{"id":38302,"date":"2017-07-17T22:30:06","date_gmt":"2017-07-17T21:30:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=38302"},"modified":"2017-07-18T10:08:07","modified_gmt":"2017-07-18T09:08:07","slug":"notierungen-aus-dem-katholischen-hinterland-leseprobe-aus-der-werkausgabe-des-mescheder-schriftstellers-georg-d-heidingsfelder-1899-1967","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/notierungen-aus-dem-katholischen-hinterland-leseprobe-aus-der-werkausgabe-des-mescheder-schriftstellers-georg-d-heidingsfelder-1899-1967\/","title":{"rendered":"\u201eNotierungen aus dem katholischen Hinterland\u201c <div><small>Leseprobe aus der Werkausgabe des Mescheder Schriftstellers Georg D. Heidingsfelder (1899-1967)<\/small><\/div>"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_38303\" aria-describedby=\"caption-attachment-38303\" style=\"width: 700px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-38303\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/heidingsfelderBuerger.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/heidingsfelderBuerger.jpg 700w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/heidingsfelderBuerger-194x300.jpg 194w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/heidingsfelderBuerger-664x1024.jpg 664w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-38303\" class=\"wp-caption-text\">Georg D. Heidingsfelder (1899-1967) (bildarchiv: peter b\u00fcrger)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Meschede. (pm) Vor einem halben Jahrhundert starb im Sauerland der Publizist Georg D. Heidingsfelder (1899-1967), der w\u00e4hrend der Adenauer-\u00c4ra 1949-1963 als linkskatholischer Nonkonformist und Mitstreiter Reinhold Schneiders in Erscheinung getreten ist. <\/strong><\/p>\n<p>Ein Artikel aus seiner Schreibwerkstatt, ver\u00f6ffentlicht Mitte Juni 1953, zog eine zweimalige Vernehmung bei der Kripo \u201ewegen Staatsgef\u00e4hrdung und Beleidigung des Bundeskanzlers\u201c nach sich.<\/p>\n<p>Heidingsfelders Kernthemen waren die Soziale Frage, die Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus und der Frieden. Seine Ablehnung von Militarismus, Wiederbewaffnung, Wehrpflicht und Atombomben-Theologie fiel kompromisslos aus.<\/p>\n<p>Zuletzt konnte er fast nur noch in Bl\u00e4ttern ver\u00f6ffentlichen, die als \u201ekryptokommunistisch\u201c galten. Die Verweigerung gegen\u00fcber der katholischen Einheitsfront f\u00fchrte zu gro\u00dfe Anfeindungen im eigenen kirchlichen Milieu.<\/p>\n<p>Der brotlos gewordene Mescheder Schriftsteller versuchte schlie\u00dflich, als Fabrikarbeiter seine Familie zu ern\u00e4hren.<\/p>\n<p><strong>In diesem Sommer ist eine zweib\u00e4ndige Gesamtausgabe seiner publizistischen Arbeiten erschienen (\u00fcberall auch im Buchhandel vor Ort bestellbar):<\/strong><\/p>\n<p>GEORG D. HEIDINGSFELDER (1899-1967)<\/p>\n<div><a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gesammelte_Schriften_Band_1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-38304\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gesammelte_Schriften_Band_1.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"142\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gesammelte_Schriften_Band_1.jpg 352w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gesammelte_Schriften_Band_1-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 100px) 85vw, 100px\" \/><\/a>Gesammelte Schriften. <strong>Band 1.<\/strong><br \/>\nEine Quellenedition zum linkskatholischen Nonkonformismus der Adenauer-\u00c4ra.