{"id":43835,"date":"2019-04-07T20:41:08","date_gmt":"2019-04-07T19:41:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=43835"},"modified":"2019-04-08T21:38:41","modified_gmt":"2019-04-08T20:38:41","slug":"zivilisatorischer-ernstfall-menschwerdung-die-botschaft-der-revoltierende-schuelergeneration-lautet-es-ist-nicht-zu-spaet-fuer-eine-glueckliche-jugend-des-homo-sapiens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/zivilisatorischer-ernstfall-menschwerdung-die-botschaft-der-revoltierende-schuelergeneration-lautet-es-ist-nicht-zu-spaet-fuer-eine-glueckliche-jugend-des-homo-sapiens\/","title":{"rendered":"Zivilisatorischer Ernstfall: Menschwerdung <div><small>Die Botschaft der revoltierende Sch\u00fclergeneration lautet: Es ist nicht zu sp\u00e4t f\u00fcr eine gl\u00fcckliche Jugend des homo sapiens<\/small><\/div>"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_43836\" aria-describedby=\"caption-attachment-43836\" style=\"width: 531px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-43836\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/The_First_Birth_Austrian_Lithograph_ca_1850.jpg\" alt=\"\" width=\"531\" height=\"719\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/The_First_Birth_Austrian_Lithograph_ca_1850.jpg 531w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/The_First_Birth_Austrian_Lithograph_ca_1850-222x300.jpg 222w\" sizes=\"auto, (max-width: 531px) 85vw, 531px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-43836\" class=\"wp-caption-text\">Die erste Geburt (Von Unbekannt &#8211; http:\/\/www.wilnitsky.com\/scripts\/redgallery1.dll\/details?No=17296, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=3999688)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Vor knapp 250 Jahren konnte der Dichter Matthias Claudius (1740-1815) seine Leserschaft noch dazu ermuntern, t\u00e4glich die Freude am eigenen Menschsein zu besingen: \u201eIch danke Gott, und freue mich \/ Wie \u2019s Kind zur Weihnachtsgabe, \/ Dass ich bin, bin! Und dass ich dich, \/ Sch\u00f6n menschlich Antlitz! habe\u201c.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>(Von Peter B\u00fcrger. Erstver\u00f6ffentlichung leicht abweichend und unter anderer \u00dcberschrift im Online-Magazin telepolis, 07.04.2019; neu mit Genehmigung des Autors)<\/em><\/p>\n<p>An die Sch\u00f6nheit der Gattung Mensch vermag heute ein Gro\u00dfteil des Publikums nicht mehr zu glauben. Zu offenkundig ist die \u00dcbermacht der zerst\u00f6rerischen und selbstm\u00f6rderischen Potenzen unserer Spezies geworden.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>In einem seit langem kursierenden Witz, der gar nicht lustig ist, dr\u00fcckt sich Hilflosigkeit aus: Die Erde klagt auf einem Planetentreffen, sie sei von einer Krankheit mit Namen homo sapiens befallen. Sie wird von den anderen Planeten getr\u00f6stet, diese Krankheit gehe gewiss bald vor\u00fcber.<\/p>\n<p>Es scheint also schon ausgemacht zu sein, dass es kein \u201eHappy End\u201c geben kann und der Mensch schlussendlich ob seiner H\u00e4sslichkeit abtreten muss: \u201eLeben, dieses Wunder unseres Universums, entstand vor vier Milliarden Jahren. Der Mensch trat vor rund 200 Tausend Jahren auf. Und doch hat er es in dieser relativ kurzen Zeit geschafft, das Gleichgewicht der Natur zu gef\u00e4hrden.