{"id":44493,"date":"2019-07-17T06:14:09","date_gmt":"2019-07-17T05:14:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=44493"},"modified":"2019-07-17T06:14:54","modified_gmt":"2019-07-17T05:14:54","slug":"militaerseelsorge-im-hitlerkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/militaerseelsorge-im-hitlerkrieg\/","title":{"rendered":"Milit\u00e4rseelsorge im Hitlerkrieg"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-44497\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/20190717_070752.jpg\" alt=\"\" width=\"314\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/20190717_070752.jpg 314w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/20190717_070752-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 314px) 85vw, 314px\" \/><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Ein neues Dokumentationsbuch beleuchtet die staatskirchliche Assistenz beim Vernichtungsfeldzug gen Osten \u2013 ein Angebot auch f\u00fcr Leser, die sich keine teure Fachliteratur leisten k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p><em>(Text: Peter B\u00fcrger)<\/em><\/p>\n<p>Nahezu ausnahmslos standen die Kirchenleitungen der beiden gro\u00dfen Konfessionen 1939 bereit, um dem Staatswesen \u2013 wie schon 1914-1918 \u2013 erneute Kriegsbeihilfe zu leisten, und sie waren keineswegs unvorbereitet. R\u00fcckblickend wird der r\u00f6misch-katholische Feldgeneralvikar der Wehrmacht \u2013 und nachmalige erste Milit\u00e4rgeneralvikar der Bundeswehr \u2013 Georg Werthmann dies noch in einer Notiz vom 23. Mai 1945 (!) stolz vermerken: \u201eEs kann schon heute gesagt werden, dass die mobm\u00e4ssige [d.h.: im Zuge der Mobilmachung erfolgte, Anm.] Vorbereitung der Feldseelsorge in den Jahren von 1937 bis zum Beginn Kriegs besser und gr\u00fcndlicher durchgef\u00fchrt wurde als in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das Feldgesangbuch war gedruckt, die Kriegspfarrer namhaft gemacht.\u201c<\/p>\n<p>Die Kirchenleitungen unterst\u00fctzten von Anfang an die Kriegsf\u00fchrung des nationalsozialistischen F\u00fchrers, und 1941 erinnerten sie daran, dass sie ja schon lange einem christlichen Feldzug gegen den \u201egottlosen Bolschewismus\u201c das Wort geredet h\u00e4tten. In vielen Aufs\u00e4tzen taucht sp\u00e4ter die Behauptung auf, von einer eigentlichen Kriegsbegeisterung sei aber nichts zu sp\u00fcren gewesen. Nach dem Studium der Prim\u00e4rquellen fragt man sich, was mit diesem Stereotyp eigentlich ausgesagt werden soll. Wie w\u00e4ren denn die Kriegsworte der Hirten \u2013 samt der Voten f\u00fcr \u201eLebensraum-Sicherung\u201c \u2013 im Fall von noch mehr \u201eBegeisterung\u201c ausgefallen?<\/p>\n<p>Hitlers Rasse- und Vernichtungskrieg begann nicht erst 1941, sondern schon im September 1939, als Einheiten der Wehrmacht Tausende von polnischen Katholiken und Juden, Zivilisten und Kriegsgefangene ermordeten. Hinsichtlich des V\u00f6lkermordes an etwa 17 Millionen sowjetischen Zivilisten (und Zwangsarbeitern) und weit \u00fcber vier Millionen kriegsgefangenen Sowjetsoldaten (Mord durch Waffen, Hungerregime, biologische Kriegsf\u00fchrung) im Verlauf des \u201eOstfeldzuges\u201c hat sich bis heute keine \u00f6ffentliche Gedenkkultur in unserem Land entwickeln d\u00fcrfen. Doch die seit Ende des Kalten Krieges in der Geschichtswissenschaft vollends vollzogene Revolution der Faktenermittlung ist wohl nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, auch wenn die neuen Deutschnationalen im Parlament die Genozide von Wehrmacht und SS-Einheiten als \u201eVogelschiss\u201c in der Geschichte bewertet wissen wollen und ein \u201eRecht\u201c einfordern, \u201estolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen\u201c.