Tula ging. Er war nicht besonders geschickt und seine Funktion bestand im T\u00f6ten der Tiere mit dem Dolchmesser. Ich fragte ihn, ob es ihm denn nicht leid sei, Tiere zu t\u00f6ten. Er antwortete, wie man in solchem Fall gew\u00f6hnlich antwortet: \u201ewas ist da zu bedauern? es muss ja doch sein.\u201c Als ich ihm dann sagte, dass das Essen von Fleisch doch keine Notwendigkeit sei, da gab er mir recht und meinte auch, dass es ihm leid sei. \u201eAber was soll ich tun, ich muss doch mein Brot verdienen,\u201c sagte er. \u201eFr\u00fcher f\u00fcrchtete ich mich zu t\u00f6ten; mein Vater konnte sein Leben lang kein Huhn schlachten.\u201c Den meisten Russen widersteht es zu t\u00f6ten, die Tiere dauern sie und sie dr\u00fccken dies Gef\u00fchl mit den Worten aus, sie f\u00fcrchteten sich. Auch er hatte sich anfangs gef\u00fcrchtet, das war nun aber vergangen. Er erz\u00e4hlte mir, dass die meiste Arbeit des Freitags sei, und dass sie bis zum Abend w\u00e4hre.<br \/><br \/>Auch mit einem Soldaten geriet ich unl\u00e4ngst in ein Gespr\u00e4ch. Er war gleichfalls ein Schl\u00e4chter und staunte ebenfalls, als ich ihm sagte, dass das T\u00f6ten ihm doch eigentlich leid tun m\u00fcsse; er antwortete wie alle, es sei das schon so \u00fcblich, gab mir aber schlie\u00dflich doch recht und f\u00fcgte noch hinzu: \u201eBesonders wenn es ein ruhiges, zahmes Tier ist. Solch\u2019 liebes Gesch\u00f6pf ist so zutraulich. Wahrlich, es kann einem leid tun!\u201c<br \/><br \/>Einst kamen wir aus Moskau und lie\u00dfen uns unterwegs von Frachtfuhrleuten mitnehmen, die aus Sserpuchow in den Wald fuhren, um Holz f\u00fcr einen Kaufmann zu holen. Es war am Gr\u00fcndonnerstag. Ich sa\u00df auf dem ersten Wagen, neben dem Fuhrmann, einem starken, roten, rohen, augenscheinlich stark dem Trunke ergebenen Mann. Als wir in ein Dorf kamen, sahen wir, dass man ein gem\u00e4stetes Schwein aus dem \u00e4u\u00dferen Hause zum Schlachten hinausschleppte. Es quietschte f\u00fcrchterlich, und das klang fast wie Menschengeschrei. Grade als wir vor\u00fcberfuhren sollte das Tier geschlachtet werden. Einer gab ihm mit dem Messer einen Schnitt in den Hals. Das Schwein quietschte noch \u00e4rger und gellender, riss sich los und lief, von Blut \u00fcberstr\u00f6mt, davon. Ich bin kurzsichtig und konnte nicht alles genau beobachten, aber ich sah den rosenroten Leib des Tiers, \u00e4hnlich dem eines Menschen, und h\u00f6rte das verzweifelte Gequietsch; der Fuhrmann konnte alle Einzelheiten erkennen und er betrachtete sich alles aufmerksam. Man fing das Tier wieder ein, warf es nieder und schlachtete es vollends. Als das Geschrei vor\u00fcber war, seufzte der Fuhrmann tief auf und sagte: ,,Wird man sich denn wirklich daf\u00fcr nicht verantworten m\u00fcssen?\u201c<br \/><br \/>Man sieht hieraus, wie sehr die Menschen jede T\u00f6tung verabscheuen; leider geht dieses nat\u00fcrliche Gef\u00fchl durch die Erregung der menschlichen Habsucht, durch die Behauptung, dass Gott es gestattet habe, haupts\u00e4chlich aber durch die Gewohnheit g\u00e4nzlich verloren.<br \/><br \/>Am Freitag begab ich mich nach Tula, und als ich einem Bekannten, einem sanften, guten Mann, begegnete, lud ich ihn zum Mitgehen ein.<br \/><br \/>\u2013 Ja, ich h\u00f6rte bereits davon, dass die Einrichtungen dort vortrefflich sind und ich wollte sie mir auch schon ansehen; aber w\u00e4hrend man schlachtet, gehe ich nicht hinein.