\u201c (Yann Arthus-Bertrand: Dokumentarfilm \u201eHome\u201c, 2009)<\/p>\n<p>Angeblich soll zum Aufbegehren in unseren Tagen die grundlegende Theorie, \u201eErz\u00e4hlung\u201c oder Botschaft fehlen. Die radikale Fragestellung, die junge Menschen \u2013 trotz polizeistaatlicher Einsch\u00fcchterungsman\u00f6ver und des ignoranten \u201eVolkspartei\u201c-Personals \u2013 zu Protesten im Hambacher Forst und anderswo oder zu Schulstreiks in Bewegung setzt, wird bei diesem Lamento von Politstrategen \u00fcbersehen, gerade weil sie so grundlegend ist. Sie lautet: \u201eScheitert der homo sapiens?\u201c Eine politische Bewegung, die im 21. Jahrhundert die Gattungsfrage nicht stellt, kann weder ernstgenommen werden noch erfolgversprechend sein.<\/p>\n<p><strong>Das Drama des Menschen: Angst, nicht Stolz<\/strong><\/p>\n<p>An dieser Stelle gilt es jedoch, innezuhalten. Wenn wir nicht auf der Stelle treten wollen, ohne weiterzukommen, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst das Drama des Menschen erhellen. Die Mythen der V\u00f6lker wollen wissen, wir seien urspr\u00fcnglich eingebettet gewesen in ein paradiesisches Lebensgef\u00fcge. Ernst Bloch spricht von einer \u201eHeimat\u201c, die \u201eallen in die Kindheit scheint (und worin noch niemand war)\u201c. Sobald wir erwachen und zu Bewusstsein kommen, ist es uns offenbar verwehrt, tr\u00e4umend, kinderselig und \u201eunschuldig\u201c durch die Weltgeschichte zu gehen.<\/p>\n<p>Folgenreich ist jene Deutung des Paradiesverlustes, die besonders nachdr\u00fccklich Augustinus von Hippo vorgelegt hat. Der erste Mensch, so wollte dieser Kirchenvater wissen, sei der S\u00fcnde des Hochmutes verfallen und habe sich in einem Zustand wirklicher Wahlfreiheit aus eigenen St\u00fccken \u2013 ohne Zwang \u2013 f\u00fcr das B\u00f6se entschieden.<\/p>\n<p>In dieser Linie wird man der \u201eErz\u00e4hlung vom b\u00f6sen Menschen\u201c folgen, die Bestandteil jeder Herrschaftsideologie ist. Es bleibt dann nur noch die M\u00f6glichkeit, die Menschen durch Zwang vom Sch\u00e4ndlichen abzuhalten oder auf dem Weg der Moralpredigt zum Guten zu bewegen. Noch immer glauben gerade auch viele Gutgesinnte, das Weltgeschick lie\u00dfe sich durch moralische Verurteilungen und Appelle zum Besseren hinlenken.<\/p>\n<p>Eine andere Sichtweise hat am \u00fcberzeugendsten Eugen Drewermann er\u00f6ffnet. Er bleibt nicht stehen an jener Oberfl\u00e4che, an der sich die aufgebl\u00e4hte Brust des angeblich hochm\u00fctigen Menschen zeigt. Nicht aus St\u00e4rke, Stolz und Bosheit kommt das Drama der menschlichen Spezies, sondern aus Zerbrechlichkeit und Angst. Das \u201eS\u00e4ugetier Homo sapiens\u201c, ausgestattet mit einer zuvor in unserer Welt so nie gekannten Selbstbewusstheit, hat den Sprung in eine unerh\u00f6rte Freiheit geschafft. Es kann sich schier grenzenlose geistige Welten und Handlungsm\u00f6glichkeiten erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Kehrseite dieses Erwachens besteht jedoch darin, dass der Mensch sich seiner gro\u00dfen Verwundbarkeit so intensiv bewusst wird, dass er sogar Bedrohungen, die noch gar nicht da sind, im Voraus zu f\u00fcrchten lernt (und hierbei leicht das klare Denken verliert). Der Mensch wei\u00df nicht nur intuitiv, dass er einst sterben muss. Bei diesem Wesen, das in reflektierter Weise \u201eIch\u201c sagt, steigert sich zugleich das Bed\u00fcrfnis nach Geltung (Liebe) ins Uferlose.