<\/p>\n<p>Das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) war sich 1941 voll bewusst, dass nicht etwa eine Bek\u00e4mpfung der \u201ebolschewistischen Weltanschauung\u201c das Kriegsziel war, sondern der Raub von Ressourcen und die Eroberung von neuem Lebensraum f\u00fcr die \u201earische Rasse\u201c. Hierzu mussten die \u201eslawischen Untermenschen\u201c diesen \u201eLebensraum\u201c unfreiwillig verlassen, was nur durch systematischen V\u00f6lkermord erfolgen konnte. Von vornherein plante man bis zu 30 Millionen Hungertote ein, weil die Wehrmacht sich als berechtigt ansah, die eigene Versorgung \u00fcber den Diebstahl der Lebensmittel der von ihr als lebensunwert betrachteten Bev\u00f6lkerung in eroberten Gebieten zu organisieren (und z.B. Kinder als lebendige \u201eBlutkonserven\u201c f\u00fcr deutsche Soldaten zu internieren). Die genozidale \u201ePartisanenbek\u00e4mpfung\u201c der Wehrmacht, bei der die wirkliche Zahl der bewaffneten Widerstandsk\u00e4mpfer gegen die Angreifer einfach per Definition verzehnfacht wurde, diente zur Rechtfertigung, die Bev\u00f6lkerung Dorf f\u00fcr Dorf f\u00fcr Dorf \u2026 vollst\u00e4ndig zu ermorden.<\/p>\n<p>Ein sogenannter \u201eS\u00fchnebefehl\u201c vom 16.9.1941 bestimmte, f\u00fcr jeden vom Untergrund erschossenen Angeh\u00f6rigen der Wehrmacht 50 oder 100 Zivilisten hinzumetzeln. Die Vernichtung der Juden w\u00e4hrend des Ostfeldzugs wurde vorzugsweise von gro\u00dfen Hinrichtungskommandos \u201egeleistet\u201c, die Tag und Nacht im Schichtdienst ihr Massenmordhandwerk verrichteten. All dies war selbstredend nur zu bewerkstelligen, wenn man die eigenen Soldaten so zurichtete, dass vielen von ihnen das Abknallen, Qu\u00e4len, Vergewaltigen und Rauben am Ende regelrecht Spa\u00df bereitete und ungez\u00e4hlte Waffentr\u00e4ger innerlich starben, hernach auch als seelisch Tote aus dem Krieg heimkehrten \u2026<\/p>\n<p>Das Wissen um diese Potenzierung des modernen Kriegsgrauens, das so lange versch\u00fcttet war, macht es heute notwendig, die Kriegsaufzeichnungen aus dem milit\u00e4rkirchlichen Apparat des \u201eOstfeldzugs\u201c und die Nachkriegserinnerungen von beteiligten Milit\u00e4rgeistlichen mit ganz anderen Augen zu lesen. Die Priester und Pastoren in Soldatenuniform, erhoben in den Offiziersrang, waren nahe Zeugen der Verbrechen. Ihnen hatte man die Aufgabe zugewiesen, die Gewissen zu beruhigen, die Deserteure zum Schuldeingest\u00e4ndnis zu bewegen, den Verwundeten beizustehen und die Soldatengr\u00e4ber \u2013 bisweilen auch die Mordwaffen \u2013 einzusegnen.<\/p>\n<p>Nach 1945 etablierten sich freilich zun\u00e4chst Deutungsmuster, die jegliche Beunruhigung von vornherein abwehrten: Der Krieg gegen die Sowjetunion galt trotz allem irgendwie einer \u201erichtigen Sache\u201c. Die Wehrmacht war summa summarum \u2013 in \u201eguter deutscher Milit\u00e4rtradition\u201c \u2013 \u201eanst\u00e4ndig\u201c geblieben, denn nur der Waffen-SS musste vorgeworfen werden, den Weg der Ritterlichkeit bisweilen verlassen zu haben. Die Soldaten hatten schier \u201e\u00dcbermenschliches\u201c geleistet (die \u201eBesten\u201c waren wie eh und je \u201egefallen\u201c). Auch die \u2013 von Hitler ausdr\u00fccklich gebilligte, von der Partei aber zunehmend drangsalierte \u2013 Milit\u00e4rseelsorge hatte nach eigenem Bekunden im Verein mit dem traditionsbewussten Teil der Wehrmacht Unglaubliches unter schwierigsten Bedingungen vollbracht \u2026<\/p>\n<p>Man nehme nur das 1964 ver\u00f6ffentlichte Geschichts- und Geschichtenbuch des evangelischen Wehrmachtdekans a. D. Albrecht Sch\u00fcbel \u00fcber \u201e300 Jahre Evangelische Soldatenseelsorge\u201c zur Hand. Der Verfasser ist sich nicht sicher, ob Hitler \u00fcberhaupt Krieg gewollt hat. Vieles, was uns ungeheuerlich erscheint, wird von ihm ganz unbefangen und stolz vorgetragen. Dieser hochrangige Feldgeistliche sch\u00e4tzt sich u.a. gl\u00fccklich, vorz\u00fcgliche Referenzen von Gener\u00e4len der Wehrmacht \u00fcber die Milit\u00e4rseelsorge im Zweiten Weltkrieg anonymisiert abdrucken zu k\u00f6nnen. Mit solch guten Zeugnissen versehen konnten viele Kriegstheologen im Zuge der Wiederbewaffnung problemlos ihre milit\u00e4rkirchliche Karriereplanung wieder aufnehmen.