{"id":39624,"date":"2017-12-23T09:04:48","date_gmt":"2017-12-23T08:04:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=39624"},"modified":"2017-12-23T17:25:23","modified_gmt":"2017-12-23T16:25:23","slug":"eine-grosse-liebende-aus-dem-sauerland-23-dezember-gedenktag-an-maria-angela-autsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/eine-grosse-liebende-aus-dem-sauerland-23-dezember-gedenktag-an-maria-angela-autsch\/","title":{"rendered":"Eine gro\u00dfe Liebende aus dem Sauerland <div><small>23. Dezember: Gedenktag an Maria (Angela) Autsch<\/small><\/div>"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_39625\" aria-describedby=\"caption-attachment-39625\" style=\"width: 638px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-39625\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/MariaAutsch.jpg\" alt=\"\" width=\"638\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/MariaAutsch.jpg 638w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/MariaAutsch-239x300.jpg 239w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-39625\" class=\"wp-caption-text\">Die ehemalige Finnentroper Textilverk\u00e4uferin Maria Autsch (1900-1944) hat als \u201eNonne von Auschwitz\u201c Zeugnis f\u00fcr ein wahres Leben gegeben. Ihr Ordensname war Angela Maria; am 23. Dezember 1944 kam sie bei einem Luftangriff ums Leben. (archivfoto via Peter B\u00fcrger)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>\u201eOhne Angela h\u00e4tte ich das KZ nicht \u00fcberlebt\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>(Ein Gastbeitrag von Peter B\u00fcrger)<\/em><\/p>\n<p>Der von Maria (Sr. Angela) Autsch gew\u00e4hlte Orden mit Niederlassung im \u00f6sterreichischen M\u00f6tz wurde 1198 zur \u201egr\u00f6\u00dferen Ehre des Dreieinigen Gottes\u201c und mit dem Ziel des Loskaufes von Gefangenen gegr\u00fcndet. Seit dem 12. August 1940 ist Sr. Angela selbst in Gefangenschaft. Unter anderem wird ihr der Ausspruch \u201eDer Hitler ist eine Gei\u00dfel f\u00fcr ganz Europa\u201c vorgeworfen.<\/p>\n<p>Im darauffolgenden September wird sie in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbr\u00fcck bei Berlin verlegt \u2013 registriert unter der H\u00e4ftlingsnummer 4651 und gekennzeichnet mit dem roten Winkel der politischen Gefangenen. Zun\u00e4chst muss sie drei Wochen im Freien arbeiten, doch dann erfolgt die Einteilung zu der \u201eihr so angenehmen\u201c Arbeit im \u201eKrankenrevier\u201c des Konzentrationslagers.<\/p>\n<p>Im Lager interniert ist auch die schwangere Maria Rosenberger aus ihrer Heimat, eingestuft als sogenannter \u201eZigeunermischling\u201c. Von Sr. Angela erfuhr diese junge Sauerl\u00e4nderin m\u00fctterlichen Zuspruch und Hilfe zum \u00dcberleben. Die Nonne hat ihrerseits aber auch einen Wunsch ge\u00e4u\u00dfert; sie wollte am Saum der H\u00e4ftlingskleidung gerne eine angen\u00e4hte kleine Tasche als Versteck f\u00fcr den Rosenkranz. Maria Rosenberger hat im Juni 1990 einen ausf\u00fchrlichen Bericht \u00fcber die gemeinsame Zeit des Grauens in Ravensbr\u00fcck diktiert, der hier wiedergegeben sei:<\/p>\n<p>\u201eIn der Zeitung wurde \u00fcber den Seligsprechungsproze\u00df von Maria Autsch berichtet. Ich habe sie sofort erkannt, als ich ihr Bild sah. Wir waren im KZ Ravensbr\u00fcck zusammen. Ich wusste zwar, dass Maria das KZ nicht \u00fcberlebt hat. Aber wie es ihr sp\u00e4ter in Auschwitz ergangen ist, das habe ich nicht gewusst. Ich habe Maria in bester Erinnerung. [&#8230;] Sie hat mir geholfen, wann immer sie konnte. Ich war damals zwanzig Jahre alt. Sie war doppelt so alt. Sie war wie eine Mutter zu mir. Sie hat mir immer wieder Mut gemacht. \u201aMaria, halt die Ohren steif!