{"id":36303,"date":"2016-10-07T20:29:27","date_gmt":"2016-10-07T19:29:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/?p=36303"},"modified":"2016-10-07T20:29:27","modified_gmt":"2016-10-07T19:29:27","slug":"vettern-in-aemtern-wie-eine-kommunale-software-firma-deutsche-verwaltungen-verfilzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/vettern-in-aemtern-wie-eine-kommunale-software-firma-deutsche-verwaltungen-verfilzt\/","title":{"rendered":"Vettern in \u00c4mtern: Wie eine kommunale Software-Firma deutsche Verwaltungen verfilzt"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_36304\" aria-describedby=\"caption-attachment-36304\" style=\"width: 700px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-36304\" src=\"http:\/\/www.schiebener.net\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/prosoz20161007.jpg\" alt=\"Das kommunale Unternehmen Prosoz Herten verkauft Software an deutsche Beh\u00f6rden. 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Die Firma ist inzwischen Marktf\u00fchrer in Deutschland. Doch ihre Methoden sind zweifelhaft. Denn Prosoz bezahlt Verwaltungsmitarbeiter daf\u00fcr, dass sie ihre Software teste. Das riecht nach Korruption.<\/strong><\/p>\n<p><em>Autor: Benedict Wermter \/ <a href=\"http:\/\/correctiv.org\" target=\"_blank\">correctiv.org<\/a><\/em><\/p>\n<p>Auch in Beh\u00f6rden wird spezielle Software gebraucht. Programme, mit denen die Beamten Bauantr\u00e4ge bearbeiten oder Zahlungen an Arbeitslose und Jugendliche verwalten. Angeboten wird solche Software etwa von der Firma <a href=\"http:\/\/www.prosoz.de\/startseite.html\" target=\"_blank\">Prosoz<\/a>, die der Stadt Herten in NRW geh\u00f6rt. Prosoz ist Marktf\u00fchrer im Millionengesch\u00e4ft mit kommunaler Soaftware. Aber Prosoz spielt nicht fair: Der Erfolg basiert nach CORRECTIV-Recherchen auch auf unlauteren Methoden.<\/p>\n<p>Seit Jahren bezahlt Prosoz quer durch deutsche St\u00e4dte und Kreise \u201efreie Mitarbeiter\u201c in Beh\u00f6rden. Die Beh\u00f6rden sind gleichzeitig Kunden von Prosoz. Die Verwaltungsmitarbeiter in den Beh\u00f6rden testen offiziell nebenbei neue Software-Versionen oder bilden die Kollegen in \u00c4mtern fort. Prosoz sagt, so k\u00f6nne man zeitnah auf Kundenw\u00fcnsche reagieren.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich k\u00f6nnte die enge Bindung an Prosoz daf\u00fcr sorgen, dass im jeweiligen Amt weiterhin Prosoz-Lizenzen genutzt werden. Oder dass Einfluss genommen wird auf Ausschreibungen und Auftr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Das best\u00e4tigt ein ehemaliger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Prosoz. \u201eGanz wichtig f\u00fcr neue Auftr\u00e4ge oder fortlaufende Vertr\u00e4ge ist die Stimmung in den Kommunen\u201c, sagt der Mann, der anonym bleiben will.\u00a0Prosoz habe ihm gedroht, falls er mit uns spricht. Der ehemalige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Prosoz sagt, wenn die Stimmung gut sei, dann w\u00fcrden die Beh\u00f6rdenmitarbeiter Ausschreibungen so spezifisch formulieren, dass nur Prosoz sie erf\u00fcllen kann. Offiziell geht dann alles mit rechten Dingen zu.