{"id":42184,"date":"2018-09-21T22:37:16","date_gmt":"2018-09-21T21:37:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=42184"},"modified":"2018-09-21T23:15:57","modified_gmt":"2018-09-21T22:15:57","slug":"abenteuer-antiquariat-grandiose-werke-zum-1-weltkrieg-und-zur-revolution-1918-ff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/abenteuer-antiquariat-grandiose-werke-zum-1-weltkrieg-und-zur-revolution-1918-ff\/","title":{"rendered":"Abenteuer Antiquariat <div><small>Grandiose Werke zum 1. Weltkrieg und zur Revolution 1918 ff.<\/small><\/div>"},"content":{"rendered":"<div class=\"layout_full block\">\n<div id=\"reader-kopf\" class=\"ce_text block\">\n<figure class=\"image_container float_left\">\n<p><figure id=\"attachment_42190\" aria-describedby=\"caption-attachment-42190\" style=\"width: 470px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-42190\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Jaroslav_Hasek-web.gif\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"586\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-42190\" class=\"wp-caption-text\">Jaroslav Ha\u0161ek 1922<\/figcaption><\/figure><\/figure>\n<\/div>\n<div class=\"ce_text block\">\n<p><strong>Vorweg dies: Der hei\u00dfe Sommer 2018 trieb mich (und treibt mich noch) an die K\u00fcsten der Nord- und Ostsee, und auch hier zumeist in den k\u00fchleren Schatten. Dabei entdeckte ich eine Leidenschaft wieder, das freie Lesen. Das auch vor dicken Schwarten nicht zur\u00fcckschreckt, wenn der Hunger erst einmal geweckt ist.<\/strong><\/p>\n<p><em>(Der Artikel von Christian Gotthardt ist <a href=\"http:\/\/www.harbuch.de\/index.php\/frische-themen-artikel\/abenteuer-antiquariat.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">im September zuerst im Harbuch<\/a> erschienen.)<\/em><\/p>\n<p>Wenn allein die Sp\u00fcrnase und der Magen des Tr\u00fcffelschweins regieren. Eine Freundin nannte das einst treffend \u201eentpragmatisiertes Lesen\u201c, Lesen ohne Zeit und Raum, ohne Zwecksetzung eigener oder \u00e4u\u00dferer Herkunft. Von Erlebnissen, die dabei entstehen, soll diese neue Rubrik der Website nun hin und wieder berichten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-42191\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/hasek-bd-1.gif\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"392\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>Jaroslav Ha\u0161ek: Die Abenteuer des braven Soldats Schwejk. 2 B\u00e4nde<\/strong>, zusammen rund 730 Seiten, geschrieben 1921 bis 1923. In Versandantiquariaten zu haben f\u00fcr 4-5 Euro.<\/p>\n<p>Eigentlich sollte dieses Werk ja jeder l\u00e4ngst gelesen haben, und eine Empfehlung w\u00e4re demnach Unsinn. Es mag die Schuld Fritz Muliars (und seiner Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten) gewesen sein, dass dem vermutlich nicht so ist. Muliar hatte in den 1970er Jahren in einer ZDF-Serie einen wachsweichen Schwejk gegeben, kauzig, verschmitzt, aber doof. Ich jedenfalls habe den Kasten damals ausgeschaltet und das Werk nicht angefasst.<\/p>\n<p>Nun doch. Und siehe da: Nach 100 Seiten Eingew\u00f6hnung merkte ich, dieser Text bietet keine erm\u00fcdenden Schelmen-Geschichten a la Muliar, sondern eine knallharte, aufr\u00fcttelnde, oft blutige Kritik der \u00f6sterreichischen Gesellschaft zur Zeit der KuK-Monarchie. Ha\u0161ek wusste, wor\u00fcber er schrieb. Er war 1914, da seine Heimat B\u00f6hmen damals zu \u00d6sterreich geh\u00f6rte, in dessen Armee eingezogen worden und kam an die Ostfront. Dort lief er zu den Russen \u00fcber, k\u00e4mpfte als Soldat der Tschechischen Legion auf der Seite der Entente gegen die Mittelm\u00e4chte Deutschland und \u00d6sterreich. 1918 ging er in die Rote Armee, wurde Mitglied der KP Russlands und Politkommissar. 