\u2018 sagte sie zu mir. \u201aLass dich nicht unterkriegen! Denk an was Sch\u00f6nes den Tag \u00fcber, dann h\u00e4ltst du besser durch.\u2018 Wenn ich jammerte: \u201aIch habe Hunger\u2018, wie oft hat sie mir ein St\u00fcck Brot zugesteckt. Sie legte es an den Zaun oder versteckte es auf der Toilette. Es durfte keiner sehen. Es war verboten, jemand von seinem Essen etwas abzugeben. Und einer g\u00f6nnte dem andern nichts. Und ehe man sich versah, war man bei der Aufseherin angezeigt, und es gab Schl\u00e4ge mit der Peitsche. Und manches Mal hat Maria Schl\u00e4ge eingesteckt.<\/p>\n<p>Einige Aufseherinnen haben sie auch bewusst schikaniert, weil sie eine Nonne war. Aber das hat ihr nichts ausgemacht. Sie hatte ein besonderes L\u00e4cheln, und wie gern hat sie mit uns gelacht. Wenn sie mir morgens beim Appell heimlich zuwinkte \u2013 sie stand im Nachbarblock \u2013 freute ich mich den ganzen Tag. Maria war wie ein Sonnenstrahl in der H\u00f6lle. Ich fragte sie manchmal: \u201aWovon lebst du denn, wenn du dein Brot immer weggibst?\u2018 Sie antwortete: \u201aWenn ich Hunger habe, bete ich. Dann vergesse ich den Hunger.\u2018 Dabei sah sie mit ihren B\u00e4ckchen aus wie das bl\u00fchende Leben, auch wenn sie hungerte. [&#8230;]<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr meine Einlieferung ins KZ war, dass ich zu den rassisch Verfolgten geh\u00f6rte. Mein Vater war ein Sinti aus Berleburg, meine Mutter eine \u201anormale Deutsche\u2018 aus Altenhundem. [&#8230;] Von den Nazis wurden die Kinder aus rassisch gemischten Ehen nach dem Vater gerechnet. Ich bin 1919 in Berleburg geboren und [&#8230;] in Berghausen bei Fredeburg aufgewachsen. [&#8230;] Zuerst arbeitete Maria wie wir drau\u00dfen. Nach einigen Wochen kam sie in die Krankenstube. Sie war dabei, als ich im Dezember 1940 mein Kind bekam. Als ich wieder zu mir kam, teilte sie mir auf einem Zettel mit \u2013 sie durfte nicht mit mir sprechen \u2013 dass mein neugeborenes Kind in den Gasofen geworfen worden ist. Daf\u00fcr sorgte der SS-Arzt. \u00dcber dem Lager lag dieser s\u00fc\u00dfliche Geruch von verbrannten Menschen. Kinder liefen zwischen uns herum. Von Zeit zu Zeit wurden sie einfach in die \u00d6fen geworfen.<\/p>\n<p>Was hat man nicht alles erlebt! Ich darf gar nicht daran denken. Ein Dreck waren wir. Einmal musste ich auf den Strafbock und bekam 25 Hiebe. Ich habe heute noch Narben davon. [&#8230;] Dass ich das \u00fcberlebt habe, verdanke ich auch Maria Autsch. Sie hat mir immer wieder geholfen und Mut gemacht, besonders auch im Anfang, als ich das Kind unterwegs hatte. Wenn sie in der N\u00e4he war, f\u00fchlte man sich wie neugeboren. So kann der Papst nicht sein. Maria war eine Heilige in der H\u00f6lle des KZ?s.<\/p>\n<p>Maria trug den roten Winkel der politischen H\u00e4ftlinge. Warum sie in Haft kam, hat sie mir nie erz\u00e4hlt. \u00dcber ihre Jugendzeit im Sauerland, dar\u00fcber hat sie oft gesprochen. 