<br \/>\u2013 Weshalb denn nicht? Grade das m\u00f6chte ich sehen! Wenn man Fleisch essen will, muss doch auch geschlachtet werden.<br \/>\u2013 Nein, nein, das kann ich nicht sehen.<br \/>Das merkw\u00fcrdigste dabei ist, dass dieser Mann Vierf\u00fc\u00dfler und V\u00f6gel schie\u00dft und selbst ein J\u00e4ger ist.<br \/><br \/>Wir kamen an. Schon bei der Anfahrt war ein schwerer, ekelhafter, fauliger Geruch nach Tischlerleim oder dergleichen bemerkbar. Je n\u00e4her wir kamen, desto \u00e4rger wurde dieser Gestank. Das aus roten Ziegelsteinen erbaute Schlachthaus ist sehr gro\u00df, gew\u00f6lbt und mit hohen Schornsteinen versehen. Rechts befand sich ein umz\u00e4unter Hof in der Gr\u00f6\u00dfe einer Viertelhectare, auf den man an zwei Wochentagen das zum Verkauf bestimmte Vieh antreibt; am Ende dieses Platzes steht das W\u00e4chterh\u00e4uschen, links liegen die sogenannten Kammern, R\u00e4ume mit Bogenpforten, mit konkavem Asphaltboden und einer Einrichtung zum Aufh\u00e4ngen und Umladen der Rumpfe des geschlachteten Viehes. An der Mauer, vor dem H\u00e4uschen rechts, sa\u00dfen etwa sechs Schl\u00e4chter mit blutbegossenen Sch\u00fcrzen, mit aufgestreiften, bespritzten Hemd\u00e4rmeln \u00fcber den muskul\u00f6sen Armen, auf einer Bank. Vor etwa einer halben Stunde hatten sie ihr Tagewerk beendet, so dass wir diesmal nur die leeren Kammern sehen konnten. Obschon nun die Pforten von beiden Seiten offen standen, war der abscheuliche Geruch des warmen Bluts in den Kammern dennoch stark bemerkbar, der Fu\u00dfboden war braun und gl\u00e4nzend und in den Vertiefungen desselben stand das geronnene, schwarze Blut.<br \/>Einer von den Fleischern beschrieb uns wie man schlachtet und zeigte uns die Stelle, wo es geschieht. Ich verstand ihn nicht recht und machte mir eine falsche, aber sehr f\u00fcrchterliche Vorstellung davon; ich dachte mir, wie das wohl h\u00e4ufig geschieht, dass die Wirklichkeit einen weniger abschreckenden Eindruck auf mich hervorbringen werde. Darin t\u00e4uschte ich mich aber.<br \/><br \/>Das n\u00e4chste Mal kam ich zur rechten Zeit im Schlachthause an. Es war am Freitag vor Pfingsten, an einem hei\u00dfen Junitage. Der Geruch von Leim und Blut war an diesem Morgen noch intensiver und auff\u00e4lliger, als bei meinem ersten Besuch. Die Arbeit war in vollem Gange. Der ganze, staubige Platz war mit Vieh angef\u00fcllt, und alle Gehege vor den Kammern standen voll.<br \/><br \/>Auf der Stra\u00dfe bei der Anfahrt standen Bauernwagen mit angebundenen Ochsen, K\u00e4lbern und K\u00fchen. Auf andern, mit t\u00fcchtigen Pferden bespannten Wagen lagen lebendige K\u00e4lber, deren K\u00f6pfe herabhingen und hin- und herbaumelten; sie kamen an und wurden abgeladen; ebensolche Wagen, mit Ochsenleibern, deren Beine in die H\u00f6he gestreckt waren und sich hin- und her bewegten, mit Tierk\u00f6pfen, grellroten Lungen und schwarzbraunen Lebern, wurden vom Schlachthaus hinweggefahren Am Zaune standen die Reitpferde der Viehh\u00e4ndler. Diese selbst, in langen R\u00f6cken gekleidet, gingen mit Peitschen in den H\u00e4nden auf dem Hof umher und bezeichneten die Tiere, welche einem Herrn geh\u00f6rten, mit Teerfarbe oder sie handelten, oder f\u00fchrten die Stiere und Ochsen vom Platze hinweg in die Abtheilungen, aus denen sie dann in die Kammern kamen. Man sah, dass alle diese Leute mit Geldangelegenheiten und Berechnungen besch\u00e4ftigt waren, und dass es ihnen gar nicht einfiel zu \u00fcberlegen, ob es gut oder schlecht sei, diese Tiere zu t\u00f6ten; es war ihnen das ebenso fremd, wie der Gedanke an die chemische Zusammensetzung des Blutes, mit dem der Boden der Kammer besudelt war.