<\/p>\n<p>Wenn das wirklich so l\u00e4uft, k\u00f6nnte man das Honorar, das Prosoz an Verwaltungsmitarbeiter zahlt als Gef\u00e4lligkeit werten. Als fl\u00e4chendeckende Landschaftspflege im ganzen Bundesgebiet, um auch k\u00fcnftig Auftr\u00e4ge zu erhalten. Oder ganz einfach als Korruption. Aber als Korruption, die nur schwer nachzuweisen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Prosoz sagt, jeder Verdacht auf Korruption sei \u201e<a href=\"http:\/\/www.prosoz.de\/fileadmin\/topthemen\/Dokumente\/Pressemitteilung_PROSOZ_Revision.pdf\" target=\"_blank\">unbegr\u00fcndet<\/a>\u201c. Die \u201efreien Mitarbeiter\u201c w\u00fcrden wichtige Arbeiten erf\u00fcllen. Ihre Auswahl erfolge \u201eausschlie\u00dflich anhand fachlicher Kriterien\u201c.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnf Beispiele<\/strong><\/p>\n<p>Ist das so? Wir schauen uns f\u00fcnf Beispiele an, um herauszufinden, was tats\u00e4chlich passiert.<\/p>\n<p>1. Beispiel: Im Arbeits- und Sozialamt des Landkreises Wolfenb\u00fcttel hat die EDV-Chefin seit mindestens 2011 einen Vertrag mit Prosoz. Erst in diesem Jahr wurde in ihrem Amt ein Auftrag vergeben an: Prosoz. \u201eNat\u00fcrlich\u201c habe die Systemverantwortliche an der Ausschreibung mitgewirkt, best\u00e4tigt ein Sprecher des Landkreises. \u201eDie Festlegung der Auswertungskriterien und der abschlie\u00dfende Vergabevorschlag erfolgten jedoch durch die Leitungsebene\u201c, teilt der Sprecher mit.<\/p>\n<p>2. Beispiel: Das Arbeitsamt des Kreises Darmstadt-Dieburg brauchte 2011 eine neue Software. Ausgerechnet der Kollege, der die Software betreute, war nebenberuflich im selben Jahr als \u201eTester\u201c f\u00fcr Prosoz t\u00e4tig. Den Auftrag erhielt dann im Jahr 2012 \u2013 Prosoz. Ein Sprecher des Amtes best\u00e4tigt: Der Mann habe sp\u00e4ter an weiteren Lizenzbeschaffungen mitgewirkt. Dem Beh\u00f6rdensprecher ist wichtig, dass die \u201eNebent\u00e4tigkeit transparent war\u201c, der Kollege habe \u201enie abschlie\u00dfend entscheiden d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n<p>3. Beispiel: Im Ennepe-Ruhr-Kreis stellte das Sozialamt 2013 um auf neue Prosoz-Programme \u2013 und hatte den Auftrag zuvor nicht ausgeschrieben. Die Leiterin der Sachbearbeitung war zwei Jahre zuvor nebenberuflich f\u00fcr Prosoz t\u00e4tig.<\/p>\n<p>4. Beispiel: Im Harz-Kreis waren nach CORRECTIV-Recherchen zwischen 2011 und 2015 gleich drei Mitarbeiter nebenher f\u00fcr Prosoz t\u00e4tig: Ein Verwaltungsmitarbeiter im Bauamt und zwei IT-Kr\u00e4fte aus dem Jobcenter. In 2013 wurde in der Bauverwaltung ein Zusatzmodul f\u00fcr Brandschutz ohne Ausschreibung an Prosoz vergeben. Im gleichen Jahr wurde im Jobcenter ein Auftrag an Prosoz vergeben, der wurde ausgeschrieben. Auch hier sagt ein Sprecher: Alles sei legal gewesen, die drei Mitarbeiter seien bei den Verfahren nicht eingebunden gewesen.<\/p>\n<p>5. Beispiel: Im Kreis Oberhavel habe man einen Mitarbeiter der \u00d6ffentlichen Hand bezahlt, sagt Prosoz \u2013 der Kreis best\u00e4tigt uns gegen\u00fcber, dass sechs Verwaltungsmitarbeiter in den Jahren 2011 bis 2015 Nebeneink\u00fcnfte von Prosoz erhalten hatten. In welchen Fachbereichen diese seit wann arbeiten, will der Kreis uns nicht verraten. Nur SOVIEL:\u00a0sie seien keine IT-Kr\u00e4fte und keine Entscheidungstr\u00e4ger. Immerhin wurden seit 2011 Auftr\u00e4ge im Wert von 320.000 Euro an Prosoz vergeben, darunter ein Systemwechsel in 2011. Der Kreis legt Wert darauf, dass alle Nebent\u00e4tigkeiten genehmigt worden seien.