{"id":54906,"date":"2023-04-26T21:20:56","date_gmt":"2023-04-26T19:20:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=54906"},"modified":"2023-04-26T21:20:56","modified_gmt":"2023-04-26T19:20:56","slug":"leo-n-tolstoi-ueber-die-schoenheit-der-menschen-des-friedens-und-den-ungehorsam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/leo-n-tolstoi-ueber-die-schoenheit-der-menschen-des-friedens-und-den-ungehorsam\/","title":{"rendered":"Leo N. Tolstoi \u00fcber die \u201eSch\u00f6nheit der Menschen des Friedens\u201c und den Ungehorsam"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein neuer Sammelband \u201eVerweigert das T\u00f6ten!\u201c<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230426TolstoiToetenVerweigern.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"643\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230426TolstoiToetenVerweigern-643x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-54907\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230426TolstoiToetenVerweigern-643x1024.jpg 643w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230426TolstoiToetenVerweigern-188x300.jpg 188w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230426TolstoiToetenVerweigern.jpg 700w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Buchcover &#8211; Das T\u00f6ten verweigern<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Die folgende ausf\u00fchrliche Buchvorstellung passt vielleicht zum morgigen Vortrag von Peter B\u00fcrger im B\u00fcrgerzentrum Alte Synagoge in Meschede um 19 Uhr. Siehe dazu auch hier im Blog: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/peter-buerger-no-peace-no-future-ohne-frieden-keine-zukunft\/\" target=\"_blank\">https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/peter-buerger-no-peace-no-future-ohne-frieden-keine-zukunft\/<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>(Gastbeitrag Tolstoi-Friedensbibliothek)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Leo N. Tolstoi:<\/strong> <strong>Das T\u00f6ten verweigern<\/strong><br \/>Texte \u00fcber die Sch\u00f6nheit der Menschen des Friedens und den Ungehorsam.<br \/>Neu ediert von Peter B\u00fcrger und Katrin Warnatzsch.<br \/>(Tolstoi-Friedensbibliothek: Reihe B, Band 3). Norderstedt: BoD 2023.<br \/>(ISBN 978-3-7519-1925-8 <span><a href=\"javascript:\"><img decoding=\"async\" identifier=\"978-3-7519-1925-8\" identifiertype=\"2\" title=\"Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt \u00fcbernehmen\" existsinproject=\"0\" class=\"citavipicker\" style=\"border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg\"\/><\/a><\/span>; Paperback; 292 Seiten; 12,90 Euro)<br \/>Inhaltsverzeichnis und Leseprobe auf der Verlagsseite:<br \/><a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/das-toeten-verweigern-leo-n-tolstoi-9783751919258\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/das-toeten-verweigern-leo-n-tolstoi-9783751919258<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein in diesem Fr\u00fchling vorgelegter Sammelband der von deutschen Pazifist:innen betreuten Friedensbibliothek erschlie\u00dft alle verstreuten Schriften des Russen Leo N. Tolstoi (1828-1910) zur Verweigerung des milit\u00e4rischen Mordhandwerks \u2013 soweit von ihnen gemeinfreie \u00dcbersetzungen vorliegen, au\u00dferdem Texte aus dem dichterischen Werk des Schriftstellers sowie Darstellungen zur Geschichte der Gegner des Soldatendienstes in Russland.