{"id":55632,"date":"2023-08-14T17:00:00","date_gmt":"2023-08-14T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=55632"},"modified":"2023-08-15T17:12:05","modified_gmt":"2023-08-15T15:12:05","slug":"wasserkrise-neues-modell-fuer-den-trinkwassermarkt-in-jordanien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wasserkrise-neues-modell-fuer-den-trinkwassermarkt-in-jordanien\/","title":{"rendered":"Wasserkrise &#8211; Neues Modell f\u00fcr den Trinkwassermarkt in Jordanien"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">UFZ-Forschungsteam gelingt es, den Schwarzmarkt f\u00fcr Trinkwasser zu quantifizieren<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/2023081401JordanienKlein.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/2023081401JordanienKlein-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-55633\" style=\"width:700px\" width=\"700\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/2023081401JordanienKlein-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/2023081401JordanienKlein-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/2023081401JordanienKlein-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/2023081401JordanienKlein.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Die S\u00e4ulenpaare zeigen, dass die laut UFZ-Modellierung in 2015 tats\u00e4chlich erfolgten Grundwasserentnahmen f\u00fcr Tanklasterlieferungen (rosa) die gesetzlich erlaubten Wasserentnahmen (gr\u00fcn) in allen sechs beobachteten Grundwasserbecken Jordaniens deutlich \u00fcberstiegen haben. Besonders gro\u00df ist der Unterschied in der Region Amman-Zarqa. Dort wurde laut UFZ-Modell 7x mehr Grundwasser illegal entnommen als offiziell per Lizenz erlaubt ist.<br \/>(Bild:<\/em> UFZ)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong><\/strong><strong>Wasserknappheit ist in zahlreichen Regionen der Welt ein Problem. Folgen davon sind Schwarzm\u00e4rkte f\u00fcr Trinkwasser, unerlaubte Wasserentnahmen aus privaten Brunnen und der unkontrollierte R\u00fcckgang der Grundwasservorr\u00e4te. F\u00fcr Jordanien, das zu den wasser\u00e4rmsten Staaten der Welt z\u00e4hlt, analysiert ein vom Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Umweltforschung (UFZ) koordiniertes Team internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem Beitrag f\u00fcr <em>Nature Sustainability<\/em> die Rolle der Wasserm\u00e4rkte und deckt die zunehmende Abh\u00e4ngigkeit der Bev\u00f6lkerung vom illegalen Wasserhandel auf. Der Artikel identifiziert L\u00f6sungen, mit denen der Staat die Wasserversorgung angesichts des Klimawandels stabilisieren k\u00f6nnte.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In mehr als 30 St\u00e4dten der Welt sind Millionen Menschen darauf angewiesen, ihr Trinkwasser aus Speichertanks zu beziehen, denn oft kommt das Wasser nur stundenweise aus dem Wasserhahn. Wenn die \u00f6ffentliche Wasserversorgung nicht ausreicht, greifen Haushalte und Unternehmen zumeist auf private Anbieter zur\u00fcck: Lastwagen bringen Trinkwasser, das oft aus Grundwasserbrunnen gezapft wird, vom Land in die St\u00e4dte und verkaufen es dort &#8211; zum Teil mit staatlicher Lizenz, zu einem Gro\u00dfteil aber illegal. &#8222;In Jordanien gleicht dieser Markt f\u00fcr Wasserlieferungen per Tankwagen das Defizit des \u00f6ffentlichen Wasserleitungsnetzes aus&#8220;, sagt der UFZ-\u00d6konom Dr. Christian Klassert, Erstautor der Studie. Doch welche Rolle die gr\u00f6\u00dftenteils illegal gehandelten Wasserlieferungen auf dem jordanischen Wassermarkt konkret spielen, war bislang unklar. &#8222;Die offiziellen Daten zu den Brunnenentnahmen f\u00fcr die LKW-Wasserlieferungen spiegeln die Realit\u00e4t nicht wider. Sie liegen deutlich drunter, weil der Schwarzmarkt f\u00fcr Tankwasser bisher nicht quantifiziert werden konnte.