1920 kehrte er nach Prag zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ha\u0161ek schildert die schreiende Inhumanit\u00e4t des \u00f6sterreichischen Milit\u00e4rs, zugleich ihre Unf\u00e4higkeit im selben Ausma\u00df. Konkrete Verbrechen, die historisch belegbar sind, zum Beispiel Massaker an der serbischen Bev\u00f6lkerung in der Anfangsphase des Krieges. Das alles gestaltet in der Sprache eines \u201ekleinen Mannes\u201c, der gewiss keine Mitschuld tr\u00e4gt. Der n\u00e4mlich Widerstand leistet, und sogar Solidarit\u00e4t mit Leidensgenossen beweist, in den seltenen Momenten, in denen dies in einem repressiven Staat \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Brecht hat diesen Text geliebt, ich verstehe jetzt warum.<\/p>\n<p>Der Text ist die bewegende Studie einer korrupten Gesellschaft. Er zeigt, dass die Flucht einer solchen Gesellschaft in den Krieg nur der letzte Akt des Niedergangs ist. Was f\u00fcr Niederlagen! Eine Wiederholung des Desasters von Louis Bonapartes Feldzug 1870 gegen Deutschland: In den Krieg ziehen und nach kurzer Zeit untergehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-42192\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/karlundrosaweb.gif\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"376\" \/><\/p>\n<p><strong>Alfred D\u00f6blin, November 1918, 4 B\u00e4nde.<\/strong> Zusammen rund 2200 Seiten, geschrieben 1938 bis 1942 im Exil in Frankreich und in den USA. Die in der DDR von R\u00fctten und Loening hervorragend besorgte gebundene Ausgabe von 1981 ist in Versandantiquariaten ab 50 Euro zu haben, die dtv-Taschenbuchausgabe von 1978, die ich in den 1980ern f\u00fcr 15,- DM geschossen habe, im Moment gar nicht mehr. Wegen des anstehenden Jubil\u00e4ums?<\/p>\n<p>Ja, D\u00f6blin, ich hatte immer schon eine Leidenschaft f\u00fcr ihn. Wegen Franz Biberkopf sowieso, und dann wegen seines lebenslangen Bekenntnisses zum Berliner Osten, zum Proletariat, zu den Armen. Er war dort Jahrzehnte Armenarzt wie mein Vater im Harburger Phoenixviertel. D\u00f6blins Berliner Kiez \u2013 Kreuzberg-Neuk\u00f6lln, zwischen Urban Krankenhaus am Landwehrkanal im Norden, Mehringdamm im Westen und Karl Marx Allee im S\u00fcden\u00a0\u2013 kenne ich gut. Da habe ich mal gewohnt. Und mich sauwohl gef\u00fchlt, als Harburger. Denn das Quartier war im Grunde nichts anderes als Harburg hoch 2.<\/p>\n<p>Aber diese Revolutionstetralogie, diese unendlich vielen Seiten, wo ich doch als Historiker sowieso eine kr\u00e4ftige Abneigung habe gegen historische Romane. Und alles sowieso besser wei\u00df. Das lag wie Blei im B\u00fccherregal, oft angebl\u00e4ttert, und immer wieder weggestellt.<\/p>\n<p>Jetzt endlich gelesen und \u2013 Plop!\u00a0\u2013 gefangen. D\u00f6blin ist eben D\u00f6blin, ein magischer Erz\u00e4hler. Allein die Idee, den Roman in der Provinz, im Elsass beginnen zu lassen, im Mikrokosmos eines Milit\u00e4rlazaretts, er hatte dort seinen Kriegsdienst abgeleistet und kannte sich aus, darin die Gewalt der Niederlage Deutschlands zu schildern, genial. Dann der Sprung nach Berlin, die Einf\u00fchlung in die W\u00fcrstchen Ebert, Scheidemann, Noske, die wirklich finale Abrechnung mit dem Verrat der deutschen Sozialdemokratie.<\/p>\n<p>Und mehr noch: eine ebenso kundige Schilderung der Revolution\u00e4re, vor allem ihres F\u00fchrungspersonals, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg. Sie waren Zauderer aus D\u00f6blins Sicht, Liebknecht als Idealist und Dandy, Luxemburg als Dogmatikerin. Wie sich in einer tats\u00e4chlichen Revolution verhalten? Lenin scheint als Alternative durch, ohne dass D\u00f6blin sich zu ihm bekennt. Nun, die deutsche Revolution war eben auch kraftloser als alle zuvor, die franz\u00f6sischen und die russischen allemal. Insgesamt ein sehr realistischer, zugleich sehr offener Text. Der einl\u00e4dt zum Pr\u00fcfen konservierter Einsch\u00e4tzungen und zum Lernen neuer Sichtweisen. Seine erz\u00e4hlerische Einf\u00fchlung in die Psyche der herausragenden Akteure wie ebenso in die der Massen best\u00e4tigten und kl\u00e4rten viele der Gedanken, die mir beim Studium der Revolutionszeit in den letzten Jahren in den Kopf kamen.<\/p>\n<p>Manches aber will man nicht lernen. Die Vollendung des Manuskripts \u201eNovember 1918\u201c fiel zusammen mit der Konversion des Ehepaares D\u00f6blin zum Katholizismus. Den Hintergrund bildete ein Erweckungserlebnis Alfreds im franz\u00f6sischen Exil. Resultat war, wie sein Freund Ludwig Marcuse urteilte, dass sich zu den gro\u00dfartigen Passagen des Romans solche auf dem Niveau religi\u00f6ser Trakt\u00e4tchen mengten. Besch\u00e4ftige sich damit, wer es mag, ich habe diese Passagen \u00fcberbl\u00e4ttert.