{"id":37291,"date":"2017-02-15T19:55:43","date_gmt":"2017-02-15T18:55:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=37291"},"modified":"2017-02-15T20:04:37","modified_gmt":"2017-02-15T19:04:37","slug":"jahrbuch-fuer-paedagogik-2015-inklusion-als-ideologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/jahrbuch-fuer-paedagogik-2015-inklusion-als-ideologie\/","title":{"rendered":"JAHRBUCH f\u00fcr P\u00c4DAGOGIK 2015 &#8211; Inklusion als Ideologie?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_37293\" aria-describedby=\"caption-attachment-37293\" style=\"width: 751px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-37293\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/GEW163Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"751\" height=\"890\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/GEW163Cover.jpg 751w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/GEW163Cover-253x300.jpg 253w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-37293\" class=\"wp-caption-text\">Titelseite der GE-W163 &#8211; Zeitung f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten an Schulen in Gelsenkirchen und Gladbeck. (screenshot)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Seit einigen Jahren beherrscht das Thema Inklusion Land auf \u2013 Land ab die bildungspolitische Diskussion in der Gewerkschaft, in den Parteien, in den Lehrerzimmern. Kritik, die in diesen Diskussionen laut wird, richtet sich zumeist gegen die fehlenden Ressourcen.<\/strong><\/p>\n<p><em>(Unser Autor Karl-Heinz Mrosek hat den Artikel zuerst in &#8222;GE-W163 &#8211; Zeitung f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten an Schulen in Gelsenkirchen und Gladbeck&#8220; ver\u00f6ffentlicht.)<\/em><\/p>\n<p>Da beklagen sich Kommunen, dass sie die zus\u00e4tzlichen Kosten nicht schultern k\u00f6nnen, da melden sich Lehrerinnen und Lehrer zu Wort, die auf die gro\u00dfe Belastung im Unterricht hinweisen, die sie nun zus\u00e4tzlich zu leisten haben.<\/p>\n<p>Dabei ger\u00e4t die wissenschaftliche Diskussion zu dieser Frage in den Hintergrund. Ich hatte in unserer <a href=\"http:\/\/www3.gew-nrw.de\/uploads\/media\/GEW_156_0.pdf\" target=\"_blank\">GEW-Zeitung zuletzt im August 2013 (dort S. 5-7)<\/a> auf den Aufsatz von Professor R. Dollase \u201eGrenzen der Inklusion\u201c hingewiesen.<\/p>\n<p><strong>JAHRBUCH f\u00fcr P\u00c4DAGOGIK 2015<\/strong><\/p>\n<p>Nun fiel mir das JAHRBUCH f\u00fcr P\u00c4DAGOGIK 2015 in die H\u00e4nde.<\/p>\n<p><strong>Titel: Inklusion als Ideologie.<\/strong> Auf 351 Seiten finden wir eine Sammlung von Aufs\u00e4tzen, die sich aus wissenschaftlicher Sicht kritisch mit der \u201eInklusionsbewegung\u201c auseinandersetzt.<\/p>\n<p>So schreiben die Herausgeber Sven Kluge, Andrea Liesner und Edgar Wei\u00df im Editioral:<\/p>\n<ul>\n<li>\u00a0\u2026\u201enichts desto weniger l\u00e4sst die aktuelle Inklusionsrhetorik vermuten, dass durch sie die Umsetzung emanzipatorischer Anliegen de facto erschwert wird, \u2026\u201c<\/li>\n<li>\u00a0\u2026\u201edie inklusionsp\u00e4dagogischen Konzepte weisen Widerspr\u00fcche auf, die durch die offizielle Inklusionsrhetorik allenfalls vernebelt werden. Die f\u00fcr die Inklusionsp\u00e4dagogik charakteristischen Forderungen nach \u201aIndividualisierung\u2018 und \u201aHeterogenit\u00e4tssensibilit\u00e4t\u2018 werden vor dem Hintergrund gleichzeitiger Standardisierung und der uneingeschr\u00e4nkten Akzeptanz der Selektionsfunktion der Schule faktisch zur Farce.