1943 bin ich von Ravensbr\u00fcck weggekommen. Maria war damals schon in Auschwitz. Ich kam in ein Nebenlager von Buchenwald. [&#8230;] Die Russen haben uns befreit. Als ich aus dem KZ rauskam, war ich krank. Ich hatte Typhus. Ich wog noch 80 Pfund. Dreiviertel Jahr lag ich im Lazarett. Erst 1946 kehrte ich nach Hause zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p><em>(1990 im Gespr\u00e4ch mit Paul Tigges, Lennstadt)<\/em><\/p>\n<p>Von Sr. Angelas Zeit im Konzentrationslager geben in erster Linie Briefe an die Mitschwestern in \u00d6sterreich ein eigenes Zeugnis, denn gleichzeitige Post an die Verwandten ist nicht mehr m\u00f6glich (oder erfolgt illegal). In einem Dokumentationsband von 1992 mit insgesamt 101 Schreiben aus der Zeit nach Ordenseintritt kann man nachlesen, wie klug Maria Autsch ihre Briefnachrichten aus den KZs, die der Zensur unterlagen, verschl\u00fcsselt. Sie schreibt z.B. \u00fcber sich selbst in der dritten Person und nennt sich dabei Cillerl (2. Taufname C\u00e4cilia) oder Gela (Sr. Angela). \u201eOnkel\u201c steht f\u00fcr den Nazi-Apparat oder f\u00fcr Hitler, daneben gibt es \u201eOnkel Heini\u201c (Heinrich Himmler) oder den \u201eBruck-Onkel\u201c (Gestapo-Chef von Innsbruck). \u2013 Mit \u201eOnkel Bernhard\u201c ist aber ein gutgesonnener Mensch gemeint, n\u00e4mlich der Trinitarierpater Bernhard St\u00fctz in Wien, ein Vetter Adolf Hitlers. \u2013 Auch die bevorzugten F\u00fcrsprecherinnen im Himmel werden den Zensoren nicht offen preisgegeben. Sie hei\u00dfen bei Sr. Angela \u201eBergmutterl\u201c (Madonna von Locherboden) oder \u201edas kleine Reserl\u201c (hl. Theresia vom Kinde Jesu). Das Gef\u00fchl, Hilfe durch Vorbild oder F\u00fcrsprache der verehrten Heiligen zu bekommen, dr\u00fcckt die Schreiberin dann z.B. so aus: \u201eDas kleine Thereserle hilft ja der Cillerl so sch\u00f6n Hand in Hand schaffen, dass es eine Freude ist.\u201c Die eigene \u201eRolle\u201c im H\u00e4ftlingsgef\u00fcge kommt so zur Sprache: \u201eCillerl ist ja wie immer bei ihren Kranken und kann dort mehr helfen als vorher. F\u00fcr viele ist sie eine Mutter.\u201c (Juni 1942)<\/p>\n<p>Im September 1943 liest man die unverd\u00e4chtig klingende Zeile: \u201eWas machen die beiden Vogt? Ihre Schwestern und Br\u00fcder wohnen alle in Cillerls N\u00e4he.\u201c Die \u201eVogt\u201c waren aber Bewohner am Klosterort M\u00f6tz mit Sinti oder Roma als Vorfahren. Die Notiz ist also in Wirklichkeit eine Nachricht zum eingerichteten \u201eZigeunerlager\u201c Auschwitz-Birkenau!<\/p>\n<p><strong>\u201eDamals hatte ich keine Ahnung, dass Maria Nonne war\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im September 1941 wird Sr. Angela in den sogenannten \u201eMusterblock\u201c (Block 1) des KZ Ravensbr\u00fcck versetzt. Hier fungiert die seit 1939 internierte \u00f6sterreichische Sozialdemokratin Rosa Jochheim (geb. 1902) als Block\u00e4lteste. Sie stammt aus \u00e4rmsten Proletarierverh\u00e4ltnissen und ist mit Blick auf das breite Elend im Land fr\u00fch aus der Kirche ausgetreten.<\/p>\n<p>In ihren Erinnerungen schreibt Rosa Jochheim, die nach Niederwerfung des Faschismus in \u00d6sterreich Nationalr\u00e4tin wurde, \u00fcber Sr. Angela: \u201eSehr bald habe ich erkannt, dass sie eine wertvolle Bereicherung f\u00fcr unsern Block war. Damals hatte ich keine Ahnung, dass Maria Nonne war. [&#8230;] Maria wurde die Beraterin und Helferin in jeder Situation. Sie lie\u00df es sich nicht nehmen, die schweren Essenk\u00fcbel zu holen. Sah sie, dass es einer Frau schwerfiel, die Klos zu reinigen, weil sie krank und schwach war, nahm sie ihr den Eimer aus der Hand und l\u00e4chelte ihr zu. Und ehe man sich versah, war die Arbeit getan. \u2013 Alle liebten sie. Und ob es nun Politische oder sogenannte Verbrecherinnen waren, Maria sa\u00df in der Freizeit stundenlang mit ihnen beisammen und h\u00f6rte sich ihre Klagen \u00fcber ihr Leben an. Ich sehe noch heute eine Prostituierte vor mir, die strahlend zu mir sagte: \u201aSiehst du, jetzt wei\u00df ich es, ich kann auch in den Himmel kommen, weil Gott mir verzeihen wird.