<br \/>\nNorderstedt: BoD 2017 \u2013 ISBN: 978-3-7431-3416-4<br \/>\n(Paperback; 400 Seiten; Preis: 13,90 Euro)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/gesammelte-schriften-band-1-georg-d-heidingsfelder-9783743134164\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/gesammelte-schriften-band-1-georg-d-heidingsfelder-9783743134164<\/a><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><a href=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gesammelte_Schriften_Band_2.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-38305\" src=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gesammelte_Schriften_Band_2.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"142\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gesammelte_Schriften_Band_2.jpg 352w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gesammelte_Schriften_Band_2-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 100px) 85vw, 100px\" \/><\/a>Gesammelte Schriften. <strong>Band 2.<\/strong><br \/>\nEine Quellenedition zum linkskatholischen Nonkonformismus der Adenauer-\u00c4ra.<br \/>\nNorderstedt: BoD 2017 \u2013 ISBN: 978-3-7448-2123-0<br \/>\n(Paperback; 428 Seiten; Preis: 13,99 Euro)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/gesammelte-schriften-band-2-georg-d-heidingsfelder-9783744821230\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/gesammelte-schriften-band-2-georg-d-heidingsfelder-9783744821230<\/a><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><strong>Im Mai 1954 ver\u00f6ffentlichte Heidingsfelder unter Pseudonym die nachfolgenden <em>\u201eNotierungen aus dem katholischen Hinterland\u201c<\/em>, die eine durchaus ungew\u00f6hnliche Sichtweise der Nachkriegszeit im k\u00f6lnischen Sauerland vermitteln (Leseprobe):<\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Unsere kleine Kreisstadt hat den Nazismus und den Krieg im gro\u00dfen und ganzen recht gut \u00fcberstanden. Nat\u00fcrlich, ein paar Mitb\u00fcrger sind im KZ umgekommen, drei davon waren Kommunisten und die beiden \u00fcbrigen Juden. Die Sch\u00e4den durch Bomben und Artilleriebeschu\u00df sind inzwischen fast alle behoben. \u00dcberall ist aus den Ruinen das alte Leben auferbl\u00fcht.<\/p>\n<p>Auch unser altes Gotteshaus, das die Bomben und das Feuer bis auf die Grundmauern zerst\u00f6rt hatten, ist l\u00e4ngst wieder aufgebaut. Es ist genau so wiedererstanden, wie es war: als ob nichts gewesen w\u00e4re. Das ist die Kunst der Restauratoren. Sogar die Kreuzwegbilder, riesige \u201e\u00d6lschinken\u201c, wie manche siebengescheite Kritikaster sie absch\u00e4tzig nannten, wurden ganz im alten Stil wieder gemalt. Unser Pfarrer hatte nicht umsonst 1939 in seinem ersten Brief an uns, seine katholischen Soldatenpfarrkinder, ins Feld geschrieben: \u201eWir bleiben die alten!\u201c Er hat sein Wort in jeder Hinsicht gehalten. Sein Gotteshaus steht da wie einst, und er predigt auch wie einst.