<br \/><br \/>Von den Schl\u00e4chtern war niemand auf dem Hofe zu sehen, alle arbeiteten in den Kammern. Man t\u00f6tete an diesem Tage gegen hundert St\u00fcck Ochsen. Ich trat in eine Kammer und blieb an der Th\u00fcr stehen. Schon deshalb musste ich hier stehen bleiben, weil es in der Kammer selbst enge war, weil man mit den R\u00fcmpfen der Tiere darin hantierte und auch deshalb, weil unten das Blut dahinfloss und von oben herabtropfte; alle Schl\u00e4chter waren mit Blut besudelt, und w\u00e4re ich hineingegangen, so w\u00fcrde auch ich besudelt worden sein. Ein aufgeh\u00e4ngter Rumpf wurde abgenommen, ein anderer zur Th\u00fcr hinaustransportiert, das dritte Tier, ein get\u00f6teter Stier, streckte die wei\u00dfen Beine in die Luft, und der Schl\u00e4chter zog ihm mit starker Faust das angespannte Fell vom Leibe.<br \/>Aus der Th\u00fcr gegen\u00fcber f\u00fchrte man jetzt einen gro\u00dfen, gutgem\u00e4steten Stier herein. Zwei M\u00e4nner zogen ihn. Kaum war er in der Kammer, da sah ich, dass ein Schl\u00e4chter das Dolchmesser \u00fcber den Nacken des Tieres zuckte und zustach. Der Stier st\u00fcrzte zu Boden, als ob man ihm alle vier F\u00fc\u00dfe zugleich abgeschlagen h\u00e4tte; er zappelte mit den Beinen und dem Hinterteil Sofort warf sich ein Schl\u00e4chter auf den Vorderteil des Tieres, von der den zappelnden Beinen entgegengesetzten Seite, packte es bei den H\u00f6rnern, dr\u00fcckte ihm den Kopf herunter, und nun durchschnitt ihm ein anderer Schl\u00e4chter die Gurgel; das schwarzrote Blut quoll unter dem Kopfe hervor, und ein schmieriger Junge stellte eine Blechschale darunter. W\u00e4hrend dieser ganzen Prozedur streckte der Stier den Kopf in die H\u00f6he, als ob er sich aufrichten wollte und zappelte mit allen Vieren. Die Schale war bald mit Blut gef\u00fcllt, der Stier aber lebte noch, sein Leib wogte schwerf\u00e4llig auf und nieder, er schlug mit den Vorder- und Hinterbeinen um sich, so dass sich die Schl\u00e4chter in Acht nehmen mussten. Nachdem die eine Schale gef\u00fcllt war, nahm sie der Junge auf den Kopf und trug sie in die Albumin-Fabrik; ein anderer stellte eine zweite Schale unter, und auch diese f\u00fcllte sich nach und nach. Der Unterleib des Stiers wogte noch immer auf und ab, und er zuckte mit den Hinterbeinen. Als das Blut nicht mehr floss, hob der Schl\u00e4chter den Kopf des Stiers in die H\u00f6he und fing an, das Fell abzuziehen. Das Tier zuckte noch immer. Der Kopf wurde nun vom Fell entbl\u00f6\u00dft, er sah jetzt rot aus und war mit wei\u00dfen Sehnen durchzogen, auch nahm er jetzt die Lage ein, die ihm die Schl\u00e4chter gaben; das Fell hing von beiden Seiten herab, aber der Stier zuckte noch immer. Nun packte ihn ein anderer Schl\u00e4chter an ein Bein, zerbrach es und schnitt es ab. Der Leib und die anderen Beine zitterten noch immer. Man schnitt ihm dann auch die anderen Beine ab und warf sie auf einen Haufen, wo schon die Beine jener geschlachteten Stiere lagen, die dem gleichen Besitzer geh\u00f6rten. Dann schleppte man den Rumpf an die Winde und spannte ihn auf, und nun erst konnte man keine Lebenszeichen mehr wahrnehmen.