<\/p>\n<p>Hinter der Anma\u00dfung und \u00dcberhebung (Hybris) unserer Gattung steckt ein Minderwertigkeitskomplex sondergleichen, der durch die Endlichkeit unseres Daseins die ultimative Best\u00e4tigung erf\u00e4hrt. Wenn ich letztlich nur ein \u201eNichts\u201c bin, das mir nichts dir nichts von der Bildfl\u00e4che verschwinden kann, muss ich ruhelos danach trachten, \u201eAlles\u201c zu werden, der Mittelpunkt der Welt. Nicht ein freier Entscheid wider das \u201eGute\u201c, sondern die Angst der Nichtigkeit macht den Menschen \u201eb\u00f6se\u201c.<\/p>\n<p><strong>Aufr\u00fcstungen der Angst<\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb dieser Betrachtungsweise kann man gleichwohl keine statischen Wesensbestimmungen postulieren, denen zufolge die Gattung Mensch \u201evon Natur aus\u201c gut oder b\u00f6se ist. Alles entscheidet sich daran, ob sich unsere Menschwerdung unter dem Vorzeichen der Angst und des \u201eUngeliebtseins\u201c vollzieht \u2013 oder in einem Raum des Vertrauens und der Annahme.<\/p>\n<p>Das \u2013 individuelle wie kollektive \u2013 Drama des Menschen besteht darin, dass er der Angst, Ohnmacht und Nichtigkeit durch machtvolle Aufr\u00fcstungen, die im Kreis der S\u00e4ugetiere nur ihm m\u00f6glich sind, zu entkommen versucht, auf diese Weise aber geradewegs dem Tod in den Rachen l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Der destruktive Zivilisationsprozess, der am Ende die Selbstausl\u00f6schung unserer Gattung m\u00f6glich macht, geht auf Schritt und Tritt einher mit \u201eAufr\u00fcstungen der Angst\u201c: An sich \u201elegitime\u201c Bed\u00fcrfnisse und Vorsorgehandlungen, die wir auch in lebensdienlichen Modellen der Menschheitsgeschichte antreffen, verselbstst\u00e4ndigen sich und \u00fcberschreiten jedes Ma\u00df.<\/p>\n<p>Ohne Nahrungsbeschaffung k\u00f6nnen wir nicht leben. Die landwirtschaftliche Revolution vor \u00fcber 10.000 Jahren erm\u00f6glichte es uns erstmals, mehr Lebensmittel bereitzustellen als wir zum jeweiligen Zeitpunkt brauchen. Im Zuge der industriellen Revolution, die ein schier grenzenloses Wachstum der Weltbev\u00f6lkerung in Gang gesetzt hat, ist daraus schlie\u00dflich ein Agrarkomplex geworden, der die Lebensbedingungen auf dem Planeten dramatisch verschlechtert.<\/p>\n<p>Die Idee, Tauschgesch\u00e4fte \u00fcber unverderbliche symbolische \u201ePlatzhalter\u201c zu t\u00e4tigen, erscheint l\u00f6blich. Wie konnte daraus ein virtueller Fetisch \u201eGeld\u201c werden, der mit Systemen der Profitmaximierung und \u201eMachttiteln\u201c einhergeht, die die ganze Weltgesellschaft lenken, ohne von dieser kontrolliert zu werden? Acht oder achtzig oder achthundert hyperreiche Milliard\u00e4re besitzen inzwischen so viel wie die \u00e4rmere H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung. Unsere Spezies scheint jedoch unf\u00e4hig zu sein, diesem irrationalen Spuk ein Ende zu bereiten.<\/p>\n<p><strong>Die Totmach-Industrie des Milit\u00e4rkomplexes als Visitenkarte des homo sapiens<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Boden der systematisch betriebenen Landwirtschaft konnten St\u00e4dte und Gro\u00dfreiche entstehen. Die Imperien bauten nicht nur Schutzw\u00e4lle, sondern vor allem Instrumentarien zur Welteroberung. Obwohl man R\u00fcstungsg\u00fcter nicht essen kann, wurde ihre Produktion zu einem machtvollen Wirtschaftssektor.