<\/p>\n<p>Interessant ist auch, dass Prosoz au\u00dferdem Mitarbeiter in Rechenzentren bezahlt. Das sind kommunal getragene Zentren, die Daten f\u00fcr Kreise und St\u00e4dte verarbeiten \u2013 die auch Auftr\u00e4ge ausschreiben und Software beschaffen. Gro\u00dfe Rechenzentren sind \u201eEkom21\u201c in Hessen und \u201eDataport Altenholz\u201c in Norddeutschland, das gleich f\u00fcr mehrere Bundesl\u00e4nder rechnet.<\/p>\n<p>In beiden Rechenzentren waren Besch\u00e4ftigte gleichzeitig freie Mitarbeiter von Prosoz und erhielten Geld von der Software-Firma.<\/p>\n<p><strong>850.000 Euro f\u00fcr \u00fcber 120 Beh\u00f6rden-Mitarbeiter<\/strong><\/p>\n<p>Das waren nur f\u00fcnf Beispiele von 104. In 104 Kommunen in Deutschland hat Prosoz freie Mitarbeiter unter Vertrag genommen, allein zwischen\u00a02011 und 2015. F\u00fcr diese Jahre liegen uns die Daten vor. CORRECTIV hat diese Daten vor Gericht erstreiten m\u00fcssen, <a href=\"https:\/\/correctiv.org\/blog\/auskunftsrechte\/artikel\/2016\/08\/25\/erfolg-dank-auskunftsrecht-prosoz-redet\/\" target=\"_blank\">in einem Verfahren, das sich \u00fcber fast zwei Jahre und durch zwei Instanzen zog<\/a>.<\/p>\n<p>Alle 104 Beh\u00f6rden haben wir daraufhin angeschrieben, um zu sehen, wie die Beh\u00f6rden die anr\u00fcchige Praxis rechtfertigen. Einige Beh\u00f6rden antworteten gar nicht, halbherzig oder mauerten. Drei Viertel der Pressestellen antworteten ausf\u00fchrlich. Sie sagten beinahe unisono: Alles sei mit rechten Dingen zugegangen. Die Mitarbeiter mit Prosoz-Nebenjob seien keine Entscheidungstr\u00e4ger bei Vergaben. Die Vergabestellen seien verantwortlich.<\/p>\n<p>Formal mag das stimmen. Doch viele, die von Prosoz Geld erhalten hatten, leiten IT-Abteilungen oder Sachgebiete. Wird \u00fcber neue Software entschieden \u2013 fragt man dann nicht die Kollegen in der IT-Abteilung? Und wie k\u00f6nnen die neutral sein, wenn sie gleichzeitig von Prosoz ein Honorar erhalten?<\/p>\n<p>Ein Zubrot, f\u00fcr das Prosoz in den Jahren 2011 bis 2015 insgesamt fast 850.000 Euro ausgegeben hat. In einigen St\u00e4dten wie Wiesbaden hat Prosoz bis zu neun verschiedene Verwaltungsmitarbeiter unter Vertrag genommen. Einige Mitarbeiter dort bekamen f\u00fcr ihren Nebenjob bei Prosoz \u00fcber 2500 Euro im Jahr. Es sieht so aus, als habe Prosoz bundesweit die EDV-Landschaft gepflegt.<\/p>\n<p>Prosoz und seine Kunden verweisen bei den Nebent\u00e4tigkeiten von Mitarbeitern darauf, dass Nebent\u00e4tigkeiten angezeigt oder genehmigt wurden. Je nach Art der T\u00e4tigkeit und Status des Verwaltungsmitarbeiters als Beamter oder \u00f6ffentlich Besch\u00e4ftigter m\u00fcssen Nebent\u00e4tigkeiten angezeigt, bei Beamten genehmigt werden.<\/p>\n<p>Doch nicht immer haben die Verwaltungsmitarbeiter ihren Nebenjob gemeldet. Die Stadt Herne und der Kreis Dahme-Spreewald sagen beispielsweise, in ihren Reihen gebe es keine Mitarbeiter mit Nebenjob bei Prosoz. Doch Prosoz selbst gibt an, in Herne und\u00a0Dahme-Spreewald Verwaltungsmitarbeiter zu bezahlen.