&#8220; Solange private Wasserm\u00e4rkte die Schw\u00e4chen der \u00f6ffentlichen Wasserversorgung ausgleichen, gibt es zudem f\u00fcr den Staat nur einen geringen Handlungsdruck, diese zu verbessern. Allerdings werden die Grundwasservorr\u00e4te irgendwann aufgebraucht sein. Deswegen braucht es den Einblick in die Blackbox solcher Schwarzm\u00e4rkte: Deren Beitrag zur Wassersicherheit, die Auswirkungen auf die Gesellschaft, auf die Umwelt und insbesondere auf die Grundwasservorr\u00e4te sowie m\u00f6gliche Folgen einer strengeren staatlichen Regulierung der M\u00e4rkte sind Fragen, f\u00fcr die es vor dem Hintergrund des Klimawandels dringend Antworten braucht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die UFZ-Wissenschaftler entwickelten deswegen mit Hydrologen der Stanford University ein sozio-\u00f6konomisches Computermodell des jordanischen Wassersektors, das den menschengemachten mit dem nat\u00fcrlichen Wasserkreislauf verkn\u00fcpft. Als Besonderheit erweiterten sie das Modell durch eine Simulation des Schwarzmarktes f\u00fcr Wasser &#8211; ein schwieriges Unterfangen, weil daf\u00fcr bislang kaum verl\u00e4ssliche Daten vorlagen. Um die Menge des dort gehandelten Wassers und die Auswirkungen auf Grundwasserst\u00e4nde, den Energieverbrauch oder den Aussto\u00df von Treibhausgasen verl\u00e4sslich modellieren zu k\u00f6nnen, befragten sie in Jordanien Brunnenbesitzer und Tankwagenfahrer, aus welchen Brunnen sie wie viel Wasser f\u00f6rdern, wie gro\u00df die Entfernungen zwischen Brunnen und Absatzmarkt sind und wie h\u00e4ufig sie diese Routen auf sich nehmen. Mit diesem Modellierungsansatz gelang es den UFZ-\u00d6konomen erstmals, die Ausma\u00dfe des Schwarzmarktes beispielhaft f\u00fcr das Jahr 2015 in Zahlen zu fassen. Demnach \u00fcbertraf die illegal gehandelte Wassermenge jene Menge, die \u00fcber staatliche Lizenzen offiziell gehandelt werden durfte, um das 10,7-Fache. Das bedeutet, dass im Jahr 2015 91 Prozent der per LKW gelieferten Wassermengen illegal aus Brunnen entnommen wurde. &#8222;Die Bedeutung der illegalen Wasserlieferungen per Tankwagen wurde bislang v\u00f6llig untersch\u00e4tzt&#8220;, bilanziert UFZ-Forscher Klassert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Projektionen der Forscher wird die Bedeutung der Wasserlieferungen per Tankwagen k\u00fcnftig weiter zunehmen: &#8222;Die Abh\u00e4ngigkeit der Haushalte von den Wassertanks wird bis zum Jahr 2050 um das 2,6-Fache steigen, also von 4,6 Prozent der Bev\u00f6lkerung auf 12 Prozent&#8220;, sagt Co-Autor und UFZ-\u00d6konom Prof. Dr. Erik Gawel. Wesentliche Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind das hohe Bev\u00f6lkerungswachstum und die abnehmenden Grundwasservorr\u00e4te. Gleichzeitig wird ein Teil der Haushalte diese Art der Wasserlieferungen aufgrund steigender Wasserpreise nicht mehr nutzen k\u00f6nnen: Da die durchschnittlichen Entfernungen zwischen Brunnen und Absatzmarkt von 13 auf 20 Kilometer steigen und die Wasserf\u00f6rderung immer aufwendiger wird, k\u00f6nnte sich der Preis pro Kubikmeter Wasser von drei US-Dollar im Jahr 2016 auf vier US-Dollar im Jahr 2050 erh\u00f6hen. \u00c4rmere Haushalte werden so an ihre finanziellen Grenzen sto\u00dfen, zumal der Preis daf\u00fcr schon jetzt um fast das F\u00fcnffache \u00fcber dem f\u00fcr Leitungswasser aus dem Hahn liegt. &#8222;Die Preise sind allerdings nicht grundlos \u00fcberh\u00f6ht, sondern bilden auch die Produktions-, Personal- und Transportkosten realistisch ab&#8220;, sagt Erik Gawel. F\u00fcr finanziell schw\u00e4cher gestellte Bev\u00f6lkerungsschichten, die in Gegenden mit schlechter \u00f6ffentlicher Wasserversorgung leben, werden die hohen Wasserpreise in Zukunft zum Problem. &#8222;In diesen F\u00e4llen m\u00fcsste der Staat eingreifen, etwa indem er die staatliche Wasserversorgung verbessert oder den Kauf des Wassers f\u00fcr diese Bev\u00f6lkerungsgruppen subventioniert&#8220;, sagt er.