\u201c<\/li>\n<li>\u00a0\u201eDie Tatsache, dass sich Inklusion hervorragend zum neoliberalen Sparmodell eignet, bzw. die Einebnung spezifischer F\u00f6rdereinrichtungen und die umstandslose \u00dcberantwortung deren vormaliger Aufgaben an die Regelschulen kostensparend ist, ist geeignet, die humanit\u00e4ren Anspr\u00fcche der Inklusionsp\u00e4dagogik als fragw\u00fcrdig erscheinen zu lassen.\u201c Die Inklusionsdebatte stilisiert die Inklusion und problematisiert sie im Sinne einer Allumfassungs-Illusion und zum vermeintlichen Wert an sich.<\/li>\n<li>\u00a0\u201eDie Debatte \u00fcber Inklusion (w\u00fcrde) im Mainstream auf wenig mehr hinauslaufen, als die Einpassung in das bestehende System bis an die Grenze der Zumutbarkeit f\u00fcr alle Beteiligten.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Auch Karl-Heinz Dammer ist mit einem Aufsatz vertreten:<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eGegens\u00e4tze ziehen sich an \u2013 Gemeinsamkeiten zwischen Inklusion und Neoliberalismus\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Einen Absatz \u00fcberschreibt er mit \u201e<strong><em>Das Hochamt des Individuums<\/em><\/strong>\u201c.<\/p>\n<p>Er spricht von der \u201eneuen Lernkultur\u201c und formuliert dann wie folgt, dass dieser Erziehungsversuch \u2013 sei es schulisch oder durch fl\u00e4chendeckende Propaganda \u2013 Fr\u00fcchte tr\u00e4gt belegt u. a. die \u201eOptimized-Self\u201c-Bewegung derer, die ihren Lebenswandel in m\u00f6glichst jeder Hinsicht selbst digital kontrollieren, um \u201eoptimal aufgestellt\u201c zu sein.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, wie bunt Inklusion ihre rhetorischen Girlanden um das Individuum flechten mag, ist sie im Rahmen \u201eneuer Lernkultur\u201c, vorsichtig formuliert, dazu angetan, eben dieses Individuum auf Linie zu bringen.<\/p>\n<p>Sie leistet damit f\u00fcr die Formierung des \u201eunternehmerischen Selbst\u201c mindestens genauso viel, wenn nicht mehr, als die standardisierte Kompetenzmessung, denn diese kann nur den Grad der Erf\u00fcllung bestimmter Vorgaben zu Protokoll geben, w\u00e4hrend die \u201eneue Lernkultur\u201c bei der Ver\u00e4nderung der Individuen selbst ansetzt.<\/p>\n<p>PISA dient dazu, von au\u00dfen k\u00fcnstliche Wettbewerbe (vgl. Binswanger 2010) zu inszenieren und damit das Bildungssystem als Ganzes im Sinne neoliberaler Dauerreform zu mobilisieren, dies kann aber langfristig nur dann gelingen, wenn gleichzeitig auch die einzelnen Menschen durch Erziehung zur Selbststeuerung mobilisiert werden. Knapp gesagt: Die von Foucault vorgedachte und von Deleuze so bezeichnete \u201eKontrollgesellschaft \u201c, in der Fremdbestimmung sich als Selbstbestimmung artikuliert, braucht Inklusion, was vielleicht auch erkl\u00e4ren mag, warum ein theoretisch so schwach begr\u00fcndeter Begriff wie \u201eInklusion\u201c in, verglichen mit fr\u00fcheren Bildungsreformprozessen, atemberaubender Geschwindigkeit und Betriebsamkeit in die Praxis umgesetzt wird.<\/p>\n<p><strong>Zum Schluss noch eine Leseprobe aus dem Aufsatz von Edgar Wei\u00df: <\/strong><\/p>\n<p><strong>Inklusionsideologie und p\u00e4dagogische Realit\u00e4t. <\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Vor allem aber ist es f\u00fcr die Inklusionsp\u00e4dagogik kennzeichnend, dass sie die Einsicht: \u201eDie Gesellschaft , die Ausgrenzung bewirkt, muss selbst ver\u00e4ndert werden, wenn denn Ausgrenzung \u00fcberwunden werden soll\u201c (Kronauer 2010, S. 134) unbeachtet l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Umstand, dass soziale Asymmetrien, damit immer auch Formen sozialer Exklusion, dem Kapitalismus wesensgem\u00e4\u00df sind und dass sozialstrukturell bzw. klassen- und schichtenbedingte Ungleichheiten nicht durch inklusionsp\u00e4dagogische Innovationen \u00fcberwunden werden, bleibt zugunsten idealistischer Appelle unreflektiert. Unreflektiert bleibt damit zugleich, dass idealistische Inklusionsp\u00e4dagogik mit den kapitalistischen Bedingungen nicht nur kompatibel bleibt (vgl. Dammer 2011, S. 27; Bernhard 2012, S. 344 ff .), sondern f\u00fcr deren Verschleierung geradezu in Dienst genommen werden kann.