<\/p>\n<p>Aber auf diesem katholisch-konservativen Fundament sprie\u00dft doch auch Neues empor, z.B. unsere neue Kirche, die erst vor ein paar Monaten fertig geworden ist. Strahlend wei\u00df steht der Bau auf seinem H\u00fcgel. [\u2026] Wenn jetzt am Samstagabend zu den vier Glocken unserer alten Pfarrkirche die vier neuen l\u00e4uten, so nimmt man die geringe Dissonanz im Ton gerne hin, weil man von dem Bewusstsein erf\u00fcllt wird, dass es aufw\u00e4rts geht, auch auf dem religi\u00f6sen Sektor. Jetzt f\u00e4llt schon auf 1100 Einwohner unserer Kreisstadt eine Glocke \u2013 eine Verh\u00e4ltniszahl, die nicht leicht anderswo erreicht werden d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Der herrschende katholische Geist macht unsere Kreisstadt auch zu einem \u00fcberragenden CDU-St\u00fctzpunkt. Die christlichen Mehrheiten sind hier immer Zwei-Drittel-Mehrheiten. Nur kurz nach 1945, als im Lande noch die Sozialdemokraten die Macht hatten, w\u00e4hlten unsere christkatholischen Stadtv\u00e4ter einen \u201eRoten\u201c zum B\u00fcrgermeister, weil der bei der Regierung, wo es die Gelder gab, Einfluss haben musste. Mittlerweile ist auch hier wieder alles in Ordnung. Wir haben einen gutkatholischen CDU-B\u00fcrgermeister; der rote Mohr hat seine Schuldigkeit getan &#8230;<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Kardinal Suhard meinte einmal, das taktische Christentum sei eine recht bedenkliche Sache; aber der Mann hatte wohl wenig Kontakt mit den Realit\u00e4ten hier zu Lande; um zu wissen, dass die Christenheit ohne kluge Taktik verloren w\u00e4re. Es ist kein Grundsatz verletzt, wenn eine katholische Mehrheit einen Sozialdemokraten zum B\u00fcrgermeister macht, nur weil der mehr Geld herbeischaffen kann. Im Gegenteil: die besten Grunds\u00e4tze k\u00f6nnen ja immer erst dann realisiert werden, wenn Geld da ist. Man muss Realpolitiker sein, das ist es, was den Katholizismus f\u00f6rdert.<\/p>\n<p>In unserer Kreisstadt gibt es lokalpatriotisch-katholische Traditionen, die seit Menschengedenken im Volk verwurzelt sind, z.B. die \u201eIntegration\u201c des Sch\u00fctzenfestes in das Fronleichnamsfest. Das ist freilich eine Sache, die der Au\u00dfenstehende so wenig w\u00fcrdigen kann wie ein Ketzer den politischen Katholizismus. Ein solcher Au\u00dfenstehender hat sich in der Nazizeit dar\u00fcber gewundert, dass den Weltenheiland, wenn er in der Monstranz aus der Kirche getragen wurde, der gleiche Pr\u00e4sentiermarsch empfing wie ein wenig sp\u00e4ter den meist nicht mehr ganz n\u00fcchternen Herrn Kreisleiter der NSDAP. Nun, bei uns sind weltliche Macht und Kirche eben immer \u201eintegriert\u201c gewesen, und wenn auch der Kreisleiter nichts geglaubt hat, so war er doch die Obrigkeit, die zum Sch\u00fctzenfest geh\u00f6rt, zu dem andererseits auch Jesus Christus und seine Kirche geh\u00f6ren. Was der Mensch zusammengef\u00fcgt hat, das darf auch Gott nicht trennen.<\/p>\n<p>Wir haben ja nun wieder einen katholischen B\u00fcrgermeister, der aus der richtigen Partei kommt, wie sich&#8217;s geh\u00f6rt, und so kann am Sch\u00fctzenfest nichts mehr getadelt werden: es wird wieder gefeiert, wie wir es gewohnt sind seit Urzeiten: zusammen mit dem Fronleichnamsfest. Der Pfarrer soll ja, kurz nach 1945 einmal ge\u00e4u\u00dfert haben, dass man beide Feste doch lieber trennen sollte \u2013, aber was hat kurz nach 1945 (bis zur W\u00e4hrungsreform) nicht alles in den K\u00f6pfen herumgespukt! Gut, dass sie nun wieder in Ordnung gekommen sind und so denken, wie es sich nach dem Geiste der Tradition geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wenn die Sch\u00fctzen in tadelloser wei\u00dfer Hose, mit Spie\u00dfen ausger\u00fcstet, neben dem Allerheiligsten einherschreiten, so ist das ja wie ein Symbol aus der EVG [Europ\u00e4ischen Verteidigungs-Gemeinschaft]: hier wird die Verteidigung des Herzens des Abendlandes, n\u00e4mlich des Christentums demonstriert, den B\u00fcrgern zur Ehr, den