<\/p>\n\n\n\n<p>Tolstoi bet\u00e4tigte sich in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten gezielt als \u201eWehrkraft-Zersetzer\u201c. Die unmissverst\u00e4ndliche Botschaft in einer kleinen Flugschrift aus dem Jahr 1901 wider die offizielle Dienstanweisung der Armee richtet sich an die schon \u201eunter den Waffen Stehenden\u201c und lautet:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSoldat, du hast schie\u00dfen, stechen, marschieren gelernt, man hat dich Lesen und Schreiben gelehrt, nach dem Exerzierplatz und zur Truppenschau gef\u00fchrt, vielleicht auch hast du einen Krieg mitgemacht, mit T\u00fcrken und Chinesen gek\u00e4mpft und alles ausgef\u00fchrt, was dir befohlen wurde; es ist dir wohl nie in den Kopf gekommen, dich zu fragen, ob es gut oder b\u00f6se ist, was du tust. \u2026 Wenn du in Wahrheit Gottes Willen erf\u00fcllen willst, kannst du nur eines tun, den schmachvollen und gottlosen Beruf eines Soldaten abwerfen und bereit sein, alle Leiden, welche dir daf\u00fcr auferlegt werden, geduldig zu ertragen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In einem zweiten \u201eDenkzettel f\u00fcr Offiziere\u201c f\u00fchrt Tolstoi gegen\u00fcber den Vorgesetzten aus:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr k\u00f6nnt immer aus eurer Stellung austreten. Wenn ihr aber nicht aus ihr austretet, so tut ihr dies nur deshalb, weil ihr vorzieht, in Widerspruch mit eurem Gewissen zu leben und zu wirken, als auf einige weltliche Vorteile zu verzichten, die euch euer ehrloser Dienst gew\u00e4hrt. Vergesst nur, dass ihr Offiziere seid, und denkt daran, dass ihr Menschen seid, und ein Ausweg aus eurer Lage wird sich sofort vor euch auftun. Dieser Ausweg ist der beste und ehrenvollste: versammelt die Abteilung, die ihr kommandiert, tretet vor sie hin und bittet die Soldaten um Verzeihung f\u00fcr alles das B\u00f6se, das ihr ihnen durch T\u00e4uschung zugef\u00fcgt habt, und h\u00f6rt auf, Soldat zu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Indessen l\u00e4sst sich in einer Gesamtschau aller Quellen aufzeigen, dass der \u201eAlte von Jasna Poljana\u201c nur solche angehenden Verweigerer ermutigt hat, die aus einer <em>inneren<\/em> Gewissheit heraus \u2013 ohne Blick auf Au\u00dfenwirkung, Beifall oder fremde Erwartungen \u2013 bereit waren, Schritte zu gehen, die eine bittere Verfolgung bis hin zum Letzten nach sich ziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Beichte\u201c eines soldatischen M\u00f6rders<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Leo Nikolajewitsch Tolstoi \u2013 der weltber\u00fchmte Dichter von <em>\u201eKrieg und Frieden\u201c<\/em> \u2013 kannte Milit\u00e4r und Krieg nur zu gut aus eigener Anschauung. Im Fr\u00fchjahr 1851 hatte er seinen \u00e4ltesten Bruder Nikolaj auf der R\u00fcckreise zu dessen Regiment in den Kaukasus begleitet, sp\u00e4ter dort und dann auch im Krimkrieg (1853-1856) als Soldat gek\u00e4mpft, zuletzt wegen sogenannter Tapferkeit eine Bef\u00f6rderung zum Leutnant erhalten und erst im M\u00e4rz 1856 sein im November des gleichen Jahres angenommenes Abschiedsgesuch vorbereitet. Die fr\u00fchen literarischen Arbeiten lassen z.\u00a0T. schon eine nonkonforme \u2013 jedenfalls nicht staatstragende \u2013 Betrachtungsweise der Menschenschl\u00e4chterei auf den \u201eFeldern der Ehre\u201c erkennen. Beim Zeitschriftenabdruck von <em>\u201eAnna Karenina\u201c<\/em> kam es bereits zu Problemen, weil der Dichter dem Kriegsprojekt gegen das Osmanische Reich (1877-1878) seinen Beifall versagte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als Zeugnis der L\u00f6sung einer mehrj\u00e4hrigen existentiellen Krise muss die Schrift \u201eMeine Beichte\u201c<a id=\"sdfootnote1anc\" href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a> (Ispoved&#8216;, 1879-1882) gelesen werden, die dem Autor erstmalig das Verbot eines ganzen Werkes durch die Zensurbeh\u00f6rde beschert. Darin schreibt er im R\u00fcckblick kurz und b\u00fcndig: \u201eIch bin im Kriege gewesen und habe gemordet.