<br \/>\nUnd auch dort wurden Auftr\u00e4ge an Prosoz vergeben.<\/p>\n<p><strong>Prosoz verteidigt sich<\/strong><\/p>\n<p>Eine Sprecherin von Prosoz verteidigt die Praxis \u2013 der Einsatz von Kunden-Mitarbeitern sei branchen\u00fcblich. Aber das stimmt wohl nicht so ganz. Derlei Vertr\u00e4ge \u201esind uns nicht bekannt\u201c, sagt eine Sprecherin des Software-Riesen SAP. Die AKDB in Bayern ist ein wie Prosoz kommunal getragenes Software-Unternehmen. Ihr Sprecher sagt, Schulungen w\u00fcrden nahezu ausschlie\u00dflich mit eigenen Dozenten durchgef\u00fchrt und Mitarbeiter aus Kommunalverwaltungen nur in\u00a0 Notf\u00e4llen eingesetzt.<br \/>\nUnd auch die direkten Prosoz-Konkurrenten \u2013\u00a0 mittelst\u00e4ndische Firmen wie die Prosozial GmbH, Boll und Partner Software oder die L\u00e4mmerzahl GmbH \u2013 verteilen keine Honorare in den Amtsstuben, sagen sie. Sondern entsenden f\u00fcr Schulungen eigene Experten in die Beh\u00f6rden. Und preisen diese Dienste in ihre Kosten ein.<\/p>\n<p>Anders als Prosoz: \u201eDie Kommunen erstatten Prosoz die Kosten, die f\u00fcr den Lehrer entstanden sind. Und Prosoz verdient nat\u00fcrlich auch so noch was da dran\u201c, sagt ein Mitarbeiter des Jobcenters D\u00fcren, der bei Prosoz genau wie seine Ehefrau auf der Gehaltsliste steht. In D\u00fcren sind bis zu drei Verwaltungsmitarbeiter aus Jobcenter und IT pro Jahr f\u00fcr Prosoz im Einsatz. \u00dcber eine m\u00f6gliche Interessen-Kollision bei Vergaben und Lizenzerweiterungen sagt der Mann, \u201edie Verpflichtung pr\u00e4gt schon.\u201c<\/p>\n<p><strong>Konkurrenten beklagen den unlauteren Wettbewerb<\/strong><\/p>\n<p>J\u00fcrgen L\u00e4mmerzahl \u2013 Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der L\u00e4mmerzahl GmbH aus Dortmund \u2013 hat oft Angebote in Kommunen abgegeben und dann gegen Prosoz verloren. Er hat etwa in Wolfenb\u00fcttel mitgeboten \u2013 siehe Beispiel eins. In anderen F\u00e4llen wurde der Auftrag erst gar nicht ausgeschrieben. Und wenn J\u00fcrgen L\u00e4mmerzahl sich dann beklagte und eine Ausschreibung nachtr\u00e4glich durchsetzte, sei die so spezifisch, so unerf\u00fcllbar f\u00fcr ihn formuliert gewesen, dass am Ende Prosoz den Zuschlag bekam. So wie in Darmstadt-Dieburg im Jahr 2011 \u2013 siehe Beispiel zwei.<\/p>\n<p>\u201eDurch Abh\u00e4ngigkeiten werden objektive Entscheidungen in den Kommunen nicht mehr getroffen\u201c, klagt J\u00fcrgen L\u00e4mmerzahl. Es gebe etliche Kommunen, die von vornherein ablehnend auf seine Angebote reagierten.<\/p>\n<p>Das best\u00e4tigt Stephan Idel, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Prosozial GmbH, ebenfalls ein Anbieter von \u00c4mter-Software. Er hat beispielsweise mitgeboten im Landkreis Harz \u2013 siehe Beispiel vier. \u201eEine Woche war ich mit f\u00fcnf Mitarbeitern vor Ort, um Verwaltungsmitarbeiter dort mein System ausprobieren zu lassen\u201c, sagt er. Rund 60.000 Euro habe er ausgegeben, um an der Ausschreibung teilzunehmen. IT-Kr\u00e4fte aus dem Jobcenter habe er als wortkarg, abweisend und nicht ergebnisoffen wahrgenommen.