<\/p>\n<p>Hitlers Kriegsapparat ist von deutschnationalen und NS-nahen Priestern, von bekennenden und deutschchristlichen Pastoren \u2026 und sogar von ausgesprochenen Regimegegnern in der Geistlichkeit gest\u00fctzt worden. Die Apologeten \u00fcbersehen einen entscheidenden Punkt: F\u00fcr die Opfer sind die unterschiedlichen vaterl\u00e4ndischen Ausrichtungen der Assistenten des Vernichtungskrieges nicht von Belang gewesen. So oder so waren Millionen Tode das Ergebnis.<\/p>\n<p>Jahrzehntelang wurden die Abgr\u00fcnde der staatskirchlichen Kriegsbeihilfe 1939-1945 verschleiert. Die neue, in Kooperation mit dem \u00d6kumenischen Institut f\u00fcr Friedenstheologie herausgegebene Dokumentation erschlie\u00dft auf 440 Seiten Forschungsbeitr\u00e4ge, Quellentexte, Interviews und Kommentare zur Milit\u00e4rseelsorge der beiden gro\u00dfen Kirchen in Hitlers Vernichtungsfeldzug. Die Richtlinien (24.5.1942) fielen denkbar eindeutig aus: &#8222;Die Feldseelsorge ist eine dienstliche Einrichtung der Wehrmacht. [&#8230;] Der siegreiche Ausgang des nationalsozialistischen Freiheitskampfes entscheidet die Zukunft der deutschen Volksgemeinschaft und damit jedes einzelnen Deutschen. Die Wehrmachtseelsorge hat dieser Tatsache eindeutig Rechnung zu tragen.&#8220;<\/p>\n<p>Durch die Vermittlung eines neuen Forschungsstandes wird deutlich, wie bereitwillig evangelische wie r\u00f6misch-katholische Milit\u00e4rseelsorgekomplexe \u2013 nach Ablegung eines Treueids auf den \u201eF\u00fchrer\u201c \u2013 dieser Vorgabe zur Kollaboration beim V\u00f6lkermord Folge geleistet haben. Nach Kriegsende warfen auch Soldaten den Milit\u00e4rgeistlichen vor, sie h\u00e4tten als gutbezahlte Offiziere &#8222;im Solde derer gestanden, die uns zur Schlachtbank gef\u00fchrt haben&#8220;.<\/p>\n<p>Das jetzt vorliegende Lesebuch enth\u00e4lt Beitr\u00e4ge von Christian Arndt, Holger Banse, Dieter Beese, Peter B\u00fcrger, Matthias-W. Engelke, Ulrich Finckh, Ulrike Heitm\u00fcller, Hartwig Hohnsbein, Herbert Koch, Dietrich Kuessner, Antonia Leugers, Heinrich Missalla (+), Kristian Stemmler, Erika Richter, Dieter Riesenberger und Martin R\u00f6w.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><em>Rainer Schmid \/ Thomas Nauerth \/ Matthias-W. Engelke \/ Peter B\u00fcrger (Hg.):<br \/>\nIm Sold der Schl\u00e4chter \u2013 Texte zur Milit\u00e4rseelsorge im Hitlerkrieg.<br \/>\n(edition pace 6). Norderstedt 2019.<br \/>\n(ISBN 9783748101727; Seitenzahl: 440; f\u00fcnfzehn farbige Abbildungen; Preis 14,99 Euro)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/im-sold-der-schlaechter-9783748101727\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/im-sold-der-schlaechter-9783748101727<\/a><br \/>\n(Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis oben links abrufbar)<br \/>\nMit einer Direktbestellung bei BoD f\u00f6rdern Sie die Friedensbibliothek der edition pace; das Werk ist auch \u00fcberall vor Ort im Buchhandel bestellbar.<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein neues Dokumentationsbuch beleuchtet die staatskirchliche Assistenz beim Vernichtungsfeldzug gen Osten \u2013 ein Angebot auch f\u00fcr Leser, die sich keine teure Fachliteratur leisten k\u00f6nnen (Text: Peter B\u00fcrger) Nahezu ausnahmslos &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/militaerseelsorge-im-hitlerkrieg\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eMilit\u00e4rseelsorge im Hitlerkrieg\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[319,7507],"tags":[8252,2965],"class_list":["post-44493","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte","category-nationalsozialismus","tag-militaerseelsorge","tag-zweiter-weltkrieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44493","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44493"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44493\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44493"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}