\u201c Die \u201etheologische\u201c Rechtfertigung des Krieges und anderer T\u00f6tungsakte des Herrschaftsapparates durch die orthodoxen Lehrautorit\u00e4ten ist in jenen Jahren schon der ma\u00dfgebliche Grund f\u00fcr Tolstois kompromisslose Absage an jenes Kirchentum<a id=\"sdfootnote2anc\" href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a>, das eine Symbiose mit dem Staat eingegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Christi Lehre und die Allgemeine Wehrpflicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Studie zur \u201aKritik der dogmatischen Theologie\u2018, intensiver Bibelarbeit mit dem Evangelium, Darlegungen des eigenen Glaubens und dem Ringen um eine christliche Antwort mit Blick auf das seit Anfang der 1880er Jahre erkundete Leben der Armen im Land wird Leo Tolstoi das 1890-1893 entstandene Buch <em>\u201eDas Reich Gottes ist in Euch \u2026\u201c<\/em> (1894) ver\u00f6ffentlichen. Dies ist im Gefolge aller Schriften ab der \u201eBeichte\u201c sein grundlegendes Werk \u00fcber die Unvereinbarkeit von Christentum und Soldatenhandwerk (bzw. staatlich-milit\u00e4rischer Gewalt).<\/p>\n\n\n\n<p>Raphael L\u00f6wenfeld f\u00fcgt als \u00dcbersetzer dem Werktitel noch den Zusatz \u201eChristi Lehre und die Allgemeine Wehrpflicht\u201c hinzu, den der russische Verfasser selbst zuerst der Deutlichkeit wegen erwogen hatte. Nach mehr als 110 Jahren hat die Tolstoi-Friedensbibliothek jetzt erstmals wieder eine ungek\u00fcrzte Neuedition<a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a> der deutschen Fassung dieses grundlegenden Titels herausgebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Tolstoi war freudig erregt, wenn er seinen mit der Bergpredigt des Nichtwiderstrebens (Gewaltfreiheit) untrennbar verkn\u00fcpften Weg der Kriegsverweigerung (Widerstand) wiederentdeckte bei viel fr\u00fcheren Lebenszeugen, so bei dem tschechischen Laien Peter Chelcickij (ca. 1390-1460) im Umkreis der B\u00f6hmischen Br\u00fcder, friedenskirchlichen Stimmen aus Nordamerika oder Vertretern der wahren \u2013 d.&nbsp;h. die Einheit der Menschheit enth\u00fcllenden und gewaltfreien \u2013 Religion in allen Kulturkreisen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Milit\u00e4rverweigerer wider die Priesterselbstanbetungs-Religion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er erhielt Anregung und Zuspruch von \u201eheterodoxen Gemeinschaften\u201c in Russland, die man in gro\u00dfkirchlichen Kreisen ver\u00e4chtlich als Sekten abtat und wegen fehlenden Staatsgehorsams unbarmherzig verfolgte. Dazu z\u00e4hlten u.&nbsp;a. die Molokanen (\u201eMilchtrinker\u201c), Duchoborzen (\u201eGeistesk\u00e4mpfer\u201c), die \u201eStundisten in der Ukraine oder Bauerndenker wie der Steinmetz Wassilij Sutajew (1819-1892). Am Schicksal der brutal drangsalierten Duchoborzen, die ihm als Lehrmeister:innen eines <em>aktiven<\/em> Widerstehens ohne Gewalt begegneten, nahm Tolstoi gro\u00dfen Anteil. Seine Versuche einer wirksamen Hilfe ersch\u00f6pften sich keineswegs in der Bereitstellung der Erl\u00f6se aus der Ver\u00f6ffentlichung des Romans <em>\u201eAuferstehung\u201c<\/em> (1899) f\u00fcr die Ausreise dieser \u201eGeistesk\u00e4mpfer\u201c nach Kanada.<\/p>\n\n\n\n<p>Kriegsdienstgegner wie der ehemalige Milit\u00e4rarzt Albert Skarvan (1869-1926) aus Ungarn wurden bedeutsame Vermittler von Tolstois Schrifttums. F\u00fcr verfolgte Verweigerer wie Peter Olchowik und Kyrill Sereda verfasste Leo N. Tolstoi eigenh\u00e4ndige Bittschriften. \u00dcber Briefwechsel ihm bekanntgewordene Vorbilder aus dem Ausland machte er \u00fcber Ver\u00f6ffentlichungen in aller Welt bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Geleitwort zur Biographie des nach Gef\u00e4ngnisqualen umgekommenen Waffenverweigerers Jewdokim Nikitschitch Droschin (1866-1894) schreibt Tolstoi:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sehen, dass Obrigkeiten, die sich f\u00fcr christlich halten, bei jeder Gelegenheit gegen Menschen, die sich weigern zu morden, in der offenkundigsten und feierlichsten Weise gezwungen sind, jenes Christentum und jenes sittliche Gebot zu verleugnen, auf welches sich ihre Gewalt allein st\u00fctzt. \u2026 In fr\u00fcheren Zeiten bildeten das von den Herrschern gemietete Heer ausgesuchte, verwahrloste, unchristliche und unwissende Leute oder Freiwillige und S\u00f6ldlinge. Fr\u00fcher hatte Niemand oder nur selten Jemand das Evangelium gelesen und die Leute kannten nicht dessen Geist, sondern glaubten alles, was ihnen die Priester sagten; aber auch schon fr\u00fcher \u2013 wenn auch selten \u2013 hielten manchmal strenggl\u00e4ubige Menschen, die man Sektierer nannte, den Milit\u00e4rdienst f\u00fcr eine S\u00fcnde und weigerten sich, ihn zu leisten. Jetzt dagegen gibt es keinen Menschen, der nicht verpflichtet w\u00e4re, bewusst mit seinem Geld, und im gr\u00f6\u00dften Teile Europas unmittelbar an den Vorbereitungen zum Mord oder am Mord selber Teil zu nehmen; jetzt kennen fast alle Menschen das Evangelium und den Geist der Lehre Christi, alle wissen, dass viele Priester bestochene Betr\u00fcger sind und Niemand mehr \u2026 glaubt ihnen; und jetzt ist es bereits so weit gekommen, dass nicht Sektierer allein, sondern Leute, die keine besonderen Dogmen bekennen, gebildete, freidenkende Menschen, sich weigern zu dienen und nicht nur in Bezug auf sich selbst, sondern offen erkl\u00e4ren, dass die Menschent\u00f6tung mit keinem Bekenntnis des Christentums zu vereinigen ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Den Repressionsapparat der Herrschenden und Besitzenden austrocknen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 23. M\u00e4rz 1980 wird der salvadorianische Erzbischof Oscar Romero den aus den Armen rekrutierten Sicherheitskr\u00e4ften seinen Landes, die im Dienste eines Herrschaftssystems der reichen Minderheit das Volk unterdr\u00fccken, zurufen: \u201eKein Soldat ist gezwungen, einem Befehl zu folgen, der gegen das Gesetz Gottes verst\u00f6\u00dft!\u201c (Mit dem \u00f6ffentlichen Aufruf zur Befehlsverweigerung hat er gleichsam sein eigenes Todesurteil unterschrieben.) An diesem Beispiel l\u00e4sst sich Tolstois Anliegen sehr gut beleuchten:<\/p>\n\n\n\n<p>Mit ihrer Teilnahme an Repressionsapparaten wie Milit\u00e4r und Polizei st\u00fctzen die Unterdr\u00fcckten die Macht der Besitzenden, wobei sie sogar einwilligen, Ihresgleichen zu qu\u00e4len oder zu t\u00f6ten. Erst wenn die Menschen an den Angelpunkten der Macht konsequent Gehorsam und Mitwirkung verweigern, ist Tolstoi zufolge eine Ver\u00e4nderung der traurigen Weltverh\u00e4ltnisse zu erhoffen. Die Herrschenden, machtgl\u00e4ubige Revolutionskader eingeschlossen, f\u00fcrchten indessen nichts mehr, als dass entsprechende Konzepte eines gewaltfreien Widerstehens ins allgemeine \u2013 \u00f6ffentliche \u2013 Bewusstsein gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht von Friedenskongressen, sondern von einer breiten Bewegung der Nicht-Kooperation wider die milit\u00e4rischen Totmachapparate erhoffte der russische Dichter eine \u00dcberwindung jenes zivilisatorischen Abgrundes, der sich in seinem letzten Lebensjahrzehnt abzeichnete.