<\/p>\n<p>Heute sollen uns moderne Dokumentationsmedien belehren, das \u201eProgramm Krieg\u201c sei ein ma\u00dfgeblicher \u2013 unverzichtbarer \u2013 Fortschrittsmotor der menschlichen Zivilisationsgeschichte. Sp\u00e4testens seit Z\u00fcndung der ersten Atombombe kann aber jeder halbwegs gescheite Zeitgenosse erkennen, dass die milit\u00e4rischen Beherrschungswissenschaften aus dem Irrenhaus kommen, unserer Spezies jede Zukunft verbauen und in einen kollektiven Selbstmord m\u00fcnden.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der geistigen und materiellen Ressourcen der Weltgesellschaft, die so dringlich ben\u00f6tigt w\u00fcrden zur Bew\u00e4ltigung der zivilisatorischen Herausforderungen, wird unverdrossen der industriellen Kriegsapparatur zugef\u00fchrt. Mit jeder weiteren Maximierung von Zerst\u00f6rung und Leiden f\u00e4hrt dieser staatlich erw\u00fcnschte und subventionierte Komplex der Mordwaffenproduktion h\u00f6here Profite ein. Neue Kriege zu bewerben, das ist ein lohnendes Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Betrachten wir allein die astronomischen Aufwendungen f\u00fcr den schier endlosen Milit\u00e4reinsatz in Afghanistan, den auch in unserem Land nahezu alle Parteien mitgetragen haben. Die gigantische Gesamtsumme w\u00e4re bereits hinreichend, um auf dem Globus eine \u00dcberlebensoffensive zugunsten der n\u00e4chsten Generation der menschlichen Familie zu finanzieren.<\/p>\n<p>Damit im \u00f6ffentlichen Diskurs nicht zur Sprache kommt, dass es einzig um die Gewinne der in den Milit\u00e4rministerien gut vernetzten R\u00fcstungsindustrie und geostrategische Wahnideen geht, d\u00fcrfen das Totalversagen der kriegsgl\u00e4ubigen \u201eVerantwortungstr\u00e4ger\u201c, die Sinnlosigkeit, das desastr\u00f6se politische Ergebnis, das Morden im Namen der \u201ewestlichen Wertewelt\u201c und die seelischen Leiden der zur\u00fcckkehrenden Soldaten \u00f6ffentlich nicht ansichtig werden.<\/p>\n<p>Eine veraltete Politikerkaste, die von der revoltierenden Sch\u00fclergeneration hoffentlich bald abgew\u00e4hlt wird, findet all das ganz normal. Sie sch\u00e4mt sich z.B. nicht nach all den Abgr\u00fcnden der europ\u00e4ischen Geschichte, die wunderbare Idee einer deutsch-franz\u00f6sischen Freundschaft zu militarisieren. Politiker wie Annegret Kramp-Karrenbauer oder Friedrich Merz, denen jede Vision von glaubw\u00fcrdiger \u201eChrist-Demokratie\u201c abhandengekommen ist, fordern ohne rot zu werden neue Milliarden-Investitionen in die Totmach-Industrie des Krieges. Frieden ist aber auch f\u00fcr die dahinsiechende SPD kein zentrales Thema \u2013 zum eigenen Schaden.<\/p>\n<p><strong>Kollektive Hyperventilation<\/strong><\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur historischen Betrachtung unserer Spezies: Die \u201eAufr\u00fcstungen der Angst\u201c erreichten erst im j\u00fcngsten, sehr kurzen Abschnitt der Geschichte des homo sapiens ein kritisches Stadium. Die systematische Ausbeutung der vor 100 Millionen Jahren entstandenen fossilen Energieressourcen hat gleichsam \u201egestern\u201c erst begonnen und ist doch heute schon absehbar an ihr Ende gekommen. Die nur einem Teil der menschlichen Familie dienliche petrochemische Revolution, ma\u00dfgebliche Ursache des menschengemachten Klimawandels, setzte ein Zivilisationstempo frei, mit dem unsere Gattung nachweislich nicht mehr Schritt halten kann.