{"id":44978,"date":"2019-09-27T21:15:23","date_gmt":"2019-09-27T20:15:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=44978"},"modified":"2019-09-27T21:15:23","modified_gmt":"2019-09-27T20:15:23","slug":"abenteuer-antiquariat-die-usa-aus-europaeischer-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/abenteuer-antiquariat-die-usa-aus-europaeischer-sicht\/","title":{"rendered":"Abenteuer Antiquariat: Die USA aus europ\u00e4ischer Sicht"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_44980\" aria-describedby=\"caption-attachment-44980\" style=\"width: 470px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44980\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/webillutitel.gif\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"355\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-44980\" class=\"wp-caption-text\">Oklahoma (aus Holitscher 1912)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>In den USA war ich nie und werde ich nie sein. Aber ich habe, neben meiner unrettbar USA-dominierten Musiksammlung, drei USA-Ecken in meinem B\u00fccherschrank, die mir viel bedeuten. Zum einen die literarischen Realisten von Twain \u00fcber Dos Passos und Lewis bis Faulkner, dann die fr\u00fchen Comics von Feininger, Herriman und, ja, auch Disney, schlie\u00dflich die Reiseberichte europ\u00e4ischer Intellektueller \u00fcber ihre Wahrnehmungen im Land. Um letztere soll es hier gehen.<\/strong><\/p>\n<p><em>(Der Artikel von Christian Gotthardt ist im September <a href=\"http:\/\/www.harbuch.de\/frische-themen-artikel\/abenteuer-antiquariat-75.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">zuerst im Harbuch<\/a> erschienen.)<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_44981\" aria-describedby=\"caption-attachment-44981\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44981\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/webillu-holitscher-1.gif\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"314\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-44981\" class=\"wp-caption-text\">Arthur Holitscher: Amerika heute und morgen, Berlin 1912. Im Versandantiquariat zu haben f\u00fcr ca. 30 \u20ac, Neuauflagen teilweise deutlich g\u00fcnstiger.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Arthur Holitscher: Amerika heute und morgen<\/strong><br \/>\nIhn kennt heute kaum noch jemand. Von etwa 1900 bis in die 1920er und 1930er Jahre hinein war er dagegen einer der bekanntesten und erfolgreichsten \u201eReiseschriftsteller\u201c.[1] Wie der muntere Kommunist Egon Erwin Kisch, aber eher von b\u00fcrgerlich-liberaler Seite. Er brachte seinen Lesern das Alltagsleben der neuen gro\u00dfen M\u00e4chte nahe, der Sowjetunion und eben auch der USA. Lesern, die damals absehbar keine Chance hatten, jemals selbst dorthin zu gelangen. Es sei denn in Uniform.<\/p>\n<p>Holitschers gro\u00dfes Talent waren die psychologische Einf\u00fchlung und der Wortschatz seiner Beschreibungen. Franz Kafka soll, nur auf Basis der Lekt\u00fcre Holitschers, die grandiosen New York-Schaupl\u00e4tze in seinem Roman \u201eAmerika\u201c gestaltet haben. Und das Lebensgef\u00fchl in dieser Stadt.<\/p>\n<p>Der Autor geht, nach den im \u00dcbrigen von allen der hier erw\u00e4hnten Autoren gewissenhaft absolvierten Stationen Ellis Island, Wolkenkratzer usw., ganz eigensinnige Wege. Seine sensiblen Beobachtungen \u00fcber p\u00e4dagogische Reformversuche, \u00fcber die Multikulturalit\u00e4t Kanadas, \u00fcber das brutale Leben in Chicago sind unbedingt lesenswert.