<\/p>\n\n\n\n<p>Tolstois Schriften haben den ersten Weltkrieg nicht verhindert, jedoch viele tausend Kriegsdienstverweigerer auf den Weg des \u201efrommen Ungehorsams\u201c gef\u00fchrt und in gn\u00e4digen Zeiten das Antlitz der Erde durchaus mit ver\u00e4ndert. Sie waren eine Inspiration f\u00fcr Gandhi in Indien und f\u00fcr religi\u00f6se Sozialisten bzw. Anarchisten in Europa oder Nordamerika, die dem irrationalen Heilsversprechen der Gewaltgottheit widersagt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>(N.B. Staatstragende \u201eLinke\u201c in unseren Tagen wissen von dieser \u00dcberlieferungslinie freilich nichts mehr. Sie halten sogar solche Kr\u00e4fte f\u00fcr Garanten von \u201eFreiheit\u201c, die via Militarisierung den Weg hinein in einen autorit\u00e4ren Kapitalismus weiter beschleunigen. Derweil bleibt im Einklang mit der R\u00fcstungsindustrie jene \u201eregelbasierte Weltordnung\u201c des Geldes erhalten, in der wenige Individuen \u00fcber mehr Verm\u00f6gen verf\u00fcgen als die \u00e4rmere H\u00e4lfte der ganzen Bev\u00f6lkerung des Planeten.)<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Unterzeichnenden des Manifests \u201eGegen die Wehrpflicht und die milit\u00e4rische Ausbildung der Jugend\u201c von 1930 geh\u00f6rten die Tolstoi-Vertrauten Pavel Birjukov und Valentin Bulgakov. Nahezu unm\u00f6glich erscheint es, dass ein einzelner Forscher so etwas wie eine globale Wirkungsgeschichte der Friedenswerke Tolstois schreiben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der einf\u00e4ltige Iwan und die Soldaten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu den literarischen Beispielen im neuen Sammelband z\u00e4hlt ein Auszug aus dem \u201eM\u00e4rchen von Iwan dem Dummkopf\u201c (1885), einer <em>verdeckten Kritik an Zarenherrschaft, Militarismus und Weltgef\u00fcge im Dienste der Reichen. Dieses \u201epolitische M\u00e4rchen\u201c wider die Symbiose von M\u00fcnze, Macht und Milit\u00e4r, das \u2013 aufgrund eines klugen Vorgehens \u2013 1886 unerwartet die russische Zensur passieren konnte und erst 1892 den Beh\u00f6rden mit Blick auf die popul\u00e4re Verbreitung missliebig war, erz\u00e4hlt die Geschichte der drei S\u00f6hne eines durchaus beg\u00fcterten Bauern<\/em>: <em>Der Krieger Semjon und der wohlhabende Kaufmann \u201eDickwanst Taras\u201c, die im weltlichen Sinn als erfolgreich gelten, handeln so r\u00fccksichtslos, dass der Familienfrieden leicht zerbrechen k\u00f6nnte. Doch Iwan, der als einf\u00e4ltig geltende dritte Sohn, hindert dies. Er bestellt mit Z\u00e4higkeit den elterlichen Bauernhof, versorgt den Vater sowie eine stumme Schwester und f\u00fcgt sich gutm\u00fctig gar den ungerechten Anspr\u00fcchen der gierigen Br\u00fcder. Diesen Familienfrieden wider alle Erwartung kann ein alter Satan nicht ertragen. Er schickt zun\u00e4chst drei nur bedingt erfolgreiche Unterteufel, um die Br\u00fcder zu entzweien. Sodann geht der Oberteufel selbst ans Werk. Am Ende werden Semjon (Milit\u00e4r, Waffenindustrie) und Taras (Kapital), die im Zusammenspiel beide zum Zarenstatus (politische Macht) aufgestiegen sind, zugrunde gerichtet sein. Der dritte Sohn Iwan erweist sich jedoch durchgehend als immun gegen\u00fcber den zerst\u00f6rerischen Verf\u00fchrungen der Teufel. Soldaten sind in seinen Augen allein n\u00fctzlich, wenn sie den Menschen lustig zur Musik aufspielen (danach muss man sie sofort wieder zur\u00fcck in \u201eStroh\u201c verwandeln). Goldm\u00fcnzen verschaffen ihm nur ein Gaudi, wenn er sie in die Luft werfen und unter die Leute verschenken kann. (Sobald das Geldgef\u00fcge der einfachen Bev\u00f6lkerung Not bringt, muss man es sabotieren.