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass der neoliberale Kapitalismus sich die \u201eHeterogenit\u00e4t als Chance\u201c-Konjunktur im Zuge von \u201eManagement Diversity\u201c zunutze macht (vgl. Stroot 2007), der Bertelsmann-Konzern \u201eInklusion\u201c \u201ezu seinem Anliegen\u201c erhoben hat (Bernhard 2012, S. 346) und die Vereinbarkeit der Inklusionsp\u00e4dagogik mit der schulischen Selektionsfunktion betont wird, die eben zum \u201emarktwirtschaftlich-demokratischen System\u201c geh\u00f6re, \u201edas in partiell hierarchische Organisationen strukturiert ist\u201c (Prengel 2011, S. 38).<\/p>\n<p>Darauf, dass die popul\u00e4r gewordene Inklusionsrhetorik unter dem Anspruch der Menschenfreundlichkeit eine wenig menschenfreundlich beschaffene Realit\u00e4t ideologisch kaschiert, verweisen verschiedene Fakten.<\/p>\n<p>Angesichts des Umstandes, dass die bestm\u00f6gliche F\u00f6rderung besonders F\u00f6rderbed\u00fcrftiger durch inklusive Schulen deren \u2013 sich faktisch keineswegs abzeichnende \u2013 bessere Ausstattung mit den erforderlichen Ressourcen erforderte, l\u00e4sst sich der bildungspolitisch verf\u00fcgte Inklusionszwang als Versuch begreifen, \u201edie Austerit\u00e4tspolitik im Bildungsbereich unter einem humanen Deckmantel fortzuf\u00fchren\u201c (Bernhard 2012, S. 348).<\/p>\n<p>Mithin verschleiert die inklusionskonstitutive Individualisierungs-Euphorie die Tatsache, dass sich das ihr zugrunde liegende Begriffsverst\u00e4ndnis einer bestimmten semantischen Zurichtung bedient.<\/p>\n<p>Individualisierung ist insoweit ein \u201ewiderspr\u00fcchlicher Proze\u00df der Vergesellschaftung\u201c, als sie nicht nur den emanzipatorischen Auf- und Ausbruch aus traditionellen Gegebenheiten bedeuten kann, sondern auch den Umstand benennt, dass Menschen heute \u201everst\u00e4rkt auf sich selbst und ihr individuelles Arbeitsmarktschicksal mit allen Risiken, Chancen und Widerspr\u00fcchen verwiesen\u201c sind (Beck 1986, S. 119, 116).<\/p>\n<p>Individualisierung hei\u00dft insofern, dass Systemprobleme \u201ein pers\u00f6nliches Versagen abgewandelt\u201c werden (ebd., S. 118).<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<figure id=\"attachment_37292\" aria-describedby=\"caption-attachment-37292\" style=\"width: 535px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-37292 size-full\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/JahrbuchPaedagogik2015.jpg\" alt=\"Das Buch ist erschienen bei PETER LANG, Edition. Es kostet 20,00 \u20ac, die sich lohnen. F\u00fcr Studenten und Referendare besteht auch die M\u00f6glichkeit, dieses Buch beim Stadtverband Gelsenkirchen der GEW auszuleihen.\" width=\"535\" height=\"653\" srcset=\"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/JahrbuchPaedagogik2015.jpg 535w, https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/JahrbuchPaedagogik2015-246x300.jpg 246w\" sizes=\"auto, (max-width: 535px) 85vw, 535px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-37292\" class=\"wp-caption-text\">Das Jahrbuch ist erschienen bei PETER LANG, Edition. Es kostet 20,00 \u20ac, die sich lohnen. 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