Antichristen zur Lehr. Die katholischen Sch\u00fctzenbr\u00fcderschaften sind ja religi\u00f6se Bruderschaften, stets nach einem Heiligen benannt, und wissen, was sie dieser Stunde schuldig sind. Wenn jetzt wieder, bei der Erhebung der Monstranz zum Segen, die B\u00f6ller krachen, so lacht jedes wehrfreudigen Katholiken Herz: Unsere Kirche soll auch nie von den Kanonen getrennt werden! Auch dies ist eine ewige Union. Und schlie\u00dflich sind Kirche, Wehrkraft und Bier ein treudeutschchristlicher Dreiklingklang, der in der Volksseele gr\u00fcndet. Solange es katholische Sch\u00fctzenbr\u00fcder gibt, wird daran nicht ger\u00fcttelt werden.<\/p>\n<p><center>***<\/center>Es sind ja meistens Verleumdungen von Ketzern oder missg\u00fcnstigen Au\u00dfenseitern, wenn gesagt wird, dass es beim Sch\u00fctzenfest zu Ausw\u00fcchsen komme, die nicht verantwortet werden k\u00f6nnten. Ja, es ist wohl schon mal der und jener vom Sch\u00fctzenfest nicht mehr ganz kerzengerade nach Hause gegangen und er hat vielleicht dabei auch keine Prozessionslieder gesungen; aber diese Dinge kommen das ganze Jahr jede Samstag- und Sonntagnacht vor und davon wird ja auch weiter kein Aufheben gemacht! Wenn da fr\u00fch um drei gegr\u00f6hlt wird: \u201eDie Fahne hoch &#8230;\u201c oder \u201eO du fr\u00f6hliche, o du selige &#8230;\u201c, dann wei\u00df doch jeder, dass das dem katholischen Charakter unserer Kreisstadt nicht den geringsten Abbruch tun kann. Was nachts geschieht und mit besoffenem Kopf, das ist so gut wie nicht geschehen. Und weiterhin: Wir sind doch keine Puritaner, sondern vollbl\u00fctige B\u00fcrger, die, wie man so gut sagt, mit beiden Beinen im Leben stehen. Und diese Beine, so d\u00fcnn sie auch geworden waren durch die Hungerkuren nach 1945, sind l\u00e4ngst wieder die starken S\u00e4ulen, auf denen ein massiger K\u00f6rper aufruhen kann. Wenn wir auch nicht zu den B\u00e4rten der V\u00e4ter vor 1914 zur\u00fcckgekehrt sind, zu ihren B\u00e4uchen haben wir zur\u00fcckgefunden. Und es ist unter uns keiner, der nicht seinen Mann im Leben zu stehen w\u00fcsste. Und darauf kommt es schlie\u00dflich an, das ist das entscheidende Kriterium: kirchentreu und lebensstark.<\/p>\n<p>Wenn wir, wie manche sagen, im \u00fcbrigen so tun, als ob nichts gewesen w\u00e4re, so sind wir dazu durchaus berechtigt. Wir sind doch eigentlich nie richtige Nazis gewesen. Auch wer in der Partei war, war stets auch in der Kirche. Und wer sich von gewissen exponierten Kirchen\u00e4mtern zur\u00fcckzog, der tat es doch nur, um seine katholische Beamtenposition nicht f\u00fcr einen Ketzer oder gar Atheisten frei zu machen. Der Pater Direktor unseres katholischen Gymnasiums ist nur aus taktischen Gr\u00fcnden Pegeh [NSDAP-Parteigenosse] geworden, und der Gerichtsdirektor hat nur darum den Vorsitz im Kirchenvorstand f\u00fcr die Zeit des tausendj\u00e4hrigen Reiches niedergelegt, damit er weiter christkatholisch rechtsprechen konnte. Mit der Seele und dem Glauben hatte das alles gar nichts zu tun, weshalb wir nach 1945 gar keine Notiz mehr davon genommen haben. \u201eAls ob\u201c diese taktischen Man\u00f6ver der Klugheit von irgendeiner Bedeutung sein k\u00f6nnten! Wir haben sie hinter uns geworfen und wollen auch nicht, dass dar\u00fcber noch geredet wird &#8230;<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meschede. (pm) Vor einem halben Jahrhundert starb im Sauerland der Publizist Georg D. 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