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die unkontrollierte Entnahme von Trinkwasser hat jedoch nicht nur gesellschaftliche Folgen, sondern wirkt sich auch auf die Grundwasservorr\u00e4te aus. In Regionen, in denen der Anteil illegaler Brunnen besonders hoch ist, wie etwa in der Umgebung der Hauptstadt Amman und der Stadt Zarqa, sinkt der Grundwasserstand rapide, mancherorts um 3,5 Meter pro Jahr. Schon jetzt m\u00fcssen Brunnen bis in eine Tiefe von 220 Metern gebohrt werden, um dort noch Wasser zu f\u00f6rdern. Im Norden des Landes geht das verf\u00fcgbare Grundwasser in einigen Regionen den Modellierungen der UFZ-\u00d6konomen zufolge bis zum Jahr 2100 um bis zu 60 Prozent zur\u00fcck. Die Entnahme von Brunnenwasser f\u00fcr Tankwagen tr\u00e4gt signifikant zu dieser Entwicklung bei und macht in manchen Landesteilen ein Drittel des zu viel entnommen Wassers aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Untersucht haben die UFZ-Wissenschaftler auch, wie der Staat eingreifen kann, um die negativen Auswirkungen des Schwarzmarkts einzud\u00e4mmen. M\u00f6glichkeiten gibt es einige, derzeit l\u00e4sst die jordanische Regierung beispielsweise illegale Brunnen schlie\u00dfen. &#8222;Das stabilisiert zwar den R\u00fcckgang des Grundwasserspiegels, hat aber negative Folgen f\u00fcr finanziell schw\u00e4chere Bev\u00f6lkerungsschichten, die abh\u00e4ngig sind von der Trinkwasserzufuhr \u00fcber die Tankwagen und sich dann das Wasser nicht mehr leisten k\u00f6nnen&#8220;, sagt Co-Autor Prof. Dr. Bernd Klauer, der am UFZ als Wasser\u00f6konom zu Wasserknappheits- und Wasserqualit\u00e4tsproblemen forscht. Die Lastwagen m\u00fcssen zunehmend entlegenere Brunnen anfahren, so dass die Transportkosten steigen und f\u00fcr die Beh\u00f6rden die Kontrolle der Wassertransporte erschwert wird. Infrage kommen auch noch andere Ma\u00dfnahmen wie der Bau gro\u00dfer Entsalzungsanlagen von Meerwasser oder eine st\u00e4rkere Regulierung der Lieferung von Wasser f\u00fcr gewerbliche Nutzungen. Sehr effizient w\u00e4re aus Sicht der UFZ-Wissenschaftler die Reparatur der Wasserleitungen, aus denen wegen Leckagen viel Wasser verloren geht. &#8222;W\u00fcrde der Staat in die maroden Wasserleitungen investieren, k\u00f6nnte das die Zunahme der unkontrollierten Grundwasserentnahme bis zum Jahr 2050 auf 19 Prozent drosseln, da nicht nur weniger Wasser verloren ginge, sondern das gelieferte Wasser auch gerechter verteilt w\u00fcrde&#8220;, sagt Bernd Klauer. Koppele man dies mit dem gro\u00dffl\u00e4chigen Ausbau von Entsalzungsanlagen, k\u00f6nnte das die Nachfragen nach den Wasserlieferungen per Tankwagen entscheidend eind\u00e4mmen. Dass der Staat in jedem Fall handeln sollte, steht f\u00fcr die UFZ-\u00d6konomen au\u00dfer Frage. &#8222;Das Ausma\u00df der Wasserlieferungen zeigt, wie unsicher der Zugang zu Trinkwasser in Jordanien jetzt schon ist. Gleichzeitig w\u00e4chst die Bev\u00f6lkerung rasant, zumal das Land viele Gefl\u00fcchtete aus dem Irak und aus Syrien aufgenommen hat. Die Probleme der Trinkwasserversorgung werden also nicht verschwinden, sondern immer dr\u00e4ngender&#8220;, sagt Christian Klassert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Publikation:<br \/><\/strong>Christian Klassert, Jim Yoon, Katja Sigel, Bernd Klauer, Samer Talozi, Thibaut Lachaut, Philip Selby, Stephen Knox, Nicolas Avisse, Amaury Tilmant, Julien J. Harou, Daanish Mustafa, Josu\u00e9 Medell\u00edn-Azuara, Bushra Bataineh, Hua Zhang, Erik Gawel and Steven M. Gorelick. Unexpected growth of an illegal water market. Nature Sustainability. doi: 10.1038\/s41893-023-01177-7 <a href=\"javascript:\"><\/a><br \/><a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41893-023-01177-7\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41893-023-01177-7<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>UFZ-Forschungsteam gelingt es, den Schwarzmarkt f\u00fcr Trinkwasser zu quantifizieren Wasserknappheit ist in zahlreichen Regionen der Welt ein Problem. 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