<\/p>\n<p>Brecht, D\u00f6blins Nachbar in Los Angeles damals, \u00e4u\u00dferte sich dazu verst\u00e4ndnisvoll: Sorge um zwei der vier S\u00f6hne, verschollen in Frankreich, Krankheit und Verzweiflung auf der Flucht, eine zuweilen bedr\u00fcckende Ehe (aus BB Sicht). Doch er hat sich auch fremdgesch\u00e4mt f\u00fcr diese Konversion, in erheblichem Ma\u00dfe. Wir verdanken dieser Episode Brechts treffendes Wort von der \u201eVerletzung der irreligi\u00f6sen Gef\u00fchle\u201c seiner Freunde und Gef\u00e4hrten, die D\u00f6blin damit begangen habe.<\/p>\n<p>Kurzum und trotzdem: Ein Riesenwerk, \u00fcberw\u00e4ltigend, Stoff f\u00fcr langes Verdauen.<\/p>\n<p>Dazu, als historisches Nebenwerk zum Nachlesen der Ereignisgeschichte und zum tieferen Verst\u00e4ndnis der Gestaltungsweise D\u00f6blins, sei das seit kurzem bei der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung erh\u00e4ltliche Buch von <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/shop\/buecher\/schriftenreihe\/259800\/am-anfang-war-gewalt\">Mark Jones: Am Anfang war Gewalt, Bonn 2017<\/a>, empfohlen (432 Seiten, 4,50 Euro). Es ist exakt der gleichen Zeitspanne gewidmet wie D\u00f6blins Kernerz\u00e4hlung: den Wochen von Anfang November 1918 bis Ende M\u00e4rz 1919 in Berlin. Stone folgt darin einem sehr engen, politologisch eingehegten Gewaltbegriff, den ich nicht teile. Aber er arbeitet, wie bei britischen Historikern \u00fcblich, sehr souver\u00e4n und bietet aussagekr\u00e4ftige Quellen in reichhaltiger Darbietung. Und er zerlegt meisterhaft (vielleicht ohne es zu wollen) die sozialdemokratische Revolutionslegende, die wir alle schlucken mussten als Sch\u00fcler und auch sp\u00e4terhin: dass Ebert damals einen Spartakusputsch bek\u00e4mpfen musste, und dass er damit die Demokratie gerettet habe. Nein, es war kein Spartakusputsch, und nein, Ebert hat nicht die Demokratie gerettet, sondern die Macht des preu\u00dfischen Militarismus und damit die Basis des deutschen Faschismus. Das genau war auch D\u00f6blins Sicht.<\/p>\n<p>Lustig aktuell: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1096765.spd-in-der-krise-unfreiwillig-lustig.html\">Die SPD l\u00f6st ihre historische Kommission auf<\/a>. Die wollte eigentlich Ende 2018 eine dicke Konferenz zur Revolution 1918 machen. Was der Parteivorstand wohl kapiert hat: Wenn man schon eine Schei\u00dfgeschichte hat, dann besser nicht dr\u00fcber reden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-42193\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/jung-web.gif\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"368\" \/><\/p>\n<p>Zum Schluss noch ein kurzer Hinweis auf eine Autobiographie, die sich wie eine Fortsetzung des D\u00f6blinschen Romans lesen l\u00e4sst: Franz Jung, Der Torpedok\u00e4fer, Neuwied und Berlin 1972 (499 Seiten, antiquarisch erh\u00e4ltlich inzwischen f\u00fcr rund 20 Euro. Alternativ sind textgleiche Ausgaben unter dem urspr\u00fcnglichen Titel \u201eDer Weg nach unten\u201c f\u00fcr 9 bis 15 Euro zu haben). Der Schriftsteller und Journalist Jung, bei den Berliner K\u00e4mpfen Anfang 1919 selbst beteiligt, schildert die revolution\u00e4ren Nachfolge-Aktionen der Jahre bis 1922 aus Sicht der von ihm mitgegr\u00fcndeten \u201eKommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands\u201c KAPD, einer linken Abspaltung der KPD mit zeitweilig erheblichem Massenanhang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Bildnachweis<\/h3>\n<p>Die Titelphotographie von J. Ha\u0161ek entstammt Wikipedia und ist gemeinfrei, alle \u00fcbrigen Aufnahmen Archiv Gotthardt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorweg dies: Der hei\u00dfe Sommer 2018 trieb mich (und treibt mich noch) an die K\u00fcsten der Nord- und Ostsee, und auch hier zumeist in den k\u00fchleren Schatten. 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