\u2018 \u201c<\/p>\n<p>Einmal habe sich eine KZ-Aufseherin mit Peitsche auf dem Appellplatz auf ein \u201ebildsch\u00f6nes M\u00e4dchen von 18 Jahren\u201c gest\u00fcrzt. Maria habe nach der Peitsche gegriffen und gefragt: \u201eWarum wollen Sie dieses M\u00e4dchen schlagen? Sie hat doch nichts getan.\u201c Aufgrund eines Wunders oder der besonderen Ausstrahlung Marias habe die Aufseherin die Peitsche gesenkt und sei davongegangen. Wegen des Protestes folgte auch \u2013 wider Erwarten \u2013 keine Haft im Strafblock oder eine andere Ma\u00dfnahme.<\/p>\n<p>Noch als 87-J\u00e4hrige hat Rosa Jochheim bekannt: \u201eEs vergehen wenige Tage, dass ich nicht an den Menschenfreund Maria denke. Diese Maria gekannt zu haben, ist ein Geschenk f\u00fcrs ganze Leben.\u201c \u201eSie trug von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr das Elend und Leid in dieser Welt in ihrem so wunderbaren Herzen.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eInmitten des f\u00fcrchterlichen Elends erstand eine Insel der Z\u00e4rtlichkeit\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Nach Verlegung mit einem Transport von Ravensbr\u00fcck trifft Sr. Angela am 26. M\u00e4rz 1942, d.h. an ihrem 42. Geburtstag, im neu aufzubauenden Frauen-Konzentrationslager Auschwitz ein. Hier tr\u00e4gt sie die niedrige H\u00e4ftlingsnummer 512 und wird wieder zum Dienst im \u201eRevier\u201c eingeteilt (H\u00e4ftlingskrankenbau, Block 3). Als \u201ePolitische\u201c aus Deutschland mit zweij\u00e4hriger Lagererfahrung hat sie durchaus eine gehobene Position in der H\u00e4ftlingshierarchie. Dem entsprechen einige Mitteilungen und Selbstzeugnisse \u00fcber \u201ePrivilegien\u201c: Sr. Angela wird z.B. nicht f\u00fcr die k\u00f6rperlich \u201eschwerste Arbeit\u201c eingesetzt, und es gibt an ihren Einsatzstellen vergleichsweise g\u00fcnstigere Ern\u00e4hrungsm\u00f6glichkeiten. Im August 1942 erfolgt eine \u00dcberstellung nach Auschwitz-Birkenau B Ia, Holzbaracke 22, als Wirtschafterin (K\u00fcche der Lagerkrankenabteilung).<\/p>\n<p>Die ausf\u00fchrlichsten und ersch\u00fctterndsten Zeugnisse \u00fcber Angelas Zeit in Auschwitz stammen von der j\u00fcdischen \u00c4rztin Margit\u00e1 Schwalbov\u00e1, einer Kommunistin aus der Slowakei: \u201eWie oft ich auch an Menschen zu zweifeln begann, du verstandest es immer, mir meinen Glauben wiederzugeben, du herrlicher, wahrer Mensch \u2013 Angela!\u201c In einem Kapitel \u201eAngela\u201c, das erstmals 1949 im tschechischen Buch \u201eErloschene Augen\u201c gedruckt wurde, schreibt diese Freundin aus der KZ-Haft:<\/p>\n<p>\u201eIch bin [&#8230;] zu der Zeit der einzige j\u00fcdische H\u00e4ftling, der im Revier arbeitet. Ich trete ein. Auf meiner Pritsche leuchtet eine Taschenlampe, und neben ihr, auf einem Teller, liegen einige St\u00fcckchen Zucker, Kekse und eine Zitrone. [&#8230;] Ich verstehe nicht, aber ich bin zu m\u00fcde, um nachzudenken. [&#8230;] Im Halbschlaf h\u00f6re ich Schritte; jemand beugt sich \u00fcber mich, streichelt meine Wangen, es scheint mir, da\u00df er betet. Das h\u00f6re ich aber kaum und verstehe es nicht, vielleicht tr\u00e4ume ich nur. Es war kein Traum, es war meine erste Begegnung mit Angela. Angela war eine Nonne aus Westfalen, ihr Kloster war in Tirol. Sie war schon das dritte Jahr im Konzentrationslager wegen Beleidigung des F\u00fchrers und Aufwiegelung der Bev\u00f6lkerung.