<\/p>\n<p>Die nachfolgende Revolution der elektronischen Datenverarbeitung, die Kriegskomplexe, \u00d6konomien, Sozialgef\u00fcge, \u201e\u00d6ffentlichkeit\u201c, politische Prozesse und sogar das biologische Leben (Gentechnologie) durchgreifend ver\u00e4ndert, f\u00fchrt Beschleunigung geradewegs als Markenzeichen im Schilde.<\/p>\n<p>Das Zivilisationsph\u00e4nomen \u201et\u00f6dliche Angstgier\u201c kann veranschaulicht werden durch die lebensbedrohliche Angstatmung eines Individuums, welche die Medizin Hyperventilation nennt. Am Anfang k\u00f6nnen eine hirnorganische Erkrankung oder ein psychischer Angstzustand stehen, bei denen einem der Atem wegbleibt. Die Angst, keine Luft mehr zu kriegen, f\u00fchrt zu einer hektisch-getriebenen Ein- und Ausatmung, zu einer notvollen \u2013 am Ende t\u00f6dlichen \u2013 \u201eAngst-Gier\u201c. Unsere Zivilisation befindet sich in einer kollektiven Hyperventilation, die immer schneller wird, das klare Denken eintr\u00fcbt und keine Atempause mehr findet, um durchgreifende Korrekturen vorzunehmen.<\/p>\n<p>Zur Therapie bei Hyperventilation geh\u00f6rt unbedingt eine vertrauensvolle Beruhigung des Patienten (im Einzelfall allerdings auch die weniger sanfte Eind\u00e4mmung der gierigen Sauerstoffzufuhr z.B. mittels vorgehaltener T\u00fcte). Wir ben\u00f6tigen also zum \u00dcberleben ein gesellschaftliches, kulturelles und zivilisatorisches Klima des Vertrauens. Hierzu bedarf es keiner leeren Versprechungen und Placebos. Da es an wissenschaftlicher Expertise und den n\u00f6tigen technologischen Ressourcen keineswegs fehlt, gibt es ja wirklich Handlungsoptionen!<\/p>\n<p>Ein \u00f6ffentliches Gef\u00fcge, das den kritischen zivilisatorischen Ernstfall nicht verleugnet oder verdr\u00e4ngt, kann Menschen bef\u00e4higen, in den Abgrund zu sehen und doch nicht irre zu werden. Es gibt Anzeichen daf\u00fcr, dass immer mehr Menschen Klartext w\u00fcnschen: \u201eWir m\u00fcssen uns bewusst werden, dass unsere eigene W\u00fcrde auf dem Spiel steht. Wir sind die Ersten, die daran interessiert sind, der Menschheit, die nach uns kommen wird, einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen. Das ist ein Drama f\u00fcr uns selbst, denn dies beleuchtet kritisch den Sinn unseres eigenen Lebensweges auf dieser Erde.\u201c (Franziskus, Bischof von Rom)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend nun der Papst und Wissenschaftler auf dem ganzen Globus die Klimaproteste der Sch\u00fcler loben, ziehen es sogenannte Spitzenpolitiker aus CDU &amp; Co. vor, sich mit \u201eblauen Spie\u00dferbriefen\u201c vor der jungen Generation zu blamieren.<\/p>\n<p>Angst ist der Hauptmotor des selbstm\u00f6rderischen Zivilisationsprozesses. Zu widerstehen ist einerseits den Bet\u00e4ubungsmitteln, die von den genannten Spitzenpolitikern favorisiert werden, aber noch mehr der gro\u00dfen Versuchung, im politischen Gef\u00fcge eigene Angstparolen und Weltuntergangspredigten an die Stelle der herk\u00f6mmlichen Angstpropaganda zu setzen.<\/p>\n<p>Der Kult der Apokalypse und die Kulte der Bereicherung und des Krieges werden ja in den gleichen m\u00e4chtigen Bilderfabriken produziert. Irrationalismus, Ausweglosigkeit und Ohnmacht gehen aus diesem Komplex hervor, nie jedoch ein Aufbruch hin zu neuen Wegen.