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fr\u00fchlingsvorboten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die aus einer Hinwendung zu Jesus aus Nazareth kommende Botschaft des weltweit verehrten Russen Leo Tolstoi, ohne die heute eine Zukunft der menschlichen Familie auf der Erde \u2013 ohne grenzenlose Barbarei \u2013 schier unvorstellbar erscheint, ist nicht verstummt. Bisweilen wagen sich auch in unserer Gegenwart Vorboten eines Fr\u00fchlings ohne Blutvergie\u00dfen ans Tageslicht. Im Jahr 2022 \u2013 w\u00e4hrend des russischen Angriffskrieges in der Ukraine \u2013 haben Kriegsdienstverweigerer und Pazifisten aus der Ukraine, Russland, Belarus und Finnland einen Film gemacht, der inzwischen unter dem Titel \u201eMake Art, Not War\u201c<a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> (2023) im Internet abgerufen werden kann \u2013 wahlweise auch mit Untertiteln in Englisch, Deutsch, Franz\u00f6sisch und Italienisch. Eingerahmt von Dichtungen aus der Ukraine und Wei\u00dfrussland steht das unvollendete Drama \u201eDas Licht leuchtet in der Finsternis\u201c von Leo N. Tolstoi im Mittelpunkt dieses k\u00fcnstlerischen Votums: Verweigert das T\u00f6ten!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Projektseite<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.tolstoi-friedensbibliothek.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.tolstoi-friedensbibliothek.de\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die dort eingestellten Publikationen der in digitaler (kostenfreier) und gedruckter Form edierten Bibliotheksreihen werden erg\u00e4nzt durch einen Offenen Lesesaal: <a href=\"https:\/\/www.tolstoi-friedensbibliothek.de\/lesesaal\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.tolstoi-friedensbibliothek.de\/lesesaal\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> <a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/meine-beichte-leo-n-tolstoi-9783744821315\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/meine-beichte-leo-n-tolstoi-9783744821315<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote2sym\" href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> <a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/staat-kirche-krieg-leo-n-tolstoi-9783734763014\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/staat-kirche-krieg-leo-n-tolstoi-9783734763014<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote3sym\" href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> <a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/das-reich-gottes-ist-in-euch-leo-n-tolstoi-9783748121657\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/das-reich-gottes-ist-in-euch-leo-n-tolstoi-9783748121657<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote4sym\" href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a> <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=j8eEkIgeJtg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=j8eEkIgeJtg<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neuer Sammelband \u201eVerweigert das T\u00f6ten!\u201c Die folgende ausf\u00fchrliche Buchvorstellung passt vielleicht zum morgigen Vortrag von Peter B\u00fcrger im B\u00fcrgerzentrum Alte Synagoge in Meschede um 19 Uhr. Siehe dazu auch &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/leo-n-tolstoi-ueber-die-schoenheit-der-menschen-des-friedens-und-den-ungehorsam\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLeo N. Tolstoi \u00fcber die \u201eSch\u00f6nheit der Menschen des Friedens\u201c und den Ungehorsam\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[218,319,46,49],"tags":[9104,2842,4695,3328],"class_list":["post-54906","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bucher","category-geschichte","category-philosophie","category-religion","tag-friedensbibliothek","tag-lew-tolstoi","tag-peter-buerger","tag-todesstrafe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54906","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=54906"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54906\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=54906"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=54906"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=54906"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}