\u201c<\/p>\n<p>Die Chronik der gemeinsamen Monate ist eine Chronik der Niederlagen und gelegentlichen Erfolge beim Kampf gegen SS-Leute, das allgegenw\u00e4rtige Sterben und Morden, Grausamkeit und Wahnsinn, den Schmutz, den Wassermangel, die Parasiten und grassierende Epidemien.<\/p>\n<p>Eine Flecktyphus-Infektion \u00fcbersteht die j\u00fcdische \u00c4rztin und Kommunistin nur dank des Beistandes der \u201eim Grunde unpolitischen\u201c Nonne:<\/p>\n<p>\u201eIn den Fiebern\u00e4chten erz\u00e4hlte sie mir \u201evon der heiligen kleinen Theresa, von dem heiligen Michael und von vielen anderen Heiligen, \u00fcber deren Leben, ihren Tod und ihre Wundertaten. Sie wusste, dass ich Atheistin war, trotzdem breitete sie mit Begeisterung in ihren Augen immer wieder ihren Glauben vor mir aus wie einen Blumengarten. Diese Abende waren wundersch\u00f6n. Inmitten des f\u00fcrchterlichen Elends erstand hier eine Insel der Z\u00e4rtlichkeit und Freundschaft. Und mir in meinem hohen Fieber schien es, als sei ich ein kleines Kind, meine Mutter s\u00e4\u00dfe bei mir und erz\u00e4hlte mir M\u00e4rchen so sch\u00f6n und silbrig wie die Wellen eines Baches meiner Heimatstadt\u201c.<\/p>\n<p>Im Oktober 1942 erkrankt Sr. Angela selbst an Flecktyphus, \u00fcbersteht aber die Krisis trotz ihrer schweren Herzschw\u00e4che. \u2013 Sie war sp\u00e4ter auch \u201eden ganzen Winter 1942\/43 sehr krank\u201c (Brief, August 1943). \u2013 Heiligabend 1942 kocht Angela \u201eeinen gro\u00dfen Topf Weihnachtssuppe\u201c, schm\u00fcckt die Stube, bereitet ein kleines Geschenk f\u00fcr jeden vor und bedenkt die Revierkranken und die Frauen im Lager. \u201eSie hat einen feierlichen, fast ernsten Ausdruck in ihrem Gesicht, nur ihre Augen sind gro\u00df, blau, strahlend. In unserer Stube erklingen Weihnachtslieder fast aller europ\u00e4ischer Nationen. Und dann herrscht Stille.\u201c Margit\u00e1 Schwalbov\u00e1 erinnert sich: \u201eEs ist das erste Mal, dass ich im Lager eine ruhige, harmonische, ergreifende Stille erlebe.\u201c<\/p>\n<p>Ab dem 15. M\u00e4rz 1943 gibt es ein neues Einsatzgebiet, zun\u00e4chst als Di\u00e4tk\u00f6chin, im SS-Lazarett des KZ Auschwitz-Birkenau. Angesichts der zahlreichen erfolglosen Bem\u00fchungen schwinden die Aussichten auf eine Entlassung. Das \u201eAngebot\u201c, den Orden zu verlassen und den \u201eFreien [\u201aBraunen\u2018] Schwestern\u201c beizutreten, hat die Nonne abgelehnt: \u201eDagegen habe ich schon 1 Jahr lang gek\u00e4mpft\u201c (illegaler Brief, 14.3.1944). Im September 1944 wird Sr. Angela wird auf Block 6 B verlegt. Bis zum Schluss ist sie \u2013 nach Mitteilung von C\u00e4cilia Bader-Menzler und anderer Zeitzeuginnen \u2013 von den Mitgefangenen als der \u201egute Geist des Lazaretts\u201c und gar als \u201eEngel von Auschwitz\u201c betrachtet worden. Sie liebt auch die Feinde, die Patienten aus der SS.