<\/p>\n<p><strong>Aufkl\u00e4rung und Eros<\/strong><\/p>\n<p>In vielen Diskursen wird \u00fcbersehen, dass Aufkl\u00e4rung und Eros nur als gemeinsames \u201eProjekt\u201c erfolgreich sein k\u00f6nnen. Nur ein Tabak-Raucher, der das Leben bejaht und sich nicht schon aufgegeben hat, wird auf den objektiven Nachweis eines beginnenden Lungenemphysems mit einer Ver\u00e4nderung seiner Lebensf\u00fchrung reagieren. Rationale und emotional-energetische Prozesse gehen Hand in Hand.<\/p>\n<p>Die \u2013 \u00f6konomischen, milit\u00e4rischen und politischen \u2013 G\u00f6tzen und Kulte des Todes sind Erzeugnisse unserer eigenen Aufr\u00fcstungen wider die Angst, auch wenn sie uns wie etwas \u201eAllm\u00e4chtiges\u201c gegen\u00fcberstehen. Die aufkl\u00e4rerische Botschaft lautet: Wir haben es bei den Komplexen, die die Weltgesellschaft scheinbar handlungsunf\u00e4hig machen, nicht mit au\u00dferirdischen D\u00e4monen oder ewigen Naturtatsachen zu tun, sondern \u201enur\u201c mit etwas Menschengemachtes.<\/p>\n<p>Die emotional-energetische Seite besteht darin, dass lustvolle Verl\u00e4sterungen und vor allem Liebeserkl\u00e4rungen an das Leben einen wichtigen Beitrag leisten, um die todbringenden G\u00f6tzen vom Thron zu st\u00fcrzen. Der linke Musiker \u201eKlaus der Geiger\u201c, der beides meisterhaft betreibt, \u00fcberwindet auf der B\u00fchne die Schwerkraft, wenn er singt: \u201eDas Leben ist sch\u00f6n! Hat man je was Sch\u00f6neres gesehn?\u201c<\/p>\n<p><strong>Zivilisatorische Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Die neuen Deutschnationalen (AFD &amp; Co) leugnen den Klimawandel, huldigen dem Kapitalismus und verbreiten das L\u00fcgenm\u00e4rchen, man k\u00f6nne mit hohen Mauern so etwas wie selige \u201eHeimat-Inseln\u201c bauen. Auf solchen dumpfen, zumeist bierseligen Hirngespinsten will die gegenw\u00e4rtige Sch\u00fclergeneration ihre Zukunft nicht bauen. Das \u201eHeimatgebilde\u201c der Rechten ist ein Sarg. Glaubw\u00fcrdige Beheimatung erweist sich hingegen stets in einem weiten Horizont.<\/p>\n<p>Es liegt auf der Hand, dass nur ein die ganze Spezies verbindendes Kooperationsgef\u00fcge den kommenden Generationen die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, das gemeinsame Menschsein wieder mit \u201eStolz\u201c oder besser: mit Freude \u2013 statt mit bodenloser Scham \u2013 zu betrachten. Entweder finden alle auf dem Globus einen gemeinsamen neuen Weg oder es gehen alle \u2013 ohne Ausnahme \u2013 dem Abgrund entgegen.<\/p>\n<p>Die \u00dcberwindung von Nationalismus und Rassismus, die glaubw\u00fcrdige Verwirklichung des Konzeptes von \u201eVereinten Nationen\u201c (ohne imperiale Zentren der Bevormundung), die Entwicklung einer dialogischen und gerechteren Weltgesellschaft (als Gegenkraft zur aggressiven, \u00f6konomisch angetriebenen Globalisierung im Dienste von Konzernen), die Gewinnung eines global-lokalen Horizontes f\u00fcr unser Denken und Gestalten \u2026 all das sind rationale Erfordernisse einer \u201eWeltinnenpolitik\u201c um des \u00dcberlebens willen. In Bewegung ger\u00e4t die Weltgeschichte jedoch erst, wenn sich die vern\u00fcnftigen Einsichten mit Vision und Festlichkeit verbinden.