<br \/><br \/>So betrachtete ich nun von der Th\u00fcr aus das Schlachten des zweiten, dritten und vierten Stiers. Bei allen die n\u00e4mliche Prozedur: der abgeschnittene Kopf mit der zwischen den Z\u00e4hnen hervorgestreckten Zunge und das zuckende Hinterteil. Der Unterschied lag nur darin, dass der Schl\u00e4chter nicht immer sofort die richtige Stelle traf, die den Stier zu Falle brachte. Es kam vor, dass er fehlschlug, dann b\u00e4umte sich der Stier auf, br\u00fcllte und riss sich blut\u00fcberstr\u00f6mt los. Aber man zog ihn dann unter einen Querbalken, schlug ihn ein zweites Mal, und er fiel.<br \/><br \/>Ich ging nun zur andern Th\u00fcr, wo die Tiere hereingef\u00fchrt wurden. Hier sah ich das n\u00e4mliche nur mehr in der N\u00e4he und daher deutlicher. Haupts\u00e4chlich aber sah ich hier das, was ich von der ersten Th\u00fcr aus nicht sehen konnte, n\u00e4mlich auf welche Weise man die Tiere in diese Th\u00fcr hineinzugehen zwang. Jedesmal wenn der Stier aus dem Gehege hervorgeholt wurde, und man ihn mit dem an den H\u00f6rnern befestigten Strick vorw\u00e4rts zog, str\u00e4ubte er sich, als er das Blut witterte, br\u00fcllte und wich zur\u00fcck. Zwei Menschen konnten ihn auch mit Gewalt nicht hineinziehen, ein Schl\u00e4chter ging daher hinter ihn, nahm ihn beim Schwanz, drehte denselben schraubenf\u00f6rmig, brach ihm die Schwanzr\u00fcbe entzwei, so dass die Knorpel krachten, und nun bewegte sich der Stier vorw\u00e4rts.<br \/><br \/>Nachdem die Tiere des einen Besitzers geschlachtet waren, kamen die des anderen an die Reihe. Das erste St\u00fcck aus dieser Partie war ein Ochs. Er war von guter Rasse, ein sch\u00f6nes, schwarzes Tier mit wei\u00dfen Abzeichen und ebensolchen Beinen, jung, muskelstark und energisch. Man zog ihn herbei; er senkte den Kopf und stemmte sich aufs \u00e4u\u00dferste. Aber der ihm folgende Schl\u00e4chter nahm ihn beim Schwanz, wie der Maschinist den Griff der Dampfpfeife ergreift, fing ihn an zu drehen, die Knorpel krachten und der Ochs st\u00fcrzte vorw\u00e4rts, stie\u00df die Leute, die ihn am Stricke hielten, nieder und stemmte sich wieder, wobei er mit dem einen schwarzen, blutunterlaufenen Auge seitw\u00e4rts schielte. Aber der Schwanz krachte wieder, der Ochs st\u00fcrzte abermals vorw\u00e4rts, und nun befand er sich dort, wo man ihn haben wollte. Der Schl\u00e4chter trat heran, zielte und stie\u00df zu, der Sto\u00df war fehlgegangen. Der Ochs b\u00e4umte sich auf, riss sich, mit Blut bedeckt, los und retirierte. Die Menschen an der Th\u00fcr nahmen Rei\u00dfaus. Aber die ge\u00fcbten Schl\u00e4chter, denen die stete Gefahr K\u00fchnheit verlieh, ergriffen schnell den Strick, packten den Schwanz, und der Ochs war pl\u00f6tzlich wieder in der Kammer, wo man seinen Kopf unter den Querbalken zog, von dem er sich nun nicht wieder losrei\u00dfen konnte. Der Schl\u00e4chter zielte rasch auf den Punkt, wo sich dass Haar sternf\u00f6rmig\u201c scheitelte; trotz des Blutes fand er ihn, stie\u00df zu, und das sch\u00f6ne, lebenskr\u00e4ftige Tier st\u00fcrzte nieder, zappelte mit dem Kopf und den Beinen, bis ihm das Blut abgezapft und der Kopf abgeh\u00e4utet wurde.<br \/><br \/>\u2013 Ha, du verfluchter Teufel, konntest nicht einmal auf den richtigen Fleck hinfallen, \u2013 brummte der Schl\u00e4chter, w\u00e4hrend er ihm das Fell am Kopfe zerschnitt.