<\/p>\n<p>\u201eDie Praxis der Honorar-Vertr\u00e4ge geht zu Lasten des fairen Wettbewerbs\u201c, sagt Stephan Idel. Er habe schon Verwaltungsmitarbeiter mit Nebenjob erlebt, die wie Vertreiber in Kommunen f\u00fcr Prosoz-Produkte warben. Und ehemalige Prosoz-Dozenten h\u00e4tten ihn gefragt, ob er sie auch bezahlen w\u00fcrde. Gebote von der Konkurrenz seien bei Ausschreibungen an Prosoz weitergeben, oder Wettbewerber gar nicht erst \u00fcber Ausschreibungen informiert worden.<\/p>\n<p>Auch Franz-Josef Boll, der mit seiner Firma Boll und Partner Software Anwendungen f\u00fcr Bau\u00e4mter herstellt, klagt \u00fcber den unfairen Wettbewerb. \u201eMit Prosoz habe auch ich seit 25 Jahren nur Probleme\u201c, sagt er. Ausschreibungen aus heiterem Himmel, das Dr\u00e4ngen von Prosoz, auf die eigene Software umzusteigen, vor allem aber die Dozentenvertr\u00e4ge \u2013 inzwischen hat Boll \u00fcber einen Anwalt gegen Prosoz Anzeige erstattet. Wegen Vorteilsnahme und -gew\u00e4hrung.<\/p>\n<p>Ist die Besch\u00e4ftigung von Mitarbeitern eigener Kunden regelkonform? Olaf Reidt, Experte f\u00fcr Vergaberecht an der Humboldt-Uni in Berlin, stellt fest: \u201eEs ist nach dem Vergaberecht nicht zul\u00e4ssig, dass man an beiden Seiten des Verhandlungstisches sitzt.\u201c Es sei denn, man k\u00f6nne einen Interessenkonflikt ausschlie\u00dfen, indem man \u201eentsprechende Mitarbeiter aus dem Verfahren nimmt.\u201c Eine Gratwanderung also.<\/p>\n<p>Der Sprecher des Vereins mittelst\u00e4ndischer IT-Dienstleister \u201eDatabund\u201c sagt: \u201eDie geschilderte Praxis ist durchaus zu kritisieren. Die Kommunen sollten das untereinander ausmachen, oder die Unternehmen bieten Schulungen und Dozenten selber an.\u201c<\/p>\n<p><strong>Prosoz und der Filz<\/strong><\/p>\n<p>Der Chef der Firma Prosozial, Stephan Idel, wiederholt wie ein Mantra, der Markt werde \u201evon einem Geflecht aus Politik und Wirtschaft kontrolliert\u201c. Was er damit meinen k\u00f6nnte, zeichnet sich in der Geschichte der Firma Prosoz ab.<\/p>\n<p>Herten im Norden des Ruhrgebiets: Hier sitzt Prosoz mit \u00fcber 280 Mitarbeitern, die durch Entwicklung, Vertrieb und Pflege von Software knapp 27 Millionen Euro im vergangenen Jahr umsetzten. Der Firma \u2013 die zu 100 Prozent der Stadt Herten geh\u00f6rt \u2013 geht es gut.<\/p>\n<p>F\u00fcr Prosoz waren die Jahre der Wiedervereinigung goldene Jahre. Damals regierte Klaus Bechtel (SPD) als B\u00fcrgermeister Herten \u2013 und war zugleich Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Prosoz. Er sei mit einem Omnibus durch die neuen Bundesl\u00e4nder gefahren und habe den Beh\u00f6rden Prosoz-Produkte angedreht, berichtet ein Insider*. So verdiente sich Bechtel einen Ruf als \u201eK\u00f6nig von Herten\u201c und baute sich ein Netzwerk quer durch die Republik auf. Nicht selten seien Auftr\u00e4ge nicht durch Gebote gewonnen worden, sondern durch Telefonate mit befreundeten SPD-B\u00fcrgermeistern, sagt der Insider.