<\/p>\n<p>Am 23. Dezember 1944 erfolgt ein Bombenabwurf \u00fcber dem SS-Lazarett Auschwitz-Birkenau \u2013 35 Tage vor Befreiung des Lagers. Sr. Angela stirbt, nachdem ein Bombensplitter in ihre Lunge eingedrungen ist, an Herzversagen. Die Leiche der Nonne wird im Krematorium verbrannt. Sowohl den Angeh\u00f6rigen im Sauerland als auch den Schwestern in \u00d6sterreich bietet die KZ-Leitung die \u2013 angeblichen \u2013 sterblichen \u00dcberreste (Urne bzw. Asche) an.<\/p>\n<p>Sehr bald nach Kriegsende schreibt die Kommunistin Margit\u00e1 Schwalbov\u00e1 zwei Briefe an Angelas Schwager im Sauerland und ver\u00f6ffentlicht ihr schon genanntes Buchkapitel \u201eAngela\u201c. Die Schwestern aus dem bis 1957 bestehenden Konvent in M\u00f6tz bewahren zwar eine gro\u00dfe Hochachtung, forschen aber nicht intensiver nach und gehen schon gar nicht an die \u00d6ffentlichkeit. In M\u00f6tz waren wohl mehrere Personen an der Denunziation beteiligt gewesen. Die ganze Angelegenheit betrifft ein Tabu.<\/p>\n<p>1986 sammelt jedoch Mutter Hermine Gitter von den Trinitarierschwestern in M\u00f6dling bei Wien \u2013 gem\u00e4\u00df einer Anregung ihrer spanischen Generaloberin \u2013 Jahrzehnte sp\u00e4ter Unterlagen \u00fcber Sr. Angela (Maria Autsch), wobei sie sich auch \u201emit Juden und Kommunisten\u201c aus der KZ-Zeit austauscht und Kontakte ins Sauerland aufnimmt. Bei der feierlichen Er\u00f6ffnung des Seligsprechungsprozesses im Erzbisch\u00f6flichen Palais in Wien am 8. M\u00e4rz 1990 k\u00f6nnen die Zeitzeuginnen Margit\u00e1 Schwalbov\u00e1 und C\u00e4cilia Bader-Menzler zugegen sein. Sauerl\u00e4nder aus dem Kreis Olpe sind in zwei Bussen angereist. Am 26. M\u00e4rz 1992 erfolgt eine \u00dcbergabe des in Wien abgeschlossenen Prozesses zur weiteren Behandlung nach Rom. Im gleichen Jahr ediert der Benediktiner Ildefons Fux in \u00d6sterreich die erhaltenen Briefe und einige Gedichte Sr. Angelas.<\/p>\n<p>Was \u201ekirchenamtlich\u201c aus diesem ganzen Weg wird, steht noch in den Sternen. Sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn die jungen Frauen und M\u00e4nner der alten \u201aHeimat Sauerland\u2018 von Schwester Angela h\u00f6ren und man sich in den Gemeinden von ihrer gro\u00dfen Z\u00e4rtlichkeit erz\u00e4hlt, die mit Gott zu tun hat. Menschen wie diese \u201eNonne von Auschwitz\u201c k\u00f6nnen uns helfen, Wege zu einem guten Leben zu finden und auch einen Schl\u00fcssel zur Zukunft der Kirche S\u00fcdwestfalens nach dem \u201eEnde der katholischen Landschaft\u201c.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><em><strong>Auszug aus:<\/strong> B\u00fcrger, Peter: Sauerl\u00e4nder im Widerstand, Botschafter des Lebens und M\u00e4rtyrer 1933-1945. = daunlots. internetbeitr\u00e4ge des christine-koch-mundartarchivs am museum eslohe. nr. 78. Eslohe 2016. <a href=\"http:\/\/www.sauerlandmundart.de\/pdfs\/daunlots%2078.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.sauerlandmundart.de\/pdfs\/daunlots%2078.pdf<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eOhne Angela h\u00e4tte ich das KZ nicht \u00fcberlebt\u201c (Ein Gastbeitrag von Peter B\u00fcrger) Der von Maria (Sr. Angela) Autsch gew\u00e4hlte Orden mit Niederlassung im \u00f6sterreichischen M\u00f6tz wurde 1198 zur \u201egr\u00f6\u00dferen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/eine-grosse-liebende-aus-dem-sauerland-23-dezember-gedenktag-an-maria-angela-autsch\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eEine gro\u00dfe Liebende aus dem Sauerland <\/p>\n<div><small>23. 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