<br \/><br \/>F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter hing der vorhin schwarze, nun rote, nackte Kopf mit den gl\u00e4sernen Augen, die noch vor f\u00fcnf Minuten so sch\u00f6n gl\u00e4nzten, herab.<br \/><br \/>Nun ging ich in die Kammer, wo das Kleinvieh geschlachtet wurde. Es war dies eine sehr gro\u00dfe, lange Kammer mit asphaltiertem Fu\u00dfboden und mit Tischen, die mit Lehnen versehen waren. Hier schlachtete man Hammel und K\u00e4lber. Die Arbeit war schon beendet; in der langen, von Blutdunst geschw\u00e4ngerten Kammer befanden sich nur zwei Schl\u00e4chter; der eine blies durch das Beinfell einen get\u00f6teten Hammel auf und klopfte mit der Handfl\u00e4che auf den aufgeblasenen Leib; der andere, ein junger Bursche mit blutbespritzter Sch\u00fcrze, rauchte eine selbstgedrehte Zigarette. Weiter war niemand in dieser d\u00fcstern, langen, von widerlichem Geruch erf\u00fcllten Kammer. Bald nach mir kam ein dem Anschein nach entlassener Soldat und brachte einen an den F\u00fc\u00dfen zusammengebundenen, schwarzen diesj\u00e4hrigen Hammel, mit einem Abzeichen am Halse, und legte ihn auf einen der Tische wie auf ein Bett. Der Soldat, offenbar ein Bekannter, gr\u00fc\u00dfte und fragte beil\u00e4ufig, wann sie von ihrem Meister entlassen w\u00fcrden. Der Bursch mit der Zigarette trat mit dem Messer n\u00e4her, wetzte es am Tischrand und antwortete: an den Feiertagen. Der lebendige Hammel lag so ruhig da, wie der tote, aufgeblasene; nur pendelte er mit dem kurzen Schw\u00e4nzchen, und seine Seiten hoben und senkten sich schneller als sonst. Der Soldat dr\u00fcckte ihm den sich aufrichtenden Kopf leicht und ohne besondere Anstrengung nieder; der Bursch nahm, ohne das Gespr\u00e4ch zu unterbrechen, den Hammel beim Kopf und schnitt ihm in die Gurgel. Der Hammel zappelte, das Schw\u00e4nzchen wurde steif und pendelte nicht mehr. Der Bursch wartete nun, bis das Blut nicht mehr herausfloss und z\u00fcndete sich die erloschene Zigarette wieder an. Das Blut str\u00f6mte, der Hammel lag da und zuckte. Das Gespr\u00e4ch wurde ununterbrochen fortgef\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leo Tolstoi \u00fcber das Leiden der Tiere und eine Ern\u00e4hrung ohne T\u00f6ten Ein neuer Band des pazifistischen Editionsprojekts \u201eTolstoi-Friedensbibliothek\u201c vereinigt Texte des russischen Dichters \u00fcber den Umgang des Menschen mit &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/grausame-genuesse-aber-nicht-ohne-alternative\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e\u201eGrausame Gen\u00fcsse\u201c \u2013 aber nicht ohne Alternative\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[218,319,46,49],"tags":[9104,2842,4695,2039],"class_list":["post-56754","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bucher","category-geschichte","category-philosophie","category-religion","tag-friedensbibliothek","tag-lew-tolstoi","tag-peter-buerger","tag-schlachthof"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56754","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=56754"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56754\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=56754"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=56754"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=56754"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}