<\/p>\n<p>Doch Anfang der Nuller-Jahre verhob sich Prosoz. Die Hartz-Reformen standen an, zusammen mit der Telekom-Tochter T-Systems wollte Prosoz eine neue Software f\u00fcr die Arbeits\u00e4mter produzieren. Doch das Produkt kam und kam nicht auf die Schiene. Prosoz verzettelte sich und konnte nicht liefern, stand kurz vor der Insolvenz. Fast pleite verkaufte die st\u00e4dtische Firma ihre Hartz-Software an die Telekom, die wohl nicht wollte, dass Konkurrent Siemens einsteigt. Prosoz war gerettet. Doch der \u201eK\u00f6nig von Herten\u201c, B\u00fcrgermeister Klaus Bechtel, \u00fcberlebte die Krise nicht \u2013 er starb im Jahr 2004 an einem Herzinfarkt.<\/p>\n<p>Aber sein Netzwerk lebt: Bis heute ist Prosoz aufs Engste mit der \u00f6rtlichen SPD verbunden. Ulrich Paetzel, Bechtels Nachfolger als B\u00fcrgermeister, war zuvor als PR-Manager bei Prosoz anstellt. Cay S\u00fcberkr\u00fcb, ein ehemaliger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Prosoz, ist heute f\u00fcr die SPD Landrat im Kreis Recklinghausen. Im Aufsichtsrat von Prosoz sa\u00dfen in den vergangenen Jahren viele SPD-Mitglieder, darunter wohl auch Hausfrauen und Heilpraktikerinnen. Ein kritisches Mitglied im Aufsichtsrat* erinnert sich an die Sitzungen: \u201eWer den Mund voll Essen hat, kann nicht viel reden.\u201c<\/p>\n<p>Linke und FDP beklagen den Filz in der Stadt Herten und dar\u00fcber hinaus seit langem. Martina Ruhardt ist bei den Linken im Kreis Recklinghausen, zu dem Herten geh\u00f6rt. Sie sagt: \u201eSPD-gef\u00fchrte Kommunen sind geneigt, Auftr\u00e4ge an Prosoz zu vergeben.\u201c<\/p>\n<p>In diesem Sommer wurde schlie\u00dflich ein neuer B\u00fcrgermeister in Herten gew\u00e4hlt. Und ein kleines Wunder ist geschehen: Zum ersten Mal seit 69 Jahren gewann nicht ein SPD-Mann, sondern ein Parteiloser. Er hei\u00dft Fred Toplak, und er war angetreten mit dem Motto: \u201eStoppt den Filz.\u201c<\/p>\n<p>*Namen sind der Redaktion bekannt<\/p>\n<p><strong>Epilog:<\/strong><\/p>\n<p>Der Antikorruptionsbeauftragte der Stadt Herten, Matthias Steck, wollte auf Anfrage von CORRECTIV nicht so recht nachforschen in Sachen Prosoz. In einer Email an die Pressestelle der Stadt Herten, die CORRECTIV vorliegt und die sich auf unseren hartn\u00e4ckige Reporter bezieht, ist zu lesen: \u201eWir werden ihn nicht so leicht los {\u2026}. Ich denke, wir sollten insbesondere allm\u00e4hlich Prosoz informieren.\u201c<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Benedict Wermter ist Redakteur des Recherchezentrums CORRECTIV.RUHR Die Redaktion finanziert sich ausschlie\u00dflich \u00fcber Spenden und Mitgliedsbeitr\u00e4ge. Ihr Anspruch: Missst\u00e4nde aufdecken und unvoreingenommen dar\u00fcber berichten. Wenn Sie CORRECTIV.RUHR unterst\u00fctzen m\u00f6chten, werden Sie F\u00f6rdermitglied. Informationen finden Sie unter <a href=\"https:\/\/correctiv.org\/blog\/ruhr\/\" target=\"_blank\">correctiv<\/a><a href=\"http:\/\/correctiv.us12.list-manage.com\/track\/click?u=74b23e1b0af8c36eb217e01c1&amp;id=d0ae8b68de&amp;e=b6a456296f\">.<\/a><a href=\"http:\/\/correctiv.us12.list-manage1.com\/track\/click?u=74b23e1b0af8c36eb217e01c1&amp;id=0663e2daa0&amp;e=b6a456296f\">ruhr<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das st\u00e4dtische Unternehmen Prosoz Herten verkauft Software an deutsche Beh\u00f6rden. Die Firma ist inzwischen Marktf\u00fchrer in Deutschland. Doch ihre Methoden sind zweifelhaft. 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