<\/p>\n<p>Dass Individuen unter bestimmten Bedingungen lernf\u00e4hig sind, wissen wir. Doch die Zeit dr\u00e4ngt und die \u00dcberwindung der \u2013 gierig machenden \u2013 Angst betrifft nicht nur das Lebensgl\u00fcck von Individuen, sondern das Geschick der ganzen menschlichen Gattung. Wir k\u00f6nnen nicht auf therapeutische Einzelbegleitung und biographische Wandlungen von Milliarden einzelnen Menschen warten. Nur im Zusammenhang mit einem sozialen, kulturellen, ja zivilisatorischen Geschehen wird es m\u00f6glich sein, dem Rad in die Speichen zu fallen. Nichts weniger als eine menschheitliche Revolte tut Not.<\/p>\n<p><strong>Eine spannende Zeit \u2013 jetzt<\/strong><\/p>\n<p>Die sogenannten \u201eAnderen\u201c, die wir ja immer auch selbst sind, und die noch nicht Geborenen geh\u00f6ren zu \u201eunseren Leuten\u201c, f\u00fcr die wir gerne einstehen wollen. Der Blick auf die ungeteilte \u201eEine Menschheit\u201c (One human family) birgt jenes kraftvolle Bild, das kulturelle Energien f\u00fcr einen neuen Zivilisationskurs freisetzt und zusammenf\u00fchrt. Die attraktive Botschaft kann nur von einer international orientierten Bewegung ausgehen, die das Leben liebt und unserer Spezies noch \u00dcberraschungen zutraut: \u201eEs ist nicht zu sp\u00e4t f\u00fcr eine gl\u00fcckliche Jugend des homo sapiens.\u201c<\/p>\n<p>Den Fatalisten, Machtpragmatikern und ignoranten Langeweilern das Ruder aus der Hand zu nehmen, das wird freilich nur durch einen intelligenten, also gewaltfreien Widerstand mit langem Atem gelingen. Wir leben in einer spannenden Zeit. Die Menschwerdung steht noch aus. Sie vollzieht sich erst da, wo unsere Gattung davon ablassen kann, das Kriegshandwerk des T\u00f6tens auszu\u00fcben und die Erde zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p><em>(Erstver\u00f6ffentlichung leicht abweichend und unter anderer \u00dcberschrift im Online-Magazin telepolis, 07.04.2019; neu mit Genehmigung des Autors)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor knapp 250 Jahren konnte der Dichter Matthias Claudius (1740-1815) seine Leserschaft noch dazu ermuntern, t\u00e4glich die Freude am eigenen Menschsein zu besingen: \u201eIch danke Gott, und freue mich \/ &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/zivilisatorischer-ernstfall-menschwerdung-die-botschaft-der-revoltierende-schuelergeneration-lautet-es-ist-nicht-zu-spaet-fuer-eine-glueckliche-jugend-des-homo-sapiens\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eZivilisatorischer Ernstfall: Menschwerdung <\/p>\n<div><small>Die Botschaft der revoltierende Sch\u00fclergeneration lautet: Es ist nicht zu sp\u00e4t f\u00fcr eine gl\u00fcckliche Jugend des homo sapiens<\/small><\/div>\n<p>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[674,5,46,24,6314,49,549],"tags":[4271,8109,8075,7775,8111,1982,4695,5941,8110,8108],"class_list":["post-43835","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur","category-naturwissenschaft","category-philosophie","category-politik","category-rechtsextremismus","category-religion","category-umwelt","tag-afd","tag-angs","tag-fridays-for-future","tag-hambacher-forst","tag-hoffnung","tag-klimawandel","tag-peter-buerger","tag-ruestungsindustrie","tag-zerstoerung","tag-zivilisation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43835","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43835"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43835\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43835"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43835"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43835"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}