<\/p>\n<p>Als befremdlich sto\u00dfen Holitschers Bemerkungen zur sog. Rassenfrage auf. Er ist zwar um eine humane Sicht bem\u00fcht, kolportierte aber zahllose rassistische Stereotype. Dies ist lehrreich, zeigt es doch, wie wenig ge\u00fcbt auch offene, gebildete, liberale Europ\u00e4er zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Umgang mit diesem Thema waren. Hier hatte der Kolonialismus offenbar ein Problem aufgeworfen, das aus dem Gef\u00fchls- und Kenntnishorizont des Alte-Welt-Establishments nicht zu l\u00f6sen war. Wie ich in einem anderen Kontext lernen konnte: Erste, wirklich \u00fcberzeugende antirassistische Positionen entstanden erstmals in den linksradikalen Seeleutegewerkschaften, die mit der kommunistischen Internationale kooperierten (so z.B. auf dem \u201eErsten Internationalen Kongress der Hafenarbeiter und Seeleute\u201c in Hamburg 1931).<\/p>\n<figure id=\"attachment_44982\" aria-describedby=\"caption-attachment-44982\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44982\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/webillu-holitscher2.gif\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"355\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-44982\" class=\"wp-caption-text\">Arthur Holitscher: Wiedersehen mit Amerika, Berlin 1930. Das Buch ist derzeit knapp und leider nur zu unangemessenen Preisen erh\u00e4ltlich. Abwarten\u2026<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Arthur Holitscher: Wiedersehen mit Amerika<\/strong><br \/>\n18 Jahre sp\u00e4ter, der Versuch einer Fortsetzung des Bestsellers. Vielleicht aber auch, oder vor allem, eine Art Widerruf der ehedem eher euphorischen Sicht. Der Text ist weit weniger ausladend, abstrakter und sehr konzentriert und kritisch.<\/p>\n<figure id=\"attachment_44983\" aria-describedby=\"caption-attachment-44983\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44983\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/webilluSimone-de-BeauvoirAmerika-Tag-und-Nacht.gif\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"355\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-44983\" class=\"wp-caption-text\">Simone de Beauvoir: Amerika Tag und Nacht, Hamburg 1950. Im Versandantiquariat zu haben f\u00fcr 2 bis 10 Euro.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Simone de Beauvoir: Amerika Tag und Nacht<br \/>\n<\/strong>Hierbei handelt es sich um das Reisetagebuch einer USA-Vortragstournee vom 25. Januar bis zum 20. Mai 1947. De Beauvoir, in Frankreich bereits gefeierte Erz\u00e4hlerin und Essayistin, lie\u00df sich auf Vermittlung des franz\u00f6sischen Kulturministers an den amerikanischen Universit\u00e4ten herumreichen und nahm an zahlreichen Diskussionsrunden teil. Im Vordergrund standen die gro\u00dfen Themen der Welt-Nachkriegsordnung, kulturelle Gemeinsamkeiten diesseits und jenseits des Atlantiks, das Verst\u00e4ndnis von Nation und Demokratie usw. Die engagierte Diskutantin tagte, in dichtem Zigarettenqualm und mit stets gef\u00fclltem Wiskeyglas, mit ihren amerikanischen Gespr\u00e4chspartnern aus Wissenschaft und Literaturbetrieb meist bis sp\u00e4t in die Nacht, wobei dann auch heiklere Themen wie Rassismus oder Sexismus zur Sprache kamen.<\/p>\n<p>Was mir an diesem Buch gef\u00e4llt, ist vielleicht in den Augen anderer sein gr\u00f6\u00dfter Mangel: De Beauvoir geht mit einer stets st\u00f6rrisch aufgesetzten europ\u00e4ischen Schutzbrille an die USA heran, und setzt sie niemals ab. Genauer gesagt, einer franz\u00f6sischen, humanistischen, laizistischen Schutzbrille. Sie mag einfach nicht akzeptieren, das Schlimmes in den USA passiert, weil es immer schon so passiert sei. Dies Argument l\u00e4sst sie nicht gelten. Sie erinnert mich an einen von mir gesch\u00e4tzten Lehrer in meiner Sch\u00fclerzeit. Als ich auf seine frustrierte Feststellung, die von der Schulleitung veranlasste Aufteilung der Pausenr\u00e4ume in Raucher und Nichtraucher w\u00fcrde nicht befolgt, antwortete, in dem einen Raum tr\u00e4fe sich die Junge Union und in dem anderen die Linken, und beide w\u00fcrden rauchen, sagte er: Wenn die Realit\u00e4t falsch ist, muss man sie \u00e4ndern. Klassischer maoistischer Voluntarismus, aber manchmal ein fruchtbarer Denkansto\u00df. Selige 1970er Jahre.<\/p>\n<p>Bei De Beauvoir beweist sich dies vor allem in der Darstellung ihrer Gespr\u00e4che mit Literaten und Aktivisten im Umfeld der schwarzen B\u00fcrgerrechtsbewegung, die sie konsequent suchte und ausf\u00fchrlich schildert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_44984\" aria-describedby=\"caption-attachment-44984\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44984\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/webillubrandes.gif\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"364\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-44984\" class=\"wp-caption-text\">Volkhard Brandes: Good bye, Uncle Sam, M\u00fcnchen 1971. Im Versandantiquariat zu haben f\u00fcr 3 bis 15 Euro.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Volkhard Brandes: Good bye, Uncle Sam<\/strong><br \/>\nDieses Buch habe ich 1974 gelesen, wir hatten es damals in unserer (vor dem Schulgel\u00e4nde verkauften) Sch\u00fclerzeitung empfohlen. Es brachte meine in der Kindheit und beim Heranwachsen entstandenen USA-Wahrnehmungen auf einen plausiblen Nenner. Der meinen Blick bis heute pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Meine Wahrnehmungen hatten viel mit dem Vietnam-Krieg zu tun. Ich erinnere mich an zwei Schlaglichter: Die legend\u00e4re Fotoserie des \u201eStern\u201c \u00fcber die Ausbildung von Kommandoeinheiten der US-Marines, und die allsonnt\u00e4gliche Berichterstattung des ARD-Magazins \u201eWeltspiegel\u201c \u00fcber die Kampfhandlungen. Das war alles stark erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, und ich war dankbar, dass mein gro\u00dfer Bruder, als \u201e68er\u201c, da war, mir beim Verstehen zu helfen.<\/p>\n<p>Bei Brandes lernte ich dann die Gesellschaft kennen, die hinter diesem Krieg stand. Er hatte Englisch und Amerikanistik studiert und war mehrfach durch die USA getrampt, hatte an Protesten gegen den Krieg teilgenommen und war auch abgeschoben worden. Sein Bericht ist nicht systematisch. Er gibt verst\u00f6rende Snapshots preis, die vor allem deshalb verst\u00f6rend sind, weil sie das, was wir geneigt sind f\u00fcr unsere europ\u00e4ischen Kulturstandards zu halten, massiv unterlaufen: Amerikanische Nazis, Slums in New York, Polizeikorruption und -gewalt, Truthahn-Wahnsinn der Mittelschicht bei Thanksgiving, Hire and Fire usw.<\/p>\n<p>Vielleicht damals eine vorurteilsbedingte Wahrnehmung eines deutschen Linken? Aber wenn wir die derzeit vom Trump-Aufstieg in den USA bzw. AfD-Aufstieg in Deutschland ausgehenden Tabubr\u00fcche bedenken, vielleicht doch eher eine gespenstische Weissagung. The times they are a`changing.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<h4><em>Anmerkungen<\/em><\/h4>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.harbuch.de\/#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eine sch\u00f6ne Zusammenstellung von Rezensionen und Originaltexten bietet die Friedrich Ebert Stiftung in <a href=\"https:\/\/www.fes.de\/e\/arthur-holitscher-neu-entdecken-mit-dem-historischen-vorwaerts\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.fes.de\/e\/arthur-holitscher-neu-entdecken-mit-dem-historischen-vorwaerts\/<\/a> (15.8.2019).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den USA war ich nie und werde ich nie sein. Aber ich habe, neben meiner unrettbar USA-dominierten Musiksammlung, drei USA-Ecken in meinem B\u00fccherschrank, die mir viel bedeuten. 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